Willkommen im

Literaturland

Appenzell

Ein Ort für bestehende und entstehende Appenzeller Literatur, für literarische Überraschungen, den Austausch, das Lesen und Schreiben. Die Appenzeller Anthologie versammelt Texte von bekannten und unbekannten Autorinnen und Autoren, der Schreibwettbewerb sorgt für Nachwuchs – auf dass das Literaturland im Schweizer Osten weiter wachse und gedeihe. 

Buchpräsentation
«Ich wäre überall
und nirgends»
Bibliothek Heiden

21. Feb2017

19 h

Lesung
«Ich wäre überall
und nirgends»
Raum für Literatur
Hauptpost St.Gallen

13. Mrz2017

10 h

Der Preisträger des ersten Schreibwettbewerbs 2016 ist…

30. Mai2016

Diese Wörter liegen noch immer über der Landschaft.

— Aus Dorothee Elmigers Roman Einladung an die Waghalsigen, 2011

BLOG

17. Feb2017

Die Appenzeller Anthologie macht nächsten Dienstag Station in Heiden. Die im Dorf lebende Lyrikerin Bozena Frei ist zu Gast, daneben wird – natürlich – Henri Dunant geehrt: u.a. mit einem Porträt in Berner Dialekt. Sein Autor Beat Sterchi plädiert für mehr helvetisches Dialekt-Selbstbewusstsein.

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In der Appenzeller Anthologie gibt es eine grosse Zahl  von Mundarttexten. Es gibt ein ganzes Kapitel, das sich unter dem Stichwort «Sprachen und Zungen» mit dialektalen, aber auch anderen herausragenden Sprechweisen beschäftigt. Eingeleitet wird das Kapitel mit einer Liste von Begriffen, die «Qualitäten der Milch und Arten, Käse zu bereiten» umschreiben.

chächi Milch
chüewaa’mi Milch
e’stickt resp. veschtäckti Milch
gfangni Milch

…und so weiter, man kann da vieles über die Milch lernen und sich begeistern an der Differenzierungskraft der Mundart.

Im Buch gibt es aber auch Dialekt-Fremdlinge. Der wohl auffälligste ist der kurze Text Dr Dunant von Beat Sterchi. Sterchi schreibt in breitem Berner Dialekt sein gewitztes Kurzporträt des Rot-Kreuz-Gründers; am besten liest man es laut, dann kommt man den so vertrackten wie präzisen Schreibungen auf die Spur.

Beat Sterchi, 1983 mit dem Kuh-Roman Blösch bekanntgeworden, hat sein bisher letztes Buch 2016 dem konfliktreichen Verhältnis von Hochdeutsch und Dialekt in der Schweiz gewidmet. Die Mundart friste ein «Drückebergerdasein», sie gelte als minderwertig gegenüber der Hochsprache, dabei müsste sie gleichberechtigt neben dieser stehen, auch in offiziellen Sprech-Situationen. «Die Persönlichkeit schmilzt bei gewissen Leuten wie ein Schneemann an der Sonne, wenn sie Hochsprache sprechen», sagt Sterchi und plädiert dafür, den Dialekt aus seinem Minderwertigkeit-Ghetto zu befreien.

Er  regt sogar an, dass die Zweisprachigkeit (Mundart als erste Sprache, Hochdeutsch als Zweitsprache) in der Bundesverfassung verankert werde. In einem Interview im Bund sagte er dazu: «Unsere Sprache existiert offiziell nicht. Das ist dem Selbstbewusstsein nicht förderlich. Mit einer Erwähnung in der Bundesverfassung würde die Einschätzung meiner Sprachkompetenz aufgewertet werden. Ich liebe die deutsche Sprache, aber ich liebe auch mein Berndeutsch, weil ich weiss, dass das meine eigentliche Sprache ist.»

Mut zur Mündigkeit betitelt der Autor sein Plädoyer für ein selbstbewussteren Gebrauch der Muttersprache. Allerdings sei zumindest in der Literatur der Status des Dialekts entscheidend besser geworden in den letzten Jahren, räumt Sterchi ein: «Es ist unübersehbar, dass die hiesige Textproduktion aus ihrer sprachpolitischen Erstarrung erwacht ist. Die Trennung zwischen Mundart und Standardsprache wird immer öfter gelöchert und durchbrochen. Es braucht eben Modelle und Vorbilder. Die Erfolge von Pedro Lenz oder Guy Krneta haben das Mundartghetto gesprengt und führen dazu, dass auch andere Autorinnen und Autoren versuchen, in ihrer Muttersprache zu schreiben.»

Über Sterchis streitbare Position liesse sich diskutieren. Sicher ist: Sterchis Dunant-Text (in der Anthologie der Auftakt zum migrationsfreudigen Kapitel «Ankommen, abhauen, fremdgehen») ist ein starkes Stück Dialekt. In Heiden ist es live zu hören, gesprochen von einem Berner «native speaker», vom Schauspieler Thomas Fuhrer. Daneben liest die in Heiden lebende Lyrikerin Bozena Frei. Rainer Stöckli und Doris Überschlag führen durch das Programm und durch die Anthologie.

Peter Surber

Ich wäre überall und nirgends. Präsentation der Appenzeller Anthologie: Dienstag, 21. Februar, 19 Uhr, Bibliothek Heiden

Appenzeller Anthologie

Autorinnen / Autoren

Allemann, Fritz René

Allmen, Ursula von

Worte sind ohnmächtig

‹Schmerz› ist ein unpräziser Begriff, sagt nichts aus über seine Heftigkeit oder Dauer. Dazu bräuchte es zusätzlich Ziffern, eine Schmerzskala mit einer Steigerung von eins bis zehn: Mutter benutzte seit vielen Jahren einfach das Wort. Sie meinte damit ihren kaputten Rücken, die ausgedienten Beine, die Nervenkrämpfe. Nur aus Stärke und Anzahl der geschluckten Schmerztabletten liess sich das Ausmass der Beschwerden erraten.

Anfangs, bei der Akkordarbeit an der Nähmaschine, da reichten zwei Saridon. Eines um halb elf, das zweite um vier Uhr. Der Patron gab sie gratis ab an das Personal, wenn es müde wurde oder unkonzentriert. Mutter hatte verständnislos auf die Kolleginnen geblickt, die beim Chef auch Tabletten für den Privatgebrauch holten, sich zu günstigen Sonderkonditionen die Beträge vom Wochenlohn abziehen liessen. Sie hatte über die Galli gelächelt, die gewerkschaftlich organisiert war, die immer wieder bezahlte Arbeitspausen statt Saridon verlangte, die bei der Volksgesundheit mitmachte, das Kneippen predigte und Kräuter kannte, sammelte, trocknete und sie in weissen Stoffsäckchen in ihrer Wohnung an einem Wäscheseil quer durch den Korridor aufhängte. Ja, die Galli, die war allein stehend, hatte Zeit für solchen Krimskrams, lebte in einer Lotterbude und war schon mehr als fünfundsechzig. Hatte wohl keinen roten Rappen auf der Seite. Musste darum immer noch zur Arbeit. Die sagte oft, wer denn wohl von so einer kleinen Altersrente leben könne. War aber doch froh um diesen Zustupf. Es gab die Rente ja erst seit ein paar Jahren. Vorher gabs gar nichts, auch keine Leistungen für Invalide. Deshalb musste sie jahrelang ihren halbblöden Bruder mit durchfüttern. Er starb dann Gott sei Dank, als sie schon über fünfzig war. Seither kann sie in die Fabrik. Das ist besser bezahlt als Heimarbeit.

Mutter kann auch in die Fabrik. Seit Vater tot ist. Vorher hat sie Heimarbeit gemacht. Als Vater immer krank war. Und arbeitslos. Oder betrunken. Oder im Sanatorium. Und für Leute vom Dorf genäht hat Mutter. Zum Glück hatte sie als junges Mädchen Damenschneiderin lernen können, sagt sie immer wieder zu Marie.

Du wirst auch einen richtigen Beruf lernen. Nein, nicht Nähen, da verdient man zu schlecht und macht sich den Rücken kaputt. Und du bist ja auch nicht gut in Handarbeit. Aber im Kopf bist du gut.

Ein gutes Zeugnis heimzubringen, das ist das Mindeste, was Marie tun kann. Das freut Mutter. Hilft ihr am Morgen den Alltag wieder anzugehen, beweist, dass sich die Mühe lohnt.

Um sieben beginnt die Arbeit. Da müssen die Näherinnen an den Maschinen sitzen, vor sich Bettwäsche in weissen Bergen, manchmal rotweissen Kölsch, Barchent mit pastellfarbenen Borten. Gerade Nähte, langweilig zum Herunterrattern. Können auch Ungelernte schnell.

Schöner zu nähen sind Damen-Nachthemden, sagt Mutter, Litzen oder Spitzchen einsetzen ist schwieriger. Auch etwas besser bezahlt. An der Herrenwäsche sind es Passepoils, die exakt eingenäht werden müssen. Der Chef und sein Bruder kontrollieren selber. Fehlerhaftes müssen die Näherinnen auftrennen, neu nähen. Die Bezahlung geht nach Stückzahl.

Das sind die Jahre, in denen Mutter ein paar Brocken Italienisch lernt. Viele Arbeiterinnen sind aus dem Süden. Sie sind froh um Arbeit. Das weiss der Chef. Es drückt den Ansatz. Die Fremden zahlen keine Gewerkschaftsbeiträge. Sie brauchen alles Geld für ihre Familien.

Mutter zahlt auch keine Beiträge. Sie sagt, dass sie nicht auch noch für irgendeinen Schönschwätzer arbeiten kann. Die Galli sagt, das sei kurzsichtig.

Mutter steht um halb sechs auf. Sie kocht vor, giesst und jätet sommers den Garten, heizt winters den Ofen ein, wäscht sich und hetzt nach dem Kaffee und einer Brotschnitte auf den Weg. Eine kleine Stofftasche mit Holzbügeln hängt an ihrem Arm. Im Gehen reibt sie sich Vaselincreme ein. Die feinen Nachthemdstoffe haken sich an rissiger Haut fest. Darum immer Hände eincremen, verlangt der Chef. Wenn es regnet, hüpft dabei der Schirm über Mutters Kopf auf und ab. Marie sieht es aus dem Schlafzimmerfenster. Seit Vater tot ist, schläft sie in seinem Bett, neben Mutter.

Altherr, Heinrich

Alteisen

Nach einer Weile suchte [der Lehrer] Ferdis Augen und sprach mit fester Stimme: «Ferdi, das wird deinem Vater nicht leichtfallen. Ist auch gar kein Spass. Hör Ferdi, du bist ein Achtklässler, ziemlich gross und kräftig und auch – ein guter Bub. Das weiss ich genau. Du wirst von nun ab tüchtig mithelfen müssen zu Hause. Anders geht es nicht. Du bist alt genug, um das mit der Stickmaschine zu verstehen.» […]

Auf dem Heimweg spürte Ferdi nichts von der scharfen Kälte des Morgens. Eine warme, tiefe Freude stieg in ihm hoch, wenn er an den Lehrer und seine Worte dachte. «Andereggli!», hatte er gesagt. «Lebwohl, Andereggli.» So nannte ihn der Lehrer immer dann, wenn er ihn besonders gut leiden mochte, wenn er ihn lobte. Das hatte Ferdi schon längst herausgefunden. Tröstend folgten ihm die gütigen Augen des Lehrers nach Hause, wo eine schwere Arbeit seiner wartete. […]

Ein kurzer, schriller Hupenton eines Autos schreckte ihn aus seinen Gedanken auf. Ferdi schaute zurück. Ein schwerer Lastwagen rumpelte das schmale, steile Strässchen herauf. Mit einem Sprung setzte Ferdi über die hohe Schneemauer und drückte sich nahe an den Zaun. Im Führersitz sassen zwei Männer in blauen Arbeitskitteln. Auf der Ladebrücke des Autos lagen eine eisenbeschlagene, mit Ölflecken beschmierte Kiste, Ketten, Stricke und zwei schwere Eisenhämmer. Die rasselnden Schneeketten griffen in den harten Schnee des Strässchens, welcher in schräg aufsteigendem Bogen unter den breiten Hinterrädern hervorgeschleudert wurde. Als der Hinterwagen an Ferdi vorbeifuhr, fühlte er die Wärme der Auspuffgase über seine Beine streichen. Stampfend arbeitete sich das vom Vater bestellte Ungetüm das Nordhaldesträsschen hinauf. Als Ferdi wieder in die Strasse trat, hing ein beissender Benzingestank in der Luft.

«Der holt nun Vaters liebe Stickmaschine. Wenn er nur stecken bliebe, der Saukarren», dachte Ferdi wütend.

Als er zu jener Stelle kam, wo das Fussweglein zum Haus hinauf abzweigt, stand der Lastwagen in umgekehrter Richtung da. Durch alle Ritzen der Motorhaube stiegen zitternde Wolken warmer Luft. Die Windschutzscheibe blitzte in der eben aufsteigenden Morgensonne böse auf. Die Räder und Kotflügel des Wagens waren dick mit Schnee verklebt. Ferdi drückte sich um den Koloss herum und stapfte eilig den schmalen Pfad zum Haus hinauf, wo seiner eine schwere Arbeit wartete.

Der Vater rumorte schon im Sticklokal. Er stiess die Läden auf. Krachend schlugen sie an die Hauswand. Einer der blauen Männer entnahm der öligen Kiste Schraubenzieher, Hämmer, englische Schlüssel und ein grosses Bündel Putzfäden, wischte mit dem Ärmel den Schnee vom Dache des Kaninchenstalles und legte die Werkzeuge geordnet auf die Dachpappe. Erschreckt und aufgeregt schnuppernd hoppelte Ferdis Blauwienerin von einer Stallecke in die andere.

Dann trat Ferdi in das Sticklokal, wo der zweite Arbeiter mit dem Vater vor der Stickmaschine stand. Bei diesem Anblick kam Ferdi jenes Bild vom Viehmarkt, das sie kürzlich in der Schule miteinander angeschaut hatten, in den Sinn. Glich der Vater nicht jenem Bäuerlein, welches in der Not dem drängenden, fetten Protz von einem Viehhändler seine schönste Kuh verkaufen muss?

Der Arbeiter Zürn langte einen schweren, klobigen Schraubenschlüssel aus der Seitentasche seines Kittels und brummte vor sich hin: «So, ich muss wohl oder übel beginnen. Nützen tut er Euch doch nichts mehr, der alte Karren. Ein paar Franken gibt’s doch immerhin noch. Bub, ruf den Walser herein. Er soll die Metallsäge, den grösseren Meissel, zwei Plattzangen und den Vorschlaghammer mitbringen, los, avanti, was träumst noch!»

Als Ferdi mit Walser hereinkam, stand der Vater immer noch vor der Stickmaschine. Seine Blicke schienen sich in den braunen Maschen des Flugnetzes verfangen zu haben. Dann hob er langsam den rechten Arm, legte ihn auf die lange Welle des Wagens, schritt feierlich der Maschine entlang und strich im Gehen mit der Hand über den grünen Lack der Welle. Dann stellte er sich vor das Musterbrett, auf das mit vier Reissnägeln noch die in blaugrüner Tinte ausgeführte, letzte Zeichnung geheftet war. Mit zitternden Fingern klaubte der Vater die Reissnägel aus den vier Ecken des aufrechten Brettes, rollte das Blatt sorgsam zusammen und legte es auf das Fenstergesims. Ein letztes Mal setzte er sich auf den runden Sitz des dreibeinigen, hochgeschraubten Stickerstuhles. Die linke Hand suchte tastend den abgewetzten Handgriff des Pantographen, dann umschloss die rechte den schwarzen Eisengriff des Treibrades. Behutsam setzte er die Füsse auf die Pedalen. Nun sah ihn Ferdi wieder genau so dasitzen, wie er es schon hundertmal beobachtet hatte: der Rücken war leicht gekrümmt, die rechte Schulter stark abfallend. Auf einem eckigen Irrweg glitt der Stiefel des Pantographen, geführt von Vaters Hand, über das entblösste Musterbrett. Dann rutschte der Vater mit einem Ruck vom knarrenden Stuhl, strich mit der Hand über die gefurchte, bleiche Stirn und begann die Nadeln aus den Klappen zu lösen. Ferdi bemerkte jedoch, dass der Vater diese Arbeit anders machte als früher. Auf jede Klappe gab er einen leichten Daumendruck; die Nadeln liess er, ohne sie zu berühren, einfach auf den Boden fallen. Das sahen sogar die beiden Kleinen, Hanneli und Kobi, welche bis jetzt still und scheu in der hinteren Ecke geblieben waren. Hurtig kamen sie näher und begannen wetteifernd die auf dem Boden verstreut umherliegenden Nadeln aufzulesen.

«Ödeli dueche – – Ödeli dueche», plapperte Kobi jedesmal, wenn es seinen dicken, steifen Fingerlein wieder gelungen war, eine Nadel zu erwischen. Mit vorgestülpten Lippen ahmte er die ungeschickten Bewegungen seiner Finger nach.

Zürn und Walser griffen mit harten Fäusten zu. Zunächst waren die beiden noch geduldig genug, Schrauben und Stifte zu lösen. Später hingegen wurden solche mit wuchtigen Hammerschlägen gewaltsam entfernt. Was wollte man da noch lange Federlesens machen! Es kam doch nicht drauf an. Das hatte Zürn am Morgen schon gesagt: «Bis Mittag muss die Maschine abgebrochen und fix und fertig aufgeladen sein.»

Immer hitziger und wie mit heimlicher Freude schlugen die beiden Männer drein. Der Vater tappte, ohne irgendwo richtig Hand anzulegen, von einer Ecke in die andere. Bei jedem Schlag fuhr er zusammen. Auch Ferdi war es so zumut, als ob die Hammerschläge ihn selber träfen. Jetzt polterte eine Welle krachend zu Boden. Mit den Schuhen rollte sie der Vater über den dünnen, bebenden Boden des Lokals. Wieder ein dröhnender Schlag! Das straff gespannte Stahlband zischte zuckend zu Boden. Walser riss mit einer langen Zange die Splinte aus einem Gelenk. Ho – rutsch! Draussen war sie. Klappernd und klirrend fielen wieder einige Räder und Stangen herab. Wie im Traum trug der Vater kleinere Maschinenteile vor das Haus. Hanneli und Kobi waren immer noch mit den Nadeln beschäftigt. Ferdi musste Zürn und Walser handlangern, ihnen Hämmer, Zangen und Meissel reichen und wieder abnehmen. Ein Maschinenteil nach dem andern wurde weggeschraubt, zertrümmert, abgewürgt, zerbrochen. Jedesmal, wenn es im Gestänge quietschte, pfiff oder rumpelte, fuhr es Ferdi kalt über den Rücken.

Die Mutter hatte Ferdi an diesem Vormittag noch mit keinem Blick gesehen. Es musste wohl bald Mittag sein; denn Lilli war aus der Arbeitsschule zurück und trug in einem Korb Schrauben und kleinere Maschinenteile hinab zum Auto. Schon seit längerer Zeit warf Zürn böse Blicke auf die am Boden umherkrabbelnden Kleinen. Plötzlich platzte er los und schrie wütend zu Hanneli und Kobi hinunter: «Hinaus mit euch, macht, dass ihr zum T – empel hinauskommt, ihr donners Goofe. Ihr stört uns. Und einen Unfall könnte es auch geben, wenn ihr ständig um die Maschine herumstreicht, und das könnte es!»

Hanneli erschrak derart, dass sie alle Nadeln wieder fallen liess, aufschrie und weinend hinauslief. Kobi richtete sich laut schnaufend auf, glotzte den Schimpfenden aus grossen, unschuldigen Augen erstaunt an und fragte:

«Chobi ümme Ödeli dueche, hm – –?»

Da kroch Zürn lächelnd unter der Stickmaschine hervor, ging zu Kobi und versetzte dem Knirps mit seiner schwarzen Pratze einen mehr liebkosenden als strafenden Klaps aufs dicke Hinterteil. Mit einem kräftigen Schwung hob er den Kleinen zu sich herauf und liess einen geräuschvollen Schmatzkuss auf Kobis vor Eifer gerötete Wange knallen. Dann stellte er den lieben, kleinen Bengel auf den Boden, spielte einen neuen Zornausbruch und lärmte mit seiner tiefen, schnarrenden Stimme:

«Chomm, i nemm di mit off Sangalle abe ond bring di em Böölimaa is Sittertobel use!»

Das wirkte. Heulend beinelte der Knirps zur Türe hinaus, um sein Leid Ferdi zu klagen. Der hatte jetzt aber keine Zeit für seinen Bruder. Keuchend kam er mit Walser den Hang herauf. Beim Anblick des Schreienden presste Ferdi rasch entschlossen eine Handvoll Schnee zu einem grossen Ball, drückte ihn dem nur noch leise flennenden Brüderlein in die Hand und verschwand im Sticklokal. Als Ferdi wieder schwer beladen herauskam, sah er, dass Kobi beruhigt vor dem Kaninchenstall stand, um mit dem Schneeball das Kaninchen zu füttern. Leise lächelnd trug Ferdi seine Bürde zum Lastwagen hinunter.

Mittlerweile hatte Zürn seine Arbeit im Sticklokal beendet. In einem wirren Durcheinander standen und lagen die Maschinenteile umher. Aus den morschen, abgetretenen Brettern des Bodens guckten nackt und grau die vier Zementsockel, auf denen die Stickmaschine gestanden hatte. Schon seit einer geraumen Weile hatte es der Vater im Sticklokal drin nicht mehr ausgehalten. Ruhelos werkend lief er zwischen Haus und Auto hin und her.

Kurz vor Mittag stand das elende Fuder fahrbereit. Mit hängenden Armen schauten Vater und Ferdi zu, wie Walser einen alten, dreckigen Lumpen an eine weit über das hintere Ende der Ladebrücke ragende Eisenstange band. Das musste ja so sein, nur kam es dem Sticker und seinem Buben wie Hohn und Spott, wie ein böser Fastnachtsscherz vor. Oben vor dem Haus standen in einem eng zusammengeschlossenen Grüpplein die Mutter, Lilli, Hanneli und Kobi.

Zürn und Walser sassen schon im Auto. Durch das offene Wagenfenster rief Zürn heraus: «Das Weitere wird der Meister erledigen. Vergesst aber nicht, Euch wegen der Subvention bei der Treuhandgesellschaft zu melden. Adieu!»

Der Motor sprang an. Mit einem Ruck setzte sich das hochaufgetürmte Fuder in Bewegung und rollte langsam, scherbelnd, ratternd und knatternd das Strässchen hinunter dem Dorfe zu. Als der flatternde Wimpel hinter der Strassenbiegung verschwunden war, atmete der Vater tief ein und sagte mit fester, entschlossener Stimme:

«So, Bub, jetzt beginnt ein anderes Leben. Ich hatte ja wirklich noch lange Arbeit. Andere Sticker mussten ihre Maschinen schon viel früher hergeben. Nun ist’s halt auch bei uns droben aus.»

Der Vater machte kehrt und begann das Weglein hinaufzusteigen. In Vaters Stapfen tretend, folgte Ferdi. Nach einer Pause nachdenklichen Schweigens hörte er den Vater vor sich hinsagen:

«Janu, es hat wirklich keinen Wert, den Kopf hängen zu lassen. Jetzt gehe ich halt jeden Tag auf die Reise. Man wird mir die Türe nicht überall vor der Nase zuschlagen. – Ein Sprichwort heisst ja: Vogel friss oder stirb, jaja, friss, oder stirb …» Und Ferdi dachte: Welch ein Unterschied zwischen meinem Vater in der vergangenen Nacht und dem von heute Vormittag. Auch die Worte seines Lehrers kamen ihm wieder in den Sinn:

«… gell Andereggli!»

En chlinne Held

En aardlige Kärli sei de Lehrer Nagel scho aade gsee, hönd d Lüüt im Döörfli gsääd; ond Fraue heds ggee, wo hönd wele haa, en Tröchlig, ebe so en Schuelmeischter, sei er no dezue ane. D Manne wider hönd uuszsetze gchaa, dass de Lehrer alewil dehääm hocki. Früener hed en öppe n emool näbed, vilecht näbes e giftigs Stickerli, gfrooged:

«Herr Lehrer, chönd Ehr nüd au i d Füürwehr, in Männerchoor oder i d Männerriige?» «Hetocht en Narre, för derig tomms Züüg ha n i e kä Zit. S wäär gschiider, d Lüüt wöörid leerne, echli meh tenke n as jasse n ond chegle. Meh tenke sött me, tenke …»

S ischt wohr: au i de Schuel heds Tage ggee, wommer em nütz hed chöne recht mache, ond wonner de ganz gschlage Taag näbes z södere gchaa hed.

«Hescht wider Chopfweh, Baschtia?» hed en d Frau a n asstige Tage gfrooged, wenn er em Veschper noch de Schuel i d Wonig uichoo ischt, «söttscht halt au wider emool echli früener is Bett, nüd all lese bis i ali Nacht ie», hed si hönnedree amel no prommled. Au i de Lehrerkonferenze hed de Lehrer Nagel ehner zo de Stillne gchöört. Aber wenn er emool ufgstande n ischt, zom näbes zommene Thema z säge, denn hed daa, wanner gsääd hed, Hend ond Füess gchaa. Meischtens hed er aagfange: «Goethe sagte einmal …» oder: «Hegel schreibt …»

I de Schuel ischt er wie gsääd efange n echli en Söderi gsee. Bim Rechne n oder i de Sprooch hed er bi jeder Glegeheit – ond immene Taag sicher dreu Totzed Mool – zo de Schüeler gsääd: «Sinnid noi! Zeerscht tenke n ond denn schwätze! Nüd för fööf Rappe hescht jetz graad wider noitenkt, Jakob!»

Dass er tenke hed chöne, seb wett i nüd abstriite. Ond zwoor hed Tenke bi em nütz z tue gchaa mit Schläui oder mit Vöörtele. Tenke n ischt för ehn näbes gsee wie n e Turnüebig, wonner mit eme n Iifer betrebe hed, wie ander öppe s Chäärtle.

«Schaarf ond grüntli tenke, da ischt s hööchscht, wos för en Mensch chaa gee. – Es lebe die Vernunft!» hed er emool zom Herr Pfarrer gsääd. Ond de Herr Pfarrer droffabe n off s Woort: «Herr Lehrer, vergessid Si nüüd, dass i de Bible stohd: ‹Sehet zu, dass euch niemand beraubet durch die Philosophie›.»

No goet, ammene schöne Sommertaag hed de Lehrer Nagel e n Erlebnis gchaa, wonem en schöne Tääl vo sine n Aasichte bimmene Höörli öber de Huffe gworfe hett.

Ammene Vormittaag, wo d Määtle n i dr Aarbeitsschuel gsee sönd, hed de Lehrer Nagel mit sine Boebe n off Liib ond Seel Tenksportufgoobe glööst. Off ämool chlocked näbed a d Töör. De Lehrer gohd usi. Noch eme Wiili chood er mit eme blääche, schwarzhöörige n ond pringe Possli wider ine.

«Wie häässischt?» frooged er de neu Schüeler.
«Alberto», sääd s Böebli schüch ond leesli.
«Ond wie no meh?»
«Fumasoli.»
«So ase, Alberto Fumasoli; lue, dei im zweithönderschte Bank heds graad no e Blätzli för dii.»

E paar Boebe pfnotterid öber deä gspässig Namme vom Neue. Dr Alberto gohd mit gstäbige n ond oosichere Schrette zwüsched beide Schuelbankreije zo sim Blatz hönderi. D Boebe treijid d Chöpf, machid ali erstuunti, gwöndrigi Auge n ond siend, dass es em neue Schüeler om s Muul omme n aardlig zockt. Eerber wädli isch es aber uus mit dere Vorstellig. De Lehrer rüeft: «Ufpasse!» ond sääd e neui Ufgoob. Noch eme chorze Wiili stönd ali die, wo d Ufgoob hönd, bolzgraad i erne Bänk inne.

Noch e paar Ufgoobe isch es em Lehrer ufgfalle, dass dr Alberto no nie ufgstande n ischt. «Chaascht tütsch?» frooged en de Lehrer.

«Jojo, goet», wooged de Neu z säge.

«Also denn, sinn noi, dass d au emool ufstoh chaascht», pfuused en de Lehrer eerber schaarf aa.

Mit chridewiissem Gsicht, mit glinselige n Auge n ond zettrige Hende n ischt da Pöörschtli dooghöckled ond hed weder ii no uus gwesst. All ander om en omme sönd wider gstande, gad de Fumasoli ischt chlii ond ooschiiber, wie n e jungs, oobholfes Rehli, zwüsched hööche Tannestämme n inne n a sim Blatz gchuured.

«Wa, Fumasoli, du bischt gad en derige! Pass goet uuf, i säg dr d Ufgoob no emool.» –

Aber s ischt nütz z wele gsee vom Alberto. D Boebe lachid öberlege, as öb seu d Gschiidi chellewiis gschlocked hettid. De Lehrer schöttled de Chopf ond södered:

«Bi n i jetz no nüd gnueg gstrooft mit dene sibezeä Stöck, wo n i scho do inne ha; mos jetz no en achzeäte choo? Äää, bhöetis trüüli … Hä, Fumasoli, chonnts? … Sinn noi!»

Gottlob heds denn bald i d Pause gschelled. De Lehrer hed d Töör uftue, ond dosse n ischt da Schäärli gsee.

De Lehrer Nagel lääd beid Hend onder em grauliinige Kitteli off de Rogge n ond spaziert zwüsched de Schuelbankreije hii ond heer. Zwüschedie gohd er emool as Feeschter, lueged off de Schuelplatz abi ond brommled vor si ane:

«Jo natüürli, da passt dene Goofe jetz wider!»

Sid zwee oder drei Tage stönd nämli e paar blau ond wiiss gstrechni Komediwäge n off em Schuelhuusplatz. ‹Varieté Eldorado› ischt mit groosse Buechstabe n a d Wänd vo dene Wäge n anegmooled gsee. Jetz träägid d Lüüt vom ‹Eldorado› – Manne n ond Fraue, ali i blaue n Öbergwändli – Bretter, Stange, Läätere n ond schwääri Plachenepüntl oss de Wäge n usi is Egg vom Schuelhuusplatz hönderi. E paar Oberschüeler hölfid scho wacker ond boggelid biigliwiis Chlappstüel in Haag ane.

Echli absiits, bimmene chlinnere, no bschlossne Komediwage, stohd e Schäärli Boebe n immene phaabe Halbkreis binenand. En Aff hocked off de Wagetiechsle n ond chafled ammene Rüebli. Zmool rüeft en Boeb: «Chomm Bimbo, chomm!» ond trätzled dr Aff mit eme n aapessne n Epfel. Dr Aff töd aber nüd wie mörke n ond lueged oovertraut oss sine chlinne, wässerige n Äugli ommenand. I de Nööchi vom Bimbo ischt off em Bode n e faarbigs Tuech uusprääted. Off dem höckled e chliis, blonds Gööfli ond töckeled mit Holztierli.

Jetz wooged en Boeb oss de Klass vom Lehrer Nagel, echli wiiter vörezstoh. Er streckt em Aff e Brootrende n ane. Off ämool rassled d Chettle. Dr Aff jockt em Eggerli off d Achsle n ond zücht em Boeb beid Vorderfüess zmitzt öber s Gsicht abe. Zom Glöck hed d Chettle nomme wiiter glanged. D Boebe verschreckid ond schüüssid zrogg. E Wiili isch es om dr Aff omme müüslistill. E paar Boebe töselid verlege devoo.

Die, wo bliibid, siend aber, dass d Chettle gstreckt zwüsched de Tiechsle n ond em Hals vom Bimbo hanged. Da geed ene neus Guraaschi. Si wörfid Stääli, aapessni Epfel ond Brootbröckli vor d Füess vom Aff. Wereddem hed dr Eggerli noigsinned, wie n ers em Aff ommezale chönnt. Er springt in Stuudehaag ani, brecht e Roete n aab ond chood wider zrogg.

«So, du nützigs Chögli, deer will i scho tue för s Chretze», sääd dr Eggerli mit eme n aardlige Lächle n off sim verchratzete Meerzedreckgsicht. Er streckt d Roete wiit vöre n ond chützeled dr Aff mit de vorderschte Bläckli vom Stüüdeli am Buuch. Dr Aff zockt – ond uus isch es mit sinnere Geduld ond Goetmüetigkeit. Off ämool jockt er hööch uuf, fallt federig in Bode n abe, macht si chlii ond schüüsst wider wie n e Chugle n oss em Rohr i d Hööchi. Er jockt hii ond heer, ropft a de Chettle n ond töd wie n en Ooflood. D Boebe lachid ond wiichsid.

S Böebli vo de Buudelüüt hed sini Holztierli off d Siite glääd. Monter ond ohni z mörke, wa doo passiert, isch es off ale Vierne n ommenandgchroche.

Off ämool rüeft en Boeb luut:

«Au, d Tiechsle!»

Eerscht jetz hönd au di Andere gseä, dass da Brett, womme n as Stötze n onder s vorder Tiechslenend gstellt hed, bi jedere Bewegig vom Aff e Bröckli wiiter vöre grotsched ischt. Himmel, scho ganz schreeg stohds! Ond s Böebli! Preziis onder de Tiechsle n isch es i dem Augeblick ghöckled. Blääch ond mit Heerzchlocke sönd d Boebe doogstande. Waa mache? – Wenn dr Aff no emool a de Chettle ropft, denn schmettered d Stange n em Böebli pätsch off de Chopf abi.

Dr Alberto hed nomme lenger chöne zueluege. Mit ere haschtige Bewegig zücht er sini blaue Hose n ui. En Jock, ond scho ischt er onder de Tiechsle. Er packt s Böebli vo de Buudelüüt am Lismerli ond schrenzts wädli e Bröckli off d Siite. Scho ischt de Bimbo doo. Hoor flüügid. Aber dr Alberto, tifig wie n e Weseli, stohd scho wider a sim aalte Blätzli, schnuufed zwää-, dreumool tüüf ond töd denn, as öb nütz Ossergwöhnligs passiert wäär. Im nööchschte n Augeblick chlapped s Brett off de Bode, di schwäär, herthölzig Tiechsle pätscht öppe n en halbe Meter nebed em Chruselchopf vom Buudeböebli off s Chees vom Schuelhuusplatz. Niemed säd e Woort. Alls lueged denand aa …

Dr Eggerli stohd vor de Neu hee, stuuned deä blääch, pring Boeb aa, versteckt mit ännere Hand sini Chretz i de Bagge n ond mänt denn eso tuuchezügs:

«Hei, du, da ischt denn öppe n allerhand gsee vo deer, du – wie häässischt? – So, Alberto, Al – ber – to …»

Em letschte Tääl vo dem Affetheääterli hed dobe n am Schuelstobefeeschter au de Lehrer Nagel zueglueged. Wonner gseä hed, om waas dei onne gohd, isch es au em chaalt ond waarm de Rogge n uuf ond aab gfahre. S wäär jetz enaard Zit gsee zom Schelle. Aber wil alls eso goet abglaufe n ischt, hed er wädli no en Stompe zor Tischzüche n uus gnoh, hed en aazöndt ond e paar uumächtig Räuch usiloo.

