Willkommen im

Literaturland

Appenzell

Ein Ort für bestehende und entstehende Appenzeller Literatur, für literarische Überraschungen, den Austausch, das Lesen und Schreiben. Die Appenzeller Anthologie versammelt Texte von bekannten und unbekannten Autorinnen und Autoren, der Schreibwettbewerb sorgt für Nachwuchs – auf dass das Literaturland im Schweizer Osten weiter wachse und gedeihe. 

Lesung
«Ich wäre überall
und nirgends»
Raum für Literatur
Hauptpost St.Gallen

13. Mrz2017

10 h

Buchpräsentation
«Ich wäre überall
und nirgends»
Bibliothek Herisau

4. Dez2016

17 h

Buchpräsentation
«Ich wäre überall
und nirgends»
Kleiner Ratssaal Appenzell

12. Nov2016

16 h

Der Preisträger des ersten Schreibwettbewerbs 2016 ist…

30. Mai2016

Diese Wörter liegen noch immer über der Landschaft.

— Aus Dorothee Elmigers Roman Einladung an die Waghalsigen, 2011

BLOG

4. Okt2016

Wie viel soll ich denken beim Schreiben um des Schreibens willen, denke ich, und dass ich das Denken nur ausschalten kann, wenn das Schreibtempo das Denktempo überholt. Das setzt langsames Denken voraus, was bei mir am besten frühmorgens klappt.

Dem Trick des gedankenlosen Schreibens bin ich in einem Schreibzirkel begegnet, in dem das Sprechen über Schreibblockaden ein grösseres Ausmass annahm als die Arbeit an Texten. Der Trick geht so: morgens eine Seite schreiben, bevor der erste Sprachkontakt stattgefunden hat. Automatisch, aus dem Nebel der Nacht fischend und motorisch nie innehaltend. Ich probierte die Sache aus und erfreute mich nach einiger Zeit an einem wachsenden Müllberg, den ich auf diese Weise produzierte. Abfälle, die ich in beliebig vielen Notizbüchern platzsparend horten konnte, ohne gleich als Messie zu gelten (das Schöne am Schreiben ist ja unter anderem, dass es keinen Dreck macht). Wenn ich später in den Notizen blätterte, entdeckte ich Dinge, die ohne grösseren Zusammenhang da herumstanden bzw. -lungerten, weil sie es nie in gestaltete Texte geschafft hatten: Zum Beispiel die Maus, die sich als Laborantin tarnt und Käseproben nimmt, oder die erkältete Alte mit den eingebundenen Waden und der rosa schimmernden Nasenwand, oder auch der lauernde Kater am Ufer, dort, wo Spielzeug angespült wird.

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Wie viel soll ich denken beim Schreiben um des Schreibens willen, denke ich, und dass ich das Denken nur ausschalten kann, wenn das Schreibtempo das Denktempo überholt. Das setzt langsames Denken voraus, was bei mir am besten frühmorgens klappt.

Dem Trick des gedankenlosen Schreibens bin ich in einem Schreibzirkel begegnet, in dem das Sprechen über Schreibblockaden ein grösseres Ausmass annahm als die Arbeit an Texten. Der Trick geht so: morgens eine Seite schreiben, bevor der erste Sprachkontakt stattgefunden hat. Automatisch, aus dem Nebel der Nacht fischend und motorisch nie innehaltend. Ich probierte die Sache aus und erfreute mich nach einiger Zeit an einem wachsenden Müllberg, den ich auf diese Weise produzierte. Abfälle, die ich in beliebig vielen Notizbüchern platzsparend horten konnte, ohne gleich als Messie zu gelten (das Schöne am Schreiben ist ja unter anderem, dass es keinen Dreck macht). Wenn ich später in den Notizen blätterte, entdeckte ich Dinge, die ohne grösseren Zusammenhang da herumstanden bzw. -lungerten, weil sie es nie in gestaltete Texte geschafft hatten: Zum Beispiel die Maus, die sich als Laborantin tarnt und Käseproben nimmt, oder die erkältete Alte mit den eingebundenen Waden und der rosa schimmernden Nasenwand, oder auch der lauernde Kater am Ufer, dort, wo Spielzeug angespült wird.

Die Bilder des Schlafs sind schwer zu fassen, verpuffen wie Luftwalzen und lassen die Nacht nur noch als Platzhalter zwischen zwei Tagen zurück. Indem ich mich frühmorgens in einem Zustand der Unvernunft mit einer logischen Handlung wie dem Schreiben überliste, bekomme ich Zugriff auf Schrägheiten, die ich im Tagesmodus nur schwer anzapfen könnte. Zum Beispiel auf den Gedanken, dass jemand eine Neurose gegen Hosen entwickeln könnte und sagt: „Hosen tun mir leid – Hosen müssen immer so nah am Arschloch vorbei.“ (Bei Tageslicht: unterste Schublade).

Oder das Geschäftsmodell des Terrorveranstalters: alles zynischer Müll, aber macht nichts, in der Morgenschreiberei ist alles locker übereinandergeworfen, ungeordnet und anspruchslos.

Und am Abend, nach all dem Sprachkontakt, nach der Teilnahme am Alltag, nach dem zielgerichteten Handeln, dem Tageswerk? Da kommt Winterschlafstimmung auf, die Lust, sich einzugraben mit Buchvorräten und zu lesen, sich zu erfreuen an den Gedanken, die jemand kunstvoll in Form und zu etwas Grösserem gebracht hat. (Dabei kann man sich auch einmal vorstellen, wie viel Energie, wie viele Zweifel und Abstriche und wie viele Schälchen mit Salzmandeln in dem stecken, was man sich gemütlich unter der Bettdecke reinzieht.) Beim Lesen, kurz vor der Kippe in den Schlaf, hauen manchmal die Gedanken ab ins Unkontrollierte und tauchen – vielleicht – in der Morgenschreibe wieder auf wie eine Forelle, der das Leben geschenkt wurde:

In einem Restaurant stand plötzlich Wasser bis auf halbe Tischhöhe. „Salzt das Wasser, damit keine Seuchen ausbrechen!“, rief jemand, und sofort griffen alle zu den Salzstreuern.

Nur einer mahnte zur Ruhe:„Wartet damit, bis mein Fisch weg ist.“

Er nahm seine Forelle vom Teller, setzte sie neben sich ins Wasser und schaute, wie sie wegschwamm, zur Türe hinaus.

 

– Eva Roth

 

Appenzeller Anthologie

Autorinnen / Autoren

Allemann, Fritz René

Allmen, Ursula von

Worte sind ohnmächtig

‹Schmerz› ist ein unpräziser Begriff, sagt nichts aus über seine Heftigkeit oder Dauer. Dazu bräuchte es zusätzlich Ziffern, eine Schmerzskala mit einer Steigerung von eins bis zehn: Mutter benutzte seit vielen Jahren einfach das Wort. Sie meinte damit ihren kaputten Rücken, die ausgedienten Beine, die Nervenkrämpfe. Nur aus Stärke und Anzahl der geschluckten Schmerztabletten liess sich das Ausmass der Beschwerden erraten.

Anfangs, bei der Akkordarbeit an der Nähmaschine, da reichten zwei Saridon. Eines um halb elf, das zweite um vier Uhr. Der Patron gab sie gratis ab an das Personal, wenn es müde wurde oder unkonzentriert. Mutter hatte verständnislos auf die Kolleginnen geblickt, die beim Chef auch Tabletten für den Privatgebrauch holten, sich zu günstigen Sonderkonditionen die Beträge vom Wochenlohn abziehen liessen. Sie hatte über die Galli gelächelt, die gewerkschaftlich organisiert war, die immer wieder bezahlte Arbeitspausen statt Saridon verlangte, die bei der Volksgesundheit mitmachte, das Kneippen predigte und Kräuter kannte, sammelte, trocknete und sie in weissen Stoffsäckchen in ihrer Wohnung an einem Wäscheseil quer durch den Korridor aufhängte. Ja, die Galli, die war allein stehend, hatte Zeit für solchen Krimskrams, lebte in einer Lotterbude und war schon mehr als fünfundsechzig. Hatte wohl keinen roten Rappen auf der Seite. Musste darum immer noch zur Arbeit. Die sagte oft, wer denn wohl von so einer kleinen Altersrente leben könne. War aber doch froh um diesen Zustupf. Es gab die Rente ja erst seit ein paar Jahren. Vorher gabs gar nichts, auch keine Leistungen für Invalide. Deshalb musste sie jahrelang ihren halbblöden Bruder mit durchfüttern. Er starb dann Gott sei Dank, als sie schon über fünfzig war. Seither kann sie in die Fabrik. Das ist besser bezahlt als Heimarbeit.

Mutter kann auch in die Fabrik. Seit Vater tot ist. Vorher hat sie Heimarbeit gemacht. Als Vater immer krank war. Und arbeitslos. Oder betrunken. Oder im Sanatorium. Und für Leute vom Dorf genäht hat Mutter. Zum Glück hatte sie als junges Mädchen Damenschneiderin lernen können, sagt sie immer wieder zu Marie.

Du wirst auch einen richtigen Beruf lernen. Nein, nicht Nähen, da verdient man zu schlecht und macht sich den Rücken kaputt. Und du bist ja auch nicht gut in Handarbeit. Aber im Kopf bist du gut.

Ein gutes Zeugnis heimzubringen, das ist das Mindeste, was Marie tun kann. Das freut Mutter. Hilft ihr am Morgen den Alltag wieder anzugehen, beweist, dass sich die Mühe lohnt.

Um sieben beginnt die Arbeit. Da müssen die Näherinnen an den Maschinen sitzen, vor sich Bettwäsche in weissen Bergen, manchmal rotweissen Kölsch, Barchent mit pastellfarbenen Borten. Gerade Nähte, langweilig zum Herunterrattern. Können auch Ungelernte schnell.

Schöner zu nähen sind Damen-Nachthemden, sagt Mutter, Litzen oder Spitzchen einsetzen ist schwieriger. Auch etwas besser bezahlt. An der Herrenwäsche sind es Passepoils, die exakt eingenäht werden müssen. Der Chef und sein Bruder kontrollieren selber. Fehlerhaftes müssen die Näherinnen auftrennen, neu nähen. Die Bezahlung geht nach Stückzahl.

Das sind die Jahre, in denen Mutter ein paar Brocken Italienisch lernt. Viele Arbeiterinnen sind aus dem Süden. Sie sind froh um Arbeit. Das weiss der Chef. Es drückt den Ansatz. Die Fremden zahlen keine Gewerkschaftsbeiträge. Sie brauchen alles Geld für ihre Familien.

Mutter zahlt auch keine Beiträge. Sie sagt, dass sie nicht auch noch für irgendeinen Schönschwätzer arbeiten kann. Die Galli sagt, das sei kurzsichtig.

Mutter steht um halb sechs auf. Sie kocht vor, giesst und jätet sommers den Garten, heizt winters den Ofen ein, wäscht sich und hetzt nach dem Kaffee und einer Brotschnitte auf den Weg. Eine kleine Stofftasche mit Holzbügeln hängt an ihrem Arm. Im Gehen reibt sie sich Vaselincreme ein. Die feinen Nachthemdstoffe haken sich an rissiger Haut fest. Darum immer Hände eincremen, verlangt der Chef. Wenn es regnet, hüpft dabei der Schirm über Mutters Kopf auf und ab. Marie sieht es aus dem Schlafzimmerfenster. Seit Vater tot ist, schläft sie in seinem Bett, neben Mutter.

Altherr, Heinrich

Alteisen

Nach einer Weile suchte [der Lehrer] Ferdis Augen und sprach mit fester Stimme: «Ferdi, das wird deinem Vater nicht leichtfallen. Ist auch gar kein Spass. Hör Ferdi, du bist ein Achtklässler, ziemlich gross und kräftig und auch – ein guter Bub. Das weiss ich genau. Du wirst von nun ab tüchtig mithelfen müssen zu Hause. Anders geht es nicht. Du bist alt genug, um das mit der Stickmaschine zu verstehen.» […]

Auf dem Heimweg spürte Ferdi nichts von der scharfen Kälte des Morgens. Eine warme, tiefe Freude stieg in ihm hoch, wenn er an den Lehrer und seine Worte dachte. «Andereggli!», hatte er gesagt. «Lebwohl, Andereggli.» So nannte ihn der Lehrer immer dann, wenn er ihn besonders gut leiden mochte, wenn er ihn lobte. Das hatte Ferdi schon längst herausgefunden. Tröstend folgten ihm die gütigen Augen des Lehrers nach Hause, wo eine schwere Arbeit seiner wartete. […]

Ein kurzer, schriller Hupenton eines Autos schreckte ihn aus seinen Gedanken auf. Ferdi schaute zurück. Ein schwerer Lastwagen rumpelte das schmale, steile Strässchen herauf. Mit einem Sprung setzte Ferdi über die hohe Schneemauer und drückte sich nahe an den Zaun. Im Führersitz sassen zwei Männer in blauen Arbeitskitteln. Auf der Ladebrücke des Autos lagen eine eisenbeschlagene, mit Ölflecken beschmierte Kiste, Ketten, Stricke und zwei schwere Eisenhämmer. Die rasselnden Schneeketten griffen in den harten Schnee des Strässchens, welcher in schräg aufsteigendem Bogen unter den breiten Hinterrädern hervorgeschleudert wurde. Als der Hinterwagen an Ferdi vorbeifuhr, fühlte er die Wärme der Auspuffgase über seine Beine streichen. Stampfend arbeitete sich das vom Vater bestellte Ungetüm das Nordhaldesträsschen hinauf. Als Ferdi wieder in die Strasse trat, hing ein beissender Benzingestank in der Luft.

«Der holt nun Vaters liebe Stickmaschine. Wenn er nur stecken bliebe, der Saukarren», dachte Ferdi wütend.

Als er zu jener Stelle kam, wo das Fussweglein zum Haus hinauf abzweigt, stand der Lastwagen in umgekehrter Richtung da. Durch alle Ritzen der Motorhaube stiegen zitternde Wolken warmer Luft. Die Windschutzscheibe blitzte in der eben aufsteigenden Morgensonne böse auf. Die Räder und Kotflügel des Wagens waren dick mit Schnee verklebt. Ferdi drückte sich um den Koloss herum und stapfte eilig den schmalen Pfad zum Haus hinauf, wo seiner eine schwere Arbeit wartete.

Der Vater rumorte schon im Sticklokal. Er stiess die Läden auf. Krachend schlugen sie an die Hauswand. Einer der blauen Männer entnahm der öligen Kiste Schraubenzieher, Hämmer, englische Schlüssel und ein grosses Bündel Putzfäden, wischte mit dem Ärmel den Schnee vom Dache des Kaninchenstalles und legte die Werkzeuge geordnet auf die Dachpappe. Erschreckt und aufgeregt schnuppernd hoppelte Ferdis Blauwienerin von einer Stallecke in die andere.

Dann trat Ferdi in das Sticklokal, wo der zweite Arbeiter mit dem Vater vor der Stickmaschine stand. Bei diesem Anblick kam Ferdi jenes Bild vom Viehmarkt, das sie kürzlich in der Schule miteinander angeschaut hatten, in den Sinn. Glich der Vater nicht jenem Bäuerlein, welches in der Not dem drängenden, fetten Protz von einem Viehhändler seine schönste Kuh verkaufen muss?

Der Arbeiter Zürn langte einen schweren, klobigen Schraubenschlüssel aus der Seitentasche seines Kittels und brummte vor sich hin: «So, ich muss wohl oder übel beginnen. Nützen tut er Euch doch nichts mehr, der alte Karren. Ein paar Franken gibt’s doch immerhin noch. Bub, ruf den Walser herein. Er soll die Metallsäge, den grösseren Meissel, zwei Plattzangen und den Vorschlaghammer mitbringen, los, avanti, was träumst noch!»

Als Ferdi mit Walser hereinkam, stand der Vater immer noch vor der Stickmaschine. Seine Blicke schienen sich in den braunen Maschen des Flugnetzes verfangen zu haben. Dann hob er langsam den rechten Arm, legte ihn auf die lange Welle des Wagens, schritt feierlich der Maschine entlang und strich im Gehen mit der Hand über den grünen Lack der Welle. Dann stellte er sich vor das Musterbrett, auf das mit vier Reissnägeln noch die in blaugrüner Tinte ausgeführte, letzte Zeichnung geheftet war. Mit zitternden Fingern klaubte der Vater die Reissnägel aus den vier Ecken des aufrechten Brettes, rollte das Blatt sorgsam zusammen und legte es auf das Fenstergesims. Ein letztes Mal setzte er sich auf den runden Sitz des dreibeinigen, hochgeschraubten Stickerstuhles. Die linke Hand suchte tastend den abgewetzten Handgriff des Pantographen, dann umschloss die rechte den schwarzen Eisengriff des Treibrades. Behutsam setzte er die Füsse auf die Pedalen. Nun sah ihn Ferdi wieder genau so dasitzen, wie er es schon hundertmal beobachtet hatte: der Rücken war leicht gekrümmt, die rechte Schulter stark abfallend. Auf einem eckigen Irrweg glitt der Stiefel des Pantographen, geführt von Vaters Hand, über das entblösste Musterbrett. Dann rutschte der Vater mit einem Ruck vom knarrenden Stuhl, strich mit der Hand über die gefurchte, bleiche Stirn und begann die Nadeln aus den Klappen zu lösen. Ferdi bemerkte jedoch, dass der Vater diese Arbeit anders machte als früher. Auf jede Klappe gab er einen leichten Daumendruck; die Nadeln liess er, ohne sie zu berühren, einfach auf den Boden fallen. Das sahen sogar die beiden Kleinen, Hanneli und Kobi, welche bis jetzt still und scheu in der hinteren Ecke geblieben waren. Hurtig kamen sie näher und begannen wetteifernd die auf dem Boden verstreut umherliegenden Nadeln aufzulesen.

«Ödeli dueche – – Ödeli dueche», plapperte Kobi jedesmal, wenn es seinen dicken, steifen Fingerlein wieder gelungen war, eine Nadel zu erwischen. Mit vorgestülpten Lippen ahmte er die ungeschickten Bewegungen seiner Finger nach.

Zürn und Walser griffen mit harten Fäusten zu. Zunächst waren die beiden noch geduldig genug, Schrauben und Stifte zu lösen. Später hingegen wurden solche mit wuchtigen Hammerschlägen gewaltsam entfernt. Was wollte man da noch lange Federlesens machen! Es kam doch nicht drauf an. Das hatte Zürn am Morgen schon gesagt: «Bis Mittag muss die Maschine abgebrochen und fix und fertig aufgeladen sein.»

Immer hitziger und wie mit heimlicher Freude schlugen die beiden Männer drein. Der Vater tappte, ohne irgendwo richtig Hand anzulegen, von einer Ecke in die andere. Bei jedem Schlag fuhr er zusammen. Auch Ferdi war es so zumut, als ob die Hammerschläge ihn selber träfen. Jetzt polterte eine Welle krachend zu Boden. Mit den Schuhen rollte sie der Vater über den dünnen, bebenden Boden des Lokals. Wieder ein dröhnender Schlag! Das straff gespannte Stahlband zischte zuckend zu Boden. Walser riss mit einer langen Zange die Splinte aus einem Gelenk. Ho – rutsch! Draussen war sie. Klappernd und klirrend fielen wieder einige Räder und Stangen herab. Wie im Traum trug der Vater kleinere Maschinenteile vor das Haus. Hanneli und Kobi waren immer noch mit den Nadeln beschäftigt. Ferdi musste Zürn und Walser handlangern, ihnen Hämmer, Zangen und Meissel reichen und wieder abnehmen. Ein Maschinenteil nach dem andern wurde weggeschraubt, zertrümmert, abgewürgt, zerbrochen. Jedesmal, wenn es im Gestänge quietschte, pfiff oder rumpelte, fuhr es Ferdi kalt über den Rücken.

Die Mutter hatte Ferdi an diesem Vormittag noch mit keinem Blick gesehen. Es musste wohl bald Mittag sein; denn Lilli war aus der Arbeitsschule zurück und trug in einem Korb Schrauben und kleinere Maschinenteile hinab zum Auto. Schon seit längerer Zeit warf Zürn böse Blicke auf die am Boden umherkrabbelnden Kleinen. Plötzlich platzte er los und schrie wütend zu Hanneli und Kobi hinunter: «Hinaus mit euch, macht, dass ihr zum T – empel hinauskommt, ihr donners Goofe. Ihr stört uns. Und einen Unfall könnte es auch geben, wenn ihr ständig um die Maschine herumstreicht, und das könnte es!»

Hanneli erschrak derart, dass sie alle Nadeln wieder fallen liess, aufschrie und weinend hinauslief. Kobi richtete sich laut schnaufend auf, glotzte den Schimpfenden aus grossen, unschuldigen Augen erstaunt an und fragte:

«Chobi ümme Ödeli dueche, hm – –?»

Da kroch Zürn lächelnd unter der Stickmaschine hervor, ging zu Kobi und versetzte dem Knirps mit seiner schwarzen Pratze einen mehr liebkosenden als strafenden Klaps aufs dicke Hinterteil. Mit einem kräftigen Schwung hob er den Kleinen zu sich herauf und liess einen geräuschvollen Schmatzkuss auf Kobis vor Eifer gerötete Wange knallen. Dann stellte er den lieben, kleinen Bengel auf den Boden, spielte einen neuen Zornausbruch und lärmte mit seiner tiefen, schnarrenden Stimme:

«Chomm, i nemm di mit off Sangalle abe ond bring di em Böölimaa is Sittertobel use!»

Das wirkte. Heulend beinelte der Knirps zur Türe hinaus, um sein Leid Ferdi zu klagen. Der hatte jetzt aber keine Zeit für seinen Bruder. Keuchend kam er mit Walser den Hang herauf. Beim Anblick des Schreienden presste Ferdi rasch entschlossen eine Handvoll Schnee zu einem grossen Ball, drückte ihn dem nur noch leise flennenden Brüderlein in die Hand und verschwand im Sticklokal. Als Ferdi wieder schwer beladen herauskam, sah er, dass Kobi beruhigt vor dem Kaninchenstall stand, um mit dem Schneeball das Kaninchen zu füttern. Leise lächelnd trug Ferdi seine Bürde zum Lastwagen hinunter.

Mittlerweile hatte Zürn seine Arbeit im Sticklokal beendet. In einem wirren Durcheinander standen und lagen die Maschinenteile umher. Aus den morschen, abgetretenen Brettern des Bodens guckten nackt und grau die vier Zementsockel, auf denen die Stickmaschine gestanden hatte. Schon seit einer geraumen Weile hatte es der Vater im Sticklokal drin nicht mehr ausgehalten. Ruhelos werkend lief er zwischen Haus und Auto hin und her.

Kurz vor Mittag stand das elende Fuder fahrbereit. Mit hängenden Armen schauten Vater und Ferdi zu, wie Walser einen alten, dreckigen Lumpen an eine weit über das hintere Ende der Ladebrücke ragende Eisenstange band. Das musste ja so sein, nur kam es dem Sticker und seinem Buben wie Hohn und Spott, wie ein böser Fastnachtsscherz vor. Oben vor dem Haus standen in einem eng zusammengeschlossenen Grüpplein die Mutter, Lilli, Hanneli und Kobi.

Zürn und Walser sassen schon im Auto. Durch das offene Wagenfenster rief Zürn heraus: «Das Weitere wird der Meister erledigen. Vergesst aber nicht, Euch wegen der Subvention bei der Treuhandgesellschaft zu melden. Adieu!»

Der Motor sprang an. Mit einem Ruck setzte sich das hochaufgetürmte Fuder in Bewegung und rollte langsam, scherbelnd, ratternd und knatternd das Strässchen hinunter dem Dorfe zu. Als der flatternde Wimpel hinter der Strassenbiegung verschwunden war, atmete der Vater tief ein und sagte mit fester, entschlossener Stimme:

«So, Bub, jetzt beginnt ein anderes Leben. Ich hatte ja wirklich noch lange Arbeit. Andere Sticker mussten ihre Maschinen schon viel früher hergeben. Nun ist’s halt auch bei uns droben aus.»

Der Vater machte kehrt und begann das Weglein hinaufzusteigen. In Vaters Stapfen tretend, folgte Ferdi. Nach einer Pause nachdenklichen Schweigens hörte er den Vater vor sich hinsagen:

«Janu, es hat wirklich keinen Wert, den Kopf hängen zu lassen. Jetzt gehe ich halt jeden Tag auf die Reise. Man wird mir die Türe nicht überall vor der Nase zuschlagen. – Ein Sprichwort heisst ja: Vogel friss oder stirb, jaja, friss, oder stirb …» Und Ferdi dachte: Welch ein Unterschied zwischen meinem Vater in der vergangenen Nacht und dem von heute Vormittag. Auch die Worte seines Lehrers kamen ihm wieder in den Sinn:

«… gell Andereggli!»

Ammann, Julius

Amstein, Max

Spitalgedichte

II

Aus Backstein ein Kamin steht starr und gross
Vorm Fenster, und im Regenwinde
Die kalten Bäume pendeln hoffnungslos.
Du hast gefragt, der Baum ist eine Linde.

Den Giebel kannst du sehn, ein langes Dach,
In grossen Sälen liegen dort die Kranken.
Der schwarze Rauch jagt grauen Wolken nach.
Du siehst die nassen Äste trostlos schwanken.

Auf deinem Tisch sind Blumen aufgestellt,
Die Vasen und die Töpfe stehn in Reihen.
Ein Zeichen, dass man hier auf Ordnung hält.
Es fällt dir schwer, der Schwester zu verzeihen.

Sie lässt die Türe immer offen stehn,
Dann hörst du Stimmen und ein leises Wimmern.
Wie wärst du froh, die Schwester würde gehn
Und nichts erzählen aus den andern Zimmern.

Am schwersten wird die Nacht dir jedesmal,
Es geht herum auf leeren leisen Spuren,
Du hörst die Stadt und horchst auf das Signal
Der Bahn, mit der wir oft nach Hause fuhren.

 

IV

Die Schmerzen sind ein grosses, starkes Heer,
Sie haben immer schon in uns gelagert,
Jetzt, da wir schwach sind, müd und abgemagert,
Jetzt fallen sie gewaltig auf uns her.

Sie stürzen auf uns ein mit grossem Streit,
Zerschlagen unsre Wehr in tiefen Breschen,
Vielleicht, dass sie aus frühen Garben dreschen,
Was darin reif ist zu der frühen Zeit.

Die Schmerzen sind von roter Glut ein Pflug.
Die Hand, die ihn so unerbittlich leitet,
Vielleicht, dass sie uns fasst und neu bereitet
Den Grund, den sie so fürchterlich zerschlug.

 

XII

Die Alten gehn mit ihrer leeren Last
Im Garten um, die Frauen und die Greise.
Die Böschung ist verschüttet von Morast,
Dort liegen welke Blumen haufenweise.

Und Küchenmädchen tragen Kübel fort.
Das Wäscheauto hupt zum Haus der Schloten,
Und blasse, schwarze Menschen warten dort.
Auf einer Tafel steht Durchgang verboten.

In dünnen Wiesen, wo kaum Gras gedeiht,
Stehn auf den Stangen blaue Einbahnscheiben.
Und hier wie überall verrinnt die Zeit,
Und andre Kranke kommen, gehn und bleiben.

Ascher, Otto

Wo die Lichter sind, ist die Schweiz!

Am 12. November packt Mutter das Notwendigste in eine ‹Aktentasche›, und Vater fährt mit dem Zug Richtung Westen, Richtung Schweiz. Irgendwie will er versuchen, über die Grenze zu kommen. Es gibt unzählige Gerüchte und ebenso viele Tips. Die Gefahr für alle jüdischen Männer wird immer grösser. Die Nacht zum 10. November hat gezeigt, wohin es geht …

Nur eine Aktentasche und möglichst unauffällig und möglichst schnell weg von den noch rauchenden Trümmern der Synagogen.

Mehr als eine Woche später kommt der erste Brief von Vater. Es ist ihm auf der von Freunden beschriebenen Route gelungen, illegal in die Schweiz zu kommen. Vorläufig ist er in Sicherheit in einem Schweizer Auffanglager.

Bereits im nächsten Brief schreibt er, dass er bleiben kann und beschreibt uns mit vielen Einzelheiten, wie wir an die Schweizer Grenze fahren und so wie er über die Grenze gehen sollen.

Mutter, die immer rasch entschlossen war, packt das Wenige, das man tragen kann, in zwei Rucksäcke für uns Buben und in eine Tasche für sich. Wenig Gepäck, nicht auffallen …

Wir lassen alles liegen und stehen, die Wohnung mit dem Gangklo, die Einrichtung, die Möbel, Kleidung, Wäsche, Schuhe und was man in vielen Jahren so erworben hat. Dann noch das Modistengeschäft in der Favoritenstrasse mit allem, was drinnen ist. Mutters Stolz, in dem die Ersparnisse von vielen Jahren Arbeit stecken. Mit allem Geld, das sie hat, und mit allem Schmuck, den sie hat, ziehen wir los.

Von der Schule haben wir uns abgemeldet und sogar so etwas wie eine Abgangsbestätigung bekommen, einen besseren ‹Kaszettel mit dem Stempel drauf›. Die Schulleitungen sind seit langem darauf vorbereitet, solche Bestätigungen auszustellen.

So wie es uns Vater beschrieben hat, fahren wir in Richtung Schweiz. Nicht über Innsbruck, sondern über München, weil dort die Überwachung des Bahnhofs durch eine um ein Jota weniger fanatische und idiotische SS-Truppe geschieht als in Innsbruck.

Gegen Abend, es ist schon dunkel, kommen wir in Hohenems an. Es ist der 23. Dezember. Wir gehen gleich in Richtung des Gasthofs, den Vater beschrieben hat. Vielleicht 20 Männer, Frauen und Kinder peilen den Gasthof an. Der Wirt ist dafür bekannt, dass er, ohne viel zu fragen, seine Zimmer vergibt. Der Gasthof ist nicht sehr gross. Der Wirt teilt seine wenigen Zimmer auf, wir teilen uns mit fünf oder sechs Leuten ein Zweibett-Zimmer. Die Betten werden den Kindern überlassen, die Erwachsenen schlafen auf Sesseln, auf dem Boden, irgendwie halt …

[…]

Der Wirt vermittelt uns auf Mutters Wunsch zwei Burschen, die uns helfen würden.

Wenig später kommen die beiden Burschen. Da Feiertag ist, dürften sie frei haben. Sie setzen sich an unseren Tisch. Sie sprechen gefärbt Vorarlbergerisch, aber auf unseren Wunsch nach der Schreibe und verständlich. Eine allein reisende Frau Grünwald möchte sich uns anschliessen. Das ist eine heikle Sache, weil die gute Frau nicht die Jüngste ist und auch nicht sehr flott aussieht.

Die Burschen erklären uns den Weg und machen auch eine Skizze. Sie bekommen die Hälfte der ausgemachten ‹Entschädigung› und versprechen, auf halbem Weg auf uns zu warten. Dann würden sie uns den letzten Teil des Weges zeigen und auch den ‹Rest› bekommen. Während der Erklärung der beiden passe ich auf wie der bekannte Haftelmacher.

Es ist der 25. Dezember, zum Glück bedeckt und ziemlich düster. Als es dunkel wird, brechen wir auf und nehmen Frau Grünwald mit.

Nach vielleicht einer dreiviertel Stunde durch den Wald, genau nach der Skizze unserer Lotsen, tauchen die beiden Burschen unvermittelt hinter einem Strauch auf und zeigen uns, wie wir weitergehen müssen. Sie bekommen, wie ausgemacht, den Rest ihrer Belohnung und tauchen so unvermittelt unter, wie sie aufgetaucht waren.

Dort, wo die Lichter sind, haben sie gesagt, ist die Schweiz, und gerade auf die Lichter müssen wir zugehen, um nach Diepoldsau zu kommen. Diepoldsau liegt zwischen dem Rhein und dem ‹Alten Rhein› als schweizerische Enklave.

Die erleuchteten Gebäude kann man gut sehen und auch das grösste, auf das wir zusteuern müssen.

Dass zwischen uns und unserem Ziel der alte Rhein liegt, haben unsere Lotsen nebenbei erwähnt, aber so richtig haben wir das gar nicht erfasst. Das Gelände ist sehr hügelig und verschneit. Unsere Frau Grünwald rutscht in fast jede Mulde hinein und wir helfen ihr gemeinsam wieder herauf. Für Augenblicke überlegen wir, ob wir nicht allein weitergehen sollten. Es könnte doch jemand auf uns aufmerksam werden, ein Grenzer vielleicht, der nicht so gutmütig agiert wie der vom letzten Abend …

Frau Grünwald hat unsere Gedanken erraten und verspricht, besser aufzupassen. So ziehen und krabbeln wir weiter und kommen zum Ufer des alten Rheins. Es ist ein fast toter Arm mit ganz wenig Strömung. Am anderen Ufer liegt Diepoldsau, aber das Wasser ist ziemlich kalt.

Während wir alle noch überlegen, ob wir da durch sollen, klaube ich einen längeren Ast auf, um die Tiefe des Wassers festzustellen. Es dürfte nicht sehr tief sein, vielleicht einen Meter, und den Stecken voran gehe ich ins Wasser, Richtung anderes Ufer. Mutter traut sich nicht, mich zurückzurufen und kommt nach. Joschi hat sie auf dem Arm, und wir tragen und ziehen unseren Kleinen durchs Wasser. Frau Grünwald marschiert brav hinterher. In der Mitte des alten Rheins geht mir das Wasser bis zur Brust.

Nach endlosen Minuten kommen wir ans andere Ufer und auf allen Vieren die Böschung hinauf. Wir helfen einander, bis alle oben sind. Die Kälte und Nässe merkt man gar nicht, die Aufregung wärmt in dieser Lage. Wir sind alle waschelnass, logischerweise. Zum Glück ist es nicht mehr weit zu dem hellerleuchteten Gebäude. Wir sind nach 10 Minuten vor der Türe.

Wir sind kaum im Gebäude drinnen, und schon werden wir von den Lagerinsassen in Empfang genommen. Sie sind nicht erstaunt und nehmen uns eigentlich mit Routine in Empfang. Man zieht uns die nassen Sachen aus, und jetzt erst beginnen wir zu frieren. Die Leute hüllen uns in Decken, reiben uns ab, und wir bekommen Schlafplätze auf Strohsäcken. Jemand drückt mir ein Stück Brot in die Hand und einen ungewohnt schmeckenden Käse. Noch während ich kaue, bin ich schon eingeschlafen.

Am nächsten Tag bekommen wir Frühstück und trockene Sachen zum Anziehen. Unsere eigenen Sachen sind noch nicht ganz trocken. Die Lagerinsassen sind daran gewöhnt, dass durchnässte Leute ankommen. Möglicherweise ist das Lager mit Bedacht an dieser Stelle errichtet worden. Hauptmann Grüninger, der die Anweisung zur Errichtung an dieser Stelle gegeben hat, mag sich schon etwas dabei gedacht haben.

Irgendwer hat inzwischen Vater verständigt und ihm gesagt, dass wir gut gelandet sind. Man sagt uns, am übernächsten Tag werde der ‹Hauptmann› kommen, und er werde entscheiden, ob wir bleiben können … Es sind gleichzeitig mit uns auch noch andere Flüchtlinge im Lager angekommen, die auch auf Hauptmann Grüninger warten müssen.

Der ‹Hauptmann› ist der Chef der Kantonspolizei St. Gallen und ein bescheidener und nüchterner Mann. Er hat das Elend der Flüchtlinge gesehen und sich entschlossen zu helfen mit allen Konsequenzen, die er dann später auch erleiden hat müssen.

Einem verängstigten kleinen Flüchtlingsmädchen hat er einmal gesagt: «Du musst jetzt nicht mehr weinen, jetzt bist du in der freien Schweiz.» Daran hat er geglaubt, und der freien Schweiz hat er sich verbunden gefühlt, trotz aller Bedenken …

Wir sprechen uns ab, wer was sagen soll, sobald der Hauptmann die -Leute befragen wird. Mutter meint, es wäre besser, wenn ich als ‹Kind› für uns spreche, und wir legen uns unsere Sprüche zurecht.

Dem Hauptmann erkläre ich dann, dass wir nur auf der Durchreise sind, weil wir in Kürze eine Einreisebewilligung in die USA erwarten. Sobald diese eingelangt wäre, würden wir nach Amerika abfahren.

Hauptmann Grüninger hört sich meine Sprüche geduldig an, ohne zu unterbrechen. Er hat diese und ähnliche Sprüche bestimmt schon einige Dutzend Mal gehört und weiss genau, dass die Aussagen und Behauptungen Versuche sind, ihn günstig zu stimmen. Er weiss bestimmt, wie es wirklich um unsere Affidavit steht, beziehungsweise nicht steht …

Wie alle anderen, die etwa gleichzeitig mit uns nach Diepoldsau gekommen sind, erfahren wir noch am selben Tag, dass wir bleiben können.

Einige Tage später fahren wir nach Wald-Schönengrund, wo Vater schon seit November lebt.

Soviel ich weiss, waren wir die vorletzte Gruppe, die von Hauptmann Grüninger gewissermassen aufgenommen worden ist. Mitte Jänner sind seine Befugnisse eingeschränkt worden, und alle Leute, die später illegal über die Grenze gekommen sind, sind zurückgeschickt worden. Wenig später ist dann Hauptmann Grüninger abgesetzt und aus dem Polizeidienst entlassen worden.

Vom Lager Diepoldsau werden wir nach Wald-Schönengrund gebracht und sind wieder mit Vater vereint. In einem ehemaligen Klöppelsaal bekommen wir Quartier. In dem grossen Raum stehen vier Betten, im Vorraum ist eine Waschgelegenheit.

Das Haus gehört Herrn Schwyzer. Er bewohnt es mit seiner Haushälterin, einer Verwandten, und mit seinen zwei Töchtern.

Die Leutchen sind nicht übermässig herzlich, eher verschlossen, am Anfang …

Der Hausherr ist ein geschäftstüchtiger älterer Herr. Wie alt, ist schwer zu schätzen. Er ist ein kleiner, drahtiger Typ, eher dünn und offenbar sehr zäh. Im Fränklimachen dürfte er Meister sein. Er ist Versicherungsagent, Vermieter, Helfer bei den umliegenden Bauern in der Erntezeit und auch als Schneeschaufler bei der Gemeinde tätig. Er ist ständig in Bewegung und unterwegs.

Seine Sparsamkeit ist beeindruckend und geht über das übliche Mass schon hinaus.

Etwas oberhalb ist ein Bauernhaus, in dem auch einige Emigranten einquartiert sind. In diesem Haus geht es nicht ganz so sparsam zu, auch wenn der Bauer seine Pfeife aus der Jauche holt und fein säuberlich abwäscht, wenn sie einmal hineingefallen ist.

Unsere ‹Klöppelwerkstatt› hat mit ihren kahlen Wänden nicht viel Charme, ist aber bei den Mäusen einigermassen beliebt. Sie krabbeln die halbe Nacht herum, auf der Suche nach Fressbarem. Das gibt es im Hause Schwyzer nicht im Übermass.

Der Hausherr ist eher knausrig, schneidet seine ‹Landjäger› hauchdünn und das Brot dick.

Wir werden im Gasthof ‹Adler› verpflegt, der unten im Ort an der Strasse liegt. Weit mehr Emigranten gibt es im Gasthof ‹Krone›, eigentlich die meisten. Der ‹Adler› ist gewissermassen die Dependance.

Der Ort Wald-Schönengrund liegt praktisch in zwei Kantonen. Der Ortsteil Wald gehört verwaltungsmässig zur Gemeinde ‹St. Peterzell›, eine schwache Gehstunde weit weg, und liegt im Kanton St. Gallen. Der Kanton St. Gallen nimmt Flüchtlinge auf. Der Ortsteil Schönengrund liegt auf der anderen Seite eines Baches, über den eine Brücke führt. Auf der anderen Seite ist schon der Kanton Appenzell. Der Kanton Appenzell nimmt keine Flüchtlinge auf …

Der kleine Kanton hat seine Eigenheiten, und die Appenzeller auch. Der Kanton liegt inmitten des Kantons St. Gallen, er ist praktisch eingeschlossen. Trotz der geringen Ausdehnung, 420 Quadratkilometer, besteht er seit 1597 aus zwei Halbkantonen. Appenzell Innerrhoden hat eine überwiegend katholische Bevölkerung, Ausserrhoden eine überwiegend protestantische. So hart sind die Sitten, und so kann man eben nur ‹fast Appenzeller› werden.

Die Milchwirtschaft ist der wichtigste Wirtschaftszweig und die Kühe und jede Menge ‹Geissen› das wertvollste Gut der vielen Kleinbauern.

An die Appenzeller muss man sich gewöhnen, wie an den Appenzeller-Käs … dann schmeckt er.

Auer, Eugen

Ein Appenzeller namens

Ein Appenzeller namens Merz,
der fasste sich spontan ein Herz
und sprach zu seiner Frau beim Kafi,
ich gehe morgen zum Gaddafi.
Frau Merz nahm noch ein Pralinee
und sprach, Hansruedi, oh herjeh,
so mach mir dort kein Durcheinander.
Er sprach, der Grosse Alexander
hat mit dem Schwert einst vehement
den dicken Knoten durchgetrennt,
den Gordus unlösbar geschlungen,
und was dem Perserschwert gelungen,
kann auch mein Landsgemeindesäbel.
Sie rief, das gibt mir ein Geräbel!
Er aber ging zur Ahnenwand,
ergriff den Säbel und entschwand.
In Libyen kam der Merz’sche Streich
dem Perserhieb an Kraft nicht gleich.
Vergleicht man beide miteinander,
ist Merz halt doch nicht Alexander.

 

Der Innerrhoder Carlo Schmid,
der sonst die Äussern Rhoden mied,
sprach jüngst in amtlicher Funktion
durchs nagelneue Mikrophon
dem hiesigen Kantonsrat vor.
Derselbe sah zu ihm empor
und hörte Worte, die ihn rührten.
Es hiess, die Innerrhoder spürten
nun plötzlich doch Gemeinsamkeiten,
es lebe ja auf beiden Seiten,
in jedem Appenzeller Busen,
das Zauren, Ratzen und Rugguusen.
Dem Innern Land seis dran gelegen,
derart Gemeinsames zu pflegen
und Trennendes zu überwinden
und Ausserrhoden einzubinden
ins Zentrum für Musik in Gonten,
es gebe dafür Spendenkonten
bei Post und Appenzeller Bank.
Der Präsident des Rats sprach Dank
und die Regierung Hunderttausend,
und der Kantonsrat klatschte brausend.
Den schönen Anlass untermalte
Herr Köbi Freund, der freundlich strahlte
und Hackbrett spielte polyphonisch.
Wie harmonisch!

 

Ein Appenzeller namens Schwitter
war tief betrübt, es ging ihm schitter.
Der Sohn als Fixer jüngst entmündigt,
die Stelle bei der Post gekündigt
und seine Gattin ausgezogen.
Vom Schicksal rundherum betrogen,
lag eines nebelgrauen Tags
er in der Enge seines Schlags
und wusste nicht mehr aus noch ein,
kurzum er war ein armes Schwein.
Er trank die Vortags-Kaffeebrühe,
entstieg dem Bett mit Not und Mühe
und sagte sich, mein trüber Grind
braucht dringend etwas frischen Wind.
Durch Nebelnass und Morgenkühle
fuhr er per Bahn nach Zürchersmühle,
weil er auf die Idee verfiel:
Hundwilerhöhe heisst mein Ziel.
Bis Ramsten war der Nebel dicht,
dann schimmerte das Sonnenlicht
als fahle Kugel durch das Grau.
Bald funkelte der Morgentau
und alle Welt war Glanz und Glitter.
Am Gipfel angelangt ging Schwitter
ins Gasthaus, wo er Suppe roch.
Die Höchi-Wirtin Marlies Schoch
bat ihn zu sich auf ihre Bank.
Ihr schien, der Mann sei seelisch krank,
weshalb sie ganz behutsam fragte,
ob ihn vielleicht ein Kummer plagte.
Bei Schwitter kam ein Damm zum Brechen.
Erst tropfenweise, dann in Bächen,
ward, was an Leid sich aufgestaut,
der Höchi-Wirtin anvertraut.
Sie hörte zu, verständnisvoll,
sprach ab und an, jo grad, moll, moll,
und irgendwann stieg Schwitter munter
mit neuem Mut ins Tal hinunter,
und sah mit grosser Zuversicht
grünes Licht.

Bänziger, Paul

Baumberger, Georg

Ben Hamida, Amor

Ankunft im ‹Village d’ Enfants Pestalozzi›

Es muss Februar des Jahres 1970 gewesen sein, als mein Dorfdirektor mich vom Fussballspiel zu sich rief. Fussball nannten wir es, weil wir es mit den Füssen spielten, nicht wegen des Balls, denn diesen haben wir aus einer alten Socke und Papier und Stoffresten gebastelt. Er war kleiner als ein Handball, als Tor stellten wir zwei Steine hin, der beste Torwart war jener, der es schaffte, unbemerkt den Abstand der Steine zu reduzieren. Aber zurück zu meinem Dorfdirektor. Er rief mich in sein Haus und erklärte mir, ich könnte, wenn ich wollte und meine Mutter zustimmte, in die Schweiz, vorausgesetzt, ich bestünde im Auswahlverfahren. Ich glaube, ich sagte ja und ging wieder Fussball spielen. Was für ein Glück, dass das menschliche Gedächtnis seine Grenzen hat: Ich könnte es nicht ertragen, wenn ich noch heute fühlen würde, wie es meinen kleinen Brüdern damals erging, als ich sie alleine liess. Einer hatte Zahnweh, das weiss ich noch heute, der Kleinere war krank, ass wenig und nahm stark ab. Wir haben über diesen Abschied niemals mehr gesprochen, vielleicht weil wir nicht nachempfinden wollten, wie es für sie und mich war. Vielleicht müssen wir diese Phase, diesen Moment unseres Lebens mal als erwachsene Männer und mehrfache Väter ansprechen, auch wenn vielleicht dabei ein gewisser Schmerz und eine gewisse Trauer über unser gemeinsames Schicksal heraufbeschworen werden. Einige Tage später bekam meine Mutter einen Brief, denn das Telefon war damals so eine Sache… Sie sollte entscheiden. Meine arme Mutter wusste damals absolut nichts über die Schweiz, einige Bekannte erzählten ihr von Neutralität, guten Ausbildungsmöglichkeiten und dass die Schweiz auf der anderen Seite des Mittelmeers lag, sie hätte doch diese Leute im Fernsehen meines Grossvaters gesehen, die auf Brettern den weissen Hang eines Berges rutschten, ja, das sei die Schweiz.

Einige Wochen später liess ich meine zwei jüngeren Brüder zurück und nahm den Bus nach Tunis. Mir machte es schon Sorgen, die Verantwortung für meine Brüder abzugeben; wie würden sie zurecht kommen? Würde sich der Kleinere durchsetzen? Würde er genug essen? Und was ist, wenn einer von ihnen krank würde? Ich war damals zwölf, und meine Brüder zehn und acht Jahre alt! Ich bekam einen kleinen Koffer, an dessen Inhalt ich mich nicht mehr erinnere, vermutlich Kleider, ein Stück Seife, ein Tuch, viel mehr war es nicht, und wurde in einen Bus gesetzt mit der Instruktion an den Fahrer, er solle mich in Tunis an einem gewissen Ort abladen, ich würde erwartet. In Tunis wurde ich an einen Sammelort gebracht, ein kleines Kinderdorf, wo ich die anderen Kandidatinnen und Kandidaten kennen gelernt habe. Ich glaube nicht, dass irgendjemand von uns damals genau wusste, um was es ging. Wir waren Waisen oder Halbwaisen, wir genossen lediglich die angenehme Atmosphäre, vor allem meine Kameraden aus dem Süden. Wir stellten uns vor, erzählten über unsere Herkunft, unsere Vergangenheit, und einige Pädagogen schrieben mit, machten gelegentlich einfache Tests mit uns, nichts Besonderes. Auf die Frage, was wir werden wollten, kam meistens dieselbe Antwort: «Arzt» oder «Lehrer». Ich wollte Lehrer werden. Das wollte ich, seit ich etwa sieben Jahre alt war. Ich bildete eines Tages hinter unserem Haus, im Schatten eines grossen Eukalyptusbaumes, meine Klasse nach: 48 Steine habe ich mühsam und sorgfältig gesammelt und in Achterreihen so neben- und hintereinander gestellt, dass ich mit meinem langen Stock jeden der Schüler beim Schwätzen oder Spicken sehen konnte. Ich lehrte die Steine… Was kannten wir schon für andere Berufe? Maurer wollte niemand werden, und Ansehen hatten nur Lehrer und Ärzte.