Noch eme Wiili hed de Lehrer Nagel zwüsched zwee Zöge vo sim Stompe langsam ond fascht fiirlig vor si ane gsääd:

«Hm, da hett i jetz dem tonndersch Pöörschtli doch nüd zuegmueted. – Kä Wonder, dass en groosse Dichter ammene n Oort gschrebe hed: ‹Um Gutes zu tun, braucht’s keiner Überlegung›.»

Ond wider e Wiili spööter hed de Lehrer Nagel tenkt: «Jo no, Alberto, wenigschtens hescht s Heerz off em rechte Fleck.»

Ammann, Julius

Amstein, Max

Spitalgedichte

II

Aus Backstein ein Kamin steht starr und gross
Vorm Fenster, und im Regenwinde
Die kalten Bäume pendeln hoffnungslos.
Du hast gefragt, der Baum ist eine Linde.

Den Giebel kannst du sehn, ein langes Dach,
In grossen Sälen liegen dort die Kranken.
Der schwarze Rauch jagt grauen Wolken nach.
Du siehst die nassen Äste trostlos schwanken.

Auf deinem Tisch sind Blumen aufgestellt,
Die Vasen und die Töpfe stehn in Reihen.
Ein Zeichen, dass man hier auf Ordnung hält.
Es fällt dir schwer, der Schwester zu verzeihen.

Sie lässt die Türe immer offen stehn,
Dann hörst du Stimmen und ein leises Wimmern.
Wie wärst du froh, die Schwester würde gehn
Und nichts erzählen aus den andern Zimmern.

Am schwersten wird die Nacht dir jedesmal,
Es geht herum auf leeren leisen Spuren,
Du hörst die Stadt und horchst auf das Signal
Der Bahn, mit der wir oft nach Hause fuhren.

 

IV

Die Schmerzen sind ein grosses, starkes Heer,
Sie haben immer schon in uns gelagert,
Jetzt, da wir schwach sind, müd und abgemagert,
Jetzt fallen sie gewaltig auf uns her.

Sie stürzen auf uns ein mit grossem Streit,
Zerschlagen unsre Wehr in tiefen Breschen,
Vielleicht, dass sie aus frühen Garben dreschen,
Was darin reif ist zu der frühen Zeit.

Die Schmerzen sind von roter Glut ein Pflug.
Die Hand, die ihn so unerbittlich leitet,
Vielleicht, dass sie uns fasst und neu bereitet
Den Grund, den sie so fürchterlich zerschlug.

 

XII

Die Alten gehn mit ihrer leeren Last
Im Garten um, die Frauen und die Greise.
Die Böschung ist verschüttet von Morast,
Dort liegen welke Blumen haufenweise.

Und Küchenmädchen tragen Kübel fort.
Das Wäscheauto hupt zum Haus der Schloten,
Und blasse, schwarze Menschen warten dort.
Auf einer Tafel steht Durchgang verboten.

In dünnen Wiesen, wo kaum Gras gedeiht,
Stehn auf den Stangen blaue Einbahnscheiben.
Und hier wie überall verrinnt die Zeit,
Und andre Kranke kommen, gehn und bleiben.

Ascher, Otto

Wo die Lichter sind, ist die Schweiz!

Am 12. November packt Mutter das Notwendigste in eine ‹Aktentasche›, und Vater fährt mit dem Zug Richtung Westen, Richtung Schweiz. Irgendwie will er versuchen, über die Grenze zu kommen. Es gibt unzählige Gerüchte und ebenso viele Tips. Die Gefahr für alle jüdischen Männer wird immer grösser. Die Nacht zum 10. November hat gezeigt, wohin es geht …

Nur eine Aktentasche und möglichst unauffällig und möglichst schnell weg von den noch rauchenden Trümmern der Synagogen.

Mehr als eine Woche später kommt der erste Brief von Vater. Es ist ihm auf der von Freunden beschriebenen Route gelungen, illegal in die Schweiz zu kommen. Vorläufig ist er in Sicherheit in einem Schweizer Auffanglager.

Bereits im nächsten Brief schreibt er, dass er bleiben kann und beschreibt uns mit vielen Einzelheiten, wie wir an die Schweizer Grenze fahren und so wie er über die Grenze gehen sollen.

Mutter, die immer rasch entschlossen war, packt das Wenige, das man tragen kann, in zwei Rucksäcke für uns Buben und in eine Tasche für sich. Wenig Gepäck, nicht auffallen …

Wir lassen alles liegen und stehen, die Wohnung mit dem Gangklo, die Einrichtung, die Möbel, Kleidung, Wäsche, Schuhe und was man in vielen Jahren so erworben hat. Dann noch das Modistengeschäft in der Favoritenstrasse mit allem, was drinnen ist. Mutters Stolz, in dem die Ersparnisse von vielen Jahren Arbeit stecken. Mit allem Geld, das sie hat, und mit allem Schmuck, den sie hat, ziehen wir los.

Von der Schule haben wir uns abgemeldet und sogar so etwas wie eine Abgangsbestätigung bekommen, einen besseren ‹Kaszettel mit dem Stempel drauf›. Die Schulleitungen sind seit langem darauf vorbereitet, solche Bestätigungen auszustellen.

So wie es uns Vater beschrieben hat, fahren wir in Richtung Schweiz. Nicht über Innsbruck, sondern über München, weil dort die Überwachung des Bahnhofs durch eine um ein Jota weniger fanatische und idiotische SS-Truppe geschieht als in Innsbruck.

Gegen Abend, es ist schon dunkel, kommen wir in Hohenems an. Es ist der 23. Dezember. Wir gehen gleich in Richtung des Gasthofs, den Vater beschrieben hat. Vielleicht 20 Männer, Frauen und Kinder peilen den Gasthof an. Der Wirt ist dafür bekannt, dass er, ohne viel zu fragen, seine Zimmer vergibt. Der Gasthof ist nicht sehr gross. Der Wirt teilt seine wenigen Zimmer auf, wir teilen uns mit fünf oder sechs Leuten ein Zweibett-Zimmer. Die Betten werden den Kindern überlassen, die Erwachsenen schlafen auf Sesseln, auf dem Boden, irgendwie halt …

[…]

Der Wirt vermittelt uns auf Mutters Wunsch zwei Burschen, die uns helfen würden.

Wenig später kommen die beiden Burschen. Da Feiertag ist, dürften sie frei haben. Sie setzen sich an unseren Tisch. Sie sprechen gefärbt Vorarlbergerisch, aber auf unseren Wunsch nach der Schreibe und verständlich. Eine allein reisende Frau Grünwald möchte sich uns anschliessen. Das ist eine heikle Sache, weil die gute Frau nicht die Jüngste ist und auch nicht sehr flott aussieht.

Die Burschen erklären uns den Weg und machen auch eine Skizze. Sie bekommen die Hälfte der ausgemachten ‹Entschädigung› und versprechen, auf halbem Weg auf uns zu warten. Dann würden sie uns den letzten Teil des Weges zeigen und auch den ‹Rest› bekommen. Während der Erklärung der beiden passe ich auf wie der bekannte Haftelmacher.

Es ist der 25. Dezember, zum Glück bedeckt und ziemlich düster. Als es dunkel wird, brechen wir auf und nehmen Frau Grünwald mit.

Nach vielleicht einer dreiviertel Stunde durch den Wald, genau nach der Skizze unserer Lotsen, tauchen die beiden Burschen unvermittelt hinter einem Strauch auf und zeigen uns, wie wir weitergehen müssen. Sie bekommen, wie ausgemacht, den Rest ihrer Belohnung und tauchen so unvermittelt unter, wie sie aufgetaucht waren.

Dort, wo die Lichter sind, haben sie gesagt, ist die Schweiz, und gerade auf die Lichter müssen wir zugehen, um nach Diepoldsau zu kommen. Diepoldsau liegt zwischen dem Rhein und dem ‹Alten Rhein› als schweizerische Enklave.

Die erleuchteten Gebäude kann man gut sehen und auch das grösste, auf das wir zusteuern müssen.

Dass zwischen uns und unserem Ziel der alte Rhein liegt, haben unsere Lotsen nebenbei erwähnt, aber so richtig haben wir das gar nicht erfasst. Das Gelände ist sehr hügelig und verschneit. Unsere Frau Grünwald rutscht in fast jede Mulde hinein und wir helfen ihr gemeinsam wieder herauf. Für Augenblicke überlegen wir, ob wir nicht allein weitergehen sollten. Es könnte doch jemand auf uns aufmerksam werden, ein Grenzer vielleicht, der nicht so gutmütig agiert wie der vom letzten Abend …

Frau Grünwald hat unsere Gedanken erraten und verspricht, besser aufzupassen. So ziehen und krabbeln wir weiter und kommen zum Ufer des alten Rheins. Es ist ein fast toter Arm mit ganz wenig Strömung. Am anderen Ufer liegt Diepoldsau, aber das Wasser ist ziemlich kalt.

Während wir alle noch überlegen, ob wir da durch sollen, klaube ich einen längeren Ast auf, um die Tiefe des Wassers festzustellen. Es dürfte nicht sehr tief sein, vielleicht einen Meter, und den Stecken voran gehe ich ins Wasser, Richtung anderes Ufer. Mutter traut sich nicht, mich zurückzurufen und kommt nach. Joschi hat sie auf dem Arm, und wir tragen und ziehen unseren Kleinen durchs Wasser. Frau Grünwald marschiert brav hinterher. In der Mitte des alten Rheins geht mir das Wasser bis zur Brust.

Nach endlosen Minuten kommen wir ans andere Ufer und auf allen Vieren die Böschung hinauf. Wir helfen einander, bis alle oben sind. Die Kälte und Nässe merkt man gar nicht, die Aufregung wärmt in dieser Lage. Wir sind alle waschelnass, logischerweise. Zum Glück ist es nicht mehr weit zu dem hellerleuchteten Gebäude. Wir sind nach 10 Minuten vor der Türe.

Wir sind kaum im Gebäude drinnen, und schon werden wir von den Lagerinsassen in Empfang genommen. Sie sind nicht erstaunt und nehmen uns eigentlich mit Routine in Empfang. Man zieht uns die nassen Sachen aus, und jetzt erst beginnen wir zu frieren. Die Leute hüllen uns in Decken, reiben uns ab, und wir bekommen Schlafplätze auf Strohsäcken. Jemand drückt mir ein Stück Brot in die Hand und einen ungewohnt schmeckenden Käse. Noch während ich kaue, bin ich schon eingeschlafen.

Am nächsten Tag bekommen wir Frühstück und trockene Sachen zum Anziehen. Unsere eigenen Sachen sind noch nicht ganz trocken. Die Lagerinsassen sind daran gewöhnt, dass durchnässte Leute ankommen. Möglicherweise ist das Lager mit Bedacht an dieser Stelle errichtet worden. Hauptmann Grüninger, der die Anweisung zur Errichtung an dieser Stelle gegeben hat, mag sich schon etwas dabei gedacht haben.

Irgendwer hat inzwischen Vater verständigt und ihm gesagt, dass wir gut gelandet sind. Man sagt uns, am übernächsten Tag werde der ‹Hauptmann› kommen, und er werde entscheiden, ob wir bleiben können … Es sind gleichzeitig mit uns auch noch andere Flüchtlinge im Lager angekommen, die auch auf Hauptmann Grüninger warten müssen.

Der ‹Hauptmann› ist der Chef der Kantonspolizei St. Gallen und ein bescheidener und nüchterner Mann. Er hat das Elend der Flüchtlinge gesehen und sich entschlossen zu helfen mit allen Konsequenzen, die er dann später auch erleiden hat müssen.

Einem verängstigten kleinen Flüchtlingsmädchen hat er einmal gesagt: «Du musst jetzt nicht mehr weinen, jetzt bist du in der freien Schweiz.» Daran hat er geglaubt, und der freien Schweiz hat er sich verbunden gefühlt, trotz aller Bedenken …

Wir sprechen uns ab, wer was sagen soll, sobald der Hauptmann die -Leute befragen wird. Mutter meint, es wäre besser, wenn ich als ‹Kind› für uns spreche, und wir legen uns unsere Sprüche zurecht.

Dem Hauptmann erkläre ich dann, dass wir nur auf der Durchreise sind, weil wir in Kürze eine Einreisebewilligung in die USA erwarten. Sobald diese eingelangt wäre, würden wir nach Amerika abfahren.

Hauptmann Grüninger hört sich meine Sprüche geduldig an, ohne zu unterbrechen. Er hat diese und ähnliche Sprüche bestimmt schon einige Dutzend Mal gehört und weiss genau, dass die Aussagen und Behauptungen Versuche sind, ihn günstig zu stimmen. Er weiss bestimmt, wie es wirklich um unsere Affidavit steht, beziehungsweise nicht steht …

Wie alle anderen, die etwa gleichzeitig mit uns nach Diepoldsau gekommen sind, erfahren wir noch am selben Tag, dass wir bleiben können.

Einige Tage später fahren wir nach Wald-Schönengrund, wo Vater schon seit November lebt.

Soviel ich weiss, waren wir die vorletzte Gruppe, die von Hauptmann Grüninger gewissermassen aufgenommen worden ist. Mitte Jänner sind seine Befugnisse eingeschränkt worden, und alle Leute, die später illegal über die Grenze gekommen sind, sind zurückgeschickt worden. Wenig später ist dann Hauptmann Grüninger abgesetzt und aus dem Polizeidienst entlassen worden.

Vom Lager Diepoldsau werden wir nach Wald-Schönengrund gebracht und sind wieder mit Vater vereint. In einem ehemaligen Klöppelsaal bekommen wir Quartier. In dem grossen Raum stehen vier Betten, im Vorraum ist eine Waschgelegenheit.

Das Haus gehört Herrn Schwyzer. Er bewohnt es mit seiner Haushälterin, einer Verwandten, und mit seinen zwei Töchtern.

Die Leutchen sind nicht übermässig herzlich, eher verschlossen, am Anfang …

Der Hausherr ist ein geschäftstüchtiger älterer Herr. Wie alt, ist schwer zu schätzen. Er ist ein kleiner, drahtiger Typ, eher dünn und offenbar sehr zäh. Im Fränklimachen dürfte er Meister sein. Er ist Versicherungsagent, Vermieter, Helfer bei den umliegenden Bauern in der Erntezeit und auch als Schneeschaufler bei der Gemeinde tätig. Er ist ständig in Bewegung und unterwegs.

Seine Sparsamkeit ist beeindruckend und geht über das übliche Mass schon hinaus.

Etwas oberhalb ist ein Bauernhaus, in dem auch einige Emigranten einquartiert sind. In diesem Haus geht es nicht ganz so sparsam zu, auch wenn der Bauer seine Pfeife aus der Jauche holt und fein säuberlich abwäscht, wenn sie einmal hineingefallen ist.

Unsere ‹Klöppelwerkstatt› hat mit ihren kahlen Wänden nicht viel Charme, ist aber bei den Mäusen einigermassen beliebt. Sie krabbeln die halbe Nacht herum, auf der Suche nach Fressbarem. Das gibt es im Hause Schwyzer nicht im Übermass.

Der Hausherr ist eher knausrig, schneidet seine ‹Landjäger› hauchdünn und das Brot dick.

Wir werden im Gasthof ‹Adler› verpflegt, der unten im Ort an der Strasse liegt. Weit mehr Emigranten gibt es im Gasthof ‹Krone›, eigentlich die meisten. Der ‹Adler› ist gewissermassen die Dependance.

Der Ort Wald-Schönengrund liegt praktisch in zwei Kantonen. Der Ortsteil Wald gehört verwaltungsmässig zur Gemeinde ‹St. Peterzell›, eine schwache Gehstunde weit weg, und liegt im Kanton St. Gallen. Der Kanton St. Gallen nimmt Flüchtlinge auf. Der Ortsteil Schönengrund liegt auf der anderen Seite eines Baches, über den eine Brücke führt. Auf der anderen Seite ist schon der Kanton Appenzell. Der Kanton Appenzell nimmt keine Flüchtlinge auf …

Der kleine Kanton hat seine Eigenheiten, und die Appenzeller auch. Der Kanton liegt inmitten des Kantons St. Gallen, er ist praktisch eingeschlossen. Trotz der geringen Ausdehnung, 420 Quadratkilometer, besteht er seit 1597 aus zwei Halbkantonen. Appenzell Innerrhoden hat eine überwiegend katholische Bevölkerung, Ausserrhoden eine überwiegend protestantische. So hart sind die Sitten, und so kann man eben nur ‹fast Appenzeller› werden.

Die Milchwirtschaft ist der wichtigste Wirtschaftszweig und die Kühe und jede Menge ‹Geissen› das wertvollste Gut der vielen Kleinbauern.

An die Appenzeller muss man sich gewöhnen, wie an den Appenzeller-Käs … dann schmeckt er.

Auer, Eugen

Ein Appenzeller namens

Ein Appenzeller namens Merz,
der fasste sich spontan ein Herz
und sprach zu seiner Frau beim Kafi,
ich gehe morgen zum Gaddafi.
Frau Merz nahm noch ein Pralinee
und sprach, Hansruedi, oh herjeh,
so mach mir dort kein Durcheinander.
Er sprach, der Grosse Alexander
hat mit dem Schwert einst vehement
den dicken Knoten durchgetrennt,
den Gordus unlösbar geschlungen,
und was dem Perserschwert gelungen,
kann auch mein Landsgemeindesäbel.
Sie rief, das gibt mir ein Geräbel!
Er aber ging zur Ahnenwand,
ergriff den Säbel und entschwand.
In Libyen kam der Merz’sche Streich
dem Perserhieb an Kraft nicht gleich.
Vergleicht man beide miteinander,
ist Merz halt doch nicht Alexander.

 

Der Innerrhoder Carlo Schmid,
der sonst die Äussern Rhoden mied,
sprach jüngst in amtlicher Funktion
durchs nagelneue Mikrophon
dem hiesigen Kantonsrat vor.
Derselbe sah zu ihm empor
und hörte Worte, die ihn rührten.
Es hiess, die Innerrhoder spürten
nun plötzlich doch Gemeinsamkeiten,
es lebe ja auf beiden Seiten,
in jedem Appenzeller Busen,
das Zauren, Ratzen und Rugguusen.
Dem Innern Land seis dran gelegen,
derart Gemeinsames zu pflegen
und Trennendes zu überwinden
und Ausserrhoden einzubinden
ins Zentrum für Musik in Gonten,
es gebe dafür Spendenkonten
bei Post und Appenzeller Bank.
Der Präsident des Rats sprach Dank
und die Regierung Hunderttausend,
und der Kantonsrat klatschte brausend.
Den schönen Anlass untermalte
Herr Köbi Freund, der freundlich strahlte
und Hackbrett spielte polyphonisch.
Wie harmonisch!

 

Ein Appenzeller namens Schwitter
war tief betrübt, es ging ihm schitter.
Der Sohn als Fixer jüngst entmündigt,
die Stelle bei der Post gekündigt
und seine Gattin ausgezogen.
Vom Schicksal rundherum betrogen,
lag eines nebelgrauen Tags
er in der Enge seines Schlags
und wusste nicht mehr aus noch ein,
kurzum er war ein armes Schwein.
Er trank die Vortags-Kaffeebrühe,
entstieg dem Bett mit Not und Mühe
und sagte sich, mein trüber Grind
braucht dringend etwas frischen Wind.
Durch Nebelnass und Morgenkühle
fuhr er per Bahn nach Zürchersmühle,
weil er auf die Idee verfiel:
Hundwilerhöhe heisst mein Ziel.
Bis Ramsten war der Nebel dicht,
dann schimmerte das Sonnenlicht
als fahle Kugel durch das Grau.
Bald funkelte der Morgentau
und alle Welt war Glanz und Glitter.
Am Gipfel angelangt ging Schwitter
ins Gasthaus, wo er Suppe roch.
Die Höchi-Wirtin Marlies Schoch
bat ihn zu sich auf ihre Bank.
Ihr schien, der Mann sei seelisch krank,
weshalb sie ganz behutsam fragte,
ob ihn vielleicht ein Kummer plagte.
Bei Schwitter kam ein Damm zum Brechen.
Erst tropfenweise, dann in Bächen,
ward, was an Leid sich aufgestaut,
der Höchi-Wirtin anvertraut.
Sie hörte zu, verständnisvoll,
sprach ab und an, jo grad, moll, moll,
und irgendwann stieg Schwitter munter
mit neuem Mut ins Tal hinunter,
und sah mit grosser Zuversicht
grünes Licht.

Bänziger, Paul

Baumberger, Georg

Ben Hamida, Amor

Ankunft im ‹Village d’ Enfants Pestalozzi›

Es muss Februar des Jahres 1970 gewesen sein, als mein Dorfdirektor mich vom Fussballspiel zu sich rief. Fussball nannten wir es, weil wir es mit den Füssen spielten, nicht wegen des Balls, denn diesen haben wir aus einer alten Socke und Papier und Stoffresten gebastelt. Er war kleiner als ein Handball, als Tor stellten wir zwei Steine hin, der beste Torwart war jener, der es schaffte, unbemerkt den Abstand der Steine zu reduzieren. Aber zurück zu meinem Dorfdirektor. Er rief mich in sein Haus und erklärte mir, ich könnte, wenn ich wollte und meine Mutter zustimmte, in die Schweiz, vorausgesetzt, ich bestünde im Auswahlverfahren. Ich glaube, ich sagte ja und ging wieder Fussball spielen. Was für ein Glück, dass das menschliche Gedächtnis seine Grenzen hat: Ich könnte es nicht ertragen, wenn ich noch heute fühlen würde, wie es meinen kleinen Brüdern damals erging, als ich sie alleine liess. Einer hatte Zahnweh, das weiss ich noch heute, der Kleinere war krank, ass wenig und nahm stark ab. Wir haben über diesen Abschied niemals mehr gesprochen, vielleicht weil wir nicht nachempfinden wollten, wie es für sie und mich war. Vielleicht müssen wir diese Phase, diesen Moment unseres Lebens mal als erwachsene Männer und mehrfache Väter ansprechen, auch wenn vielleicht dabei ein gewisser Schmerz und eine gewisse Trauer über unser gemeinsames Schicksal heraufbeschworen werden. Einige Tage später bekam meine Mutter einen Brief, denn das Telefon war damals so eine Sache… Sie sollte entscheiden. Meine arme Mutter wusste damals absolut nichts über die Schweiz, einige Bekannte erzählten ihr von Neutralität, guten Ausbildungsmöglichkeiten und dass die Schweiz auf der anderen Seite des Mittelmeers lag, sie hätte doch diese Leute im Fernsehen meines Grossvaters gesehen, die auf Brettern den weissen Hang eines Berges rutschten, ja, das sei die Schweiz.

Einige Wochen später liess ich meine zwei jüngeren Brüder zurück und nahm den Bus nach Tunis. Mir machte es schon Sorgen, die Verantwortung für meine Brüder abzugeben; wie würden sie zurecht kommen? Würde sich der Kleinere durchsetzen? Würde er genug essen? Und was ist, wenn einer von ihnen krank würde? Ich war damals zwölf, und meine Brüder zehn und acht Jahre alt! Ich bekam einen kleinen Koffer, an dessen Inhalt ich mich nicht mehr erinnere, vermutlich Kleider, ein Stück Seife, ein Tuch, viel mehr war es nicht, und wurde in einen Bus gesetzt mit der Instruktion an den Fahrer, er solle mich in Tunis an einem gewissen Ort abladen, ich würde erwartet. In Tunis wurde ich an einen Sammelort gebracht, ein kleines Kinderdorf, wo ich die anderen Kandidatinnen und Kandidaten kennen gelernt habe. Ich glaube nicht, dass irgendjemand von uns damals genau wusste, um was es ging. Wir waren Waisen oder Halbwaisen, wir genossen lediglich die angenehme Atmosphäre, vor allem meine Kameraden aus dem Süden. Wir stellten uns vor, erzählten über unsere Herkunft, unsere Vergangenheit, und einige Pädagogen schrieben mit, machten gelegentlich einfache Tests mit uns, nichts Besonderes. Auf die Frage, was wir werden wollten, kam meistens dieselbe Antwort: «Arzt» oder «Lehrer». Ich wollte Lehrer werden. Das wollte ich, seit ich etwa sieben Jahre alt war. Ich bildete eines Tages hinter unserem Haus, im Schatten eines grossen Eukalyptusbaumes, meine Klasse nach: 48 Steine habe ich mühsam und sorgfältig gesammelt und in Achterreihen so neben- und hintereinander gestellt, dass ich mit meinem langen Stock jeden der Schüler beim Schwätzen oder Spicken sehen konnte. Ich lehrte die Steine… Was kannten wir schon für andere Berufe? Maurer wollte niemand werden, und Ansehen hatten nur Lehrer und Ärzte.

Einige von uns wurden ein paar Tage später wieder nach Hause geschickt. Ich weiss nicht mehr, ob sie enttäuscht waren oder froh, in ihre gewohnte Umgebung und ihren Freundeskreis zurückzukehren. Wir ‹glück-lichen› sieben Auserwählten, drei Mädchen und vier Jungen, durften einige Nächte länger in Tunis bleiben, bis es so weit war. Meine Mutter reiste aus dem Süden an, um mich doch noch vor der Abreise zu sehen. Weiss Gott, was damals in ihr vorging: dachte sie, sie würde mich verlieren, oder wusste sie, dass sie mich in eine Welt entliess, die mir mehr bieten könnte als meine Heimat? Wenn sich heute einer meiner Söhne, besonders der Kleinere, fürs Wochenende oder eine Skilagerwoche verabschiedet, habe ich einen kleinen Vorgeschmack davon, was unsere Mütter damals im Flughafen Tunis-Carthage fühlten, als sie uns sieben kleinen Knirpse durch die Zollschranken gehen sahen. Wir fassten unseren ganzen Mut, um nicht mit ihnen zu weinen. Wir gingen einer neuen, interessanten, fast sagenhaften Welt entgegen, und sie blieben zurück, mit ihren Gedanken und Befürchtungen und Hoffnungen und Tränen und Sorgen. Jahre später erzählte mir meine Mutter, dass sie zuhause anfangs belächelt wurde: Ich ginge nicht in die Schweiz, nicht ‹Suisse›, sondern nach ‹Sousse›, einer Stadt im Norden Tunesiens, dort gäbe es auch Kinderdörfer. Wie sollte auch ein Waisenkind so unverhofft eine solche Chance kriegen, wo Minister es nicht schafften, ihre Kinder in die Schweiz zu schicken. Die Aufregung war umso grösser, als sie von Tunis zurückkam und sich die Tatsache als unwiderlegbar erwies: Niemand steigt in ein Flugzeug, um nach Sousse zu gehen! Das anfängliche Belächeln und Bemitleiden wich einem Neid. Es vergingen Monate, bis es alle glaubten, spätestens, als meine Mutter meine ersten Briefe und Postkarten zeigte.

Der 18. April 1970 war ein Samstag. Um die Mittagszeit landeten wir in Zürich-Flughafen, und uns wurde sofort klar, dass wir hier in einer anderen, fremden, unfreundlich kalten, aber reichen, schönen Welt ankamen, wo alle Autos neu zu sein schienen, alle Menschen waren schön, wohl genährt, gut gekleidet, makellos und sauber. Die Gerüche waren anders, die Töne waren anders, die Farbe des Tages war anders, als wir es soeben hinter uns liessen. Es war ruhig. Wir waren es auch, denn jetzt hatten wir festgestellt, dass es sich weder um Traum noch Halluzination handelte. Wir waren ausserhalb unserer Heimat und unserer gewohnten Welt. Die Fahrt nach Trogen verlief ohne nennenswerte Zwischenfälle: Gelegentlich baten wir unseren Betreuer um Erklärung von etwas, das wir sahen und nicht kannten. Gelegentlich unterdrückte der Eine oder die Andere eine Träne, denn Sehnsucht und Heimweh fangen schon beim Abschied an. Jetzt, da kein Weg mehr zurückzuführen schien, jetzt schnürte es mir die Gurgel zu. Ich konnte kaum atmen, trotz der Gruppe, die mir nicht fremd war, schien es mir, als wäre ich auf einer einsamen Insel, mitten im Ozean, und ich kann nicht schwimmen. Ich dachte daran, was meine Familie wohl tut, ich konnte ihnen nicht sagen, dass es mir gut ging, und dass ich sie jetzt schon vermisste. Zum Glück war unsere Betreuung darauf vorbereitet und hatte diesbezüglich Erfahrungen, wir wurden mit Ablenkungsmanövern wieder zum Reden und gelegentlich zum Lachen gebracht. In Trogen angekommen, hielt der Bus mitten im Kinderdorf an. Alle Dorfbewohner wussten von unserer Ankunft und waren da, uns willkommen zu heissen. Eines der Kinder hielt eine Fahne. Sie enthielt einen Käfer in der Mitte und viele internationale Flaggen. Darunter erkannte ich auch unser Emblem. ‹Kinderdorf Pestalozzi› verstand ich damals nicht, aber ‹Village d’ Enfants Pestalozzi›, das konnte ich lesen!

Ich sah zum ersten Mal in meinem Leben Häuser ohne Flachdächer, Wiesen und Hügel, die ich unter den Schneemassen vermutete, fremde Bäume wie Tannen! Die Sehnsucht wich einem Staunen und einer kindlichen Neugier. Die anderen Kinder beobachteten uns nicht so befremdet, wie wir sie anschauten: Wir sahen zum ersten Mal echte Blonde mit tiefblauen Augen, die uns an Märchenprinzessinnen erinnerten, denn in vielen arabischen Märchen haben die Prinzessinnen goldenes Haar; wir sahen Kinder mit Schlitzaugen und komischen Sprachen. Und natürlich lernten wir als erstes nur Schimpfwörter auf Deutsch. So fragte mich ein kleiner Dorfbewohner ganz freundlich, nach ein paar Tagen Aufenthalt: «Spielst du?» Ich fauchte ihn an und bedrohte ihn, antwortete dann: «Du spinnst!» Er sagte nur lachend: «Nein, nein, spielen, Fussball, spielst du auch?» Ich lächelte ihn an, nachdem ich mein Missverständnis eingesehen hatte, und wir spielten Fussball, dieses Mal mit einem echten Lederball, auf Rasen und mit einem richtigen Tor! In dieser Gesellschaft wuchs ich auf. Ich knüpfte Freundschaften, die für die meisten Menschen auf dieser Welt nicht denkbar sind. Freundschaften zu Kindern aus allen Kontinenten. Ich verbrachte fünf Jahre mit Kindern, die Namen hatten wie Hirut Eskelalem, Günther Adomeit, Morris Calvert, Arto Pekkanen, Jacques Trace, Jannis Papadopoulos, Mani Ramaswami, Nicola Ceveri, Yun-Su Kim, Ferenc Petrik, Sonam Gyaltag, Phan Dien Tri. Gott segne Dr. Walter Robert Corti, der 1944 aufrief: «Lasst uns ein Dorf für Kinder bauen!» Was ein Mann mit einem einzigen zur Verfügung stehenden Leben bewirken kann! Tausende von Menschen verdanken ihm durch seine Initiative ein ausserordentliches Leben.

Beyer, Marcel

Binder, Elisabeth

Birnstiel, Johann Georg

Unterwegs mit dem Landsgemeindedegen

Wohlgemut schritten wir über grünes Land gegen Waldstatt zu, an zartknospenden Blütenbäumen vorbei. Der Frühling lief mit. Er war unter den sich mehrenden Wanderscharen der rechte Stimmungmacher. Ich kann mir nicht vorstellen, dass im Herbst, wenn die Wiesen sich entfärben und tausend Todesmale sich auf Wald und Felder legen, der Landsgemeindegeist mit so weit ausholenden Schritten gezogen käme. Wenn man ein Neues will für Volk und
Vaterland, so muss es Frühling sein. Es war denn auch viel Lenzhaftes bei denen, die, aus allen Gegenden des Hinterlandes zusammenströmend, nun zum Hundwilertobel eifrig plaudernd und gestikulierend niederstiegen. Ihre alt- und neumodischen Kirchenhüte und -röcke erzählten vom Winterdunkel im muffigen Kleidertrog und liessen als Opferrauch ihre Kampfer- und Moschusdüfte der allbefreienden Frühlingssonne entgegensteigen. Da und dort marschierte ein altes Appenzellermandli, sein tabakduftendes Lindauerli noch sorglich in den Falten des Rockes bergend, mit dem Rosmarinstengel oder dem Blütenzweig zwischen den Zähnen dahin. Und wie sie zu viel Hunderten mit schwerem Männerschritt über den Boden der uralten Tobelbrücke trampten, da mag der Holzbau, der den gähnenden Abgrund überspannt, von weitem den Eindruck eines an Felsen hängenden Immennestes gemacht haben, darinnen ein mächtiges Summen verkündet, dass ein Völklein seine brüchige Burg verlassen und, in blaue Lüfte stossend, Neuland suchen will.

Es war eine Freude, im Flussbett des aufmarschierenden Bürgerheeres als Steinchen mitgeschoben zu werden, ungesehen und doch selber immer Neues sehend. Da kamen an Waffen und Gewändern Jahrzehnte und Jahrhunderte zu Wort. Da klangen alle Nuancen des Dialektes durcheinander. Hier fesselte eine interessante, scharfgeschnittene Appenzeller-Physiognomie mit Hakennase und stark vorspringendem, glattrasiertem Kinn, und andernorts dominierte im Haufen das zünftige Ratsherrengesicht oder der Sticker-, Krämer-, Fabrikanten- und Kleinbauerntyp. Da waren nicht bloss Graubärte und Blassköpfe. Das ganze junge Geschlecht war mit auf dem Weg. Gezwungen oder freiwillig? Das habe ich nicht ergründet. Hundertmal aber habe ich mir seither gesagt und fühle es heute mehr als je: Wo das Jungvolk eines Landes in politischen Dingen nicht freudig und willig mittut, da hat irgendwo die Demokratie ihre kranke Stelle. Eine Jugend ohne Ideale, ohne tatbereiten Freiheitsdrang, ohne politisches Interesse, ist keine Jugend. Ohne sie ist aber auch die Schweiz nicht im Vollsinn Schweiz.