Einige von uns wurden ein paar Tage später wieder nach Hause geschickt. Ich weiss nicht mehr, ob sie enttäuscht waren oder froh, in ihre gewohnte Umgebung und ihren Freundeskreis zurückzukehren. Wir ‹glück-lichen› sieben Auserwählten, drei Mädchen und vier Jungen, durften einige Nächte länger in Tunis bleiben, bis es so weit war. Meine Mutter reiste aus dem Süden an, um mich doch noch vor der Abreise zu sehen. Weiss Gott, was damals in ihr vorging: dachte sie, sie würde mich verlieren, oder wusste sie, dass sie mich in eine Welt entliess, die mir mehr bieten könnte als meine Heimat? Wenn sich heute einer meiner Söhne, besonders der Kleinere, fürs Wochenende oder eine Skilagerwoche verabschiedet, habe ich einen kleinen Vorgeschmack davon, was unsere Mütter damals im Flughafen Tunis-Carthage fühlten, als sie uns sieben kleinen Knirpse durch die Zollschranken gehen sahen. Wir fassten unseren ganzen Mut, um nicht mit ihnen zu weinen. Wir gingen einer neuen, interessanten, fast sagenhaften Welt entgegen, und sie blieben zurück, mit ihren Gedanken und Befürchtungen und Hoffnungen und Tränen und Sorgen. Jahre später erzählte mir meine Mutter, dass sie zuhause anfangs belächelt wurde: Ich ginge nicht in die Schweiz, nicht ‹Suisse›, sondern nach ‹Sousse›, einer Stadt im Norden Tunesiens, dort gäbe es auch Kinderdörfer. Wie sollte auch ein Waisenkind so unverhofft eine solche Chance kriegen, wo Minister es nicht schafften, ihre Kinder in die Schweiz zu schicken. Die Aufregung war umso grösser, als sie von Tunis zurückkam und sich die Tatsache als unwiderlegbar erwies: Niemand steigt in ein Flugzeug, um nach Sousse zu gehen! Das anfängliche Belächeln und Bemitleiden wich einem Neid. Es vergingen Monate, bis es alle glaubten, spätestens, als meine Mutter meine ersten Briefe und Postkarten zeigte.

Der 18. April 1970 war ein Samstag. Um die Mittagszeit landeten wir in Zürich-Flughafen, und uns wurde sofort klar, dass wir hier in einer anderen, fremden, unfreundlich kalten, aber reichen, schönen Welt ankamen, wo alle Autos neu zu sein schienen, alle Menschen waren schön, wohl genährt, gut gekleidet, makellos und sauber. Die Gerüche waren anders, die Töne waren anders, die Farbe des Tages war anders, als wir es soeben hinter uns liessen. Es war ruhig. Wir waren es auch, denn jetzt hatten wir festgestellt, dass es sich weder um Traum noch Halluzination handelte. Wir waren ausserhalb unserer Heimat und unserer gewohnten Welt. Die Fahrt nach Trogen verlief ohne nennenswerte Zwischenfälle: Gelegentlich baten wir unseren Betreuer um Erklärung von etwas, das wir sahen und nicht kannten. Gelegentlich unterdrückte der Eine oder die Andere eine Träne, denn Sehnsucht und Heimweh fangen schon beim Abschied an. Jetzt, da kein Weg mehr zurückzuführen schien, jetzt schnürte es mir die Gurgel zu. Ich konnte kaum atmen, trotz der Gruppe, die mir nicht fremd war, schien es mir, als wäre ich auf einer einsamen Insel, mitten im Ozean, und ich kann nicht schwimmen. Ich dachte daran, was meine Familie wohl tut, ich konnte ihnen nicht sagen, dass es mir gut ging, und dass ich sie jetzt schon vermisste. Zum Glück war unsere Betreuung darauf vorbereitet und hatte diesbezüglich Erfahrungen, wir wurden mit Ablenkungsmanövern wieder zum Reden und gelegentlich zum Lachen gebracht. In Trogen angekommen, hielt der Bus mitten im Kinderdorf an. Alle Dorfbewohner wussten von unserer Ankunft und waren da, uns willkommen zu heissen. Eines der Kinder hielt eine Fahne. Sie enthielt einen Käfer in der Mitte und viele internationale Flaggen. Darunter erkannte ich auch unser Emblem. ‹Kinderdorf Pestalozzi› verstand ich damals nicht, aber ‹Village d’ Enfants Pestalozzi›, das konnte ich lesen!

Ich sah zum ersten Mal in meinem Leben Häuser ohne Flachdächer, Wiesen und Hügel, die ich unter den Schneemassen vermutete, fremde Bäume wie Tannen! Die Sehnsucht wich einem Staunen und einer kindlichen Neugier. Die anderen Kinder beobachteten uns nicht so befremdet, wie wir sie anschauten: Wir sahen zum ersten Mal echte Blonde mit tiefblauen Augen, die uns an Märchenprinzessinnen erinnerten, denn in vielen arabischen Märchen haben die Prinzessinnen goldenes Haar; wir sahen Kinder mit Schlitzaugen und komischen Sprachen. Und natürlich lernten wir als erstes nur Schimpfwörter auf Deutsch. So fragte mich ein kleiner Dorfbewohner ganz freundlich, nach ein paar Tagen Aufenthalt: «Spielst du?» Ich fauchte ihn an und bedrohte ihn, antwortete dann: «Du spinnst!» Er sagte nur lachend: «Nein, nein, spielen, Fussball, spielst du auch?» Ich lächelte ihn an, nachdem ich mein Missverständnis eingesehen hatte, und wir spielten Fussball, dieses Mal mit einem echten Lederball, auf Rasen und mit einem richtigen Tor! In dieser Gesellschaft wuchs ich auf. Ich knüpfte Freundschaften, die für die meisten Menschen auf dieser Welt nicht denkbar sind. Freundschaften zu Kindern aus allen Kontinenten. Ich verbrachte fünf Jahre mit Kindern, die Namen hatten wie Hirut Eskelalem, Günther Adomeit, Morris Calvert, Arto Pekkanen, Jacques Trace, Jannis Papadopoulos, Mani Ramaswami, Nicola Ceveri, Yun-Su Kim, Ferenc Petrik, Sonam Gyaltag, Phan Dien Tri. Gott segne Dr. Walter Robert Corti, der 1944 aufrief: «Lasst uns ein Dorf für Kinder bauen!» Was ein Mann mit einem einzigen zur Verfügung stehenden Leben bewirken kann! Tausende von Menschen verdanken ihm durch seine Initiative ein ausserordentliches Leben.

Beyer, Marcel

Binder, Elisabeth

Birnstiel, Johann Georg

Unterwegs mit dem Landsgemeindedegen

Wohlgemut schritten wir über grünes Land gegen Waldstatt zu, an zartknospenden Blütenbäumen vorbei. Der Frühling lief mit. Er war unter den sich mehrenden Wanderscharen der rechte Stimmungmacher. Ich kann mir nicht vorstellen, dass im Herbst, wenn die Wiesen sich entfärben und tausend Todesmale sich auf Wald und Felder legen, der Landsgemeindegeist mit so weit ausholenden Schritten gezogen käme. Wenn man ein Neues will für Volk und
Vaterland, so muss es Frühling sein. Es war denn auch viel Lenzhaftes bei denen, die, aus allen Gegenden des Hinterlandes zusammenströmend, nun zum Hundwilertobel eifrig plaudernd und gestikulierend niederstiegen. Ihre alt- und neumodischen Kirchenhüte und -röcke erzählten vom Winterdunkel im muffigen Kleidertrog und liessen als Opferrauch ihre Kampfer- und Moschusdüfte der allbefreienden Frühlingssonne entgegensteigen. Da und dort marschierte ein altes Appenzellermandli, sein tabakduftendes Lindauerli noch sorglich in den Falten des Rockes bergend, mit dem Rosmarinstengel oder dem Blütenzweig zwischen den Zähnen dahin. Und wie sie zu viel Hunderten mit schwerem Männerschritt über den Boden der uralten Tobelbrücke trampten, da mag der Holzbau, der den gähnenden Abgrund überspannt, von weitem den Eindruck eines an Felsen hängenden Immennestes gemacht haben, darinnen ein mächtiges Summen verkündet, dass ein Völklein seine brüchige Burg verlassen und, in blaue Lüfte stossend, Neuland suchen will.

Es war eine Freude, im Flussbett des aufmarschierenden Bürgerheeres als Steinchen mitgeschoben zu werden, ungesehen und doch selber immer Neues sehend. Da kamen an Waffen und Gewändern Jahrzehnte und Jahrhunderte zu Wort. Da klangen alle Nuancen des Dialektes durcheinander. Hier fesselte eine interessante, scharfgeschnittene Appenzeller-Physiognomie mit Hakennase und stark vorspringendem, glattrasiertem Kinn, und andernorts dominierte im Haufen das zünftige Ratsherrengesicht oder der Sticker-, Krämer-, Fabrikanten- und Kleinbauerntyp. Da waren nicht bloss Graubärte und Blassköpfe. Das ganze junge Geschlecht war mit auf dem Weg. Gezwungen oder freiwillig? Das habe ich nicht ergründet. Hundertmal aber habe ich mir seither gesagt und fühle es heute mehr als je: Wo das Jungvolk eines Landes in politischen Dingen nicht freudig und willig mittut, da hat irgendwo die Demokratie ihre kranke Stelle. Eine Jugend ohne Ideale, ohne tatbereiten Freiheitsdrang, ohne politisches Interesse, ist keine Jugend. Ohne sie ist aber auch die Schweiz nicht im Vollsinn Schweiz.

Noch ein anderes fiel mir ins Auge und erweckte Freude. Was da in der Morgenfrühe in gemessenem Schritt die Strassen gezogen kam, das war, ob jung oder alt, so recht eigentlich ein Arbeitsvolk. Schwere, schwielige Hände, verwerchete Leiber, bleiche Wangen, aber auch wetterbraune, harte Gesichter, faltige Stirnen redeten laut davon und erzählten jedem, der es wissen wollte, dass da ein Volk seinen Sonntag habe, das sich seine Werktage und den Kampf ums Brot recht sauer werden lasse. Gemeingut aber schafft Gemeingeist. Kommt erst einmal eine Zeit, wo Geister und Hände, Muskeln und Gedankenkräfte nicht so einseitig wie heute dem Götzen Mammon und dem Egoismus dienen, sondern in treuer Arbeitsgemeinschaft das Wohl des Ganzen suchen, wo keiner den andern ausbeutet, jeder aber dem andern dienen will, dann muss es nicht nur im Ländlein unter dem Säntis, sondern im ganzen Schweizerlande tagen.

Böckli, Carl

Böni-Häberlin, Elsy

Chäs

Eine im Dorfbild nicht zu übersehende Figur war Ernst Zellweger, genannt ‹Chäs›. Aus dem berühmten Geschlecht der Zellweger stammend, war er nicht mehr auf der Sonnenseite geboren worden und die Natur hatte ihn auch nicht besonders begünstigt. Er war klein, etwas verwachsen, sehr schwerhörig, hatte einen schleppenden Gang und eine brummelige Sprache, die man fast nicht verstand, was ihn aber nicht hinderte, sich selbständig durchs Leben zu schlagen. Sein tägliches Brot verdiente er sich mit Hausieren, wobei er stets die neuesten Artikel lancierte, zur Zeit der Verdunkelung Hüllen für Glühlampen, wenn Brennstoffknappheit herrschte kleine Apparate, um Papierbriketts herzustellen, vor Weihnachten Kärtchen, Anhängeschildchen, Engel für Tischdekorationen, farbige Bändeli, Kerzenhalter modernster Fabrikation, Biscuits. Seine grossen Tage waren die Jahrmärkte, wo er immer einen Stand hatte und alles Mögliche und Unmögliche an den Mann, auch an den Pfarrer brachte wie z. B. Enveloppen, deren Grossteil schon zugeklebt war. Mit seinen schlauen Äuglein war er der geborene Geschäftsmann, der mit den Kantonsschülern einen regen Handel trieb und alles ankaufte, was man ihm anbot, wie etwa eine Kastentüre, die so ein Lausbub in seiner Pension ausgehängt hatte und beim ‹Chäs› versilberte, als er in Geldnot war. Ernst belieh auch solch ein Objekt, wohl wissend, dass, wenn nicht der Bursche, so doch sicher die Pensionsmutter das Stück wieder auslösen würde. In seiner Redlichkeit war er überall beliebt und geachtet. Seine Nachbarn nahmen ihm liebevoll viele der kleinen und grossen Sorgen ab, die ihm sein Junggesellenhaushalt und sein Alter in dem prächtigen Appenzellerhaus auf dem Berg bereiteten. Zu seinem 90. Geburtstag erhielt Ernst so viele Geschenke, dass er nur auf dem Wege eines Inserates in der Appenzeller Landeszeitung für alles danken konnte.

Bruggmann, Ralf

Ein Satz über einen, der auf einer Telefonzelle steht

Er steht auf einer Telefonzelle, und ja, ihm ist durchaus bewusst, wie seltsam dies wirken dürfte, denn normalerweise stehen Menschen nicht auf Telefonzellen, sondern höchstens in ihnen drin, und überhaupt tun sie es immer seltener, und wenn tatsächlich jemand auf einer Telefonzelle steht, dann sind es keine Menschen, hingegen Vögel, ja, Vögel stehen bisweilen auf Telefonzellen, manchmal vielleicht sogar Katzen, ganz bestimmt Insekten, auch wenn man sie kaum sehen kann, die sind ja so klein, die Insekten, doch Menschen, nein, Menschen stehen nicht auf Telefonzellen, Menschen sind zu gross und haben schwere Knochen und überhaupt wäre das sehr seltsam, und dennoch, auch wenn es ihm nicht immer behagt, er ist ein Mensch, daran lässt sich nichts ändern, und als Mensch hat er nicht auf einer Telefonzelle zu stehen, das tut man nicht, im Kontext einer Telefonzelle hat man gefälligst in ihrem Innern zu stehen, und wenn sich Menschen in Telefonzellen befinden, dann tun sie dies meistens, um ein Telefongespräch zu führen, hin und wieder suchen sie auch Schutz vor einem plötzlichen Regenguss, und manchmal machen Menschen in einer Telefonzelle Liebe, obschon er das nur aus Filmen kennt, er selbst hat noch nie in einer Telefonzelle Liebe gemacht und wird es auch jetzt nicht tun, schliesslich ist er allein und steht nicht in, sondern auf der Telefonzelle, auf dem Dach, und dieses Dach, es ist pyramidenförmig, vier dreieckige Flächen, die leicht ansteigen und eine Spitze bilden, eine Spitze, auf welcher man nicht stehen kann, also stellt er seine Füsse auf zwei der vier dreieckigen Flächen, was zu Folge hat, dass seine Sohlen nicht waagrecht sind und seine Beine ein O bilden, Fussballspieler haben manchmal O-Beine, Reiter auch, ebenso Männer mit einem sehr grossen Hodensack, doch er ist nichts davon, und in der Regel hat er auch keine O-Beine, nur im Moment, da er auf zwei der vier dreieckigen Flächen des Daches dieser Telefonzelle steht, und die wenigen Menschen, die an der Telefonzelle vorbeigehen, sehen ihn und denken wohl, dass Menschen eigentlich nicht auf Telefonzellen stehen, einige schütteln den Kopf, andere machen Bemerkungen, doch er schüttelt sie ab, die gemachten Bemerkungen, lässt sie nicht in seinen Kopf, und einige Passanten mögen sich fragen, warum er auf der Telefonzelle steht, und wenn sie sich dann potenzielle Antworten ausdenken, handeln diese vielleicht von psychischen Störungen, von einem Übermass an Alkohol oder Drogen, von verlorenen Wetten und vielleicht auch von Gott, doch er glaubt nicht an Gott, er ist nüchtern, nimmt keine Drogen und wettet nur, wenn er weiss, dass er gewinnt, was eigentlich nie der Fall ist, und die Möglichkeit einer psychischen Störung besteht durchaus, doch sie ist nicht der Grund, warum er auf der Telefonzelle steht, überhaupt sind psychische Störungen oft auch Ansichtssache, Definitionssache, findet er, ausserdem reden nicht selten Menschen von psychischen Störungen, die keine Ahnung haben, was psychische Störungen eigentlich sind, und in gewisser Hinsicht ist wohl jede Psyche gestört, schon die Behauptung, eine absolut ungestörte Psyche zu haben, ist der Ausdruck einer psychischen Störung, zumindest in seiner laienhaften Betrachtung, und er weiss nicht, wie sehr die Psyche jener Menschen gestört ist, die ihn auf der Telefonzelle stehen sehen und denken, er sei psychisch gestört, doch es ist ihm egal, wie es auch den meisten unter ihnen egal ist, weshalb er überhaupt auf der Telefonzelle steht, und wenn er nun den vereinzelten fragenden Passanten den Grund für sein Verhalten nennen würde, könnten sie ihn wohl nicht verstehen, sie würden nur noch heftiger ihre Köpfe schütteln und sagen, er könne den Sonnenuntergang doch auch vom Boden aus betrachten, auf der Telefonzelle sei er wohl nicht sonderlich viel besser zu sehen, und ja, es stimmt; dass er auf der Telefonzelle steht, dient einzig und alleine seinem Bestreben, den Sonnenuntergang zu betrachten, das ist eine Tatsache, und aufgrund dieser Tatsache ist es auch unnötig zu erwähnen, dass es Abend ist, schliesslich geschehen Sonnenuntergänge nicht am Morgen, am Morgen geschehen Sonnenaufgänge, die ihrerseits am Abend nichts zu suchen haben, und wer es ganz genau nimmt, der kann gerne anmerken, dass sowohl Sonnenaufgänge als auch Sonnenuntergänge gar nicht existieren, denn die Sonne ist ein faules Stück und hat offenbar Besseres zu tun, als über den Himmel zu wandern, aber die Erde, die dreht sich, was man als kleiner Mensch jedoch nicht wirklich spürt, auch er spürt es nicht, hier oben auf der Telefonzelle, und obwohl es den Sonnenuntergang gar nicht gibt, betrachtet er ihn, denn er mag das Wort, und darum nennt er das, was er betrachtet, auch so; er steht auf einer Telefonzelle und betrachtet den Sonnenuntergang, und was er sieht, vermag beinahe den Atem zu rauben, die Sonne malt den Himmel rot und gelb an, in Farbtönen, die in keinem Malkasten zu finden sind, und vielleicht ist das auch der Grund, warum der Sonnenuntergang so wunderschön ist oder er ihn zumindest so empfindet, womöglich liegt es an der Tatsache, dass man ihn nicht imitieren kann, ihn nicht kopieren kann, und auch nicht den Sonnenaufgang oder die Sonne an sich oder all die anderen wunderschönen Dinge, die nicht durch Menschen geschaffen wurden, und überhaupt sind überdurchschnittlich viele Wunderschönheiten nicht von Menschenhand geschaffen worden, während Menschen ihrerseits häufiger unschöne als wunderschöne Dinge zu erschaffen gedenken, und natürlich ist ein kleines Kind wunderschön, obwohl es durchaus von Menschen geschaffen wurde, aber es ist selbst auch nur ein Mensch, der im Grossen und Ganzen nicht unbedingt wunderschön ist, und natürlich kann auch ein Gemälde wunderschön sein, oder Musik, oder der Klang einer Stimme, oder eine Berührung, oder Liebe in einer Telefonzelle, doch die meisten Dinge, die Menschen tun, sind eben nicht wunderschön, sind weder Wunder noch schön, und auch die Telefonzelle, auf welcher er steht, ist nicht wunderschön, sie ist ziemlich banal, doch sie ist sein Sockel, um den wunderschönen Sonnenuntergang zu betrachten, und es ist ihm egal, dass die Menschen nicht verstehen, warum er auf dieser Telefonzelle steht, warum er diesen Sonnenuntergang betrachtet, warum er sich diese Gedanken macht, er will es nicht ändern, will nichts ändern, nicht im Moment, darum bleibt er einfach auf dieser Telefonzelle stehen und betrachtet den Sonnenuntergang, blickt in die Ferne und macht sich Gedanken, etwa darüber, wie die Baumkronen am Horizont eine gerade Linie bilden, wenn man sich nur genügend weit von ihnen entfernt, es zeigt sich eine klare Kante der Erde als Grenze zum Himmel oder zu jenem Raum, dessen Ende wir nicht kennen, und alles wirkt so einfach, so eindeutig, und obschon er weiss, dass es eindeutig nicht so einfach ist, fühlt er eine gewisse Erleichterung, dass es zumindest diesen Anschein erweckt, und er würde die Dinge wohl gerne häufiger aus der Ferne betrachten können, aus dieser vereinfachenden Distanz, in der sich die Einbuchtungen und Beulen der Welt ausgleichen und die Dissonanzen sich normalisieren, und die Hügel und Täler, sie zeichnen sich zwar noch deutlich ab, doch sie bleiben fassbar, bewahren sich jene Berechenbarkeit, die sie beim Näherkommen allmählich verlieren, und natürlich kann man hier nicht leben, weit weg von den Baumkronen, jedenfalls nicht langfristig, man kann kein Gespräch führen, keinen Blick bewerten, man kann keine Wange streicheln, keine Lippen küssen, man kann keine Wärme spüren, keinen Herzschlag hören neben dem eigenen, aber vielleicht kann man – mit den Bildern aus der Entfernung im Hinterkopf – mit den Dingen in unmittelbarer Nähe dann besser umzugehen lernen, vielleicht kann man die Baumkrone, die so unwirsch und merkwürdig nach oben ragt, besser einschätzen und in Kontexte setzen, vielleicht gewinnt sie an Sinn und man selbst an Klarheit, wenn man den Blick aus der Distanz verinnerlicht, und er denkt noch ein wenig weiter, in alle Richtungen, hin zu allen Horizonten, und dann, dann hört er auf zu denken, die Gedanken in seinem Kopf, sie wurden zu laut und störten das Bild, nun lässt er alles still werden und schaut aus seinen Augen auf die Welt, schweigend und staunend, er ist ausschliesslich Betrachter, nichts anderes mehr, er betrachtet den Sonnenuntergang, dieses merkwürdig gestreute Licht, das von Reichtum jenseits des Fassbaren erzählt, und wenn das Schauspiel vorüber ist, wenn die Sonne scheinbar versunken ist, dann wird er wohl wieder von der Telefonzelle steigen und weiter Mensch sein, ohne O-Beine, ohne Sockel, aber zumindest mit einem neuen Bild im Hinterkopf.

Bucher, Werner

Buff, Regula

Cajochen, Melina

Übrig bleibt eine kleine, seifige Pfütze

Mir brennt nichts unter den Nägeln, mich freut nichts, mich stört nichts an Appenzell. Ich langweile mich. Ich wache nachts auf, sleepless in Appenzell, es stürmt, ich ziehe die Vorhänge auf und schaue durch die dreifach verglaste Scheibe. Es ist so ruhig hier. So schön. Hier werden Traditionen noch gelebt, die Krankenkassenprämien sind tief, das Dunkel ist lieblich, das Grün satt und die Hauptgasse bunt und aufgeräumt. Und so kommen sie zu uns, die, die es sicher haben wollen und das auch bezahlen können. Und die, die wollen, dass es so bleibt. Hier drinnen in Appenzell.

Draussen ist der Teufel los. Banken starten mit Entlassungswellen, Heimatvertriebene finden keinen Platz zum Bleiben, Muslime bringen Muslime um und der von den Amerikanern exportierte ‹Jeder-kann-es-schaffen›-Traum ist ausgeträumt. Und mitten durch Appenzell wehen die Seifenblasen vom Bazar Herrsche – kleine, perfekt anmutende Mikrokosmen, die elegant an Hindernissen, am zerstörerischen Draussen, vorbeischweben.

Bis sie dann halt doch platzen, irgendwann. Übrig bleibt eine kleine, seifige Pfütze, laugig, die kein bisschen an die bunt schillernde, fliegende Kugel erinnert. Und der Seifeninnenraum? Im Platzen noch ist er entschwunden, hat sich innert eines Augenblicks im Draussen aufgelöst.

Hübsch anzuschauen sind sie, diese kleinen, luftigen Momente, diese Seifenwelten. Fürs Überleben, fürs immer Weiterleben, sind sie nicht gemacht. Sie können sich nicht öffnen, sich mit Neuem nicht verbinden, nicht verwachsen mit Notwendigem, keine Veränderungen miterleben. Verschwommen nehmen sie wahr, undeutlich kommunizieren sie und selten lernen sie. Ihr Umgang mit dem Draussen besteht aus: Platzen. Plop.

Und ich hörs, draussen geht im Dunkeln der Föhn und bringt alles durcheinander. Hier drinnen drückts ein bisschen im Kopf, sonst ist alles in bester Ordnung. Morgen früh liegen vor der Haustür ein paar Blätter, ein paar Äste, schnell weggewischt und alles ist wieder wie zuvor, so wie wirs kennen und lieben. Ein Glück?

Corti, Walter Robert

Bauen wir eine Welt, in welcher die Kinder leben können

Aber die Stunde der Schweiz steht erst noch bevor. Wenn einmal die Kanonen schweigen und die Menschen wieder zu den Flugzeugen aufschauen können, werden Millionen von Kindern weiter unsere Hilfe nötig haben. Wir können nicht allen helfen, aber wir können vielen helfen. Tausende mögen wieder in den Heimen und in hilfsbereiten Familien untergebracht werden. Dort werden sie genährt und gekleidet. Man hat wohl auch beobachtet, dass sie im allzu brüsken Wechsel des Milieus verbogen und verzogen wurden. Es gibt eine ungesunde, eine sentimentale Hilfe, wo sich der Helfende wichtiger wird als der Hilfsbedürftige. Daraus gilt es entschlossen zu lernen.

Was wir hier vorschlagen, möge als freundliche Anregung dienen. Zerstreut im ganzen Lande stehen Militärbaracken, die oft recht wohnlich eingerichtet sind. Ein grosser Teil von ihnen wird mit dem Kriegsende zu neuer Verfügung freiwerden. Würde man sie auf einem klimagesunden und übersonnten Areal zusammenstellen, ergäben sie insgesamt wohl ein stattliches Dorf. Ein weltoffener, eminent praktischer Architekt meinte, dieser Dorfbau liesse sich technisch ohne weiteres bewältigen. Auch für die Ortswahl wären wir um Vorschläge nicht verlegen. So könnten vielleicht mehr als 8000 Kinder Aufnahme finden, Waisenkinder, Krüppelkinder, Kinder, die der völligen Verwahrlosung und dem Tode entgegengehen. Die Dorfleitung möchten wir am liebsten in ärztliche Hände legen. Die Kinder würden dort mit vielen Erwachsenen zusammenwohnen, Menschen, die Kinder lieb haben, zugleich aber für die Gesamtprobleme dieser Welt offen sind. Ähnlich wie in den Landerziehungsheimen bilden etwa zwanzig Kinder mit ihrem Familienvater eine Grossfamilie. Dass die Siedlung vieler mütterlicher Helferinnen bedarf, ist selbstverständlich, dass sich diese finden werden, zweifeln wir nach einem ersten Ausblick keinen Augenblick mehr. Mit Sicherheit wird man amerikanische Mittel für die Bestreitung der Ausgaben erwarten dürfen. Je weitherziger, je grosszügiger, je durchdachter sich der Plan darstellt, desto eher darf er weitherziger und grosszügiger Hilfe gewiss sein.

Dass die Kinder kommen werden, ist auch gewiss. Es wird ihnen geholfen, sie werden genährt und gekleidet, sie schlafen in sauberen Betten, haben ihr Zimmer mit ihren eigenen Sachen. Sie gehen in die Schule, sie spielen zusammen, leibseelische Einheit übt sich in den schönen Methoden fröhlich-gesunder Rhythmik. Dass sie überhaupt wieder froh werden! Vielleicht müssten ja alle Menschen etwas mehr schlafen und mehr lachen. Die Kinder sind unter sich; nicht erschütternde, mitleidserregende Ausnahmen unter Geborgenen, nicht in märchenhafte Verhältnisse hineingeschneite Notträger. So verwachsen sie auch nicht in ungesund-schmerzhafter Weise mit den Pflegeeltern, wo sie doch wieder später in harte und ganz und gar andere Verhältnisse zurück müssen. In dem Dorfe wohnen Forscher, Pädagogen, Soziologen, Kinderpsychologen, welche die Ideologien der kommenden Zeit untersuchen, welche mit ähnlichen Gründungen anderer Länder in genauem Kontakte stehen. Was Karl Lauterer mit dem Völkerbund der Kinder vorschwebt, kann hier eine erste, grundsätzliche Verwirklichung finden. […]

Ein kranker Schnitt liegt zwischen der Welt der Erwachsenen und der Welt des Kindes. Wenn das Himmelreich in uns liegt, dann werden wir es nur finden, wenn wir aus Lehrern des Kindes seine Schüler werden. Nicht dass die Kinder die Welt regieren, nicht dass sie die Autorität zu Hause übernehmen sollen. Aber dass wir ihre grosse Lebendigkeit in uns selber bewahren und aus dieser unsere Welt wirken. Den Kindern ist das ganze Dasein tief fragwürdig, tiefer Frage würdig. In den rasenden Entschiedenheiten der Erwachsenen wird am Eigenen nicht mehr gerüttelt, das Andere aber bis zur Vernichtung bekämpft. Dass uns doch endlich auch das Eigene fragwürdig wird und wir selber zu neuem Fragen frei werden! Die Welt ist noch jung, sagt Kant, und der Mensch wird seine Bestimmung noch erreichen. Es gibt so viele Morgenröten, die noch nicht geleuchtet haben, heisst es in einem tröstlichen indischen Spruch. Wir müssen zu den Dingen hin, um ihre Ordnungen kennenzulernen, müssen die Ordnungen des Geistes und des Herzens erhellen. Bauen wir eine Welt, in welcher die Kinder leben können. Wir sind mit ihnen wieder Lernende, das ganze Dasein ist ja eine unaufhörliche Schule. Eines hilft uns immer aus allem lähmenden Streit und lässt uns weder verzagen noch ermatten: die liebende Ehrfurcht vor dem Leben.

Danieli, Enrico

Diem, Eduard

Dörig, Albert

Eberle, Erich

Innerrhoder Alpsegen

Ave Maria
Es walte Gott ond Maria
B’hüets Gott ond erhalts Gott
B’hüets Gott ond öse lieb Herr Jesus Chrischt
Lyb ond Seel, Hab ond Guet, wo of dem Beg omme ischt
B’hüets Gott ond de hälig Sant Moritz ’s ganz Land
ond schick syni Gschpane ommenand
B’hüets Gott ond de hälig Sant Marti
de ’s guet lieb Vech bewahr ond erhalti
B’hüets Gott ond de hälig Sant Antoni
De ’s guet lieb Vech vo Ogföll verschoni
B’hüets Gott ond de hälig Sant Sebaschtia
Dass ösem Vech ke G’söcht ond ke Chranked schade cha
B’hüets Gott ond de hälig Sant Gall
mit ösere liebe Hälige all
B’hüets Gott allsame, seis Fründ oder Fend
ond die lieb Muetter Gottes mit ehrem Chend
Ave Maria
B’hüets Gott vor allem Öbel ond Ofall
alls im Lendli ond öberall
B’hüets Gott ond erhalts Gott ond ’s hälig Chrüz
Gelobt sei Jesus Chrischt i ali ali Ebigkeit. Amen
Ave, Ave, Ave Maria

Eggenberger, Peter

Eisenring, Simone

Elmiger-Bänziger, Heidi

Elmiger, Dorothee

Orientierte mich an den Fördergerüsten

Ich ging einmal die Treppe hinunter und schaute durch die verglaste Tür. Die Polizeibeamten, sie sassen so gleichmütig da und erfassten alles leichterhand in ihren Akten.

Der Vater wässerte eine Orchidee und telefonierte.

Anfangen wollte ich mit dem Vater, dachte ich, mit Heribert Stein, seines Amtes Polizeikommandant, geboren an einem 4. Juli. Mit dem Vater zuerst, dann käme die Mutter, die mich schliesslich gebar, die Grosseltern und so fort mit dem Nacheinander in der Zeit. Würde ich dann zum Buenaventura gelangen? Wie verlief die Geschichte?

Ich stand einmal draussen auf dem Parkplatz und lauschte den Kieselsteinen, wie sie unter meinen Schuhen knirschten.

Ich machte einmal den Badeofen an. Dann sass ich auf dem Wannenrand und berührte mit den Füssen eine Fliese nach der anderen.

Aber!, dachte ich, familiäre Bande tragen nichts zur Sache bei. Wenn wir die Anker lichten und auslaufen, hilft uns kein Vater mehr, helfen uns nur die compagnons.

Dann stürzte ich mich in das Wasser, das ich in die Wanne hatte einlaufen lassen.

Fritzi betrat das Bad gegen Mittag, als ich noch immer so lag. Sie trug Bücher unter dem Arm.

Hin und wieder, sagte sie, finde ich draussen Schilder mit Fachvokabular an einem Pfahl, einer Strebe. Technische Kennzeichen, maximale Traglast, Ein/Aus, Kessel I, Kessel II, Stopp, 1 Amp., Warnung, Achtung!, hier fand einmal statt: Bergbau.

Diese Wörter, sagte Fritzi, liegen noch immer über der Landschaft, obwohl sie die tatsächlichen Begebenheiten der früheren Zeit längst hinter sich gelassen haben.

Sie legte die Bücher, die sie mitgebracht hatte, auf den Schemel bei der Wanne. Vor dem Spiegel strich sie sich durch das Haar, als hätte das Tragen der Bücher eine grosse Anstrengung für sie bedeutet.

Sodann begann ich wieder zu lesen. Ich suchte nach den Wörtern, von denen Fritzi sprach. Sie fanden sich in jedem der Bücher, in montanwissenschaftlichen Zusammenhängen:

Kohlenzeche
Fördermaschine
Förderturm

schematischer Schnitt

Förderturm
Waschkaue
Wetter

Grubenlicht

Seilwinde
vor der Kohle, ein Kohlenhäuer
spätere Elektrolokomotive
Förderschale
Füllort
Kohlenlagerplatz

Den ganzen Tag über fuhr ich fort.
Zuweilen fand ich mich zwischen den Büchern wieder, wie ich die Wörter vor mich hin sagte. Ich wusste nicht recht mit ihnen umzugehen, was war ein Kohlenhäuer, zum Teufel!, trotzdem glaubte ich zu verstehen, was sie eigentlich verhandelten und weshalb sie mir von selbst weitere Wörter zutrugen, von früher an den Küchentisch. (Streik und Sabotage, Berlin, Herr Buenaventura Durruti – Syndikalist und Sohn eines Eisenbahnarbeiters.)

Die Wörter, sagte Fritzi am Nachmittag, als sie kurz zur Tür hereinschaute, enthalten bereits, was wir mühsam zu finden und wiederholen versuchen. Sie lachte.

Später schlummerte ich. Das Wasser plätscherte ganz leise, und das Feuer im Ofen war längst aus.

«Let us leap into the sea», cried Fritz, «and swim to the shore.»

«Very well for you», cried Ernest, «who can swim; but we should all be drowned. Would it not be better to construct a raft and go all together?»

«That might do», added I, «if we were strong enough for such a work, and if a raft was not always so dangerous a conveyance. But away, boys, Iook about you, and seek for anything that may be useful to us.»

Als ich wieder aufwachte, stieg ich aus der Wanne. Zuletzt an diesem Tag notierte ich mit klammen Fingern, dass die Schwester Buenaventura Durrutis denselben Namen wie unsere Mutter trug. Das Wasser floss in einem kleinen Strudel dem Ausfluss zu.

 

 

Kohlenbrände bewegen sich schnell und heimlich durch die Stollen. Sie unterwandern das Gebiet, sie suchen es heim. Seit einiger Zeit nun wölbte sich früheres Waldland, türmte sich in weiter Entfernung an den Rändern des Reviers, zersprang aufgrund der Hitze.

 

 

Am nächsten Tag ging Fritzi Ramona Stein den Weg nach St. Beinsen, auf der Suche nach dem Fluss. Hob ab und an den Blick, schaute dann wieder hernieder auf den Boden, diesen trockenen Boden. Orientierte mich an den Fördergerüsten, sagte sie nach ihrer Rückkehr. Wir waren der Himmelsrichtungen längst verlustig gegangen.

Ich trug meinen Sextanten auf dem Rücken, in einer ledernen Hülle.

Orientierte sich an den Fördergerüsten, schrieb ich an diesem Abend, und:

Grund dieser Schreiben, Wortergreifungen und Aussprüche, Grund auch aller umständlichen Rufe über das Land hinweg und tief in seine Schächte hinab, all dieser zukünftigen Zusprüche, Überlegungen und Unternehmungen, ist die Suche nach dem fehlenden Fluss.

Ich schrieb:

Wir sind ruhig. Es gibt aber ein Gefühl, es zieht in den Schultern gegen den Hals, es macht unsere Kiefer zittern. Bald werden wir laut sprechen wollen. Sollten wir uns womöglich dies Gefühl verbieten? Macht es uns schwächer? Nein, es wird womöglich eine Verbindlichkeit schaffen!

Diese Verbindlichkeit wird nicht auf der gemeinsamen Angst vor dem Verlust der Sicherheit beruhen. Dazu schreiben wir nun auf Schroeders Maschine diesen Bericht, weder zur Wahrung der Ordnung noch zur Verhinderung der Konfusion. Keine ordentliche Bestätigung des altbekannten Gegenwärtigen, nichts Unterhaltsames über unsere Lage, in der wir uns so vermeintlich gut eingerichtet, wie der Beamte Schroeder hinter seinem Schreibtisch. (Dazu rief Fritzi durch die offene Küchentür, Aufhören!, aufhören mit der Vorabendunterhaltung, mit der Abendunterhaltung, mit der Unterhaltung im Allgemeinen. Unterhaltung tut mir in den Augen weh, sie bricht mir den Rücken knapp unter dem Halsansatz, ich habe sie satt, mein komplettes bisheriges Leben wurde mir von Unterhaltung erschwert, die Unterhaltung ist eine tiefe Grube im Untergrund des Landes, die sich über die Jahre mit Tierleibern gefüllt hat.)

Stattdessen dokumentieren wir zum Trotz die Verwirrung und das grosse Fehlen, das sich hinter der amtlichen Sicherheit eröffnet als weites und karges Tal, das ist das Tal dieser Geschichte.

Enzler, Karin

Enzler, Simon

Erat, Ruth

Der Werkzeugkoffer im All

2.
In Berlin, vor der Caprivibrücke,
geht ein Kind an der Hand seiner Mutter, schreit:
Hört endlich auf, ihr Vögel!

3.
Ich laufe von der Karl-Marx-Allee weg,
hinein in die Friedenstrasse,
wo man für die Gräber Begonien verkauft.

4.
Am Küchenfenster an der Friedenstrasse
scheint leichthin möglich,
dass Bäume die Stadt zuwachsen.

5.
Fragst du, ob die Angst davor,
dass in der Schweiz die Gedanken entfallen,
berechtigt ist?

[…]

102.
Hunger befällt.
Sich Brot einverleiben und Wein.
Die verbliebene Beute.

103.
Im See schwimmen alte Frauen und Männer.
Vom Sommer gegerbte Körper steigen aus dem Wasser,
fassen sich an der Hand.

104.
Auf den Farbfotografien im Museum
erzählt der Alte im komplett zerschlissenen und
verdreckten Mantel
Kindern Geschichten. Es war.

105.
Im Fenstergeviert rot und blau und gelb der Rundlauf.
Regennass leuchten die Farben.
Niemand da.

[…]

202.
Nie ist die Verzweiflung der Menschen so greifbar
wie in den langen Nächten,
in die hinein aus Vorgärten Hirsche und Schlitten
und Engel blinken.

203.
Das Bild, das ich wahrhaben wollte:
dass der hochgeschlagene Mantelkragen genügt,
kein Aufgeben ist.

204.
Es ist ein Krieg im Gang,
von dem wir nichts wissen,
nur Bildfetzen sehen – ans Ufer gespülte Tote aus Mogadischu.

205.
Eben noch verlachte man den realsozialistischen
Wirtschaftskollaps.
Nun werden die Banken vom Staat nach dem ver-
höhnten Muster
mit Milliarden gefüttert.

Etter, Hans Jürg

Herbstgesänge

6
Der Himmel ist wortbrüchig.
Der Riss geht tief,
geht durch das Bachbett vergangener Tage,
geht durch die aufkeimende Blume,
geht durch das Buch,
geht durch das Feld,
geht durch das Holz und das Haus,
geht durch das Geschlecht
und geht durch mich
und geht durch dich.
Und was abgewiesen erscheint
und in der Trennung verkommt,
kann nicht zum Guten gedeihn.
Der Riss geht durch Mann und durch Frau

19
Der Astbruch zeigt sich im See
in spiegelnder Welle.
Und in der Brechung verschwimmt der
Mond mit dem See und dem Baum.
Der hat die Blätter verloren,
und die treiben jetzt,
Ulme, Buche, Birke, Eiche,
auf dich zu,
gelb und verfärbt
von weissnichtwas,
vom Herbst,
vom Flügelschlag der Zeit.
Der Wels ging auf Grund
und schaut Welträtsel,
die Rückenflosse gekrümmt
und abgeschlagen.

21
Du trägst den Tod im Auge
wie das Blatt die Landschaft.
So kommt er tatsächlich,
gut gekleidet,
die Haare nach hinten gekämmt,
gescheitelt,
mit grobgelbmustriger Krawatte aufgeputzt,
rührt er dich an in deinem Auge
und bleibt
und bleibt im Dunkel des Walds
und bleibt in der Tiefe des Bergsees.
Das verraten die Falten deiner Augenhöhlen
und deine Pupillen,
in denen er wohnt und eingeht
von innen und aussen.

Etter, Paul

Wie ich Bergsteiger wurde

In der Nähe der Heimat und doch in den Bergen wollte ich meine Lehrzeit als Bäcker-Patissier durchlaufen. So zog ich hinauf ins Obertoggenburg, hinauf in dessen oberstes Dorf, ins heimelige, von vielen Bergen umgebene Wildhaus. Fünfzehnjährig geworden durfte ich die Lehre antreten und setzte zuerst allen Ehrgeiz ein, um ein guter ‹Stift› dieser süssen Zunft zu werden.

Nach und nach lernte ich auch nette Kameraden kennen, mit denen ich meine Freizeit und die Sonntage verbringen konnte. Bald gelang es mir auch, sie für die Berge zu begeistern, und hin und wieder bestiegen wir zusammen die schönsten Gipfel der Umgebung. Mit Säntis, Altmann, Schafberg, Gulmen, Mutschen war ich bald sehr vertraut. Doch die Kreuzberge lockten mich, und ich konnte meine Gedanken nicht von ihnen losreissen. Dort hinauf zog es mich, aber der Meister riet mir dringend von solch wilden Klettereien ab. Auch meinen Kameraden waren sie zu gefährlich. So war ich genötigt, ganz allein zu gehen.

Beim ersten Versuch schwindelte mir schon, als ich über den ausgesetzten Grasrücken gegen die Felsen des achten Kreuzberges stieg. Nein – so ein Tiefblick ins Rheintal, das war doch zuviel für mich. Enttäuscht zog ich mich zurück und begann zu ‹trainieren›. Aus meinem bescheidenen Sackgeld kaufte ich mir ein Wäscheseil, übte den Dülfersitz, kletterte in grasbewachsenen, brüchigen Felsen umher und setzte mich grossen Gefahren aus, die ich in meinem jugendlichen Leichtsinn nicht erkannte. Wie oft hätte ich ausgleiten und abstürzen können!

Dann stand ich wieder vor dem achten Kreuzberg. Es stürmte, und der Himmel war bedeckt. Trotzdem hatte ich diesmal schnell das Grasgrätlein überstiegen und die Einstiegschlucht erreicht. Ich stieg durch diese hoch, bis ich an einen etwa acht Meter hohen Felsabsatz gelangte. Er war sehr nass. Etwa drei Meter stieg ich hinauf und blieb dann stecken. Der Wind rauschte auf dem Grat, schwarze Bergdohlen kreischten um mich, und ich hörte die eiserne Gipfelfahne auf dem fünften Kreuzberg knarren. Angst schlich sich ein. Ich kam nicht mehr weiter. Es war einfach zuviel für mich. Mit hängendem Kopf stieg ich wieder ins Toggenburg hinab, einer arbeitsreichen Woche entgegen.

Doch diese Niederlage liess mir keine Ruhe. Darum kam ich eben ein drittes Mal an den Berg. Viele Touristen waren in der Gegend. Ich wollte nicht gesehen werden und schlich mehr als ich kletterte über das mir nun schon vertraute Grätchen in die nahe Schlucht.

Die Felsstufe war diesmal trocken, so dass ich sie besser überklettern konnte. Vor Erregung und Anstrengung keuchend kam ich auf der Scharte zwischen dem achten und dem siebten Kreuzberg an.

Der Tiefblick von hier ins Tal beeindruckte mich so sehr, dass ich auf allen vieren über die weiteren Felsen kroch. Der Gipfel war nun merklich näher gerückt, und nach einer weiteren Kletterei hatte ich ihn erreicht. Kaum wagte ich aufrecht zu stehen, aber die Freude über diesen ersten Erfolg war so gross, dass ich halblaut zu singen anfing.

Im Steinmann steckte ein Gipfelbuch, welches ich gierig durchblätterte. Es war bis fast auf die letzte Seite voll mit Namen solcher, die den Berg auch bestiegen hatten. Nicht nur über den Normalweg, – nein, sogar die Westwand und die Südwand waren schon durchklettert worden. Ich bewunderte diese mutigen Menschen. Dann schrieb ich gross und breit auch meinen Namen ins Buch, und mit winzigen Buchstaben fügte ich das Wort ‹Normalweg› an.

Wenige Minuten später war ich wieder auf der Scharte und hatte dort den Einfall, mich gleich auch noch am siebten Kreuzberg zu versuchen. An der leichtesten Stelle der Westwand, wo sich ein Riss weit hinaufzieht, begann ich. Meter um Meter schob ich mich darin höher. Alle Griffe und Tritte waren dort, wo ich sie zu finden wünschte. Auf einmal stand ich auf einer Felskanzel hoch über dem Tal. Doch wie ich dann auch suchte und probierte, ich kam nicht mehr weiter. So stieg ich zurück und wagte eine Querung nach links. Drei bis vier Meter hatte ich bald hinter mir, dann schien mir ein grosser, warzenartiger Block den Weiterweg zu versperren. Nach ihm sah das Gelände wieder kletterbar aus. Ich fasste den Block mit beiden Händen hinten an, rutschte auf dem Bauch und schwang dann meine langen, dünnen Beine hinüber. Zum Glück war dieses Hindernis rund und abgeschliffen, sonst hätte ich mir dabei arg die Hose zerrissen.

Ängstlich guckte ich von Zeit zu Zeit hinunter auf die Alp, ob ich von jemandem beobachtet werde. Mein Tun so allein war mir doch nicht ganz geheuer. Als ich aber auch auf diesem Gipfel stand, wurde ich von einer so unbändigen Freude gepackt, dass ich in einen überlauten Jauchzer ausbrach. Wanderer und Kletterer gaben mir Antwort. Es war mir, als hätte in jeder ein kleiner Vorwurf mitgeklungen, denn ich habe wohl fürchterlich geplärrt. Vielleicht wollten mir die andern Gebirgler bloss zeigen, wie es tönt, wenn man es wirklich kann.

Das Erreichen dieser beiden Kreuzberggipfel erweckte in mir Kraft, Mut und ein starkes Selbstvertrauen. Der Abstieg verlief ohne Schwierigkeiten. Warzenblock, Riss, Kamin mit Wandstufe und auch das Grätchen hatte ich bald hinter mir; mit eiligen Schritten stürmte ich hier herauf auf den vertrauten Mutschen.