Noch ein anderes fiel mir ins Auge und erweckte Freude. Was da in der Morgenfrühe in gemessenem Schritt die Strassen gezogen kam, das war, ob jung oder alt, so recht eigentlich ein Arbeitsvolk. Schwere, schwielige Hände, verwerchete Leiber, bleiche Wangen, aber auch wetterbraune, harte Gesichter, faltige Stirnen redeten laut davon und erzählten jedem, der es wissen wollte, dass da ein Volk seinen Sonntag habe, das sich seine Werktage und den Kampf ums Brot recht sauer werden lasse. Gemeingut aber schafft Gemeingeist. Kommt erst einmal eine Zeit, wo Geister und Hände, Muskeln und Gedankenkräfte nicht so einseitig wie heute dem Götzen Mammon und dem Egoismus dienen, sondern in treuer Arbeitsgemeinschaft das Wohl des Ganzen suchen, wo keiner den andern ausbeutet, jeder aber dem andern dienen will, dann muss es nicht nur im Ländlein unter dem Säntis, sondern im ganzen Schweizerlande tagen.

Böckli, Carl

Böni-Häberlin, Elsy

Chäs

Eine im Dorfbild nicht zu übersehende Figur war Ernst Zellweger, genannt ‹Chäs›. Aus dem berühmten Geschlecht der Zellweger stammend, war er nicht mehr auf der Sonnenseite geboren worden und die Natur hatte ihn auch nicht besonders begünstigt. Er war klein, etwas verwachsen, sehr schwerhörig, hatte einen schleppenden Gang und eine brummelige Sprache, die man fast nicht verstand, was ihn aber nicht hinderte, sich selbständig durchs Leben zu schlagen. Sein tägliches Brot verdiente er sich mit Hausieren, wobei er stets die neuesten Artikel lancierte, zur Zeit der Verdunkelung Hüllen für Glühlampen, wenn Brennstoffknappheit herrschte kleine Apparate, um Papierbriketts herzustellen, vor Weihnachten Kärtchen, Anhängeschildchen, Engel für Tischdekorationen, farbige Bändeli, Kerzenhalter modernster Fabrikation, Biscuits. Seine grossen Tage waren die Jahrmärkte, wo er immer einen Stand hatte und alles Mögliche und Unmögliche an den Mann, auch an den Pfarrer brachte wie z. B. Enveloppen, deren Grossteil schon zugeklebt war. Mit seinen schlauen Äuglein war er der geborene Geschäftsmann, der mit den Kantonsschülern einen regen Handel trieb und alles ankaufte, was man ihm anbot, wie etwa eine Kastentüre, die so ein Lausbub in seiner Pension ausgehängt hatte und beim ‹Chäs› versilberte, als er in Geldnot war. Ernst belieh auch solch ein Objekt, wohl wissend, dass, wenn nicht der Bursche, so doch sicher die Pensionsmutter das Stück wieder auslösen würde. In seiner Redlichkeit war er überall beliebt und geachtet. Seine Nachbarn nahmen ihm liebevoll viele der kleinen und grossen Sorgen ab, die ihm sein Junggesellenhaushalt und sein Alter in dem prächtigen Appenzellerhaus auf dem Berg bereiteten. Zu seinem 90. Geburtstag erhielt Ernst so viele Geschenke, dass er nur auf dem Wege eines Inserates in der Appenzeller Landeszeitung für alles danken konnte.

Bruggmann, Ralf

Ein Satz über einen, der auf einer Telefonzelle steht

Er steht auf einer Telefonzelle, und ja, ihm ist durchaus bewusst, wie seltsam dies wirken dürfte, denn normalerweise stehen Menschen nicht auf Telefonzellen, sondern höchstens in ihnen drin, und überhaupt tun sie es immer seltener, und wenn tatsächlich jemand auf einer Telefonzelle steht, dann sind es keine Menschen, hingegen Vögel, ja, Vögel stehen bisweilen auf Telefonzellen, manchmal vielleicht sogar Katzen, ganz bestimmt Insekten, auch wenn man sie kaum sehen kann, die sind ja so klein, die Insekten, doch Menschen, nein, Menschen stehen nicht auf Telefonzellen, Menschen sind zu gross und haben schwere Knochen und überhaupt wäre das sehr seltsam, und dennoch, auch wenn es ihm nicht immer behagt, er ist ein Mensch, daran lässt sich nichts ändern, und als Mensch hat er nicht auf einer Telefonzelle zu stehen, das tut man nicht, im Kontext einer Telefonzelle hat man gefälligst in ihrem Innern zu stehen, und wenn sich Menschen in Telefonzellen befinden, dann tun sie dies meistens, um ein Telefongespräch zu führen, hin und wieder suchen sie auch Schutz vor einem plötzlichen Regenguss, und manchmal machen Menschen in einer Telefonzelle Liebe, obschon er das nur aus Filmen kennt, er selbst hat noch nie in einer Telefonzelle Liebe gemacht und wird es auch jetzt nicht tun, schliesslich ist er allein und steht nicht in, sondern auf der Telefonzelle, auf dem Dach, und dieses Dach, es ist pyramidenförmig, vier dreieckige Flächen, die leicht ansteigen und eine Spitze bilden, eine Spitze, auf welcher man nicht stehen kann, also stellt er seine Füsse auf zwei der vier dreieckigen Flächen, was zu Folge hat, dass seine Sohlen nicht waagrecht sind und seine Beine ein O bilden, Fussballspieler haben manchmal O-Beine, Reiter auch, ebenso Männer mit einem sehr grossen Hodensack, doch er ist nichts davon, und in der Regel hat er auch keine O-Beine, nur im Moment, da er auf zwei der vier dreieckigen Flächen des Daches dieser Telefonzelle steht, und die wenigen Menschen, die an der Telefonzelle vorbeigehen, sehen ihn und denken wohl, dass Menschen eigentlich nicht auf Telefonzellen stehen, einige schütteln den Kopf, andere machen Bemerkungen, doch er schüttelt sie ab, die gemachten Bemerkungen, lässt sie nicht in seinen Kopf, und einige Passanten mögen sich fragen, warum er auf der Telefonzelle steht, und wenn sie sich dann potenzielle Antworten ausdenken, handeln diese vielleicht von psychischen Störungen, von einem Übermass an Alkohol oder Drogen, von verlorenen Wetten und vielleicht auch von Gott, doch er glaubt nicht an Gott, er ist nüchtern, nimmt keine Drogen und wettet nur, wenn er weiss, dass er gewinnt, was eigentlich nie der Fall ist, und die Möglichkeit einer psychischen Störung besteht durchaus, doch sie ist nicht der Grund, warum er auf der Telefonzelle steht, überhaupt sind psychische Störungen oft auch Ansichtssache, Definitionssache, findet er, ausserdem reden nicht selten Menschen von psychischen Störungen, die keine Ahnung haben, was psychische Störungen eigentlich sind, und in gewisser Hinsicht ist wohl jede Psyche gestört, schon die Behauptung, eine absolut ungestörte Psyche zu haben, ist der Ausdruck einer psychischen Störung, zumindest in seiner laienhaften Betrachtung, und er weiss nicht, wie sehr die Psyche jener Menschen gestört ist, die ihn auf der Telefonzelle stehen sehen und denken, er sei psychisch gestört, doch es ist ihm egal, wie es auch den meisten unter ihnen egal ist, weshalb er überhaupt auf der Telefonzelle steht, und wenn er nun den vereinzelten fragenden Passanten den Grund für sein Verhalten nennen würde, könnten sie ihn wohl nicht verstehen, sie würden nur noch heftiger ihre Köpfe schütteln und sagen, er könne den Sonnenuntergang doch auch vom Boden aus betrachten, auf der Telefonzelle sei er wohl nicht sonderlich viel besser zu sehen, und ja, es stimmt; dass er auf der Telefonzelle steht, dient einzig und alleine seinem Bestreben, den Sonnenuntergang zu betrachten, das ist eine Tatsache, und aufgrund dieser Tatsache ist es auch unnötig zu erwähnen, dass es Abend ist, schliesslich geschehen Sonnenuntergänge nicht am Morgen, am Morgen geschehen Sonnenaufgänge, die ihrerseits am Abend nichts zu suchen haben, und wer es ganz genau nimmt, der kann gerne anmerken, dass sowohl Sonnenaufgänge als auch Sonnenuntergänge gar nicht existieren, denn die Sonne ist ein faules Stück und hat offenbar Besseres zu tun, als über den Himmel zu wandern, aber die Erde, die dreht sich, was man als kleiner Mensch jedoch nicht wirklich spürt, auch er spürt es nicht, hier oben auf der Telefonzelle, und obwohl es den Sonnenuntergang gar nicht gibt, betrachtet er ihn, denn er mag das Wort, und darum nennt er das, was er betrachtet, auch so; er steht auf einer Telefonzelle und betrachtet den Sonnenuntergang, und was er sieht, vermag beinahe den Atem zu rauben, die Sonne malt den Himmel rot und gelb an, in Farbtönen, die in keinem Malkasten zu finden sind, und vielleicht ist das auch der Grund, warum der Sonnenuntergang so wunderschön ist oder er ihn zumindest so empfindet, womöglich liegt es an der Tatsache, dass man ihn nicht imitieren kann, ihn nicht kopieren kann, und auch nicht den Sonnenaufgang oder die Sonne an sich oder all die anderen wunderschönen Dinge, die nicht durch Menschen geschaffen wurden, und überhaupt sind überdurchschnittlich viele Wunderschönheiten nicht von Menschenhand geschaffen worden, während Menschen ihrerseits häufiger unschöne als wunderschöne Dinge zu erschaffen gedenken, und natürlich ist ein kleines Kind wunderschön, obwohl es durchaus von Menschen geschaffen wurde, aber es ist selbst auch nur ein Mensch, der im Grossen und Ganzen nicht unbedingt wunderschön ist, und natürlich kann auch ein Gemälde wunderschön sein, oder Musik, oder der Klang einer Stimme, oder eine Berührung, oder Liebe in einer Telefonzelle, doch die meisten Dinge, die Menschen tun, sind eben nicht wunderschön, sind weder Wunder noch schön, und auch die Telefonzelle, auf welcher er steht, ist nicht wunderschön, sie ist ziemlich banal, doch sie ist sein Sockel, um den wunderschönen Sonnenuntergang zu betrachten, und es ist ihm egal, dass die Menschen nicht verstehen, warum er auf dieser Telefonzelle steht, warum er diesen Sonnenuntergang betrachtet, warum er sich diese Gedanken macht, er will es nicht ändern, will nichts ändern, nicht im Moment, darum bleibt er einfach auf dieser Telefonzelle stehen und betrachtet den Sonnenuntergang, blickt in die Ferne und macht sich Gedanken, etwa darüber, wie die Baumkronen am Horizont eine gerade Linie bilden, wenn man sich nur genügend weit von ihnen entfernt, es zeigt sich eine klare Kante der Erde als Grenze zum Himmel oder zu jenem Raum, dessen Ende wir nicht kennen, und alles wirkt so einfach, so eindeutig, und obschon er weiss, dass es eindeutig nicht so einfach ist, fühlt er eine gewisse Erleichterung, dass es zumindest diesen Anschein erweckt, und er würde die Dinge wohl gerne häufiger aus der Ferne betrachten können, aus dieser vereinfachenden Distanz, in der sich die Einbuchtungen und Beulen der Welt ausgleichen und die Dissonanzen sich normalisieren, und die Hügel und Täler, sie zeichnen sich zwar noch deutlich ab, doch sie bleiben fassbar, bewahren sich jene Berechenbarkeit, die sie beim Näherkommen allmählich verlieren, und natürlich kann man hier nicht leben, weit weg von den Baumkronen, jedenfalls nicht langfristig, man kann kein Gespräch führen, keinen Blick bewerten, man kann keine Wange streicheln, keine Lippen küssen, man kann keine Wärme spüren, keinen Herzschlag hören neben dem eigenen, aber vielleicht kann man – mit den Bildern aus der Entfernung im Hinterkopf – mit den Dingen in unmittelbarer Nähe dann besser umzugehen lernen, vielleicht kann man die Baumkrone, die so unwirsch und merkwürdig nach oben ragt, besser einschätzen und in Kontexte setzen, vielleicht gewinnt sie an Sinn und man selbst an Klarheit, wenn man den Blick aus der Distanz verinnerlicht, und er denkt noch ein wenig weiter, in alle Richtungen, hin zu allen Horizonten, und dann, dann hört er auf zu denken, die Gedanken in seinem Kopf, sie wurden zu laut und störten das Bild, nun lässt er alles still werden und schaut aus seinen Augen auf die Welt, schweigend und staunend, er ist ausschliesslich Betrachter, nichts anderes mehr, er betrachtet den Sonnenuntergang, dieses merkwürdig gestreute Licht, das von Reichtum jenseits des Fassbaren erzählt, und wenn das Schauspiel vorüber ist, wenn die Sonne scheinbar versunken ist, dann wird er wohl wieder von der Telefonzelle steigen und weiter Mensch sein, ohne O-Beine, ohne Sockel, aber zumindest mit einem neuen Bild im Hinterkopf.

Bucher, Werner

Buff, Regula

Burk Walter

Furgglenhöhle

Mehrere kleine Lichtpunkte bewegen sich im Dunkeln von der Alp Furgglen in Richtung Rainhütte, folgen zuerst dem Weg, um dann nach gut 500 Metern diesen zu verlassen, und steigen über das offene und steile Gelände Richtung Furgglenfirst hinauf. Die Punkte, deren unruhige Bewegungen auf Stirnlampen hinweisen, scheinen nicht zusammenzugehören, aber alle das gleiche Ziel anzusteuern. Sie bewegen sich in kleinen Gruppen von zwei bis fünf Personen, in verschiedenen Abständen und nach dem Verlassen des Weges auf nur geringfügig verschiedenen Routen. […]

Doch nicht die Alp selbst, sondern eine Öffnung in der Felswand, die 1907 entdeckte ‹Furgglenhöhle›, scheint das Ziel der Lichtpunkte zu sein. Ein Ort, wo sich vor allem in der Ferienzeit und während der Winterzeit tagsüber immer wieder Gruppen von kleinen und grossen Höhlenforschern tummeln. Der Einstieg in die Höhle ist dank eines geräumigen Hauptganges mit nur einer kurzen Engstelle, durch welche sich die Besucher einzeln zwängen müssen, und einigen Felsstufen nicht allzu schwierig und lässt sie ohne Probleme in den ‹Sayonaradom›, in eine der grösseren Hallen, vordringen.

Und dort trifft nun auch die altersmässig durchmischte Gruppe im Licht ihrer Stirnlampen zusammen und gruppiert sich um einen älteren, gross gewachsenen Mann mit beinahe schulterlangem, grauen Haar und einem mächtigen, grauweissen Bart, der schweigend wartet, bis sich die Ankömmlinge im Halbkreis um ihn postiert haben. Trotz seines schwarzen Umhangs ist er im Licht der zahlreichen Stirnlampen vor dem feucht glitzernden Felsen gut zu erkennen – nicht zuletzt auch dank der Tatsache, dass er seine Lampe gelöscht hat, um seine Zuhörer nicht zu blenden.

Langsam hebt er seine Arme seitlich in die Höhe und begrüsst die nächtlichen Wanderer mit einem eindringlichen: «Friede sei mit euch!»

«Friede sei mit dir», murmeln einige der Besucher, verstummen aber sofort, als der Mann vor ihnen seine Stimme wieder erhebt.

«Danke, dass ihr hier seid. Dass so viele gekommen sind, um diese Zeit, an diesen abgelegenen Ort, zeigt, wie wichtig auch euch unsere gemeinsame Sache ist. Diesen Ort habe ich bewusst gewählt, ein Kraftort, ein Ort der Ruhe, der uns durch die zahlreichen Höhlenforscheraktivitäten eine gute Tarnung bietet und von dem kein Wort nach aussen dringt. Und der uns ermöglicht, nach unseren Treffen noch in der ‹Bollenwees› einzukehren und den Eindruck zu erwecken, dass wir deswegen hier oben sind.»

Die Zuhörer bestätigen seine Aussage mit einem kurzen Lachen.

«Doch lasst uns zu dem kommen, weswegen wir hier sind», fährt der Redner fort. «Wir alle wissen, welche Kraft hier in dieser Höhle heute zusammengekommen ist – eine Kraft, die gottgegeben ist und die einigen Auserwählten, die heute dabei sind, verliehen wurde. Eine Kraft, die diese für Gutes einsetzen, um Menschen und Tieren zu helfen. Und alle anderen, die nicht zu diesen Auserwählten gehören und trotzdem hier sind, wissen um die Bedeutung dieser Menschen, die ihre Tätigkeit im Stillen, von der Öffentlichkeit unbemerkt, ausüben.

Doch heute werden dem Gebetsheilen, das Teil unserer Geschichte und Kultur ist, immer mehr Misstrauen und Vorbehalte entgegengebracht. Nicht zuletzt, weil viele Menschen keine Nähe mehr zu Gott haben und deshalb nicht glauben können, dass er uns solche Kräfte verleiht!»

Ein zustimmendes Raunen geht durch die Reihen.

«Und deshalb wird unser Wirken oft der schwarzen Magie zugeschrieben. Doch nur weil wir uns vereinzelt beim ‹Diebesbannen› auch böser Kräfte bedienen, heisst das nicht, dass wir Schlechtes tun. Denn die Wirkung, dass der Dieb erst wieder Wasser lösen kann, wenn er das Diebesgut zurückgegeben hat, dient aus Sicht der Bestohlenen einem guten Zweck!
Wir Gebetsheilenden in Innerrhoden sind ohne Ausnahme von Gott mit der Fähigkeit zum Heilen begnadet. Denn die von Jesus seinen Jüngern zugesprochenen Gaben sind auch heute noch nicht ganz erloschen – doch nur Menschen, die fest im christlichen Glauben stehen, vermögen Gleiches zu tun wie wir!»

Lydia Fuchs sucht die Hand von Anton, zieht ihn zu sich hin und flüstert ihm zu: «Hast du gehört, Toni, auch wir haben die Möglichkeit, mit unseren Gebeten zu helfen!» Toni Bischofberger nickt stumm und drückt fest die Hand seiner Freundin.

Cajochen, Melina

Übrig bleibt eine kleine, seifige Pfütze

Mir brennt nichts unter den Nägeln, mich freut nichts, mich stört nichts an Appenzell. Ich langweile mich. Ich wache nachts auf, sleepless in Appenzell, es stürmt, ich ziehe die Vorhänge auf und schaue durch die dreifach verglaste Scheibe. Es ist so ruhig hier. So schön. Hier werden Traditionen noch gelebt, die Krankenkassenprämien sind tief, das Dunkel ist lieblich, das Grün satt und die Hauptgasse bunt und aufgeräumt. Und so kommen sie zu uns, die, die es sicher haben wollen und das auch bezahlen können. Und die, die wollen, dass es so bleibt. Hier drinnen in Appenzell.

Draussen ist der Teufel los. Banken starten mit Entlassungswellen, Heimatvertriebene finden keinen Platz zum Bleiben, Muslime bringen Muslime um und der von den Amerikanern exportierte ‹Jeder-kann-es-schaffen›-Traum ist ausgeträumt. Und mitten durch Appenzell wehen die Seifenblasen vom Bazar Herrsche – kleine, perfekt anmutende Mikrokosmen, die elegant an Hindernissen, am zerstörerischen Draussen, vorbeischweben.

Bis sie dann halt doch platzen, irgendwann. Übrig bleibt eine kleine, seifige Pfütze, laugig, die kein bisschen an die bunt schillernde, fliegende Kugel erinnert. Und der Seifeninnenraum? Im Platzen noch ist er entschwunden, hat sich innert eines Augenblicks im Draussen aufgelöst.

Hübsch anzuschauen sind sie, diese kleinen, luftigen Momente, diese Seifenwelten. Fürs Überleben, fürs immer Weiterleben, sind sie nicht gemacht. Sie können sich nicht öffnen, sich mit Neuem nicht verbinden, nicht verwachsen mit Notwendigem, keine Veränderungen miterleben. Verschwommen nehmen sie wahr, undeutlich kommunizieren sie und selten lernen sie. Ihr Umgang mit dem Draussen besteht aus: Platzen. Plop.

Und ich hörs, draussen geht im Dunkeln der Föhn und bringt alles durcheinander. Hier drinnen drückts ein bisschen im Kopf, sonst ist alles in bester Ordnung. Morgen früh liegen vor der Haustür ein paar Blätter, ein paar Äste, schnell weggewischt und alles ist wieder wie zuvor, so wie wirs kennen und lieben. Ein Glück?

Corti, Walter Robert

Bauen wir eine Welt, in welcher die Kinder leben können

Aber die Stunde der Schweiz steht erst noch bevor. Wenn einmal die Kanonen schweigen und die Menschen wieder zu den Flugzeugen aufschauen können, werden Millionen von Kindern weiter unsere Hilfe nötig haben. Wir können nicht allen helfen, aber wir können vielen helfen. Tausende mögen wieder in den Heimen und in hilfsbereiten Familien untergebracht werden. Dort werden sie genährt und gekleidet. Man hat wohl auch beobachtet, dass sie im allzu brüsken Wechsel des Milieus verbogen und verzogen wurden. Es gibt eine ungesunde, eine sentimentale Hilfe, wo sich der Helfende wichtiger wird als der Hilfsbedürftige. Daraus gilt es entschlossen zu lernen.

Was wir hier vorschlagen, möge als freundliche Anregung dienen. Zerstreut im ganzen Lande stehen Militärbaracken, die oft recht wohnlich eingerichtet sind. Ein grosser Teil von ihnen wird mit dem Kriegsende zu neuer Verfügung freiwerden. Würde man sie auf einem klimagesunden und übersonnten Areal zusammenstellen, ergäben sie insgesamt wohl ein stattliches Dorf. Ein weltoffener, eminent praktischer Architekt meinte, dieser Dorfbau liesse sich technisch ohne weiteres bewältigen. Auch für die Ortswahl wären wir um Vorschläge nicht verlegen. So könnten vielleicht mehr als 8000 Kinder Aufnahme finden, Waisenkinder, Krüppelkinder, Kinder, die der völligen Verwahrlosung und dem Tode entgegengehen. Die Dorfleitung möchten wir am liebsten in ärztliche Hände legen. Die Kinder würden dort mit vielen Erwachsenen zusammenwohnen, Menschen, die Kinder lieb haben, zugleich aber für die Gesamtprobleme dieser Welt offen sind. Ähnlich wie in den Landerziehungsheimen bilden etwa zwanzig Kinder mit ihrem Familienvater eine Grossfamilie. Dass die Siedlung vieler mütterlicher Helferinnen bedarf, ist selbstverständlich, dass sich diese finden werden, zweifeln wir nach einem ersten Ausblick keinen Augenblick mehr. Mit Sicherheit wird man amerikanische Mittel für die Bestreitung der Ausgaben erwarten dürfen. Je weitherziger, je grosszügiger, je durchdachter sich der Plan darstellt, desto eher darf er weitherziger und grosszügiger Hilfe gewiss sein.

Dass die Kinder kommen werden, ist auch gewiss. Es wird ihnen geholfen, sie werden genährt und gekleidet, sie schlafen in sauberen Betten, haben ihr Zimmer mit ihren eigenen Sachen. Sie gehen in die Schule, sie spielen zusammen, leibseelische Einheit übt sich in den schönen Methoden fröhlich-gesunder Rhythmik. Dass sie überhaupt wieder froh werden! Vielleicht müssten ja alle Menschen etwas mehr schlafen und mehr lachen. Die Kinder sind unter sich; nicht erschütternde, mitleidserregende Ausnahmen unter Geborgenen, nicht in märchenhafte Verhältnisse hineingeschneite Notträger. So verwachsen sie auch nicht in ungesund-schmerzhafter Weise mit den Pflegeeltern, wo sie doch wieder später in harte und ganz und gar andere Verhältnisse zurück müssen. In dem Dorfe wohnen Forscher, Pädagogen, Soziologen, Kinderpsychologen, welche die Ideologien der kommenden Zeit untersuchen, welche mit ähnlichen Gründungen anderer Länder in genauem Kontakte stehen. Was Karl Lauterer mit dem Völkerbund der Kinder vorschwebt, kann hier eine erste, grundsätzliche Verwirklichung finden. […]

Ein kranker Schnitt liegt zwischen der Welt der Erwachsenen und der Welt des Kindes. Wenn das Himmelreich in uns liegt, dann werden wir es nur finden, wenn wir aus Lehrern des Kindes seine Schüler werden. Nicht dass die Kinder die Welt regieren, nicht dass sie die Autorität zu Hause übernehmen sollen. Aber dass wir ihre grosse Lebendigkeit in uns selber bewahren und aus dieser unsere Welt wirken. Den Kindern ist das ganze Dasein tief fragwürdig, tiefer Frage würdig. In den rasenden Entschiedenheiten der Erwachsenen wird am Eigenen nicht mehr gerüttelt, das Andere aber bis zur Vernichtung bekämpft. Dass uns doch endlich auch das Eigene fragwürdig wird und wir selber zu neuem Fragen frei werden! Die Welt ist noch jung, sagt Kant, und der Mensch wird seine Bestimmung noch erreichen. Es gibt so viele Morgenröten, die noch nicht geleuchtet haben, heisst es in einem tröstlichen indischen Spruch. Wir müssen zu den Dingen hin, um ihre Ordnungen kennenzulernen, müssen die Ordnungen des Geistes und des Herzens erhellen. Bauen wir eine Welt, in welcher die Kinder leben können. Wir sind mit ihnen wieder Lernende, das ganze Dasein ist ja eine unaufhörliche Schule. Eines hilft uns immer aus allem lähmenden Streit und lässt uns weder verzagen noch ermatten: die liebende Ehrfurcht vor dem Leben.

Danieli, Enrico

Januar

Füchse

Sooft wir in seiner Nähe vorbeigingen, schien es uns, seine Blicke würden uns verfolgen, nicht dass wir ihn gesehen hätten oder er uns entgegengetreten wäre, nein, es war mehr ein Gefühl des Beobachtetwerdens, das uns beschlich, wenn wir uns seinem abseitig gelegenen Haus näherten. Und, da wir fast täglich bei ihm vorbeikamen, unser Weg sein Anwesen kreuzte, kam es vor, dass selbst schon Spuren, die von seiner Anwesenheit zeugten, Tritte im Schnee, ein offenes Fenster, ein Becken unter dem Brunnenwasser, Äpfel auf dem Fenstersims, uns zusammenfahren liessen, wir uns nur noch im Flüsterton unterhielten und so taten, als wollten wir seine Ruhe nicht stören. Dies hatte auch damit zu tun, dass wir uns nur ungern an den vergangenen Sommer erinnerten. Damals, wir gingen eben diesen Weg an seinem Haus entlang, hatte er erklärt, auf zweihundert Meter Entfernung könne er selbst das Herz aus einer Jasskarte herausschiessen. Wir hatten ihn ungläubig angeschaut, vielleicht auch gelächelt. Er war im Haus verschwunden, wir hatten gehört, wie er drinnen fluchte, dann hatten wir den Lauf eines Gewehrs zum oberen Fenster herausschauen sehen, und eh wir unsere Augen und Ohren hatten verschliessen können, war ein fingerdünner Ast am Waldrand lautlos im zerreissenden Knall des Schusses auf die Erde gefallen.

Nein, mehr wollten wir nicht sehen und nicht hören, immer waren wir froh, wenn wir unbemerkt seinen Boden verlassen konnten. Auch wurde viel über ihn erzählt, über seine Vorliebe zu Füchsen, die, nachdem am Waldrand Köder ausgelegt worden waren, direkt vom Schlafzimmer, ja vom Bett aus, so stellten wir uns vor, erschossen würden. Füchse, so hörten wir in den umliegenden Höfen, Häusern und Wirtschaften, zu Hunderten erschossen, würden, von den Innereien befreit und gesäubert, draussen an der Wäscheleine aufgehängt und getrocknet, um dann ausgestopft zu werden. Alles, so hiess es, was er erlege, Dachse, Wiesel, Rehe, würde aufbewahrt, eigentlich, wusste man zu berichten, gehe es ihm nicht ums Töten, sondern, so ungewöhnlich uns das vorkommen muss, mehr ums Bewahren. Und, wie zur Bestätigung des Gehörten, als wir kürzlich bei ihm vorbeikamen, hingen sie wirklich an den Wäscheleinen. Und während des heftig wehenden Windes schaukelten die leeren Körper der Füchse hin und her, und auch der buschige Schwanz wurde mitbewegt. Wären die Füchse nicht mit Drähten festgemacht gewesen, man hätte meinen können, sie lebten. So leicht hingen sie im Wind.

Waren wir ausser Sichtweite, verlangsamten wir unsere Schritte. Es kam vor, dass wir uns dann umarmten und befreit lachten. Wir wussten um unsere Angst und wurden nicht gerne für Füchse gehalten. Denn eben in diesen Tagen trug es sich zu, dass ein Bub eines benachbarten Hofes verschwunden war. Eine Geschichte, die die ganze Gegend in Unruhe versetzte. Da erst noch Jagdzeit war, machten Spekulationen über mögliche Todesarten die Runde. Alle beteiligten sich an der Suche, alle beschuldigten sich gegenseitig, verdächtigt wurden viele. Und wie wir uns bei unserem täglichen Spaziergang, getrieben von einer seltsamen Unruhe und Angst vor dem Jäger, wie wir uns also in der frühen Dämmerung seinem Haus näherten, das Blut im hartgefrorenen Schnee neben dem Scheunentor gleichzeitig wahrnahmen, wir auch wussten um die Blondheit des vermissten Buben, und blonde Haare neben dem Blut im Schnee liegen sahen, da fassten wir uns fest an den Händen und hatten wohl beide den gleichen Gedanken. Ohne diesen zu äussern, begannen wir schneller zu gehen. Fort, nichts wie fort. Vom Fenster des Hauses aus betrachtet, dieses stand weit offen, mussten wir hilflos ausgesehen haben, wir zwei, die wir uns aneinander klammerten, kaum vom Fleck kamen und doch die Bewegungen grosser Eile nachahmten. Denn wir wurden beobachtet, der Lauf des Gewehrs allerdings war nicht auf uns gerichtet. Endlich war die Gefahrenzone hinter uns. Doch bevor wir uns beruhigen konnten, sahen wir in der zerreissenden Explosion eines Schusses aufstiebenden Schnee und ein sich überschlagendes Tier, das in die Luft sprang und gefällt zu Boden fiel. Der zerschmetternde Knall fand seine Fortsetzung im Schreien und Stöhnen des zu Tode getroffenen Tiers.

Etwas entfernt vom Geschehen, versuchten wir Klarheit zu bekommen über unsere Bilder und Eindrücke von Blut, von blonden Haaren, von Schüssen und vom Tod. Es konnte uns nur recht sein, dass noch gleichentags zu erfahren war, man hätte den Buben lebend auf einem weit entfernten Hof aufgefunden. Beruhigt durch diese Nachricht gelang es uns, etwas von unserer Angst vor dem Jäger zu verlieren. So behielten wir unseren Rhythmus des täglichen Gehens bei. Trotzdem blieb eine Unruhe zurück, schon beim Betrachten seines Anwesens von weitem. Abends und auch spätabends und sogar mitten in der Nacht stellten wir uns ans Fenster und betrachteten mit Fernrohren sein Haus. Es fiel uns auf, dass in der Dämmerung und in tiefer Nacht die Fenster der Kellerfront hell erleuchtet waren. Und diese Beobachtung liess sich über Monate bestätigen. Nun ist es ein kleiner Schritt, um hinter das Geheimnis zu kommen, dachten wir.

Also näherten wir uns nun seinem Haus mit der Absicht, einen Blick durch diese Kellerfenster zu werfen. Und dann, wir hatten uns eben etwas vom Fusspfad entfernt und waren dabei, mit den Händen den Schmutz von den Scheiben zu entfernen und zu versuchen, ins dunkle Innere zu blicken. Mit der Taschenlaterne, die wir vorsorglich mitgenommen hatten, leuchtete ich durch das Glas, dann hörten wir eine Türe knarren, und die Türe des Hauses öffnete sich, und er stand vor uns. Das Gewehr mit dem langen Lauf in der Hand fragte er mit drohender Stimme, was wir hier zu suchen hätten. Sein Gesicht war schwitzig, seine schwarzen Haare zerzaust, die Lederjacke war eng zugeknöpft und seine breiten Schultern füllten die Türöffnung vollständig aus. Doch sein Blick ging über uns hinweg, und, bevor wir antworten konnten, erschien seine kleine japanische Frau hinter ihm in der Türe. Und wie um ihn zu besänftigen, legte sie ihre Hand auf seine Schulter, was ihn sichtlich beruhigte und uns einen Abgang ermöglichte, ohne in Streit oder Gefahr zu geraten.

Bis zu diesem Tag hatten wir die Japanerin nie bei ihm getroffen. Wir wussten, dass es sie gab, dass sie seit längerer Zeit bei ihm wohnte und von Heimarbeiten die beiden ernährte. Auch ausserhalb des Hauses wurde sie selten gesehen, das hätte der Mann nicht zugelassen.

Natürlich war unsere Neugier nicht befriedigt, denn solange Schüsse fielen, solange Blutspuren und Haare und das Licht in der Nacht gesehen wurden, wollten wir in Erfahrung bringen, was den Jäger nächtelang im Keller arbeiten liess. Doch je mehr wir uns mit der Geschichte befassten, desto ängstlicher wurden wir, und es kam eine Zeit, wo wir diesen Weg mieden. Wir wollten nichts mehr sehen, nichts mehr hören.

Es war im vergangenen Sommer, als wir die Japanerin zufällig im Dorf trafen. Jung, schüchtern und feingliedrig kam sie uns vor, ja, sie fiel auf, und die Blicke folgten ihr. Und ihr Gehen, stellten wir fest, hatte etwas Fliehendes, Leichtfüssiges. Sprung- oder fluchtbereit, sagten wir. Zurecht fragte man sich, warum sie dort beim Jäger lebte. Auch zirkulierten verschiedene, teils durch Eifersucht oder Missgunst geprägte Vermutungen. Doch soviel war sicher, sie gehörte zu ihm, sie schien ihn zu mögen, sie gehörten halt zusammen. Und durch das friedfertige Wesen der Japanerin angelockt, begannen wir, unsere täglichen Wanderungen zum Haus des Jägers wieder aufzunehmen. […]

Wir waren auf dem Fusspfad seitlich seines Hauses, es war später Nachmittag, als er unvermittelt vor uns auftauchte, er hatte sich hinter einem Gebüsch versteckt. Die Augen schwarze Löcher, die Haare klebend am Kopf, nassgeschwitzt, das Gewand verschmutzt, so stand er vor uns, liess uns nicht passieren. Er verbiete uns das Betreten seines Bodens. Und zur Unterstützung seiner Drohung nahm er eine Pistole aus der Jackentasche und richtete diese abwechslungsweise gegen unsere Stirnen. Entsetzt, ängstlich kehrten wir um, ohne etwas erwidern zu können. Wir eilten davon und meinten, dem Tod entgangen zu sein.

Doch wie wir an seinem auffälligen Tun herumrätselten, ergriff immer mehr die Idee von uns Besitz, nur die Nacht könne das Geheimnis lösen, und, uns gegenseitig Mut zusprechend, wählten wir eine mondlose Nacht Ende Januar, um zum Haus des Jägers zu gelangen. Es war ein langer und mühsamer Weg. Der Schnee lag hoch. Und mit jedem Schritt wuchs unsere Angst. Wir tasteten uns bis zu den Tannen vor, beobachteten die hellen Fenster im Keller. Nichts regte sich. Wir gingen bis zur Kellerfront, wenige Schritte trennten uns vor dem Einblick. Wie weiter? Konnten wir es wagen, hier, vor der Haustüre, uns aufzuhalten? Sollte jemand Wache stehen? Wie gross war die Gefahr? Wurden wir schon längst beobachtet? Oder wurde nur gewartet, bis wir im richtigen Licht standen, um uns klar im Visier zu haben? Wir gingen ganz heran. Ohne Rücksicht auf uns, auf Deckung. Wie von einer unsichtbaren Hand geführt. Wir bückten uns tief hinab. Hohe Schneewälle erschwerten die Annäherung an die Fenster. Aber dank des Lichts konnten wir nach einiger Zeit der Angewöhnung Einzelheiten im Innern des Kellers wahrnehmen. Und wie sie da lagen und sassen, auf abgeschnittenen Ästen, auf moosgrünen Steinen, all die toten Füchse, Dachse, Wiesel, meinten wir, und sind uns heute noch sicher, zwischen den toten Tieren, die zu Hunderten, so kam es uns vor, herumstanden, die Japanerin zu sehen. Den Kopf in die Hände gestützt sass sie nackt auf einem Baumstrunk. Die schwarzen Haare bedeckten fast die Hälfte des schmächtigen Körpers, und nur die abgewinkelten Beine und die Brüste schimmerten uns merkwürdig gelb entgegen. Und wie wir sie für den kürzesten Moment gesehen zu haben glaubten, drehten wir uns schon um und liefen, liefen schreiend davon. Sinnlos bemüht um Schnelligkeit im tiefen Schnee. Doch selbst die Schüsse konnten uns in unserer Flucht nicht mehr hindern. Die Japanerin aber wurde nie mehr gesehen.

Diem, Eduard

Dörig, Albert

Eberle, Erich

Innerrhoder Alpsegen

Ave Maria
Es walte Gott ond Maria
B’hüets Gott ond erhalts Gott
B’hüets Gott ond öse lieb Herr Jesus Chrischt
Lyb ond Seel, Hab ond Guet, wo of dem Beg omme ischt
B’hüets Gott ond de hälig Sant Moritz ’s ganz Land
ond schick syni Gschpane ommenand
B’hüets Gott ond de hälig Sant Marti
de ’s guet lieb Vech bewahr ond erhalti
B’hüets Gott ond de hälig Sant Antoni
De ’s guet lieb Vech vo Ogföll verschoni
B’hüets Gott ond de hälig Sant Sebaschtia
Dass ösem Vech ke G’söcht ond ke Chranked schade cha
B’hüets Gott ond de hälig Sant Gall
mit ösere liebe Hälige all
B’hüets Gott allsame, seis Fründ oder Fend
ond die lieb Muetter Gottes mit ehrem Chend
Ave Maria
B’hüets Gott vor allem Öbel ond Ofall
alls im Lendli ond öberall
B’hüets Gott ond erhalts Gott ond ’s hälig Chrüz
Gelobt sei Jesus Chrischt i ali ali Ebigkeit. Amen
Ave, Ave, Ave Maria

Eggenberger, Peter

E Schprooch, wo schtierbt …

De Khuerzebärg ond de Hierschbärg mit de Gmaande Haade, Wolfhalde, Lutzebärg, Walzehuuse, Rüüti ond Oberegg isch lang-e-n aageschtändegi Wält mitere bsonderege Schprooch – em Khuerzebärgerdialekt – gsii. Natüürli hädme im Lutzebärg e kli anderscht gschwätzt as z Oberegg, z Walzehuuse anderscht as i de Rüüti uss, i de Lache-n-obe nomol anderscht as im Tobel onn, aber d Klangfarb isch di gliich gsii, ond us däre usi hädme Haamet gkhöört. Gkhöört hädme aber o d Nööchi vom Rhintl, ond dei ai sönd bis is sibezächet Johrhondert all Khuerze- ond Hirschbärger Gmaande khierchegnössi gsii.

Wemme hüttistags määnt, bis vor öppe drissg oder vierzg Johr heime no schö khuerzebärgeret, so häd si de Dichter Jakob Hartmaa scho im Nünzähondertföfevierzgi ufloo, wies o schaad ond e Schand sei, as die aalt Schprooch uf all Wiis ond Wäg vewässeret wöri. Wohrschindli häd er rächt gkhaa, ond scho lang ischt us Haade Hääde worde. Ond die säbe nooble Schtickereifabrikantefamilene im Blatz uss hand ierne Maatle scho vor hondert Johr iipläut, si sölid amel z Sanggalle i de Hüüser vo de nooble Exporthäre o jo Meitle säge; s bruuchi niem z mierkhid ond z gkhöörid, as me gad vo Walzehuuse sei …

Ond hütt? Me waass, wieso ond werom as üseri Khuerzebärgerschprooch all weniger pruucht wierd ond nodisnoo sogär i Vegässeheit grootet. D Zuewanderi, Familene mitere Mueter oder ammene Vatter vo Züeri oder no sogär usem richtege Ussland, Lehrer ond Pfärer, wo us andere Gegete zo üüs ui gkho sönd, vill Lüüt, wo määnid, me mös si halt o mit de Schprooch a di neu Zitt aapasse … Ond zo alem häri o no de Iifluss vom Radio ond Färnsäche. Dei hörtme fascht ali Schprooche, gad nie de Khuerzebärgerdialekt. Woll, wondersäälte, amel denn, wenn de Carlo Schmid, de Innerhöödler Schtänderoot, ase braat obereggeret. Etz waassme wider, wies öppe sött khiide. Also, wenerege s nöchschmol am Radio oder Färnsäche höörid, denn losid weniger, wan er seid, losid lieber, wieners seid ond freuidigi, amme wider emol e kli de Khuerzebärg ond en Schwick Haamet schpüürt.

Khuerz ond schlächt, d Khuerzebärgerschprooch schtierbt. Es isch gad no e Hämpfeli altmöödi Lüüt, wo schwätzt, wies öppe de Bruuch wäär. Do kha de Haametschutz no lang aalti Hüüser ond de Naturschutz schöni Bommgruppe as erhalteswüerdi erklääre. De Schprooch, wo Haamet tüüf i üüs inn ischt, nützt da reinsuubernünt. Aapassi a di modärne Zitte ischt etz allethalbe gfrooget, ond do khond halt e so e kliises Näbetusse-Schprööchli flüch oder i nemm di onder d Rädli. Ond vilicht öppe i zwanzg, drissg Johr fendtme ammene schöne Blätzli en Schtaa mitere Tafle, wos druff haasst: «In Erinnerung an den ausgestorbenen Kurzenbergerdialekt.» Ond de säb Schtaa lüütet vilicht e Gegebewegi ii. Me bsinnt si ufzmol uf Tonbändli ond Büechli mit de Mueterschprooch. Ond wär waass, khommid imme abglägne Töbeli nöd no e paar aalti Lüütli zom Vorschii, wo all no wie früener schwätzid ond halt äbe o i Vegässeheit groote sönd. Ond etz wett alls deihäri, wett zuelose ond zletschtemend no sogär die aalt Schprooch wider lärne. Vilicht khonds ase usi, vilicht aber o nöd. Es ischt ehnder demit z rächnid, as i Zuekhumft gad no en goolege Mischmasch gmueslet wierd, wo ase ring ischt ond khann mos veschtoh, will jo sowiso niem ond niemert em aane zueloset.

Eisenring, Simone

Die Eiskugel

Ich stosse auf
An der glatten Fläche Welt,
Kugle mich
In geballte Fäuste.

Sonnenstürme toben
Entlang dem Rückenmark,
Strahlenfäden weben sich
Aussen ein.

Meine Augen liegen
Lauernd sich im Haar,
Tausend Arme hängen
Verworren am Gestirn.

Krallen wetzen Haut,
Zähne schmecken Blut,
Wolken irren sich
Im Körpergeflecht.

Festgefroren bin ich
In der wunden Fläche Welt,
Die Kälte schlägt mir
Meine Angst ins Gesicht.

Elmiger-Bänziger, Heidi

Wasserstimmen

Aus dem Fluss steigt der Nebel,
kriecht hinauf bis zum Wald.
Auf dem Baum hockt eine Krähe,
es ist grau und so kalt.
(Nach einem Kinderlied)

Es ist Martin, diesmal. Im weissen Totenhemdchen liegt er, einen Verband um den Kopf, lächelt nicht. Seine Hände sind gefaltet. Wachsgeruch hängt im abgedunkelten Raum, die Gaststube nebenan ist leer. Lang und weiss die Kerzen links und rechts am Kopfende des Kindersarges. Weiss auch die Lilien. Sie stehen in hohen Vasen am Boden, verdecken den Fernsehapparat, auf dem Martin vergangenen Mittwoch noch die Kinderstunde geschaut hat. An der Längsseite des Sarges ein Nelkengesteck, davor das silbrig gerahmte Foto. Martin, fünfjährig, im Kindergarten, zierlich, bang, ein halbes Lächeln um Mund und Augen. Nur auf dem rechten Rand des kleinen Holzstuhls sitzt er, sitzt vor dem geschindelten, weiss gestrichenen Haus mit den grauen Fensterläden, dessen Untergeschoss den Kindergarten beherbergt. Mit steifen Fingerchen hält Martin den Wackelelefanten, den die Kindergärtnerin viel zu selten aus dem Schrank holt. Wenn man das graue Holztier antippt, kippelt es von selbst über das schräg gestellte Brett.

Die Augenlider flattern. Mir ist schlecht. Speiübel. Das Zimmer rückt von mir weg, der Lehrer, die Mitschüler. Es wird still. Eine Stille, als sei ich taub. Kaltes Wasser, in mein Gesicht geklatscht, holt mich zurück. Ich bin wütend, wütend auf meinen Körper, den ich nicht verstehe, der mich im Stich lässt, alle drei Wochen blutet, der mich daran hindert zu rennen, die Strasse hinauf ins Dorf, hinunter zu unserm Haus, wie ich es immer getan habe. Wütend bin ich auch auf meinen Vater, den Metzgermeister, der nichts zu bemerken scheint, mich anfährt, wenn ich nicht schnell genug unterwegs bin mit dem Korb voller Würste. Der Lehrer weiss nicht, was er mit mir, dem Nichtmehrkind mit dem fahlen Gesicht, anfangen soll, schickt mich nach Hause. Ob jemand mich begleiten müsse? Ich bin zwölf, finde den Weg alleine. Beim Bäcker Frei biege ich ins Moosgässchen ein, steige zur schmalen, steinernen Brücke hinunter, die den Dorfbach überspannt. Plötzlich ist das Flattern wieder da, die Übelkeit, die Stille. Ich muss mich setzen. In die felsige Höhlung setze ich mich, dorthin, wo der Bach wieder aus der Betonröhre tritt, seinem engen Bett unter der Hauptstrasse. Niemand soll mich sehen. Mit beiden Händen schöpfe ich Wasser, lasse es übers Gesicht rinnen. Nochmals. Nochmals. Dann sind die Hände leer, doch das Wasser läuft weiter, hört nicht auf zu fliessen, schiesst auf einmal wild daher, lehmig braun, braust an mir vorbei, greift nach meinen Schuhen, dann nach den Beinen, nach dem Bauch. Äste jagen vorbei, ein Baumstamm. Steinbrocken knallen an den Fels in der Höhlung. Die Flut wird mich mitreissen, fortspülen. Ich kralle mich an die Nesseln, spüre nicht das Brennen der winzigen Haare. Ein Gewitter, denke ich, es muss ein Gewitter sein. Entsetzlich, ein Novembergewitter! Das Wasser schlägt über mir zusammen. Ich treibe mit dem Geröll bachabwärts, neben entwurzelten Bäumen, vorbei an unserem Haus, unter der Mühlbrücke hindurch, krache mit dem Kopf immer wieder an die moosüberwachsenen Mauersteine am Rand des Bachbettes. Bei der Mündung werde ich in den Fluss gespült. Stille.

Regungslos hockt sie vor mir und starrt mich an, die schwarzweisse Katze der Nachbarn. Einen Moment lang betrachte ich sie, verwundert, bemerke den Bach hinter ihr, der ein Rinnsal ist. Nach Hause, denke ich müde, ich muss nach Hause. Dann richte ich mich auf, verscheuche die Katze, laufe den Weg hinunter zum Mühlacker. Es ist Freitag. Ein Wochentag, an dem alle zu tun haben. Ich steige hinauf in meine Kammer unter dem Dach, lege mich in den Kleidern aufs Bett. Nachdenken, ich muss nachdenken. Über den Bach. Das Wasser.

Der Bach hinter dem Haus
Dezember. Winterruhe am Bach. Gläserne Zapfen wachsen an den Ufermauern, die Steine sind mit einer dünnen Eisschicht überzogen, lautlos fliesst das Wasser durch eine schmale Rinne in der Bachmitte. Im Vogelbeerbaum plustert sich eine Amsel, pickt von den karminroten Beeren. Montags sind die Kälber jetzt nicht mehr, wie im Sommer, am Röhrenzaun hinter dem Haus angebunden, sie stehen im Stall, bis sie zur Schlachtbank geführt werden. Auf den Fensterscheiben sind über Nacht Eisblumen gewachsen. Sie verwehren den Blick auf den Bach. Das Haus im Dornröschenschlaf.

Im Frühling, wenn Schlüsselblumen blühen und am Bachufer goldgelbe Sumpfdotterblumen, wenn die Wiese auf der anderen Seite des Baches voller Gänseblümchen steht, wenn Leintücher, frisch gewaschen, auf der Terrasse vom Wind gebläht weiden, hänge ich mich ans Röhrentor; das längst keine Funktion mehr hat, schaukle über Wiese und Bach hin und her, hin und her; summe. Kuckuck, Kuckuck, ruft’s aus dem Wald.

In der Zeit von Schlangenknöterich und Storchschnabel springen wir über den Bach. Karolina und ich sind die Jüngsten. «Eins, zwei, drei», rufen die Schwestern, versprechen, uns zu halten, nicht in den Bach fallen zu lassen, wenn der Sprung zu kurz ist. «Eins, zwei, drei!» Karolinas Kleider hängen an der Wäscheleine auf der Terrasse, wir sitzen am Boden darunter und warten. Niemand darf etwas erfahren! Karolina ist unversehrt, bekommt Cola-Frösche und Tiki-Würfel geschenkt. Will nie mehr springen.

Orangerote Hagebutten liegen zum Trocknen auf Zeitungen. In der Kammer mit den geschlossenen Fensterläden liegen sie, schrumpeln mit der Zeit, färben sich langsam braun. Die Heckenrose am Bach hat ihre Blätter verloren. Regen trommelt ans Küchenfenster. Mein roter Ball mit den weissen Tupfen treibt im Wasser, treibt bachabwärts. Der Bruder, Jahre älter als ich, und mutig, versucht ihn herauszufischen. Doch der Ball verschwindet unter der Mühlbrücke. Verloren. Im November schreiten Rabenkrähen über die Wiese hinter der Schreinerei. «Es wird einen Toten geben», sagt die Mutter, «vor der Zeit».

Ein Krug Tee steht neben meinem Bett. Es ist kalt in der Kammer. Jemand muss da gewesen sein, hat das Schiebefenster aufgestossen. Thea vielleicht? Oder doch die Mutter? Ich ziehe die Decke über mich, die die Mutter im Sommer genäht hat, nachts, über die grüne Elna gebeugt, zu müde eigentlich von einem langen Arbeitstag. Es ist still, keine Stimmen im Haus, kein Motorengeräusch von der Strasse her. Es muss Mittag sein. Halb eins. Dann spricht keiner, alle schweigen, damit der Vater den Nachrichtensprecher am Radio versteht. Freitags kommen Tomatenspaghetti und Hackfleisch auf den Tisch. Ich habe keinen Hunger, drehe mich zur Wand. Die Mutter hat sie neu tapeziert, im vergangenen Sommer, als ich weg war.

Der See
Im Sommer war ich am See, bei Eva in den Ferien. Sommer ist dort See. See ist Sommer. Das grosse Haus steht auf einem Hügel, die Fensteraugen sind auf den See gerichtet, auf die Insel darin. Das Haus riecht neu, ist voller Licht und abenteuerlicher Schatten. Überall im Haus das vertraute Drunter und Drüber. Überall Bücher. Für Regentage, an denen der See grau ist, Spiegel des düsteren Himmels. Regentage, an denen Wellen ans Ufer schlagen, blinkende Lichter von allen Seiten vor Sturm warnen. Regentage, die in diesem Sommer nie eintreffen. Der Mirabellenbaum im Garten unterhalb des Hauses trägt kleine, süsse Früchte, Johannisbeerstauden und Himbeerbüsche sind voll behangen. Evas Mutter steht tagelang in der Küche, kocht Konfitüre ein, backt Brot. Wir liegen am See, schauen hinauf ins Blätterdach, hören dem Wispern der Weiden zu. Nachts, wenn die sonnenheissen Körper uns nicht schlafen lassen, flüstern wir. Eva hat einen Freund.

Beim Landesteg warten wir auf das Schiff, das uns auf die Insel bringen wird, sitzen auf den warmen Planken, lassen die Beine baumeln. Eva erzählt vom tiefen Wasser, von Ertrunkenen. Ihre Stimme klingt dunkel, die feinen Härchen auf ihren sonnenbraunen Armen stellen sich auf. Mich schaudert. Wolfgang lacht. Er ist ein Seekind, die Mutter von der Insel, der Vater vom Dorf gegenüber auf dem Festland. Seekinder fürchten das Wasser nicht, auch wenn es die Keller ihrer Häuser überschwemmt. Einer wie Wolfgang kommt mit Schwimmhäuten zwischen Zehen und Fingern zur Welt, damit er den See zwischen Insel und Festland durchqueren kann. «Im See sind Algen», raunt Eva. «Sie schlingen sich um deine Beine, lassen dich nicht mehr los, ziehen dich in die Tiefe. Sind Menschenfänger, Kinderfresser.» Ich bin froh, dass die ‹Stein am Rhein› anlegt, dass wir einsteigen müssen. Eva gehört jetzt zu Wolfgang.
«Gib Acht auf die Algen!», ruft Eva mir nach. Ich bin ein Pflug, teile das Wasser mit Armen und Händen, schiebe die Beine auseinander; schlage die Schenkel zusammen, katapultiere mich vorwärts, lasse mich gleiten. Beim Einatmen sehe ich Wolfgang, der im Boot neben uns her rudert, beim Ausatmen das dunkle Wasser unter mir. «Gib Acht auf die Algen! Beweg dich nicht, wenn Algen deine Beine streifen. Lass dich treiben.» Der See lässt also unter der Oberfläche tückische Pflanzen wachsen, sie fangen für ihn Menschen ein, ziehen sie in die Tiefe. Einsam muss er sein, der See, dass er sich auf diese Weise Gefährten holen muss, die dann doch nicht mit ihm spielen wollen, nie mehr lachen, nie mehr rufen. Was hat er davon, wenn sie leblos auf seinem Grund liegen? Genügt es ihm, sie mit Kieseln und zarten Wasserpflanzen zu schmücken? Dass Schwärme winziger Fische über die Seegräber ziehen?

Ich drehe um, will zurück zur Insel, kämpfe gegen die Wellen. Sie wollen mich zurück ins tiefe Wasser treiben. Immer gleich weit scheint das Ufer entfernt zu sein. «Ruhig. Ruhig bleiben, zählen.» Ich schwimme mit geschlossenen Augen. Öffne sie bei zehn, um die Richtung nicht zu verlieren. Endlich! Beim Bootshaus lasse ich mich ins Gras fallen, trocknen von der Sonne.

Am Nachmittag ist Arbeitsschule. Ich muss aufstehen, sofort, mit den anderen Mädchen um halb zwei vor der Schulzimmertüre stehen, Spitzen an den Ausschnitt des zauberhaften, türkisfarbenen Babydolls nähen. Das Flattern ist augenblicklich da, als ich meine Füsse neben dem Bett aufsetze. Die Stille. Eine Nähnadel mit weissem Faden zwischen meinem Daumen und dem Zeigefinger. Ich ziehe den Faden straff, zu straff, meine Finger schwitzen. Der Faden färbt sich schmutziggrau. Mir ist elend. Ich falle ins Kissen zurück, falle tief und tiefer.

Der Fluss vor dem Haus
Sennen haben in ihrer Alphütte eine Götzenpuppe aufgestellt, aus Käselaiben, aus Steinen und Stöcken, die sie auf den Alpweiden zusammengetragen haben. Sie tun Dinge mit der Puppe, die nicht recht sind. Gottes zorniger Blitz vernichtet die Hütte mitsamt den Sennen. Die Geschichte, die Annas Mutter am Sonntagnachmittag in der Stube erzählt hat, geistert in unseren Köpfen weiter, gruselig, irgendwie sündig. Was sind Dinge, die nicht recht sind? Hinter dem Felsen, beim jenseitigen Flussufer, geschützt vor Blicken aus dem Pfarrhaus, bauen wir Götzenpuppen aus Steinen und Wurzelwerk, aus Lehm, Moos und Schlamm, eine für Fanni und Karolina, eine für Anna und mich. Und wir tun Dinge, die nicht recht sind. Singen für die Puppen, beten sie an, warten gespannt, ja ungeduldig auf die gerechte Strafe Gottes. Am vierten Tag ist Annas und meine Puppe zerstört, die Steine liegen verstreut, Moos und Schlamm sind verschwunden. Gott war das nicht. Fanni und Karolina wissen nichts von der Verwüstung. Wir treten dennoch mit den Stiefeln nach ihrer Puppe. Frieden kehrt ein, als der Fluss hohes Wasser führt und die Trümmer wegschwemmt.

Wenn ich alleine bin mit dem Fluss, ist er mir unheimlich, widerstehen aber kann ich ihm nicht. Donnerstagabend, wenn ich zur Turnhalle gehe, nehme ich die Abkürzung über die glitschige, kleine Staumauer; springe über den moosbewachsenen Kanal mit dem schwarzen Wasser. Ich habe Angst. Man wird mich nicht finden, wenn ich ausrutsche. Der Kanal führt zur Fabrik. An seinem Ende muss eine Turbine sein. Da hinein würde ich geschwemmt, zerstückelt würde ich darin. Angst will mich überwältigen, lähmen, aber ich kehre nicht um. Hinterhältig ist der Kanal hier, gefährlich, man muss ihn überlisten.

Thea steht neben dem Bett, von der Mutter geschickt. Nein, ich mag nicht essen, ich kann nicht aufstehen, mir fehlt nichts.

Der Fluss vor dem Grosselternhaus
Freundlich und klar ist der Kanal ein Stück weiter hinten. Vor ein paar Jahren noch, wenn das Wasser im Sommer jeweils nicht mehr über die Staumauer lief, durften wir die Kniesocken ausziehen, barfuss gehen. Fluss und Kanal waren unsere Badeanstalt. Beim zweiten Schleusentor stiegen wir ins Wasser, auf dicken, schwarzen Autoschläuchen liessen wir uns kanalabwärts treiben, bis zur Brücke. Dort hievten wir die Schläuche an Land, kletterten hinterher, trabten auf dem Uferweglein zurück, der Schlauch rollte wie von selbst auf der Wiese neben uns her. Das Spiel konnte von neuem beginnen, ganze Nachmittage fortdauern.

Einmal, an einem heissen Sommersonntag, kommt sogar die Mutter, legt sich auf der hellbraunen, geblümten Wolldecke neben dem Kanal an die Sonne. Alle Kinder aus unserer Strasse sind da. Die Buben schwimmen und tauchen im Fischerloch unten an der Staumauer, die Mädchen planschen und spritzen im Wasserbecken vor dem ersten Schleusentor. Ich bin eines der jüngsten. Plötzlich spüre ich keinen Boden mehr unter den Füssen, zapple, tauche unter, schnappe nach Luft und weiss augenblicklich: Jetzt ertrinke ich. Es ist Christine, die den Haarschopf unter der Wasseroberfläche sieht, danach greift und mich herauszieht. «Pass auf», schreit sie und schwimmt weiter. Ich lege mich auf die warme Staumauer, bette den Kopf zwischen die Arme, will nicht, dass jemand sieht, wie ich weine. Die Mutter fragt, ob ich mit ihr nach Hause gehen wolle. Nein. Meine gestrickte Badehose muss erst trocknen.

Von da an schwamm ich mit einem Gürtel aus braunen Korkteilen. Meine Schwestern lachten und sprachen vom ‹Wetzsteinschwumm›. Ich verstand nicht, was sie meinten, hatte den Schlosser Wettstein noch nie schwimmen sehen. Als in den Nachbardörfern Schwimmbäder eröffnet wurden, lernte auch ich schwimmen. Der Badeplatz am Fluss blieb leer.

Thea steht wieder in der Kammer, steht neben meinem Bett, schweigt, schaut an mir vorbei, zur tapezierten Wand. Dann: «Es ist Martin. Sein Stiefelchen, das linke, ist ins Wasser gefallen. Beim Fischerloch vor dem Grosselternhaus. Heute, nach dem Mittag. Er hat es holen wollen. Ist ausgerutscht. Hat sich den Kopf aufgeschlagen am Felsen. Einer der Ammann-Buben hat auf dem Schulweg das rote Stiefelchen im Wasser schwimmen sehen, hat den Dorfpolizisten geholt. Der hat Martin gefunden.»

Elmiger, Dorothee

Orientierte mich an den Fördergerüsten

Ich ging einmal die Treppe hinunter und schaute durch die verglaste Tür. Die Polizeibeamten, sie sassen so gleichmütig da und erfassten alles leichterhand in ihren Akten.

Der Vater wässerte eine Orchidee und telefonierte.

Anfangen wollte ich mit dem Vater, dachte ich, mit Heribert Stein, seines Amtes Polizeikommandant, geboren an einem 4. Juli. Mit dem Vater zuerst, dann käme die Mutter, die mich schliesslich gebar, die Grosseltern und so fort mit dem Nacheinander in der Zeit. Würde ich dann zum Buenaventura gelangen? Wie verlief die Geschichte?

Ich stand einmal draussen auf dem Parkplatz und lauschte den Kieselsteinen, wie sie unter meinen Schuhen knirschten.

Ich machte einmal den Badeofen an. Dann sass ich auf dem Wannenrand und berührte mit den Füssen eine Fliese nach der anderen.

Aber!, dachte ich, familiäre Bande tragen nichts zur Sache bei. Wenn wir die Anker lichten und auslaufen, hilft uns kein Vater mehr, helfen uns nur die compagnons.

Dann stürzte ich mich in das Wasser, das ich in die Wanne hatte einlaufen lassen.

Fritzi betrat das Bad gegen Mittag, als ich noch immer so lag. Sie trug Bücher unter dem Arm.

Hin und wieder, sagte sie, finde ich draussen Schilder mit Fachvokabular an einem Pfahl, einer Strebe. Technische Kennzeichen, maximale Traglast, Ein/Aus, Kessel I, Kessel II, Stopp, 1 Amp., Warnung, Achtung!, hier fand einmal statt: Bergbau.

Diese Wörter, sagte Fritzi, liegen noch immer über der Landschaft, obwohl sie die tatsächlichen Begebenheiten der früheren Zeit längst hinter sich gelassen haben.

Sie legte die Bücher, die sie mitgebracht hatte, auf den Schemel bei der Wanne. Vor dem Spiegel strich sie sich durch das Haar, als hätte das Tragen der Bücher eine grosse Anstrengung für sie bedeutet.

Sodann begann ich wieder zu lesen. Ich suchte nach den Wörtern, von denen Fritzi sprach. Sie fanden sich in jedem der Bücher, in montanwissenschaftlichen Zusammenhängen:

Kohlenzeche
Fördermaschine
Förderturm

schematischer Schnitt

Förderturm
Waschkaue
Wetter

Grubenlicht

Seilwinde
vor der Kohle, ein Kohlenhäuer
spätere Elektrolokomotive
Förderschale
Füllort
Kohlenlagerplatz

Den ganzen Tag über fuhr ich fort.
Zuweilen fand ich mich zwischen den Büchern wieder, wie ich die Wörter vor mich hin sagte. Ich wusste nicht recht mit ihnen umzugehen, was war ein Kohlenhäuer, zum Teufel!, trotzdem glaubte ich zu verstehen, was sie eigentlich verhandelten und weshalb sie mir von selbst weitere Wörter zutrugen, von früher an den Küchentisch. (Streik und Sabotage, Berlin, Herr Buenaventura Durruti – Syndikalist und Sohn eines Eisenbahnarbeiters.)

Die Wörter, sagte Fritzi am Nachmittag, als sie kurz zur Tür hereinschaute, enthalten bereits, was wir mühsam zu finden und wiederholen versuchen. Sie lachte.

Später schlummerte ich. Das Wasser plätscherte ganz leise, und das Feuer im Ofen war längst aus.

«Let us leap into the sea», cried Fritz, «and swim to the shore.»

«Very well for you», cried Ernest, «who can swim; but we should all be drowned. Would it not be better to construct a raft and go all together?»

«That might do», added I, «if we were strong enough for such a work, and if a raft was not always so dangerous a conveyance. But away, boys, Iook about you, and seek for anything that may be useful to us.»

Als ich wieder aufwachte, stieg ich aus der Wanne. Zuletzt an diesem Tag notierte ich mit klammen Fingern, dass die Schwester Buenaventura Durrutis denselben Namen wie unsere Mutter trug. Das Wasser floss in einem kleinen Strudel dem Ausfluss zu.

 

 

Kohlenbrände bewegen sich schnell und heimlich durch die Stollen. Sie unterwandern das Gebiet, sie suchen es heim. Seit einiger Zeit nun wölbte sich früheres Waldland, türmte sich in weiter Entfernung an den Rändern des Reviers, zersprang aufgrund der Hitze.

 

 

Am nächsten Tag ging Fritzi Ramona Stein den Weg nach St. Beinsen, auf der Suche nach dem Fluss. Hob ab und an den Blick, schaute dann wieder hernieder auf den Boden, diesen trockenen Boden. Orientierte mich an den Fördergerüsten, sagte sie nach ihrer Rückkehr. Wir waren der Himmelsrichtungen längst verlustig gegangen.

Ich trug meinen Sextanten auf dem Rücken, in einer ledernen Hülle.

Orientierte sich an den Fördergerüsten, schrieb ich an diesem Abend, und:

Grund dieser Schreiben, Wortergreifungen und Aussprüche, Grund auch aller umständlichen Rufe über das Land hinweg und tief in seine Schächte hinab, all dieser zukünftigen Zusprüche, Überlegungen und Unternehmungen, ist die Suche nach dem fehlenden Fluss.

Ich schrieb:

Wir sind ruhig. Es gibt aber ein Gefühl, es zieht in den Schultern gegen den Hals, es macht unsere Kiefer zittern. Bald werden wir laut sprechen wollen. Sollten wir uns womöglich dies Gefühl verbieten? Macht es uns schwächer? Nein, es wird womöglich eine Verbindlichkeit schaffen!

Diese Verbindlichkeit wird nicht auf der gemeinsamen Angst vor dem Verlust der Sicherheit beruhen. Dazu schreiben wir nun auf Schroeders Maschine diesen Bericht, weder zur Wahrung der Ordnung noch zur Verhinderung der Konfusion. Keine ordentliche Bestätigung des altbekannten Gegenwärtigen, nichts Unterhaltsames über unsere Lage, in der wir uns so vermeintlich gut eingerichtet, wie der Beamte Schroeder hinter seinem Schreibtisch. (Dazu rief Fritzi durch die offene Küchentür, Aufhören!, aufhören mit der Vorabendunterhaltung, mit der Abendunterhaltung, mit der Unterhaltung im Allgemeinen. Unterhaltung tut mir in den Augen weh, sie bricht mir den Rücken knapp unter dem Halsansatz, ich habe sie satt, mein komplettes bisheriges Leben wurde mir von Unterhaltung erschwert, die Unterhaltung ist eine tiefe Grube im Untergrund des Landes, die sich über die Jahre mit Tierleibern gefüllt hat.)

Stattdessen dokumentieren wir zum Trotz die Verwirrung und das grosse Fehlen, das sich hinter der amtlichen Sicherheit eröffnet als weites und karges Tal, das ist das Tal dieser Geschichte.

Enzler, Karin

Hau- und Schmetterverse

Vögle

I so eme Bomm obe
mösst me lebe,
si mit 4 Zehe
a me Eschtli
fescht
häbe
ond e chli pfiife
ond e chli bralle
eppe
e fuuls Früchtli
öbefalle …

 

De Schrett drussuus

Heilandsack! Hets mi vedrölled!
Ond glege bin i fööf Mol chromm!
Bi wie de Tood,
schteeschwää ond domm,
im Bett elege
ond ha gwesst:
nie wide will i goh!

Nie wide meh mach i en Schrett.
Nie wide meh chom i go hölfe!
Nie wide meh gang i veruus!
Nie wide meh, nüd eemol no, ond Schluss!

Ond tröllt ha mi ond gfuttered ond gflueched
bis dass me s Chössi tropfed het vom Gääfe.
Ond denn ischt e Schimmeli
dö de Vohang gschleche
ond het me glüüchted bis uf d Seel,
het mi krüseld am Heeze
ond pumped hets i Hend ond Füess ond Bee:

«Schtand uuf ond tue gut Ding!»
het fii de Moge gruefe.
«Schtand uf ond schtreck di föschi!
Chomm mit
i los di schnuufe!»
hets mi glocked – doch bocked
han i ond wöld gruefe:
«Da glob i nüüd, da los me nüd vezölle!
Wenns geschtere schlecht
ond schtreng ischt gange,
chas hüt nüd liecht ond eefach see!
E jedes Lebe het so sini Temp’ratur,
ganz oscheniet
chocht da Söppli vo si heri!
Eb hüt, eb moon, eb Nacht, eb Taag:
seb isch em wohli gliich».
Ond tröllt ha mi ond gfuttered ond gflueched
bis dass me s Chössi tropfed het vom Gääfe.

Ond denn ischt no e Schimmeli
dö de Vohang gschleche
ond het me glüüchted bis uf d Seel,
het mi krüseled am Heeze
ond pumped hets i Hend ond Füess ond Bee:

«Gang usi ond lueg in Himmel»,
het mi d Sonn scho möge rüefe.
«I lüüchte hütte gad fö dii!
Chascht me södere ond mi wöld chiibe,
i hol di wide, i will de bliibe, i will di triibe
i de schö neu Taag!»