Da sitze ich nun, lasse das Erlebte nochmals an mir vorüberziehen und grüble über meine Zukunft als Bäcker-Patissier.

Faessler, Peter

Falkner, Gerhard

Verschreibungen

Wer ich bin. Der unbekannte Absender einer E-Mail hat mich nicht nur erkannt, er hat mich durchschaut. Ich lese mit Erschrecken: Mr. Unknow Falkner. Es gibt einen Menschen auf der Welt, der mich kennt!

Alter oder die Kunst des Relativierens. Gemessen am Umstand, dass ich tot sein könnte, fühle ich mich ausgezeichnet. Gemessen am Umstand, dass es mir ausgezeichnet gehen könnte, fühle ich mich mies.

Die Nacht bringt es an den Tag.

Die Hitze stellte ihn in den Schatten.

Der arme Ball. Warum muss er immer im Netz ‹zappeln›? Kann er denn nie zur Ruhe kommen? (Requiescat in pace!)

«Ich habe nichts gegen Kultur», sagte der Politiker, «aber nach zwei Stunden Kultur brauche ich dringend einen Schnaps.»

Im Tauchbad der Kultur. Auftauchen, wer kein Fisch ist!

Es entspricht einer gewissen Logik, dass, wer zuerst kommt, auch das letzte Wort hat.

Was den Wolken recht ist, ist mir billig: ich verziehe mich.
Was dem Wind recht ist, ist mir billig: ich schlafe ein.
Was der Sonne recht ist, ist mir billig: ich gehe auf.

Der Tag erübrigte sich.

Was ihr nach seinem Tod am meisten fehlte, dass sie niemanden mehr nach der Zeit fragen konnte.

Alter. Er trug seine Vergessenheiten wie eine kostbare Porzellanvase vor sich her, die ihm jederzeit aus den Händen fallen konnte.

Kuhglockengeläute rund ums Haus. Der Tag ist grundiert und bereit für den Farbauftrag.

Der Alltag, unser Produkt. (Der graue Teppich, den wir den Tagen unterlegen, damit wir keine kalten Füsse bekommen. Die Freiheit – das wissen wir – tanzt auf schlüpfrigem Parkett.)

Fastenrath, Rudolf

Federer, Heinrich

Fisch, Chrigel

Fischli, Alfred

Forster, Carol

Verschluckte Leute

Immer wieder hat es mich in den Alpstein gezogen diesen Sommer. Kleine, feine Wanderungen, längere Märsche und auch ein paar Mordstouren mit Mordsmuskelkater danach. Gerade jetzt, Anfang Herbst, ist das Licht unvergleichlich. Das Grün ist so satt und hebt sich deutlich, aber sanft vom Grau und Braun der Berge ab. Die Luft ist klar, und wenn der Himmel auch noch blau ist, dann ist es da oben wirklich zum Jauchzen. Ich habe nur ein einziges Problem in den Bergen. Ich bin nicht schwindelfrei. In höheren Gefilden sind dann immer diese Stahlseile gespannt, an denen man sich festhalten kann. Ohne diese Hilfen wäre ich verloren. […] Als Kind musste ich jedes Wochenende in den Alpstein und bin damals, ohne mit der Wimper zu zucken, über den Lisengrat spaziert. Das muss das Alter sein, dass es mich so runterzieht jetzt – und ich an gewissen Stellen ziemlich verkrampft den Wänden entlang schleiche.

Der Alpstein ist bekanntlich nicht zu unterschätzen. Mehrere Personen, die irgendwann nicht von ihren Wanderungen zurückkehrten, werden noch immer vermisst. Als ich letztes Mal über den Chreialpfirst Richtung Zwinglipass unterwegs war, hätte der Berg auch mich beinahe verschluckt. Glücklicherweise war ich schon fast vorbei, als ich es wahrnahm: ein Loch! Wiese, Steine, Schrattenkalk überall, und direkt neben mir, mitten in der Wiese, ein Karstloch von fast zwei Metern Durchmesser. Vereinfacht gesagt sind diese Löcher Entwässerungskanäle, die das Wasser der Karstoberfläche durch das Innere des Gebirges zur Quelle führen. Mir wurde dann gesagt, dass es hier viele solche Löcher gebe und dass die Wegmacher in jedes Loch runterschauen, ob da nicht irgendwo verschluckte Leute hockten. Richtig mulmig und unheimlich fand ich das. Aber ich konnte es dann doch nicht lassen, einen Blick in den Berg zu riskieren, runterzuschauen. Es ging einfach nur runter, immer weiter und dunkler, unergründlich. Mit Herzklopfen wanderte ich weiter.

Ich musste die ganze Zeit an diese Löcher denken, bis ich im Tal unten war. Dass es den Bergen vielleicht manchmal einfach zu viel ist, wenn diese Horden von Wanderern auf ihnen herumtrampeln und die Spitzen ihrer Wanderstöcke in die Erde bohren und in den Fels hacken, dass es vielleicht sogar wehtut und dass sich dann diese Löcher auftun, um hin und wieder einen solch unbequemen Wandergesellen zu fressen. Und plötzlich war mir sonnenklar, weshalb wir früher immer die roten Socken zu den Knickerbockern tragen mussten.

Frehner, Otto

Frei, Bozena

Frei, Coralie

Die Unbekannte im Ozean

Sie ist wirklich unbekannt. Auf fast allen Weltkarten, grossen oder weniger wichtigen, sucht man sie vergebens.

Die Unbekannte im Ozean, das ist die Insel Anjouan. Ein Tourist mit der Seele eines Poeten nannte sie zärtlich die ‹Perle der Komoren›; seine wahren Beweggründe kenne ich aber nicht. Sie gehört zum Archipel der Komoren. Vier Inseln, früheres französisches Übersee-Territorium, drei davon sind heute unabhängig:

Grande Comore hat die Ehre, auf allen geografischen Karten aufgeführt zu werden. Sie erfreut sich einer florierenden Wirtschaft, und durch den Tourismus ist sie weltweit populär geworden. Die Hauptstadt Maroni ist zugleich auch jene des neuen Staates: R.F.I.C. (Föderale Islamische Republik der Komoren).

Mohéli, ‹die Kartoffel› (so benannt nach ihrer geografischen Form), erleidet ein ähnliches Schicksal wie Anjouan … (davon später). Es ist die kleinste der drei. Bescheiden, weniger gebildet und ruhiger.

Mayotte dagegen, der ich den Übernamen ‹die Vorsichtige› gegeben habe, ist sicher die Einzige, die weiss, wohin sie geht. Nach einer Volksabstimmung während der Unabhängigkeitserklärung der Komoren 1975 hat diese bisher diskrete Insel sich für die Zugehörigkeit zum französischen Territorium entschieden. Seither hat sie nicht aufgehört, lauthals den Status eines französischen Departments zu erreichen – im gleichen Stil wie andere französische Inseln: Antillen, Saint-Pierre-et-Miquelon, La Réunion … aber das ist eine andere Geschichte, auf die ich hier nicht näher eingehen will.

Die Unbekannte im Ozean, das bist auch du, hübsche kleine Fatima. Gerade mal zwanzig Frühlinge jung mit einem engelhaften Lächeln und mit deinen sechs Kindern, die du allein aufziehst. Dein eifriger Mann, Berufsoldat der französischen Armee, ist immerzu auf Reisen auf der ganzen Welt …

Auch du, meine liebe Nichte Roukia, die du sozusagen vergewaltigt wurdest am Abend deiner Hochzeit, von deinem Ehemann, der vierzig Jahre älter war als du. Mit dem Einverständnis deiner Mutter und ihrer Artgenossinnen, die sich glücklich schätzten, dasselbe Schicksal erlitten zu haben. Dein grosszügiger Gatte belohnte deine Schreie, deinen Schmerz, dein Leiden und deine Kapitulation reichlich; die vielen Pfunde geschenkten Goldes öffneten dir den Zugang in die Schwesternschaft der stolzen Anjouanesinnen, den weiblichen Bewohnern von Anjouan, deiner Insel.

Auch ihr seid es: Karim, Mahmud, Salim, Männer Anjouans, die ihr die Traditionen erduldet wie ein Verhängnis …

Und ich bin es, Marie Coralie, Tochter des Badjini, Moina Djini (kleine Djini.) Anjouan ist meine Insel. Sie sah mich zur Welt kommen, sah mich gross werden, hat mich belehrt.

Anjouan, das bin ich.

Ich bin die Unbekannte im Ozean.

Eines Tages habe ich sie verlassen. Ich wollte die Nabelschnur durchtrennen, wollte sie vergessen. Ich wollte, dass man mich vergisst, ich wollte mich vergessen …

Darum bin ich unbekannt geworden, und unbekannt werde ich bleiben. Immer. Für alle. Solange ich beharrlich vor meiner Insel fliehe, vor mir selber fliehe …

Fricker, H.R.

Froehling, Simon

Fröhlich, Kurt

Fuchs, Mäddel

Gahse, Zsuzsanna

Zu Füssen des Hochhamms

Als ich vor einigen Wochen mit Hans hergereist kam, standen wir gegen Mittag vor dem Kirchportal. Wir schauten zu der geschlossenen Häuserreihe hinüber, zu den Holzfassaden, und Hans sagte, dass es sich bei diesen Häusern wahrscheinlich um die bekannten Appenzeller Strick-Bauten handle. Um Holzstrickware sozusagen, die zum alten guten Wissen gehört und ja nicht in Vergessenheit geraten sollte.

Städtische Häuser, dachte ich. Eine ehemals werdende Stadt, die dann nicht weiter geworden war.

Jedenfalls standen wir vor dem Kirchportal, als unten auf der Strasse ein Kleinbus hielt. Sieben Personen stiegen aus, sieben Mal silbrige Haare. Die Leute, Frauen und Männer, streckten sich und Tränen flossen, beinahe zumindest. Sie kamen über die Stufen zu uns herauf und erzählten, dass sie alle aus Toronto gekommen seien. Eben erst angekommen, am Zürcher Flughafen. Sie hätten sich den Wagen gemietet, um sich hier in der Gegend umzuschauen. Denn zwei von ihnen stammten aus Schönengrund, die anderen aus Heiden und Trogen, und sie alle waren seit Jahrzehnten nicht mehr in der alten Heimat. Der Mann aus Schönengrund räusperte sich und zeigte zu einem Fenster hinauf. Da wurde ich geboren, sagte er. Später zeigte seine Frau ihr Elternhaus, vor allem aber schaute sie ständig in die Höhe, schüttelte den Kopf und meinte schliesslich, dass man ihr nicht zu glauben brauche, aber es sei vor allem das Licht, das hiesige Licht, das sie auf Anhieb wiedererkenne. Als gäbe es dieses bestimmte Licht auf der gesamten Welt nicht noch einmal.

Toronto und Schönengrund. Das sind zwei entgegengesetzte Lebensmöglichkeiten.

Die sieben Silberhaarigen schwiegen zwischendurch, sie schluckten, legten die Arme einander um die Schultern, und sie blieben bei uns stehen. Sie wollten noch weiter erzählen, und die Schönengrunderin wiederholte, wie erstaunt sie über das Licht sei, über ihr grundeigenes Licht.

Mehr oder minder zufällig sassen wir nachher gemeinsam beim Mittagessen. Die sieben erzählten ein wenig von ihrer Jugend, nicht viel, sie waren noch ganz benommen von der wieder gewonnenen Umgebung. Sie waren ja erst einige Stunden vorher gelandet, man könnte sagen, meinte einer von ihnen, dass sie noch nicht wirklich gelandet seien, und schon seien sie hier, auf dem Land.

Tja, was ist eine Stadt? Fünfzig Häuser können bereits eine Stadt sein. Ich sagte, Herisau beispielsweise sei wirklich eine Stadt, obwohl ich mir vorstellen könnte, dass sich dort die meisten Leute kennen und einander sogar begrüssen.

Die Sieben aus Toronto nickten und lächelten. Ich erzählte ihnen, dass ich in Herisau einmal einen Mann in der Nähe der Bibliothek gesehen habe, einen Rothaarigen, von einigen Jugendlichen umringt. Während ich ihm zuschaute, erklärte mir eine Passantin, dass man den Mann täglich sehen könne, den kenne jeder. Die Schüler oder die Schülerinnen erwarten ihn geradezu, und sie stellen ihm die vertracktesten Rechenaufgaben, fragen ihn nach der Wurzel aus vierhundertzwanzigtausend oder lassen ihn komplizierte Zahlen potenzieren.

Dann geht der Rothaarige ein wenig auf und ab, schnippt mit dem rechten Daumennagel am Mittelfinger, er schnippt unentwegt, am Mittelfinger fehlt schon die Haut, vorgebeugt geht er mit seinen Rechnungen los, liefert immer die richtigen Lösungen, und man sieht ihm an, dass er ausser seinen Zahlen nichts braucht. Sein Kopf funktioniert, das mag er, und er mag seine jungen Begleiter.

In Schönengrund würde der Rothaarige vereinsamen, vielleicht sogar verrückt werden. Kaum einer würde ihn brauchen. In Toronto hingegen würde man ihn übersehen, wer weiss!

Die Grösse einer Stadt sei eine Frage für sich, sagte der Mann aus Trogen. «So das ist eine Frage, you know», sagte er.

«Herisau einerseits, Toronto andererseits, daneben Schönengrund und daneben das alte Athen, das ist spannend», rief Hans und schob seinen Stuhl vom Tisch zurück, als wollte er zu einer Rede ausholen, aber er sagte nur: «Das kleine Athen, die erste Grossstadt, die erste wirkliche Stadt.»

Und dann flogen die Stadtnamen hin und her. Toronto, Istanbul, New York, das ewige London, Rio! Petersburg ist grösser als Rom, Bukarest hat mehr Einwohner als Wien, die Fläche von London ist doppelt so gross wie Toronto und Toronto beinahe dreimal so gross wie Appenzell Ausserrhoden.

Sagen wir nun, sagten wir, Schönengrund wäre ein hübscher kleiner Stadtbezirk der neuen Megametropole Appenzell. Hier, in einer schönen Zone der Riesenstadt, ginge man durch baumbesetzte Alleen und zwischen Hochhäusern mit zehn oder zwanzig Stockwerken, man stiege zum Hochhamm hinauf, wo natürlich weitere Hochhäuser stünden, und in einem dieser Bauten wäre das berühmte Terrassenkaffee Hochhamm, von wo aus man nicht nur bis nach Alt-Herisau und Alt-St. Gallen sehen könnte – natürlich nur bei entsprechend klarer Sicht –, sondern bis nach Alt-Bregenz, also zum Stadtbezirk Bregenz. Weit und breit nichts als schöne und weniger schöne hohe Häuser, ein endloses Häusermeer, dazwischen erstaunliche Brücken, erstaunlich hohe Wolkenkratzer, architektonisch bewundernswerte, schwindelerregend hohe Türme – und mitten im Häusermeer der hohe Kopf des Säntis, wie ein Zuckerhut. Irgendwo allerdings, am Rand der Riesenmetropole, gäbe es auch sogenannt marginale Viertel und bei etwas Missgeschick sogar die unvermeidlichen Favelas.

Auf diese Vorstellung, die wir gleich wieder verscheuchten, tranken wir einen Schluck Wein mit den silbernen Sieben, und der Mann aus Trogen fragte bedächtig, er frage sich selbst, ob er in einer derartigen Stadtgegend glücklich wäre.

Dann dachten alle nach. Es entstand eine lange Pause. Und da ich solche Pausen manchmal erschreckend finde, als hätte ich eine Kluft vor mir, sagte ich:

«Glückliche Leute haben den Vorzug: Sie sind gesünder. Weil sie gesünder sind, sind sie glücklicher, und deshalb sind sie wiederum gesünder und damit glücklicher. Glückliche Leute haben ein besseres Gedächtnis und wie von selbst angenehme Umgangsformen, womit sie dann gefallen, und dadurch sind sie glücklicher. Sie fühlen sich mitten in der Welt, inmitten der Welt, und das steigert ihre Lebensfreude. Vereinfacht aber sollte ich sagen: Glückliche Leute sind glücklicher.»

Wie auch immer. Es ist schön in dieser Gegend, und der Ortsname hier ist, wie gesagt, treffend.

Aber es geht halt um Land kontra Stadt. Gegenwärtig entwickelt sich alles in Richtung Stadt, in Richtung Megastadt, wo alles zur Verfügung steht und wo man einander nicht zu grüssen braucht, man kommt sowohl freundlich als auch unfreundlich aneinander vorbei. Und es heisst, dass in den grossen Städten meist mehr Kultur anzutreffen sei als auf dem Lande, wo eher nur Bäume oder Obst kultiviert werden. Aber es ist gut zu wissen, dass hier Raum genug für eine Metropole wäre, und es ist gut, dass sie nicht vorhanden ist, derzeit. Es könnte einmal durchaus eine Trendwende geben. Dann würden alle die Stadtflucht ergreifen, Tausende kämen aus den Städten herangefahren, hierher, in der Meinung, im Grunde nur hier glücklich zu sein, in Schönengrund, weil hier niemand am Rande sein kann. Unten im Grund wird niemand am Rand sein. Das leuchtet ein. Nur würde bei dem Massenandrang nichts mehr leuchten, so dass die Leute wieder abziehen müssten, und was ihnen bliebe, wäre die Sehnsucht hierher zurück.

Ganz, Heinrich Rudolf

Giger, Andreas

Gisi, Paul

Aline

In den Disteln
im Sande
in den Mauerritzen
in den Platanenkronen
im Maquis von Erdbeerbäumen
lieben sich Wirbelwespen
zwitschert der Girlitz
wiederholt die Steinohreule
ihren eintönigen Ruf –
in Fliederbüschen
schlagen Grasmücken
ihren Wohnsitz auf
Tausende von entzückenden Insekten
sammeln jagen und bauen –
kleine Aline
schau
auch ich baue dir ein Nest

 

Durch schlickende Stille
des nächtlichen Hafens
pfeift ein junger Matrose –
du kleines Mädchen komm
wir schlendern
verspielt umarmt
zum Bistro
am kleinen Platz
mit den grossen Platanen –
unter diesen Sternen
ist alles gut

Glauser, Friedrich

Grubenmann, Albert

Grubenmann, Ottilia

Spitalgeburt

Am Vorabend des ersten Mai erhielt ich Bericht, eine Erstgebärende, die schon vor einem Monat Alarm geschlagen hatte, habe endlich Blutspuren. Weil sie auch von Wehen sprach, lockte mich das an ihren Wohnort. Sie lief gespannt und steif umher, verkrampfte sich während ihrer angeblichen Wehen, wie wenn es bei ihr schon fortgeschritten wäre. Ich sagte ihr, dass diese Nacht bestimmt noch keine Geburt erfolgen werde und dass sie erst ins Spital gehen müsse, wenn die Wehen ernstlich zunähmen. Also war diese Nacht nichts los. Gegen halb sechs orientierte mich die Nachtschwester von Gais über das, was sich dort nachts ereignet hatte. Zwei Frauen waren eingetreten, wobei die erste der zweiten im Gebärzimmer Platz machen musste, was leicht geschehen konnte, denn die erste hatte nur unbedeutende Wehen.

Somit machte ich mich auf eine lange Wartezeit gefasst. Ich nahm ein Strickzeug mit, das ich während der Wehenpausen zu einem Knäuel aufziehen wollte. Die eine, des unnötigen Jammerns nicht müde werdend, vertröstete ich auf später, da ihr Muttermund noch vollständig geschlossen war. Er fühlte sich ungefähr so an wie die letzte zusammengezogene Runde beim Schlussabnehmen eines dicken Sportsockens. Der Kopf des Kindes stand ebenfalls noch hoch. Wollte man ihn von unten erreichen, musste man die Frau zum Pressen anhalten, sonst griff man ins Leere. Die Drittgebärende jedoch hatte eine Muttermundsöffnung in der Grösse von zwei Franken, und diese Öffnung war so weich, dass sie während des Untersuchs mühelos auf die Weite von fünf Franken gedehnt werden konnte. Dies gibt die Gewissheit, dass mit einer kleinen Unterstützung, manchmal schon mit einem Klistier oder mit ganz wenig Wehenmittel, die Geburt sofort in Gang kommt. Nach dem erfolglosen Klistier, das immerhin den Vorteil einer Darmentleerung hatte, nahm ich die Erlaubnis für ein Wehenmittel entgegen.

Nun zog ich neben dem Gebärbett, bis ich Wichtigeres zu tun bekam, mein graues Strickzeug auf, denn die wirksame Wehentätigkeit kam erst nach der zweiten Injektion in Gang. Zwischendurch wurde ich ans Telefon gerufen, wo ich einer Mutter Auskunft betreffend ihrer Stillschwierigkeiten geben musste. Meine Abwesenheit vom Gebärzimmer hatte nicht länger als fünf Minuten gedauert und schon zeigte die Leuchtkugel oberhalb der Tür auf Alarm. Die Frau wurde vom Blasensprung überrascht, weshalb sie geläutet hatte. Nun mussten noch die letzten Vorbereitungen zur Geburt getroffen werden, um dann erneut zu blinken. Diesmal der diensttuenden Schwester, damit sie beim Durchtritt des kindlichen Schädels mit der Metherginspritze in die Armvene bereit war.

Gleich begann die Frau mit der Austreibung. Beim dritten Pressweh trat der Kopf des Kindes durch, begleitet von einem leisen Stöhnen seiner Mutter, die entschuldigend sagte: «Jetzt werde ich noch wehleidig.» Es war eine Spontangeburt wie tausend andere, und doch ist es immer wieder bei jeder Frau ein anderes, manchmal sehr tief gehendes Erlebnis, das uns stets wieder das wunderbare Geschehen der Menschwerdung vor Augen führt. Das Kind war ein Mädchen. Als ich nach seinem Namen fragte, sagte die Bäuerin im Gedenken an ihr verstorbenes Kind wehmütig: «Wieder eine Maya», denn ihr letztes Mädchen war auf tragische Weise ums Leben gekommen.

Inzwischen war die andere Frau nach Hause verreist und auf Montag bestellt worden, falls die Geburt nicht vorher in Gang kommen würde.

Zu jener Frau, der ich prophezeit hatte, dass ihr Kind diese Nacht mit Sicherheit nicht komme, fuhr ich morgens um vier Uhr, nach getaner Arbeit im Spital. Nun war ihr Muttermund auf ein bis zwei Franken offen, der kindliche Schädel aber immer noch hochstehend. Ich hatte ein Zäpfchen zur Beruhigung mitgebracht und sagte ihr, dass ich mich daheim noch eine Weile hinlegen würde, um sie dann wieder zu kontrollieren. In Wirklichkeit gedachte ich, daheim zu schreiben, denn wenn man das Erlebte nicht sogleich zu Papier bringt, verwischen sich die Eindrücke und etliches geht vergessen. So fuhr ich, den frühen Sonntagmorgen geniessend, unserem Dorfe zu. Der Himmel war leicht bewölkt. Die Berge ergaben eine markante Silhouette, darüber ein Stück freier Himmel, dann wieder die schönen Wolken. Daheim angekommen, orientierte mich meine Mutter über einen Anruf. Ich bedauerte sehr, dass sie als alte Frau noch von abends bis morgens als Telefonistin dienen musste. Dann also doch noch für eineinhalb Stunden – gute Nacht!

Grunder, Paul

Gurtner, Othmar

Hartmann, Jakob

Das Vorspiel des Lebens

Nun zog der Herbst in mein Jugendland. Undurchdringliche graue Nebel lagen über dem See, auf dem die Nebelhörner heulten. Dieses Heulen tat mir weh, denn ich ahnte eine Gefahr, zwar nicht für mich, aber für andere Menschen, die auf den Schiffen das Nebelmeer durchfuhren. An manchen Tagen zerteilte sich gegen Mittag der dichte Schleier über dem See und der Landschaft, und von leuchtenden Sonnengeländen grüsste mein Wunderland zu dem entzückten Joggeli nach Felsberg herüber. O ihr lichtgetränkten Strandbilder, wie oft hat meine erwachende Seele sich gesonnt und belebt an der Überfülle von Schönheit und göttlicher Herrlichkeit, die sich da dem freudetrunkenen Auge offenbarte. Über den Steinbrüchen im Moos erhebt sich der Rossbüchel, später mit dem moderneren Namen ‹Fünfländerblick› belegt. Gegen die Mitternachtseite verbindet ein langer Dämmerstreifen badisches, württembergisches und bayrisches Land mit-
einander. Tief im Nordwesten beginnend, endet er beim Eiland der Stadt Lindau und strebt über dem Gebhardsberg weiter, um sich in den dunklen Forsten des Bregenzerwaldes zu verlieren. Als ich an einem dieser selten schönen und erhabenen Herbsttage diese Lande überschaute und meinen Blick über Hochmatt schweifen liess, sah ich ein Gewimmel mächtiger Gräte und Rücken, die einen gewaltigen Gebirgsstock emporhoben, der den fünf Ländern weithin seinen Gletscherfirn zeigte und wogiges Hügelland und strömende Bäche von sich ausstiess. Dieser Gebirgsstock unterbricht gegen Westen den Lauf der Bergeslinie des Alpsteins. Aus diesem fernen Bergland kam eines Abends ein rüstiger Fussgänger geschritten. Auf einem ‹Rääf› trug er ein kleines, bemaltes Komödli und erkundigte sich nach der Behausung des Deckers Heinrich Tanner. Nachdem er sie gefunden, stellte er die Bürde auf die Ofenbank, öffnete nach kurzer Begrüssung die beiden Schubladen und entnahm ihnen drei Paar Holzschuhe. Mir schenkte er einige hölzerne Kühe und der kleinen Schwester Elisa eine Holzpuppe und ein Bettstättlein; alle diese Dinge waren das Werk seiner Hände. Dieser kleine, besetzte Mann mit dem grauen Kranzbart und der ausrasierten Oberlippe war mein Grossvater väterlicherseits, der den weiten Weg aus seiner rauhen Bergheimat zu uns zu Fuss gemacht hatte. Trotz seinen 65 Jahren reichte das volle, gebleichte Lockenhaar bis an die Schläfe, nur sein Körper war von harter Arbeit vornüber gebeugt. Die Tanner waren ein zähes Geschlecht und geschickt zu mancher Hantierung und voll gesunden, sprühenden Witzes. Mein Grossvater erzählte, dass auf seinem Heimeli drei Kühe und zwei Geissen Atzung fänden, und dass er sich im Sommer mit Zimmerarbeit und im Winter mit Holzschuhmachen befasse. Daher nannte man ihn zu Hause den ‹Holzbodenruedi› und zufällig lag auch seine Behausung im Holzboden in der Gemeinde Schönengrund. Bevor er an diesem ersten Abend zu Bette ging, nahm er ein kleines, abgegriffenes Buch aus seiner inneren Westentasche, – die Weste war aus rotem Scharlach und hatte beidseitig silberne, achteckige Knöpfe –, und las aus dem Psalter eine seelische Stärkung vor, wie er es nannte. «David war der erste und grösste Dichter und er verstand es, wie kein zweiter, die Saiten und Stimmungen der Seele zu berühren», sagte der Grossvater. Zuletzt sprach er ein kurzes Gebet mit dem Schlusssatz: «Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.» Drei Tage blieb der Grossvater bei uns, und als ich zutraulicher gegen ihn wurde, erzählte er manche Geschichte, die sich im Bereiche seiner Heimat zugetragen. Indessen rühmte er auch unser Land, der See und die Reben hatten es ihm besonders angetan. Er wusste es bisher nicht, dass es in unserem rauhen Bergland reife, blaue Trauben gebe, die man essen konnte, ohne an Essig oder Holzäpfel zu denken. Am letzten Nachmittage, ehe die Sonne zur Rüste ging, kam noch eine ersehnte Gelegenheit, dem guten Grossvater mein Wunderland zu zeigen. Die Nebel hatten es freigegeben, wie man einen Gefangenen freilässt, und ich führte meinen Vorfahr auf einen Aussichtspunkt, die See-Ebene, von den Felsbergern ‹Seebeli› genannt. Dort wies ich ihm die Herrlichkeiten, welche meine kindliche Phantasie mit Wonne und keimenden Hoffnungen erfüllten. Der Grossvater zündete, behaglich auf einer Beige gefällten Holzes sitzend, sein ‹Lindauerli› an, und ich ergriff die gute Stimmung und hob das Land meiner Sehnsucht zu schildern an. Beim Gebhardsberg mit seinen rotkahlen Felsen beginnend, wies ich auf die weissen Bauten von Friedrichshafen und Meersburg hin, dieser letztere Name allein genügte, um ein Märchenreich aufzubauen. Zum Schlusse meiner begeisterten Betrachtung zeigte ich dem teilnehmenden Grossvater einen weithin schimmernden Streifen Wassers, indem ich mit ausgestrecktem Arm auf jene blinkende Stelle hindeutete: «Grossvater, der Tobias hat gesagt, dort weit unten sei die Stadt Konstanz, und dort führe die silberne Strasse ans Ende der Welt.» Mein Grossvater war ob dieser Aussage erstaunt, indem er sagte: «Büblein, du weisst viel für dein Alter, aber so viel ich merken kann, muss das der Rhein sein, der dort aus dem Bodensee kommt und seinen Weg, um manche Klafter breiter geworden, allein weiter reist. Eine Strasse kann es nicht sein, einmal keine Landstrasse. Aber wart – der Tobias hat da ein Gleichnis gebraucht, er hat eine Wasserstrasse gemeint. Ja, dann hat er recht, dann führt sie ans Ende der Welt.» Indem ich dem lieben Grossvater in die milden, braunen Augen und in sein faltiges Gesicht sah, ahnte ich ein klein wenig von der Grösse und Erhabenheit dieser Wasserstrasse, die Länder und Meere miteinander verbindet. – Bald senkten sich düstere Abendschatten über die fernen Sonnengestade, finstere Nebelschwaden krochen drohenden Ungeheuern gleich, Wasserstrasse und See verhüllend, einher, und als ich, von Grossvater geführt, heimwärts zog, stöhnten die Nebelhörner, als lauerten Tod und Untergang in den Tiefen des Wassers.

Heer, Gottlieb Heinrich

Hefti, Jakob

Heim, Albert

Hermann, Isabell

Hesse, Hermann

Hohl, Ludwig

Bergfahrt

Erster Anstieg

Am Vormittag vollzieht sich der erste Anstieg durch den lichten Bergwald auf einem in Serpentinen angelegten Weg, über einen langen und steilen Hang, einen von Licht und Luft durchflossenen, der in Kühle noch und in erster Wärme steht zugleich. Voran geht Ull, hinterher der lange, hagere Johann, aber sie schreiten nicht auf dieselbe Art: gebückt wohl beide, der erste jedoch in etwas höherem Masse, mit geschmeidigeren, fast etwas nachlässigen Bewegungen: er ist ein guter Berggänger; der zweite dagegen hat nichts Geschmeidiges, er arbeitet mit Kraft, als ob er dem Berg harte Stösse versetzen müsse: ein schlechter Gänger.

Bald schon ist leichter Schweiss ausgebrochen; es drücken die Riemen der schweren Säcke, eine Stelle an den Schuhen, am Gürtel oder anderswo; bei dem gleichförmigen Geräusch der kratzenden Nagelschuhe, der Pickelspitze auf dem Gestein und rollenden Geschiebes, bei dem scheinbaren nicht Höherkommen, gleicht das mühselige Begehen des Wegs dem von vielen, von hundert anderen. Aus der Tiefe das Murmeln oder leise Tosen eines Bachs, bald kaum hörbar, bald vernehmlicher. Eine Stunde, zwei Stunden lang, mehr – und es scheint, der Aufstieg dauere ewig.

Aber auf einmal hat sich vieles geändert. Der Hang ist zu Ende, ist in eine Art breite Schulter übergegangen, die in rechtem Winkel zum Hang gegen die Gesamtflanke des Gebirges vorstösst, leicht ansteigend. Der spärliche Wald hat nun aufgehört; vor allem sind seine Laubbäume mehr und mehr durch Tannen ersetzt worden und diese stehen nur noch vereinzelt und von dürftiger Gestalt in Wiesen; man beginnt einzutreten in die Alpregion.

Schon haben sie tausend Meter unter sich gebracht. Eine weite Aussicht hatte sich eröffnet. Bei einer Quelle am Wege liessen sie sich nieder, einem kleinen Wässerlein, das über Felsen rann, inmitten eines breiten Rasenbandes, das der Weg querte, im Zickzack hinansteigend, dem Fuss einer grösseren und zusammenhängenden Felswand entgegen, die wenig weiter oben die Wiesenhänge ablöste. Die Wärme war nun gestiegen, Hang und Felsen strahlten eine eigentliche Hitze aus, kein Wind ging, und eine wunderbare Ruhe breitete sich über alles. Das Berggras ringsum, von herberem Grün, härter und zarter und weniger hoch als das fette Gras der Täler, lud zur Rast ein. Man blickte hinunter in den obern Teil des Seitentals, zu seinem kleinen Fluss und jenseits, wenig erhöht über ihm, einem wahrhaft träumenden Dörfchen; es sah so still, so rein aus, in so edler Friedlichkeit ruhend, wie keine Dörfer in Wirklichkeit sein können, wenn man schon Wirklichkeit jene Nähe nennen will, wo man mit einem Ding zusammen leben, es berühren kann. Und das Tönen des Baches oder kleinen Flusses – oder vielleicht noch verschiedener anderer Bäche – drang unaufhörlich, gedämpft und melodisch, aus der Tiefe herauf. Immer aber hier oben, neben den weichen, mit zarten Blumen geschmückten Rasenpolstern, die schönen, ewig ruhenden Felsen, die einen in bläulichen, schwärzlichen Schatten, die andern glitzernd, bebend fast unter der Gewalt der Mittagssonne, zitterndes Licht sendend.

«Wir haben Zeit genug; wir können hier eine oder zwei Stunden bleiben, wenn es uns gefällt.» Ull hatte seinen Rucksack geöffnet, zog einiges hervor. Johann hatte den Sack ebenfalls abgelegt, sass daneben und rührte sich nicht. Ull reichte ihm einen Becher des klaren Wassers, den er sofort leerte und zurückgab, und wieder rührte er sich nicht. «Willst du nichts zu dir nehmen?»

«Ich esse halt dann, wenn wir droben sind.»

«Wo droben? Was, zum Teufel, willst du damit sagen? Vielleicht in der Hütte – vielleicht morgen auf einem Gipfel?»

Ein Zucken mit der Schulter anstelle einer Antwort.

«Du weisst, dass für einen Bergsteiger viel davon abhängt, dass er sich nährt, und zwar von Anfang an.»
Er wollte noch hinzufügen: «Wenn du jetzt schon nichts issest, wirst du nicht durchhalten», behielt das aber für sich.

Es ist jedoch zu bemerken, dass Johann in seinem allgemeinen Leben ein starker Esser war trotz seiner Hagerkeit. In Paris in einem kleinen Restaurant bestellte er nicht selten zwei Menus auf einmal mit nur einem Gedeck; kaufte er sich am Nachmittag dreihundert Gramm Käse, den er in etwa zwanzig Würfel zerschnitt und im Nu vertilgte mit einer entsprechenden Menge Brot dazu. So hatte er am Vortage, als sie sich im Marktflecken verproviantierten, seine Augen auf Büchsen gerichtet, die ein Kilo Rindfleisch enthielten, und Ull riet ihm ab davon (weil solche Büchsen niemals in einem Mal aufzuessen und auch nicht aufzubewahren seien, also eine unnötige Belastung darstellten); nachher zeigte sich, dass er doch drei dieser Büchsen mitgeschmuggelt hatte. Wenn Johann einen Anfall von Melancholie hatte, was oft geschah, so pflegte dies keineswegs seine Fresslust zu vermindern, im Gegenteil. Und eben deshalb war Ull nun beunruhigt. Er versuchte es mit nochmaligem Zureden. Und wieder war die Antwort:

«Halt wenn wir oben sind.»

Dabei machte er eine hilflose Bewegung mit der Hand gegen das unermessliche, unüberblickbare Getürme der Bergflanke.

Hohler, Franz

Hörler, Rolf

Hörler, Rosie

Ilg, Paul

Imhof, Eduard

Inauen, Johann

Inauen, Roland

Heuen war …

Heuen war …

• von einem Tag auf den andern Ferien. Wir gingen nicht, wir rannten heim. Endlich begann das richtige Leben – zumindest für gut zehn Wochen.
• zu Beginn blutunterlaufene Blootere (1) an den Händen – immer an denselben Stellen. Melkfett half auch nicht, aber hie und da ein Sugus (2).
• nach und nach dicke, zähe Fusssohlen und zwischen den Zehen Stompelöcher (3), die sauweh tun konnten. Am Abend Füssewaschen in Schmierseifenwasser. Aber sie wurden nicht sauber. Nie.
• die Hände voller Charesalb (4), weil beim Rabit (5) die Zapfenwelle klemmte.
• eine eigene Heugabel mit einem Stiel, den hundert Kinderhände vor mir blank geschliffen hatten.
• auf einem Bein stehen und am Gabelstiel sugle (6). Die Grossen hatten schliesslich ihre Backpfeife.
• zum Vesperessen im Schatten eines Ahorns lauwarmen Milchkaffee aus 
braunroten Bierflaschen mit Bügelverschlüssen trinken, die in Zeitungen eingewickelt waren und in einer schwarzen, schmalen Ledertasche lagen, die nach saurem Most und Leder roch – und nach Milchkaffee mit Frank Aroma (7).
• s Meescht neh (8). Auch das musste gelernt sein, denn es war gar nicht einfach, Heu oder Emd in beide Hände zu nehmen, ohne es überall zu vezattle. Dazu waren alle Muskeln der kleinen Hände und Unterarme gefordert. Ein Dichter müsste her, um diese elementare Tätigkeit genau zu beschreiben. Kein Halm ging verloren.
• zweifarbige Arme: unten schwarz und etwa ab der Mitte des Oberarms weiss.
• woobe, wende, je nach dem: öbereschöttle, medle ond zette, iireche, wider medle, schoche oder huenze, Medli cheere, Medli zette, Schoche oder Huenze vetue (aber erst wenn der Boden trocken war), wider wende, zemetue, reche, Ääfl mache, aalegge, d Bodi bönde, d Bodi aabzüche, reche, iiträge, d Bodi vetue, staampfe. (9) Und das war noch lange nicht alles.
• der immer selbe Spruch unseres Onkels, wenn unsere Kräfte nachliessen: de Reche fescht häbe ond wädli laufe. (10)
• der Bumeranzeschölferesirup (11) unserer Grossmutter – denn Durst hatten wir immer – und hie und da ein Sugus.
• d Heuläätere (12) uuf. Es gab zwei Sorten von Heuläätere-Sprotze (13): runde und flach-eckige. Die runden, rauen Sprossen passten so schön in die Fusshöhlen hinein und lösten im ganzen Körper einen Höhenrausch und die Vorfreude auf den Heustock aus.
• das explosionsartige Geräusch beim ruckartigen Lösen des Heuseil-Schlicks (14). Im nächsten Augenblick war der Knall vom Heu verschluckt und die Bodi (15) fiel fast lautlos auseinander.
• das bange Chlöckle am Glaas (16) (wenn’s abi ging, hätten wir am liebsten die Faust draufgehauen).
• die dunkelgrünen schwimmenden Mostflaschen der Grossen im Brunnentrog – und ein paar Heublumen dazu.
• vor lauter Müedi (17) das Putzen der Suguszähne vergessen.

1 Blootere Blasen
2 Sugus (Markenname) Fruchtcaramel
3 Stompelöcher kleine Wunden an den Fusssohlen
4 Charesalb Schmierfett
5 Rabit Rapid (Markenname), Einachser, Vielzweckmaschine
6 sugle saugen
7 Frank Aroma (Markenname) Kaffeeersatz
8 s Meescht neh von Hand kleine Heumaden, die durch das Rechen entstehen, zusammennehmen
9 Tätigkeiten beim Heuen und Heu eintragen
10 de Reche fescht häbe ond wädli laufe den Rechen fest halten und schnell laufen
11 Bumeranzeschölferesirup Orangenschalensirup
12 Heuläätere Heuleiter
13 Sprotze Sprossen
14 Schlick Knoten
15 Bodi Burde
16 Chlöckle am Glaas leichtes Klopfen am Barometer
17 Müedi Müdigkeit

Jaeggy, Fleur

Die seligen Jahre der Züchtigung

Fast drei Monate waren vergangen, das zweite Trimester näherte sich dem Ende, und ich hatte Frédérique im Stich gelassen. Jeden Abend wenn ich in meinem Bett lag und die Deutsche schlief, ihre Ohrringe schön auf dem Kissen drapiert, durchlief ich die Zeit mit Frédérique; sie und ich gingen spazieren, und manchmal sprach ich laut, ohne es zu merken. Ich nahm mir vor, am nächsten Morgen zu ihr zu gehen. Alles würde wieder so sein wie früher. Am nächsten Morgen gab ich meine Vorsätze auf. Wenn ich sie auf dem Gang traf, lächelte sie mir zu, ohne stehenzubleiben. Sie gab mir nicht einmal die Chance, mit ihr zu sprechen. Sie wich mir aus wie ein Schatten; wenn wir im selben Raum waren, gelang es mir nicht mehr, mit Micheline zu lachen, und ich hörte nicht auf, Frédérique anzustarren, in der Hoffnung auf eine Reaktion oder ein Zeichen. Aber sie liess sich nicht beirren.

Frédérique hat mich in diesen Monaten nie gesucht. Eher war ich es, die versuchte, mich mit meinen Greisenhänden an ihr festzuklammern. Eines Tages kam die Nachricht, dass ihr Vater gestorben sei. Und dass Frédérique abreisen werde. An dem Tag geriet ich in Panik. Es war etwas Unwiderrufliches. Ich rannte in ihr Zimmer. Sie sprach sehr freundlich zu mir, sie werde zur Beerdigung ihres Vaters fahren und nicht mehr ins Bausler-Institut zurückkehren. Ich begleitete sie zu dem kleinen Bahnhof von Teufen. Warm war es, der Himmel war blau, in der Ferne verschleierte ein Dunst die Unendlichkeit. Die Landschaft war berückend. Es war drei Uhr nachmittags. Sie sprach kaum, sie ging schnell. Ich hatte Angst, ich ging hinter ihr und lief immer wieder, um sie einzuholen.

Ich erklärte mich, erklärte ihr meine Liebe. Mehr als an sie wandte ich mich an die Landschaft. Der Zug wirkte wie ein Spielzeug, er fuhr ab. Ne sois pas triste. Sie hatte mir noch ein Briefchen in die Hand gedrückt. Ich hatte das Wichtigste in meinem Leben verloren, der Himmel war immer noch blau, ungerührt, alles sehnte sich nach Frieden und Glück, die Landschaft war idyllisch, wie die idyllische und verzweifelte Jugend. Die Landschaft schien uns zu schützen, die kleinen weissen Appenzeller Häuser, den Brunnen, die Inschrift ‹Töchterinstitut›, es schien ein von den menschlichen Deformationen unberührter Ort. Ist es möglich, sich in einer Idylle verloren zu fühlen? Eine Katastrophenstimmung breitete sich über die Landschaft. Das Unwiederbringliche traf mich an einem der schönsten und klarsten Tage des Jahres. Ich hatte Frédérique verloren. Ich nahm ihr das Versprechen ab, mir zu schreiben. Sie gab es mir, aber ich spürte, dass sie es nicht halten würde. Ich schrieb ihr sofort einen leidenschaftlichen Brief, ohne zu wissen, was ich eigentlich sagte. Ich wartete auf eine Antwort. Ich spürte, dass sie mir nie schreiben wurde. Das passte nicht zu ihr. Frédérique verschwindet.

Und so war es, sie ist verschwunden. Ich kehrte ins Internat zurück und verbrachte die Zeit damit zu leiden, was auch eine Form des Zeitvertreibs ist. Ich las das Briefchen, das sie mir am Bahnhof gegeben hatte, zwei kleine karierte Blätter, sieben Zentimeter lang. Auf der papiernen Wand schlief ihre Handschrift wie auf einem Grabstein. Ich hatte schon begonnen, ihre Schrift nachzuahmen, ich übte geduldig, bis ich die Perfektion perfektionierte, in der Strenge der Falschheit. Ich las die Blätter wie ein Ornament. Wellen. Sie sprach von metaphysischen Dingen, nicht eine einzige Andeutung unserer Freundschaft. Diese Ermahnung, dieser Betrug, dieser anonyme Ton, ökumenisch und klösterlich, eignete sich für jeden. In der letzten Zeile umarmte sie mich herzlich: eine förmliche Redewendung, eine tote Geste. Wir haben einander nie umarmt, auch von Zuneigung war zwischen uns nie die Rede. Ihr Brief war in gewisser Weise eine Predigt, sie sprach mir bestimmte Qualitäten zu und zugleich einen gewissen Hang zur Zerstörung. Ich bewahrte die zwei Blätter weder wie eine Reliquie auf, noch zerriss ich sie im ruhelosen, düsteren Frühling, um sie ins Nichts zu streuen. Eine Zeitlang trug ich sie in einer Tasche mit mir herum, dann zerknitterten sie, das Papier wurde mürbe und zerfiel, die Tinte verblasste. Frédériques Worte gingen ihrer Beerdigung entgegen. Manche Worte konnten wir mit einem Kreuz und einer Karteikarte markieren.

Kämpf, Matto

Kaspar, Praxedis

Keller, Andrea Maria

Keller, David

Keller, Stefan

Kessler, Paul

Kishon, Ephraim

Klauser, Hans Peter

Knellwolf, Ulrich

Klassentreffen

Vor der Post wartete Frischknecht auf den gelben Autobus. Er kannte die Strecke genau. Auf der Anhöhe hinter Heiden über die Kreuzung – rechts nach Rehetobel, links nach Oberegg –, weiter geradeaus durch das Dorf Wald mit der Kirche. Von dort aus konnte man Trogen auf der Hügelkuppe gegenüber liegen sehen. In engen Kurven ging es ins Tobel hinunter und auf der anderen Seite wieder hinauf.

Frischknecht stieg am Dorfplatz aus. Vor der Kirche und zwischen den vornehmen Häusern der alten Trogener Handelsfamilien wird jedes zweite Jahr die Landsgemeinde des Kantons Appenzell Ausserrhoden abgehalten. Rechts neben der Kirche steht das niedrigste Haus am Platz, das Gasthaus zur Krone. Mit seiner auffälligen Fassadenmalerei versucht es, sich gegen die Übermacht von Kirche und Bürgerhäusern zu behaupten.

Er setzte sich an einen der eisernen Tische vor dem Gasthaus. Zum Platz hin waren sie durch Sträucher in Kübeln geschützt. Es war kurz vor halb zwölf. Um zwölf Uhr waren sie verabredet. Der Kellner begrüsste ihn. Sie kannten sich. Frischknecht bestellte einen Kaffee. Er trank und wartete. Sein kahler Schädel glänzte in der Sonne.

Den weitesten Weg hätte Theophil Kellerhals gehabt. Schon von Bern nach Trogen zu fahren ist keine Kleinigkeit, wenn man über achtzig ist, aber Kellerhals wohnte nicht einmal in Bern, sondern in der Altersresidenz einer wohlhabenden Berner Vorortgemeinde.

Als einziger Sohn von Missionaren aus dem Emmental in Kanton in China geboren, war er in die Schweiz zur Schule geschickt worden. Wegen seiner schwachen Konstitution hatte er nicht, wie für Missionarskinder damals üblich, die Mittelschule in Basel, sondern im voralpinen Trogen besucht. Nach der Matura hatte er in Basel bei dem von den Nazis aus Deutschland vertriebenen Karl Barth Theologie studiert und dann eine kleine Gemeinde auf dem Land übernommen. Wenig später war er Heimatsekretär einer Missionsgesellschaft geworden, über dreissig Jahre lang, bis zu seiner Pensionierung.