«E so en Seich!
So wiibisch süess de Schmare!
Häb de Latz ond los mi hare
i mim graumeliete Bett
voll Netz ond Müüs ond Fäde,
voll Brösmeli ond Schnode!
Niemed moss me hüüchle,
bruche kee Vespreche!
Nütz cha bliibe, nütz chont wide, nütz kööt mee!
I bliibe ligge!»

Ond tröllt ha mi ond gfuttered ond gflueched
bis dass me s Chössi tropfed het vom Gääfe.

Ond denn ischt wide e Schimmeli
dö de Vohang gschleche
ond het me glüüchted bis uf d Seel,
het mi krüseled am Heeze
ond pumped hets i Hend ond Füess ond Bee:

Do han is loo. Ha möse uufgee. I bi elege.
Wie us em Nütz
bin i gschtande
ond gange
e paa Schrett
oms Bett
ond in Gaate
und drussuus!

 

Grood

Da
wo
bliibt,
isch
nüd
all da,
wo emme
lüüb.
Nüd
all da
wo me grad
bruucht,
ond
siche
nüüd,
wa
me si
suecht.

Da
wos
bruucht
isch
meischt
nüd da,
wo me cha.
Selte da
wo me mag
ond gä nie da
wo me
tuet.

Wenn d’
etzt no
bliibsch,
e chli
gaanz ruhig
bi me
liischt,
e chli
eng
mit
me schwiigscht.
Ond
nüd froogsch,
wa denn
isch!

Wenn d’
etzt nüd mosch
go,
di Andere
uf de Schtrooss chasch
loh,
niemed
zo ös i’d Schtobbe cha (cho)
ond
wa me sött
isch scho
devo!
Denn
wär
i froh!

Denn
wör i hütte
s’Chiffle
loh!
Denn
wär i
zfredde
grad wie
Du.
Denn
wör i ligge
bliibe
gen bis moon.
Denn

De tröi,
denn wä’
De zahm
ond gaanz
e Fröid.
Wä gaanz
wie nöi.
Denn
wetsch:
dass
all no alls
so bliibt,
das össeri
Liebi
ligge
bliibt.

Enzler, Simon

Erat, Ruth

Der Werkzeugkoffer im All

2.
In Berlin, vor der Caprivibrücke,
geht ein Kind an der Hand seiner Mutter, schreit:
Hört endlich auf, ihr Vögel!

3.
Ich laufe von der Karl-Marx-Allee weg,
hinein in die Friedenstrasse,
wo man für die Gräber Begonien verkauft.

4.
Am Küchenfenster an der Friedenstrasse
scheint leichthin möglich,
dass Bäume die Stadt zuwachsen.

5.
Fragst du, ob die Angst davor,
dass in der Schweiz die Gedanken entfallen,
berechtigt ist?

[…]

102.
Hunger befällt.
Sich Brot einverleiben und Wein.
Die verbliebene Beute.

103.
Im See schwimmen alte Frauen und Männer.
Vom Sommer gegerbte Körper steigen aus dem Wasser,
fassen sich an der Hand.

104.
Auf den Farbfotografien im Museum
erzählt der Alte im komplett zerschlissenen und
verdreckten Mantel
Kindern Geschichten. Es war.

105.
Im Fenstergeviert rot und blau und gelb der Rundlauf.
Regennass leuchten die Farben.
Niemand da.

[…]

202.
Nie ist die Verzweiflung der Menschen so greifbar
wie in den langen Nächten,
in die hinein aus Vorgärten Hirsche und Schlitten
und Engel blinken.

203.
Das Bild, das ich wahrhaben wollte:
dass der hochgeschlagene Mantelkragen genügt,
kein Aufgeben ist.

204.
Es ist ein Krieg im Gang,
von dem wir nichts wissen,
nur Bildfetzen sehen – ans Ufer gespülte Tote aus Mogadischu.

205.
Eben noch verlachte man den realsozialistischen
Wirtschaftskollaps.
Nun werden die Banken vom Staat nach dem ver-
höhnten Muster
mit Milliarden gefüttert.

Etter, Hans Jürg

Herbstgesänge

6
Der Himmel ist wortbrüchig.
Der Riss geht tief,
geht durch das Bachbett vergangener Tage,
geht durch die aufkeimende Blume,
geht durch das Buch,
geht durch das Feld,
geht durch das Holz und das Haus,
geht durch das Geschlecht
und geht durch mich
und geht durch dich.
Und was abgewiesen erscheint
und in der Trennung verkommt,
kann nicht zum Guten gedeihn.
Der Riss geht durch Mann und durch Frau

19
Der Astbruch zeigt sich im See
in spiegelnder Welle.
Und in der Brechung verschwimmt der
Mond mit dem See und dem Baum.
Der hat die Blätter verloren,
und die treiben jetzt,
Ulme, Buche, Birke, Eiche,
auf dich zu,
gelb und verfärbt
von weissnichtwas,
vom Herbst,
vom Flügelschlag der Zeit.
Der Wels ging auf Grund
und schaut Welträtsel,
die Rückenflosse gekrümmt
und abgeschlagen.

21
Du trägst den Tod im Auge
wie das Blatt die Landschaft.
So kommt er tatsächlich,
gut gekleidet,
die Haare nach hinten gekämmt,
gescheitelt,
mit grobgelbmustriger Krawatte aufgeputzt,
rührt er dich an in deinem Auge
und bleibt
und bleibt im Dunkel des Walds
und bleibt in der Tiefe des Bergsees.
Das verraten die Falten deiner Augenhöhlen
und deine Pupillen,
in denen er wohnt und eingeht
von innen und aussen.

Etter, Paul

Wie ich Bergsteiger wurde

In der Nähe der Heimat und doch in den Bergen wollte ich meine Lehrzeit als Bäcker-Patissier durchlaufen. So zog ich hinauf ins Obertoggenburg, hinauf in dessen oberstes Dorf, ins heimelige, von vielen Bergen umgebene Wildhaus. Fünfzehnjährig geworden durfte ich die Lehre antreten und setzte zuerst allen Ehrgeiz ein, um ein guter ‹Stift› dieser süssen Zunft zu werden.

Nach und nach lernte ich auch nette Kameraden kennen, mit denen ich meine Freizeit und die Sonntage verbringen konnte. Bald gelang es mir auch, sie für die Berge zu begeistern, und hin und wieder bestiegen wir zusammen die schönsten Gipfel der Umgebung. Mit Säntis, Altmann, Schafberg, Gulmen, Mutschen war ich bald sehr vertraut. Doch die Kreuzberge lockten mich, und ich konnte meine Gedanken nicht von ihnen losreissen. Dort hinauf zog es mich, aber der Meister riet mir dringend von solch wilden Klettereien ab. Auch meinen Kameraden waren sie zu gefährlich. So war ich genötigt, ganz allein zu gehen.

Beim ersten Versuch schwindelte mir schon, als ich über den ausgesetzten Grasrücken gegen die Felsen des achten Kreuzberges stieg. Nein – so ein Tiefblick ins Rheintal, das war doch zuviel für mich. Enttäuscht zog ich mich zurück und begann zu ‹trainieren›. Aus meinem bescheidenen Sackgeld kaufte ich mir ein Wäscheseil, übte den Dülfersitz, kletterte in grasbewachsenen, brüchigen Felsen umher und setzte mich grossen Gefahren aus, die ich in meinem jugendlichen Leichtsinn nicht erkannte. Wie oft hätte ich ausgleiten und abstürzen können!

Dann stand ich wieder vor dem achten Kreuzberg. Es stürmte, und der Himmel war bedeckt. Trotzdem hatte ich diesmal schnell das Grasgrätlein überstiegen und die Einstiegschlucht erreicht. Ich stieg durch diese hoch, bis ich an einen etwa acht Meter hohen Felsabsatz gelangte. Er war sehr nass. Etwa drei Meter stieg ich hinauf und blieb dann stecken. Der Wind rauschte auf dem Grat, schwarze Bergdohlen kreischten um mich, und ich hörte die eiserne Gipfelfahne auf dem fünften Kreuzberg knarren. Angst schlich sich ein. Ich kam nicht mehr weiter. Es war einfach zuviel für mich. Mit hängendem Kopf stieg ich wieder ins Toggenburg hinab, einer arbeitsreichen Woche entgegen.

Doch diese Niederlage liess mir keine Ruhe. Darum kam ich eben ein drittes Mal an den Berg. Viele Touristen waren in der Gegend. Ich wollte nicht gesehen werden und schlich mehr als ich kletterte über das mir nun schon vertraute Grätchen in die nahe Schlucht.

Die Felsstufe war diesmal trocken, so dass ich sie besser überklettern konnte. Vor Erregung und Anstrengung keuchend kam ich auf der Scharte zwischen dem achten und dem siebten Kreuzberg an.

Der Tiefblick von hier ins Tal beeindruckte mich so sehr, dass ich auf allen vieren über die weiteren Felsen kroch. Der Gipfel war nun merklich näher gerückt, und nach einer weiteren Kletterei hatte ich ihn erreicht. Kaum wagte ich aufrecht zu stehen, aber die Freude über diesen ersten Erfolg war so gross, dass ich halblaut zu singen anfing.

Im Steinmann steckte ein Gipfelbuch, welches ich gierig durchblätterte. Es war bis fast auf die letzte Seite voll mit Namen solcher, die den Berg auch bestiegen hatten. Nicht nur über den Normalweg, – nein, sogar die Westwand und die Südwand waren schon durchklettert worden. Ich bewunderte diese mutigen Menschen. Dann schrieb ich gross und breit auch meinen Namen ins Buch, und mit winzigen Buchstaben fügte ich das Wort ‹Normalweg› an.

Wenige Minuten später war ich wieder auf der Scharte und hatte dort den Einfall, mich gleich auch noch am siebten Kreuzberg zu versuchen. An der leichtesten Stelle der Westwand, wo sich ein Riss weit hinaufzieht, begann ich. Meter um Meter schob ich mich darin höher. Alle Griffe und Tritte waren dort, wo ich sie zu finden wünschte. Auf einmal stand ich auf einer Felskanzel hoch über dem Tal. Doch wie ich dann auch suchte und probierte, ich kam nicht mehr weiter. So stieg ich zurück und wagte eine Querung nach links. Drei bis vier Meter hatte ich bald hinter mir, dann schien mir ein grosser, warzenartiger Block den Weiterweg zu versperren. Nach ihm sah das Gelände wieder kletterbar aus. Ich fasste den Block mit beiden Händen hinten an, rutschte auf dem Bauch und schwang dann meine langen, dünnen Beine hinüber. Zum Glück war dieses Hindernis rund und abgeschliffen, sonst hätte ich mir dabei arg die Hose zerrissen.

Ängstlich guckte ich von Zeit zu Zeit hinunter auf die Alp, ob ich von jemandem beobachtet werde. Mein Tun so allein war mir doch nicht ganz geheuer. Als ich aber auch auf diesem Gipfel stand, wurde ich von einer so unbändigen Freude gepackt, dass ich in einen überlauten Jauchzer ausbrach. Wanderer und Kletterer gaben mir Antwort. Es war mir, als hätte in jeder ein kleiner Vorwurf mitgeklungen, denn ich habe wohl fürchterlich geplärrt. Vielleicht wollten mir die andern Gebirgler bloss zeigen, wie es tönt, wenn man es wirklich kann.

Das Erreichen dieser beiden Kreuzberggipfel erweckte in mir Kraft, Mut und ein starkes Selbstvertrauen. Der Abstieg verlief ohne Schwierigkeiten. Warzenblock, Riss, Kamin mit Wandstufe und auch das Grätchen hatte ich bald hinter mir; mit eiligen Schritten stürmte ich hier herauf auf den vertrauten Mutschen.

Da sitze ich nun, lasse das Erlebte nochmals an mir vorüberziehen und grüble über meine Zukunft als Bäcker-Patissier.

Faessler, Peter

Falkner, Gerhard

Verschreibungen

Wer ich bin. Der unbekannte Absender einer E-Mail hat mich nicht nur erkannt, er hat mich durchschaut. Ich lese mit Erschrecken: Mr. Unknow Falkner. Es gibt einen Menschen auf der Welt, der mich kennt!

Alter oder die Kunst des Relativierens. Gemessen am Umstand, dass ich tot sein könnte, fühle ich mich ausgezeichnet. Gemessen am Umstand, dass es mir ausgezeichnet gehen könnte, fühle ich mich mies.

Die Nacht bringt es an den Tag.

Die Hitze stellte ihn in den Schatten.

Der arme Ball. Warum muss er immer im Netz ‹zappeln›? Kann er denn nie zur Ruhe kommen? (Requiescat in pace!)

«Ich habe nichts gegen Kultur», sagte der Politiker, «aber nach zwei Stunden Kultur brauche ich dringend einen Schnaps.»

Im Tauchbad der Kultur. Auftauchen, wer kein Fisch ist!

Es entspricht einer gewissen Logik, dass, wer zuerst kommt, auch das letzte Wort hat.

Was den Wolken recht ist, ist mir billig: ich verziehe mich.
Was dem Wind recht ist, ist mir billig: ich schlafe ein.
Was der Sonne recht ist, ist mir billig: ich gehe auf.

Der Tag erübrigte sich.

Was ihr nach seinem Tod am meisten fehlte, dass sie niemanden mehr nach der Zeit fragen konnte.

Alter. Er trug seine Vergessenheiten wie eine kostbare Porzellanvase vor sich her, die ihm jederzeit aus den Händen fallen konnte.

Kuhglockengeläute rund ums Haus. Der Tag ist grundiert und bereit für den Farbauftrag.

Der Alltag, unser Produkt. (Der graue Teppich, den wir den Tagen unterlegen, damit wir keine kalten Füsse bekommen. Die Freiheit – das wissen wir – tanzt auf schlüpfrigem Parkett.)

Fastenrath, Rudolf

Federer, Heinrich

Auf dem Gäbris

Da ging ich nun mühsam, denn fünfzehn Jahre Zugewicht klebten mir an den Schuhen, den steilen Weg von Gais zum Gäbris hinauf. Es war ein Wochentag des Spätherbstes, wo niemand um solche Nachmittagszeit diesen Prügelweg nimmt. Wie gut kannte ich ihn, jede Schleife, jede Unebenheit, besonders im Winter auf dem Schlitten! Unten durch die Wiesen fuhr das Gaiserbähnli gegen Appenzell still und langsam wie der Friede Gottes. Hinten in goldgrauer Farbe starrte der Säntis, aber noch viel hoheitlicher der Altmann ins Oktoberblau empor. Eine Kette hinter der anderen, die hinterste, mit der Roslenfirst wie eine Urweltsmauer, geht gegen das plumpe Ehepaar Hoher Kasten und Kamor und ihre elegante, aber langweilige Kammerfrau Fähnern bis nahe in den südöstlichen Vordergrund. Ah, in diesem Gebirge liegen die unsterblichen Geheimnisse des Seealpsees, des Wildkirchli, des unterirdischen Höhlenganges, der Ebenalp, in die Wirrnis der Felsen gebettet.

Endlich durchmess’ ich das letzte Wäldchen, durch das einst mein Schlitten beim Mondschein auf glashartem Eis in die Tiefe schoss, bald in schwarzen Tannenschatten, bald in einem himmlischen Silberfunken, dem mutigen Kameraden folgend, der mir voraus durch dieses Nachtmärchen schlitterte. Und nun bin ich oben auf dem kleinen Rücken des Bergleins und jubele, weil alles noch ziemlich im Alten blieb, das Gasthäuslein kein Hotel, das Holz kein Granit oder Marmor, und die Wirtsjungfer kein Schwalbenschwanzfrack von einem Oberkellner geworden ist. Und noch stehen da die gleichen derben Tische an den kleinen Fensterreihen und bekomme ich, weiss Gott, die gleiche brave grosse Kaffeekanne und den hablichen Milchkrug, der mir vor einem halben Menschenalter kredenzt worden ist. Die zwei kleinen Stüblein, den grossen Saal, wie gut kenne ich sie noch. Sogar eine gleichfarbige Katze, gewiss eine Enkelin der damaligen, buckelt sich träge hinter dem Ofen hervor. Und noch gibt es scharfe Pantli hier, mit Holztellern und kurzen Messern und jenem schneeweissen Brot, durch das Appenzell und St. Gallen vor aller Schweiz in edelster Unschuld leuchten.

Es sitzt nur noch ein alter Mann mit einer kurzen Tabakpfeife im Stüblein und leert seine Flasche Bier. An Werktagen ist es hier oben einsamschön. Wer dann kommt, der kommt, weil er gern allein ist, weil er über seine Zeit gebietet, weil er Ruhe und Beschaulichkeit liebt und weil ihn die Natur, nur die Natur da hinauflockt. Am Sonntag ist das anders. Da klimmen sie von Trogen, Bühler und Gais auf dreierlei Wegen hinauf, breite Jasser, bequeme Ehepaare, lustige Mädchen und Buben, Sportsleute, Sticker, die verluften, Fabrikanten, die verschnaufen wollen. Da hockt ein Reallehrer neben einem Ferienstudenten, der heimlich Gedichte sündigt. Zur Linken sitzt ein würdiger Magistrat, der nach hinten und vorn oberflächlich mitplaudert, aber in den Tiefen seines nationalrätlichen Herzens viel tiefere, eidgenössische Sorgen erwägt. Wie oft habe ich diese bunten Gruppen studiert, die im dichten Tabakrauch immer undeutlicher verschwammen wie die Alpsteingipfel im Gewölke, bis endlich auch der Reallehrer-Känzeli und der Nationalrat-Säntis völlig untergingen! In keinem Gasthaus der Welt wird noch so schweizerisch gesprochen. Aber wahrlich, diese Appenzeller Charakterköpfe gehören auch zur reellsten Rasse Helvetias. Mag das Ausland uns verwässern und verdünnen soviel es kann, in den Most dieses Völkleins, das einen so feingeschnittenen Mund hat und einen so eigensinnigen Wirbel zeigt, das nicht um einen Zoll grössere Schritte nimmt, wenn man berichten müsste: die Bolschewiki seien in St. Gallen eingezogen, und um keinen Zoll kleinere Schritte, wenn es hiesse: sie müssten sich in Herisau zur Kontrolle vor Trotzki stellen, ich sage, in Most und Blut eines solchen Völkleins wird noch lange kein Fremder, unschweizerischer Tropfen gemischt.

Jetzt lärmt es vor den feuchten Scheiben, und frische, junge Köpfe gucken herein, die Trogener Kantonsschüler.

Sie haben den Nachmittag frei und bevorzugen noch immer wie vor zehn und zwanzig Jahren den Gäbris für ihre Ausflüge. Das ist nun schon ein vornehmeres Wesen. Viele Herrensöhne der Schweiz, mancher Ausländer mit merkwürdigem Akzent ist dabei. Trotzdem, so fremd ihr Teint, so erlesen ihr Kleid, so seltsam der Schnitt und die Schwärze ihrer Augen ist, sie haben sich ihren appenzellischen Mitschülern merkwürdig angepasst, versuchen ihren Dialekt, essen ohne Gruseln den schärfsten Appenzeller Käse und können sogar unterwegs richtige Trogener Geissen melken.

Ich sehe diese Jugend gerne hier oben. Es haftet ihnen etwas griechische und römische Kultur an, es keimt aus ihnen schon etwas zukünftig Bedeutendes; sie reden von Hannibal, von Logarithmen, von Bast und Kambium, von diophantischen Gleichungen und Barockstil. Und daneben trinken sie Milch wie ein Bauernjunge und säbeln am Landjäger wie ein Stickerknechtlein und deuten auf die Rote Wand und die Zimbalspitze im Österreichischen wie ein Schweizer Alpenklübler. Es sind einfach Prachtsburschen. Sie kennen bereits Hebbel und Grillparzer und haben in St. Gallen Moissi als Hamlet gesehen. Es ist entzückend, mit ihnen zu plaudern, auf deren weichen Gesichtern noch so viele Hoffnungen als Flaumhärchen sprossen. Lasset einen tapferen Schnurrbart, aber auch eine tapfere Lebenshoffnung auswachsen, ihr Menschen der Zukunft! Dann hat es keine Not ums neue Jahrhundert.

Jetzt dunkelt es, und in den wunderbarsten Übergängen von Rot in Purpur und Violett und Samtbraun wird der Tag zur Nacht. Wir treten hinaus. Im Süden und Osten verdämmern die Gebirge, ein weisslicher Nebel steigt aus dem Rheintal, zwischen den Hügeln im Westen und Norden glitzern aus abenddunklen Dörfern die ersten Lichter auf. Grau und weit dehnt sich dahinter die Hochebene gegen Zürich und Schaffhausen. Nur der Bodensee leuchtet noch in einem sonderbaren Himmelsglanz auf. Über ihm geht es in die fernen deutschen Gebiete hinaus. Eine ungeheure Welt und doch noch viel ungeheurer der Himmel darüber. Gelbe Sterne schwimmen auf. Die Erde wird beinahe schwarz und, über den Hag gen Norden gelehnt, sagt der alte Tubäkler zu mir, es ist das erste Wort, das er spricht: «Dünkt euch nicht auch, wir stehen auf dem Giebel der Welt, zu alleroberst? Und alles ist unter uns, schier wie unter Herrgotts Sohlen? Und sollt man nicht glauben, dass schon die ganze Welt zu Bett gegangen sei und schlafe, so still ist’s?»

Mit klugen, sinnenden Philosophenäuglein, wie man sie öfter an alten Bauern wahrnimmt, funkelte das dürre, aber behende Männlein nach allen Seiten.

Ja, wahrhaft, eine Stille schwebte aus allen Tiefen herauf, jetzt, abends um acht Uhr, als schlummerte die Menschheit schon. Es flüsterte nur etwas Leises von ferne her. Waren es die heimspringenden Studentlein, war es der Wind oder war es wirklich wie aus einem unendlichen Schlafsaal das friedliche Atmen der Völker, der Völker, die nur gescheit und gut und selig heutzutage sind, wenn sie schlafen?

Fisch, Chrigel

Flieg doch mit den Nazis!

Heutzutage, und schon gar nicht in der Nacht, kann man sich auf nichts mehr verlassen. Und nichts, was gerade noch wichtig in der Küchenschrankvitrine protzte, wird ewig so edel bleiben. Sobald der Wecker rhabarbert, kann schon alles anders sein, ganz anders, überanderstens. Zum Beispiel die Börsenkurse. Die Zugsabfahrtszeiten. Die Anzahl Blätter meiner Topfpflanze. Atomkriege über Nacht? Kein Problem. Afrikanische Stammesgenozide vorm Vier-Uhr-Tee? Durchaus. Saure Milch im Morgenkaffee? Passiertpassiert. Ich kenne sogar jemanden, den hat die Steuerverwaltung schlicht und mehrfach vergessen. Der hat nie dicke Formulare gekriegt zum Ausfüllen, der hat nie was bezahlt. Doch er lebt, fröhlich unfreiwillig steuerbefreit. Manchmal frage ich mich, ob er wirklich lebt. Oder ob ich ihn steueramthassend taggeträumt habe. Oder ob er einem meiner geographisch-reisekulturell-währungsspezifischen Nachtträume entsprungen ist.

Ich lüge nicht. Ich träume i m m e r von Reisen, Währungen und Fluggesellschaften. Manchmal von der Arbeit. Ich könnte nun diese Träume aufschreiben, einem Psychotherapeuten damit günstige Lektüre verschaffen und ihm erst noch krankenkassentechnisch seine Andreas Vollenweider- und Dodo Hug-CD finanzieren. Mag ich aber nicht, nichts da, schnackelfackel. Am Morgen wird zuerst laut gefurzt.

Kürzlich hatte ich einen Traum – und ich schwöre, dass ich weder allzu schlafbetrunken noch traumbesoffen war –, da musste ich von Amerika zurück nach Europa fliegen, was auch gut geklappt hat. Mindestens bis Bayern, das allerdings nördlich von Frankreich lag. Die Flughafenkerle wollten dichtmachen, nur ich allein stand blöd beim Aschenbecher rum und fragte jemanden nach einer Verbindung nach Basel. Der sagte, lässig aus der Zigaretten-ansteck-Feuerzeug-in-Hosensack-zurück-Drehung heraus: «Flieg doch mit den Nazis! Die haben immer Materialtransport um diese Zeit.»

Mit den Nazis also. Tatsächlich duckte sich auf der Piste ein dunkelbrauner, wulstiger, gedrungener Riesenbomber, wie man sie aus verwackelten sowjetischen Afghanistan-Reportagen kennt. Ich dachte mir: «Na denn, politisch korrekt ist das ja nicht, aber wenn ich so heimkomm…». Da rhabarberte der Wecker und die Nazis flogen ohne mich nach Basel. Als ich so niedergereist auf der geliebten Matratze lag und Nationaltrainer Regen ans Scheibchen trommelte, wollte ich nicht recht in die kaffeeduftlose Realität zurückkehren. Ich dachte eine Weile träumend an den Traum zurück – einmal mit den Nazis fliegen, und das 1997! –, schüttelte dann eine Socke vom Lager und kam zu folgender, schiessschartenscharfer Erkenntnis: Raubgold, Judengold, Nazigold, das sind gar unkorrekte Bezeichnungen!

Tatsächlich haben die Nazis den Juden das Judengold geraubt, also ginge Raubgold oder Nazigold locker durch die Zeitungssuppe. Aber, da furglert der frühmorgendliche Besserwisserkurt, wenn das Gold dann in der Schweiz landete – als Sicherheit für Waffenlieferungen an die Nazis –, warum heisst das Gold nicht Ostfrontpanzerhaubitzengold oder Russlandfeldzugpatronenbeschaffungsgold oder gar …, na. Niemand ist bisher auf die Idee gekommen, das Raub-,  Juden- und Nazigold ganz schlicht ‹Schweizergold› zu nennen. Und wer noch einen Mikrobenarschbackenspalt klüger ist, wird sich fragen, woher die Juden denn das Gold hatten. Na? Von den Sibiriern, von den Südafrikanern, von den Mayas gar? Wo, bei Rommels Trommel, kommt das Judennaziraubschweizergold eigentlich her? Und wohin ging es, wenn nicht in die Zahnfüllungen zentralafrikanischer Dik­tatorensöhne, wenn nicht in die Schuhbändelösen philippinischer Diktatoren­gattinnen? Wohin, woher, die alten Fragen. Doch wem kann man schon vertrauen. Mir auf jeden Fall nicht. Ich glaube nicht an die Menschheit, warum sollte ich also an die Müllabfuhr, an Zahnärzte, die Nationalbank oder an bewaffnete, israelische Siedler glauben, die ihre Hardcore-Auslegung religiöser Geographiekunde dazu benutzten, armes goldloses palästinensisches Gesindel samt staubiger ­Wackelbaracken in die Wüste zu pimpern?

Ja, die Vergangenheit, sie hat sich freigebuddelt und ihren Weg durch die Kanalisationsrohre der helvetischen Geschichtstoilettendeckelzuhalter gefunden. […]

Kürzlich war ich traumhalber in Albanien. Zum zweiten Mal übrigens. Beim ersten Mal jedoch waren noch die Kommunisten am rumtiranen und alles war gar kärglich rostend eingerichtet. Sturzdeprimierend. Kürzlich aber, eben im Traum, hatten die Albaner recht schön aufgeräumt im Land. Meine Aufgabe war es, eine Schweinehälfte die unfair steile und lange Leiter des Hafenquais hinaufzubuckeln. Meinen primitiven albanischen Freunden konnte ich natürlich schlecht von meinem Rückenschaden erzählen, denn diese industrienationenbürospezifische Krankheit interessiert diese plumpen Affen nicht. Ihre braungebrannten Oberkörper bedeuteten mir familienehrenhalber verdammtnochmal die Schweinehälfte hinaufzutragen. Nun, wie Träume so sind, sie bringen nach Jahren der Abwesenheit in einem geträumten Land doch immer wieder die gleichen Figuren ins Spiel zurück. Bei mir war es ein irrer junger Mann, der im kommunistischen Albanientraum noch ein Junge war. Er wartete am Ende der Quaimauerleiter und fuchtelte mit einem Messer rum. Ich dachte mir, mühsam das Gleichgewicht auf der steilen Leiter haltend: «Bitte nein, nicht d e r schon wieder!» Denn im kommunistischen Traum hatte er mich aufschreddern wollen, und nur seine pädagogisch geschulten Eltern hielten ihn davon ab. Aber, die Geschichte arbeitet und aus jugendlichen Irren werden erwachsene Irre. Er hatte begriffen, dass er keine schweinehälftenschleppenden Traumtouristen aufschreddern darf. Also fuchtelte er nur blöd rum, so in der Art «also wenn ich schon wieder mal in deinem Traum auftauche, kann ich ja nicht so tun, als wäre in Albanien nun a l l e s gesund und vernünftig, oder?». Recht hat er. Ich brachte meine Schweinehälfte auf den wohlbestückten, florierenden Markt (tatsächlich waren exotische Blumen der Renner) und meine albanischen Freunde reichten mir ein Bier. Es schmeckte ganz unalbanisch gut.

Natürlich war ich noch nie in Albanien und ein Rassist bin ich keiner. Doch wem kann man schon vertrauen. Der PTT allerdings mehrheitlich schon. Wenn jemand blöd im Beobachter rummeckert, dass sein A-Brief von S-chanf/GR nach Chancy voir Genève/GE schon wieder zwei Tage gebraucht habe, dann soll er mal die Juden fragen, wie lange sie schon auf die beschlagnahmten Zahngoldfüllungen warten. Eben. Darum gibt’s ja die Geschichte. Damit sich alle schön lang und blöd beschwerend darüber aufregen können, dass es anders gekommen ist, als sie es sich sowieso nie überlegt haben.

Allen anderen geschichtsneurotischen Unschuldshornochsen und -kühen empfehle ich die Beobachtung momentaner Greueltaten, Ungerechtigkeiten, Horrorbilder und was der steinzeitliche Herrgott sonst noch auf dem Planeten installiert hat. Wenn denn die Gottesfürchtigen auch ihre Institution mal genauer durchleuchtet haben werden, wird es vielleicht einen ‹Ombudsmann für Gott› geben, der schön gerecht die Aktenhefter füllt. Bis dahin schlage ich vor, kollektiv endlich die Schnauze zu halten. Sonst könnte es passieren, dass die Nation vor lauter «Unschuldig! Unschuldig!»-Geschrei über dem Bratwurstgrill tot zusammenbricht und sich die Flügel für’n Himmelsflug irreparabel zerzäuselt.

Also, «Geschichte der Erde, Kapitel Menschheit, Teil 101, Unschuldsszene Schweiz, Klappe die zweitausendeinhundertvierte: Ruhe!» Und fünfzig Jahre Pause.

Fischli, Alfred

Forster, Carol

Verschluckte Leute

Immer wieder hat es mich in den Alpstein gezogen diesen Sommer. Kleine, feine Wanderungen, längere Märsche und auch ein paar Mordstouren mit Mordsmuskelkater danach. Gerade jetzt, Anfang Herbst, ist das Licht unvergleichlich. Das Grün ist so satt und hebt sich deutlich, aber sanft vom Grau und Braun der Berge ab. Die Luft ist klar, und wenn der Himmel auch noch blau ist, dann ist es da oben wirklich zum Jauchzen. Ich habe nur ein einziges Problem in den Bergen. Ich bin nicht schwindelfrei. In höheren Gefilden sind dann immer diese Stahlseile gespannt, an denen man sich festhalten kann. Ohne diese Hilfen wäre ich verloren. […] Als Kind musste ich jedes Wochenende in den Alpstein und bin damals, ohne mit der Wimper zu zucken, über den Lisengrat spaziert. Das muss das Alter sein, dass es mich so runterzieht jetzt – und ich an gewissen Stellen ziemlich verkrampft den Wänden entlang schleiche.

Der Alpstein ist bekanntlich nicht zu unterschätzen. Mehrere Personen, die irgendwann nicht von ihren Wanderungen zurückkehrten, werden noch immer vermisst. Als ich letztes Mal über den Chreialpfirst Richtung Zwinglipass unterwegs war, hätte der Berg auch mich beinahe verschluckt. Glücklicherweise war ich schon fast vorbei, als ich es wahrnahm: ein Loch! Wiese, Steine, Schrattenkalk überall, und direkt neben mir, mitten in der Wiese, ein Karstloch von fast zwei Metern Durchmesser. Vereinfacht gesagt sind diese Löcher Entwässerungskanäle, die das Wasser der Karstoberfläche durch das Innere des Gebirges zur Quelle führen. Mir wurde dann gesagt, dass es hier viele solche Löcher gebe und dass die Wegmacher in jedes Loch runterschauen, ob da nicht irgendwo verschluckte Leute hockten. Richtig mulmig und unheimlich fand ich das. Aber ich konnte es dann doch nicht lassen, einen Blick in den Berg zu riskieren, runterzuschauen. Es ging einfach nur runter, immer weiter und dunkler, unergründlich. Mit Herzklopfen wanderte ich weiter.

Ich musste die ganze Zeit an diese Löcher denken, bis ich im Tal unten war. Dass es den Bergen vielleicht manchmal einfach zu viel ist, wenn diese Horden von Wanderern auf ihnen herumtrampeln und die Spitzen ihrer Wanderstöcke in die Erde bohren und in den Fels hacken, dass es vielleicht sogar wehtut und dass sich dann diese Löcher auftun, um hin und wieder einen solch unbequemen Wandergesellen zu fressen. Und plötzlich war mir sonnenklar, weshalb wir früher immer die roten Socken zu den Knickerbockern tragen mussten.

Frehner, Otto

Frei, Bozena

Frei, Coralie

Die Unbekannte im Ozean

Sie ist wirklich unbekannt. Auf fast allen Weltkarten, grossen oder weniger wichtigen, sucht man sie vergebens.

Die Unbekannte im Ozean, das ist die Insel Anjouan. Ein Tourist mit der Seele eines Poeten nannte sie zärtlich die ‹Perle der Komoren›; seine wahren Beweggründe kenne ich aber nicht. Sie gehört zum Archipel der Komoren. Vier Inseln, früheres französisches Übersee-Territorium, drei davon sind heute unabhängig:

Grande Comore hat die Ehre, auf allen geografischen Karten aufgeführt zu werden. Sie erfreut sich einer florierenden Wirtschaft, und durch den Tourismus ist sie weltweit populär geworden. Die Hauptstadt Maroni ist zugleich auch jene des neuen Staates: R.F.I.C. (Föderale Islamische Republik der Komoren).

Mohéli, ‹die Kartoffel› (so benannt nach ihrer geografischen Form), erleidet ein ähnliches Schicksal wie Anjouan … (davon später). Es ist die kleinste der drei. Bescheiden, weniger gebildet und ruhiger.