In Trogen war Kellerhals mit Lukas Rothpletz eng befreundet gewesen, und, hatte man geflüstert, nicht nur platonisch. Von Rothpletz zumindest hatte es als sicher gegolten, dass er Männern mehr zugetan war als Frauen, und es hatte auch niemanden erstaunt, dass Kellerhals lange unverheiratet geblieben war. Erst in vorgerücktem Alter hatte er die Witwe eines Berner Privatbankiers geheiratet. Sie war vor zehn Jahren gestorben, und Kellerhals hatte ausser einem Haus in der Berner Altstadt ein Landschlösschen und ein respektables Barvermögen geerbt.

Schon vor vierzehn Tagen hatte Kellerhals, zittrig, so dass es kaum zu lesen war, an Frischknecht geschrieben, dass er wegen seiner Gebrechlichkeit auf die Teilnahme am diesjährigen Klassentreffen in Trogen leider verzichten müsse, aber die Kameraden und Freunde herzlich grüssen lasse.

Frischknecht sass noch keine Viertelstunde an dem Tisch vor dem Gasthaus, als Lukas Rothpletz in beiger Kolonialbaumwolle und Strohhut aus der Kirche trat und zu ihm herüberschlenderte.

«Ich bin jedesmal entzückt von diesem Platz und dieser Kirche», sagte er. «Und jedesmal, wenn ich hier bin, muss ich dem alten Grubenmann die Reverenz erweisen. Was wäre aus diesem Provinzbaumeister geworden, wenn er in Italien gewesen wäre!»

Lukas Rothpletz kam aus Basel, wo er, seitdem er aus Florenz zurückgekehrt war, wieder in seinem Elternhaus in der Nähe des alten Kollegiengebäudes am Rheinsprung wohnte. Er hatte sich mit fünfundsechzig entschlossen, nach Italien überzusiedeln, und in der Altstadt von Florenz eine Wohnung gekauft. Zehn Jahre später habe er jedoch einsehen müssen, erzählte er gern, dass er halt ein transalpiner Typ sei, und habe deshalb seine florentinischen Zelte wieder abgebrochen. Er war seinerzeit nach Trogen gekommen, weil seine Leistungen am Basler Humanistischen Gymnasium zu wünschen übrig gelassen hatten. Seit Generationen wäre Rothpletz der erste in der Familie gewesen, der ohne Matura hätte durchs Leben gehen müssen. So war er der erste, der sie ohne Griechisch, nur mit Latein schaffte. Dennoch war er Kunsthistoriker geworden und war zuletzt Leiter einer privaten Stiftung von europäischem Format und ausserordentlicher Professor an der Universität in Basel. In Fachzeitschriften publizierte er auch jetzt noch hie und da Aufsätze über entlegene kunsthistorische Themen. «Kommt Kellerhals?» fragte Rothpletz.

«Nein. Er fühlt sich zu schwach», sagte Frischknecht. «Und auch Arnold kann nicht kommen. Seine Tochter hat mich gestern angerufen.»
Arnold Anderegg, begabter Bauernsohn aus dem appenzellischen Hinterland, frühreifer Lyriker, hatte sein Leben als Adjunkt im Staatsarchiv des Kantons St. Gallen verbracht.

«Sein Magen will nicht mehr.»

«Krebs?»

«Man spricht nicht davon, aber ich vermute es.»

«Der arme Kerl», sagte Rothpletz und setzte sich. «Man weiss nicht, was man hat, wenn man in unserem Alter gesund ist. Ich glaube, Arnold hat nie verdaut, dass er nur Adjunkt geblieben und nicht Staatsarchivar geworden ist.»

«Meinst du? Ich hielt ihn nie für besonders ehrgeizig. Und an der Welt hat er eigentlich schon immer gelitten. Erinnerst du dich noch an seine Aufsätze? ‹Gut›, sagte der alte Knall oft, ‹sehr gut, Anderegg, aber viel zu pessimistisch. Wie wollen Sie mit dieser Haltung durchs Leben kommen?›»

«Wer leidet nicht an der Welt? Nur muss man einmal damit aufhören», sagte Rothpletz.

«Die einen hören früh auf, die anderen spät.»

«Zu spät. Wenn der Krebs nicht mehr zu heilen ist.»

Rothpletz hatte einen Campari mit Soda bestellt. «Dann kommt also nur noch Meyer. Sicher wie immer mit dem Auto.»

«Ich habe nichts anderes gehört», sagte Frischknecht.

«Wir werden immer weniger», sagte Rothpletz, «jetzt, wo auch Ernst Winter nicht mehr kommt. Ich habe es bedauert, dass ich ausgerechnet in der Zeit in London war, als er starb. In der National Gallery waren die Holbein-Zeichnungen aus Windsor Castle ausgestellt. Wie war denn die Beerdigung?»

«Nicht aufregend», sagte Frischknecht. «Meyer nahm mich mit dem Wagen mit. Es war, wie es ist, wenn ein alter Jurist in einer Kleinstadt wie Weinfelden stirbt, der früher einmal Gemeinderat, dann, ich weiss nicht wie lange, Kantonsrat und schliesslich Oberrichter gewesen ist. Kränze, Fahnen, Reden. Die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt.»

«Er schien letztes Jahr noch recht beieinanderzusein», sagte Rothpletz. «Ich erinnere mich, wie er dort um die Ecke kam. Wir sassen schon hier und sagten noch, er sei erstaunlich gut zu Fuss.»

«Es fehlte ihm auch nichts bis ans Ende», sagte Frischknecht. «Er hatte alte Kollegen in Frauenfeld getroffen und mit ihnen Karten gespielt, wie jeden Monat einmal, war fröhlich nach Hause gekommen und gesund zu Bett gegangen. Am nächsten Morgen fand ihn seine Frau. Tot. Herzschlag im Schlaf.»

«Ein Tod, wie man ihn sich wünscht», sagte Rothpletz. «Hast du einen Kranz bestellt?»

«Ja», sagte Frischknecht.

«Und wer führt nun die Kasse?»

Bisher hatte Winter die Kasse geführt, in die jeder jedes Jahr etwas einlegte, damit die Kränze bei den Bestattungen bezahlt werden konnten. «Interimistisch habe ich sie zu mir genommen», sagte Frischknecht.

Die Kirchturmuhr schlug zwölf.

Koller, Walter

Koster, Dora

Nichts geht mehr

Die Geburt meines Kindes
Wann kommt Ihre Strassenmischung endlich? Die Hebamme im Kantonsspital blätterte in einer Illustrierten. Mein Bauch war hart, alles in mir verkrampfte sich. Die lieblosen Worte verstärkten meine Wehen, doch gebären konnte ich nicht. Volle sechs Wochen hatte ich schon übertragen, aber die Ärzte waren nicht bereit, die Geburt einzuleiten.

Sie bekommen ein uneheliches Kind, da müssen wir vorsichtig sein, entschuldigten sich die Herren.

Es war der 28. Juli 1965, morgens um acht Uhr. Der Blasensprung war schon längst vorbei, als die Schwester mich eine Sau nannte. Wie sollte ich nur mein Kind zur Welt bringen, wenn ich Hemmungen hatte. Die Nacht durch hatte mich die Hebamme so geplagt, ich spürte ihre ganze Abneigung, weil ich ein lediges Kind zur Welt bringen wollte. Keine Handreichung, nichts ausser spitzen Bemerkungen hatte ich noch während der Presswehen zu hören. Mein Kind kam nicht. Kurz nach acht Uhr betraten ein Arzt und eine andere Hebamme das Zimmer. Man wunderte sich, dass ich nicht gebären konnte.

Geben Sie sich Mühe, mahnte der Arzt, sonst stirbt Ihr Kind, entspannen Sie sich.

Wie soll ich nur, ich kann nicht mehr, nach all den Schikanen der Nacht hatte sich mein ganzer Körper verkrampft. Die Ablösung trat an mein Bett, lächelte mich an und sagte: Vergessen Sie Ihren Kummer, denken Sie an Ihr Kind, liebe Frau, wir schaffen es schon.

Johanna hiess die freundliche Hebamme, sie gab mir die Hand, wir schauten uns in die Augen und siehe da, meine Tochter kam zur Welt, ohne dass ich noch Schmerzen verspürte. Meine erste Frage war: Hat sie alle Beine? Wie bei allen Müttern war meine erste Sorge: Ist es auch ganz gesund? Nach dem ersten grossen Glück kam schon die Angst. Man wird mir das Kind wegnehmen. Es fehlt der Vater. Obwohl es mir sehr peinlich war, dass mich kein Mann besuchte, der sich als Vater der Kleinen vorstellte, scheute ich mich nicht, an meine Bekannten Karten zu senden: Ich freue mich über die Geburt meines Kindes.

Nach sieben Tagen fuhr ich nach Basel in ein Heim, das von Katharinenschwestern geleitet wurde. Mein Ziel war, dort zu arbeiten, um mein Kind bei mir behalten zu können. Auf die Strasse wollte ich nie mehr zurück. Das Glück, endlich jemanden zu haben, der mir allein gehörte, dauerte nicht lange. Der Weg zurück in ein ordentliches Leben hatte sich nicht gelohnt.

Abfuhr
Der Verenahof war ein Heim für Babies und Mütter. Ich konnte schon am ersten Tag bei den neugeborenen Kindern mithelfen. Ich hatte dadurch auch Gelegenheit, ständig in der Nähe meiner Tochter zu sein. Man hatte für mich einen Lohn von hundertfünfzig Franken angesetzt. Später sollte ich zweihundert Franken erhalten. Mir war das recht so, obwohl ich auf der Strasse dazumal das Fünffache in einem Tage verdienen konnte. Mit meinem Kinde unter einem Dache zu leben, schien mir wichtiger. Zürich, das Niederdorf hatte ich gerne vergessen. So dauerte mein Glück zwei Monate lang.

An einem Morgen betrat die Oberschwester mein Zimmer mit der Bemerkung: Machen Sie die gestohlenen Sachen heraus!

Mich traf fast der Schlag. Wie bitte? sagte ich. Was wollen Sie von mir?

Die gestohlenen Sachen! wiederholte die Schwester. Mir blieb die Sprache weg. Wir wissen, dass Sie ein paar Monate in Zürich auf dem Strich waren, also können nur Sie die Ware gestohlen haben, die im Hause fehlt.

Ich schämte mich, schrie verzweifelt immer wieder: Ich habe nicht!

Doch die Schwester beharrte darauf: Heraus mit dem Zeug! Bei mir brannte die Sicherung durch. Ich startete einen Amoklauf zum Lohnhof.

Wenn Sie zur Polizei gehen, dürfen Sie das Haus nicht mehr betreten, sagte die Leiterin.

Ist mir egal! rief ich zurück. Ich will die ganze Angelegenheit abklären.

Auf dem Polizeiposten war ich recht aufgelöst. Die Beamten versprachen mir, der Sache nachzugehen. Als ich wieder in den Verenahof zurückkam, stand die Leiterin vor der Türe: Sie brauchen nicht mehr zu uns zu kommen.

Mein Kind ist in diesem Hause! gab ich zur Antwort.

Nehmen Sie ein Glas Wasser, beschwichtigte mich die Schwester und hielt mir eine Pille hin. Als ich die Augen öffnete, befand ich mich in einem Auto. Ein Blick aus dem Fenster verriet mir, dass wir uns hinter dem Hauptbahnhof in Zürich befanden.

Was haben Sie mit mir gemacht? sagte ich zur Schwester. Ich hatte Mühe, meine Zunge zu bewegen, mein Gaumen war trocken, ich lallte wie eine Halbgelähmte. Ach so, dachte ich, die haben mir eine starke Droge gegeben und mich dann ins Auto verfrachtet.

Wo fahren wir hin? fragte ich die Schwester.

Zum Stadtarzt.

So eine Schweinerei, dachte ich, aber ich war so müde, ja, ich konnte nur mit grosser Mühe die Augen offen halten. Beim Stadtarzt gab ich mir alle Mühe, die Situation zu erklären. Er merkte, dass etwas faul war. Was wollen Sie jetzt tun, nachdem man Sie abgeschoben hat? fragte er mich.

In dieser Situation bleibt mir auch nicht viel anderes übrig als ins Niederdorf zurück, erklärte ich. Mein Kind hatten die Schwestern in Basel zurückbehalten. Ich stand da ohne Geld, hatte kein Zimmer und niemanden, der mich erwartete. Dass ich verbittert war, muss ich wohl nicht betonen. So landete ich wieder in einer Stammkneipe im Niederdorf. Die Dirnen nahmen mich freundlich auf. Man half mir, ein Zimmer zu finden, und ein Mädchen sorgte fürs erste, dass ich mit ihr zusammen anschaffen konnte.

Erst viele Wochen später habe ich erfahren, wer im Verenahof geklaut hatte. Die Schwestern fanden es aber nicht nötig, sich bei mir zu entschuldigen, obwohl sie mich wieder ins Milieu brachten. In der darauffolgenden Zeit versuchte ich etwas Geld zu beschaffen, dann inserierte ich in Zeitungen. Es war mein Wunsch, mein Kind bei mir zu haben, ich suchte eine passende Stelle. Als Dirne wollte ich auf keinen Fall weitermachen, obwohl ich mich langsam aber sicher bei den Frauen am wohlsten fühlte. Eines Tages hatte ich die Zusage von einem Arzt. Wir holten mein Kind in Basel, und ich arbeitete bei diesem Arzt für zweihundert Franken im Monat. Das Geld reichte knapp für die Wäsche und das Nötigste. Gefallen hat es mir überhaupt nicht, doch das Zusammensein mit meiner Tochter liess mich den Rest vergessen. Eines Tages zog die Familie Doktor in die Ferien, ohne mir auch nur einen Franken dazulassen. Ich hatte keinen Zugang zu den Lebensmitteln. Geld hatte ich keines. So kam es dann, dass ich fieberte und einen Arzt brauchte. Der wies mich in das Spital ein mit der Bemerkung: Sie haben eine Anämie. Ich war unterernährt, wie auch meine Tochter, und das in der Hochkonjunktur.

Nach diesem Erlebnis hatte ich genug. Mein nächster Schritt war zu den Behörden. So kann ich nicht weitervegetieren. Ich fand einen Platz für meine Tochter in einem Säuglingsheim. Ich selbst landete wieder auf der Strasse.

Kuhn, Heinrich

Kuhn, Matthias

Kurer, Fred

Küttel, Richi

Aalti Säck

Juaa, hätt är sich gfreut! So gfreut hätt är sich kum uf öppis, vilicht höchschtens uf d Wienacht, wonär sibni gsii isch und korz vor Hailig Oobed im Schloofzimmer vo dä Elterä underem Bett zuefälligerwiis diä Autorennbaan, wonär sich so seer gwünscht hätt, entdeckt hätt, do hättär diä Wienacht kum chönä erwartä und au jetz hättärs kum chöne erwartä, ganz uufgregt isch är gsii, so uufgregt, wimmer nu cha sii, wänn öppis uf ain zuechunnt, wommer nu vom Hööräsägä kännt und wämmä dem cha Glaubä schänkä, wammä so hört, schtoot ä richtigs Oobentüür aa und är hätt a nüüt me anders chönä tänkä. S eerscht Mool is Schiilaager, s eerscht Mool allai ooni Elterä wägg vo dehai, grossartig! Und dänn isch ändlech au s Infoschriibä vom Lehrer koo, mit dä gnauä Daatä vo dä Hiireis und dä Packlischtä und wammä nöd dörf mitnee und so, und dänn isch dött äbä au dinn gschtandä, dass diä Schiihütte ä bitz abglägä seg und mä mös zeerscht uf dä Schiilift und dänn über d Pischtä zum Huus faarä und drumm segs äbä nötig, dass mä d Sachä im Rucksack mitnämi, und dänn isch diä Freud scho nümm so gross gsii, will är hätt doch kain Rucksack kaa und hätt au sini Elterä kännt, wäg ai Mool Schiilaager gönd diä doch nöd gon än Rucksack kauffä, sicher nöö, do wört dänn aifach i dä Vewandtschaft umägfroogät, so isch da scho mit äm Schiiaazug gsii und drumm faart är jo au nöd Snowboard, sondern Schii, will är doch än Noozügler isch und sini Cousinene und Cousins vill elter sind und drumm isch sin Schiiaazug jo au än neongäälä Overall und sini Schii driisg Santi länger wien är und da hättär bis etz alls vedrängt kaa, aber da isch äm etz alls wider in Sinn koo und är hätt s Schlimmscht beförchtet und da isch dänn au iiträtte. Will sin Vatter hätt dänn tatsächlech diä vewandtschaftlech Telefonketti gschtartet uf dä Suechi nochäme Rucksack, wo dä Bueb möss för da Schiilaager haa, will mä jo nümm normal is Schiilaager chön und zeerscht hätts jo uusgsee, als öb diä Suechi erfolgloos seg, aber dänn hätt sich irgend sonen aaghürootnä Onkel vomänä Cousin erinnerät, dass är no än Coucousin im Züghuus hätt und äbä dää hätt dänn no en Rucksack Baujoor '42 uuftribä, gratis, winner no betont hätt, da seg ä Gschänk, s eerscht Schiilaager seg doch öppis Bsunders und nai, nai, är hätt sich nöd rächt chönä freuä, aber dä Vatter hättän zämägschtuucht, är söll etz nöd wäälerisch sii, dä Rucksack seg guet gnueg gsii för än Soldat, wo a dä Gränzä sis Vatterland vetaidiget heg, do segär au guet gnueg för sonän Schnodergoof, wo s eerscht Mool is Schiilaager gäng und so hättär sich halt i sis Schicksal gfüegt und ghofft, dasän sini Schuelgschpäänli vilicht e chlii cool finded, so i sim Retro-Style, aber chasch tänkä, i dem Aalter hätt no kainä Sinn för ä chli Hipster-Coolness, sicher nöö, do zellt nu, wa ultramodern und neu isch und alli händän uusglachet, won är so vor dä Schuel gschtandä isch, i sim neongäälä Overall und dä aisachzger Lattä und mit dem aaltä Militär-Rucksack ufäm Ruggä und uf dä Car gwartet hätt. Är hätt sich gschämmät und überhaupt nümm gfreut uf da Schiilaager, will är doch gwüsst hätt, wa chunnt, nämli än endloosi Wuchä voller Deemüetigungä und tummä Schprüch wägä sim Rucksack und sim Schiiaazug, und da isch dänn natürli auch koo, all diä Jack-Wolfskin- und Mammut-Models händän uufzogä und än ploogät, Rekrut händsäm gsait, wägäm Rucksack und Lüüchtbanaanä wägäm Schiiaazug, «log emol, do chunnt Rekrut Lüüchtbanaanä» händs grueffä, und im hinderschte Bett im Zimmer hättär mösä schlooffä, dött wo alli am Oobed iri veschwitztä Schiisöck anägschmissä händ und di eerschtä zwai Tääg hättärs jo no ertrait, aber dänn hätts immer mee gäärät inäm, s eerscht Mool ooni Elterä wägg, wie hättär sich gfreut und etz brüüchtär sini Elterä, und da hättän ga no zuesätzlech gärgäret und är hätt jo Wörter wi Mobbing und Diskriminierig no nöd kännt und äs hettäm jo au nüüt brocht, wo hettär sich au solä beklagä, will au d Lehrer händ sich luschtig überän gmacht. Aber s Wort Raache hättär kännt. Und ab em Mittwoch ischär aktiv worä und är isch i dä Nacht uufgschtandä und i d Kuchi gschlichä, zu dä Teechrüeg, wo zum Uusküelä paraat gschtandä sind, und hätt inä bislät. Jedi Nacht hättär in Tee inä bislät, und wennär bi dä letschtä Chrüeg nüt me zbislä kaa hätt, hättär aifach e chli s Pfiifäli inä ghebät unds e chli gschwänkt. Und am nögschtä Morgä hättär mit aim Gnuss zuegluegät, wi alli so torschtig dä Tee trunkä händ und äs hättäm ä ganz ä neus Gfüül ggee, son än Art Macht, ä Macht durch Wissensvorschprung, und da hättär grossartig gfundä und är hätts kum chönä erwartä, i dä Nacht wider uufzschtoo und in Tee zbislä, und diä Deemüetigungä vo sinä Schuelgschpäänli hättär so mit links ertrait und är isch fasch e chli truurig gsii, wo da Schiilaager vebii gsii isch und mit demm äbä au da Machtgfüül, aber scho bald isch s Pfingschtlaager vo dä Jungwacht koo und dött hättär sich wider chönä uusläbä und hätt jedi Nacht wider in Tee bislät und au im Summerlaager vo dä Minischtrante und i dä Berghüttene bi dä Bergtoure mitäm Vatter, immer hättär sich i dä Nacht i d Kuchi gschlichä und hätt i d Teechrüeg bislät. Scho bald ischär als dä schtill, aigä Typ bekannt gsii, won am Morgä immer nu lächlät, aber för iin isch äs s Grööschti gsii, diä Aanigslosigkait vo denä Idiotä, diä haimlech Macht, wonär cha uusüebe, und är hätt sich för jedes Lager gmoldä. Schpööter, wonär gröösser gsii isch, als Helfer, joorelang, und nie händsän vewütscht, winär in Tee bislät hätt, all diä Joor nöö, bis äbä dänn i dem Schiilaager, wonär als Koch mit isch, luschtigerwiis wider ä Schiilaager, dä Krais hätt sich noch joorelangem Teebislä gschlossä, mä hättän vewütscht und äs hätt än Riisäskandaal ggee und nö nu a därä Schuel, irgend än Schüeler hätt no än Hunderter vedient, wilär am Blick än Tipp ggee hätt, und är isch uf dä Titelsittä mit Foti koo, Bisel-Grüsel händsäm gsait, und är hätt dä Job veloorä und d Kolleegä und dänn bald au d Wonig und etz läbtär vo dä Sozialhilf und uf dä Schtrooss und alls, wan är hätt, traitär imänä aaltä Militärrucksack ummä.

Langenegger, Lorenz

Bei 30 Grad im Schatten

Für all das ist es jetzt zu spät, denkt Walter. Oder vielleicht genau der richtige Zeitpunkt, korrigiert er sich, ja, höchste Zeit. Er nimmt sein Telefon aus dem Rucksack. Drei Anrufe in Abwesenheit, dreimal hat man aus dem Büro versucht, ihn zu erreichen. Er drückt die Anrufe weg und ist froh, dass ihm keine Sprachnachrichten hinterlassen werden können. Er schreibt Edith eine Kurzmitteilung. «Ich miete mir in Neuchâtel oder Yverdon eine kleine Wohnung. Was meinst du?» Die Frage löscht er wieder, er möchte, dass sie seiner Mitteilung ansieht, dass er entschlossen ist, etwas zu verändern. Er drückt auf Senden, der kleine Brief flattert davon. Seine Idee macht ihn so froh, dass er für den Moment die Hitze und das Gewicht des Rucksacks vergisst. Er überquert den Helvetiaplatz und glaubt, dass er einen grossen Schritt zur Überwindung des Streits, zur Lösung ihrer Probleme gemacht hat. Während er ungeduldig auf eine Antwort wartet, stellt er erste praktische Überlegungen an. Dass er sich künftig nicht mehr an den Kosten für ihre Wohnung beteiligt, stellt kein Hindernis dar. Bevor Edith ihn kennenlernte, hatte sie die Miete auch alleine bezahlt, und damals verdiente sie noch deutlich weniger. Endlich kann sie sich wieder ausbreiten, er verschafft ihr Raum und Luft zum Atmen. Hat sie nicht schon vor einem Jahr laut darüber nachgedacht, dass sie sich bei der Verwaltung erkundigen könnte, ob nicht eine grössere Wohnung frei würde? Sie hängt an dem Haus und an der Nachbarschaft, aber ein Zimmer mehr, das wäre nicht nur angenehm, sondern auch angemessen, so ihre Überzeugung. In ihrem letzten Lehrjahr hat sie die Wohnung bezogen, inzwischen ist sie in leitender Funktion tätig. Das Mehr an Einkommen führte unweigerlich zu einem Mehr an Einrichtung, ein grösseres Sofa, zu jedem Getränk das passende Glas, ein Teeservice aus Porzellan, dazu die Möbel, in denen all diese Dinge verstaut wurden. Was sie einander und sich selbst in den letzten Jahren geschenkt haben, hat ihnen immer mehr Raum genommen. Nicht ein zusätzliches Zimmer ist die Lösung, denkt Walter, sondern eine zweite Wohnung. Er ärgert sich, dass er das Offensichtliche nicht früher erkannt hat. Es hätte nicht zu diesem hässlichen Streit kommen müssen. In den letzten Jahren ist es mit jeder vollen Einkaufstasche, mit jedem Paket, das der Postbote an die Tür brachte, enger geworden. Was sie in Müllsäcken und im Kompostkübel aus der Wohnung hinaustrugen oder in der Toilette wegspülten, wog bei Weitem nicht auf, was sie alles anschafften. Tag für Tag wurde der Raum in der Wohnung knapper, bis sie sich gegenseitig auf den Füssen herumstanden.

Walters Telefon vibriert. Edith hat verstanden, dass seine Nachricht nach einer unmittelbaren Antwort verlangt. Auf seinen halb entschuldigenden, halb vorwurfsvollen Versuch vom Vortag hat sie zu Recht nicht geantwortet. Im entscheidenden Moment aber kommt ihre Reaktion innerhalb von Minuten. «Viel Glück.» Walter starrt die zwei Worte ungläubig an. Er drückt die Nachricht -hinauf und hinunter, aber mehr hat Edith nicht geschrieben. «Viel Glück.» Das ist alles. Das ist eine Frechheit, empört sich Walter. Was erlaubt sie sich? Der Tag nach einem Streit ist nicht der richtige Zeitpunkt für Ironie, also muss er davon ausgehen, dass sie es genau so meint. «Viel Glück.» Aus den zwei Worten schlägt ihm jenes müde Lächeln entgegen, das er so schlecht erträgt. Er sieht Edith vor sich, wie sie ihre linke Augenbraue hebt und leise verächtlich durch die Nase schnaubt. Es trifft ihn mitten ins Gesicht. Wäre er nicht stehengeblieben, um die Nachricht zu lesen, er wäre zurückgeprallt wie von einer unsichtbaren Wand. Warum nimmt sie ihn nicht ernst? Er ist kein unreifer Bengel, der seinen Kopf durchstiert, er versucht, ihre Ehe zu retten. Aus Ediths Nachricht schlägt ihm die ungebrochene Überzeugung entgegen, dass es nichts zu retten gibt. Sie wünscht ihm viel Glück, weil sie glaubt, dass er nicht versteht, worum es eigentlich geht. Sie, ihre Beziehung, das Leben, die Welt, nichts hat er verstanden, das ist es, was sie mit diesen zwei Worten ausdrückt. Walter möchte sein Telefon am liebsten auf den Asphalt schmettern. Er tut es nicht, wie er noch nie mutwillig etwas zerstört hat, wenn ihm danach war. Auch das, und dieser Gedanke bringt ihn zum Lachen, unterscheidet ihn von einem Halbwüchsigen, der nicht weiss, wohin mit seiner überschüssigen Kraft. Es ist ein aufgebrachtes und trauriges Lachen, das aus ihm hervorbricht, und er ist froh, dass niemand in der Nähe ist, der ihn beobachtet. Der Strassenlärm schluckt seinen zischenden Fluch. Er steckt das Telefon in die Hosentasche und ballt die Faust. War es vermessen oder naiv zu erwarten, dass Edith seine Nachricht versteht, bloss weil sie seit zehn Jahren verheiratet sind? Am Morgen ist er noch der Ansicht gewesen, dass eine Kurzmitteilung in ihrer Beschränkung ein geeignetes Mittel ist, in schwierigen Situationen die Kommunikation wieder aufzunehmen. Er revidiert seine Meinung. Zehn Wörter von ihm und zwei von Edith haben gereicht, um sie in eine Sackgasse zu manövrieren. Wenn er anständig bleiben will, gibt es nichts, was er ihr antworten kann. Edith ist egal, was er macht, solange er sie in Ruhe lässt.

Larese, Dino

Das lebendige Heu. Eine Sage

Einmal kam ein fahrender Schüler gerade zur Zeit der Heuernte ins Appenzellerländchen und schaute neugierig und vergnügt dem emsigen Treiben der Mägde, Knechte und Bauern zu und liess sich auch zu lustigen Scherzen den Mädchen gegenüber hinreissen, die freilich dem fremden Vogel eher misstrauisch und zurückhaltend gegenübertraten. Der Bauer, schon einige Male böse und ungehalten herüberschauend, besonders da sich hinter dem Alpstein ein Wetter zusammenbraute, rief mit einemmale unmutig herüber: «He, Herr Schüler, es wäre gescheiter, statt meine Leute von der Arbeit wegzuhalten, ihr würdet mithelfen, bevor das Unwetter hereinbricht.»

«Was gebt ihr mir, wenn ich die ganze Heuernte allein in die Scheune bringe?», fragte der Schüler und blickte lauernd herüber.

Der Bauer, an einen losen Scherz glaubend, rief: «Ha, das wäre mir ein Brabantertaler wert.»

«Topp, es gilt!» schmunzelte der Schüler.

Und nun blickten alle mit neugierigen Augen herüber und sahen, wie der Schüler seine Arme bewegte und einige unverständliche, beschwörende Worte murmelte. Da lief manchem ein kalter Graus den Rücken hinunter, als sich plötzlich die Heumahden wie von innen her leise rührten und zitterten, wie wenn ein Wind darüberstriche, und dann langsam sich krümmten wie Raupen, die sich fortbewegen, und nun schneller und schneller zu kriechen begannen und der Scheune zustrebten wie lebende, unheimliche Wesen. Und keiner wagte sich zu rühren. Er spürte nur mit kaltem Entsetzen das zwischen den Beinen hindurcheilende Heu; Mahde um Mahde wie folgsame Hündchen. Sie krochen die Tennleiter hinauf und legten sich behutsam auf den Heuboden nieder, eine neben die andere, bis ein kunstgerechter Heustock gebaut war, duftend von Würze, wie nur Bergheu duften kann. Draussen auf dem Felde war kein Hälmchen zurückgeblieben.

Niemand wagte zu reden oder sich zu bewegen, bis der Bauer dem Schüler den Taler gegeben und der zufrieden das Tal hinausgewandert war.

Mit grimmigen Blicken schaute ihm der Bauer nach, dachte er doch, dass ihm der Schüler das Heu verhext und dadurch wertlos gemacht habe. Er wagte es nicht, davon seinen Tieren vorzusetzen, weil er Unheil befürchtete; bis einmal eine alte Kuh krank und elend wurde und nichts mehr vertrug und auf den Tod wartete.

«Da ist nicht viel zu verlieren», sagte sich der Bauer und setzte der Kuh das verwunschene Heu vor, die es wunderlicherweise mit Behagen und heiterm Genusse frass. Ja, es war mit den Augen zu sehen, wie sie sich innert kürzester Zeit prächtig erholte, und ihr Fell einen neuen Glanz erhielt.

Da getraute sich der Bauer, auch den andern Kühen von diesem Heu zu geben, und dabei machte er die freudige Erfahrung, dass die Kühe nicht nur prächtig gediehen, sondern reichlichere und fettere Milch gaben.

Ach, wie wartete da unser Bauer bei jeder Heuernte sehnlichst auf einen fahrenden Schüler, der ihm wieder das Heu lebendig werden liess. Aber er blickte umsonst angestrengt das Tal hinaus, keiner kam seit jener Zeit mehr, so dass auch diese Geschichte, weil sie sich nicht wiederholte, zur schönen Sage geworden ist.

Lauber, Cécile

Land deiner Mutter

Das Spielzeug der Riesenkinder

«In grauer Vorzeit, als die Welt noch nicht zur Ruhe gekommen war und die Völker ihre Heimstätten noch nicht gefunden hatten, kam ein Trupp von Riesen von Norden her gegen unser Land gewandert. Und obwohl sie Siebenmeilenstiefel an den Füssen trugen und mit jedem Schritt ein ganzes Land hinter sich brachten, war es doch ein fauler und bequemer Schlag. Als sie nun hier eintrafen und unserer Berge gewahr wurden, in denen noch keine Menschen hausten, sagten sie zueinander: ‹Was wollen wir noch lange Häuser bauen? Hier haben wir ja alles, was wir brauchen, schon fix und fertig vor uns.› Und die Frauen der Riesen, indem sie auf den See und das flache Land deuteten, riefen vergnügt: ‹Und da steht auch schon die Badewanne für unsere Kinder, und der Platz, auf dem sie springen können!›

So richteten sich denn die Riesen ein und machten es sich gemütlich. Als sie aber am andern Morgen aufwachten und die verschlafenen Augen ausrieben, glaubten sie etwas ganz Wunderliches zu entdecken. Auf dem Land unter ihren Felsenfenstern kribbelte und krabbelte es. Da standen winzige Häuschen aus Schindeln und aus Balken. Zierliche Persönchen eilten hin und her, und noch viel vergnüglichere Tierchen bewegten sich zwischen ihnen. Denn das jetzige Land Appenzell wurde zu jener Zeit von einem fleissigen und harmlosen Volk von Zwergen bewohnt, das viel älter war als das der Riesen, und diese hatten es nur am Abend vorher nicht bemerkt. Denn die Augen der Riesen sind etwas blöde, besonders in der Dämmerung. Sie sehen besser in die Ferne als in die Nähe.

‹Da haben wir auch noch das Spielzeug für unsere Kleinen›, riefen die Riesenfrauen hocherfreut, und sie begannen das ganze Volk samt ihren Tieren und Wohnstätten, den Wäldern und den Zäunen mit einem einzigen Armwisch abzuräumen. Dann hiessen sie ihre Kinder an den steinernen Tisch sitzen und das Spielzeug darauf aufstellen. Natürlich gefiel das den Riesenkindern ausgezeichnet und um so besser, als die Zwerge in ihrem Schreck und in ihrer Angst zu schreien anfingen und wie ein aufgestöbertes Ameisenvolk durcheinanderliefen. Ja, die Kinder waren viel zufriedener als die armen Zwerge, die alle Anstrengungen machten, um auszukneifen und von dem Tisch herunterzukommen; jeden Abend, so wie die Kinder sich entfernt hatten, suchten sie ein neues Versteck auf, so dass die Riesenfrauen am Morgen keine geringe Mühe hatten, die Zwerge wieder ausfindig zu machen und neu zusammenzulesen. Um dem abzuhelfen, spalteten ihre Männer mit Steinäxten einen Berg entzwei, kratzten ihn mit den Waidmessern aus und sperrten jeden Abend das Volk der Zwerge mit all ihren Habseligkeiten darin ein. Den Berg nannten sie den ‹Hohen Kasten›, und wenn du dich umdrehst, kannst du ihn dort drüben, im Süden, immer noch stehn sehen.» […]

«Als nun die Riesenmänner den Berg spalteten, drang das Dröhnen ihrer Äxte bis hinunter in das verschwiegene Reich der Feen und Gnomen, die die Schätze der Erde hüten, und störte sie auf. Und das Schreien und Jammern des Zwergenvolkes in der Nacht sorgte dafür, dass sie keine Ruhe mehr fanden. Da sie von jeher mit den Zwergen gut ausgekommen waren, beschlossen sie, ihnen nun auch zu helfen. Sie sandten Boten zu den Schmieden, die das Feuer im Kern der Erde aufrecht erhalten und baten sie, Glut in die unterirdischen Erzadern der Gebirge einströmen zu lassen, so dass die Riesen nachts auf ihren Felsbetten wie auf erhitzten Rosten lagen, aufsprangen und in die Ebene hinunter liefen, weil sie sonst unfehlbar gebraten worden wären. Vergeblich suchten sie ihre Betten abzukühlen, indem sie mit Eimern den ganzen Bodensee ausschöpften und das Wasser über die Felsen gossen, so dass das ganze Volk der Zwerge ersoffen wäre, hätte es nicht im ‹Hohen Kasten› gesteckt. Das Wasser zischte zwar den Riesen um die Nasen, und sein Dampf hüllte die Berge ein; aber es lief eilig durch die Flussbetten zurück zum See, und die Felsen glühten noch ärger als zuvor, so dass den Riesen nichts anderes übrig blieb, als Reissaus zu nehmen. Und ihre Furcht, ihr Schrecken waren so gewaltig, dass sie auf ihrer Flucht nicht eher einhielten, als bis sie das weite Meer erreicht hatten, in das sie nun hineinstanden, um ihre versengten Füsse zu kühlen. Den ‹Hohen Kasten› hatten sie zu schliessen vergessen. Da kletterten denn die Zwerge fröhlich heraus und begannen in grosser Freude und Dankbarkeit ihre Habseligkeiten, Häuschen, Wälder und Zäune, wieder aufzustellen.

Und als das letzte Lebewesen den Berg verlassen hatte, schmetterten die Geister ihn wieder zu. Dabei aber übersahen sie das Schnappschloss, das einer der Riesen angehängt hatte. Es blieb offen zurück, und du kannst es heute noch, einem Schnabel ähnlich, von der Höhe herunterbaumeln sehen.»

 

Jokebs Märchen

Man kann es gut verstehn, wenn die Alpen als eine Art Vorgarten des Himmels oder gar als ein Stück zurückgelassenen Paradieses angesehen werden; aber man muss es ebenfalls begreifen, wenn gewisse Leute von ihnen behaupten, sie seien der Eingang zur Unterwelt und der Aufenthaltsort unheimlicher und düsterer Geister; denn in keinem Teil der Welt sind die Gegensätze gewaltiger als in jenem, der zwischen Himmel und Erde aufgetürmt steht, Wolken und Winde bald über sich, bald unter sich vorüberziehen sieht und die volle Wucht des himmlischen Lichtes und die ungehemmte Kraft der Elemente an sich erfährt. Und gerade im Frühling sind jähe Wechsel am häufigsten.

Als Nicco hörte, er dürfe mit Jokeb auf die Alpe ziehen, war er überglücklich. […] Jokeb verstand von schauerlichen Dingen zu erzählen, die nicht nur das Herz eines Kindes erzittern machten: Vom Schrecken, der plötzlich in die Kühe fährt, so dass sie sinnlos durcheinander rennen und ihre Glocken verstört und schauerlich durch die Nacht gellen; von Schafherden, die eben noch friedlich weideten und auf einmal, als hätte ein Sturmwind sie angefasst, dem Leithammel nach, über eine Wand hinausjagen; von den lustigen und fröhlichen Ziegen, die von einem Augenblick auf den andern erstarren und bewegungslos stehn bleiben, als wären sie aus Holz geschnitzt, und sich, bis die Abendglocke läutet, nicht mehr von der Stelle rühren können. […] Ja, der Senn sah am hellen Tag und überall Gespenster; und wenn um den Siegel ein Nebel strich, war es der Stiefelhannes, der ehemals als Ammann im Rheintal sich des Betrugs schuldig gemacht hatte und nach seinem Hinschied auf den Siegel gebannt worden war. Dort trieb er sich jetzt um als Ungeheuer, schlich nächtens in die StäIle, schreckte das Vieh und frass aus dem Säutrog. Wenn aber eine Ziege sich verstiegen hatte und auf den ersten Ruf nicht gleich zu finden war, hatte der dreibeinige Hase sie in ein Erdloch gelockt, damit sie ein Bein breche; denn da er selber nur drei Beine besass, zur Strafe dafür, dass er davongehoppelt war, als der heilige Gallus, auf einem Feldstein ausruhend, von einer Krähe angefallen wurde und ihn um Hilfe anrief, hasste er alles, was auf Vieren daherging und suchte ihm zu schaden.

Wo aber auch Jokeb beginnen mochte, am Schluss endete er bei seinem meistgefürchteten Lieblingsgespenst, dem schrecklichen Wüetihö.

Es war ja noch so früh im Jahr, zu einer Zeit, da man sonst das Vieh nicht in die höhern Lagen treibt. Die Alpauffahrt macht sich auch im Appenzellerland gewohnterweise nicht vor dem Junianfang. Aber in diesem Jahr hatte man sich genötigt gesehen, das eben genesene und das von der Seuche verschonte Vieh vom andern abzusondern, und die früh einsetzende Wärme war den Bauern zu Hilfe gekommen. Aber Jokeb wusste, dass die Geister nicht mit sich spassen lassen und eine verfrühte Störung ihrer Ruhe rächen, und er hatte sich nur mit grösstem Widerstreben seiner Pflicht gefügt.

Darum fiel es Jokeb auch nicht leicht, am Landsgemeindetag von der fröhlichen Wirtshaustafel aufzubrechen. […] Es war kein heller Tag. Aber die Dämmerungen zogen sich jetzt schon weit hinaus, und das halbe Licht schien hinter einer sehr hoch oben ausgebreiteten Nebeldecke stillzustehn, als sie nun das Städtchen hinter sich liessen.

Jokeb, dem ein Handbub noch gefehlt hatte, war froh, nun zu zweit ausziehen zu können, und die vielen Schnäpse und das fröhliche Abschiednehmen hatten ihn in die beste Laune versetzt.

Als er nun sah, wie der Kleine an seiner Seite verwundert die wildgezackte Kette der Berge betrachtete, ging in ihm gleich die Erzählerlust los.

«Die sehen seltsam aus, nicht wahr?», ging er ihn an. «Wenn du aber erst wüsstest, dass das gar keine richtigen Berge sind, sondern drei hintereinander erstarrte Sturzwellen eines gewaltigen Meeres, würdest du dich nicht mehr wundern.»

«Eines Meeres?», fragte Nicco ungläubig. «Ja woher ist denn das viele Wasser gekommen?»

«Vom Himmel natürlich», entgegnete Jokeb. «Als der liebe Gott mit seiner Sintflut die ganze Erde ersäufen wollte, lag auch unser Appenzellerländchen tief auf dem Grunde eines Meeres, so tief, dass der Engel, der mit der Taube ausgesandt worden war, um den Wassern zu gebieten, es ganz vergass. Erst, als schon über allen Ländern die Meere dem Befehl gehorcht hatten und abgezogen waren, vernahm er das Brausen und Rauschen, das hier weitertobte in mächtiger Brandung. Da wurde ihm angst, der Herrgott könnte ihn für seine Vergesslichkeit bestrafen; er streckte schnell seine Hände aus und gebot den Fluten zu erstarren, als sie gerade im höchsten Schwung neu anliefen. Daraus ist das Säntisgebirge entstanden. Schau den Kamm dort drüben hinter der Ebenalp und dem Schäfler, das ist der Muschelberg. Er ist nicht aus Stein geformt, sondern aus lauter festgepressten Muscheln. Aber», – fügte er mit Nachdruck hinzu, «das ist lange noch nicht das Seltsamste, was es in diesen Bergen zu sehen und zu hören gibt.» […]

Vor dem letzten Haus im Weissbad stand die Bäckersfrau und fragte bekümmert: «Jokeb, was hat der Landammann gesagt? Macht der Schwob Krieg?»

«Freilich wird’s Krieg geben; das hat mir ein anderer als der Landammann gesagt, der es besser weiss.» «Ach Jokeb», seufzte die Frau, «allweg siehst du Gespenster!»

Sie überschritten jetzt eine Brücke, rückten den Bergen an den Leib und liessen die letzten Häuser hinter sich zurück.

«Wer ist der, der es besser weiss als der Landammann?», fragte Nicco neugierig, als Jokeb stehnblieb, um etwas zu verschnaufen. Von der Stelle aus, auf der sie sich befanden, konnte man gut die drei Gebirgsketten unterscheiden, die durch gleichlaufende Täler getrennt, dem Säntismassiv zustreben. Jokeb zeigte in die Höhe, nach einer senkrecht abfallenden, drohenden Felswand im ersten Gebirgszug, den sie nun seitlich hinter sich liessen.

«Kannst du das Adlernest dort oben sehen?», fragte er.

Nicco strengte sich sehr an. «Ich sehe kein Adlernest», sagte er nach einer Weile, «aber eine ganze Reihe seltsamer Löcher in der Felswand. Ich sehe ein Haus in der einen Höhle und in der andern etwas, das einem winzigen Kirchturm ähnlich sieht.»

«Das ist das Adlernest des Einsiedlermönches Ekkehard an der Wildwand; und das Türmchen ist das Wildkirchlein», antwortete Jokeb.

«Von dort aus muss es herrlich sein hinunterzuschauen», sagte der Kleine ganz versonnen. «Wohnt der Mönch das ganze Jahr dort?»

«Er starb vor einigen hundert Jahren; aber er bewohnt immer noch den finstern Gang, der von jener Höhle durch den Berg in die Ebenalp hinüberführt. Und wenn dem Land eine Gefahr droht, kommt er heraus, setzt sich vor seine Höhle und hält Wache.»

«Hast du ihn gesehen?»

«Ja, freilich! Heute, in der Frühe, als ich an die Landsgemeinde ging, sass er dort oben und schaute gen Norden über die deutschen Lande hinaus zum Hohentwil hinüber, von wo er einst hergeflohen kam. Die Geschichte soll dir ein anderer erzählen.»

«Das ist gewiss eine merkwürdige Geschichte!»

«Ja, aber es ist noch lange nicht das Seltsamste, was man in diesen Bergen zu sehen und zu hören bekommt.»

Sie gingen weiter, und Nicco war sehr damit beschäftigt, an das zu denken, was ihm Jokeb erzählt hatte.

«Die Höhle und den finstern Gang möchte ich einmal sehen», sagte er vor sich hin.

«Es wäre dir nicht gemütlich gewesen, zur Zeit des Mönchs darin zu hausen, so wie er gehaust hat», sagte Jokeb schmunzelnd. «Sie haben Knochen im Gang gefunden von Tieren, die fünfmal grösser waren als ein Elefant und mitten in der Stirne ein Horn trugen, so hoch wie der Kirchturm in Appenzell. Auch kamen des Winters von der Alp her oft Bären zu Besuch. Was würdest du für Augen machen, wenn plötzlich ein Bär vor dir stünde?»

Nicco musste lachen. «Ich fürchte mich nicht vor Bären!», sagte er, nicht wenig stolz.

Sie waren mittlerweile in eine enge und steile Schlucht eingedrungen, und der Kleine, gewohnt, mit wachen Augen um sich zu schauen, fragte Jokeb, wo sie sich jetzt befänden.

«Das ist das Brültobel», erklärte Jokeb, froh, erzählen zu dürfen; denn so wie der Schnapsdunst sich in seinem Kopfe zu verflüchtigen begann, wurde er trübsinnig und düster.

«Hat es seinen Namen davon, dass der Bach brüllt?», fragte der Kleine.

«Ja, wenn es nur der Bach wäre», seufzte Jokeb, aber es ist der böse Hirte mit seiner Kuh, die du hörst.

Denn es war einmal ein ungetreuer Hirte in dieser Gegend, der die ihm anvertraute Kuh einer armen Witwe nicht leiden konnte, weil sie sich immer an den Rand des Abhangs hinaus begab. Eines Tages legte er Tannreiser auf ihren Gang; darüber glitt sie denn auch richtig aus und stürzte in die Tiefe. Nun ist der Hirte für ewige Zeit dazu verdammt, die Kuh an einem Strick aus der Tiefe heraufzuziehen. Wenn er sie schon nahe dem Rande hat, glitscht er aus und stürzt zusamt dem Strick und dem Vieh brüllend wieder hinunter in den Abgrund.»

«Das ist eine merkwürdige Geschichte», sagte der Kleine nachdenklich.

«Ja, aber es ist noch lange nicht das Merkwürdigste und Seltsamste, was man in diesen Bergen zu hören und zu sehen bekommt.»

Sie stiegen weiter, und Nicco fiel es je länger je schwerer, zu tun, als fühle er keine Müdigkeit. […] Nach einer Weile wurde der Wald sehr sonderbar. Das Laubholz war verschwunden, die Tannen standen zwar noch ebenso dicht beisammen, liessen lange Bärte wallen und sahen alt und ehrwürdig aus, aber sie wurden niedriger und niedriger. Schliesslich erhoben sie sich nur noch so wenig hoch, dass der Kleine, wäre er neben einem der Bäume gestanden, sicher mit dem Kopf über dessen Spitze hinausgeragt hätte.

«Was ist das für ein seltsamer Wald? Der steht wohl noch nicht lange hier?», wandte sich der Kleine an Jokeb, der nur auf diese Frage gewartet zu haben schien.