Mayotte dagegen, der ich den Übernamen ‹die Vorsichtige› gegeben habe, ist sicher die Einzige, die weiss, wohin sie geht. Nach einer Volksabstimmung während der Unabhängigkeitserklärung der Komoren 1975 hat diese bisher diskrete Insel sich für die Zugehörigkeit zum französischen Territorium entschieden. Seither hat sie nicht aufgehört, lauthals den Status eines französischen Departments zu erreichen – im gleichen Stil wie andere französische Inseln: Antillen, Saint-Pierre-et-Miquelon, La Réunion … aber das ist eine andere Geschichte, auf die ich hier nicht näher eingehen will.

Die Unbekannte im Ozean, das bist auch du, hübsche kleine Fatima. Gerade mal zwanzig Frühlinge jung mit einem engelhaften Lächeln und mit deinen sechs Kindern, die du allein aufziehst. Dein eifriger Mann, Berufsoldat der französischen Armee, ist immerzu auf Reisen auf der ganzen Welt …

Auch du, meine liebe Nichte Roukia, die du sozusagen vergewaltigt wurdest am Abend deiner Hochzeit, von deinem Ehemann, der vierzig Jahre älter war als du. Mit dem Einverständnis deiner Mutter und ihrer Artgenossinnen, die sich glücklich schätzten, dasselbe Schicksal erlitten zu haben. Dein grosszügiger Gatte belohnte deine Schreie, deinen Schmerz, dein Leiden und deine Kapitulation reichlich; die vielen Pfunde geschenkten Goldes öffneten dir den Zugang in die Schwesternschaft der stolzen Anjouanesinnen, den weiblichen Bewohnern von Anjouan, deiner Insel.

Auch ihr seid es: Karim, Mahmud, Salim, Männer Anjouans, die ihr die Traditionen erduldet wie ein Verhängnis …

Und ich bin es, Marie Coralie, Tochter des Badjini, Moina Djini (kleine Djini.) Anjouan ist meine Insel. Sie sah mich zur Welt kommen, sah mich gross werden, hat mich belehrt.

Anjouan, das bin ich.

Ich bin die Unbekannte im Ozean.

Eines Tages habe ich sie verlassen. Ich wollte die Nabelschnur durchtrennen, wollte sie vergessen. Ich wollte, dass man mich vergisst, ich wollte mich vergessen …

Darum bin ich unbekannt geworden, und unbekannt werde ich bleiben. Immer. Für alle. Solange ich beharrlich vor meiner Insel fliehe, vor mir selber fliehe …

Fricker, H.R.

Froehling, Simon

Fröhlich, Kurt

Die Galeere am Säntis

Die Galeere glitt. Langsam, aber sie glitt. Gezogen, geschoben, gezerrt. Die Ochsen blieben dampfend stehen, mussten ausgewechselt werden. Seile mussten geflickt, da eine Lärche gefällt, dort ein Stein weggehebelt werden. Wer wollte all die Mühen beschreiben, die es kostete, sie Stück um Stück, den Hang hinauf, vorwärtszubringen, in Richtung des Passes. Verschiedene Techniken wurden entwickelt, um den massigen Schiffskörper zu ziehen, zu wenden und auszubalancieren.

Elf Tage dauerte der Aufstieg zum Pass. An dem Mittag, als sie ihn erreichten, brach die Sonne durch das Gewölk. Es schien, als sei das Schiff die goldene Mitte in einem weiten Kranz eisiger und verschneiter Gipfel. Stolz schauten die Menschen zurück und mit leuchtenden Augen in das glitzernde, sanft abfallende Tal, welches vor ihnen lag.

Am nächsten Morgen wurden unter zuversichtlichen Rufen die Keile gelöst. Mit Bremsen und Ziehen gelangte die Galeere nach gut zwei Wochen in ein breites, sonniges Tal. Hübsche Dörfer lagen auf Sonnenterrassen. Von überall her kamen die Menschen, um das Wunder zu bestaunen, um mitzuhelfen: Da wurden für eine kleine Strecke zwei frische Pferde gebracht, dort kam eine Schar Jugendlicher mit einem Strick, bereit, zuzupacken. Die Kunde vom Erscheinen des goldenen Schiffes breitete sich wie ein Lauffeuer aus. […]

Den ganzen März verbrachten sie damit, die Galeere durch das breite Tal flussabwärts zu ziehen. Wenn diesem Wasser auch bestimmt war, einmal noch weit grössere Schiffe dem Meere zuzutragen, so hätte man auf dem Rinnsal im Oberlauf kaum einen einzelnen Baumstamm flössen können. Anfang April hatte der Zug Chur, eine grössere Stadt am Rheinknie, passiert.

Ausschnaufen konnte der Tross aber noch nicht. Die untere Hälfte des Tales nämlich, der direkte Weg zum See, war zurzeit unpassierbar. Die weiten Sümpfe verunmöglichten ein Vorankommen abseits von Wasser und Strasse. Diese jedoch beherrschten räuberische Ritter aus dem Montafon. Die einzige Möglichkeit sie zu umgehen, war der Weg über eine Bergkette. Und so zogen die tüchtigen Männer und Frauen die Galeere die Schutthänge am Bergfuss hoch, welche glücklicherweise noch immer verschneit waren. Vor ihnen ragten die steilen Felsen der Gebirgsflanke in den Himmel. Jeder hätte angesichts dieser Hindernisse aufgegeben. Nicht so diese von ihrem Glauben getriebenen, endzeitorientierten Menschen. Mit Zuversicht kämpften sie gegen den Unglauben, der sie beschleichen wollte: Unmöglich! Die Hänge waren kein Problem. Sie kannten die Kniffe. Diese Felsen indessen ragten beinahe senkrecht in den wolkenverhangenen Himmel.

Hatte dieser Himmel Erbarmen mit diesen Menschen? Sie gelangten in ein am Felsfuss gelegenes Dorf. Alles lag verlassen, still, dem Verfall übergeben da. Kein Mensch hatte die letzte Pestwelle überlebt. In der Abendsonne zeigte sich die Schönheit dieses Dorfes. Die zwei Dutzend Häuser und Ställe waren aus Rundhölzern gefügt, alt und vom Wetter gezeichnet, aber fest und solid. Ein kleines Kirchhaus war an einen steinernen Burgfried angebaut, der ihm als Kirchturm diente. Mehrere eisüberwölbte Brunnen spendeten Wasser. Bald würde der Schnee weggeschmolzen sein und rund ums Dorf von der Bise geschützte Wiesen freigeben. Man war sich rasch einig. Hier wollten die Flüchtlinge bleiben. (1) Frauen, Kinder, alte und kranke Leute sollten die Häuser beziehen. Die andern würden helfen, die Galeere über den Bergkamm zu bringen.

Man feierte, dass man eine neue Heimat gefunden hatte. Das Kirchlein wurde gereinigt und – da man nicht wusste, wie sein Schutzpatron hiess – der heiligen Veronika geweiht. Filippo entschied, dass in einem sehr feierlichen Akt das Schweisstuch aus dem Schrein hervorgeholt und in einer Prozession um und in die Kirche getragen wurde. Dort schnitt Filippo, der Laienbruder, ohne Zögern und Zittern eine Ecke ab und übergab sie der kleinen Gemeinde. Diesen einfachen Leuten, die vor dem Tod geflohen waren, mit Glaubenskraft eine goldene Galeere über die Alpen geschoben hatten, erschien dieses Geschenk wie ein Stück des erlösenden Himmels, der sich zu ihnen hernieder gesenkt hatte.

In der Nacht nach dem Fest kam mit raschem Schritt ein riesenhafter Mann vom Berg her ins wieder belebte Dorf. Sein imposanter Körper war mit einem Kleid aus Pelzen, Stechpalmenzweigen und bunten Flickentüchern eingehüllt. Eine schwarze schreckliche Holzmaske mit einem Ochsenhorn hatte er über die Stirn hochgeschoben. Seine Haut war nur um weniges heller als die Maske. Beim Gehen stützte er sich auf einen armdicken Wanderstab, wohl der Spitz einer jungen Tanne. Die Leute im Dorf begrüssten ihn ehrerbietig und luden ihn zum Essen und Übernachten ein, was er gerne annahm. Er setzte sich aber weder auf den ihm angebotenen Stuhl, noch legte er sich nachts auf den für ihn bereitgelegten Strohsack. Er sei unterwegs ins Rheintal hinunter, wo in wenigen Tagen der Brauch des Eierlesens (2) abgehalten werde. Da brauche es jeweils solche wie ihn, meinte er unter dröhnendem Lachen. Freundlich erkundigte er sich nach dem Woher der Leute, die sich im verlassenen Dorf niederzulassen gedachten. Als er das letzte Mal hier vorbeigekommen sei, seien die Bewohner gerade weggezogen.

Das Schiff beachtete der Riese nur am Rande, fragte auch nicht weiter danach, ganz so, als sei er sich solche Dinge gewohnt. Er erzählte, dass er eben von Konstanz her komme: «Es ist unglaublich, was sich gegenwärtig in der Christenheit zuträgt. Das Konzil tagt noch immer in Konstanz. Nun haben sie aber nicht mehr zwei Päpste, sondern drei. Und einen der wenigen Aufrechten, Jan Hus, wollen sie einladen, damit er seine Thesen vertrete. Der Kaiser hat ihm freies Geleit zugesichert, aber ich traue ihnen nicht. Ich würde mich nicht wundern, wenn nach seinen Büchern auch er selbst auf dem Scheiterhaufen landet.» Das Gespräch dauerte die halbe Nacht.

Am Morgen erklärte der riesenhafte Fremde, er wolle helfen, das Schiff über den Bergkamm zu bringen, denn er glaube nicht, dass sie das mit ihren bisherigen Mitteln schafften.

Man brach gemeinsam auf und nahm die unglaublich steile Wegstrecke in Angriff. Es schien wie ein Wunder: Die Galeere hatte kaum Gewicht! Es war nicht viel anders, als würde man ein paar Säcke Mehl über die Felswege hinaufbewegen. Man war bald oben. Die Saxerlücke, die zu erreichen unmöglich geschienen hatte, war erstiegen.
Wie eine Schaukel kippte der steil zum Himmel zeigende Bug über den schmalen Kamm, bis der Bugspriet zum tief unten liegenden, schmalen See zeigte. Auch das Hinunterziehen des Schiffes ging glatt vonstatten. Nachdem sie einen eher bequemen Hang überwunden hatten, kehrte der Riese zur Saxerlücke (3) zurück, um seinen eigenen Weg dort fortzusetzen. Filippo konnte dem rasch Davoneilenden nur noch ein herzliches Dankeschön nachrufen.

«Wer war das?» Alle standen sie beieinander und wunderten sich. Hatte der Riese solche Kräfte besessen? Man rätselte über die Natur des Helfers. «Das muss Arlecchino, der Wilde Mann, selber gewesen sein», meinte einer der Umstehenden. «Oder Odin», sagte ein zweiter. «Es soll hier herum Menschen geben, die einst weit aus dem Osten gekommen sind und die so gross werden», erklärte ein anderer. Wieder einer vermutete: «Vielleicht war das der Ewige Jude, der soll sich auch nie hinsetzen». «Vielleicht war es das Tuch, das dieses neue Wunder vollbracht hatte, und gar nicht er?» In diesem Augenblick verschwand die grosse Gestalt hinter dem Grat.

In Konstanz tagte die 112. Sitzung des Konzils. Während die Debatte andauerte, wünschte ein Kardinal, die drei amtierenden Päpste (4) kurz im Münster zu sprechen, er hätte eine wichtige, geheime Meldung zu erstatten, die es notwendig mache, dass die drei mächtigen Gegner, die noch nie alleine zusammengetroffen waren, das Protokoll verlassen und seiner Bitte Folge leisten würden.

Mit einer kleinen Sicherheitsgarde trafen die drei Päpste am angegebenen Ort ein. Der Kardinal war in Begleitung eines Offiziers der römischen Garde zugegen und sprach: «Meine Herren, ich bitte, mir dieses ungewöhnliche Begehren zu verzeihen, aber ich bin der Überzeugung, die Situation verlangt es, da Ungewöhnliches, ja, sagen wir ruhig, Unvorstellbares sich zu ereignen scheint. Bitte hört den Bericht dieses Mannes.»

«Eure Heiligkeiten», begann der Offizier, etwas unsicher, ob diese Anrede auch bei drei Päpsten die richtige sei, «als Offizier der Garde komme ich eben aus Rom zurück. In jenen Bergen, die sich hinter diesem See erheben, habe ich Unglaubliches gesehen: Ein heiliger Mann und eine heilige Frau, Filippo und Veronika mit Namen, sind dabei, ein Wunder zu vollbringen. Sie schaffen eine goldene venezianische Galeere über die Gebirge, ganz so, als handle es sich dabei nicht um Berge und Täler, sondern um Wellenkämme und Wellentäler. Niemand weiss Genaueres über ihr Vorhaben. Aber sie haben mächtigen Einfluss auf die Menschen, denen sie begegnen. Viele haben sich ihnen angeschlossen. Von einigen hört man sagen, das Schiff sei die neue Arche.»

Die Päpste hatten dem Bericht mit wachsender Unruhe gelauscht. Einer von ihnen fragte: «Hat Er diese Galeere mit eigenen Augen gesehen?» «Ich habe sie gesehen», der Offizier verneigte sich, «von weitem nur, aber es ist ein Wunder. Mitten in der Felswand hing sie, ein grosses goldenes Schiff. Und es glitt scheinbar mühelos langsam aber stetig höher. Jeder einzelne meiner Soldaten hat es gesehen und kann es bestätigen. Es hat meinen Soldaten mächtigen Eindruck gemacht. Es würde mich nicht wundern, wenn dieses Wunderschiff auf dem Weg hierher wäre.»

Die drei Päpste zogen sich einen Augenblick ins Dunkle der Kirche zurück, besprachen sich und verliessen daraufhin das Münster, jeder mit seinem Gefolge durch eine andere Türe. Der Kardinal erteilte dem Offizier folgende Order: «Die drei Päpste befehlen dir einstimmig, diese Galeere schnellstens ausfindig zu machen und oben in den Bergen zu beseitigen. Niemand soll von ihrem Verschwinden Zeugnis ablegen können. Es kann sich bei diesem Schiff nur um einen Spuk des Teufels handeln, und nichts ist gefährlicher, gerade jetzt, wo die Christenheit um ihre Einheit, die Reinheit der Lehre und um die Würde des kirchlichen Lebens hier auf Erden ringt, als sich vom Teufel ins Handwerk pfuschen zu lassen. Nun, Er hat den Befehl gehört!» «Ich weiss, was ich zu tun habe! Bitte segnet mich und meinen Auftrag!»

Nachdem der grosse Fremde die Galeere verlassen hatte, entstand eine gewisse Unruhe unter den Männern. Der Grund war leicht zu erraten: Es zog sie in ihr neues Dorf zurück, zu ihren Familien, zum Aufbau ihrer neuen Existenz. Leichten Herzens und voller Zuversicht entliessen Filippo und Veronika ihre Helfer, überzeugt, dass, waren sie mit ihrem Schiff bis hierher gekommen, dieses auch irgendwie weitergelangen würde.

Es war ein herzlicher Abschied, um Mittag herum, die Sonne schien für ein, zwei Stunden ins enge Tal hinunter und liess das Gold der Galeere grossartig aufleuchten. Die beiden Zurückgebliebenen setzten sich unweit des Schiffes auf einen aus dem Schnee ragenden Stein. Sie sah wunderschön aus, ihre Galeere. Unter ihnen lag die zugefrorene Fläche des Sees, dahinter ragten steil die ewigen Berge auf. (5)

«Weisst du», sagte Filippo, «so stelle ich es mir vor: Es wird Abend sein, die untergehende Sonne wird unser Schiff in seiner ganzen Pracht aufleuchten lassen. Das Segel ist gesetzt und wir steuern auf Konstanz zu. Sie werden ans Ufer treten, alle die Kirchenmänner, sie werden unser Schiff erblicken, wie es von den Bergen her auf sie zusteuert. Auf das Segel nähen wir das Schweisstuch der Veronika. Diesem Bild des Glaubens wird sich niemand verschliessen können, der ein fühlendes Herz in seiner Brust hat. Die endlose Verwirrung wird ein Ende haben, genau wie all das unnötige Leiden der Menschen, Jan Hus wird nicht auf den Scheiterhaufen gebunden. Man wird vom Wunder von Konstanz reden. Unser Schiff aber wird an ihnen vorübergleiten. Wir werden unseren Weg fortsetzen nach Köln.» «Du bist ein Träumer, Filippo», seufzte Veronika, «und dafür liebe ich dich. Wenn du aber von einem fühlenden Herzen sprichst – wie steht es um dein Herz? Weisst du auch, was ich fühle?»

Sie blickten sich an, zuerst vergruben sie ihre Köpfe in den Schultern des anderen, dann pochte ein Herz am Herzen des andern. Die lange zurückgehaltene Flut ihrer Gefühle brach los. «Du meine Heilige», flüsterte er ihr zärtlich ins Ohr. «Filippo, mein Heiliger!», antwortete Veronika lächelnd. Als wäre ein Wildbach losgebrochen und risse alles mit, was ihm im Wege lag: Stämme krachten, Steine rollten, ein Schrei aus Veronikas Mund: «Filippo! Die Galeere!»

Krachend, quietschend und rumpelnd rutschte die Galeere übers halbgefrorene Schneefeld, sie schlug auf Felsen, neigte sich nach links und nach rechts, ein kantiger Fels riss ihre Seite auf. In rauschender Fahrt stach sie ins dünne Eis des Sees, das weitherum in Stücke brach, glitt noch etwas weiter hinaus, das Eis zerteilend, verlangsamte ihre Fahrt, bis sie stillzustehen schien und langsam im Bergsee versank.

Die Sonne hatte das Tal längst verlassen, Filippo und Veronika standen noch immer am Ufer des Sees und versuchten zu fassen, was geschehen war. «War das der Sinn aller Anstrengung», sprach endlich Filippo, «dass unsere Galeere in diesem Bergsee, am Ende der Welt, sang- und klanglos versinkt?» «Wenn ich das wüsste, mein Liebster», antwortete Veronika, «kann denn so viel Mühe tatsächlich sinnlos sein?» «Jedenfalls wird sich das Wunder von Konstanz nicht ereignen», meinte er. «Ach Filippo, was ist das für eine Welt, die nur noch mit Wundern in Ordnung gebracht werden kann …»

«Vielleicht, Filippo, ist es einfacher als man denkt», Veronika sah ihn schelmisch an, «Wunder braucht es, wo die Liebe fehlt.» «Na ja», meinte er, «dann brauchen wir ja wohl keines.» Sie waren noch nicht weg vom Ort, wo ihre Galeere am Grund des Bergsees lag.

Plötzlich hörten sie das Klingen von Glöcklein und Schellen. Eine tanzende Gruppe von wüsten Gestalten näherte sich ihnen, mit Reisig, Tannzapfen und Schneckenhäusern herausgeputzt, mit Schellen und Treicheln behangen. (6) Die Gestalten umtanzten die beiden, sangen einen fremdländisch tönenden leisen Gesang hinter ihren Masken, schüttelten ihre Glocken. Es tönte von Ferne wie die Musik, die Filippo in Avignon vor dem Tympanon gehört hatte.

Die Tanzenden hoben Filippo und Veronika auf ihre Schultern. Tanzend und läutend verschwanden sie mit den beiden talwärts.

Die Soldaten der Päpste suchten die Galeere umsonst. In Leermondnächten aber ist seither jeweils der Mast der Galeere zu sehen, wie er aus dem See ragt. Zwei kleine Lichtwesen umspielen ihn. Auch soll dabei Gesang zu hören sein, schön wie Engelchöre.

1 Wahrscheinlich die Ortschaft Sax. Falls die Flüchtlinge in Sax bleiben konnten, profitierten sie wohl von unklaren Besitzverhältnissen oder von einem Machtvakuum zwischen dem Kaiserreich, den Habsburgern und den Grafen von Werdenberg-Heiligenberg. Sax wurde später bei einem Brand beinahe vollständig zerstört.
2 Heute noch in Oberriet begangener Brauch zum Frühlingsanfang.
3 Bereits die Boten des Kaisers benutzten den Weg über die Saxerlücke, nachdem der Herzog von Schwaben
den Fürstabt von St. Gallen damit beauftragt hatte, einen sicheren Weg vom Bodensee in den Süden zu finden. Richel der Läufer war der bekannteste der Führer durch dieses Gebiet. (Vgl. Grubenmann, hier S. 406–408).
4 Benedikt XIII., Gregor XII. und Johannes XXIII.
5 Fälensee am Säntis, auf ca. 1400 Metern Höhe gelegen, unterirdischer Abfluss.
6 Es handelt sich hier offensichtlich um sog. ‹wüste Chläuse›, noch heute im Appenzellischen zu bestimmten Gelegenheiten unterwegs.

Fuchs, Mäddel

Gahse, Zsuzsanna

Zu Füssen des Hochhamms

Als ich vor einigen Wochen mit Hans hergereist kam, standen wir gegen Mittag vor dem Kirchportal. Wir schauten zu der geschlossenen Häuserreihe hinüber, zu den Holzfassaden, und Hans sagte, dass es sich bei diesen Häusern wahrscheinlich um die bekannten Appenzeller Strick-Bauten handle. Um Holzstrickware sozusagen, die zum alten guten Wissen gehört und ja nicht in Vergessenheit geraten sollte.

Städtische Häuser, dachte ich. Eine ehemals werdende Stadt, die dann nicht weiter geworden war.

Jedenfalls standen wir vor dem Kirchportal, als unten auf der Strasse ein Kleinbus hielt. Sieben Personen stiegen aus, sieben Mal silbrige Haare. Die Leute, Frauen und Männer, streckten sich und Tränen flossen, beinahe zumindest. Sie kamen über die Stufen zu uns herauf und erzählten, dass sie alle aus Toronto gekommen seien. Eben erst angekommen, am Zürcher Flughafen. Sie hätten sich den Wagen gemietet, um sich hier in der Gegend umzuschauen. Denn zwei von ihnen stammten aus Schönengrund, die anderen aus Heiden und Trogen, und sie alle waren seit Jahrzehnten nicht mehr in der alten Heimat. Der Mann aus Schönengrund räusperte sich und zeigte zu einem Fenster hinauf. Da wurde ich geboren, sagte er. Später zeigte seine Frau ihr Elternhaus, vor allem aber schaute sie ständig in die Höhe, schüttelte den Kopf und meinte schliesslich, dass man ihr nicht zu glauben brauche, aber es sei vor allem das Licht, das hiesige Licht, das sie auf Anhieb wiedererkenne. Als gäbe es dieses bestimmte Licht auf der gesamten Welt nicht noch einmal.

Toronto und Schönengrund. Das sind zwei entgegengesetzte Lebensmöglichkeiten.

Die sieben Silberhaarigen schwiegen zwischendurch, sie schluckten, legten die Arme einander um die Schultern, und sie blieben bei uns stehen. Sie wollten noch weiter erzählen, und die Schönengrunderin wiederholte, wie erstaunt sie über das Licht sei, über ihr grundeigenes Licht.

Mehr oder minder zufällig sassen wir nachher gemeinsam beim Mittagessen. Die sieben erzählten ein wenig von ihrer Jugend, nicht viel, sie waren noch ganz benommen von der wieder gewonnenen Umgebung. Sie waren ja erst einige Stunden vorher gelandet, man könnte sagen, meinte einer von ihnen, dass sie noch nicht wirklich gelandet seien, und schon seien sie hier, auf dem Land.

Tja, was ist eine Stadt? Fünfzig Häuser können bereits eine Stadt sein. Ich sagte, Herisau beispielsweise sei wirklich eine Stadt, obwohl ich mir vorstellen könnte, dass sich dort die meisten Leute kennen und einander sogar begrüssen.

Die Sieben aus Toronto nickten und lächelten. Ich erzählte ihnen, dass ich in Herisau einmal einen Mann in der Nähe der Bibliothek gesehen habe, einen Rothaarigen, von einigen Jugendlichen umringt. Während ich ihm zuschaute, erklärte mir eine Passantin, dass man den Mann täglich sehen könne, den kenne jeder. Die Schüler oder die Schülerinnen erwarten ihn geradezu, und sie stellen ihm die vertracktesten Rechenaufgaben, fragen ihn nach der Wurzel aus vierhundertzwanzigtausend oder lassen ihn komplizierte Zahlen potenzieren.

Dann geht der Rothaarige ein wenig auf und ab, schnippt mit dem rechten Daumennagel am Mittelfinger, er schnippt unentwegt, am Mittelfinger fehlt schon die Haut, vorgebeugt geht er mit seinen Rechnungen los, liefert immer die richtigen Lösungen, und man sieht ihm an, dass er ausser seinen Zahlen nichts braucht. Sein Kopf funktioniert, das mag er, und er mag seine jungen Begleiter.

In Schönengrund würde der Rothaarige vereinsamen, vielleicht sogar verrückt werden. Kaum einer würde ihn brauchen. In Toronto hingegen würde man ihn übersehen, wer weiss!

Die Grösse einer Stadt sei eine Frage für sich, sagte der Mann aus Trogen. «So das ist eine Frage, you know», sagte er.

«Herisau einerseits, Toronto andererseits, daneben Schönengrund und daneben das alte Athen, das ist spannend», rief Hans und schob seinen Stuhl vom Tisch zurück, als wollte er zu einer Rede ausholen, aber er sagte nur: «Das kleine Athen, die erste Grossstadt, die erste wirkliche Stadt.»

Und dann flogen die Stadtnamen hin und her. Toronto, Istanbul, New York, das ewige London, Rio! Petersburg ist grösser als Rom, Bukarest hat mehr Einwohner als Wien, die Fläche von London ist doppelt so gross wie Toronto und Toronto beinahe dreimal so gross wie Appenzell Ausserrhoden.

Sagen wir nun, sagten wir, Schönengrund wäre ein hübscher kleiner Stadtbezirk der neuen Megametropole Appenzell. Hier, in einer schönen Zone der Riesenstadt, ginge man durch baumbesetzte Alleen und zwischen Hochhäusern mit zehn oder zwanzig Stockwerken, man stiege zum Hochhamm hinauf, wo natürlich weitere Hochhäuser stünden, und in einem dieser Bauten wäre das berühmte Terrassenkaffee Hochhamm, von wo aus man nicht nur bis nach Alt-Herisau und Alt-St. Gallen sehen könnte – natürlich nur bei entsprechend klarer Sicht –, sondern bis nach Alt-Bregenz, also zum Stadtbezirk Bregenz. Weit und breit nichts als schöne und weniger schöne hohe Häuser, ein endloses Häusermeer, dazwischen erstaunliche Brücken, erstaunlich hohe Wolkenkratzer, architektonisch bewundernswerte, schwindelerregend hohe Türme – und mitten im Häusermeer der hohe Kopf des Säntis, wie ein Zuckerhut. Irgendwo allerdings, am Rand der Riesenmetropole, gäbe es auch sogenannt marginale Viertel und bei etwas Missgeschick sogar die unvermeidlichen Favelas.

Auf diese Vorstellung, die wir gleich wieder verscheuchten, tranken wir einen Schluck Wein mit den silbernen Sieben, und der Mann aus Trogen fragte bedächtig, er frage sich selbst, ob er in einer derartigen Stadtgegend glücklich wäre.

Dann dachten alle nach. Es entstand eine lange Pause. Und da ich solche Pausen manchmal erschreckend finde, als hätte ich eine Kluft vor mir, sagte ich:

«Glückliche Leute haben den Vorzug: Sie sind gesünder. Weil sie gesünder sind, sind sie glücklicher, und deshalb sind sie wiederum gesünder und damit glücklicher. Glückliche Leute haben ein besseres Gedächtnis und wie von selbst angenehme Umgangsformen, womit sie dann gefallen, und dadurch sind sie glücklicher. Sie fühlen sich mitten in der Welt, inmitten der Welt, und das steigert ihre Lebensfreude. Vereinfacht aber sollte ich sagen: Glückliche Leute sind glücklicher.»

Wie auch immer. Es ist schön in dieser Gegend, und der Ortsname hier ist, wie gesagt, treffend.

Aber es geht halt um Land kontra Stadt. Gegenwärtig entwickelt sich alles in Richtung Stadt, in Richtung Megastadt, wo alles zur Verfügung steht und wo man einander nicht zu grüssen braucht, man kommt sowohl freundlich als auch unfreundlich aneinander vorbei. Und es heisst, dass in den grossen Städten meist mehr Kultur anzutreffen sei als auf dem Lande, wo eher nur Bäume oder Obst kultiviert werden. Aber es ist gut zu wissen, dass hier Raum genug für eine Metropole wäre, und es ist gut, dass sie nicht vorhanden ist, derzeit. Es könnte einmal durchaus eine Trendwende geben. Dann würden alle die Stadtflucht ergreifen, Tausende kämen aus den Städten herangefahren, hierher, in der Meinung, im Grunde nur hier glücklich zu sein, in Schönengrund, weil hier niemand am Rande sein kann. Unten im Grund wird niemand am Rand sein. Das leuchtet ein. Nur würde bei dem Massenandrang nichts mehr leuchten, so dass die Leute wieder abziehen müssten, und was ihnen bliebe, wäre die Sehnsucht hierher zurück.

Ganz, Heinrich Rudolf

Appenzell, das Land

Der Kaien, Wirtshaus Gupf

Der Regen hatte sich verzogen, der Himmel aufgeheitert und während die Wirtstochter nach den Bauern sah, die in der vordern Gaststube einen Liter nach dem andern ausjassten, warf ich einen Blick durch die Fenster auf den steilen Hang des Rossbüchels, hinter dem sich der Bodensee ausbreitet und dessen Fläche man verfolgen kann bis hinunter nach Konstanz, wo sie sich in den Überlinger- und Untersee teilt. Man sah jenseits des Sees die Zeppelinwerft, Friedrichshafen, Lindau und Tettnang, auf das die Sonnenstrahlen, wie von einem Reflektor geworfen, fielen; dann schaute ich auf den nahen Thurgau hinunter, in den die Appenzeller vor fünfhundert Jahren ihre Waffen getragen haben, damals, als sie noch mehr an beutebringende Kriegszüge als ans Liter-Ausspielen dachten.

Es war ruhig hier oben und ich habe mich gefreut, dass hier ein gemütliches Gasthaus ohne five o’clock tea und ohne Kurkapelle stand. Die Familie des Wirts hatte sich eben zum einfachen Vesperessen niedergesetzt und statt der Kurmusik fingen die Bauern zu jodeln an. Als ich meine Zeche beglichen hatte und mich zum Aufbruch anschickte, gab mir das Töchterlein des Wirts mit einem freundlichen «Aaaadie! Bald wieder!» das Geleite bis zur Haustüre. Noch eine Weile schaute ich dem Treiben einiger Kinder zu, die sich auf dem Platze vor dem Hause mit Schaukeln und Wettspielen vergnügten, und schlug dann den Fahrweg ein, der hinunterführt zum Dorfe Rehetobel, von dem von hier aus nur der spitze Kirchturm und einige Häuser zu sehen waren. Ich musste stille stehen und hinüberschauen zum blauen Säntis, zum Gäbris, zu den Dörfern Speicher und Trogen, die an dunklen Hängen klebten und hinter denen die Hügel des Hinterlandes, der Speer, der Glärnisch, die beiden Mythen, Rigi und Pilatus den fernen Horizont abschlossen und ich begriff Pfarrer W.F. Bion, der, als er in Rehetobel amtete, von der Hügellandschaft einen so überwältigenden Eindruck bekam, dass er singen musste:

Appezellerländli, du bischt so tonnders nett!
Lief’ i z’Fetze d’Strömpf ond Schue, gieng i wo-n-i wett;
So e Ländli fönd i niene,
Wo-n-i ane chomm, i g’siehne,
Dass me üebt viel Pfeff ond List,
Ond’s do besser ischt.

Giger, Andreas

Gisi, Paul

Aline

In den Disteln
im Sande
in den Mauerritzen
in den Platanenkronen
im Maquis von Erdbeerbäumen
lieben sich Wirbelwespen
zwitschert der Girlitz
wiederholt die Steinohreule
ihren eintönigen Ruf –
in Fliederbüschen
schlagen Grasmücken
ihren Wohnsitz auf
Tausende von entzückenden Insekten
sammeln jagen und bauen –
kleine Aline
schau
auch ich baue dir ein Nest

 

Durch schlickende Stille
des nächtlichen Hafens
pfeift ein junger Matrose –
du kleines Mädchen komm
wir schlendern
verspielt umarmt
zum Bistro
am kleinen Platz
mit den grossen Platanen –
unter diesen Sternen
ist alles gut

Glauser, Friedrich

Grubenmann, Albert

Grubenmann, Ottilia

Spitalgeburt

Am Vorabend des ersten Mai erhielt ich Bericht, eine Erstgebärende, die schon vor einem Monat Alarm geschlagen hatte, habe endlich Blutspuren. Weil sie auch von Wehen sprach, lockte mich das an ihren Wohnort. Sie lief gespannt und steif umher, verkrampfte sich während ihrer angeblichen Wehen, wie wenn es bei ihr schon fortgeschritten wäre. Ich sagte ihr, dass diese Nacht bestimmt noch keine Geburt erfolgen werde und dass sie erst ins Spital gehen müsse, wenn die Wehen ernstlich zunähmen. Also war diese Nacht nichts los. Gegen halb sechs orientierte mich die Nachtschwester von Gais über das, was sich dort nachts ereignet hatte. Zwei Frauen waren eingetreten, wobei die erste der zweiten im Gebärzimmer Platz machen musste, was leicht geschehen konnte, denn die erste hatte nur unbedeutende Wehen.

Somit machte ich mich auf eine lange Wartezeit gefasst. Ich nahm ein Strickzeug mit, das ich während der Wehenpausen zu einem Knäuel aufziehen wollte. Die eine, des unnötigen Jammerns nicht müde werdend, vertröstete ich auf später, da ihr Muttermund noch vollständig geschlossen war. Er fühlte sich ungefähr so an wie die letzte zusammengezogene Runde beim Schlussabnehmen eines dicken Sportsockens. Der Kopf des Kindes stand ebenfalls noch hoch. Wollte man ihn von unten erreichen, musste man die Frau zum Pressen anhalten, sonst griff man ins Leere. Die Drittgebärende jedoch hatte eine Muttermundsöffnung in der Grösse von zwei Franken, und diese Öffnung war so weich, dass sie während des Untersuchs mühelos auf die Weite von fünf Franken gedehnt werden konnte. Dies gibt die Gewissheit, dass mit einer kleinen Unterstützung, manchmal schon mit einem Klistier oder mit ganz wenig Wehenmittel, die Geburt sofort in Gang kommt. Nach dem erfolglosen Klistier, das immerhin den Vorteil einer Darmentleerung hatte, nahm ich die Erlaubnis für ein Wehenmittel entgegen.