«Oh bloss einige hundert Jährchen», antwortete er, hielt an und verschnaufte. «Wir sind jetzt im ‹kalten Boden› angelangt. Die Erde hier ist das ganze Jahr wie verfroren. Kein Sonnenstrahl vermag sie zu erwärmen. Und wenn du deine Hand vor einen Spalt hältst, so weht es dir eisig daraus entgegen.»

«Woher mag das kommen?», fragte Nicco.

«Wahrscheinlich liegen in der Tiefe Eisfelder verborgen. Man weiss das nicht so genau. Weiss man doch ebensowenig, wohin die Wasser der Seen fliessen.»

«Das ist ein merkwürdiges Land!»

«Ja, aber es ist noch lange nicht das Merkwürdigste, was es in diesen Bergen zu sehen und zu hören gibt.»

Als Jokeb diese Worte sprach, blickte ihn der Kleine erschrocken an. Anfänglich hatte er gar nicht auf diese Redensart geachtet; später vermochte sie ihn bloss neugierig zu machen, jetzt aber erfüllte sie ihn mit wachsender Bangigkeit. Er konnte sich nicht mehr richtig freuen, als jetzt die Steigung ein Ende nahm und sie eine Stelle erreichten, von wo aus in ziemlicher Tiefe unter ihnen der silbergraue Spiegel eines Sees durch die Bäume schimmerte. Es war inzwischen auch Abend geworden, und der Himmel hatte sich mit finstern Wolken überzogen. Ferne Kuhglocken klangen halblaut und schwermütig herauf.

«Da unten sind wir zu Hause!», sagte Jokeb und blieb wieder stehn.

Nicco sprang erleichtert vom Karren. «Ich bin froh!», sagte er fröhlich. «Bei den Kühen und in deiner Hütte ist es sicher warm und schön. Und nun kannst du mir auch getrost sagen, was eigentlich das Merkwürdigste und Seltsamste ist, was man in diesen Bergen zu hören und zu sehen bekommt.»

Plötzlich drehte Jokeb sich dem Kleinen zu, und dieser fuhr erschrocken zurück. Denn in dem Gesicht des Sennen standen die Augen dunkel vor Furcht.

«Ich will es dir sagen, Kleiner, obwohl ich hoffe, du sehest und hörest es nie; denn es kann einer graue Haare davon bekommen.» Er beugte sich dicht zu Nicco hinab und flüsterte: «Es ist das ‹Wüetihö›!»

«Ist das ein Tier?», fragte Nicco ebenso leise zurück. Sein Herz begann heftig zu klopfen.

«Es ist ein Geist», antwortete Jokeb. «Er kann jede beliebige Gestalt annehmen und jede beliebige Stimme nachahmen. Wenn du an einen Kuhfladen stössest, und er schreit auf und läuft davon – so ist es das Wüetihö. Und wenn du einen Laubsack am Wege stehn siehst und willst ihn anfassen, er aber kichert und rollt davon – so ist es das Wüetihö. Es ist es, das im kalten Boden haust und die Tannen umklammert, dass sie nicht wachsen können, und dem Hirt die Kuh wieder hinunterreisst, und das Vieh erschreckt, und die Säutränke verunreinigt – es, das Wüetihö!»

Er kehrte sich um und zog den rumpelnden Karren abwärts den steilen, schlüpfrigen Waldweg hinunter, und der Kleine folgte ihm dicht auf mit zitternden Beinen.

Ledergerber, Ivo

Liechti, Peter

Lutz-Gantenbein, Maria

Lutz, Werner

Aufgewachsen

Aufgewachsen
nah an einer Stallwand, zusammen mit Brennnesseln und Holunder,
zwischen Hahnenfuss und Hühnerbeinen,
von Wespen gestochen und von Bremsen,
stehe ich noch immer dort. Auch auf der Sandsteintreppe bin ich anzutreffen,
ein randvoll gefüllter Wassereimer,
der für immer ein randvoll gefüllter Wassereimer bleibt.
Ich bin zu hören als Webstuhl, der unten im feuchten Keller Seide webt,
bin noch immer unterwegs, als ein Bellen, Maunzen, Grunzen, klirre als Kuhkette in der fellwarmen Dunkelheit.
Ich liege als Brotlaib im Küchenkasten,
dampfe als Melissentee auf dem Stubentisch. Dort schreibt mein Vater,
mit widerspenstiger Feder, mahnende Briefe an seine Söhne, liest in der Bibel
jene Abschnitte, die ebenfalls von Vätern und Söhnen handeln,
von bitteren Enttäuschungen und bitterem Verzeihen.

Aufgewachsen
mit den Brunnenworten einer Brunnenröhre, heftigen Worten bei Gewittern,
spärlichen Worten in trockenen Zeiten,
verstehe ich als einer der Letzten diese glitzernde Sprache.
Ich habe mit allen Sinnen zugehört, den Hügeln, dem Winseln des Föhns,
dem Falterflug nah am Ohr.

Und nun habe ich den Faden verloren, bin ein alter Mann geworden,
der sich zurücksehnt und zugleich verflucht
die unsere Erde plündern und verwüsten.
Nacht wächst über meinen Arbeitstisch, dichtdunkles Nachtgras,
das morgen in aller Frühe gemäht werden wird.

Maag, Elsbeth

Stauberentexte

* Stauberengrat: östlichster Grat des Alpsteins.

 

I
hockt
vom Buchser Küchenfenster
gerade Blicklinie nach Norden
ein steinerner Däumling
die Stauberenkanzel
Berg auf dem Berg

an Däumlings Fuss die
Kuh (Küchenfensterblick)
ist keine Kuh ist Haus ist
Gasthaus Berggasthaus

II
seit Stunden
Regenwolken überm Grat
als werweissten sie
wann und wo und
in welchem Mass

III
Frümsen das Dorf
drei Fussstunden oder
zehn Gondelbahnminuten
zum Grat

IV
Fuss- und Gedankengang:
was wohI wichtiger
das Oben das Unten
der Grat die Ebene
oder was dazwischen
die schroffen Wände
Schrunden Schränze Risse
die Hügel und deren Anmut
oder hoch oben das Wolkenspiel
die Ferne die Weite

V
der Grat ist Horizont
schneidet den Himmel ab
scharf
schickt den Berg ins Tal
ins Rheintal
ins Appenzellische
jäh

VI
eine Kanzel aus Fels
ein Kreuz
anstelle des Pfarrers
spricht der Wind
sprechen Winde
hoch und tief

VII
wie viele Töne
hat ein Berg?
warum so viele?
warum solche?

VIII
im Süden das
Rheintal das Föhntal
tief unten die Ebene
Werdenberg Heimat mein
(das Buchserküchenfenster nicht entdeckt)
der Rhein mit Silberblick
ab Flussmitte gilt Liechtenstein
Ausland mit Schweizerwährung

IX
Goldrollen als Wegbegleiter
Grat Gras Gold

plötzlich dieses leise
dieses Glücksgefühl

X
so viele Sterne
und hell erleuchtet
auch das Haus
und irgendwo
1751 m tiefer
das Meer

XI
wie sacht
der Himmel die Berge berührt
als wären’s Geliebte
als streichelte er Haut

XII
abschüssig der Weg
stutzig geht die Welt weiter
der Himmel flieht

XIII
ausgeschieden
die kleine Soldanella
Schuhtritt
tot

XIV
düster und schön
das Gewitterbild
das Grün fast schwarz
bizarr die Türme die
Felstürme Wolkentürme

im Regendunkel
verschwindet der Grat

XV
das Unwetter vorbei
jetzt das Versöhnliche
ein Abendrot ein
heller Himmel und
wie leichte Hände
Vögel

XVI
mitunter ein Ton
eine Schelle
ein Tier
ein abgelöster Stein
ein Ruf

Manik, Sabina

Der verbrannte Brief

Yasmin! Du herzallerliebstes Kind!

Zuallererst will ich dich einfach halten. Du reichst mir schon an die Schultern! Ich lege meine Arme um dich, ich liebkose dein seidiges Haar, ich küsse deine unglaublich grünen Mandelaugen, welche aus einer Tiefe blicken, die eigentlich einem achtjährigen Mädchen noch nicht gebührt.

Ich drücke dich an mein Herz und wiege dich ganz sacht, so wie ich es getan habe, als du klein warst. Was ich dir sagen muss, ist so ungeheuerlich, dass ich gar nicht weiss, wie und wo ich beginnen soll. Ich schreibe dir diesen Brief in der Hoffnung, dass ihn dein Vater für dich aufbewahrt und ihn dir gibt, wenn du gross genug bist. Ich schreibe ihn dir in meiner Muttersprache, die ich dir entgegen allen Unkenrufen beigebracht habe. Du sprichst sie fliessend und fast akzentfrei. Aber statt dass mich diese Tatsache mit Stolz erfüllt, frage ich mich jetzt, ob ich je das Recht gehabt habe, dich mit einer dritten Sprache zu belasten, einer Sprache aus einem kleinen Land, auf der anderen Seite der Welt am Fusse der Berge, wo im Winter der Sturm heult und späte Heimkehrer erfrieren können.

Vielleicht kann ich meine Geschichte daran anknüpfen: Man kann nämlich nicht nur in Schnee und Eis erfrieren, geliebtes Kind, man kann auch an der Sonne erfrieren, inmitten freundlicher, brauner, kleiner Menschen, deren Wesen man so wenig zu verstehen vermag wie das der Gottesanbeterin – weisst du noch, die Heuschrecke, die ihr Männchen nach der Paarung auffrisst. Ich habe dir das alles erzählt in jenen einsamsten aller neun Jahre auf der kleinen Insel, die dir Heimat ist und mir immer ein Kerker blieb. Auch haben nicht alle Gefängnisse dicke, modrige Mauern. Mein Gefängnis hatte einen türkisblauen Strand, der etwas weiter, über dem Korallenriff, ins Azurblau überging. Mein Gefängnis war von weissem Sand umgeben, der in der Mittagshitze flimmerte und gegen Abend von unzähligen kleinen Schalentierchen, Krabben und Einsiedlerkrebsen belebt wurde. Heute weiss ich, dass ich dir viel zu viel erzählt habe, und ich tadle mich deswegen, so wie ich mich wegen allem tadle, was ich dir und deinem Vater angetan habe. Ich bin keine gute Mutter. Was ich am allermeisten hätte sein wollen, ist mir nie gelungen zu sein. […]

Ich muss dich verlassen. Ich bin krank. Weisst du noch, wie ich dir erklärt habe, dass man die verrückte Zohra, die jedesmal die Zähne bleckte, wenn wir das Wasser holten bei der Verteilstelle neben dem Gebetshaus, nicht auslachen und verhöhnen sollte, weil sie ebenso krank sei wie der kleine Mann vor der Garage, dessen Körper über und über mit Warzen besät war? Ich leide auch an so einer Krankheit, die man nicht sieht, weil sie im Gemüt lebt und an der Seele nagt. In der Sprache deines Vaters existiert kein Wort für sie. Die Insulaner scheinen diese schleichendste aller Krankheiten nicht zu kennen. Wenn bei ihnen jemand den Verstand verliert, so tut er dies gründlich, wie eben die verrückte Zohra oder der Spinner Hassan. Sie entledigen sich aller gesellschaftlichen Fesseln und erfreuen sich ihrer Narrenfreiheit. Sie scheinen nicht im Entferntesten traurig zu sein über ihren Zustand, und manchmal beneide ich sie richtiggehend. (Es steht noch ein Buch zu diesem Thema auf meinem Büchergestell. Natürlich gehören die Bücher jetzt alle dir, du darfst damit machen, was du willst. Aber wenn du Papier brauchst zum Anfeuern oder um es in deine Uniformschuhe zu stecken, frag lieber den Papa nach alten Zeitungen, weisst du noch? Amici libri sunt! Ich gehe zwar aus deinem Leben, aber ich lasse dir alle meine Freunde zurück.) Ich nenne diese Krankheit Schwermut, oder einfacher: Traurigkeit. Auch du weisst schon, was Traurigkeit bedeutet. Als deine Grossmutter starb, weintest du ihr nach, und auch als wir die kranke Katze weggeben mussten, warst du ihretwegen traurig. Manchmal bist du auch traurig, weil du spürst, dass deine Eltern verschlossen und unglücklich sind oder weil du mit dem wunderbaren Instinkt der Insulaner fühlst, wie verloren und einsam dein Vater in Halvatien war, auch wenn er nie länger als ein paar Wochen dort war. Traurigkeit hat auch etwas Schönes. Traurigkeit kann voll Poesie und matter Farben sein. Sie kann sich wie ein Wolkenfetzen in einen grellblauen Himmel über dein leeres Gemüt legen und dich inspirieren. Sie kann dir gewissermassen zu einem treuen Gefährten werden, auf den du nicht mehr verzichten willst, weil er, wie eine Kerze, welche die Trivialität einer späten Stunde dämpft, der Banalität des Lebens einen Tüllschleier umhängt. Aber merke dir eines, Kind: Sie ist ein tückischer Begleiter und kann dich, ohne dass du es merkst, in Tiefen hinunterstürzen, aus denen du allein nicht mehr entkommen kannst.

Ich wollte dir noch so viel sagen, doch wird die Zeit knapp. Man sollte sich in jeder aussichtslosen Lage besinnen; man sollte versuchen, die Übel zu erkennen und ihnen Prioritäten zu geben. Dann sollte man eines nach dem anderen ausreissen, fein säuberlich, mitsamt den Wurzeln. Ich habe all die Jahre davon geträumt, mit dir in einer schöneren, reicheren, entwickelteren, demokratischeren und freieren Welt zu leben. Aber ich wusste in meinem Innern immer, dass dein Vater dich mit der gleichen Macht liebt und du ihn. Er war gewissermassen die bessere Mutter als ich. Nie verlor er die Nerven, nie schalt er dich, immer war er für dich da, bedingungslos, und wie er dich lachen und jauchzen machen konnte schon als ganz kleines Kind, hat in mir den Verdacht erhärtet, dass ich der Störfaktor Nummer eins in eurem Leben bin. Die Komplexität meiner Wünsche und Gedanken haben die Einfachheit eurer Welt, in der auch eine gewisse stille Harmonie liegt, blossgestellt. Ich muss mich selber mit den Wurzeln ausreissen, um euer Leben zu befreien, und das werde ich tun. […]

Manchmal gelingt es mir, dich aus Distanz zu betrachten. Dann sehe ich ein starkes schönes Kind, dessen einzige Ahnung von Schmerz eine ihm fremde Mutter ist, der alles schwer fällt, jede noch so selbstverständliche, alltägliche Verrichtung, und die irgendwie immer abseits steht, weil sie nicht wirklich da lebt, wo sie ist. Ich sehe, wie du mit deinen Verwandten den für mich noch immer ekligen fischteigigen Reis isst und er dir schmeckt. Wenn du von der Gebetsstunde nach Hause kommst, verhüllt bis auf dein goldenes Gesicht, dann bist du mir fremd und deine Augen strahlen voller Freude. Wenn du schwimmst und die klatschnassen Kleider an dir kleben, dann lachst du und wringst das Leibchen am Körper aus, so gut es geht. Wenn du in der Schule, in die enge Uniform gezwängt, ganz vorne in der Besammlungsreihe stehst, weil du die grösste bist, dann leuchtest du. Und wenn du gehst, winken die anderen Kinder dir zu, denn du hast ein offenes, freundliches Gemüt. Wenn dich dein Vater mit seinen starken Armen in die Luft stemmt, so wie er es schon tat, als du ein winziger Säugling warst, dann jauchzst du voller Lebensfreude, und wenn er für dich singt und dir die Füsse massiert, dann bietet sich mir ein Bild von schmerzhafter Schönheit.

Ich darf das alles nicht zerstören – man darf jeweils nur den tatsächlichen Störfaktor ausmerzen, also mich selbst. Es steht mir nicht zu, dir zu sagen, dass ich dich aus Liebe verlasse. Ich tue, was sich mir aufdrängt. Wenn ich dich um etwas bitten darf, dann ist es um die Einsicht, dass ich nicht mehr kaputt gemacht habe, als was im Inneren schon kaputt war. Als ich deinen Vater geheiratet habe, war ich jung und voller Illusionen. Es ging alles nur um dich. Ich wollte, konnte nicht weiterdenken. Ich erwartete wohl eine Lösung all meiner Probleme, an deren Wurzel eben jene Traurigkeit lag. Ich wollte ein anderer Mensch werden, wollte ein devotes Weib werden, mich nur noch um dich und deinen Vater kümmern. Ich konnte mich nicht vor mir selber retten. Ja, jung und närrisch war ich.

Nun gehe ich. Nur eines noch wollte ich dir sagen. Pflege deinen Glauben und nimm ihn ernst, auch wenn sich die Zeiten ändern und auch die Insulaner beginnen, Kaufhäuser anstelle von Gebetshäusern zu bauen und sich ein Auto anstelle einer Pilgerreise zu leisten. Der Glaube trägt einen durchs Leben. Ich wäre dir auch in dieser Hinsicht eine schlechte Mutter gewesen. Mein Glaube hinkt wie ein verletztes Tier hinter mir her. Du bist auf dem richtigeren Weg, als ich es war, und dieses Wissen gibt mir die Kraft, mich jetzt auf meinen Weg zu machen.

Manser, Joe

Martin, Adrian Wolfgang

Meienberg, Niklaus

Broger

Brogers waren schon gerüstet, als ich gegen Mittag in ihrer einfachen Appenzeller Residenz eintraf, er ein gewaltiger Brocken in Bundhosen hinter dem Schreibtisch in seiner Studierstube, sie mit den beiden Hündchen beschäftigt. Die Hündchen heissen Belli und Gräueli, während die Frau von ihrem Mann mit dem Kosenamen Lumpi gerufen wird. In einem NSU Ro 80 ging es in Richtung Gonten, ab Kassette strömte das Violinkonzert von Beethoven durch den Autoinnenraum. Dabei musste ich sofort an den rauhbeinigen Alex aus dem Film Clockwork Orange denken, welcher von Beethovens Musik zu Gewalttaten verleitet wird. Dank dem Fahrkomfort des Fahrwerks glitten wir sanft am Kloster ‹Leiden Christi› vorbei, wo Broger Klostervogt ist. Auch in Wonnenstein, Grimmenstein und Mariae Engel ist er Klostervogt. Alle Räder sind einzeln aufgehängt und abgefedert, Radfederung und Radführung sind sauber getrennt, Stabilisatoren stemmen sich gegen die Kurvenneigung. Ein richtiges Senatorenauto. Je schneller, desto geräuschloser, sagte Frau Broger, am leisesten bei 180 km/h. Irgendwo hinter dem Jakobsbad war die Fahrt zu Ende, der regierende Landammann zog den Zündschlüssel heraus, Beethoven brach mitten in der Kadenz zusammen.

Der Aufstieg begann. Die beiden Hündchen wurden ganz närrisch bei den vielen Wildspuren. Im Sommer kann der Landammann auf einem geteerten Strässchen bis zu seiner Berghütte hinauffahren. Das Strässchen wurde von umliegenden Bauern in Fronarbeit geteert (nicht dem Landammann zuliebe, sondern damit die Strasse wetterfest wurde für ihre landwirtschaftlichen Gefährte). Wir stapften durch den Schnee in die Höhe, angeführt vom Landammann, Ständerat, Klostervogt, Ombudsmann der Versicherungen, Präsidenten der schweizerischen Gruppe für Friedensforschung, Buttyra-Präsidenten, Präsidenten der Landeslotterie, Delegierten im Vorstand der Ostschweizerischen Radiogesellschaft, Vorsitzenden des Grossen Rates, Vorsitzenden der Landesschulkommission, Präsident des Eidg. Verbandes für Berufsberatung, Vorsitzenden der Bankkommission, Vorsitzenden der Anwaltsprüfungskommission, Mitglied der Jurakommission, Delegierten im Verwaltungsrat der Appenzeller Bahn, Vorsitzenden der Landsgemeinde, Mitglied der aussenpolitischen Kommission des Ständerates, Mitglied der Drogenkommission. Dieser ging voran mit dem Rucksack. Er ist noch rüstig, macht einen kolossal massigen Eindruck.

 

Epitaph

Wenn ich nicht
an die Unsterblichkeit der Seele glaubte
wär ich auch Revolutionär
dann würde ich die Erde in ein Paradies
zu verwandeln suchen
weil es aber
ein Jenseits gibt
kann ich mich gelassen geben
wir haben ja nachher
noch etwas (1)
nämlich diese Soirée de Gala, veranstaltet
in der Ewigkeit hinten im Vormärz 1980
zu Ehren von Dr.
Raymond Broger dem sattsam bekannten NSU Ro-80-Besitzer
und Landammann

nachdem er seine leibliche Hülle
abgestreift
& ihn seine beiden Hündchen Gräueli & Belli
& seine Frau die er Lumpi rief
in der anderen Welt
beweinten

(1) Broger zu Meienberg. 1973. Tages-Anzeiger-Magazin.

Meier, Helen

Heimat braucht Gefühle

Wenn ich nach Aufenthalten in der Fremde, sei es auch nur nach einer Ferienreise, zurückkehrte, schlug mir die Heimat wie eine Welle ins Gesicht, sanft, erschreckend. Dieses sauber Geordnete, diese selbstverständliche Pünktlichkeit! Dieses Gefühl der Sicherheit! Die Sprache ist eine vertraute Melodie, der man nicht mehr zuzuhören braucht. Diese Stützvermauerung der Landschaft, diese Zudeckung des Erdigen! Unterführungen, Überführungen, Orte, die sich zu gleichen beginnen, zum Verwechseln ähnlich werden mit Begradigungen, Tankstellen, Verlust der Mitte. Dann die Ankunft zu Hause, wo ich lebe, arbeite, liebe, hasse, dort, wo ich bin, wenn ich nicht fortreise. Schön, diese Ankunft! Alles hat auf mich gewartet. Der Lieblingsstuhl, die Lieblingsmusik. Die Tanne im Garten hat eine Nadelreihe mehr bekommen, das Gras ist gewachsen, die Geranien brauchen dringend Wasser, das Essen schmeckt wie lange nicht mehr, auch wenn es vorerst nur Brot und Käse ist. Der Staub im Wohnzimmer ist mein Staub, die Bettlaken haben meinen Geruch, die Luft ist die Luft, die ich vermisst habe. Ich bin daheim. Ich bin dort, wo ich sterben möchte. Ich bin da, wo ich die Erde angreifen kann, der Baum gehört zu mir, der Dachziegel trägt das Moos meiner Erinnerung, ich sehe meine Trittspuren im Gras. Wenn ich eine Blume abreisse, kommt mir in den Sinn, dass andere Völker sich dafür zu entschuldigen pflegten. Ich bin zugleich beruhigt und aufgeregt. Weil ich mein Eigenes wiederum spüre, kann ich an anderes denken. Weil ich gut schlafe, ich bin schliesslich daheim, die Geräusche sind die der Freunde, kann ich wach sein. Ich kann arbeiten, an Kommendes denken, an das, was nicht kommen darf, und wenn es trotzdem kommt, wie ich ihm begegne. Heimat ist für mich der Urgrund, die ungestörte Möglichkeit des Tuns, der Schauplatz meines Lebens, der Ort, wo alle Reisen münden, wo meine Füsse vorerst zu stehen haben, bevor sie zu gehen beginnen.

Schlimme Zeiten

Nun ja, jedermann hat schon schlimme Zeiten erlebt, Zeiten, die man gemeinhin als Hölle bezeichnet; so wie jedermann seinen Himmel kennt, so erfährt wohl jeder seine ihm eigene Hölle, die meine war eine Woche Abgeschiedenheit, eine Woche Alleinsein in einer Villa, es war ein sehr schönes Haus mit Garten, Hallen und vielen Zimmern, möbliert im Stile von 1970, unten in der Gartenhalle war ein Schwimmbad, jeder Komfort scheint in der Hölle vorhanden zu sein, Kühlschränke voll guten Essens, Teppiche, Badezimmer, Bücher, Fernseh- und Stereoanlagen, Luxus, Wohlstand, damit auch ja die Hölle zu Wirkung sich voll entfalte; unbelastet von dem, was man mit materiellen Kümmernissen zu bezeichnen pflegt, wird man ungeschützt, vollumfänglich und preiswert der Hölle preisgegeben, unabgelenkt von Wünschen nach mehr Materie und Bequemlichkeit, wie sie in einer ärmlichen Umgebung aufsteigen könnten, unbeeinflusst von der Droge des In-der-Zukunft-noch-zu-Erwerbenden, also sozusagen auf der Höhe der erfüllten Wünsche, hat die Hölle es leicht, sich auszubreiten, schöne Dinge und Freizeit sind der geeignete Nährboden für sie, auf dem sie spriesst und blüht, jeder Bekämpfung trotzt, ein unlokalisierbarer Virus. Ich stand jeweils sehr spät auf, nahm ein Glas Alkohol, nahm auf der kühlen Terrasse das Frühstück ein, Toast, Butter, Kaffee, Fruchtsaft, Eier, rotes Fleisch, dann wanderte ich im Garten umher, es war sozusagen ein Park mit alten Bäumen, wie es im Buche steht, mit Rasenplätzen und Rosenbeeten, nichts fehlte, sogar der Springbrunnen war da, die leichten Nymphen am launigen Teich, benetzend das moosige Herzensreich, blaue Blume, wissen Sie, also ich wanderte, nachher las ich, dann ging ich schwimmen, vier mal zehn Meter, weiches, sauberes, ventiliertes Wasser, kein Gekreisch von spritzenden, seichenden Kindern, kein Fussschweiss und kein Fusspilz im blaugrünen Wasser, Stille, Sonne, Geplätscher, Pflanzen, Blumen, Wassergeruch, das Paradies selbst ist in der Hölle, nur wenn man nackt schwimmt, ist das Vergnügen voll, dann legte ich mich auf den Rasen unter die Sonne, nackt, haben Sie sich schon nackt unter die Sonne gelegt, man wird aufgeladen wie eine Batterie, man würde zehn Männer wollen, zehn gute, abwechslungsreiche, dann ging ich wieder spazieren, unter den Bäumen aus dem Märchenkalender, dann das Mittagessen, leicht, fettlos, Salate, grilliertes Fleisch, dann Lektüre, ich las, las, was, war einerlei, am liebsten etwas mit Sex, Lady Chatterley und Konsorten, es war heiss, man konnte nur im abgedunkelten Zimmer lesen, hinter roten, jawohl, roten schweren Vorhängen, das Haus war wie das Haus aus einem Film, keine Requisite fehlte, Treppengeländer, Bilder, Cheminée, dann ging ich wieder schwimmen, dann legte ich mich wieder unter die Sonne zum Aufladen, dann sprang ich wieder unter den Bäumen herum, haben Sie sich schon nackt unter Bäumen bewegt, man bekommt neue Sinnesorgane, auf jedem Hautquadratzentimeter einen Fühler, wie ihn wahrscheinlich Polypen, Pieuvres haben, polypenhaft wand ich mich im Grase und sprang ins chlordosierte hygienische Wasser, man hätte sich freuen müssen, die junge gute Figur und die Mühelosigkeit des Schwimmens, wenn die Hölle nicht gewesen wäre, die Hölle, die nicht aus den Gedanken schwand, die einem folgte auf Schritt und Sprung, hereinströmend mit jedem Atemzug, blühend auf jedem Hautquadratzentimeter, die Hölle im gekachelten Wasser, die Hölle in den gekühlten Himbeeren, in der abendlichen Mozartsymphonie und dem ebenso abendlichen Wein, die Hölle im gebratenen Huhn, in der Leber und den Pilzen, die Hölle in dem roten Himmel hinter den Bäumen, auf den flatternden Nachtschwärmern, die zum Wasserlicht kommen, die Hölle der Langeweile, der tödlichen Langeweile, des Daseins ohne Liebe, die Hölle … Was wollen Sie, Frauen sind nur ausserhalb der Hölle, wenn sie lieben, wer wüsste das nicht, also nichts Neues, nichts Erwähnenswertes, kein Grund, es zu erzählen.

Merz, Hans-Rudolf

Mettler, Louis

Mettler, Michel

Die Wortsüsse des Augenblicks

Die achtziger Jahre haben ihre Mitte überschritten, auf den Plattentellern kreist noch Vinyl, doch die ersten Schübe der Digitalisierung stehen bevor. In Deutschland hat sich die RAF tief verschanzt, in der Schweiz ist ein ironisch verspielter Jugendprotest folgenlos geblieben, fast vergessen auch die Ölkrise, in klarer Minderheit das ökologische Denken – für längere Zeit wird die neue Grossreligion namens Konsum von dem unangefochten sein, was sich in den Nischen tut.

In einer solchen Nische sitze ich, für einmal nicht am Klavier, sondern mit einem Buch, hinter winzigkleinen Fenstern und Vorfenstern, zu Gast in einem Appenzellerhaus im hintersten Talwinkel, wo die Nebelfeuchte ins Kraut schiesst, wo Regenfälle ausdauernder als anderswo sind und manches Haus nachts unverschlossen bleibt, ja wo viele Türen noch nicht einmal Schlösser besitzen, weil die Wände dünn und die Hunde hellhörig sind. Ein Räuber hätte leichtes Spiel hier, denke ich am Dämmerungsfenster, Einbrecher aber täten sich schwer, da ihr Werkzeug nutzlos wäre, und umsonst die Mühsal, mit denen sie andernorts Fassaden erklimmen.

Abends zur immergleichen Zeit streicht ein Fuchs am Haus vorbei. Ich glaube, hier an der Waldbucht beginnt er seine nächtliche Tour, sein Bau kann nicht weit sein. Neugierig schaut er herüber. Er hört mich hinterm Fenster, aber ich scheine ihn nicht zu stören. Solange ich nur ins Blattreich hinausblicke und zwischendurch eine Seite wende, bin ich weder Feind noch Beute. Das Buch in meiner Hand ist Robert Walsers Räuber-Roman.

Das Holzhaus ist dunkel gelegen, aberwinklig, von Schattengrün umwachsen, dämmerungstrunken schon am Nachmittag. Ich bin seit Stunden nicht von meinem Platz im Hangzimmer gewichen. Farne blicken zum Fenster herein, längs des Grats, steil über dem Haus, kriecht langsam eine wagengrosse Echse südwärts – das Urtier Vergangenheit.

«Hievon nachher mehr.» Dieser Ur- und Vorsatz aus dem Räuber nimmt mich bis heute gefangen. Er ist der zweite im Buch und ganz von der Art jener lautlosen Walserschen Paukenschläge, deren es so viele gibt: Je leiser sie zunächst scheinen, desto länger hallen sie nach. Einige verklingen ein ganzes Leben nicht mehr. Sie geraten aus sich in Bewegung, werden zu Geleitworten, gleitenden Sätzen –

«Hievon nachher mehr.» Ich habe den Satz schon zu Hause, in Sichtweite zum Jura gelesen und gleich gewusst, dass dies ein Buch zum Immerwiederlesen sein wird, ohne Anfang und Ende, ein Moebius’sches Band des Erzählens, auf dem die Schwerkraft meinen Kopf wankelmütig mal nach unten, mal nach oben zeigen lässt, als hätte ein M. C. Escher mich in verschiedenen Stadien der räumlichen Verrückung gemalt, unterwegs durch zersplitterte Dimensionen als eine kriechende Echse der Vorzeit.

Im Grunde, so phantasiert der Schreibnovize hinterm Fenster, soll jede Prosa eine Reiseprosa sein: Sie möchte uns herumführen, Ungesehenes zeigen, einen Zauber des Erfahrens entfalten. Und der Jüngling hegt einen Wunsch: einmal so freischwebend erzählen zu können, wie es hier in diesem Buch fast naturereignishaft geschieht. Er möchte nicht lesend, sondern schreibend das Land bereisen.

Robert Walser ist immer unterwegs, auch wenn er zu verharren scheint. Er hätte, so wie ich an jenem düsteren Nachmittag, zeitlebens im selben Zimmer sitzen können und wäre doch ein Reiseschriftsteller geworden. Beide Bewegungen, die körperlich unsichtbare im Zimmer wie auch das Schweifen durch die äussere Welt, sind mit der Erkenntnis verknüpft, dass jede Erfahrung Selbsterfahrung sei. Diese wiederum macht den Text, den sie speist, zur Konfession.

Vielleicht deshalb rührt Walser den Halbwüchsigen so an, jenen Heranwachsenden, der ich damals am Dämmerungsfenster war und auch in diesem Augenblick der Niederschrift bin: «… wir brauchen, um die Richtung ins Vollkommene beizubehalten, fortwährender Empfindung, dass wir nicht fertig mit uns sind und es wohl auch nie werden», wie es im Räuber heisst. Oder, in einem prägenden Satz aus Mozarts Vaterbriefen: «Ich fang erst an zu leben.»

Im Lauf meiner Wochen im Holzhaus, habe ich mir vorgenommen, will ich einmal über die Hügel nach Herisau gehen, zur Pflegeanstalt, wo ein alter Mann, der Vater meines Vaters, in tiefer Betrübnis lebt. Es ist dieselbe Anstalt, in der auch Robert Walser seine späten Jahre zugebracht hat. Auf der Südseite des Tals, hat man mir gesagt, gebe es einen Übergang: Ein grosser Baum stehe am höchsten Punkt des Hügels, kreisrund um seinen Stamm eine Aussichtsbank – ein sonntägliches Ausflugsziel für die Einheimischen. Daran vorbei führe der Weg hinab ins Ebene, unweigerlich nach Herisau.

Der Baum ist von fern zu erkennen. Durch eine weitgespannte, sanft ansteigende, von vielerlei Zäunen zerteilte Wiese gehe ich auf ihn zu. Doch kaum bin ich aus dem Schatten des Talgrunds getreten, rennt ein Ziegenbock auf mich los. Obgleich sein Kopf nicht zum Kampf gesenkt ist, erschrecke ich. Er rempelt nur, streicht mit seinem muskelprallen Körper an mir vorbei, scheuert den Kopf an meiner Hüfte, drängt mich vom Weg und schubst mich mit kräftigen, nickenden Kopfbewegungen vor sich her.

Mit dem Abklingen des Schreckens wächst mein Ärger, denn das Tier will nicht von mir ablassen, es begleitet mich, steht mir in den Weg und rempelt heftiger, sowie ich an ihm vorbeiwill. Je näher ich dem Baum komme, desto erregter wird es. Seine Ausdünstung ist durchdringend. Genauso wird meine Kleidung jetzt riechen: Eine ockerfarbene Talgschicht macht sich auf meiner Hose breit. An einen Besuch beim Grossvater ist nicht mehr zu denken. Auf halbem Weg kehre ich um.

Tage später, nach mehreren Waschgängen, hängt die Hose noch immer stinkend vor dem Haus: Kein bisschen Mief ist aus dem Gewebe entwichen. Ich werfe alles weg, was ich bei meinem ersten Gang getragen habe, und mache mich erneut auf den Weg. Diesmal erreiche ich die Anhöhe ungestört. Ich setze mich unter den Gipfelbaum – tags zuvor habe ich erfahren, dass er ‹Zentenar-linde› heisst.

Der Abstieg ist kurz: Kaum eine halbe Stunde später trete ich in meiner zweiten und letzten Hose vor den Grossvater. Seine Begrüssung ist knapp, seine Miene steinern. Während ich ein Gespräch zu führen versuche, nimmt er lustlos das Mittagessen ein. Sein Blick ist auf Punkte in der Unendlichkeit gerichtet. Mein Körper scheint ihm keinen Widerstand zu bieten.

Für keines meiner arglos dargelegten Vorhaben zeigt der Greis auch nur das geringste Verständnis. Meine Ansichten hält er für dumm und unüberlegt, meine Lebensweise für abwegig. Er bemüht sich nicht, seine Missbilligung zu verbergen. Für meinen Besuch, den ich vorzeitig beende, findet er kein Wort des Danks. Noch als ich mich in der Tür umdrehe, um ihn zu grüssen, sackt sein massiger Körper widerwillig zurück, und sein Gesicht drückt aus, wie sehr ich eine Enttäuschung für ihn bin.

Im Holzhaus indessen lässt Robert Walser seinen Räuber weiter «im Jetztzeitstil» erleben, wie alle Bäume lautlos still stehen und wie die Vöglein «auf ihren lieben Freund, den Abend» warten, «um in seiner Kühle zu jubeln».

Bin ich bei dem alten Mann in jeder Hinsicht aufgelaufen, so fühle ich mich hier willkommen mit allem, was mir am Herzen liegt – ganz zu Hause in dem Buch eines Autors, der runde zwanzig Jahre vor meinem Grossvater geboren ist: «Man nützt mit Unnützsein vielleicht sehr, liebste Gnädigste, weil ja doch schon so vielfältiger Nutzen geschadet hat, oder nicht?»

Millius, Stefan

Rättigen

Der Melchior Schmidli hat das Zeitliche gesegnet, aber etwas Neues ist erwacht im Dorf Rättigen. Zuerst merkt es keiner, Tage, Wochen, Monate. Der erste, der sich Gedanken macht, was zum Tüüfel hier eigentlich nicht stimmt, ist der Jost Baumberger. Ein halbes Jahr, nachdem der Melchior gestorben ist und der Bauer Egger zu seiner Elsa gesagt hat, dass der Herrgott eben gebe und nehme, das Chälbli sei immerhin gesund, und so schlecht sei dieser Tausch weiss Gott nicht, ein halbes Jahr später also sitzt der Jost Baumberger in seinem weissen Kittel in der Küche des Altersheims und gnaget lustlos an einem Öpfel herum und fragt sich, was eigentlich mit ihm los ist. Bis jetzt hat er doch ein Gespür für seinen Beruf gehabt wie kein anderer. Und er meint es nicht einmal böse, wenn er stolz darauf ist, dass er praktisch auf den Tag genau voraussagen kann, wann wieder ein Bett frei wird im Altersheim. Er hat halt den Blick dafür. Die Laien da draussen glauben, die Alten stürben, wenn es heiss wird. Klar, das tun sie gelegentlich, und es stimmt schon, sie tun es auch öfter als im Winter. Aber das ist Anfängerzeugs. Der Jost Baumberger kann mit seinem dicken, kurzen Zeigefinger auf eine Tür deuten und der Putzfrau sagen, schau, zwei Tage noch, dänn goht diä und dann kannst du das Zimmer putzen, kannst ja schon einmal den Lumpen bereitmachen. Und zwei Tage später geht dann eine der Pflegerinnen ins Zimmer und kommt wieder heraus und ist etwas bleich um die Nase, weil das die Pflegerinnen auch nach zwanzig Jahren im Altersheim noch sind, und auch wenn es ihnen eigentlich ganz egal oder sogar ganz recht ist, wenn es einen dieser Quälgeister litzt, aber erschrecken tun sie eben doch, nur der Jost, der einzige männliche Pfleger hier im Alois-Heim, der bleibt ganz ruhig, am Anfang ist er noch ein bisschen zusammengefahren, aber nicht, weil jemand gestorben ist, sondern weil er es eben schon vorher gewusst hat, und das ist ihm zuerst selbst ein wenig unheimlich gewesen.

Aber jetzt hat er sich daran gewöhnt, und deshalb begreift er nicht, dass er heute im Nachtdienst diesen trockenen Apfel kauen muss. Heute Abend, das hat er schon vor einer Woche gemerkt, wäre die Bertschinger an der Reihe gewesen, die hat zwar ganz gesund ausgesehen in den letzten Tagen und hat auch mehr gegessen als sonst, aber der Jost hat gewusst, dass das nur ein letztes Aufbäumen ist, und er hat auch gewusst, dass es am Mittwoch so weit sein wird. Am Anfang hat er sich jeweils einen Spass daraus gemacht, in der Küche auszurichten, dass sie im Fall ein Abendessen weniger machen könnten, weil däsäb oder disäb heute nichts mehr essen werde oder dann höchstens Hostien auf einer Wolke oben, und nachdem sich dem Baumberger sein Ruf herumgesprochen hat, sind die in der Küche darauf eingestiegen, und es ist nur ein einziges Mal passiert, dass sie dann in aller Eile noch ein Essen hinpfuschen mussten, weil die Frau Peter immer noch putzmunter am grossen Esstisch im Saal unten gesessen ist und ungeduldig mit dem Messer in der Luft herumgezittert hat, obwohl der Jost doch ganz sicher gewesen ist, dass es die Frau Peter an dem Tag butze würde. Nach drei Bissen ist sie dann aber wirklich Kopf voran in die Suppe gesunken, die Frau Peter, und der Hausmeister hat dann noch gewitzelt, dass die Küche da wohl nachgeholfen habe, damit der Jost seine Wette nicht verliere. Aber der Jost hat nie gewettet, schon gar nicht um Geld, das wäre ihm unmoralisch vorgekommen, er hat einfach Recht behalten wollen, und das hat er auch in diesem Fall.

Jedenfalls hat er seitdem nie mehr in der Küche ausgerichtet, wer heute an der Reihe ist, nicht, weil er sich hätte irren können, sondern weil gerade in der Nachtschicht so ein Menü zuviel nicht das Schlechteste ist, denn irgendeiner muss es ja dann essen, wenn der Pensionär oder die Pensionärin einfach vor der Essenszeit stirbt. So schaut oft genug ein Znacht für den Jost heraus, wenn wieder ein Bett frei wird. Für heute hat er fest damit gerechnet, und jetzt sitzt die Frau Bertschinger immer noch im Saal unten und jasst, sie jasst grauenhaft schlecht, legt einfach irgend etwas ab und kennt nicht einmal mehr die Regeln, aber ihre Jasspartnerin, die Frieda Grau, ist 98 und taub und blind und hält die Karten nur in der Hand, weil sie ihr die Bertschinger in die Hand drückt, und sie legt auch nie eine Karte ab, die Frieda, die gute Seele, die Bertschinger spielt ganz alleine vor sich hin und am Schluss nimmt sie der Frieda die Karten zur Hand heraus und wirft alles auf einen Stapel und ruft «Gwunne!» und mischt und legt der blinden, tauben Frau wieder ein Bündel Karten in die Hand. Die Frieda lächelt manchmal, weil sie meint, es gebe zum Dessert Guetzli, und dann knabbert sie mit ihrem zahnlosen Maul ein wenig an den Karten herum, während die Bertschinger einen Stich um den anderen macht, weil sonst gar niemand Karten legt und dann plötzlich wieder ruft: «Gwunne!»

Jetzt ruft sie gerade und rupft der Frieda die Karten zum Maul heraus, um die nächste Partie zu mischen, und der Jost Baumberger hört’s in der Küche und schüttelt den Kopf und grunzt unzufrieden und beisst in seinen Apfel. Er weiss, dass auch er sich einmal irren kann, aber das ist schon lange nicht mehr passiert, und wenn es damit endet, dass so ein furztrockener Apfel sein Abendessen ist, dann, findet der Baumberger, wird es wirklich ungemütlich.

Mittelholzer, Edgar

Morger, Peter

Lüürik

Lidel Hälls Einschel

Är hät än Hond ond ä Honda
won en drüü Riise choschtet all Sääsoo
Hau pjuuthiful id iis
thu bii loonsom änd frii
Maint är sig dä King
will er i dä Wältgschicht umegondlet
und Kuurve schniit wiè gschtöört
Kätsch dä Wind
Fletsch dä Grind
Sibe Läppe choschtet en
sini Bruut im Monet
won en vo hene hept
wenn d Kolbe toobet im Sibeföfzger
Kai Läsbe us dä Ässphee
Foräwer Zwänzgi isch si
Schpööter gitt s gaili Brodwörscht
am Jomäss im Sääterdinaitfiiwer
Schwartemage im Siitewage
und än Harass Pier däzue

 

Remämber

Öppe mit Sächzeni
han i i de Schwizzer Iluschtrièrte
so än Art Psüüchotäscht gmacht
und bi dä Froog
öb i lièber glücklech
oder berüèmt wärde wöll
schpööter im Läbe
s zwait Kwadräätli aakrüüzlet
I säbere Zitt han i
vom Migg Tschäger träumt
und ha wöle Poppschtaar wärde
Vor em Schpiègel han i
ä Gsicht usprobièrt wiè dä
oberläässig Tüpp
wo bi allne Fraue iifaart
Lät z spend sä nait togässer
Nu d Brischit Bardoh hett er nöd öbercho
T Schtoons hemmer Chraft ggee
i dere schöne Epoche noch Achtesächzg
wo s im Schwimmbad z Tüüfe
nu zwai Gruppe ggee hät
Biitels- oder Schtoonsfääns
Do isch d Popwält no in Ornig gsii
Eventwell hät s no ä paar Dändiis ggee
wo uf d Kings gschtande sind
Mit vill Begaischterig
han i gitärrelet
zwöschet dä Töfflifaarte a d Kanti
und dä Pfadiüebige im Wald
Lang und woorschindli zimlech jämmerlech
han i di töllschte Songs
mee oder weniger probièrt noozschpile
Pluusharp han i plooget
und däbii an Jonn Meiäll tenkt
I ha au gnäslet wiè de Bob Diilän
Und bi scho mindeschtens so haiser gsii
wiè dä Tschoo Kocker z Wuudschtock
Uu lang isch da häär
Aber i gschpüür dä Gruuf
hütt wider als wärs gescht gsii
Dä Phauer vom zwaite Früèlig
obwool än Häxeschuss dors Chrüüz jagt
Und etz chorz nochem Joor Zwaituusig
bin i nöd wörkli berüèmt
und vom Glück chan i nu träume
Höchschtens e chli berüèmt-berüchtigt
bin i woorde und irgendwiè Psüücho
Aim so taired So loonli Ai kuud dai
Und da falsch Chrüüzli
im Kafi Frai z Troge
isch langsam aber sicher
zom Chrüüz worde

 

Sammeltigg

Schmätterling
uufgschpièsst
i Witriine
sind nu no
tragisch
S Läbe chamme
nöd schtoppe
und wiè ä Foti
fixière
Nu dä Mensch
hüüft Sachen aa
und maint
är sig riich
Chatze hend nu
eren Pelzmantel
und ä ghaims Wösse
us Ägipte
D Hönd sind nu Härr
öber dä Frässnapf
und läbet vo
Gimnastik
Mer hend sogäär
gnueg Gäld zom üs
Deprässioone laischte

 

Moser, Edi

Mühlemann-Messmer, Emmi

Muscionico, Daniele

Emma Kunz. Seherin unter Blinden

Sie meidet den Weg durchs Dorf. Den geraden Weg. Lieber nimmt sie den Umweg, besser geht sie entlang der Bahnlinie als durch Brittnau nach Hause. Richtung Zofingen muss sie, eine kleine Strecke nur, der Bahndamm soll ihr recht sein. Hier ist sie allein, Emmas Freunde sind die Blumen, und am Damm blühen sie besonders schön. Sie stehen beinah so üppig wie in ihrem Garten, wo die Ringelblumen es ihr lohnen, dass sie mit ihnen spricht. Als ihre Sonnenblumen acht Meter hoch wuchsen, flüsterten die Nachbarn: «Hexe!» und «Kurpfuscherin!», und der Dorfpfarrer schlich nächtlich ums Haus, um für Emma zu beten.

Sie ist das sechste Kind von zehn, Tochter eines armen Handwebers, der Vater trank sich in den Tod, ging ins Wasser, zwei der Geschwister starben ihm aus Kummer nach. Und sie, die Schülerin, ist sie nicht ein sonderbares Kind? Sie sagt voraus, wer im Dorf sterben wird, unheimlich ist das. Ihr Verhalten ist auffällig, dabei ist sie blitzgescheit. Mit achtzehn Jahren beginnt Emma zu pendeln und die Linien aufzuzeichnen, ganze Rechnungshefte werden mit den absonderlichen Strichzeichnungen gefüllt. Sie nutzt pendelnd ihre seherische Fähigkeit, um Kranken zu helfen, die kein Arzt mehr behandeln will. Doch der nächste Strich ist zu stark für ihre Umgebung: Sie ist neunzehn, legt ihr Erspartes zusammen und fährt nach Amerika. Ihrer Liebe will sie nachreisen, einem Pfarrerssohn.

Nur ein Jahr später ist Emma wieder zurück im Dorf. Eine Seherin, die ihr Glück nicht finden kann? Den Nachbarn kommt das zupass: Man verspottet sie als «Philadelphia», nach dem Ort ihrer Suche; und man spricht von schwarzer Magie, wenn Menschen von ihr geheilt werden. Emma kuriert mit dem Pendel oder mit Pflanzentinkturen, die sie selber herstellt. Das Geld für ihren Unterhalt verdient sie in der Strickerei Künzli in Strengelbach. Heilen ist christliche Nächstenliebe, Lohn dafür will sie nicht. Brittnau ist eng, Brittnau ist hämisch. Doch wohin soll sie sonst?

Es ist der Maler und Kunstkritiker Jakob Friedrich Welti, der auf sie aufmerksam wird. Er ein anerkannter Künstler, sie eine namenlose, dabei hellwache, hübsche junge Frau. Sie hat noch nie ein Buch gelesen, sagt sie, sie liest es, indem sie die Hand darauf legt. Was will er von ihr? Was will sie von ihm? Man trinkt Tee, und Emma erklärt Welti die Welt: Sie spricht von geistigen und energetischen Zusammenhängen und übergeordneten Prinzipien. «Alles geschieht nach einer bestimmten Gesetzmässigkeit, die ich in mir fühle und die mich nicht zur Ruhe kommen lässt.»

Deshalb zeichnet sie, deshalb forscht sie, jedes Bild eine Antwort auf eine Frage. Das kann eine Erkrankung sein, das Treffen Winston Churchills mit Franklin D. Roosevelt oder ein erkenntnistheoretisches Problem. Emma stellt sich vor das Papier, konzentriert sich und lotet mit dem Pendel die Zeichenfläche aus. Seine Bewegungen zeigen ihr, wo sie die Punkte zu setzen hat, wo diese mit Linien zu verbinden sind. Sie weiss, welche Linie dick, mittel oder fein sein soll, mit Bleistift, Buntstift oder Ölkreide zu ziehen ist, wo eine Fläche schraffiert, wo sie auszumalen sei. Jede Form hat für sie eine exakte Bedeutung.

Welti ist fasziniert von ihr. Er lädt sie als Gesellschafterin nach Engelberg ein, in den Sommermonaten. Dort soll sie zeichnen und ihm nichts schuldig sein. Brittnau verlassen? Emma nimmt die Stelle an, weiss sie, was sie erwartet?

Mit wachsendem Selbstbewusstsein beginnt sie mit grossformatigen Zeichnungen auf Millimeterpapier, das ihr ein Geheilter zur Verfügung stellt. Sie hat ihm das Leben gerettet, nun soll die Wundertätige von ihm zeitlebens so viel Papier erhalten, wie sie dessen bedarf: Doch vehement widerspricht sie dem Schwärmer: «Wunder gibt es nicht, alles ist Gesetz.» Was anderen als Wunder erscheint, ist die Folge natürlicher Regeln: Ihr Pendel verstärkt die Reaktion ihres Körpers auf elektromagnetische Felder, es überträgt elektrische Energie in mechanische Bewegung. Emma zeichnet ihre Bilder pendelnd, oft ohne Pause zwei Tage und zwei Nächte lang. Nur das Pendel weiss, wann sie vollendet sind.

Sechzehn Jahre lang lebt sie sommers in Engelberg, dann gibt sie die Stelle bei Welti auf, sie will in Brittnau ohne seinen Schutz weiterarbeiten. Ihre Heilerfolge sorgen für Aufregung: Dem Sekretär von Pater Pio verhilft sie zu neuem Augenlicht, da sie sein Nierenleiden erkennt und kuriert. Sie weiss: «Man muss nicht eine Krankheit behandeln, sondern den Menschen, der krank ist.» Die aufsehenerregendste Heilung geschieht 1942 einem sechsjährigen Jungen, der an Kinderlähmung leidet. Kein Arzt glaubt mehr an Besserung, doch Emma sieht pendelnd, dass ihm ein Heilgestein in seiner Umgebung helfen kann. Sie findet es zwei Tage später, in einem Römersteinbruch in Würenlos: zerriebener Muschelkalk, heute anerkannt als Heilerde ‹Aion A›.

Jetzt werden die Behörden auf sie aufmerksam. Im Kanton Aargau sind Naturheilpraktiken verboten! Der Kantonsarzt tritt auf den Plan, er drängt das Fräulein Kunz aus seinem Hoheitsgebiet. Wohin jetzt? Emma lässt sich in Lungern nieder, in der geistigen Nähe des geschätzten Bruder Klaus. Doch auch im Kanton Obwalden wird sich das Nämliche wiederholen: Die Naturheilerin ist aktenkundig erfolgreich, doch aktenkundig auch bei der Justiz, sie arbeitet in einem gesetzlichen Graubereich. Homöopathie, Magnetfeldtherapie, ganzheitliche Medizin, der Boden ist für Emmas Wissen noch nicht bereit. 1951 der Versuch, im Kanton Appenzell unbehindert arbeiten zu können, sie übersiedelt nach Waldstatt. Hier will sie nicht mehr als Heilerin, sondern vor allem als Forscherin tätig sein. Der Kantonschemiker Franz Decurtins ist ein begeisterter Anhänger ihrer Heilverfahren, in seinem Labor lässt er Medikamente nach ihren Anweisungen herstellen.

Auch Emma steht täglich in ihrem Laboratorium, im weissen Ärztekittel, ihr Pendel als treuster Begleiter. Sie weiss, dass ihr zugedacht ist, «meine Erkenntnisse auf anderem als dem naturwissenschaftlichen Weg zu sammeln». Im Dorf ist sie wohlgelitten, doch man konstatiert skeptisch die Besucher in Emmas bescheidenem Haus: Es sind nicht nur einfache Menschen, sondern auch hohe Militärs, Politiker, Vertreter der Industrie. Schriftlich deuten will sie ihre Zeichnungen nicht, und als ein Basler Chemiker mit einem Tonband erscheint, weist sie ihm die Tür.

Sie ist 71 Jahre alt, als sie erkennt, dass sie an Krebs erkrankt ist. Vier Monate bleiben ihr noch. Sie zeichnet ihr letztes Bild, eine einfache Pyramide, dann ist ihre Forschung abgeschlossen, sie bereitet sich auf den Übergang vor. Noch einmal spitzt sie die Buntstifte, noch einmal geht sie durch ihren Garten.

Später geschieht, was Emma voraussah: Zehn Jahre nach ihrem Tod eröffnet das Aargauer Kunsthaus eine Ausstellung mit ihren Zeichnungen. Kunstexperten sind verblüfft, Psychologen reiben sich die Augen, Astronomen wundern sich. Diese Künstlerin scheint vom Himmel gefallen, so eigenständig und visionär ist ihr Werk!

Harald Szeemann zeigt Emmas Bilder zusammen mit Arbeiten von Joseph Beuys und Rudolf Steiner. Er nennt sie «Richtkräfte für das 21. Jahrhundert».

Nänny, Walter

Nef, August

Nef, Ernst

Nef, Jakob

Niebelschütz, Wolf von

Niedermann, Andreas

Niggli, Ida

Obendrauf, Anita

Oertle, Arnold

Offermann, Bill

Pfister-Etter, Klärli

Pletscher, Elisabeth

Quaderer, Benjamin

Alp Arktis

Unruh folgte den Eisbären aus Plastik, die abseits der Strasse im Gras, auf Astgabeln oder Stromkasten standen und ihm in schmutzigem Weiss leuchtend den Weg wiesen. Die gartenzwerggrossen Tiere schickten ihn eine Strasse entlang, die sich: futuristisch, dachte er, den Hügel hochwand wie ein hingeworfenes Stück Schnur. Sah er sich erst von Wiesen umgeben, war er bald ins Dunkelgrün gedrängt stehender Tannen gehüllt. Wie im Versuch, sich zu berühren, waberten die Äste über dem Wagen und bildeten einen Tunnel, den Unruh mit gut achtzig durchfuhr. Er benötigte sein ganzes Geschick, die Geschwindigkeit des Wagens zu drosseln und in den Kiesweg einzubiegen, dem zu folgen ihn ein weiterer kleiner Eisbär, hinter einem Baumstamm versteckt, anwies. Es ging steil bergauf durch ein Waldstück. Die Scheinwerfer stanzten Löcher in die Schwärze, Kies knirschte unter dem Gewicht des Wagens. Unruh vermutete Tannen um sich, das Autoradio rauschte; waren es Eulen, die riefen?

Es war bereits nach zehn Uhr, als Unruh den Audi auf einem wunderschön asphaltierten Parkplatz zum Stehen brachte. Die Luft war gut. Die Aussicht schön. Das Rheintal glühte. Die Räder des Trolley Case quietschten, als er in Richtung des Gebäudes schritt, von dem er hoffte, dass es dasjenige sei, in dem er ein Zimmer gebucht hatte für zwei Nächte. Es war ihm nicht möglich, zu verifizieren, ob die Bilder, die er auf der Internetseite der Herberge Alp Arktis gesehen hatte, das Objekt zeigten, vor dem er sich befand. Auf den Fotos war das Gebäude nie in der Totalen zu sehen, sondern nur in Ausschnitten und Details. Die Struktur einer Holzwand; ein Fenster, das die Aussicht auf das Rheintal freigab; gemangelte Bettwäsche; Schallplatten, die in einer Weinkiste standen; ein Duschkopf mit feinen Düsen; ein Riss in der Form eines Blitzes, der sich über mehrere Bodenplatten erstreckte.

Alp Arktis oder das, was Unruh dafür hielt, lag auf einem Hügelkamm, der dicht mit Nadelbäumen bewachsen war. Obwohl die Farbe präzise gewählt worden war – das Dunkelgrün der Fassade wirkte, als hätten sich die dahinter befindenden Tannen gekrümmt und die Holzverkleidung des Gebäudes mit ihren immergrünen Nadeln getüncht –, wollte sich das kubistische Gebäude nicht in die geschwungene Appenzellerlandschaft einfügen. Wie ein Spion am Anfang seiner Laufbahn, der die totale Unscheinbarkeit, das vollständige Verschwinden noch zu lernen hatte, stand es über dem Rheintal thronend zwischen Bäumen.

Unruh schritt die steil ansteigende Treppe nach oben, bis er vor einer Tür stand. Es gab kein Klingelschild und keine Leuchtreklame, kein Logo und keinen Schriftzug, es gab nichts, das darauf verwies, dass es sich bei dem Gebäude, vor dem Unruh stand, um eine Herberge handelte, um eine Institution, die Menschen eine Auszeit bot, ein paar Tage Abstand und Erholung. Er sah ein Gebäude auf einem Hügelkamm. Mehr war es nicht, dachte er und berührte den Türknauf.

Unruh betrat einen weitläufigen Raum mit Panoramafenstern, es lief Lady Stardust von David Bowie, in der Ecke brannte eine Stehlampe, neben der ein Ohrensessel, ein Tischchen und eine halb volle Flasche Mineralwasser standen. Wo war die Rezeption?

«Hallo?»

Ausser David Bowie und den Geräuschen, die Unruhs Trolley Case machte, war nichts und niemand zu hören. Er zog den Rollkoffer durch den Flur und trug ihn ein Stockwerk höher.

«Hallo?»

An der Wand im Treppenhaus hingen mehrere Bilder. Auf einem Foto erkannte er einen gross gewachsenen Mann hinter einer Schneewehe knien, die ihn halb verdeckte. Die Wehe befand sich im Inneren eines Zimmers, dessen Wände aus zersägten Baumstämmen bestanden, wie Unruh es von nordamerikanischen Blockhütten kannte. Der abgebildete Mann trug einen roten Anorak, der ihn dick erscheinen liess, dicker, als er war, die schmalen Handgelenke verwiesen darauf; die Finger der linken Hand, die den Lauf eines Jagdgewehrs umfassten, wirkten dünn, fast zerbrechlich. Er kniete über der Schneewehe wie ein Jäger über einem Tier nach dessen Abschuss, den Ausdruck von herrischem Stolz in den Augen. Unruh griff nach seinem Telefon und fotografierte den Mann im Anorak ab.

«Hallo? Ist hier irgendjemand?»

Im Flur spürte Unruh einen schwachen Luftzug. Die von aussen hereindringenden Rufe der Vögel vermengten sich mit der Singstimme Bowies, die gedämpft zu hören war. Vom Flur zweigte ein weiterer Flur ab, von dem aus mehrere Zimmer zu erreichen waren. An dessen Ende sah Unruh ein Podest stehen, auf dem sich in einer Vitrine, auf einer Drehscheibe positioniert, ein Kristall, gross wie der Kopf eines Kindes, gemächlich um die eigene Achse drehte. War es ein Rauchquarz? Silvretta Nova, 1931 las Unruh auf dem gravierten Messingschild, das am Podest angebracht war. Er richtete sein Telefon auf den Kristall und filmte ihn. Im Glas der Vitrine erkannte er die Spiegelung seines Oberkörpers. Unruh winkte. Eine ganze Umdrehung dauerte exakt dreissig Sekunden, stellte er fest, als er die Stopptaste drückte. Dann schickte er das Video an Emma. Schon im Gehen begriffen, hielt er noch einmal inne. Weisst du noch?, sendete er eine Nachricht hinterher, um dem Film den nötigen Kontext zu liefern.

Als er über den Flur zurückging, bemerkte Unruh einen Zettel, den er zuvor übersehen haben musste. An der Zimmertür mit der Nummer drei hing ein weisses Blatt Papier, auf dem sein Name stand. Zweifellos. Die saubere Handschrift, die auf jeden Schnörkel verzichtete, meinte ihn. Unruh. Wieso blieb er so lange vor der Tür stehen, bevor er anklopfte? Wieso klopfte er überhaupt gegen die Tür, bevor er sie öffnete? Er war ein unbescholtener Bürger. Er hatte nichts Falsches getan und beabsichtigte nicht, etwas Falsches zu tun. Es war sein Zimmer, er hatte es für zwei Nächte gebucht und das Geld im Voraus überwiesen. 48 Stunden lang gehörte es ihm, ausser dem Reinigungsdienst hatte dort niemand etwas verloren, und dass der Reinigungsdienst die Arbeit am Zimmer um diese Uhrzeit längst abgeschlossen haben müsste, war eine Selbstverständlichkeit. Es war kein billiges Zimmer. Er zahlte hundertzwanzig Franken die Nacht. Er musste nicht klopfen. Ihm gehörte, was er bezahlte. Energisch öffnete Unruh die Tür.

Der Duft von Lavendel schlug ihm entgegen. Es war angenehm kühl, die Fenstertür zum Balkon stand auf Kipp. Von aussen drang leises monotones Gesumme. Unruh machte das Licht an und schloss die Tür hinter sich. Das Zimmer war winzig, eine einzige Verniedlichung, dachte Unruh. Es bestand aus Einzelbett, Tisch, Stuhl, Nachtkästchen und Nachttischlampe. Gleich würde ein Zwerg den Raum betreten und ihn fragen, warum er in seinem Bettchen liege, warum er das Trolley Case auf seinem Tischchen abgestellt habe, ob er nicht sehe, dass das Tischchen das Gewicht des Trolley Case nicht trage, warum er überhaupt so viel mit sich herumschleppe, Besitz sei eine Bürde, wie lange er denn bitte schön vorhabe zu bleiben.

Es gab keinen Schrank. Verärgert, dass es keine Möglichkeit gab, die Hemden, die Unruh aus dem Rollkoffer nahm, an Kleiderbügel zu hängen und die Kleiderbügel in einen Schrank – Hemden müssen gehängt werden, das weiss man, sie dürfen nicht knittern, ein Hemd muss glatt sein und faltenlos, das ist wichtig –, hängte er sie über die Lehne des Stuhls. Was es wohl für ein Typus Mensch war, der in der Herberge übernachtete? Ein Hemdenträger war er mit Sicherheit nicht.

Unruh nahm die restliche Kleidung aus dem Trolley Case und drapierte sie auf dem Tischchen. Er klappte den Laptop auf und hörte etwas gegen die Balkontüre schlagen. Als er aufsah, erkannte er vereinzelte schwarze Punkte in der Grösse von Kirschen, die sich dem Fenster näherten. Unbemannte Flugobjekte, dachte sich Unruh, fliegende Tollkirschen. Ihr Näherkommen war von einem Summen begleitet, in das mehr und mehr Stimmen einsetzten, erneut schlug etwas gegen das Glas, ein Orchester, in seiner Ausdehnung offen, und Unruh erkannte, dass es Fliegen waren, fette schwarze Stubenfliegen, die als Schwarm auf ihn zukamen.

Er löschte das Licht und schloss die Balkontür. Es gab kein Internet. Als wäre das nicht schlimm genug, hatten es zwei der Fliegen geschafft, einen Eingang ins Zimmerinnere zu finden, und umschwirrten Unruhs Kopf. Er wünschte sich Spinnen herbei, denen die Stubenfliegen ins Netz gingen und die sie danach, eine nach der anderen, in hymnischer Langsamkeit auffrassen. Als er sich in Anbetracht der Grösse der Fliegen vorstellte, wie gross die Spinnen sein müssten, um die Fliegen in hymnischer Langsamkeit auffressen zu können, wünschte er sich, die Stubenfliegen würden einfach so verschwinden, grundlos und ohne Ausseneinfluss, und als er sich in Anbetracht des grundlosen Verschwindens der Fliegen vorstellte, das Gleiche könnte auch ihm widerfahren, dass er sich auflösen und einfach verschwinden würde, grundlos und ohne Ausseneinfluss, wünschte Unruh sich nichts mehr und akzeptierte die Situation. Er klappte den Laptop wieder zu. Wünsche waren gefährlich. Nach wie vor. Wünsche würden niemals aufhören, gefährlich zu sein. Spätestens nach der Hochzeit mit Emma hätte er das begriffen haben müssen. Darum war er doch hier. Wenn auch indirekt. Aber trotzdem. Unruh schrieb zwei Sätze in sein Notizbuch, legte sich hin, ohne die Zähne zu putzen, und fotografierte die Decke des Zimmers, gegen die er starrte. Das Foto war schwarz. Wie viel wäre von der Welt noch übrig, wenn alles, was je fotografiert worden wäre, nach Auslösen der Kamera nicht mehr existierte? Wenn jedes Foto ein kratergrosses Loch in die Landschaft risse? Vielleicht würde die Erde dann zu einem zweiten Mond, dachte Unruh, darauf wartend, dass der Schlaf in seinen Kopf fuhr und ihn mitnahm an einen Ort, an dem er ungestört unsichtbar werden konnte.

Rechsteiner, Peter

Die Midlife-Crisis

Der Untere Gäbris war offen. Die beiden Tische vor dem Haus waren gut besetzt und es hatte sich eine fröhliche Runde versammelt. Sie bestand aus einem halben Dutzend Rentnerinnen und Rentnern, deren Pensionierungstag schon einige Jahre zurücklag. Vor ihnen standen ein paar leere Weinflaschen. Mittlerweile nippten sie an Kaffee, dessen Durchsichtigkeit leicht auf den Inhalt schliessen liess. Und wie es sich für angetrunkene Wanderer gehörte, sangen sie, mehr laut als schön, fröhliche Lieder. Die Leute hatten es ausgesprochen lustig. Ich setzte mich zu ihnen und versuchte, mit einem Bergkaffee (Inhalt unbekannt, aber sehr wohlschmeckend und meinem Arzt vermutlich ein Dorn im Auge) auf ihr Fröhlichkeitsniveau oder zumindest ihren Alkoholpegel zu gelangen. Auf das Singen verzichtete ich, denn ich wollte es nicht von Anfang an mit ihnen verderben.

Nach zwei weiteren Liedern verabschiedete sich ein dürres Männchen. Er trug ein dünnes Leibchen und allzu kurze Hosen und joggte fröhlich lachend Richtung Suruggen davon. Meiner Bewunderung war er sicher, denn ich kannte die Strapazen des Joggings. Ich fragte mich, wo der Kerl hinrennen würde. Keines der umliegenden Dörfer lag an dieser Strecke. Aber nicht nur die Distanz gab mir zu denken, ich fragte mich auch, ob er überhaupt den Weg finden würde nach all dem Weingenuss. Aber weshalb machte ich mir Gedanken? Ein jeder musste ja selber wissen, wie er seine Gesundheit forderte (oder ruinierte).

Kurz nach dem Jogger stand auch der Rest der Gruppe scherzend und lachend auf und war plötzlich verschwunden. Dies ging derart schnell, dass ich mich fragte, ob der Bergkaffee meine Sinne getrübt hatte. Auf jeden Fall hatte ich nicht bemerkt, in welche Richtung sie losmarschiert waren. Obwohl ich mich gut amüsiert hatte, genoss ich die Ruhe, die jetzt auf dem Unteren Gäbris eingekehrt war.

Ich liess ein paar Minuten verstreichen, denn ich wollte nicht zufällig diesen beduselten Senioren noch einmal begegnen und mit ihnen mitwandern müssen.

Schliesslich machte auch ich mich auf den Weg und marschierte zügig Richtung Wissegg, um über die Hohe Buche ins Bendlehn zu gelangen. Von dort wollte ich mit der Trogenerbahn nach St. Gallen fahren. Ein leichter Weg, wenn man den fast unsichtbaren Kuhdrähten und den nur zu gut sicht- und hörbaren Appenzeller Blässen auszuweichen versteht. Da ich im Bendlehn nur wenige Minuten auf die Bahn warten musste und mich nach kurzer Fahrt in die heimische Badewanne setzen konnte, hätte ich meinen kleinen Ausflug alles in allem als ziemlich gelungen abbuchen können. Aber eben nur ‹hätte›.

Als ich nämlich zufrieden, aber müde auf dem Bänklein der Haltestelle sass, joggte plötzlich ein dünnes Etwas der Strasse von Trogen Richtung Speicher entlang. Ein genaues Hinschauen bestätigte meine Vermutung: Es war das dürre Männchen in den knappen Turnhosen, das ich im Unteren Gäbris gesehen hatte. Der Kerl hüpfte leichtfüssig und immer noch mit einem Lachen auf den Lippen an mir vorbei. Ja, er besass sogar noch die Frechheit, mir zu winken. Das durfte doch wohl nicht wahr sein! Dieser Mann joggte, in seinem Alter, mit Wein und vermutlich auch viel Bergkaffee im Körper in dieser kurzen Zeit via Suruggen nach Trogen bis ins Bendlehn und weiter. Dabei war er noch fähig, mir fröhlich zuzuwinken, während ich müde und schlaff auf der Bank der Haltestelle hing.

Meine permanente Müdigkeit war mir schon seit einiger Zeit ein Dorn im Auge. Es gelang mir aber immer wieder, der Arbeit oder ähnlichen Widerwärtigkeiten die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben. Dass es am Alter liegen könnte, hatte ich mir bis dahin nicht eingestehen wollen. Und nun dies, joggte dieser Typ frisch-fröhlich an mir vorbei, ja, ich konnte in seinem Gesicht die Schadenfreude über meine Erschöpfung ablesen. Er schien weder müde zu sein noch sonst von Strapazen gezeichnet, während mich nur die Aussicht auf ein warmes Bad auf den Beinen hielt.

Im Zug nach St. Gallen rätselte ich, welchen Weg und welche Abkürzung der Jogger wohl genommen haben mochte. Ich kannte aber keine Möglichkeit, die Strecke merklich zu verkürzen, als den Weg, den ich gegangen war. Der Weg über die Landmarch war auf jeden Fall um einiges weiter. Klar, er war gejoggt, aber ich war ja auch nicht gekrochen. Liess ich jetzt auch schon beim Marschieren nach? Diese Einsicht verstärkte meine Niedergeschlagenheit ob seiner Fitness und meiner Schlappheit noch beträchtlich.

Als ich in der Notkersegg, einer Haltestelle oberhalb von St. Gallen, zusehen musste, wie der Rest der Seniorengruppe in die Trogenerbahn einstieg, schluckte ich leer. Ich verstand die Welt nicht mehr. Wo zum Teufel kamen denn sie nun her? Soeben hatten sie doch auf dem Unteren Gäbris noch gesungen, gescherzt und Unmengen von Wein in sich hineingeschüttet. Mit Sicherheit beduselt, waren sie höchstens eine halbe Stunde vor mir losmarschiert. Und nun stiegen sie hier in der Notkersegg in die Bahn – immer noch lachend. Fehlte nur noch, dass sie weitere Lieder anstimmten.

Ich bin wirklich nicht mehr der Jüngste, war aber sicher immer noch um einiges jünger als sie. Ich war zügig marschiert und deshalb auch hundemüde. Jetzt lief ich ihnen hier wieder in die Arme, und zu allem Elend hatten sie mich auch noch in der Bahn entdeckt. Ganz sicher galt ihr Lachen mir, aus Schadenfreude über mein müdes Aussehen.

Es wird mir wohl niemand übel nehmen, dass ich mit der Welt zu hadern begann. Ist sie das, fragte ich mich, die Midlife-Crisis? Zu alt und zu müde, um anständige Bergtouren zu unternehmen, aber auch zu jung, um mit den Senioren noch mitzuhalten?

Rekade, Hansjörg

Richle, Urs

Rohner, Fanny

Rohner, Ruedi

Rohner, Viola

Alles Gute und auf Wiedersehen

Ich begegnete Lora zum ersten Mal im Sommer 1987. Sie wollte in Berlin studieren und kam vor Semesterbeginn direkt aus der Schweiz angereist. Ich war damals die Einzige in unserer Wohngemeinschaft, die an diesem Spätnachmittag zu Hause war, als Lora klingelte.

Widerwillig klappte ich mein Buch zu und stieg unsere vier Treppen nach unten und schloss die Haustür auf. Vor mir stand eine junge Frau mit kurzen, blonden Haaren, neben sich einen riesigen dunkelroten Koffer. Ich wunderte mich, wie sie diesen Koffer allein bis hierher geschleppt hatte, denn sie war, obwohl kräftig gebaut, recht klein. Sie gab mir artig ihre Hand und sagte, dass sie Lora sei, Lora aus der Schweiz. Leo habe ihr unsere Adresse gegeben. Sie habe vor ein paar Wochen angerufen wegen des Zimmers.

Ich nickte nur, trat einen Schritt beiseite und bat die Frau herein.

Der Koffer war so schwer, dass wir ihn zu zweit in die Wohnung hochtragen mussten. Ich hinten, sie vorne. Und auf jeder Etage entschuldigte sie sich, dass der Koffer so schwer sei und dass sie mich genötigt habe, ihr zu helfen. Es war für mich seltsam, dieses Entschuldigen. Es klang wie aus einer weit entfernten Welt. Die Welt meiner Kindheit, die Welt der Kleinstadt, die ich hinter mir gelassen hatte, als ich hierher nach Berlin gezogen war. Und ich erinnere mich, dass ich mich beinahe dafür schämte, wie sehr ich diese höfliche Art mochte und den angenehmen Klang dieser leisen, etwas singenden Stimme. Hier in Berlin hatte ich gelernt, dass man sich nehmen musste, was man brauchte, und sich bei niemandem dafür bedankte. Höflichkeit war etwas, das aus der Provinz kam. Und für Leute wie mich, die nach Berlin gekommen waren, um hier ganz und gar neu anzufangen und die Welt ihrer Kindheit wie eine alte, zu eng gewordene Haut abzustreifen, gab es nichts Schlimmeres als die Provinz.

Als wir oben im vierten Stock angekommen waren und vor unserer Wohnung standen, entschuldigte Lora sich noch einmal, und ich sagte zu ihr: Wüsste gerne, was für eine Schuld wir hier hochgeschleppt haben, so oft, wie du dich entschuldigst.

Das war nicht wirklich ernst gemeint gewesen, nur eine kleine Bemerkung, und ich wollte mich gerade abwenden und die Wohnungstür aufsperren, als ich eine Veränderung in ihrem Ausdruck bemerkte: ein kurzes Erschrecken, eine Zerbrechlichkeit und dahinter Trauer, die für einen Moment auf ihrem Gesicht erschien und mich berührte.

Dann packte Lora den Koffer wieder und ich sperrte auf, und sie stolperte durch unsere Tür. Willkommen zu Hause, rief ich und machte das Licht an, und wir trugen den Koffer zusammen durch den Flur in ihr Zimmer.

Da stand er nun wie ein grosses, rotes Schiff, das auf Rudis schwarzem Teppich gestrandet war und sich keinen Millimeter mehr vorwärtsbewegte.

Rotach, Ingeborg

Säntis – Zweites Leben

Andere beliebte Gäste waren natürlich Familien mit Kindern. Das Haus mit seinen Kammern und Kämmerchen und den vielen Schlupfwinkeln war ein herrliches Spielfeld. Oft verkleideten sich die Kinder und führten Scharaden auf oder sie suchten die alten etwas ramponierten Marionetten hervor und improvisierten kleine selbst erdachte Stücke. Gesellschaftsspiele waren beliebt mit langem, fantasievollem Pfandauslösen. Es wurde gewürfelt, gejasst, Puzzles wurden zusammengesetzt und trickreiche Geduldspiele versucht.

Und schliesslich gab es noch Gäste, die keine eigentlichen Gäste waren, sondern Ordner- und Mappenträger aus dem Alltag, aus der Berufswelt. Sie kamen zu Arbeitssitzungen, schwer beladen mit Papieren, Plänen und Büchern, und sahen wenig geländegängig aus. Sie hatten sich wahrscheinlich zuvor den Kopf zerbrochen, wie und in welchem Rahmen man sich solche Sitzungen überhaupt vorzustellen hatte, und waren dann überrascht über deren Formlosigkeit, aber auch über die Länge und Endlosigkeit der Diskussionen.

Es war die erste längere Zeit des Wohlstands und der Vollbeschäftigung. Ein beispielloses Baufieber hatte das Land erfasst. Einheimische und Ausländer rissen sich um die schönsten Plätze an Seen und Flüssen, in Städten und auf dem Lande. Zersiedelung bedrohte die schönen, alten, bedächtig gewachsenen Städte und Dörfer. Die Bodenpreise stiegen in astronomische Höhen.

Neue, gesichtslose Quartiere wucherten ins offne Land hinaus. Sie waren in einem Allerweltsstil gebaut, ohne ersichtlichen Bezug zur Landschaft, ohne System, ohne Planung hochgezogen, aus dem Boden gestampft.

Nach der langen Stagnation der Kriegs- und Nachkriegszeit schien der Hunger nach Erneuerung, nach modernen Wohn-, Erholungs- und Arbeitsräumen unersättlich.

Ganze Landstriche, Wiesen und Felder, die durch Hecken und Baumgruppen fein gegliederte Landschaft, verschwanden, um neuen Wohnsiedlungen, Gewerbebauten, Einkaufszentren, Parkplätzen, Sportanlagen Platz zu machen.

Nebenbei wurde die Landschaft ausgeräumt, aufgeräumt. Hochstämmige Obstbäume, die die Bewirtschaftung der Wiesen behinderten, wurden gefällt, Bäche begradigt oder in den Untergrund verlegt, Feldwege asphaltiert. Das Land verlor seine Eigenart und erhielt ein beliebiges Allerweltsgesicht.

Irgendwie musste versucht werden, diese Überhitzung, diese Entwicklung in geordnete Bahnen zu lenken. Zu viel kostbares Land war schon unwiederbringlich verloren.

Unter dem äusseren Druck entstanden vorerst einmal Pläne und Visionen, wie besonders wertvolle Landschaften geschützt werden könnten, so dass sie auch in Zukunft unantastbar waren. Daneben sollte es verdichtete Zentren geben, gut ausgestattet mit Schulen, Spitälern und Einkaufsmöglichkeiten, erschlossen mit öffentlichem und privatem Verkehr, mit jeder nötigen Infrastruktur.

Das waren die Geburtsstunden der hoch gelobten und viel geschmähten Leitbilder der Schweiz.

Für besorgte Zeitgenossen waren sie eine grosse Hoffnung, Garanten, die Schönheit und Vielfalt des Landes weitgehend erhalten zu können. Für andere hingegen stellten sie Leidbilder dar und bedeuteten Rückschritt, Rückfall in eine überlebte, verabscheuenswerte Planwirtschaft. Angstträume, Schreckensvisionen wurden an die Wand gemalt, die Furcht, den Technokraten ausgeliefert zu sein.

Noch schlimmer als Technokratie und Planwirtschaft war jedoch der befürchtete Verlust eines uralten, verbrieften, teuren Rechts, der Verlust der freien Verfügbarkeit über das Eigentum.

Der Anfang, die sich langsam entwickelnde Idee der Leitbilder, wurde seinerzeit auf dem Sitz ausgebrütet. Die Leitbilder wurden hier oben gedacht, fantasiert, skizziert, erwogen, besprochen, erstritten, diskutiert, erkämpft, verteidigt, erweitert, geändert …, immer wieder geändert.

Die Leute, die hier beisammensassen und sich darüber die Köpfe heissredeten, kamen aus allen Ecken des Landes. Sie waren meist jung, gut ausgebildet, stammten aus den verschiedensten gesellschaftlichen Kreisen und gehörten allen politischen Richtungen an. Freisinnige waren dabei aus der deutschen Schweiz, Liberale aus der Romandie. Natürlich gab es Sozialdemokraten, die radikalere Ideen vertraten als die Leute aus der Zentralschweiz, die dem christlichsozialen Gedankengute nahestanden. Tessiner und Rätoromanen breiteten die Probleme der Zweitwohnungen aus. Idealisten, Freigeister, Naturschützer sassen um den Tisch und wollten ihre Vorstellungen durchbringen. Frauen waren seltsamerweise in dieser ersten Leitbilder-Zeit nicht dabei.

Allen lag gemeinsam eine grosse Idee am Herzen, die Zukunft des schönen Landes.

Politik war in diesem Zeitpunkt noch kein Thema. Ehrgeiz und persönlicher Erfolg auch nicht.

Neid, Streit und Missgunst, die Vorteile und Hemmnisse einer landesweiten Planung, alles, was später die Atmosphäre so erschwerte, Animositäten und Feindschaften weckte, alle diese divergierenden Strömungen gab es noch nicht.

Es ging ja vorerst um eine Vision, und Visionen lassen sich nicht begrenzen, nicht einschränken, haben keine Bodenhaftung, kümmern sich nicht um Machbarkeit. Visionen müssen erst einmal gedacht werden. Sie tragen den Duft der Weite, der Grösse, die Leichtigkeit der Uneingeschränktheit.

Die Planer, die Ingenieure, die Juristen, die Architekten sassen, wenn das Wetter es erlaubte, auf der unebenen, holperigen Wiese unter der duftenden, summenden Linde. Steine beschwerten die Papierberge gegen den Wind. An die Schindelwand des Hauses waren Pläne gepinnt, Landkarten, Skizzen, Ideen und Denksätze, das grosse, noch gänzlich ungeordnete, wahrscheinlich auch unausgegorene Patchwork-Bild einer sich langsam anbahnenden, sich herauskristallisierenden, festsetzenden Idee.

Mit dem weiten grünen Land zu Füssen und der lieblichen, uralten Appenzeller Streusiedlung, begrenzt von Hügeln und dem Säntismassiv, war die Vision von geschützter Landschaft, von haushälterisch genutztem Boden ganz naheliegend. Grosse, zukünftig sich entwickelnde Ideen und Vorhaben konnten an diesen Leitbildern geprüft und erwogen werden.

Schönheit und Eigenart des Landes mussten erhalten und bewahrt bleiben, damit auch den nachfolgenden Generationen ein erfülltes Leben und Arbeiten möglich sein werden.

Es war eine gute Zeit damals.
Deine gute Zeit.
Es war eine Zeit des Aufbruchs, des Höhenflugs, der Ideen, vielleicht auch der Freundschaften.
Man glaubte damals in jugendlichem Gefühl, etwas Sinnvolles zu leisten für die Natur, das Land und seine Bewohner. Man glaubte an Visionen und an deren Machbarkeit. […]

Ich war mit den Kindern allein auf dem Sitz. Ein eisiger Wind tobte ums Häuschen, stiess Schneewolken vor sich her und liess sie plötzlich irgendwo liegen, vor der Haustüre, an den Fenstern oder blies sie zwischen den beiden Häusern zu einem Wall zusammen. Es war kalt und zugig und ungemütlich im Haus, darum beschloss ich, noch einmal einzuheizen. Ich trug Holz und Tannzapfen in die Küche und zündete ein Feuer an. In diesem Augenblick stürzte sich der Wind aufs Dach und drückte beissenden Rauch durch den Kamin in die Küche. Schnell schloss ich die Ofentüre wieder und öffnete das Fenster. Der Wind fuhr herein, wirbelte Rauch und angesengtes Papier und Holzstücke durcheinander und als ich es wagte, die Ofentüre wieder aufzumachen, quoll dicker schwarzer Rauch heraus. Es schien mir ganz unmöglich, bei diesem Wetter, ein Feuer in Gang zu bringen. Als ich jemanden in der Scheune nebenan hämmern hörte, ging ich hinüber, um Hilfe zu holen.

Vetter Jakob liess sofort seine Arbeit liegen und folgte mir. Die schwarze Zipfelmütze hatte er tief ins Gesicht gezogen, seine Augen tränten und Eiskristalle hingen in den Bartstoppeln. Er befreite mit ein paar Schaufelwürfen den zugeschneiten Eingang, klopfte den Schnee von den Kleidern und schlüpfte aus seinen Stiefeln. In der Küche knüllte er ein paar Blätter Zeitungspapier zusammen, zündete sie an und steckte sie in den Ofen, wo das Feuer mit lautem Blaffen den Rauch in den Kamin hinaufsog. Dann baute er vorsichtig mit wenig Papier, feinen, dünnen Ästen und ein paar Tannzapfen ein kleines Feuer, schloss die Luftklappe zur Hälfte, legte immer wieder dünnes, trockenes Holz nach, und bald knisterte und brannte ein gutes, zuverlässiges Feuer, auf das er schliesslich die Hartholzscheite schichten konnte.

«So wird das gemacht», sagte er zufrieden und sah mich mit seinen klugen, hellen Augen wie mir schien spöttisch an, «dabei hilft auch kein Frauenstimmrecht.»

«Nein, zum Heizen ist kein Stimmrecht nötig», sagte ich völlig überrumpelt und überrascht, «auch zum Mähen und Heuen nicht.»

Er kniff die Augen zusammen und ich konnte sehen, wie ihm das Blut in den Kopf stieg. Es gebe ausser Mähen und Heuen noch anderes, sagte er nach längerer Pause.

«Ausser Heizen auch.»

«Es geht nicht, wenn beide regieren, Mann und Frau.»

«Warum eigentlich regieren? Zusammenspannen, am gleichen Strick ziehen. Das geht.»

«Die Frau gehört ins Haus. Da ist ihr Platz.»

«Man kann die Zeit nicht zurückdrehen, Jakob.»

«Zurückdrehen will ich die Zeit nicht. Ich will sie so lassen, wie sie ist.»

Rotach, Walter

Ist's bei uns wirklich so schön?

Ein Sehnen nach der weiten Ferne, eine ungezügelte Reiselust lockt mich und raunt mir zu: In Paris bist du noch nie gewesen; Neapel wartet schon lange auf dich; ach, dass du einmal Ägyptens Wunder und Indiens Pracht schauen könntest! Und nun – wer hätte das gedacht! – kommt einer, der die ganze Welt gesehen hat, und spricht: Sachte, du Appenzellermannli, sieh, ich will dir den Star stechen. Merkst du wirklich nicht, dass du ja Tag für Tag mitten drin stehst im Schönsten, was die Erde bietet?

Es ist Norbert Jacques, der sich als feinsinniger Reiseschriftsteller einen Namen gemacht hat. Er plaudert in einem hübschen Wanderbüchlein, betitelt: Am Bodensee, von besonders schönen Aussichtspunkten, die in den Reisehandbüchern mit einem Sternchen ausgezeichnet sind, und behauptet dann, drei Aussichten in der Schweiz zu kennen, die diese Ehre nicht geniessen, ja im Baedecker nicht einmal erwähnt sind und die er nun einmal öffentlich preisen wolle. Und nun erzählt er:

«Ich bin über die schwarzen Berge geritten. Ich habe auf einem Hausboot die Schluchten des oberen Jangtsekiangtals besiegt und den Tibet gesehen. Ich kenne Rio de Janeiro, Hongkong und Sidney, die drei schönsten Städte der Erde. Ich war in der Serra do Mar in Brasilien, bin in Peru die Oroyabahn hinaufgefahren und habe die Anden unter dem Aconcagua durchquert. Im Innern von Sumatra habe ich das Tobameer gesehen. Meine drei schweizerischen Aussichten haben Teil an dieser Weltengrösse.»

Und dann schildert er als erste Aussicht die Stelle, wo der Zug von Bern nach Genf den Blick auf den Genfersee eröffnet. Als dritte und schönste Aussicht nennt er einen Punkt der Mittelthurgaubahn. Aber wo soll denn die zweite Stelle sein? Pass auf, Appenzeller, mit deiner in die Ferne schweifenden Begierde!

«Die zweite Stelle», so steht’s zu lesen, «liegt an der Bodensee-Toggenburgbahn. Hinter Herisau. Aus dem auf der Höhe fahrenden Zug übersieht man eine hochgebaute Weite. Berglinie um Berglinie schmilzt dahin, eine hinter die andere gestaffelt, in einer süssen, wohligen Regelmässigkeit, wie von einer göttlichen Pflugschar aus dem Mittelgebirge aufgefurcht. Wälder versinken dazwischen wie dunkle Sagen. Dörfer leuchten. Eine grosse Stadt bettet sich reich und hell hinein. Seidig gespannte Weite hält die Welt westwärts offen ins Unendliche hinein. Es ist ein Ozean des Erdbodens, der unter einem Sonnensturm mild auf einmal seine Bewegung anhält und Woge um Woge erblauend starr stehen lässt.»

Ich musste mir an den Kopf greifen. Solche Wunder sollten vor unsern Augen, daheim, ausgebreitet liegen? Dann bin ich hingegangen, um mir dieses Stück Erdenschönheit anzusehen. Und ich habe mich geschämt, dass ein Ausländer mir zuerst die Nase hat daraufstossen müssen, bis ich dessen besonderen Reiz erkannte.

Roth, Eugen

Roth, Eva

Rusch, Johann Baptist

Schläpfer, Hans

Schnyder, Rebecca C.

Schoch, Verena

Laubbläser erobern die Heuwiesen

Alle Vögel sind schon da … Sie künden zwitschernd den nahen Sommer an. Die Bauern sind kribbelig, weil das Heuen bald wieder ihren Alltag bestimmt und die Alpfahrten bevorstehen. […] Vier Schnitte pro Sommer sind auch im Appenzellerland zur Norm geworden. Traktoren, Weidemäher, Heuzettler, Ladewagen, Rundballenpressen, aber immer weniger Bauern kümmern sich ums Futter für das liebe Vieh. So kann es passieren, dass bei einer Frühlingswanderung im grünen Hügelgebiet plötzlich artfremde und ortsuntypische Wesen auftauchen. An steilen Abhängen bewegen sich saurierähnliche Gestalten mit überlangen Rüsseln. Mit Benzinmotoren wie Rucksäcke getragen, Pamir-Gehörschützern und langen Blasrohren befördern sie die Heumaden talwärts.

Ich traute meinen Augen und Ohren nicht, als ich vor kurzem in eine solche Szenerie geriet. Kein Roboter aus einem Science-Fiction-Film der siebziger Jahre – nein – eine Appenzellerbäuerin, mit einem Laubbläser bestückt. Sie arbeitete im steilen Hang ihres Heimetlis und erledigte allein und in Sturmes-eile (Laubbläser blasen mit bis zu 300 Stundenkilometern) das Bergheuen. Mein Gruss ging im Lärm des Benzinmotors unter und blieb verständlicherweise unerwidert. Ohne Laubbläser hätte das Heuen an diesem Hang viermal länger gedauert. Und die Geräusche der Rechen im dürren Heu, der leise Wind und die Stimmen der arbeitenden Menschen hätten einen Wohlklang ergeben … So träumte ich auf dieser Wegstrecke vor mich hin. Weit und breit war keine Gewitterwolke in Sicht, die Kühe weideten friedlich, und der Säntis strahlte in der Sonne. An seiner Nordwand prallte der Lärm des Laubbläsers ab und kam als ohrenbetäubendes Echo wieder zurück zum Heublätz. Eine ganz neue Art von Idylle!

Wieder zu Hause schaute ich mir die Homepage von Appenzellerland Tourismus an. Dort lässt man mich die echten Klänge Ausserrhodens hören. Vögel zwitschern, Schmetterlinge flattern animiert. Donner grollt und Regen prasselt, der Bläss bellt, Bienen summen laut, der Güggel kräht und im Bild öffnen und schliessen sich Blumen still und zeitgerafft. Dies alles umrahmt von einem «Cherli» lüpfiger Appenzellermusik. Bilder von Sennen, Schellen, glücklichen Tieren und einer intakten Natur. Das Appenzellerland als ideale Destination für Gäste aus aller Welt.

Ob Vögel, Schmetterlinge und Bienen bei solcher Hektik und solchem Lärm in der Landwirtschaft wohl in ein paar Jahren nur noch auf Homepages erscheinen? Ob die Touristen in den appenzellischen Hügeln dann vielleicht Chüelis und Heuerlis spielen können mit bunten Kühen aus Plastik und hölzernen, alten Heurechen und -gabeln, weil es dann keine Bauern mehr gibt, nur noch Landwirtschaft?

Vielleicht sollte ich mir einen Laubbläser kaufen und einfach alles, was mir nicht gefällt, mit 300 Stundenkilometern fortblasen …

Schweikert, Ruth

Schaukeln

Dass das Appenzellerland wahre Wunder wirkt, wusste ich schon als Kind, wenn die Mutter jeweils um fünfkommanullsechs Kilo leichter, beschwingt und verjüngt von ihrer dreiwöchigen Fastenkur nach Hause kam. Sie strahlte, lachte und herzte uns, als hätte sie schon in den Siebzigerjahren weise vorausschauend all das getan, was 2008 unter www.appenzell.ch den potentiellen TouristInnen nahe gelegt wird: «Beim Schneeschuhlaufen die unberührte Stille eingeatmet, in der reinen Luft, an tosenden Wasserfällen, in den bekannten Moorbädern oder den modernen Erholungslandschaften Gesundheit und Wohlbefinden gepflegt».

Dazu passt meine eigene Erinnerung an frühe Sommerferien in Heiden, die ich auf einer Schaukel verbrachte, immerzu von neuem in die Landschaft hinein fliegend; weder Süssigkeiten noch das Versprechen auf andere Vergnügungen vermochten mich davon abzubringen. Ich muss meine Mutter und meine beiden kleinen Brüder zur Verzweiflung getrieben haben. Erst als wir alle erwachsen und von zu Hause ausgeflogen waren, verstand ich, dass die Mutter nicht ins Appenzell fuhr, um schlanker und jünger zu werden, sondern dass sie sich im Gegenteil systematisch Kummerspeck auf die Hüfte lud, damit sie wenigstens einmal im Jahr für drei Wochen weg durfte. Womöglich hätte sie Paris oder Ibiza vorgezogen, aber wie hätte sie eine solche Destination vor uns rechtfertigen sollen, die weder damals noch heute als gesundheitsfördernd galt und gilt, sondern eher als Synonym gebraucht wird für Liebesabenteuer und durchtanzte Nächte? So gesehen tut es diesem Text kaum Abbruch, wenn ich jetzt gestehe, dass sich der Kummerspeck meiner Mutter nicht in der reinen Appenzeller, sondern in gewöhnlicher Thurgauer Luft auflöste, die das sagenhafte Schloss Steinegg umwehte, das ich mir, wie gesagt, nur im Appenzellerland denken konnte.

Seelig, Carl

Signer, David

Unbekannte Frau

«Als unseres Lebens Mitte ich erklommen,
Befand ich mich in einem dunklen Wald,
Da ich vom rechten Wege abgekommen.»

 

So beginnt die Göttliche Komödie, und so ergeht es auch mir. Ich habe mein Leben verpfuscht. Ich werde euch von meinem unglückseligen Schicksal erzählen, auf dass es euch eine Warnung sei.

Mein Name ist Johann Georg Honnerlag. Ich wurde 1743 im ostschweizerischen Trogen geboren, ging jedoch, kaum erwachsen, erst nach Lyon und dann nach Genua, wo man mir eine Anstellung in der italienischen Filiale der Textilhandelsfirma Gebrüder Schläpfer anbot. Mein Vater, mein Grossvater und mein Urgrossvater waren bekannte Ärzte. Mich jedoch zog es weg, sowohl weg aus meiner Heimat, wie auch weg aus der Zunft meiner Vorfahren. Vielleicht begann schon damals mein Abirren, das mich immer weiter von mir selbst wegführte. 1782 heiratete ich die bezaubernde, liebenswürdigste Anna Ursula. Ich war damals 39 Jahre alt, sie 16. Zwei Jahre später kam unsere erste Tochter zur Welt, zwei Jahre darauf die zweite. Dann gings bergab.