Nun zog ich neben dem Gebärbett, bis ich Wichtigeres zu tun bekam, mein graues Strickzeug auf, denn die wirksame Wehentätigkeit kam erst nach der zweiten Injektion in Gang. Zwischendurch wurde ich ans Telefon gerufen, wo ich einer Mutter Auskunft betreffend ihrer Stillschwierigkeiten geben musste. Meine Abwesenheit vom Gebärzimmer hatte nicht länger als fünf Minuten gedauert und schon zeigte die Leuchtkugel oberhalb der Tür auf Alarm. Die Frau wurde vom Blasensprung überrascht, weshalb sie geläutet hatte. Nun mussten noch die letzten Vorbereitungen zur Geburt getroffen werden, um dann erneut zu blinken. Diesmal der diensttuenden Schwester, damit sie beim Durchtritt des kindlichen Schädels mit der Metherginspritze in die Armvene bereit war.

Gleich begann die Frau mit der Austreibung. Beim dritten Pressweh trat der Kopf des Kindes durch, begleitet von einem leisen Stöhnen seiner Mutter, die entschuldigend sagte: «Jetzt werde ich noch wehleidig.» Es war eine Spontangeburt wie tausend andere, und doch ist es immer wieder bei jeder Frau ein anderes, manchmal sehr tief gehendes Erlebnis, das uns stets wieder das wunderbare Geschehen der Menschwerdung vor Augen führt. Das Kind war ein Mädchen. Als ich nach seinem Namen fragte, sagte die Bäuerin im Gedenken an ihr verstorbenes Kind wehmütig: «Wieder eine Maya», denn ihr letztes Mädchen war auf tragische Weise ums Leben gekommen.

Inzwischen war die andere Frau nach Hause verreist und auf Montag bestellt worden, falls die Geburt nicht vorher in Gang kommen würde.

Zu jener Frau, der ich prophezeit hatte, dass ihr Kind diese Nacht mit Sicherheit nicht komme, fuhr ich morgens um vier Uhr, nach getaner Arbeit im Spital. Nun war ihr Muttermund auf ein bis zwei Franken offen, der kindliche Schädel aber immer noch hochstehend. Ich hatte ein Zäpfchen zur Beruhigung mitgebracht und sagte ihr, dass ich mich daheim noch eine Weile hinlegen würde, um sie dann wieder zu kontrollieren. In Wirklichkeit gedachte ich, daheim zu schreiben, denn wenn man das Erlebte nicht sogleich zu Papier bringt, verwischen sich die Eindrücke und etliches geht vergessen. So fuhr ich, den frühen Sonntagmorgen geniessend, unserem Dorfe zu. Der Himmel war leicht bewölkt. Die Berge ergaben eine markante Silhouette, darüber ein Stück freier Himmel, dann wieder die schönen Wolken. Daheim angekommen, orientierte mich meine Mutter über einen Anruf. Ich bedauerte sehr, dass sie als alte Frau noch von abends bis morgens als Telefonistin dienen musste. Dann also doch noch für eineinhalb Stunden – gute Nacht!

Grunder, Paul

Gurtner, Othmar

Schlechtwetterfahrten

Der Altmann

Eine wilde Sturmnacht hat sich über die Berge gelegt und jauchzt um die Wette mit dem tollen Springinsfeld, dem Brülbach. Der Raum ist erfüllt vom Tosen und Rauschen: entblättert zittert der Wald, die Tannen am Berghang schlürfen und taumeln im rhythmischen Schwingen des nächtlichen Sanges. –

Einsam wandere ich durch weite Wiesen und herbstlichen Wald am glucksenden Bächlein entlang dem Brültobel zu. Über der Ebenalp hasten emsige Wölklein landaus und verdunkeln zeitweise die grosse blasse Mondscheibe. In breiten Streifen klettert das Licht am Kamor. Dazwischen kauern schwer die Schatten und werden mitsamt den finsteren Tannenkeilen zu drohend ausgereckten Gespensterarmen, die frech nach dem herrlichen Lichte am Grat greifen. Fast scheint die düstere Macht zu siegen; mehr und mehr hängt sich Wolke an Wolke – schon spannt sich ein wulstiger Kragen über den Alpstein, – ein Mantel mit unendlich getürmten Vorstössen, schwarzschleppenden Schleifen und Fransen. Aus schmalen Ritzen funkeln ein paar Blinzelsternlein gar schüchtern herab auf das sturmgepeitschte Bergland. – Jetzt hat das Brültobel all das verschlungen, – die Wolken, den Mond – und auch mich; nur der Bach rauscht im ewigen Takte sein Reiselied.

Im Tobel bin ich geschützt vor dem rauhen Föhnsturm. Doch ängstigt mich das hohle Sausen und treibt mich bergan, bis der Schweiss in Tropfen auf der Stirne steht. Hoch über der Schlucht kollern und poltern tausend koboldische Geister und johlen mir die Ohren voll mit ihrem nichtssagenden, einförmigen Schnauben, das doch so eindrucksvoll auf mich eindringt. Wohl suche ich es zu deuten. Doch kaum sind die Sinne darauf gerichtet, so flackert das tobende Raufen der neckischen Teufelchen zu erneuter heftiger Wallung auf, und im Taumel des Sturmes reisse auch ich mich zusammen und haste tappend den einsamen Holperweg bergwärts. Als Wohltat empfinden die erregten Gedanken das abwechslungsreiche Suchen des Weges; bald bin ich ein leichtlebiger Wandergesell, dann wieder ein Träumer, den Blick in das Dunkel gerichtet, – die Gedanken Gott weiss wo zerstreut …

Da rüttelt der Föhnsturm mich wach. Weg fliegen Gedanken und breitausgesponnene Träume. Hart fällt der Wind mich an und vermehrt mit seinem heissen Atem die Schrecken, die rings im stumpfen Dunkel kauern, und unsichtbar, doch geahnt, mit Riesentatzen zu wuchtigem Schlage ausholend, über mir schweben. Und jetzt – oh Schreck – kommt gar Leben ins Astwerk des Waldes. Das Schwingen und Biegen wellt sich von Baum zu Baum, und bald wähne ich Riesen zu sehen, bald hässliche Zwerge, und plötzlich, – eiskalt läuft’s mir über den Rücken – huii-sss – stösst ein wirbelndes dunkles Etwas vom Walde her auf mich zu. Schon fasse ich fester nach meinem Stock und starre entsetzt in das Dunkel, – da schnaubt es vorbei, streift hart meine Schulter und wirft mir kalten Schreck in die Glieder. Kaum wage ich umzublicken; und doch …, – da muss ich fast lachen, ein harmloses, dürres Stacheltännlein hat mich dermassen geängstigt, nur weil es vom Föhnsturm erfasst und im Wirbel an mir vorübergetragen wurde. – Schaurig öde und verlassen liegt die endlose Ebene der Sämptiseralp. Am schwarzen Bergsee entlang schleiche ich hinüber zu den Hüttendächern am Berghang. Ein schmaler Steg überbrückt den Bach. Mitten über dem Wasser sucht mich der Sturm mit ausgesuchter Tücke zu werfen, und wie ihm das nicht gelingt, bläst er seine Pausbacken leer, wütet und tobt, und presst sich mir in den Hals, so dass ich kaum Luft schnappen kann. Vorwärtsgebeugt renne ich gegen den Wind …

[…]

Ich sehe keinen [der drei Alpsteinseen]. Auf der Meglisalp wedeln zerzauste Drachenschwänze, und am Hundstein bäumt sich der wogende Leib. Und auch vom engen Felstal von Fählen zuckt ein gieriger Drache empor. Über der prallen Mauer der Freiheit stossen und fauchen die grauen Dämone und zischen mit dunstigem Brodem weithin über Grat und Tal. Auch im Toggenburg ein Gewühle und Rollen von buckligen, formlosen Massen. Rings Sturm und Toben, – inmitten der grauen Nebelschlacht der Altmann, ruhig und stark. Er ist der Lenker der Schlachten. Ihn umhüllt keine Wolke, und fest und sicher zügelt sein Felsarm das launische Aufbäumen der Tiefe.

Hartmann, Jakob

Das Vorspiel des Lebens

Nun zog der Herbst in mein Jugendland. Undurchdringliche graue Nebel lagen über dem See, auf dem die Nebelhörner heulten. Dieses Heulen tat mir weh, denn ich ahnte eine Gefahr, zwar nicht für mich, aber für andere Menschen, die auf den Schiffen das Nebelmeer durchfuhren. An manchen Tagen zerteilte sich gegen Mittag der dichte Schleier über dem See und der Landschaft, und von leuchtenden Sonnengeländen grüsste mein Wunderland zu dem entzückten Joggeli nach Felsberg herüber. O ihr lichtgetränkten Strandbilder, wie oft hat meine erwachende Seele sich gesonnt und belebt an der Überfülle von Schönheit und göttlicher Herrlichkeit, die sich da dem freudetrunkenen Auge offenbarte. Über den Steinbrüchen im Moos erhebt sich der Rossbüchel, später mit dem moderneren Namen ‹Fünfländerblick› belegt. Gegen die Mitternachtseite verbindet ein langer Dämmerstreifen badisches, württembergisches und bayrisches Land mit-
einander. Tief im Nordwesten beginnend, endet er beim Eiland der Stadt Lindau und strebt über dem Gebhardsberg weiter, um sich in den dunklen Forsten des Bregenzerwaldes zu verlieren. Als ich an einem dieser selten schönen und erhabenen Herbsttage diese Lande überschaute und meinen Blick über Hochmatt schweifen liess, sah ich ein Gewimmel mächtiger Gräte und Rücken, die einen gewaltigen Gebirgsstock emporhoben, der den fünf Ländern weithin seinen Gletscherfirn zeigte und wogiges Hügelland und strömende Bäche von sich ausstiess. Dieser Gebirgsstock unterbricht gegen Westen den Lauf der Bergeslinie des Alpsteins. Aus diesem fernen Bergland kam eines Abends ein rüstiger Fussgänger geschritten. Auf einem ‹Rääf› trug er ein kleines, bemaltes Komödli und erkundigte sich nach der Behausung des Deckers Heinrich Tanner. Nachdem er sie gefunden, stellte er die Bürde auf die Ofenbank, öffnete nach kurzer Begrüssung die beiden Schubladen und entnahm ihnen drei Paar Holzschuhe. Mir schenkte er einige hölzerne Kühe und der kleinen Schwester Elisa eine Holzpuppe und ein Bettstättlein; alle diese Dinge waren das Werk seiner Hände. Dieser kleine, besetzte Mann mit dem grauen Kranzbart und der ausrasierten Oberlippe war mein Grossvater väterlicherseits, der den weiten Weg aus seiner rauhen Bergheimat zu uns zu Fuss gemacht hatte. Trotz seinen 65 Jahren reichte das volle, gebleichte Lockenhaar bis an die Schläfe, nur sein Körper war von harter Arbeit vornüber gebeugt. Die Tanner waren ein zähes Geschlecht und geschickt zu mancher Hantierung und voll gesunden, sprühenden Witzes. Mein Grossvater erzählte, dass auf seinem Heimeli drei Kühe und zwei Geissen Atzung fänden, und dass er sich im Sommer mit Zimmerarbeit und im Winter mit Holzschuhmachen befasse. Daher nannte man ihn zu Hause den ‹Holzbodenruedi› und zufällig lag auch seine Behausung im Holzboden in der Gemeinde Schönengrund. Bevor er an diesem ersten Abend zu Bette ging, nahm er ein kleines, abgegriffenes Buch aus seiner inneren Westentasche, – die Weste war aus rotem Scharlach und hatte beidseitig silberne, achteckige Knöpfe –, und las aus dem Psalter eine seelische Stärkung vor, wie er es nannte. «David war der erste und grösste Dichter und er verstand es, wie kein zweiter, die Saiten und Stimmungen der Seele zu berühren», sagte der Grossvater. Zuletzt sprach er ein kurzes Gebet mit dem Schlusssatz: «Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.» Drei Tage blieb der Grossvater bei uns, und als ich zutraulicher gegen ihn wurde, erzählte er manche Geschichte, die sich im Bereiche seiner Heimat zugetragen. Indessen rühmte er auch unser Land, der See und die Reben hatten es ihm besonders angetan. Er wusste es bisher nicht, dass es in unserem rauhen Bergland reife, blaue Trauben gebe, die man essen konnte, ohne an Essig oder Holzäpfel zu denken. Am letzten Nachmittage, ehe die Sonne zur Rüste ging, kam noch eine ersehnte Gelegenheit, dem guten Grossvater mein Wunderland zu zeigen. Die Nebel hatten es freigegeben, wie man einen Gefangenen freilässt, und ich führte meinen Vorfahr auf einen Aussichtspunkt, die See-Ebene, von den Felsbergern ‹Seebeli› genannt. Dort wies ich ihm die Herrlichkeiten, welche meine kindliche Phantasie mit Wonne und keimenden Hoffnungen erfüllten. Der Grossvater zündete, behaglich auf einer Beige gefällten Holzes sitzend, sein ‹Lindauerli› an, und ich ergriff die gute Stimmung und hob das Land meiner Sehnsucht zu schildern an. Beim Gebhardsberg mit seinen rotkahlen Felsen beginnend, wies ich auf die weissen Bauten von Friedrichshafen und Meersburg hin, dieser letztere Name allein genügte, um ein Märchenreich aufzubauen. Zum Schlusse meiner begeisterten Betrachtung zeigte ich dem teilnehmenden Grossvater einen weithin schimmernden Streifen Wassers, indem ich mit ausgestrecktem Arm auf jene blinkende Stelle hindeutete: «Grossvater, der Tobias hat gesagt, dort weit unten sei die Stadt Konstanz, und dort führe die silberne Strasse ans Ende der Welt.» Mein Grossvater war ob dieser Aussage erstaunt, indem er sagte: «Büblein, du weisst viel für dein Alter, aber so viel ich merken kann, muss das der Rhein sein, der dort aus dem Bodensee kommt und seinen Weg, um manche Klafter breiter geworden, allein weiter reist. Eine Strasse kann es nicht sein, einmal keine Landstrasse. Aber wart – der Tobias hat da ein Gleichnis gebraucht, er hat eine Wasserstrasse gemeint. Ja, dann hat er recht, dann führt sie ans Ende der Welt.» Indem ich dem lieben Grossvater in die milden, braunen Augen und in sein faltiges Gesicht sah, ahnte ich ein klein wenig von der Grösse und Erhabenheit dieser Wasserstrasse, die Länder und Meere miteinander verbindet. – Bald senkten sich düstere Abendschatten über die fernen Sonnengestade, finstere Nebelschwaden krochen drohenden Ungeheuern gleich, Wasserstrasse und See verhüllend, einher, und als ich, von Grossvater geführt, heimwärts zog, stöhnten die Nebelhörner, als lauerten Tod und Untergang in den Tiefen des Wassers.

Heer, Gottlieb Heinrich

Hefti, Jakob

Heim, Albert

Hermann, Isabell

Hesse, Hermann

Reisebilder

Abfahrt

Der Untersee und unser kleines Dorf lag tief im dicken Herbstmorgennebel, als ich mit meinem Reisegefährten am flachen Ufer in den Kahn stieg. Wir ruderten dem Kompass nach rasch durch den milchig schimmernden Dunst über das dunkle, regungslose Wasser, und bald stieg mit spitzen Türmchen und langer Dächerflucht das gegenüberliegende Uferstädtchen undeutlich und verschlafen aus dem leis’ brodelnden Gewölk. Es war eine kühle Morgenstille in den sauberen Gassen, nur ein Bäckerladen hatte Licht brennen und wartete auf Zuspruch aus den behaglichen Häusern, die mit nebelfeuchten Erkern und geschlossenen Toren ohne Ungeduld den Tag erwarteten. Späte Dahlien, weisse und gelbe Buschastern blühten noch in einigen Gärten, und beim Bahnhof liessen ein paar Vogelbeerbäumchen ihre hellroten Fruchtbüschel leuchten.

Der Zug kam an und nahm uns mit, wir fuhren seelängs, doch ohne den See oder die schönen Hügel zu sehen, durch ein fremdes Nebelland und hatten nichts dagegen. Denn durch einen dichten Nebel der erwarteten Bergklarheit entgegenzureisen, ist ebenso ahnungsvoll schön und köstlich spannend, wie durch einen mächtigen Tunnel in ein fremdes Land einzufahren. Der Schaffner rief die Namen wohlbekannter Seedörfer, von denen wir nichts sahen, er rief Konstanz und Kreuzlingen und schliesslich Romanshorn und Arbon, und wären die Bahnhöfe und die einsteigenden Menschen nicht gewesen, so hätten wir vom Wechsel der Landschaft nichts bemerkt. So aber spürten wir ihn wohl.

Es ist merkwürdig: Wenn ich vom Untersee her weiter in die Ostschweiz hinein reise, habe ich stets das Gefühl, in ländlichere Gegenden zu kommen, obwohl eigentlich das Gegenteil wahr ist. Unsere Unterseedörfer sind so still wie möglich und schliesslich ist auch Konstanz keine Grossstadt, während von Arbon bis St. Gallen der Eindruck von Stadtnähe, Bahnverkehr und Industrie beständig zunimmt. Und doch erscheint es mir umgekehrt, und das liegt an den Menschen. Etwa von Romanshorn an fühlt man, dass andere Leute einsteigen, und diese Leute machen – Ausnahmen zugegeben – einen behaglichen und wohltuend phäakenhaften Eindruck. Sie steigen langsam ein, sie rufen noch auf der Treppe draussenstehenden Bekannten etwas zu und im Wagen grüssen sie und sind mit dem Schaffner oder mit den Reisenden schon im Gespräch, noch ehe sie Platz genommen haben.

So war es auch diesmal wieder. Ohne dass der Zug weniger rasch fuhr und obwohl Publikum und Land eigentlich keinen agrarischen Eindruck machten, fühlte man eine freundliche Verlangsamung des Tempos, lediglich auf Grund des Dialekts, der Gestalten, Gesichter und Gesten. Etwas Munteres und Lebensfrohes klang auf, aber ohne jede Hastigkeit. Zwischen den Rorschachern, St. Gallern und Rheintalern tauchten auch schon manche Appenzeller auf, und je mehr ihrer wurden, desto behaglicher und frohsinniger wurde es in unserem Wagen. Es dauerte nicht lange, so waren wir mit ins Gespräch gezogen und wurden über Herkunft und Reiseziel freundlich und ohne lästige Neugierde befragt. Scherze und gute Wünsche wurden uns nachgerufen, als der Zug schliesslich in St. Gallen hielt und alle auseinandergingen. Hier begannen wir uns die Weiterreise zu überlegen. Wir wollten ohne feste Route ein paar Tage schön verschlendern, und da gerade die Strassenbahn nach Trogen zur Abfahrt bereitstand, stiegen wir ein und fuhren in einem schönen, bequemen und hellen Wagen durch die Stadt und langsam bergauf.

Noch immer steckten wir tief in Nebeln, doch drang uns aus der Höhe schon wärmeres Licht und eine Ahnung von blassem Blau entgegen, und im Berganfahren erlebten wir das alte, freudige spannende Spiel, das Wogen und Verzagen der weissen Massen, das Auflachen und Versteckspielen eines blauen Stückleins Himmel, den Kampf der Sonne mit der Trübe und ihren stillen, herrlichen Sieg. Oben beim Vögelinsegg erreichten wir endgültig die klare Höhe, sahen einen glänzend blauen Mittagshimmel über herbstklare Fluren lachen und atmeten frische, durchsonnte Luft. Und nun fuhren wir rasch und fröhlich ins Appenzell hinein, durch ein reinliches und fröhliches Land mit lichten, vielfenstrigen sauberen Häusern und heiteren Menschen, bis zur Station Trogen, wo die Strassenbahn ein Ende hat und wo wir unsere Wanderschaft beginnen wollten.

Hohl, Ludwig

Bergfahrt

Erster Anstieg

Am Vormittag vollzieht sich der erste Anstieg durch den lichten Bergwald auf einem in Serpentinen angelegten Weg, über einen langen und steilen Hang, einen von Licht und Luft durchflossenen, der in Kühle noch und in erster Wärme steht zugleich. Voran geht Ull, hinterher der lange, hagere Johann, aber sie schreiten nicht auf dieselbe Art: gebückt wohl beide, der erste jedoch in etwas höherem Masse, mit geschmeidigeren, fast etwas nachlässigen Bewegungen: er ist ein guter Berggänger; der zweite dagegen hat nichts Geschmeidiges, er arbeitet mit Kraft, als ob er dem Berg harte Stösse versetzen müsse: ein schlechter Gänger.

Bald schon ist leichter Schweiss ausgebrochen; es drücken die Riemen der schweren Säcke, eine Stelle an den Schuhen, am Gürtel oder anderswo; bei dem gleichförmigen Geräusch der kratzenden Nagelschuhe, der Pickelspitze auf dem Gestein und rollenden Geschiebes, bei dem scheinbaren nicht Höherkommen, gleicht das mühselige Begehen des Wegs dem von vielen, von hundert anderen. Aus der Tiefe das Murmeln oder leise Tosen eines Bachs, bald kaum hörbar, bald vernehmlicher. Eine Stunde, zwei Stunden lang, mehr – und es scheint, der Aufstieg dauere ewig.

Aber auf einmal hat sich vieles geändert. Der Hang ist zu Ende, ist in eine Art breite Schulter übergegangen, die in rechtem Winkel zum Hang gegen die Gesamtflanke des Gebirges vorstösst, leicht ansteigend. Der spärliche Wald hat nun aufgehört; vor allem sind seine Laubbäume mehr und mehr durch Tannen ersetzt worden und diese stehen nur noch vereinzelt und von dürftiger Gestalt in Wiesen; man beginnt einzutreten in die Alpregion.

Schon haben sie tausend Meter unter sich gebracht. Eine weite Aussicht hatte sich eröffnet. Bei einer Quelle am Wege liessen sie sich nieder, einem kleinen Wässerlein, das über Felsen rann, inmitten eines breiten Rasenbandes, das der Weg querte, im Zickzack hinansteigend, dem Fuss einer grösseren und zusammenhängenden Felswand entgegen, die wenig weiter oben die Wiesenhänge ablöste. Die Wärme war nun gestiegen, Hang und Felsen strahlten eine eigentliche Hitze aus, kein Wind ging, und eine wunderbare Ruhe breitete sich über alles. Das Berggras ringsum, von herberem Grün, härter und zarter und weniger hoch als das fette Gras der Täler, lud zur Rast ein. Man blickte hinunter in den obern Teil des Seitentals, zu seinem kleinen Fluss und jenseits, wenig erhöht über ihm, einem wahrhaft träumenden Dörfchen; es sah so still, so rein aus, in so edler Friedlichkeit ruhend, wie keine Dörfer in Wirklichkeit sein können, wenn man schon Wirklichkeit jene Nähe nennen will, wo man mit einem Ding zusammen leben, es berühren kann. Und das Tönen des Baches oder kleinen Flusses – oder vielleicht noch verschiedener anderer Bäche – drang unaufhörlich, gedämpft und melodisch, aus der Tiefe herauf. Immer aber hier oben, neben den weichen, mit zarten Blumen geschmückten Rasenpolstern, die schönen, ewig ruhenden Felsen, die einen in bläulichen, schwärzlichen Schatten, die andern glitzernd, bebend fast unter der Gewalt der Mittagssonne, zitterndes Licht sendend.

«Wir haben Zeit genug; wir können hier eine oder zwei Stunden bleiben, wenn es uns gefällt.» Ull hatte seinen Rucksack geöffnet, zog einiges hervor. Johann hatte den Sack ebenfalls abgelegt, sass daneben und rührte sich nicht. Ull reichte ihm einen Becher des klaren Wassers, den er sofort leerte und zurückgab, und wieder rührte er sich nicht. «Willst du nichts zu dir nehmen?»

«Ich esse halt dann, wenn wir droben sind.»

«Wo droben? Was, zum Teufel, willst du damit sagen? Vielleicht in der Hütte – vielleicht morgen auf einem Gipfel?»

Ein Zucken mit der Schulter anstelle einer Antwort.

«Du weisst, dass für einen Bergsteiger viel davon abhängt, dass er sich nährt, und zwar von Anfang an.»
Er wollte noch hinzufügen: «Wenn du jetzt schon nichts issest, wirst du nicht durchhalten», behielt das aber für sich.

Es ist jedoch zu bemerken, dass Johann in seinem allgemeinen Leben ein starker Esser war trotz seiner Hagerkeit. In Paris in einem kleinen Restaurant bestellte er nicht selten zwei Menus auf einmal mit nur einem Gedeck; kaufte er sich am Nachmittag dreihundert Gramm Käse, den er in etwa zwanzig Würfel zerschnitt und im Nu vertilgte mit einer entsprechenden Menge Brot dazu. So hatte er am Vortage, als sie sich im Marktflecken verproviantierten, seine Augen auf Büchsen gerichtet, die ein Kilo Rindfleisch enthielten, und Ull riet ihm ab davon (weil solche Büchsen niemals in einem Mal aufzuessen und auch nicht aufzubewahren seien, also eine unnötige Belastung darstellten); nachher zeigte sich, dass er doch drei dieser Büchsen mitgeschmuggelt hatte. Wenn Johann einen Anfall von Melancholie hatte, was oft geschah, so pflegte dies keineswegs seine Fresslust zu vermindern, im Gegenteil. Und eben deshalb war Ull nun beunruhigt. Er versuchte es mit nochmaligem Zureden. Und wieder war die Antwort:

«Halt wenn wir oben sind.»

Dabei machte er eine hilflose Bewegung mit der Hand gegen das unermessliche, unüberblickbare Getürme der Bergflanke.

Von den hereinbrechenden Rändern

Wenn für irgend etwas, so gilt für sie, die Gesetze der besonderen, der subtilen, der scheinbar nebensächlichen (und von unserem Alltag aus gesehen wirklich nebensächlichen) Erscheinungen, das Wort: «Die Letzten werden die Ersten sein.»

Breit liegt unser Mittag um uns, die mittägliche Stadt in Schwere und Ausdehnung; am fernsten Rande der Himmel, als fast unnennbare Nuance, sitzt ein Wölkchen, man kann sagen, unwirklich; nur ‹Träumer› erspähen es: von dort her aber bricht es, das die jetzige breite Stunde ablösen wird, von dort her wird es brechen, das in kurzem stadtbeherrschende Gewitter. Es kommt, es wird nahen, es zerschmettert die Mitte.

Das menschliche Denken schreitet nicht so vor – und das nach und nach trotz aller Vergeudung dennoch ihm folgende menschliche Dasein schreitet nicht so vor –, dass aus dem heutigen Dicken, Breiten und Grossen, aus dem bewussten Allgemeinbesitz und aus dem, was anerkannt wird durch den ‹gesunden Menschenverstand› (womit etwas bezeichnet wird, das weder menschlich noch gesund noch verstehend ist), das Folgende käme, o nein! Die Mitte hat keine Kraft, sich zu erneuern, Herr Meier wird keine Kinder haben (was er freilich auch nicht nötig hat, da er selbst unsterblich ist, er, der ewige Hemmschuh; vor zweitausend Jahren war er schon so alt wie jetzt; er, dessen Funktion sich darauf beschränkt, die deutlichste Illustration zu sein jenes im menschlichen Bereich gewaltigen Gesetzes von der Vergeudung; er, das Fleisch und nicht der Sinn; Düsenflugzeuge – geschaffen durch Träumer, von denen der ärgste Leonardo war – sausen über seinen Kopf dahin und er merkt es nicht; beschäftigt mit seiner Lieblingsidee, dass, wie es immer war, so es sein soll: nie wird zum Beispiel die Menschheit eine Organisation zustande bringen, die die Möglichkeit des Krieges zwischen Nationen aufhebt: wir wissen das aus der Geschichte und brauchen nicht zu achten auf Träumer wie Kant und Napoleon und Einstein; der Mensch hat ja auch keinen Staat geschaffen, sondern wir leben noch wie die Horden von Neuguinea; und er fliegt nicht, da er dreitausend Jahre lang jedesmal herunterfiel; – er wird keine Kinder haben, braucht sie auch nicht, da er selbst unsterblich ist, Herr Meier, das ewige Loch und der breiige Abgrund). – Die Mitte hat keine Kraft, sich zu erneuern; das menschliche Entdecken schreitet nicht so vor, dass man vom Allgemeinen, dem von allen Gesehenen, ‹Wich­tigen› aus endlich zu den Randbereichen, den Nuancen gelangte, wo dann allmählich Verblassen und Auslöschen einträte; sondern umgekehrt: zuerst wird ein Neues gesehen in den Randbezirken, an den zerfasernden Orten der Nebenerscheinungen (einem niedlichen Dingelchen etwa, wie das Meer sie anschwemmt, kaum zu etwas gut, als dass die Kindlein damit spielen, Bernstein, von den Griechen Elektron genannt), des Subtilen, der unmerklichen Spannungen, des fast Unsichtbaren …, dort, wo der allgemeinen Meinung nach nur die ‹unpraktischen› und nebenhinausgeratenen Fachleute (wie z. B. Thales, als er sich mit der erwähnten farbigen Versteinerung abgab) sich beschäftigen können. Und dann … langsamer oder rascher, oft unmerklich und bisweilen auch in einem gewaltigen Ruck, schieben sich diese Nuancen-Entdeckungen in den Tag hinein, mehr und mehr der Mitte zu, beherrschen endlich die Welt.

Wäre ich verlegen um Beispiele? Verlegenheit kann hier höchstens daraus entstehen, dass der Beispiele zu viele sich herandrängen. Was war einst und was ist heute die schon erwähnte Angelegenheit der Elektrizität? Werden die Entdeckungen eines Planck, eines Einstein die Welt mehr verändert haben oder hundert Akademien und Landsgemeinden? Und der grosse Traum des Leonardo! (Man weiss, wie die Zeitgenossen sich über ihn äusserten: «Er ist ein guter Maler. Was er sonst im Dunkeln noch treiben mag –». Lächelnd, den Finger an der Stirn: «Er bildet sich ein, dass der Mensch sich in die Lüfte erheben könne! – Aber er ist ein grosser Künstler.»)

Wir gelangen nicht vom Allgemeinen zum Speziellen (abgesehen von untergeordneten Abschnitten), sondern (im Gesamten der Entwicklung) vom Speziellsten zum Allgemeinsten. Nicht vom Zentrum aus geschieht die Entwicklung, die Ränder brechen herein. «Seht, da kommt der Träumer her.» Morgen beherrscht er das Land. «Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist gesetzt worden zum Eckstein.»

Brot ist wichtig. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Die Fragestellung ist unvollständig: Das alte Brot wird ihm entzogen und er schafft neues.

Hätte man dieses Gesetz von den hereinbrechenden Rändern nicht immer sehen können, wenn man nur hätte beobachten wollen? – Die Sprache aber ist klüger: sie wagt es, wo es um Gebilde des Geistes, der Kunst sich handelt, von Schöpfung zu reden. Wo war dieses Wort sonst verwendet worden (an die Allüren heutiger Schneider, Haar- oder Tuchschneider, wird niemand denken wollen, sie haben mit Sprache nichts zu tun) als in der Geschichte von dem Anfang der Welt?

Hohler, Franz

Idyllen

Herisau

Das Casino ist ein gemeinnütziger Bau mit hohen Fenstern, 1838 erstellt und seither für kulturelle Zwecke benutzbar, beispielsweise spielt das Bernhard-Theater nächste Woche den Schwank ‹Der Pantoffelheld›, das Plakat verspricht Lachen! Lachen! Lachen! Auch der Jodlerklub probt hier, er ist gestern am Stammtisch gesessen; vor allem ist mir ein Mädchen mit aufgesteckten Haaren aufgefallen, von dem ich das Gefühl hatte, wenn es jodle, töne es ein bisschen gewürgt. Herisau ist keine Stadt, aber auch kein Dorf. Eine grössere ländliche Siedlung mit zentralen Funktionen gilt laut Schweizer Lexikon als ‹Flecken›. Trotzdem würde niemand die Frage stellen: Aus welchem Flecken kommen Sie?

Am Barometerstand von Herisau steht gleich neben der Höhenzahl eine Distanzentabelle, Paris 537 km, Berlin 640 km, Rom 665 km, Wien 535 km, Herisau ist ungefähr in der Mitte. Die Höhe über dem mittelländischen Meer ist mit 777 m angegeben. Die appenzellischen Hauptplätze haben immer etwas Piazzahaftes, obwohl viele Wirtschaften ‹Schäfli› heissen. Auch fällt einem auf, wie viele Fenster die Häuser haben, oft sind sogar die Aussenwände zwischen den Stockwerken nochmals in Form von Fenstern gebaut.

Wenn man in Herisau eine Anspielung auf Sau macht, wird man darauf hingewiesen, dass der Ort einen balkentragenden Bären im Wappen hat, wahrscheinlich ist es der, der dem Hl. Gallus geholfen hat, seine Zelle zu bauen. Für die Etymologie der Ortsnamen ist übrigens Professor Sonderegger zuständig, er hat sich mit zwei Bänden über die Orts- und Flurnamen des Kantons Appenzell habilitiert und hält seither in Zürich donnernd und knirschend Vorlesungen über altgermanische Probleme. Die Meglisalp muss einmal einem gewissen Megelin gehört haben. Der netteste Herisauer ist mit Abstand Herr Näf.

Hörler, Rolf

Litaneien, dazwischen ein Gedicht

Heitere Ratlosigkeit

O ihr Spatzenschwärme in den Weinbergen!
O ihr Geranien auf den Stubenbalkonen!
O ihr Goldfische in den Gartenteichen!
O ihr Teeblumen in den Steinbrüchen!
O ihr Wühlmäuse in den Rübenäckern!
O ihr Schnittlauchbüschel in den Blumenkistchen!
O ihr Vogelnester in den Flugschneisen!
O ihr Brennnesseln an den Schutthalden!
O ihr Druckfehler in den Wörterbüchern!
O ihr Lilien auf den Brachfeldern!
O ihr Wegwarten an den Holzwegen!
O Hopfen & Malz an ausgedörrten Stangen,
noch ist nicht alles verloren!

 

Manöverbeginn

No Woman No Cry
in der Appenzellerstube
des Restaurants ‹Falken›
in Heiden,
wo wir im Kampfanzug
vor einem kühlen Bier sitzen
und aus der Music-Box
den letzten Lagebericht
über die unmittelbar
bevorstehenden Manöver hören:
No Woman No Cry.
Die Serviertochter,
von uns Soldaten
Christkindlein genannt,
lässt das kühl,
und auch der silberne Falke
draussen auf dem Wirtshausschild
verfolgt ungerührt jede Bewegung.
No Woman No Cry.
Wenn wir im Kampfanzug
von unserem Bier aufstehen
und unser wohlvorbereitetes
Manöver beginnen,
wird er sich auf die Beute stürzen,
und wir werden ihn hören,
Christines leisen,
erschrockenen Schrei –
während in der Appenzellerstube
die Music-Box noch einmal
No Woman No Cry
zu spielen beginnt.