Wir befinden uns im Jahre 1799. Vor zwei Tagen habe ich meinen 56. Geburtstag gefeiert. Ah, wenn ich an frühere Feiern zurückdenke. Keiner der Genueser Adligen fehlte. Aber nun werde ich gemieden wie ein Aussätziger. Ich habe einen Bänkelsänger engagiert, der für gutes Geld Loblieder auf mich sang. «In der Mitte des Lebens», tremolierte er. Ha! «In der Mitte der Jauchegrube» wäre treffender gewesen. Ich neige mich dem Ende zu, so rasch wie dieses vermaledeite Jahrhundert. Und um beide ist es nicht schade.

Seit dem Ausbruch der Französischen Revolution laufen die Geschäfte schlecht. Die Firma, für die ich so lange arbeitete, wurde aufgelöst. Ich hätte nach Hause zurückkehren sollen, jeder wusste, dass die Sterne schlecht standen. Aber was sollte ich im miefigen Trogen, im imposanten Palast meines älteren Bruders? Gegen jede Vernunft entschied ich mich, in Italien zu bleiben, und die hiesige Filiale unter eigenem Namen weiterzuführen. Vor sechs Jahren kam Georg zur Welt, im zarten Alter von zwei Lenzen ging er von dannen. Im folgenden Sommer schenkte uns Gott in seinem Erbarmen noch einen Sohn, den wir – voller Verzweiflung, voller Hoffnung – abermals auf den Namen Georg tauften. Er ist jetzt drei. Ein Astrologe prophezeite uns, er werde früh sterben, aber er sagte uns nicht wann.

Und dann ist da noch Johannes. Ach, wäre er doch nie geboren! Ihm habe ich es zu verdanken, dass ich das Kainsmal auf der Stirn trage. Manchmal frage ich mich, ob ich etwas vom Blut meines Grossonkels Bartholome in mir trage. Über dieses schwarze Schaf der Familie hat man immer geschwiegen, aber jeder weiss, was für eine Art Weibsperson seine zweite Frau war. Und auch über die Existenz von Victoria ist nun ganz Genua unterrichtet, seit die Existenz von Johannes davon kündet.

Was habe ich zu meiner Entschuldigung vorzubringen? Ich war jung und einsam, als ich in den Sechzigern hierher kam. Tagsüber tat ich meine Arbeit, aber abends hatte ich keine Lust, mich weiter mit den Leuten der Schweizer Kolonie zu treffen. Da hätte ich genauso gut in Trogen bleiben können. Und so faszinierend es war, am Wochenende in den Villen und Gärten der Genueser Aristokratie ein- und auszugehen, so sehr zog ich während der Woche die dunklen Viertel am Hafen unten vor. Besonders eine Schenke hatte es mir angetan, die erst gegen Zehn öffnete, so dass man sie im Schutze der Dunkelheit besuchen konnte. Sie besass keinen Namen und auch kein Schild, das einen aussenstehenden Neugierigen hätte anlocken können. An der Theke und den Tischen flossen Chianti und Grappa in Strömen, der Boden war mit Stroh ausgelegt. In einem schummrigen Hinterzimmer spielten sich Matrosen, Söldner und lokale Hasardeure um Kopf und Kragen, in einem staubigen Kellerraum voller Spinnweben zwischen den Eichenfässern wechselten Messer, Pistolen, Spanische Fliege, Opium, andere Gifte und Geld die Besitzer. Von der Trinkhalle führte eine knarrende Holztreppe in den oberen Stock. Man konnte oben auf der Galerie am Balkon stehen und ins wilde Treiben hinunterschauen, man konnte auch rundherum gehen, all den Türen entlang, die jede in ein anderes Paradies führte. Diese Zimmer waren das Reich der «Schönen der Nacht». Aber Victoria lernte ich nicht dort oben kennen. Streng genommen lernte ich sie nicht einmal im ‹Libertà› kennen, wie das Lokal von Eingeweihten genannt wurde, sondern davor. Sie sprach mich eines Abends an, sagte, sie könne putzen, waschen, bügeln, kochen – kurz, ob ich sie als Haushälterin engagieren wolle.

Mir war bereits von meiner Firma ein Mädchen zur Verfügung gestellt worden, das mir zur Hand ging. Aber diese dunklen grossen Augen, die mich in jener nächtlichen Strasse so lange und geheimnisvoll anblickten, die langen fast schwarzen Locken, die auf ihre Schultern fielen, das leicht spöttische Lächeln ihrer vollen Lippen – ich lud sie ein, am nächsten Vormittag, einem Samstag, bei mir vorbeizukommen.

Als sie dann an meine Türe klopfte, ich glaube, mein Herz klopfte fast ebenso laut, bevor ich öffnete.

«Ich habe mich gar nicht vorgestellt gestern», sagte sie entschuldigend. «Ich heisse Victoria.»

Ja, der Sieg war ihr gewiss. Am Abend zuvor hatte ich sie im Mondschein für eine Süditalienerin gehalten. Nun, im morgendlichen Glanz der Sonne auf ihren Wangen, bemerkte ich ihren Caramel-Teint. Ob sie wohl aus Nordafrika stammte?

Bei einem Tee im Salon erzählte sie mir ihre Geschichte. Sie kam aus Saint Domingue und entstammte einer Mesalliance zwischen einer Haitianerin und einem Sklavenhändler. Als Métissée war es ihr möglich, sich in den verschiedensten Welten der Hauptstadt Port-au-Prince zu bewegen. So lernte sie in einem spanischen Club eines Tages einen Tabakhändler kennen, der ihr versprach, sie nach Cordoba mitzunehmen.

Er hielt Wort, verliess sie allerdings, in seiner Heimat angekommen, schon nach wenigen Wochen. Sie schlug sich nach Genua durch, und hier war sie nun.

Ich war ein wenig verunsichert in ihrer Gegenwart, denn ich wusste nicht recht, ob ich sie wie ein Freudenmädchen oder eine Dame behandeln sollte. Sie hatte gepflegte Umgangsformen. Es wäre ohne weiteres möglich gewesen, dass sie mich geohrfeigt hätte, falls ich sie plötzlich heftig umarmt hätte. Denn dies ging mir unaufhörlich durch den Kopf, während wir über das Wetter und die Geschäfte parlierten. Aber vielleicht wartete sie auf nichts anderes und hiess mich insgeheim einen Feigling, da ich so zurückhaltend und scheu blieb?

Erst beim Abschied fasste ich Mut und drückte ihr einen Kuss auf ihre verführerische Wange. Und sie, sie sagte ohne Umschweife: «Ich kann deine Geliebte sein, wenn du willst. Aber du musst mir eine Wohnung zur Verfügung stellen.»

Hätte ich in jenem Moment, in jenem einzigen Moment geschwiegen – wie anders wäre mein Leben verlaufen. Jedoch ich sagte ein einziges Wort, das schlechtest mögliche. Ich sagte: «Gut» – und besiegelte damit mein Schicksal.

Anfangs besuchte ich sie jeweils am Samstagvormittag, wie beim ersten Mal. In der zarten Vormittagssonne des Mittelmeers, die durch die ausgebleichten Vorhänge fiel, liebten wir uns in den weissen Laken und dachten nicht an die Zukunft. Das Zimmer im ersten Stockwerk ging auf eine belebte Gasse hinaus, das Geschrei der Marktfrauen und der Strassenjungen drang zu uns hinauf, manchmal schaukelte uns die Geige eines Wandermusikanten in einen leichten Schlaf, bevor die Liebkoserei von Neuem begann.

Dieses Glück dauerte ein paar Jahre, bis ich von meinem Vater nach Trogen gerufen wurde. Trogen, Vater! Fast hatte ich vergessen, dass es so etwas überhaupt noch gab. Meine Familie hatte entschieden, ich sollte verheiratet werden, und sie hatten auch schon eine passende Kandidatin. Anna Ursula von Herisau war ein unschuldiges, herzensgutes Mädchen, keine Frage. Aber was hatte sie mit Genua, mit Victoria, der ‹Libertà› und meinen Fernhandelsgeschäften zu tun? Annas Vater mit dem passenden Namen Schiess war Quartierhauptmann – und was er sich nicht alles darauf einbildete! Ich hatte mich weit entfernt von meiner ‹Heimat› – meine wilde, karibische Schönheit in unserm Versteck in der Altstadt war mir näher, so viel näher als all diese braven, tüchtigen Eidgenossen.

Signer, Steff

Slamanig, Monika

Sonderegger, Hans Konrad

Die Landsgemeinde

Man hat es letzten Sonntag erleben können, wie stark die Tradition der Landsgemeinde bei uns verwurzelt ist. War schon von den Geschäften keines besonders zügig, um einen starken Aufmarsch zu bewirken, so tat das Wetter geradezu das Möglichste, um die Mannen vor dem Ausgehen abzuhalten. Es regnete ausgerechnet während der Verhandlungen mit einer infamen Leidenschaftlichkeit; es war kein ehrlicher grober Regen, der in währschaften Tropfen zur Erde fällt und gelegentlich innehält oder nachlässt; es war ein ganz gemeiner halbschräger Fadenregen von jener Feinheit und unermüdlichen Intensität, die schliesslich nichts mehr trocken lässt und zudem bald den ganzen Körper durchkältet. Trotzdem war der Platz besser gefüllt, als man unter solchen Umständen erwarten konnte. Es war keine grosse, wohl aber eine bewunderungswürdige Landsgemeinde, eine Landsgemeinde der Selbstzucht und des entschlossenen Widerstandes gegen den nassen Vereitlungsversuch, und wenn man sie als verbissenen Kampf zwischen dem Wettermacher Petrus und den Appenzeller Bürgern betrachtet, so hat der bärtige Himmelspförtner schmählich verspielt. Er erreichte das pure Gegenteil von einer Auflösung im Wasser; entschlossen übernahm ein jeder seinen Anteil an dieser meteorologischen Gleichheit. Der alte Landammann tropfte so gut wie der neue, die Regierungsräte tropften, der eine mehr nach hinten, der andere mehr seitlich, Ratschreiber und Weibel tropften, die Blätter der Landsgemeindebüchlein klebten zusammen, das ehrwürdige Landbuch mit der Eidesformel quoll auf und verzog sich unter dem nassen Segen, im Volke schüttete der Grosse den Inhalt seines Hutrandes in den Kragen des Kleinen: Man gab nicht nach, man stimmte, bis alles erledigt und in Ordnung war, man führte die Landsgemeinde durch, so wie es immer war und wie es Brauch und Recht ist. Das ist Disziplin; da steckt ein Wille drin, der die Bürgerpflicht unter allen Umständen erfüllen will. […]

Sonderegger, Stefan

Das Vaterunser auf appenzellisch

Es gibt keine appenzellische Bibeltradition. Sie wäre erst noch zu begründen. Warum nicht eine Bibel auf Appenzellerdeutsch schaffen? Die Mundart steht der Kirche im eigenen Land leider fern, allzu fern, glauben wir sagen zu müssen. Vielleicht war es die ehrfurchtsvolle Distanziertheit, die den Appenzeller durch Jahrhunderte davon hat Abstand nehmen lassen, seine eigene volkssprachliche Bibel zu verfassen. Aber das schönste, heiligste und in seiner Verdeutschung aus St. Gallen um 790 auch älteste deutsche Gebet, es soll auch einmal appenzellisch nachvollzogen sein. Wir wagen es um des Gebetes willen:

Vatter vo üüs ale im Himmel,
heilig seg üüs Din Name.
Dis Riich söll zo-n-üüs here choo.
Din Wile söll gelte im Himmel ond of de Welt.
Geb üüs hüt för dè Taag s Broot.
Vergeb üüs, wo mer gfäält hend,
so wie meer dene vergend, wo gegen üüs gfäält hend.
Loo üüs nüd versuecht see,
nää, lös üüs vom Bööse.
Denn Deer ghöört d Gwalt ond d Herrschaft ond
d Herrlechkeit
öber ali Zite.

Späth, Gerold

Specker, Louis

Stark, Verena

Steiner, Arthur

Sterchi, Beat

Steuble, Karl

Stöckli, Rainer

Stoll, Lara

Surber, Valentin

Sutter, Julia

Kool ganz nah

Als Kind hatte er Baggerführer werden wollen, jetzt beklagten sich seine Kunden über Baustellensignalisierungen, wo offensichtlich nicht gearbeitet werde. Wie lange das Amt vorhabe, an der A1 herumzudoktern, warum man nicht endlich den Pannenstreifen freigebe. Zu Beginn hatte Kool besänftigt und erklärt, solange ein frischer Belag auskühle, könne man nicht weiterbaggern, der Pannenstreifen eigne sich nicht für die Belastung von 40-Tönnern, es werde hinter den Sichtschutzwänden sehr wohl gearbeitet, nicht alles laufe zwingend mit Getöse ab. Inzwischen war er schlauer. Gab seinen eigenen Leuten die Anweisung, das Materialdepot oder alte Belagsreste zu Bergen aufzutürmen, Abfall gut sichtbar auf dem Pannenstreifen zu platzieren, damit die Autofahrer kapierten, dass hier gekrampft wurde und keine Minute vertrödelt. Verkäufer Kool sass in seinem geräumigen Büro und verwendete den Grossteil seiner Zeit darauf, die Baustelle für alle zum unvergesslichen Erlebnis zu machen – der Einzige, der sie nicht erlebte, war Kool selber. Und Villmar, aber der vermisste den Dieselgeruch ganz sicher nicht. Wenn Villmar aufgefordert wurde, etwas zu erklären, stierte er auf seine Pläne und machte unverständliche Halbsätze, von wegen das hier sei obsolet und jenes dort werde nächstens volatil. Dem ging es nicht um die Brücke, sondern um seine sauberen Pläne. In seinem Büro brannte noch Licht. Die Pläne hingen an der Wand, Tabellen mit Spalten für Termine und mit solchen für Gelder. Villmar hatte als Bub Bürolist werden wollen. Kool sprach durch den offenen Türspalt zum Rollkragenrücken: «Bis morgen», und ging, ohne eine Antwort abzuwarten.

Drei, vier Mal im Jahr schaffte es Kool auf die Baustelle, fünf Mal, wenn es hochkam. Warnjacke und Helm lagen auf dem Beifahrersitz. Kool fuhr auf der bereits sanierten Spur Richtung Zürich. Der neue, dunkle Flüsterbelag war der reinste Genuss. Auch Luise hörte mittlerweile den Unterschied. Alles eine Frage der Übung. Kool umschloss mit einer Hand seinen goldenen Anhänger, sagte leise vor sich hin: «Keiner da, niemand verspätet, die Baracken verschlossen, heilige Barbara, Helferin in der Not, keiner ist da.» […]

Kool setzte den Blinker, bog ein zum Rastplatz Oberengstringen. Die grünen Baubaracken lagen im Dunkeln. Keiner da. Er stellte den Motor ab, blieb einen Moment sitzen. Wie erleichtert man in der Gemeinde war, dass der Schwulentreff hatte verreisen müssen, als der Rastplatz geschlossen und von den Baracken in Beschlag genommen wurde, hatte niemand offen zugegeben. Aber Kool hatte Telefonate geführt. Ob die Schwulen zurückkommen würden, lasse sich von seiner Seite her unmöglich voraussagen. Da wage er keine Prognose. Wegen der Gemeinde hätten sie den Rastplatz wohl nach Ende der Bauarbeiten nicht mehr zu öffnen brauchen. Aber Kool hatte an seine eigenen Kunden zu denken, er hatte Broschüren drucken lassen: Wir können die Fertigstellung selber kaum erwarten, wir bitten um Verständnis. Er zog die Warnjacke über, ertastete in der rechten Brusttasche einen vergessenen Bonbon, steckte ihn in den Mund und nahm die Treppe in Angriff. Oben auf der Passerelle war ein Aufrichtungsbaum ans Geländer gebunden. Villmar hatte im Büro gemeldet, wegen der Tanne mache der provisorische Übergang einen schlampigen Eindruck. Kool beugte sich über das Geländer. Näher zum Material. Die A1 lag zweigeteilt unter ihm. Reflexartig hielt er den Helm fest, als er sich tiefer hinunter neigte, den Autofahrern zu.

Unten im ungenutzten Niemandsland trennten ihn schwere Betonelemente von der Gegenfahrbahn. Von grünen Mittelstreifen war man wieder abgekommen. Mobile Leitplanken machten mehr Sinn. Kool hätte in dieser einen Nacht eine neue Spur verlegen können. Oder mindestens ein, zwei Elemente verschieben. Ihn hätte man zuletzt verdächtigt. Im Büro wusste niemand, dass er seinerzeit den Baggerführer gemacht hatte, bis heute manchmal betroffen aufwachte, weil er eben noch im Schlaf gehebelt hatte, in grosser Höhe umgeschwenkt war. Kool ging mitten auf der breiten, leeren Fahrbahn. […]

Sein Vater, der Ingenieur, hatte ihm den Baggerführer nicht etwa ausgeredet, später allerdings auch nicht den Stolz und die Genugtuung zu verbergen versucht, als Kool den Ingenieur anhängte. Ein Familienvater, der die Wahl hatte, entschied sich nicht dafür, sein Leben mit Baggern zu verbringen, auch nicht unbedingt beim Plänezeichnen.

Kool, du kannst es gut mit den Leuten. Ungewöhnlich gut für einen Ingenieur, hatte man zu ihm gesagt. Er hatte es geglaubt und war erst Bereichs- und dann Filialleiter geworden. Vor vierzig Jahren war die Brücke eröffnet worden; damals war einer der Grösste gewesen, wenn er im Brückenbau tätig war. Heute streckte Villmar die Brust raus, wenn ihm ein neues 500-Millionen-Projekt zugesprochen worden war, und der verstimmte Kollege, der nur 80 Millionen verbauen durfte, liess sich in der Mensa eine Extrakelle Sauce schöpfen.

Kool ging mit zögernden Schritten. Gemäss Vorschrift wurden zwar bei Betriebsschluss alle Baugruben abgesperrt, mit Baggern verbarrikadiert, damit kein verirrter Autofahrer aus Versehen in eine Grube raste und sich das Genick brach. Den Fuss konnte man sich auch an einer simplen Unebenheit verstauchen. Von der Gegenfahrbahn drang das Verkehrsrauschen herüber, spärlich auch das indirekte Licht der Scheinwerfer. So, wie heutzutage auf den Baustellen gestohlen wurde, nicht nur Maschinen, sondern auch Baumaterial, ja Schutt sogar, hätte man eigentlich alles anketten müssen. Kool hob ein Belagsbruchstück vom Boden, wog es in der Hand, warf es zurück auf den Haufen. Dann stiess er auf einen Stapel Wärmeteppiche, aufgeschichtet wie Brennholz. Er setzte sich auf die zusammengerollten Gummimatten, die unter seinem Gewicht leicht nachgaben, und schaltete das Telefon aus. Vielleicht konnten sie doch nach Frankreich auswandern, in den Süden. Dort wurde es auch im Winter nicht so kalt, dass man den Belag, der doch auskühlen sollte, mit einem Teppich zudecken musste. In Frankreich war es mit dem Strassenbau überhaupt eine ganz andere Sache. Da hätte man die alte Strasse alt sein lassen, ihr die Ehre nicht genommen, ihre Risse nicht ausgebessert. Man hätte neben die alte einfach eine neue Autobahn gebaut, ohne jahrelanges Bittibätti, ohne jahrelange Planerei. Villmar sagte gern: Wenn sie zu bauen beginnen, ist die Arbeit beendet. Dass er irgendwie sogar Recht hatte, ärgerte Kool am meisten. Hier gaben die Bauern keinen Quadratzentimeter freiwillig her, die wehrten sich bis aufs Blut. In Frankreich auch, aber dort konnten sie nichts ausrichten. Barbara hatte sich ebenfalls nicht zur Wehr setzen können, war aber auf der Flucht vor ihrem grausamen Vater, als die Not am grössten war, von einem Felsen verschluckt worden, war ihm wenigstens einmal entkommen, wenigstens vorläufig. Im Tunnel brachte einen der Rauch um, nicht das Feuer. Kool fingerte seine goldene Barbara unter dem Hemd hervor. Ihm war kalt. In grösster Not vom Fels verschluckt. Er nahm einen Teppich vom Stapel, rollte ihn auf, richtete ihn gerade aus. Den zweiten legte er daneben. Als dreiundfünfzig Teppiche beieinanderlagen, prüfte Kool die Unterlage, fand die Schicht zu dünn, ordnete die Teppiche neu an, nun immer zwei aufeinander, und mit dem letzten, der übrig blieb, deckte er sich selber zu.

Tanner, Ficht

Thürer, Georg

Tobler-Schmid, Frieda

Tobler, Alfred

Näbes oss mine Buebejohre

Am liebschte ha-n-i Chemmifegerlis ond Pfärerlis gmachet ond e so hee ond doo im Früelig Rosschöpf büüchlege oss de Roos usigfischet. Die seb Fischete hett mi aber chöne-n-emol tüür z stoh choo, wo-n-i s Öbergwicht öberchoo ha ond z mitte-n-i de schwarz Rosschopfpfläder ineplätschet bi. I hamm mi aber graad no am ene Tüüchl häbe chöne. Gliich ha-n-i scho schlocke-n-ond godere müese, wie sebmool im Bommstammbronnetroog inne, ond dere gschlifrege, hääle Rosschöpf ha-n-i au scho menge donne gkaa. Bbröölet ha-n-i scho, as eb me mi rasiere wött. D Noochberslüüt ond d Muetter hemm mi usizoge. Im tunkle Schuelhuus-Chäär onne ha-n-i doo chöne noiteenke, wie ’s mr onder dene Rosschöpf no hett chöne goh. Sederther ha-n-i d Rosschöpf nomme meh möge-n-aaluege ond hett au omm kä Geld meh gad en äänzege meh möge-n-abischlocke.

Zom Chemmifegerlismache ha-n-i e chliises Lääterli gkaa, wo-n-i ha chöne-n-a d Bömm aalehne ond denn ufichresle, as eb i wött gi Chemmifege. Ond so ha-n-i ebe-n-au emool wöle en rechte Chemmifeger see mit eme schwarze Gsicht ond eme schwarze Hääss. So ha-n-i denn ebe s Gsicht an ere Pfanne-n-omme grebe ond d Hend au, ond i Vattesch ond Muettesch Chammer ha-n-i Vattesch Soontihääss gholet ond aagläät. D Hosestööss ond d Rockeermel ha-n-i müese wiit ufi ond hendere wägele ond omm e Buuch aabönde, ond Vattesch Cherche-n-ond Landsgmäändhuet ischt mr öber de Chopf abigstropft. Do ha-n-e ge halt mit Lompe-n-uusgstopft, bis ’r mr e so truurege Zügs off m Chopf obe gsesse-n-ischt; aber i ha de Chopf fascht nüd bewege tööre, sös ischt de Cherchehuet äämol öbers ander am Bode-n-onne glege! Jää – uusgseä hed de Cherchehuet efange, as eb de Vatter eerscht mööndris mit m vo de Landsgmäänd hää choo wäär. Wo-n-i zoberscht off m Bomm obe gsee bi ond aafange well s Chemmi im Tolder obe botze, keit mr de Cherchehuet dör all Äscht döre wider off de Bode-n-abi. ’s hed ase loschtig ghöhlelet vo ämm Ascht zom andere, bis er donne gsee ischt. Off äämol fangt ’s mr aa z fööche ond hebe mi am Bomm, wie e Chatz, wo en Hond off n Bomm ufitrebe hed, ond fange-n-ebe-n-au richti wider aa z brööle. Alls ischt derthergsprunge. «Luegid, luegid, dei obe! ’s Schuelmääschters Büebli i Vattesch Soontihääss! Er gsied graad uus wie e lebtegi Vogelschüüchi off ere Storetrocke!» De Vatter holt mi ase zornige Zügs vom Bomm obe-n-abe. Sini Soontihose ond de Rock sönd volle Mose gsee ond veschreenzt, ond de Cherchehuet hed Böck öberchoo ond hed au nomme e Gattig gmachet, as eb de Vatter no hett chöne mit m as Nachtmohl oder gi Hondwil ond Troge. Womm mr mitenand abichöönd ond so hend is all Lüüt ond Schüeler uusglachet ond is noegrüeft: «Chemmifeger!» De Vatter ischt halt ebe-n-au gaanz schwarz woorde-n-an Hände ond im Gsicht, ond i ha selb au recht schuuli müese lache, so gnoot iige-n-aagluegt ha. De Vatter hed mi doo mit de schwarze Hände-n-ase-n-oogwäschne verchlopfet, ond sed doo ha-n-i s Chemmifegerlääterli niene meh gseä.

Am e-n-andere Mool ha-n-i Pfärerlis gmachet. Mer hend e toots Vögeli fonde ond hend ’s i-n-e läärs Zigaarechischtli ine tue ond ’m e-n-oordelis Liichgängli gmachet. I ha-n-’m d Abdanki gkaa ond zletscht hemm mr ’s i-n-e grosses, ronds Loch inetue. Do ha-n-i as Pfarer de Buebe-n-aaggee, im sebe grosse Loch sei e oomaanzig groossi Schlang. Sü hend ’s stiif ond fescht gglobt ond sönd devogsprunge wie de Blitz. Doo hed ’s mr selber au aafange föörche ond springe-n-au devoo ond ha ’s selber au gglobt ond ha-n-au nie meh tööre-n-am sebe Vogelcherchhöfli vorbei.

Wie ischt daas amml e Freud gsee, wenn s Chrischtchindli a de Wienacht choo ischt! Scho langisziit eb ’s choo ischt, hed mr aade d Muetter grossi Fuesstrett im Schnee inne zääget und gsääd, das sejid em Chrischtchindli sini Trett, wenn ’s amml zue-n-ere chömm gi frooge, was i machi ond eb i au braav sei ond folgi. Denn ha-n-i amml Vattesch Stifel aagläät oder besser, i bi dree inegstande ond ha s’ a dene Zogbendeli obe ghäbet, das i nüd usistropfi. Si sömm mr fascht bis in Buuch ui ggange. Ond denn bi-n-i au i dene Chrischtchindlifuesstrette inne glaufe ond hamm mi schuuli gmäänt ond de Muetter gsääd, i globi all, de Vatter ond s Chrischtchindli hejid de gliich Schuemacher. Denn hed s’ aade gkiibet mit mr. No – so hed denn ebe s Chrischtchindli e so 8 bis 14 Tag vor Wienachte all Oobet näbes im ene Schächteli bbrocht, Bummbumm, Leckerli ond Biberli, Noss ond tüer Bere ond e Briefli dezue gläät, ond will i no nüd ha chöne lese so hed mr ’s denn d Muetter amml vorglese ond denn au wider em Chrischtchindli gantwortet. Wenn amml ’s Chrischtchindli d Sach z Nacht bbrocht hed, ha-n-i mi recht schuuli gfööcht. I hett omm känn Briis me tööre zor Stobe-n-uus, ond sogäär d Bääner ha-n-i vor Forcht off de Bank ufizoge ond bi droff gsesse, als eb me Gspönschtergschichte verzelle wöör. I hamm mr au gfööcht i mimm Bettli inne u schloofe, ond denn hemm mi de Vatter oder d Muetter is Bett gnoh. ’s Chrischtchindli aber ond die Chnotterete isch mr denn im Schloof ase im Chopf ommegfahre, das ’s mr all devo trommt hed, ond denn bi-n-i mit de-n-Aarme-n-ond Bääne ommenandgfahre wie tuusi bsesse. I wäässe gad no, das Vatter ond Muetter währed dere Zit äämol öbers ää öber Buuchweh gklagt hend. Vo der Zit aa ischt denn de friili s Chrischtchindli nomme choo gi boldere-n-ond gspööschte. Zor Wienacht ha-n-i aade Schössle volle Noss ond tüer Bere-n-öberchoo ond schöni, groossi rooti Öpfel ond tüeri Chriesi ond Zwetschge. Au Leckerli ond Biberli mit goldige Viereggli droff, ond emool ha-n-i au en Biberzeeltehuet öberchoo, grad en asslege, wie de Napoleoo der Eerscht amml treit hed, wenn ’r de Bööse gkaa hed. Gad ischt minn e betzeli chlinner gsee ond schönner ond a beide Spitze ond off em Gopf i de Mitti vergoldet. Vor mr s Chrischtchindli amml d Sache broocht hed, sönd d Muetter ond ii vor d Stobetör kneuet ond hend mitenand gsunge: «Stille Nacht, heilige Nacht», wo mi scho as e fööfjöhrigs Büebli glehrt hed singe. Denn ha-n-i müese-n in-e-n-anderi Chammer, ond wenn i mi Sach gkaa ha, ha-n-i em Chrischtchindli zom Abschid no müese singe: «Mit dem Pfeil, dem Bogen, durch Gebirg und Tal, kommt der Schütz gezogen früh im Morgenstrahl.»

Tobler, Ernst

Tralci, Lisa

Das braune Zimmer

Am ersten Tag des neuen Jahres den Götti besuchen. An der Vaterhand durch den dunklen Gang. Durch Schweinestall und Sonntagsbraten in die Stube mit den abgewetzten Polsterstühlen. Beromünster im Ohr. An der Wand Jesus mit offenem Herzen. Bloss nicht auf den Stuhl sitzen, denkt das Kind. Und die Kissen auf dem Polsterstuhl nicht berühren! Es klettert auf die Holzbank vor dem grünen Kachelofen.

Der Götti ist gross. Brillantinehaar klebt am Kopf. Über seinem Bauch spannt die braune Weste. Hosenträger halten die filzbraunen Hosen. Die Haushälterin weissgeschürzt. Haus- und Herhälterin hört das Kind die Eltern manchmal sagen. Ihre Brillengläser sind dick. Gesicht und Hals voller roter Flecken. Ihre Schürze hat gestärkte Volants. Ihr Haar ist strähnig. Grau und dünn. Im Nacken zu einem Knoten zusammengesteckt. Mit braunen Haarnadeln. Über dem Knoten ein Netz.

Auf der breitbeinigen Kommode liegt das Geschenk. Ein brauner Appenzeller Biber. Und ein Fünfliber. Unter Klebeband auf dem Bär.

– Iss, Kind! Auf einem Teller liegen Biskuits. Mürbe Häufchen. Ranzig. Das Kind schiebt die Masse im Mund von rechts nach links. Von links nach vorn. Die Männer reden. Von Milchleistung und Schwingfesten. Von den Gemeinderatswahlen.

– Nimm, Kind! Brei im Mund. Schlucken. Nicht atmen! Noch einmal schlucken. Im Mund bleiben Krümel.

– So nimm doch! Kinder mögen Süsses! Nein, danke. Und das Zeugnis? Das Kind zuckt zusammen. Der Götti will keine Antwort. Hauptsache, du hilfst schön! Das Kind verzieht den Mund.

Vetsch, Jakob

Leiden und Freuden eines wandernden Mundartforschers

Dem bescheidenen Studenten, der in nichts weniger als bescheidener Weise sich aus einem appenzellischen ‹Schuellehrersbueb› entwickelt hatte, wurde vor etwa fünfzehn Jahren nahegelegt, dass es ihm ganz wesentlich zum Ruhme und der Wissenschaft zum Wohle gereiche, wenn er die Mundarten seines Ländchens für alle Zeiten verewige. Man darf schon die Mehrzahl brauchen, denn das lnnerrhodische und das Kurzenbergische unterscheiden sich stark vom übrigen Ausserrhodischen, und deutliche Unterschiede finden sich im ganzen Appenzellerland von Gemeinde zu Gemeinde. So bedurfte es monatelanger Wanderungen, um all die feinen Abweichungen in der Aussprache der Wörter und jedes einzelnen Lautes zu erforschen und den genauen Verlauf der Grenzlinien für all die vielen Unterschiede festzustellen.

Bei meinen ersten Aufnahmen in Ausserrhoden wurde mir vielbedeutend gesagt, ich solle nur warten, bis ich ins Innerrhodische komme, dort werde ich immer zuerst der Frage begegnen: «Wemm bischt?! Hescht Göld im Sack?!» Galt es doch, sich immer an die urchigsten Leute zu wenden, die seit Generationen am Orte ansässig waren und nicht durch Schulung und Reisen die Eigenart und Reinheit ihrer Mundart verloren hatten. Ich muss aber sagen, dass nachher die ‹Innerröödler› viel grössere Freude an mir hatten, als die ‹Osserröödler›, und ich daher auch an ihnen. Die richtigen Personen aufzufinden, war gar nicht überall so leicht; in Ausserrhoden wohnen nur etwa der vierte Teil sämtlicher Einwohner am Orte, wo sie geboren wurden, und sind auch Bürger dieser Gemeinde. Und noch schwieriger war es oft, mit den Leuten in die richtige Fühlung zu kommen. Da ich stets ein Köfferchen bei mir trug und eine Mappe unter dem Arm, meinten sie immer zuerst, es komme ein Geschäftsreisender. Einmal rief mir eine Frau hinter der verschlossenen Haustüre, die ein vergittertes Glasfenster hatte, die längste Zeit zu: «I bruuche nütz! I bruuche nütz!» Ein Bauer gestand mir nachher, er sei letzthin von einem Weinreisenden betrogen worden, und darum sei er jetzt so misstrauisch. In Innerrhoden hat gewiss mancher Bauer bei meinem Kommen gedacht, das sei natürlich auch wieder einer von den unappetitlichen «Herren», «wo de Schnoder in ’n Sack neend» (d. h. ein Taschentuch benutzen). Dafür war dann aber nachher auch die Freundlichkeit um so grösser, wenn sich der Irrtum herausstellte, und ich musste um so mehr Most trinken.

Ich konnte den Bauern natürlich nicht zur Einführung in langen Sätzen von Sprachwissenschaft und dem Wert der Mundartforschung reden. Am besten ging es immer, wenn ich mich beim Pfarrer des Ortes nach den passendsten Leuten erkundigt hatte und mich dann mit den Worten einführte: «De Herr Pfarrer lood i grüetze; i bi graad binem gsee ond doo hed er gsääd, i söll gad zo eu choo!» Darauf reichte man mir jeweilen vertrauensvoll die Hand und lud mich zum Sitzen ein. Nach einigen Worten über das Wetter und einem warmen Lobspruche über irgend etwas, was in der Stube war, eröffnete ich dann mein Anliegen, dass ich wegen der ‹Puuresprooch› gekommen sei. «Ahaa, de Thialekt!» riefen dann die Leute oft, stolz, ihre Bildung zu zeigen. […]

Oft dauerte es ziemlich lange, bis die Leute begriffen, was ich wollte. Ich musste mich darauf, gefasst machen, auf meine Frage nach der Aussprache eines Wortes, ob man so oder so sage, zuerst die ausweichende Antwort zu erhalten: «Joo, wie me ’s aagwanet ischt, seit me ’s de ringscht!» oder, wie ein Kurzenberger meinte: «wie ’s amm enaard z’seged is Muul kchoond.» Manche möchten denken, dass es für das Glück der Menschheit ziemlich einerlei sei, ob man so oder anders sage, z. B. den Laut ‹e› in einem Worte geschlossener oder offener ausspreche, und rechtfertigten sich dann mit der Behauptung: «s giid vill Wörter, wo uf der Woog stoond!» oder: «Joo, das ischt jetzt wider gaanz of em Stüeli!» d.h. wird bald so und bald anders ausgesprochen. Ich durfte daher in unsichern Fällen nicht nur darauf abstellen, wie ein Wort auf meine Frage für sich allein ausgesprochen wurde, sondern musste die Leute veranlassen, das Wort in einem Satze zu brauchen, was nicht immer leicht zu erreichen war. Ein Beleg dafür, dass dem Sprechenden seine Sprechweise oft gar nicht bewusst wird, ist die entrüstete Abfuhr, welche mir eine Kurzenbergerin auf meinen Vorhalt, sie habe vorhin ‹nei› ausgesprochen und nicht ‹naa›, zuteil werden liess mit den Worten: «Nei, ’s ist nöd ase, i sägen all naa!»

Mit grammatischen Bezeichnungen wie Geschlecht, Komparativ, Mehrzahl usw. konnte ich den Leuten natürlich nicht kommen, sonst passierten einmal über das andere Sachen wie z. B., als ich zu dem eben ausgesprochenen Worte ‹Sack› fragte, wie man in der Mehrzahl sage, und zur Antwort erhielt: «Joo, me bei zwee!» In guten Treuen und im Bewusstsein, sein Bestes zu leisten, gab mir einmal einer auf meine Frage nach der ‹Mehrzahl› von ‹Sau› zur Antwort: «Sauhond». Wenn ich die Leute dadurch zur Bildung eines Komparativs bringen wollte, dass ich sagte: Wenn man z. B. von spoot sagt spööter, wie sagt man dann von dem und dem Worte, so ging ihnen gewöhnlich schnell ein Licht auf, das sie denn auch sofort leuchten liessen, indem sie selbstbewusst ausriefen: «Ahaa, d Mehrzaal!!»

Interessant war oft, wie die Leute sprachliche Eigenheiten in Worten ausdrückten. So sagte einer von dem dicken ‹l› der Hinterländer, und zwar speziell von dessen sich unangenehm bemerkbar machenden Rollen beim Konzert eines Töchterchors: «’s hett fascht en Chnopf ggee i d Zunge!»

Da sich die Zunge dabei viel stärker empor- und zurückwölbt als bei der gewöhnlichen Aussprache des ‹l›, hatte er gar nicht so unrecht. Ein anderer erzählte von drei fremden Damen, die in einer Pension zur Kur waren, sie könnten die Appenzellermundart ganz ordentlich reden, «sie könnten alles andere sprechen, aber sie können nicht d Silbe böcke», sie sagten z.B. ‹e Chuuu› statt ‹e Chue› usw. Von einem, der beim Reden auffallend stark singt und in grossen Intervallen, sagt man, «er chönn i sibe Sprooche rede», und nennt ihn ‹de Sibesprööchler›.

Viel Spass machte es den Leuten, mir sämtliche alten Ausdrücke aufzutischen, deren sie sich noch von ihren Eltern oder Grosseltern her erinnerten und die der heutigen Jugend ganz fremd sind. Manches alte ‹Herkomme› wurde von mir als Redaktor des Schweizerischen Idiotikons notiert. Andere hatten eine besondere Freude, mich auf die ‹Kraftausdrücke› der Mundart aufmerksam zu machen und sie mit Witzen und Anekdoten zu belegen. In Hundwil erzählte man mir zu dem Worte ‹Gfräässt› (das mich wegen seines angehängten ‹t› interessierte), der Sohn vom Landammann Eugster habe, als er bei seinem Onkel (damals noch Pfarrer in Hundwil) auf Besuch gewesen und ein Braten ohne Sauce auf den Tisch gekommen sei, gesagt, «da sei jetz doch au e Gfräässt!» (Ob der Braten mit oder ohne Sauce mit der verschiedenen Parteizugehörigkeit unserer beiden hochverdienten Magistraten zusammenhängt, weiss ich nicht; auf jeden Fall wusste der Knabe eine solche Parteidisziplin nicht zu würdigen.) Mit Vorliebe wurden die zahlreichen Sprüche zum besten gegeben, mit denen in den Nachbargemeinden eine auffallende Verschiedenheit in der Aussprache von Lauten verspottet wird. So rufen z. B. die übrigen Vorderländer den Kurzenbergern zu: «I der aane Khuchi khochid s Khuttle!» (während sie selbst aussprechen: «I der ääne Chochi chochid s Chottle!») Und die Bewohner des Dorfes Appenzell lachten früher die Oberdorfer (die Bewohner von Brülisau usw.) mit dem Neckvers aus: «D Obedofe sönd mid ere Daase voll Mülch in e Doobel abi dööfled!» (d.h. die Oberdorfer sind mit einer Tanse voll Milch in ein Tobel hinuntergefallen). Weil die Oberdorfer in einzelnen Fällen wirklich ein d sprachen; wo man in Appenzell ein t sagte, sind hier zum Spotte sämtliche t durch d ersetzt.

Ein gutes Mittel, um mit den Leuten vertraut zu werden, war auch, dass ich in Dorfwirtshäusern, wo viele Bauern verkehrten, übernachtete und dann am Abend beim Jassen oder ‹Pröppere› einige Male verspielte – was mich gar keine besondere Anstrengung kostete, da mich der Vater das Jassen nicht gelehrt hatte; am folgenden Tage liessen sich die Bauern dann gern von mir ausbeuten. Im Wirtshaus selbst jemand abzufragen, war mir zu gefährlich, da unter ein paar Appenzellern sich immer ein Witzbold befindet, der mit etwas zu guter Beobachtungsgabe und zu grosser Schlagfertigkeit ausgerüstet ist. So passierte es mir einmal, dass in einem Wirtshaus einem der Anwesenden die Ähnlichkeit meines Kopfes mit einer ‹Rääbe› einfiel und dies natürlich zum besten gab, als ich nach der Aussprache dieses Wortes fragte. Glücklicherweise arbeitete ich damals gerade an dem Artikel ‹Rääbe› für das Schweizerische Idiotikon; ich notierte mir daher ganz ruhig den interessanten Beleg. Ein andermal beantwortete einer am andern Tische meine Frage, ob man ausspreche: «Er hed gsäät» (oder ‹gseit›) prompt mit dem Verse: «Er het gsäät, d Nase sei z bräät!»

Dafür machte ich dann auch meine Beobachtungen an den andern und notierte mir manches Kulturbildchen. In einem Wirtshaus, wo ich bei ‹Ritzlischlinneseepehanessehambischemeedl› und bei ‹Bogglisbeepesebedoniskalönisseefe› Aufnahmen machte, sass ein ‹Politiker› am Tisch und um ihn herum eine Anzahl Bauern. (Es hätte ein schönes Gemälde gegeben.) Der «Politiker» benützte seine Kenntnis der Tatsache, dass man am Meeresufer von einem herannahenden Schiff zuerst nur die Spitze des Mastes sieht, dafür, um den Bauern zu beweisen, dass das Wasser auch aufwärts gehen könne und dass man also ganz gut den Bodensee und den Seealpsee miteinander in Verbindung setzen könnte!!

Am günstigsten traf ich es auf meiner ersten Wanderung mitten im strengsten Winter – als ich auf dem ‹Leemestääg› fast im Schnee versank. Da hatten die Bauern Zeit und waren froh über jede Abwechslung, und auch die Frauen und Mädchen hielten aus Neugierde über den seltsamen Besuch gerne im Sticken etwas inne. Während dem Abfragen aber ruhte ihre Nadel nicht, denn mit Recht heisst es: «D Fraue ond d Saue erhaltid ganz Inneroode!» (Einer sagte mir zwar: «D Saue ond s Wiibervolch!»).Von einem, der durch Schweinezucht reich geworden ist, sagt man: «Er ischt a de Saue uufgschtande.»

Häufig hatte ich Gelegenheit, in der selben Stube Grossvater oder Grossmutter, Kind und Grosskind um mich geschart zu sehen und alle drei Altersstufen nebeneinander sprechen zu hören. Oft waren es der Kinder ein halbes Dutzend und darüber, alle nur etwa ein Jahr voneinander; der Innerrhoder sagt von einem so innigen Familienleben: «Doo goot’s wie am Wasser!» Im Kau traf ich in einer Familie ein, prächtiges Bild von acht solchen Kindern, alle mit roten Backen und schönen blauen oder schwarzen Augen, die Mädchen mit den blauen Augen des Vaters, die Knaben mit den schwarzen Augen der Mutter. Mit Stolz wies mir in der ‹Sandgrueb› ein alter, intelligenter Bauer seinen Stammbaum vor, der bis zur Reformation zurückreichte; immer folgte Sohn auf Vater im Besitze des Heimwesens, und die Frauen stammten aus der nächsten Umgebung. An einigen meiner Gewährsleute in Innerrhoden ging auch noch der Wunsch des alten Sennen in Scheffels Ekkehard buchstäblich in Erfüllung, «dass der hohe Säntis, so Gott wolle, noch auf Enkel und Urenkel herabschaue, ohne dass sie wissen, wie man Griffel und Feder handhabe». Allen bin ich zu grossem Dank verpflichtet, besonders aber dem Herrn Kantonsrat ‹Bogershansuechlisfranzeseeplisjoggelisbuebli›.

Villain, Jean

Vogt, Laura

So einfach war es also zu gehen

Am Elbufer ragten Kräne in den Himmel, im Schiffsrestaurant sassen Leute einzeln an befestigten Tischen, waren mit ihren Handys beschäftigt oder am Lesen. Die Hafenfähre fuhr gemächlich an. Er hatte sich in der vordersten Reihe niedergelassen, sass direkt an der Fensterfront. Schulkinder drängten sich auf die Plätze neben ihm, langsam drehte er seinen Kopf und traf auf meinen Blick. Für einen Moment stand alles still, er sog mich ein mit seinen dunklen Augen, dann wandte er sich ab. Eine Hitze durchfuhr mich. Ich atmete tief ein und aus, bevor ich wieder zu ihm schaute. Er war schon nicht mehr ganz jung, sein Profil markant, die Nase kräftig. Ruhig blickte er nun durch das wasserbesprenkelte Fenster und trommelte mit einer Hand auf den Tisch vor sich, die Finger der anderen Hand hatte er an seine Lippen gelegt, sie verdeckten halb seinen Dreitagebart. Aufrecht sass er, die schlanken Beine überkreuzt, ein durchsichtiger Vorhang zwischen ihm und der Welt. Er kratzte sich am Kinn. Noch mehr Kinder eilten zum Fenster, hintendrein schritt die Lehrerin, ein Stimmengewirr entstand, erst jetzt bemerkte ich die leichte Rötung um seine Augen. Er drehte eine Zigarette, die er sich hinters Ohr steckte, alles in einem Zug, schien mir, eine einzige Bewegung er selbst. Als die Schulklasse ausgestiegen war, setzte ich mich neben ihn.

Ich bin Helen, sagte ich.
Er lachte. Rauchst du?
Er nahm die Zigarette und hielt sie mir hin.
Bester Tabak aus den USA.

Wir begannen noch in Hamburg mit den Arabischlektionen, obwohl wir nur acht Tage Zeit hatten. Khaled bestand darauf, mich jeden Tag eine Stunde in seiner sogenannten Vatersprache zu unterrichten, als er erfuhr, dass ich Grundkenntnisse in Ägyptisch-Arabisch besass.

Yä aassal, sagte er und blätterte die vielen Papiere durch, seine Hände glänzten, als wären sie eingeölt. Ich dachte an meinen Aufenthalt in Luxor ein Jahr zuvor, an das frischgebackene Brot, das dampfend in Mahmouds Kinderhänden lag. Sobald ich anfing, mehr Khaleds Bewegungen zu folgen als seinen Worten, hielt er seine Hände zwischen uns, wie einen Spiegel.

Konzentration, sagte er mit tiefer Stimme, lachte und erklärte weiter.

Ich erlebte Hamburg völlig neu, liess mich durch Strassen und über Brücken führen; die Universität interessierte mich nicht mehr. Dort möglicherweise ein Semester zu studieren, war mein Vorwand für die Reise gewesen, und da ging ich nun, an Khaleds Seite, in der Vorahnung, still einen Punkt anpeilend, mich zu öffnen. Wir spazierten oft schweigend, erst wenn wir uns in ein Café setzten, intensivierten sich unsere Gespräche, und nur in der Oberhafenkantine hielt es uns länger. Schon früh fiel mir auf, dass Khaled wenig von sich erzählte. Oft redete er über das, was er sah, über den Ort, an dem wir uns gerade befanden.

Schauen wir uns den Oberhafen an, sagte Khaled nach dem Mittagessen.

Ein Zug donnerte vorbei, wir spazierten an den Lagerhallen vorüber. Die Fläche vor uns war seltsam leer im Gegensatz zur schon bestehenden Hafen City, und auch dieser Teil würde neu bebaut werden, ein Kreativzentrum, hatte ich gelesen.

Plötzlich drückte sich Khaled von hinten an mich, legte die Arme über meine Schultern, wir taumelten zwei, drei Schritte vorwärts. Khaleds Körper war überraschend weich, ich roch seinen herben warmen Duft.

Ich wollt, ich könnt dich hier nehmen, sagte Khaled mit kehliger Stimme.

Ich drehte mich zu ihm und schob ihm meine Zunge in den Mund. Er wandte das Gesicht ab, rollte meinen Pullover hoch und griff nach meinen Brüsten, knetete sie, ein kurzer Schmerz durchfuhr mich. Khaleds Bewegungen wurden sanfter, durch das Kleid fühlte ich seine Erregung. Mir wurde heiss, und es fiel mir schwer, das Gleichgewicht zu halten, ich umklammerte mit meinen Händen seinen Nacken, Khaled stiess seine Zunge wieder und wieder in meinen Mund, liess mich dann abrupt los.

Wir schauten uns in die Augen. Seine Gesichtszüge waren grob, das Kinn angespannt. Er streckte mir seine rechte Hand entgegen, sie zitterte, sah auf einmal sehr alt aus, hervortretende Adern überzogen den Handrücken. Langsam hob ich meine eigene Hand und berührte seine mit grosser Vorsicht, als könnte ich mich daran verbrennen. Er zog mich einige Zentimeter zu sich heran, legte einen Arm um mich.

Gehen wir zu mir, sagte ich.
Nicht jetzt, sagte Khaled. Ich komme am Abend vorbei.

Vrettàkos, Nikifóros

Walser, Martin

Walser, Robert

Aus dem Bleistiftgebiet

Wie nett und freundlich so ein Dörfchen aussieht

Wie nett und freundlich so ein Dörfchen aussieht,
dem städtelig Spazierenden erscheint es
wie ein Gedichtchen oder ein Gemälde.
Ähnlich dem Kind im Bettchen liegt das Dorf
in heimeliger Landschaft eingebettet.
Die Häuser scheinen beinah etwas wie
ein liebenswürdiges Bouquet zu bilden.
Hell glänzt der Sonnenschein auf jedem Dach,
die Bauten scheinen dem empfänglichen
Wanderer des Schmuckes eher als des
Gebrauches wegen zierlich dazustehen.
Als wenn ein Dorf aus eitel Lebensfreude
bestehe, blickt er’s an, und seine Zunge
lispelt: «Entzückend!» Kaum denkt er daran,
dass hier auch was existiert wie Arbeit,
dass Menschen hier so leicht wie anderwärts
müd’ und verdriesslich werden können, seine
spazierliche Wohlaufgelegtheit will eher
voraussetzen, so ein hübsches Dörflein
sei nicht ein ständ’ger Kampf um Mein und Dein,
und wer drin wohnte, müsste glücklich sein.

 

Das Leben auf dem Lande hat das Schöne

Das Leben auf dem Lande hat das Schöne,
dass man sich kann mit sich beschäft’gen.
Wie herrlich ist zum Beispiel der Gedanke
nur schon ganz einfach einmal an den Tod,
der keine Rolle in den städt’schen Köpfen
spielt, weil in Städten Lebenslustigkeit
von morgens früh bis abends nur noch Trumpf ist,
und unter Menschen eine ernste Miene sich
nicht schickt. Dort aber auf dem Lande kann man
gestorben sein nach Noten und Belieben,
das stört die Vöglein im Gesange nicht
und auch die Bäume nicht im grünen Prangen.
Ich ging dorthin und fand im Geh’n es reizend,
mich in die Dunkelheit hineinzudenken.
Ganz wie von selber kam mir die Idee,
es sei im Grunde ganz verständlich,
dass man nicht immerwährend leben könne.
Ewig ein Mensch zu sein, das gibt es nicht.
Nicht älter werden woll’n ist nicht Natur.
Gewissermassen mit Vergnügen legte
ich mich in’s Grab. O, auf dem Lande, im Freien
darf man das schon, weil einem niemand
das bisschen (1) Denken vom Gesicht abliest,
und Bäche, Wege, Weiden kein Interesse
haben, dass man in einem fort das Leben liebe,
von dem es sich doch erst noch fragt,
ob es sich viel aus solcher Liebe mache,
ob’s schön und stark und sinnreich sei dadurch.
Sich tot zu denken, o wie froh macht das,
wenn nur die andern weiterleben müssten,
und mich behelligte kein Wünschen mehr.

(1) «tief’re»

Der Räuber

Edith liebt ihn. Hievon nachher mehr. Vielleicht hätte sie nie zu diesem Nichtsnutz, der kein Geld besitzt, Beziehungen anbahnen sollen. Es scheint, dass sie Abgeordnetinnen, wie sollen wir sagen, Kommissärinnen nach ihm aussendet. Er hat überall so seine Freundinnen, aber es ist nichts mit ihnen, und vor allen Dingen ist wieder nichts mit diesen sozusagen berühmten hundert Franken. Einst liess er aus nichts als Nachgiebigkeit, aus Menschenfreundlichkeit hunderttausend Mark in den Händen andrer liegen. Wenn man ihn auslacht, so lacht er mit. Schon das allein könnte als recht bedenklich an ihm erscheinen. Nicht einmal einen Freund hat er. Während ‹all dieser Zeit›, die er hier unter uns zubringt, ist es ihm, zu seinem Vergnügen, nicht gelungen, sich unter der Herrenwelt Wertschätzungen zu erwerben. Ist das nicht eine der gröbsten Talentlosigkeiten, die man sich denken kann? Manchen gehen seine höflichen Manieren längst auf die ‹Nerven›. Und diese arme Edith liebt ihn, und er geht inzwischen, da es jetzt sehr warm macht, nachts noch um halb zehn Uhr baden. Meinetwegen tu er das, aber er beklage sich nicht. Unglaubliche Mühe, ihn zu bilden, hat man sich gegeben. Glaubt denn dieser Peruaner, oder was er sein will, er könne das selber? Was gibt’s? Mit solchen Wörtern wird er von Mädchen aus dem Volk angesprochen, und der Schafskopf, der er in Gottesnamen zu sein scheint, findet diese Art, ihn zu fragen, was er wünsche, entzückend. Sie behandeln ihn da und dort längst wie einen richtigen Abgetanen, und dessen erfreut er sich noch. Sie blicken ihn an, als wollten sie ausrufen: «Ist dieser Unmögliche auch schon wieder einmal zur Abwechslung da. O, wie langweilig!» Barsch angeschaut zu werden, belustigt ihn. Heute hat es ein wenig geregnet, und sie liebt ihn also. Sie hat ihn gleichsam vom ersten Augenblick an herzlich lieb gehabt, er aber hat es nicht für möglich gehalten. Und nun diese um ihn gestorbene Witwe. Wir werden zweifellos auf diese verhältnismässig gediegene Frau zurückkommen, die in einer unserer Strassen ein Geschäft besass. Unsere Stadt hat Ähnlichkeit mit einem grossen Hof, so hübsch hängen die Teile zusammen. Auch hierüber wird mehr zu reden sein. Immerhin werde ich mich kurz fassen. Seien Sie überzeugt, dass ich Ihnen lediglich Schickliches mitteile. Ich halte mich nämlich für einen vornehmen Autor, was vielleicht ganz töricht von mir ist. Vielleicht werden ja auch einige Unvornehmheiten mit einfliessen. Mit diesen hundert Franken ist es demnach also nichts. Wie man nur so prosaisch sein kann wie dieser unverbesserlich Gutgelaunte, der sich von Mädchen, die hübsche Schürzen tragen, sagen lassen muss, wenn er ihnen zu Gesicht kommt: «Auch dies noch. Das hat noch gefehlt.» Natürlich machen ihn solche Redensarten ein bisschen vor sich selber zittern, aber er vergisst immer alles. Nur ein Nichtsnutz wie er kann so viel Wichtiges, Schönes, Nutzbringendes in einem fort aus dem Kopf fortlaufen lassen. Nie bei Kasse zu sein, ist eine Nichtsnutzigkeit. Einst sass er so auf einer Bank im Wald. Wann war das? Die Frauen aus den besseren Ständen beurteilen ihn milder. Sollte das deshalb sein, weil sie Übermütigkeiten in ihm vermuten? Und dass ihm Direktoren die Hand geben. Ist das nicht sehr eigentümlich? Diesem Räuber?

Wurstigkeit, Schnuppigkeit von Fussgängern auf Strassen irritiert Automobilisten. Ich will auch rasch noch dieses sagen: Es gibt da einen Vertreter, der mir nicht gehorcht. Ich will ihn seinem trotzigen Benehmen überlassen. Ich werde ihn auf das Grossartigste vergessen. Aber es hat da ein Mittelmässiger bei Edith einen Erfolg gehabt. Er trägt jedenfalls einen jener kleidsamen Hüte, die allen ihren Trägern ein Aussehen von Zeitgemässigkeit verleihen. Auch ich bin mittelmässig und freue mich, dass ich’s bin, aber der Räuber auf der Bank im Wald war’s nicht, sonst würde er unmöglich haben vor sich hinflüstern können: «Einst sprang ich in den Strassen einer hellen Stadt als Commis und phantasierender Patriot herum. Wenn’s mir licht ums Gedächtnis herum ist, holte ich im Auftrag meiner Herrin ein Lampenglas, oder was es sonst etwa war. Ich bewachte damals einen alten Mann und erzählte einem jungen Mädchen, was ich gewesen sei, eh’ ich in seine Nähe gelangte. Nun sitze ich in einer Unbeschäftigtheit, wofür ich der Billigkeit halber das Ausland verantwortlich mache. Ich bekam im Ausland jeweilen auf das Versprechen hin, Talent zu zeigen, Monatsgelder. Anstatt dann in Kultur, Geist usw. zu machen, machte ich Jagd auf Zerstreuungen. Eines Tages setzte mich mein Gönner von der Unpassendheit in Kenntnis, die ihm darin zu schlummern schien, dass er mich auch fernerhin noch finanziell hebe. Diese Mitteilung machte mich vor Erstaunen beinah stumm. Ich setzte mich an meinen zierlichen Tisch, d. h. aufs Sofa. Meine Hausfrau fand mich weinend. ‹Sorge dich nicht›, redete sie. ‹Wenn du mich jeden Abend mit einem schönen Vortrag erfreust, will ich dich in meiner Küche kostenlos die saftigsten Koteletts braten lassen. Nicht alle Menschen sind von der Natur bestimmt, sich nützlich zu machen. Du bildest eine Ausnahme.› Diese Worte bildeten für mich eine Möglichkeit der Weiterexistenz, ohne dass ich etwas leistete. Die Eisenbahn hat mich dann hieher befördert, damit mir Ediths Gesicht fruchtbar sei. Mein Schmerz um sie gleicht einem Tragbalken, woran wieder die Lustigkeiten schaukeln.» So unterhielt er sich unter der Blätterbedachung mit sich selbst, worauf er mit einigen Sprüngen auf einen armen Säufer zueilte, der soeben seine Schnapsflasche im Rock versteckte. «Halt, du dort», rief er aus, «steh mir Rede, was du da für ein Geheimnis vor der Mitwelt verbirgst.» Der Angerufene stand still wie eine Säule, nicht ohne zu lächeln. Sie schauten einander an, worauf sich der arme Mann kopfschüttelnd weiterbegab, über den Zeitgeist allerlei leise Redensarten verlierend. Der Räuber sammelte alle diese Bemerkungen sorgfältig auf. Es war Nacht geworden, und unser Kenner der Umgebung von Pontarlier ging nach Hause, wo er sehr schläfrig ankam. Was die Stadt Pontarlier betrifft, so hatte er sie aus einem bekannten Buch kennengelernt. Es gibt dort unter anderem eine Festung, worin ein Dichter sowohl wie ein Negergeneral zeitweilig angenehm logierten. Bevor unser oft und viel Französisch Lesender sich in sein Nest oder Bett legte, sprach er: «Längst schon hätte ich jenes Armband ihr wiedererstatten sollen.» An wen er hiebei wohl dachte? Seltsames Selbstgespräch, das, auf welches wir ziemlich gewiss zurückkehren.

Im Bureau

Der Mond blickt zu uns hinein,
er sieht mich als armen Kommis
schmachten unter dem strengen Blick
meines Prinzipals.
Ich kratze verlegen am Hals.
Dauernden Lebenssonnenschein
kannte ich noch nie.
Mangel ist mein Geschick;
kratzen zu müssen am Hals
unter dem Blick des Prinzipals.

Der Mond ist die Wunde der Nacht,
Blutstropfen sind alle Sterne.
Ob ich dem blühenden Glück auch ferne,
ich bin dafür bescheiden gemacht.
Der Mond ist die Wunde der Nacht.

Wang, Sabine Wen-Ching

Äfach

Ruth rieche nach Kuh, flüsterte Kathrin. Sie beugte sich zu mir, ich neigte mich ihr zu, und sie flüsterte mir das ins Ohr. Sie lächelte dabei, als schäme sie sich dafür, als rieche sie selbst nach Kuh. Aber es war Ruth. Ich roch es nun auch. Ruth roch nach Kuh. Ich roch es, wenn Ruth sich zu mir beugte, um mir etwas zuzuflüstern.

Wir waren vierzehn, zweite Sekundarklasse. Ich sass zwischen Ruth und Kathrin. Kathrin wohnte in einem Einfamilienhaus nahe der Käserei. Ich war in einem Wohnblock zu Hause, unterhalb des Bahnhofs und der Landmaschinenfabrik. Meine Eltern pendelten jeden Tag in die Stadt. Wir waren Zugezogene, hatten Spanier, Italiener, Bähnler als Nachbarn. Ruth kam von einem Hof, der nicht abgelegen lag, aber auch nicht mittendrin. Er stand an einer Strasse, die von unserem Dorf ins nächste führte. Etwa in der Mitte zwischen Dorfrand und Wald. Man konnte ihn von der Postauto-Haltestelle aus sehen. In der letzten Kurve vor dem Wald.

Ruth rief mich eines Nachmittags an. Es war Mittwoch oder Donnerstag, im Winter. Ich war überrascht, ihre Stimme zu hören. Sie hätten ein kleines Kalb, sagte sie, oben im Stall. Ob ich mitkommen, es anschauen wolle? Weil ich Tiere doch möge, fügte sie wie zur Entschuldigung an.

Der Wagen stand auf der anderen Strassenseite. Es war schon dunkel. Im Licht, das schwach auf die Armatur fiel, konnte ich niemanden erkennen. Aber ich wusste, es war der Wagen, der auf mich wartete. Es war ein Kombi, braun. Ruth öffnete die Türe. Sie sass hinten, ihr Vater am Steuer. Als ich einstieg und grüsste, wandte er sich nur halb um. «Grüezi», sagte er. Das war alles, was er sagte. Dann startete er den Motor. Wir fuhren an der Käserei vorbei. Sie lag am Fuss der Hügel. Strohballen waren am Zaun montiert, damit die Schlittler sich die Köpfe nicht einschlugen beim Abbremsen. Jetzt war niemand mehr unterwegs. Wir fuhren in der Wagenspur hinauf. Der Schnee lag hoch, in der Mitte des Strässchens und auf den Seiten. Dort hatte der Pflug Kanten herausgeschnitten, die der Wind wieder überwehte. Die Räder spulten. Der Vater murmelte. Ruth murmelte. Ich murmelte. Er liess den Wagen ein Stück zurückgleiten. Wir holten Anlauf. Wir fuhren. Wir spulten. Wir schwiegen. Es schneite.

Der Stall, in dem sie das Vieh winterten, war in den Hang gebaut. Oben standen die Kühe, unten die Kälberboxen. Drei Kälber. Ich kraulte sie an der Stirn, sie stiessen den Kopf hoch, leckten an meinem Ärmel. Sie sahen mich dabei von schräg unten an, mit diesem Viehblick, der immer leicht verdreht wirkte. Ruth rührte Milch mit einem Pulver an. Drei Eimer voll. Zwei stellte sie zu den grossen Kälbern, den dritten gab sie mir. Er war für das kleine. Sie nannte mir keinen Namen. Es war einfach das Kalb, das Es, das Kleine. Ruth steckte einen Schlauch in den Eimer. Am anderen Ende war eine Zitze aus Gummi. Sie schob sie dem Kalb ins Maul. Ich hielt den Eimer. Es zog die Milch hoch. Wenn ihm die Zitze herausfiel, schob ich sie wieder rein.

Ruth steckte ihre Hand in sein Maul. «Mach mal, das kitzelt», sagte sie. Dann ging sie nach oben.

Das Kalb leckte an meinen Fingern. Es zog meine Hand in sein Maul, in dem es warm war, sehr warm. Sein Gaumen war rau, an meiner Handfläche kitzelte die Zunge. Seine Zähne waren noch nicht durchgebrochen, aber ich spürte, wie sie stiessen im Fleisch. Seine Muskeln schlossen sich fest um meine Hand. Es saugte. Die Muskeln gaben nach, sie schlossen sich, sie gaben nach, sie schlossen sich – immer tiefer zog es meine Hand hinein. Ich fürchtete, es könnte mich verschlucken, erst die Hand, den Arm, dann mich.

Es war still oben im Stall. Die Kühe standen in zwei Reihen. Sie frassen mit gesenkten Köpfen in den Krippen. Ihre mächtigen Rücken, die kotigen Flanken standen reglos da. Nur die Muskeln an Schultern und Hals spielten unter dem Fell. Die Schwänze hingen aufgebunden an einer Schnur. Sie bewegten sich kaum, nicht wie im Sommer, wenn sie hin- und herpeitschten, um die Fliegen zu vertreiben. Ich hörte ihre mahlenden Molare. Fladen pflatschten in die Rinne. Das Radio lief. Dampf stieg auf. Ich suchte nach Ruth. Ich fand nur den Vater. Er stand gebückt zwischen den Kühen. Ich weiss nicht mehr, was er tat, ob er molk, ob er mistete. Ich sah nicht hin. Er sah nicht auf. Ich hatte eine Scheu vor ihm. Eine Scheu vor seinem Gesicht. Ein eigentlich schönes Gesicht, aber immer in sich gekehrt, immer düster. Als berge es einen Zorn in sich, dessen Grund ausser ihm niemand kannte.

Ruth kam mit einer Schubkarre um die Ecke. Ich fragte, ob ich helfen könne. «Neinnein», sagte sie, «ich mach das schon.»

«Wer ist dafür?», fragte der Lehrer. Alle streckten auf. Alle waren dafür. Alle ausser – «Wer ist dagegen?» – Ruth. Ruth war dagegen. Ruth streckte auf. «Warum?», fragte der Lehrer. «Äfach», antwortete sie. «Jo äfach, aber warum?» Ruth zuckte mit den Schultern und schwieg. Sie war einfach dagegen. Sie konnte nicht sagen warum.

Alle, die dagegen waren, konnten nicht sagen warum. Sie sagten alle «äfach», «Seich», «da bruucht’s nöd», wischten mit der Hand durch die Luft und schwiegen. Sie schwiegen, als lohne es sich nicht, weiterzusprechen. Als würden wir sie ohnehin nicht verstehen. Als ginge es um etwas, das vielleicht etwas ganz anderes war, nicht in Worte zu fassen.
Ruth also war gegen das Frauenstimmrecht, ausserdem wollte sie Lastwagenfahrer werden.

Ich ging auf die Kantonsschule. Ich war ein Ärztekind, das zusammen mit den Lehrerkindern und Buchhalterkindern auf die Kantonsschule ging. Die andern blieben da, in der dritten Sekundarklasse. Jeden Tag radelte ich ins Nachbarsdorf. Das Velo ging immer kaputt. Meistens auf dem Schulweg. Der Reifen war platt. Die Kette fiel raus. Das Kabel riss. Das Schutzblech schepperte. Das Licht splitterte. Die Gänge spielten verrückt. Ich stürzte. Ich kam zu spät. Ich hatte schwarze Hände.

Es war still in der Werkstatt, die an meinem Schulweg lag. Die Velos standen in zwei Reihen. Ruth trug einen dunkelblauen Overall. Das mit der Lastwagenfahrer-Lehre hatte nicht geklappt, also hatte sie inzwischen hier mit Velos begonnen. Vorläufig, flüsterte sie mir zu, und Mofas seien ihr natürlich lieber. Ruth sah sich mein Velo an. Es war ein schwerer Fall. Sie wollte den Chef um Rat fragen. Der Chef stand gebückt hinter einem aufgebockten Mofa. Er hielt eine Zange in der Hand. Ruth hatte sich einen Jungston angewöhnt. Sie benutzte knappe, etwas ruppige Sätze. Er sah nicht auf, als er ihr antwortete. Auch dieses Mofa war ein schwerer Fall. Ruth sah ratlos aus. Er verrenkte sich nach einer schwer zugänglichen Stelle. Sie fragte noch einmal nach. Er reagierte nicht, so sehr bückte er sich über diesen Motor. Das Radio lief. Er seufzte. Ruth lachte. «Komm am Freitag wieder», sagte sie zu mir, «ich mach das schon.»

Wenn ich an Ruth denke, frage ich mich, ob sie es gemacht hat. Ob sie Lastwagenfahrer geworden ist. Manchmal fürchte ich, dass es diesem Traum wie dem Kalb ergangen sein könnte. Dem kleinen Kalb von damals, nach dem ich sie später einmal fragte. «Säb isch scho laang gmetzget», sagte sie, und sie sagte es eine Spur zu laut. Dann wieder stelle ich mir vor, wie sie am Steuer eines Lastwagens sitzt, hoch oben, über allen anderen Wagen. Wie sich die Strasse vor ihr ausbreitet. Wie sie fährt und fährt und fährt. Wie sie Paletten lädt, im Jungston. Im Stau steht, am Zoll. Auf Parkplätzen nächtigt. In Raststätten Kaffee holt. Was über ihrer Armatur hängt. Ob da ein Schild ist, auf dem ihr Name steht. Wie sie sich nennt. Wie sie jetzt riecht.

Ich frage mich, was sie mit dem grauen Couvert tut, wenn sie nach Hause kommt. Ob sie es mit jener Handbewegung von damals – Seich – ins Altpapier gibt. Ob sie es öffnet, die Zeilen füllt mit ihrer etwas kindlichen Schrift, mit einem Frauen-, einem Männernamen, mit irgendeiner Partei.

Ja.

Nein.

Ja.

Nein.

Ich weiss es nicht.

Ich bin mir nicht sicher.

Weigum, Walter

Werner, Willy

Wessels, Angelika

Widmer, Hans

Widmer, Rudolf

Widmer, Thomas

Stein AR

Die frühesten Erinnerungen sind wie Nebelfetzen. Dann die erste Geschichte, bin ich dreijährig? Ich stehe vor unserem Haus und beginne mich, indem ich eine rote Kinderschaufel mit langem Griff schwinge, um mich selber zu drehen, schneller und schneller, bis mir schwindlig wird und ich umfalle, Blut am Kopf, die Mutter klebt ein Pflaster auf. – Mit Ernst spiele ich gerne im Wald, wir sind Steinzeitmenschen mit Speeren, seine Mutter ist am Holzen, wir überfallen sie, es hagelt Tannzapfen. – Mein Bruder und ich teilen ein Zimmer, er erzählt mir nachts, dass ein entflohener Mörder aussen die Wand hinaufklettert; ich habe so fest Angst, dass ich ganz unter die Bettdecke tauche und kaum zu atmen wage. – Dem Fredi, der mich plagt, schlage ich auf dem Schulhof einen Zahn aus, am Abend klingelt es, sein Vater steht in der Tür. – Im Dorf im Lädeli von Rechsteiners duftet es nach dunkler Schoggi und frisch gemahlenem Kafi; der Beck Bischof wiederum macht einen Hefekranz, von dem ich statt eines Stücks lieber vier oder fünf ässe; auf seinen Einback häufen wir Erdbeeren oder Rhabarbermus. – Beim Schützengarten hockt draussen im Garten ein Teenager-Mädchen mit mürrischer Miene und hört Suzi Quatros 48 Crash, die Musik ist zum Fürchten wild. – Im Turnverein rennen wir durch die halbe Gemeinde, der dicke Bub bleibt zurück, ich mag den Leiter Hampi, der kein Kind tadelt oder verspottet. – An Sommersonntagen nehmen wir Brot, Würste und Mineral und steigen hinab ins Sittertobel; es riecht nach nassem Farn, es hat Sand, die Steine sind feucht, man kann ausrutschen und sich ein Bein brechen; und die Gönten sind unheimlich. – Mein Grossvater offeriert mir, als ich 13 bin, ein halbes Bier zum Probieren. Im Brunnen gegenüber dem Haus der Grosseltern am Dorfplatz, heute übrigens ein ‹Bed & Breakfast› mit Homepage, baden wir. – Das sind meine Erinnerungen, keiner wird sie vollständig teilen, jeder Steiner und jede Steinerin hat ein eigenes Stein im Kopf.

Wüthrich, Christa

Gedichte

Streit I

Worte, wie Messerstiche.

Zwischen Anschuldigung und Verzeihen
die rücksichtslose Suche nach dem
Schuldigen.

Zwischen Tränen und Kälte
der langsame Verlust des Vertrauens.

Zwischen Anfang und Ende
das Vergessen der Rücksicht.

Zwischen Liebe und Hass
die Hilflosigkeit des Andern.

Man sagt,
es käme in den besten Familien vor.
Man sagt,
es sei vielleicht normal.

Es macht hilflos und taub,
gefühllos und stumm.

 

Streit II

Sie habe nichts gesagt.
«Schnauze!»
Er solle nicht schreien.
«Was?» – «Ich?»
Sie habe genug.
«Macht nur weiter.»
Immer er.
«Lügner!»
Es sei nicht so gemeint.
«Besserwisser!»
Alles gefallen lassen müsse er sich nicht.
«Spinnst du?»
Man könne nichts dafür.
«Trottel!»
Sie sei nicht schuld.

«Ich gehe.»

Wyss-Meier, Anton Josef

Züst, Andreas

Züst, Ernst

Züst, Walter

Das Buch

Band_1

 

«Ich wäre überall und nirgends»
Appenzeller Anthologie
Literarische Texte seit 1900

Buchtermine: hier

Spricht man vom Appenzellerland, so sind Klischees fast unvermeidlich: Bläss und Kuh, Sennen und Silvesterchläuse, Streusiedlung und Alpsteinpanorama oder, für Fortgeschrittene, die frühe Industrialisierung und das harte Los der Heimarbeiterinnen. Von all dem ist in diesem Buch auch zu lesen – aber es öffnet zugleich den Blick auf weniger bekannte, die tradierten Bilder unterlaufende Appenzeller Eigenheiten.

Die hier versammelten literarischen Stimmen erinnern Kindheiten und Sterbefälle, loben alpine und gesellschaftliche Weitsicht oder kritisieren die dörfliche Enge, schildern Arbeitsalltag, Beziehungen und Persönlichkeiten; sie schreiben von zuinnerst oder kommen von weit aussen, auf Durchreise, auf der Flucht, sie gehen weg, rebellieren, spintisieren. Sie sprechen Schriftdeutsch und diverse Dialekte, erproben konventionelle und riskante Formen, treten in überraschende Dialoge über ein Jahrhundert hinweg. In zehn Kapiteln zeichnen die Texte dieser Anthologie das Bild einer so selbstbewussten wie selbstkritischen Region, in der sich Traditionen halten und erneuern, in der sich aber, nicht weniger als in den Metropolen, die Verwerfungen und Modernisierungsschübe des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts nachlesen lassen. Die Texte dieses Buchs reden von einem Appenzellerland, das am Rand der Schweiz liegt und mitten in der Welt ist und das neu zu entdecken sich lohnt.

Die Anthologie, eine Initiative der Ausserrhodischen Kulturstiftung, versammelt Texte und Wort-Bilder von gegen 200 Autorinnen, Autoren und Wortbild-Künstler. Sie ist die erste ihrer Art, mit umfassendem Blick auf das literarische Schaffen beider Appenzell von 1900 bis zur Gegenwart – und, dank Webportal www.literaturland.ch, in die Zukunft hinein.

Die Printversion der Appenzeller Anthologie ist am 24. Oktober 2016 erschienen. Nach der Buchvernissage vom 28. Oktober 2016 im Zeughaus Teufen geht die Anthologie jetzt auf Tour, Termine laufend hier.

Herausgegeben von:
Rainer Stöckli, Peter Surber,
Eva Bachmann, Heidi Eisenhut,
Doris Ueberschlag, Peter Weber

170 x 240 mm, geb., ca. 700 Seiten
Fr. 48.00
ISBN: 978-3-85882-733-3

 


 

Die Herausgeberinnen und Herausgeber

Eva Bachmann, 1968, Studium der Germanistik und Musikwissenschaft in Zürich, Literaturkritikerin und -vermittlerin, Dozentin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, lebt in St. Gallen.

Heidi Eisenhut, 1976, Studium der Allgemeinen Geschichte, Germanistik und Philosophie in Zürich, seit 2006 Leiterin der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden, Autorin kulturgeschichtlicher Publikationen, lebt in Rehetobel.

Rainer Stöckli, 1943, Studium der Germanistik, der Deutschen und Französischen Literatur in Fribourg, bis 2008 Hauptlehrer für Deutsch und das Freifach Altgriechisch an der Kantonsschule Heerbrugg, Autor einer Totentanz-Monographie, Feuilletonist und Herausgeber (u.a. der Anthologien Am Rhii, Säntis und Alpstein im Gedicht, Wir kommen nackt ins Licht, wir haben keine Wahl), lebt in Schachen bei Reute.

Peter Surber, 1957, Studium der Germanistik und Slawistik in Zürich und Zagreb, Kulturjournalist, Redaktor des Ostschweizer Kulturmagazins Saiten, Mitglied des Stiftungsrats der Ausserrhodischen Kulturstiftung, lebt in Trogen.

Doris Ueberschlag, 1951, Diplombibliothekarin EBG und HWV Luzern, Leiterin der Publikumsdienste in der Vadiana St. Gallen von 1973 bis 2001, Kantonsbibliothekarin in Appenzell Innerrhoden von 2002 bis 2015, lebt in St. Gallen.

Peter Weber, 1968, Schriftsteller, aufgewachsen in Wattwil (Toggenburg), lebt in Zürich. Längere Aufenthalte in Istanbul. 1993 erschien sein erster Roman Der Wettermacher, zuletzt Die melodielosen Jahre. Mitglied der Formation «Vier dichtende Maultrommler».

 

Impressum

REDAKTION
Eva Bachmann, Heidi Eisenhut, Rainer Stöckli,
Peter Surber, Doris Überschlag, Peter Weber

TRÄGERSCHAFT
Ausserrhodische Kulturstiftung,
Postfach, 9053 Teufen, Schweiz

KONTAKT
anthologie@literaturland.ch

 

kulturstiftung

Informationen

Die Appenzeller Anthologie ist ein Buch- und ein Netz-Projekt. Die Printversion versammelt Texte aus den letzten gut hundert Jahren mit Bezug zu den beiden Appenzell – eine Art «Best of» des literarischen Schaffens in einer inspirierten thematischen Ordnung. Die Netzversion bietet eine möglichst lückenlose Übersicht über das appenzellische literarische Schaffen seit 1900, zudem ergänzt und erweitert sie im Lauf der Zeit die gedruckte Anthologie durch digitale Text- und Audio-Files.

Die Anthologie füllt erstens eine Lücke – eine vergleichbare Publikation gibt es für Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden bisher nicht, im Unterschied zu diversen anderen Kantonen und Regionen. Sie leistet zweitens Erinnerungsarbeit und sichert das literarische und sozialgeschichtliche Gedächtnis. Und sie konfrontiert drittens das Alte mit dem Neuen und bietet dadurch Fragen und Antworten zur Identität unserer Region.

Die Appenzeller Anthologie ist ein Projekt der Ausserrhodischen Kulturstiftung. Die Publikation in Buchform ist am 24. Oktober 2016 erschienen. Die Auswahl besorgte eine sechsköpfige Redaktionskommission. Die Texte werden seit August 2016 rollend auf die Website geladen.

Die Appenzeller Anthologie stellt sich vor: Termine hier. Sie sind herzlich eingeladen!

Termine

 

 


 

Montag, 13. März 2017, 10 Uhr
«Ich wäre überall und nirgends» – Lesung

Raum für Literatur in der Hauptpost St.Gallen

Matinée der Stadtbibliothek
Lesung mit Ursula von Allmen und Arthur Steiner
Moderation: Eva Bachmann

 


 

ARCHIV

 

///

Sonntag, 4. Dezember 2016, 17 Uhr
«Ich wäre überall und nirgends» – Buchpräsentation

Bibliothek Herisau

Lesungen und Diskussion mit Autorinnen und Autoren und den Herausgebern

///

Samstag, 12. November 2016, 16 Uhr
«Ich wäre überall und nirgends» – Buchpräsentation

Kleiner Ratssaal Appenzell

Texte und Musik mit Karin Enzler und Sabine Wang
Einführung: Rainer Stöckli, Doris Ueberschlag

///

Freitag, 28. Oktober 2016, 19 Uhr
«Ich wäre überall und nirgends» – Buchvernissage

Zeughaus Teufen

Texte, Reden, Musik mit:
Landammann Matthias Weishaupt
Landammann Roland Inauen
Anna Blumer, Sprecherin
Philipp Langenegger, Sprecher
Peter Weber und Michel Mettler, Maultrommeln
Chor Wald

Anschliessend:
Essen und Trinken

Es laden ein:
Ausserrhodische Kulturstiftung
Die Herausgeber Rainer Stöckli, Peter Surber,
Eva Bachmann, Heidi Eisenhut, Doris Ueberschlag
und Peter Weber
Appenzeller Verlag, Schwellbrunn

Texte

Zitate

Diese Wörter liegen noch immer über der Landschaft.

— Aus Dorothee Elmigers Roman Einladung an die Waghalsigen, 2011

Seelig: Si räned sich no emal s Herz ii, Herr Walser.
Walser: Me gseht hüt meh als s letscht Mal. Säntis. Hohe Chaschte. D Vorarlberger.
Seelig: De Hügel deruff räne und rauche dezue isch nüd grad gsund.
Walser: Das Dorf det unge isch Gonte. Da isch emol en Mord passiert.
Seelig: Ja was. I dem Schpilzügdörfli.

— Aus Gerold Späths Hörspiel Walser Seelig Koch, 1995

Set de Schwaane Choret s eerscht Automobiil
ond de Fortschrett ase grüemt hed, ischt scho
en Blätsch Wasser de Rhii aab glaufe. Hüt
wimslets gad eso vo Auto, Velo ond Töff.

— Ide Niggli, 1964 öber eren Grosvatter

Gegen-Stände millimeterlen
«What a little Moon Light can do»
Wie ein kleiner Finger schmerzen kann
Mit gewissen Ver-Lusten muss man leben

— Notizen Peter Morgers, 2000

seine
spazierliche Wohlaufgelegtheit will eher
voraussetzen, so ein hübsches Dörflein
sei nicht ein ständ’ger Kampf um Mein und Dein,
und wer drin wohnte, müsste glücklich sein.

— Robert Walser: Aus dem Bleistiftgebiet, 1928

In einer solchen Nische sitze ich, hinter winzigkleinen Fenstern und Vorfenstern, zu Gast in einem Appenzellerhaus im hintersten Talwinkel, wo die Nebelfeuchte ins Kraut schiesst, wo Regenfälle ausdauernder als anderswo sind und manches Haus nachts unverschlossen bleibt, ja wo viele Türen noch nicht einmal Schlösser besitzen, weil die Wände dünn und die Hunde hellhörig sind.

— Aus: Michel Mettler: Die Wortsüsse des Augenblicks. Nachwort zu Robert Walser: Der Räuber. Suhrkamp, 2006.

Ich habe das Gefühl, schon seit Jahren, schon immer am Wesentlichen vorbeizutreiben, ohne es erfassen zu können. Ich würde gerne Räder vorwärts drehen, Böden aufbrechen, die Erde erschüttern. Es brodelt. Vielleicht passt Stein zu mir. Vielleicht unterbricht das Bohren das Warten auf Erlösung. Ich sage zu.

— Aus: Eva Roth, Blanko. edition 8, 2015

Zitatsammlung

Diese Wörter liegen noch immer über der Landschaft.

— Aus Dorothee Elmiger Roman Einladung an die Waghalsigen, 2011

 


 

Seelig: Si räned sich no emal s Herz ii, Herr Walser.
Walser: Me gseht hüt meh als s letscht Mal. Säntis. Hohe Chaschte. D Vorarlberger.
Seelig: De Hügel deruff räne und rauche dezue isch nüd grad gsund.
Walser: Das Dorf det unge isch Gonte. Da isch emol en Mord passiert.
Seelig: Ja was. I dem Schpilzügdörfli.

— Aus Gerold Späth Hörspiel Walser Seelig Koch, 1995

 


 

Set de Schwaane Choret s eerscht Automobiil
ond de Fortschrett ase grüemt hed, ischt scho
en Blätsch Wasser de Rhii aab glaufe. Hüt
wimslets gad eso vo Auto, Velo ond Töff.

— Ida Niggli, 1964 öber eren Grosvatter

 


 

Gegen-Stände millimeterlen
«What a little Moon Light can do»
Wie ein kleiner Finger schmerzen kann
Mit gewissen Ver-Lusten muss man leben

— Notizen Peter Morger, 2000

 


 

seine
spazierliche Wohlaufgelegtheit will eher
voraussetzen, so ein hübsches Dörflein
sei nicht ein ständ’ger Kampf um Mein und Dein,
und wer drin wohnte, müsste glücklich sein.

— Robert Walser: Aus dem Bleistiftgebiet, 1928

 


 

In einer solchen Nische sitze ich, hinter winzigkleinen Fenstern und Vorfenstern, zu Gast in einem Appenzellerhaus im hintersten Talwinkel, wo die Nebelfeuchte ins Kraut schiesst, wo Regenfälle ausdauernder als anderswo sind und manches Haus nachts unverschlossen bleibt, ja wo viele Türen noch nicht einmal Schlösser besitzen, weil die Wände dünn und die Hunde hellhörig sind.

— Aus: Michel Mettler: Die Wortsüsse des Augenblicks. Nachwort zu Robert Walser: Der Räuber. Suhrkamp, 2006.

 


 

Ich habe das Gefühl, schon seit Jahren, schon immer am Wesentlichen vorbeizutreiben, ohne es erfassen zu können. Ich würde gerne Räder vorwärts drehen, Böden aufbrechen, die Erde erschüttern. Es brodelt. Vielleicht passt Stein zu mir. Vielleicht unterbricht das Bohren das Warten auf Erlösung. Ich sage zu.

— Aus: Eva Roth, Blanko. edition 8, 2015

 


 

Blog

10. Dezember 2015

Waschen Sie sich, bevor Sie mit ihrer Arbeit beginnen oder zur Arbeit fahren?

Eine Frage, mit der wir uns vor einem Jahr in einem Kurs am Schweizerischen Literaturinstitut beschäftigten. Und da soll mal einer sagen, Schriftsteller_innen sässen in ihrem Elfenbeinturm... Auch bei uns geht es zuweilen höchst praktisch zu und her!

Das Thema kam auf, weil Roland Barthes in seinem Buch “Die Vorbereitung des Romans” den französischen Schriftsteller Balzac zitiert, der die Meinung vertrat, man solle sich nicht waschen vor der Arbeit. So nahm Balzac selbst sein Bad immer erst am Abend, nach getaner Arbeit – also nach dem Schreiben. Warum dem täglichen Duschen so viel Wichtigkeit zugesprochen wird, mag nicht für jede_n auf den ersten Blick ersichtlich sein. Ich finde es sehr plausibel, und meine Devise (als Morgenschreiberin) lautet:

Will ich aus der Intuition schöpfen, den Zustand zwischen Schlaf und Wachsein nutzen, mich in diesen unsagbaren Raum des Schreibens begeben, in dem es wie von alleine denkt, dann wasche ich mich am Morgen nicht. Im Idealfall komme ich erst zurück ins Wachsein, wenn ich gegen Mittag einen unguten, scharfen Geruch wahrnehme. Meinen eigenen.
Will ich aus dem Bewussten schöpfen, einen Text durchdenken, am Handwerk schleifen, dann wasche ich mich vor der Arbeit jedoch gründlich. Denn sauber denkt's sich gut.

Probieren Sie es aus. Beeinflusst der Waschgang Ihre Kreativität? Ich bin gespannt auf Ihre Erläuterungen!

            – Laura Vogt

Literaturland

Appenzell

Ein Ort für bestehende und entstehende Appenzeller Literatur, für literarische Überraschungen, den Austausch, das Lesen und Schreiben. Die Appenzeller Anthologie versammelt Texte von bekannten und unbekannten Autorinnen und Autoren, der Schreibwettbewerb sorgt für Nachwuchs – auf dass das Literaturland im Schweizer Osten weiter wachse und gedeihe. 

Schreibwettbewerb

Ablauf und Preise

Die Fachjury wählt einen Text für den Jurypreis und schlägt die besten Texte für den Publikumspreis vor. Die beiden Preise sind mit je 5000 Franken dotiert.

Jurypreis: Die Jury trifft eine Auswahl von fünf bis acht Texten und bestimmt eine Preisträgerin bzw. einen Preisträger.

Publikumspreis: Die Texte aus der Endausscheidung werden auf einer Lesetour durch einige Ausserrhoder Regionalbibliotheken von einer Schauspielerin bzw. einem Schauspieler gelesen. Die Zuhörerinnen und Zuhörer wählen ihren bevorzugten Text.

Die Beurteilung der Texte erfolgt anonym. Weder die Jury noch das Publikum kennen die Namen der Autorinnen und Autoren.

Die besten Texte werden auf der Webseite literaturland.ch und in der Appenzeller Anthologie veröffentlicht.

Die Preisträgerinnen bzw. Preisträger werden nach der Lesetour persönlich benachrichtigt und an der Preisverleihung am 28. Mai 2016 öffentlich bekanntgegeben.

Über den Wettbewerbsverlauf und die Juryentscheide wird keine Korrespondenz geführt; der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Die besten Texte 2016

… Ralf Bruggmann. 
Für seinen Text wurde er mit dem Preis der Jury und dem Publikumspreis 2016
ausgezeichnet.

EIN SATZ ÜBER EINEN,
DER AUF EINER TELEFONZELLE STEHT

Ralf_Bruggmann

Ralf Bruggmann (1977) ist in Herisau aufgewachsen und lebt mit seiner Familie in Speicher. Er arbeitet als Texter in einer Werbeagentur in Rheineck.
• Der Siegertext
• Bericht der Jury
• Medienmitteilung

 

Die weiteren Tagessiegerinnen der Publikumstour:

Claudia Joller 1971), Urnäsch
• Von Stöckelschuhen und anderen Hebammen

Anna Katharina Schindler (1966), Herisau
• Innenaussichten

Impressum

Fachgruppe Schreibwettbewerb:
Margrit Bürer & Monika Slamanig

Trägerschaft:
Appenzell Ausserrhoden, Amt für Kultur, Landsgemeindeplatz 5, 9043 Trogen, Schweiz

Kontakt:
schreibwettbewerb@literaturland.ch

 

kar_w     

Jury

 

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Bild: Judith Kinitz

NORA GOMRINGER (Jahrgang 1980) ist Schweizerin und Deutsche, schreibt Lyrik und für Radio und Feuilleton. Seit 2000 hat sie acht Lyrikbände und zwei Essay-Sammlungen bei Voland & Quist veröffentlicht. Sie rezitiert, schreibt und liest preisgekrönt vor und wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. 2015 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis für ihren Text «Recherche». Sie lebt in Bamberg, wo sie das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia leitet. www.nora-gomringer.de

 

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Bild: Biblio Teufen

KARIN SUTTER-ZURFLUH, 1968, Bibliothekarin SAB und Leiterin der Bibliothek Teufen. Sie lebt mit ihrem Ehemann und drei Kindern in Niederteufen. Regelmässig organisiert sie zusammen mit ihrem Team Lesungen und andere Veranstaltungen. Mit der Übernahme der Leitungsfunktion wurde sie in den Vorstand der Lesegesellschaft Teufen gewählt und absolviert nebenberuflich das Weiterbildungsstudium «Master of Advanced Studies FHO in Information Science» an der HTW Chur. www.biblioteufen.ch

 

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Bild: Ernst Schär

ERICA ENGELER, Schriftstellerin. 1949 im Nordosten von Argentinien geboren, lebt, schreibt und liest sie seit 1974 in St.Gallen. Mitglied Autorinnen und Autoren der Schweiz AdS. Zuletzt erschienen: «Vom Verschwinden», Roman, Bilgerverlag, Zürich, 2014.

 

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Bild: WOZ

ADRIAN RIKLIN, 1967 in St.Gallen geboren, Journalist, Lektor und Schriftsteller. Letzte Buchveröffentlichung: «Warum es in Rom keine Hochhäuser gibt», Erzählung, Oktober 2014. Er lebt und arbeitet als Redaktor bei der Wochenzeitung Woz in Zürich. Ausgebildet an der Schauspielakademie Zürich, war er zuvor als Schauspieler, Regieassistent, Texter und Deutschlehrer tätig. 1996 bis 2002 war er Redaktor beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten.

Lesetour

Im Mai finden die Lesungen für die Ermittlung des Publikumspreises statt. Diese finden statt am:

Dienstag, 17. Mai, 14.30 Uhr, Kantonsschule Trogen
Mittwoch, 18. Mai, 19.00 Uhr, Bibliothek Teufen
Donnerstag, 19. Mai, 19.30 Uhr Bibliothek Herisau
Freitag, 20. Mai, 19.30 Bibliothek Speicher / Trogen
Samstag, 21. Mai, 14.00 Uhr, Bibliothek Heiden

• Flyer «Lesetour» zum herunterladen (PDF)
• Pressemitteilung zur «Lesetour» (PDF)

Literaturförderung

Der Schreibwettbewerb 2016 ist ein Projekt des Amtes für Kultur von Appenzell Ausserrhoden. Er ist der erste Schritt zur Umsetzung des Schwerpunkts Literaturförderung: «Der Kanton unterstützt Bestrebungen, die das literarische Schaffen in seiner Vielfalt und die kreative Auseinandersetzung mit Schreiben und Lesen fördern.» (Kulturkonzept 2012). Weitere Projekte werden folgen.

Schreibwettbewerb 2016

Mehr als vierzig Personen haben für den ersten Schreibwettbewerb des Amts für Kultur von Appenzell Ausserrhoden Texte eingereicht. Das Thema lautete: AUSSICHT

Die Jury hat einen Siegertext bestimmt und die besten Texte für den Publikumspreis ausgewählt. Auf der Lesetour vom 18. bis 21. Mai durch vier Regionalbibliotheken wählt das Publikum seinen Favoriten. Die Preisträgerinnen bzw. Preisträger werden nach der Lesetour persönlich benachrichtigt und an der Preisverleihung am 28. Mai 2016 öffentlich bekanntgegeben.

Teilnahmebedingungen

Der Wettbewerb richtet sich an Schreibende ab 18 Jahren ohne eigenständige Buchveröffentlichung und mit einem persönlichen Bezug zum Kanton Appenzell Ausserrhoden (Wohnort, Arbeitsort, Ort der Kindheit oder Schulzeit. Die Liebe zur Landschaft und der Bürgerort allein reichen nicht.)

Willkommen sind unveröffentlichte Texte aller Gattungen: Short Storys, Erzählungen, Romanauszüge, Lyrik, Slam-Gedichte usw.

Umfang: max. 10’000 Zeichen inkl. Leerzeichen

EINSENDESCHLUSS: 12. FEBRUAR 2016

Einreichen: als einfache Textdatei per Mail an schreibwettbewerb@literaturland.ch

Die Texte müssen anonymisiert und mit einem Kennwort versehen werden. Angaben zur Person (Name, Vorname, Adresse, Alter, Beruf, Telefon, E-Mail) auf einem separaten Blatt

Texte und Termine

Preisverleihung 28. Mai 2016 in der Stuhlfabrik, Herisau

Lese-Tour Mai 2016

Jurierung März und April 2016

Schreibwettbewerb Einsendeschluss 12. Februar 2016

Eröffnung Literaturland und Lancierung des Schreibwettwerbs 25. November 2015 19 Uhr, Buchensaal Speicher