 

Pilzkunde

Ich suche die Poesie
dort
wo sie niemand vermutet,
in den Pilzbüchern
des Verbandes
schweizerischer Vereine für Pilzkunde
zum Beispiel.

Ich lese die Winke
für den Pilzsammler
und befolge sie aufs genauste,
halte also auch Abführmittel,
Aktivkohle, schwarzen Kaffee
und Alkohol bereit,
gehe mit mir in die Pilze
und kümmere mich einen Pfifferling
um das Kopfschütteln
gewisser Leute,
die nichts verstehen
von einem blattgrünlosen Dasein,
von einer unselbständigen Ernährungsweise,
von einem Leben
auf faulenden organischen Stoffen
oder von den Parasiten
auf oder in unseren Organismen.
Angesichts der über hunderttausend Arten,
von denen die gesamte Erde
bis an die Grenzen des Lebens
besiedelt ist,
vergeht mir selbst das Kopfschütteln
über das Kopfschütteln gewisser Leute.

Was ich finde
in den Pilzbüchern
des Verbandes
schweizerischer Vereine für Pilzkunde,
sind unverbrauchte Wörter,
die aneinandergereiht
zu Zauberformeln werden :
Wurzelrübling
Ochsenzunge
Ziegelgelber Schleimkopf
Gruben-Lorchel
Buchen-Klumpfuss
Mohrenkopf
Feinschuppiger Schneckling
Igelbovist
Beutel-Stäubling
Schwefelporling
Zinnoberfaseriger Rauhkopf
Graustieliger, verfärbender Täubling
Schuppigberingter Dickfuss
Schnürsporiger Saftling
Granatroter oder Grosser Saftling
Rasiger Anistrichterling
Fransiger Wulstling
Zirbenröhrling
Tonweisser Schüppling
Fleischbrauner Rötelritterling
Olivbrauner Milchling
Weinbrauner Schirmling

In meinen Händen
wird das Ungeniessbare
geniessbar,
und in meinem Munde
verwandelt sich
Essbares in Giftiges.
Ich rufe das Elend beim Namen
und schreibe eine Litanei
für die Ausgestossenen:
Gebrechlicher Täubling
Tränender Täubling
Blutroter Weintäubling
Frauen-Täubling
Vergilbender Täubling
Stink-Täubling

Bittet für uns!

Weisskeuliger Wasserkopf
Kegeliger Rauhkopf
Olivbrauner Rauhkopf
Zinnoberroter Hautkopf
Blutroter Hautkopf
Geruchloser, gelbfleischiger Schleimkopf
Bitterer oder Eingeknickter Schleimkopf

Bittet für uns!

Einsiedler Wulstling
Rötender Porling
Grauer Leistling
Gedrungener Fälbling
Sparriger Schüppling
Gefleckter Rübling
Waldfreund-Rübling
Traniger Graublattrübling

Bittet für uns!

Stinkmorchel
Herkules-Keule
Semmelstoppelpilz
Braunwarziger Hartbovist
Blauer Klumpfuss
Anis-Klumpfuss
Purpurfleckender Klumpfuss

Bittet für uns!

Gebuckelter Trichterling
Keulenfüssiger Trichterling
Kahler Krempling
Gallenröhrling
Schweinsohr
Trottoirchampignon
Schmarotzerröhrling
Dunkelblau anlaufender Röhrling
Gerberei-Schwärzling
Spitzbuckliger, nicht schwärzender Saftling
Kupferroter Gelbfuss
Derbkeuliger Dickfuss
Safranfleischiger Dickfuss
Schleimiger, rotanlaufender Dickfuss
Blaublättriger Schleimfuss

Bittet für uns!

Was gegen uns ist,
wir kennen es genau
und wissen,
woran wir zugrunde gehen.

Grosser Schmierling oder Kuhmaul
Gesäter Tintling
Knochentintling
Schopftintling
Voreilender Ackerling
Schwarzfussporling
Blutchampignon
Erdschieber
Grubiger Milchling
Kampfermilchling
Hasenbovist
Abgestutzte Keule
Zunderschwamm
Wurzelnder Fälbling
Schwarzer Langfüssler
Schmieriger oder brauner Ledertäubling
Schmucker Wirrblättling

Was ich finde
in den Pilzbüchern
des Verbandes
schweizerischer Vereine für Pilzkunde,
ist Unverbrauchtes,
das ohne Punkt und Komma auskommt
und keines Satzgefüges bedarf.
Zeitwortlos verwende ich
die niegehörten Namen
und gebe meine Ahnung
von einer Welt,
die niemand kennt,
an taube Ohren weiter.
Ausgehöhlt und unterwandert,
hätten wir allen Grund,
uns zu fürchten.
Ja,
es heisst das Fürchten
wieder lernen,
wie jener, der auszog
mit grimmigem Vorsatz.
Das Lachen,
so bitter es sein mag,
wird euch vergehen,
eingedenk dessen,
was euer wartet.
[…]

Eichhase
Hexenei
Semmelporling
Gefranster Erdstern
Elfenbeinröhrling
Samtfusskrempling
Veilchenblauer Schönkopf
Meergrüner Wulstling
Zedernholz-Täubling
Himmelblauer Stacheling
Rotüberfaserter Hautkopf
Nebelgrauer Trichterling
Sammetfüssiger Rübling
Krönchen-Träuschling
Lilastieliger oder zitronenblättriger Täubling
Erdigriechender Schleimkopf
Elfenbein-Schneckling
Grüne Erdzunge
[…]

Ich bin dort,
wo mich die Poesie
nicht vermutet,
in den Pilzbüchern
des Verbandes
schweizerischer Vereine für Pilzkunde
zum Beispiel.

Hörler, Rosie

De José ond s Annemariili

Guet dreiezwenzgi isch e’ gsee, de José vo Barcelona ode Pamplona, niemed het da so ganz gnau gwesst, vo fott isch e’ choo, uf seb het me sich veloo. Gschaffet het e’ ufem Bau, mit bruubrenntem Rogge ond die schwaze Locke vom Staub ganz grau. E Lache zom Veschmölze het e’ kaa, ond Auge wien e Reh, de Meedle het e’ de Chopf vedreiht ond s reihewiis mit hee. Jedere het e’ vo ‹Amor› vezöllt ond allne ‹Guapa› noo dröllt, ond wenn e’ emol ellee gsee isch, het e’ sin Toscht mit ‹Vino tinto› gstöllt.

Doch denn isch e’ a s Annemariili heregroote ond veroote, die Gschicht het nüd chöne guet choo. Si e Jumpfere mit grüene Auge wie de Seealpsee, het sich vesäh ond uf en iiloh. De escht Kuss a de Chölbi hönde de Tötschbahn, aabahnt het sich do nebis, dass chlepft ond tätscht. Ond em Annemariili eri Schwöschte het s gsäh ond sich deheem bim Vatte verätscht. De seb het tue wie en Wald voll Affe, dass sich die Meedl usgrechnet het möse en Spanie aagaffe! Denn de Vatte stolz uf Traditione, Schölleschötte, Roomzonne fresse ond Öberefahre! Z fescht stolz uf Traditione, ke Intresse am Neue, bruch me nüd, cha gad abfahre!

Wessed e’, de Appezölle het s geen loschtig, taanzt geen rond, abe wenn s em nüd passt, get s fadegrad eeni an Grend! De Appezölle macht geen Witz, lache isch gsond, abe s Lache isch vobei, wenn e’ nebis nüd chennt!

Doch es isch scho z spot gsee, de José het s Annemariili mit hee, ond me wös nüd globe, de José het ere gad au en Broote in Ofe gschobe. De Vatte het d Heugable gnoo ond isch dem Spanie vekoo, hönnenoo isch er em gsprunge ond de José notgedrunge, wie vo Äbese pesse devoo ond nie me hönnevöre choo.

Ond s Annemariili isch gsee, ellee mit rondem Buuch ond joo, es isch halt Bruuch, so eeni tuesch nüd hüüroote, au wenn sii sös enad no eebe aastendig isch groote. Ond s Annemariili isch ledig blebe, zwo nomme Jumpfere abe glich ellee, ond so het sii sich im Eelend gstürzt in Seealpsee.

Ond de See tuet ez wie eri grüene Auge glitzere ond funkle, jedes Mol am legschte Sonntig im Septembe bim Iidunkle. Denn wenn Chölbi isch im Doof, doo wo de José em Annemariili gmacht het de Hoof. Ond wem me liislig ond moxmüüslistölle isch, denn ghöt me denn: José oh José, wo bisch, wo bisch!?

Ilg, Paul

Das Menschlein Matthias

Die Einkehr zum Gupf

Die verwunschene Hütte unter dem bewimpelten Felskegel, ‹Gupf› genannt, lag schon im kühlen Abendschatten, während jenseits des Rickentobels das Licht noch verlockend auf allen Matten spielte und die niederen Berghäuschen mit den glühenden Scheiben aussahen wie trunken von Sonnenschein. Vor der Schwelle, nur mit Hemd und Hosen bekleidet, kauerte ein sauberer Knabe, der ein rostbraunes, schartiges Messer zückte, womit er das Gras zwischen den klobigen Pflastersteinen abtat. Das gemeine, mühselige Geschäft schien ihn fuchsteufelswild zu machen; er stocherte tückisch an dem Unkraut herum und wetzte die Klinge am Gestein, dass es knirschte. Die Augen mochte er bei dieser Arbeit schon gar nicht brauchen. Er starrte und horchte lieber hinab in das ‹Loch›, wo der Bach unterm Blätterdickicht von Tag zu Tag mächtiger rauschte, oder hinüber auf die jenseitigen Weiden, auf das von langer Winterhaft rammlige Vieh, dessen tolle Sprünge bei abgerissenem, windverwehtem Gebimmel den Beschauer wider Willen ergötzten. Auch den Hüterbuben konnte er erkennen. Der sprang und hüpfte wie ein Kobold zwischen den Kühen umher, schlug Purzelbäume vor Übermut, jodelte trotz einem erwachsenen Senn oder liess seinen schnurrigen Lockruf erschallen: «Choom wädli, wädli, wädli – hoi, Bläss, hoi, hoi!» Von Zeit zu Zeit schrie er aus Leibeskräften durch das Schallrohr der Hände: «Matthias Bö–hi a–bi–cho», worauf sich dann jedesmal über des Jäters Haupt ein kleiner Mädchenkopf am Fenster zeigte und mit ebenso durchdringender Stimme herrisch hinunterbot: «Cha nöd cho!»

Der Gerufene selbst gab keine Antwort, er stiess nur eine üble Verwünschung über Frida, das Bäschen, aus, die seine Knechtschaft so schadenfroh in die Welt hinauskreischte. Beinah hätte er einen Kotklumpen aufgehoben, um die äffische Fratze zu zeichnen. Das wäre dann für ihn auch nicht gut abgelaufen. Er musste den Zorn verbeissen. Bald blickte er nur noch durch Tränen hinüber, wo sich die vielen weissen und braunen Flecke der Herde im Goldiggrünen bewegten, oder hinunter ins Tal, wo die Häuser bis zum Giebel in ein Blütenmeer versunken schienen. Was mochte das für ein lieblicher Frühling sein unten im Trauben- und Kirschenland, zumal weiter vorn am See, von dem hinter Hügelrücken gerade noch ein flussbreites, alle Sehnsucht aufreizendes Band zu sehen war. Wenn dann gar noch ein Segelschiff drüber glitt, so hielt es das Herz in der Brust nicht mehr aus.

Matthias hauste wie ein Gefangener in dieser Bergeinsamkeit. Aber seine Gedanken konnten sie nicht in Ketten legen. Darum führte er, trotz seiner Jugend, ein richtiges Doppelleben. Zehnmal am Tage schreckten ihn scheltende Stimmen von heimlichen Talfahrten auf oder seine Hüterin fuhr ihm ungestüm in die Haare, um den Zwiespalt zu schlichten, Leib und Seele wieder ordentlich zu versammeln.

Wozu musste er jetzt Gras jäten, das doch gleich wieder nachwuchs? Er sollte bloss nicht in der Stube sein, nicht sehen und hören, was sie drinnen trieben und tuschelten. Alle waren sie wieder gegen ihn. Daraus konnte er am besten merken, dass ein Besonderes im Schwange war. […]


Matthias’ Mutter, ledige Fabriklerin aus der Stadt (im Roman ‹Treustadt›, eigentlich St. Gallen), kommt zu Besuch auf den Gupf (ob Rehetobel)


Die Mutter

An die Kinderlehre dachte keiner von den Buben. Der Grosse hatte noch nicht einmal zum Schein Schuhe angezogen, dagegen nichts vergessen, was zu einem ergiebigen Streifzug durch den Wald gehörte. Die Schleuder war mit neuen Zugstücken versehen, das Soldatenmesser geschliffen, auch die Zündholzbüchse geplündert, denn Feuer brauchte man allerwegen, sei’s um ein Wespen- oder Ameisennest anzustecken, einen Stoss dürrer Äste prasseln zu lassen oder einen weggeworfenen Stummel aufzurauchen Frau Angehr sah ihn beim Aufbruch scharf an und sagte ihm gleich auf den Kopf zu, dass er bloss wieder Flausen im Sinn habe und die Kirche schwänzen wolle, sonst würde er nicht barfuss ausrücken. Sie liess nicht nach, bis er Schuhe anhatte.

«Soll mir der Pfarrer deinetwegen noch einmal den Marsch blasen? Ich seh’s dem da»– sie wies auf Matthias – «gleich an, ob du drin gewesen bist. Wenn nicht, so mach dir keine Hoffnung aufs Mittagessen!»

Aber so gebieterisch sie auftrat, an dem furchtlosen Burschen prallte die Drohung wirkungslos ab. Konrad brummte sie böse an, er werde schon gehen; vor ihrer misstrauisch forschenden, kümmerlichen Miene lächerte es ihn aber wider Willen, so dass sie ihn vollends durchschaute und jammernd die Hände rang. Ja, mit echt mütterlichem Entsetzen gewahrte sie, wie er ihrer Gewalt mehr und mehr entschlüpfte und eigentlich nur noch in unkindlichen Eigenschaften mit ihr zusammenhing. Nicht umsonst hatte sie den dreisten, bärenhaften Jungen, dem mehr als die Hälfte des Mutterherzens gehörte, schon seit Jahren über ihre Pläne unterrichtet und an all ihren offenen oder versteckten Feldzügen zur Hebung des Hausstandes teilnehmen lassen. Konrad wusste genau, was der Vater verdiente, wieviel die Wirtschaft eintrug, was die Base Gritta ins Haus brachte. Noch mehr als die Mutter war er begeistert von der ‹Farm in Argentinien›, und sein jetziges Dasein deuchte ihn nur eine Art unvermeidlichen Fegfeuers zu einem fernen Paradies. Dies zu erreichen, scheute er keine Strapazen, da durfte die Mutter von ihm verlangen, was sie nur mochte.

Hingegen war’s kein gesegnetes Beginnen, wenn Frau Angehr, um die in ihm so früh entfachten herben Lebensgeister wieder einzudämmen, auf Erfüllung der christlichen Gebote drang, während sie selbst ihrer Habgier keinerlei Fesseln anlegte. Der Bursche merkte, worauf es ihr ankam. Sittliche, religiöse Kräfte traute er ihr keine zu. Nur vor des Vaters gebeugter Rechtschaffenheit, seinen kurzen, lärmscheuen Ermahnungen machte er zuweilen noch halt. Schenkte dieser ihm ein paar Batzen, so hielt er sie wert und hob sie dankbar auf, während er die mütterlichen Gaben oft leichtsinnig verpuffte und sich auch kein Gewissen daraus machte, die Alte gelegentlich ‹anzuschmieren›.

Die Drohung: «Gut, so sag ich’s dem Vater!», war – sehr zu ihrem eigenen Schmerz – die beste Waffe gegen den Grossen geworden, den sie nicht mehr wie Matthias in die Finger nehmen konnte.

Aber heute schlug auch diese nicht an. Kaum hundert Schritte oberhalb dem Hause erklärte Konrad dem zaudernden Begleiter: «Pfeifendeckel, ich hocke nicht hinein! Komm du, wir wollen krebsen im Loch und schauen, dass wir eine fette Forelle päckeln!»

Matthias zog es auch nicht mit Gewalt zur Kirche, um so mehr aber zum Guggisauer Bahnhof, wo er die Mutter nach der Kinderlehre abholen durfte. Das galt ihm jetzt mehr als alle Forellen und Krebse im Rickentobel. Er blickte bestürzt hinunter und sagte kläglich: «Ja, ich weiss schon … dann kommen wir zu spät an den Zug!»

Es ruckte und zuckte schon wieder verdächtig in dem Milchgesicht. Aber vor dem Grossen loszuheulen war das Allerschmählichste, was ihm widerfahren konnte. Dann durfte er tagelang nicht mehr neben ihm nach und von der Schule gehen, und ganz bodenlos klang dessen Verachtung, wenn er sagte: «Hotz, was bist du für ein minderer Fötzel und Leckerlischlecker!»

Zudem konnte er Konrad nicht leicht etwas abschlagen. Auf allen gemeinsamen Wegen, besonders bei Verfolgungen, Schülerschlachten, war ihm der Grosse ein starker Beschützer; es kam sogar vor, dass dieser der eigenen Mutter wütend entgegentrat, wenn nach seinem Gefühl Matthias eine ungerechte Strafe erlitt.

Aber wie sollte er ihm heute zu Willen sein? Was musste die Mutter denken, wenn sie bei der Ankunft zum Wagenfenster hinauswinkte und ihr Matthiesle gar nicht da war? Am Ende dachte sie, er sei krank, und bekam vor Angst Herzklopfen. […]

[Jetzt] begann eine andere Jagd, die sonst auch dem Kleinen nicht schlecht gefiel. Das war unten am Bach, da zogen beide Jacke und Schuhe aus und wickelten die Hosen auf, so hoch es nur ging. Das Wasser floss quellfrisch und klar auf goldbraunem Grund durch die dunkelgrüne Tobelnacht, in der nur vereinzelte Strahlen aufzuckten. Wildlaunige Libellen, träg gaukelnde Kaffeefalter, zickzackfrohe Wasserläufer huschten drüber hin, und wo der Bach Wirbel trieb, schwänzelte hier und da, nur scharfen Augen sichtbar, eine junge, leichtsinnige Forelle. Die alten, schweren, gewitzigten standen am Tage regungslos, wohlgeborgen in den Höhlungen des Uferrandes. Aber Konrad kannte ihre Verstecke; bäuchlings rutschte er an den Böschungen hin, und seine schnell zupackende Hand stiess immer wieder gierig in den Schlamm, wonach dann wohl etwa ein gespenstischer Schatten blitzschnell hinüberfuhr, das Wasser sich trübte und der Fischer lästerlich fluchte. Matthias musste das Missgeschick büssen. In einer halben Stunde war er zehnmal ein dummer Siech, ein fauler Leimsieder oder sonst ein landläufiges Übel, weil er, der gebückt im Wasser stand, um genau aufzupassen, den lebenden Pfeil weder fassen noch verfolgen konnte. «Dümmer als Tulpe!» war’s, wie er sich heut wieder anstellte. Am meisten ärgerte den Grossen das zaghafte Wimmern und Mahnen: «Jetzt ist’s aber Zeit! Wir müssen gehen, wir kommen zu spät!» Der Teufel mochte so Fische fangen. Er hatte vollkommen recht. Matthias war nicht nur ein täppischer, mit Blindheit geschlagener Handlanger, er krümmte sich und schrie dazu noch wie ein kleines Mädchen, wenn er auf spitze Steine trat oder ausrutschte. Ihm lag nur noch im Sinn, so schnell als möglich bergan zu stürmen und zu verhüten, dass die Mutter den traurigen Gedanken fasste, er sei ihr aus Lieblosigkeit nicht entgegengekommen.

«Da sieh, was du für ein sauberes Pflänzchen hast, dem ist es zu viel, dich von der Bahn abzuholen; er stromert lieber im Wald herum!» würde die Basgotte vielleicht zum Willkommen noch spotten.

Wenn die Enttäuschte aber vor Gram gleich wieder umkehrte? Und plötzlich stand Matthias auf dem Trockenen, las Schuhe, Rock und Hut zusammen und fing an, die Beine zu werfen, dass der Grosse vor Staunen über diese Gehorsamsverweigerung gar nicht vom Fleck kam.

«Lauf nur, du Narr!», rief er hinter ihm her. «Ich geh’ jetzt heimzu. ’s ist sowieso zwölfe vorbei!»

Der Flüchtling liess sich nicht beirren. Er stürmte schier besinnungslos aufwärts wie jener rühmliche Läufer von Glarus, der seinem im Grenzstreit mit Nachbarn liegenden Volk eine Bergspitze gewinnen wollte und seinen letzten Atemzug dransetzte. Die Schuhe trug er in der Hand, obgleich ihn Dornen und Äste stachen, kaum gab er acht, dass er nicht auf eine Schnecke, Kröte oder Blindschleiche trat. Was hiess eine Bergspitze gegen die Liebe der Mutter, die hier auf dem Spiele stand? Darum wollte er gar nicht begreifen, wie blutwenig Atem und Ausdauer in seinem Leibe war. Immer musste er wieder rasten, mühsam Luft holen; auch die Beine taten, als wollten sie keinen Schritt mehr weiter. Schwach zum Umsinken erreichte Matthias den Staffelweg nach Guggisau, von wo er nach unten und oben Ausschau halten konnte. War’s wirklich schon so spät? An den Tischen drunten sassen Leute, aber erkennen konnte er niemand. Viel sah er überhaupt nicht mehr. Die Erschöpfung raubte ihm zugleich Licht und Bewusstsein. Aus der tiefen Schwäche wuchs langsam ein bleierner Schlaf. Er lag mit zerstochenen Füssen unter einem Busch, hielt noch die Schuhe krampfhaft fest, denn der Traum machte schlüpfrige Forellen daraus, und die Backen glühten im Grünen wie reife Erdbeeren.

Aber ein guter Geist hatte das Bürschchen dahin gebettet, und schöner konnte Jakobs Traum von der Himmelsleiter auch nicht gewesen sein als Matthias’ Erwachen in den Armen der Mutter, die wahrhaftig in Sorge vom Gupf niederstieg und den Vermissten wie ein verwunschenes Prinzlein oder wie man eine schöne Blume pflückt, schlafend vom Boden aufhob.

Zuerst sah er nur den grünen Sonnenschirm, auch nicht anders als eine Märchenblume, am Wege schillern, dann spürte er einen erinnerungsvollen Duft, und endlich enthüllte sich das Mittagswunder so klipp und klar, dass er die ledernen Forellen sorglos fahren liess und ganz im Glück des Wiederfindens aufging.

«Nein, sag aber auch! Das sind mir ja heitere Boten, die unterwegs mir nichts, dir nichts gemütlich einschlafen und sich den Kuckuck drum kümmern, was aus den Gästen wird. Wohl, da kann ’s Heimweh auch nicht gross gewesen sein!» schmähte die Mutter zum Schein, nicht ahnend, welch heisse Quelle sie damit zutage förderte. Das aufgestaute Weh des Kindes riss bei diesen Worten alle Dämme ein und setzte lange jede Freude unter Wasser. Matthias hielt die Geliebte fest umklammert, als könnte sie ihm wieder entrissen werden, und heulte dazu schrill wie ein Sägewerk in ihre Röcke hinein: «Ich hab’ doch mit dem Ko–Konrad ins Loch müssen, Fo–Forellen fangen. Er hat mich ja nicht fortgelassen!», woraus die Überraschte sich alles weitere leicht erklären konnte. Brigitte Böhi war nicht taub für den Schmerz, der sie wie ein reissendes Tier anfiel und wahrlich nicht aus einem Löchlein pfiff. Eine Fahne im Sturm – so flatterte ihr Herz im Leib, mit auferweckten Sinnen lauschte sie dieser wilden Musik der Not, der Sehnsucht, der Liebe …

Hoch oben am Felsen standen die beiden in Mittagsglut … eine junge, lebensfrohe Mutter – ein hilfloses, verstossenes Kind: sie hatten sich eben gefunden, von Geisterhand zusammengeführt, hielten sich eng umschlungen und wussten nichts mehr von Himmel und Erde, Sonnenbrand und Stundenflug. Eine Fahne im Sturm, so flatterte das Mutterherz von den Schmerzenstönen der kindlichen Brust, und schwere Wolken der Schuld zogen über ihr hin. Oh, diese Not war nicht von heute, was alles hier überfloss, musste in Monden und Jahren erwachsen sein! Eine namenlose Not, nicht zu erfragen, mit Worten zu bezeugen, aber wühlend, brennend, lichterloh, eine, die zum Himmel schrie: «Mach Ende, Herr, mach Ende!» Sie schlug an die Pforte der Seele wie der Ruf eines Verfolgten in sternloser Nacht, und die Tore sprangen auf, ahnungsvolle Arme breiteten sich, das glühende Leid zu umfangen.

«Sei nur wieder still, du lieber armer Schlucker!» beschwichtigte das junge Weib, selig in der Wandlung des Gemüts, das bereit war, dem Kinde ganz zu geben, was des Kindes ist, und im Angesicht des weithin offenen Himmels, über all den blühenden Landen, blauenden Wassern den Schwur tat, künftig eine bessere Mutter zu sein.

Leuchtenden Auges nahm sie seinen zuckenden Lockenkopf in die Hände, hob ihn hoch und fragte innig leise: «Möchtest du für immer zu mir kommen, sag?»

Imhof, Eduard

Inauen, Johann

Inauen, Roland

Heuen war …

Heuen war …

• von einem Tag auf den andern Ferien. Wir gingen nicht, wir rannten heim. Endlich begann das richtige Leben – zumindest für gut zehn Wochen.
• zu Beginn blutunterlaufene Blootere (1) an den Händen – immer an denselben Stellen. Melkfett half auch nicht, aber hie und da ein Sugus (2).
• nach und nach dicke, zähe Fusssohlen und zwischen den Zehen Stompelöcher (3), die sauweh tun konnten. Am Abend Füssewaschen in Schmierseifenwasser. Aber sie wurden nicht sauber. Nie.
• die Hände voller Charesalb (4), weil beim Rabit (5) die Zapfenwelle klemmte.
• eine eigene Heugabel mit einem Stiel, den hundert Kinderhände vor mir blank geschliffen hatten.
• auf einem Bein stehen und am Gabelstiel sugle (6). Die Grossen hatten schliesslich ihre Backpfeife.
• zum Vesperessen im Schatten eines Ahorns lauwarmen Milchkaffee aus 
braunroten Bierflaschen mit Bügelverschlüssen trinken, die in Zeitungen eingewickelt waren und in einer schwarzen, schmalen Ledertasche lagen, die nach saurem Most und Leder roch – und nach Milchkaffee mit Frank Aroma (7).
• s Meescht neh (8). Auch das musste gelernt sein, denn es war gar nicht einfach, Heu oder Emd in beide Hände zu nehmen, ohne es überall zu vezattle. Dazu waren alle Muskeln der kleinen Hände und Unterarme gefordert. Ein Dichter müsste her, um diese elementare Tätigkeit genau zu beschreiben. Kein Halm ging verloren.
• zweifarbige Arme: unten schwarz und etwa ab der Mitte des Oberarms weiss.
• woobe, wende, je nach dem: öbereschöttle, medle ond zette, iireche, wider medle, schoche oder huenze, Medli cheere, Medli zette, Schoche oder Huenze vetue (aber erst wenn der Boden trocken war), wider wende, zemetue, reche, Ääfl mache, aalegge, d Bodi bönde, d Bodi aabzüche, reche, iiträge, d Bodi vetue, staampfe. (9) Und das war noch lange nicht alles.
• der immer selbe Spruch unseres Onkels, wenn unsere Kräfte nachliessen: de Reche fescht häbe ond wädli laufe. (10)
• der Bumeranzeschölferesirup (11) unserer Grossmutter – denn Durst hatten wir immer – und hie und da ein Sugus.
• d Heuläätere (12) uuf. Es gab zwei Sorten von Heuläätere-Sprotze (13): runde und flach-eckige. Die runden, rauen Sprossen passten so schön in die Fusshöhlen hinein und lösten im ganzen Körper einen Höhenrausch und die Vorfreude auf den Heustock aus.
• das explosionsartige Geräusch beim ruckartigen Lösen des Heuseil-Schlicks (14). Im nächsten Augenblick war der Knall vom Heu verschluckt und die Bodi (15) fiel fast lautlos auseinander.
• das bange Chlöckle am Glaas (16) (wenn’s abi ging, hätten wir am liebsten die Faust draufgehauen).
• die dunkelgrünen schwimmenden Mostflaschen der Grossen im Brunnentrog – und ein paar Heublumen dazu.
• vor lauter Müedi (17) das Putzen der Suguszähne vergessen.

1 Blootere Blasen
2 Sugus (Markenname) Fruchtcaramel
3 Stompelöcher kleine Wunden an den Fusssohlen
4 Charesalb Schmierfett
5 Rabit Rapid (Markenname), Einachser, Vielzweckmaschine
6 sugle saugen
7 Frank Aroma (Markenname) Kaffeeersatz
8 s Meescht neh von Hand kleine Heumaden, die durch das Rechen entstehen, zusammennehmen
9 Tätigkeiten beim Heuen und Heu eintragen
10 de Reche fescht häbe ond wädli laufe den Rechen fest halten und schnell laufen
11 Bumeranzeschölferesirup Orangenschalensirup
12 Heuläätere Heuleiter
13 Sprotze Sprossen
14 Schlick Knoten
15 Bodi Burde
16 Chlöckle am Glaas leichtes Klopfen am Barometer
17 Müedi Müdigkeit

Jaeggy, Fleur

Die seligen Jahre der Züchtigung

Fast drei Monate waren vergangen, das zweite Trimester näherte sich dem Ende, und ich hatte Frédérique im Stich gelassen. Jeden Abend wenn ich in meinem Bett lag und die Deutsche schlief, ihre Ohrringe schön auf dem Kissen drapiert, durchlief ich die Zeit mit Frédérique; sie und ich gingen spazieren, und manchmal sprach ich laut, ohne es zu merken. Ich nahm mir vor, am nächsten Morgen zu ihr zu gehen. Alles würde wieder so sein wie früher. Am nächsten Morgen gab ich meine Vorsätze auf. Wenn ich sie auf dem Gang traf, lächelte sie mir zu, ohne stehenzubleiben. Sie gab mir nicht einmal die Chance, mit ihr zu sprechen. Sie wich mir aus wie ein Schatten; wenn wir im selben Raum waren, gelang es mir nicht mehr, mit Micheline zu lachen, und ich hörte nicht auf, Frédérique anzustarren, in der Hoffnung auf eine Reaktion oder ein Zeichen. Aber sie liess sich nicht beirren.

Frédérique hat mich in diesen Monaten nie gesucht. Eher war ich es, die versuchte, mich mit meinen Greisenhänden an ihr festzuklammern. Eines Tages kam die Nachricht, dass ihr Vater gestorben sei. Und dass Frédérique abreisen werde. An dem Tag geriet ich in Panik. Es war etwas Unwiderrufliches. Ich rannte in ihr Zimmer. Sie sprach sehr freundlich zu mir, sie werde zur Beerdigung ihres Vaters fahren und nicht mehr ins Bausler-Institut zurückkehren. Ich begleitete sie zu dem kleinen Bahnhof von Teufen. Warm war es, der Himmel war blau, in der Ferne verschleierte ein Dunst die Unendlichkeit. Die Landschaft war berückend. Es war drei Uhr nachmittags. Sie sprach kaum, sie ging schnell. Ich hatte Angst, ich ging hinter ihr und lief immer wieder, um sie einzuholen.

Ich erklärte mich, erklärte ihr meine Liebe. Mehr als an sie wandte ich mich an die Landschaft. Der Zug wirkte wie ein Spielzeug, er fuhr ab. Ne sois pas triste. Sie hatte mir noch ein Briefchen in die Hand gedrückt. Ich hatte das Wichtigste in meinem Leben verloren, der Himmel war immer noch blau, ungerührt, alles sehnte sich nach Frieden und Glück, die Landschaft war idyllisch, wie die idyllische und verzweifelte Jugend. Die Landschaft schien uns zu schützen, die kleinen weissen Appenzeller Häuser, den Brunnen, die Inschrift ‹Töchterinstitut›, es schien ein von den menschlichen Deformationen unberührter Ort. Ist es möglich, sich in einer Idylle verloren zu fühlen? Eine Katastrophenstimmung breitete sich über die Landschaft. Das Unwiederbringliche traf mich an einem der schönsten und klarsten Tage des Jahres. Ich hatte Frédérique verloren. Ich nahm ihr das Versprechen ab, mir zu schreiben. Sie gab es mir, aber ich spürte, dass sie es nicht halten würde. Ich schrieb ihr sofort einen leidenschaftlichen Brief, ohne zu wissen, was ich eigentlich sagte. Ich wartete auf eine Antwort. Ich spürte, dass sie mir nie schreiben wurde. Das passte nicht zu ihr. Frédérique verschwindet.

Und so war es, sie ist verschwunden. Ich kehrte ins Internat zurück und verbrachte die Zeit damit zu leiden, was auch eine Form des Zeitvertreibs ist. Ich las das Briefchen, das sie mir am Bahnhof gegeben hatte, zwei kleine karierte Blätter, sieben Zentimeter lang. Auf der papiernen Wand schlief ihre Handschrift wie auf einem Grabstein. Ich hatte schon begonnen, ihre Schrift nachzuahmen, ich übte geduldig, bis ich die Perfektion perfektionierte, in der Strenge der Falschheit. Ich las die Blätter wie ein Ornament. Wellen. Sie sprach von metaphysischen Dingen, nicht eine einzige Andeutung unserer Freundschaft. Diese Ermahnung, dieser Betrug, dieser anonyme Ton, ökumenisch und klösterlich, eignete sich für jeden. In der letzten Zeile umarmte sie mich herzlich: eine förmliche Redewendung, eine tote Geste. Wir haben einander nie umarmt, auch von Zuneigung war zwischen uns nie die Rede. Ihr Brief war in gewisser Weise eine Predigt, sie sprach mir bestimmte Qualitäten zu und zugleich einen gewissen Hang zur Zerstörung. Ich bewahrte die zwei Blätter weder wie eine Reliquie auf, noch zerriss ich sie im ruhelosen, düsteren Frühling, um sie ins Nichts zu streuen. Eine Zeitlang trug ich sie in einer Tasche mit mir herum, dann zerknitterten sie, das Papier wurde mürbe und zerfiel, die Tinte verblasste. Frédériques Worte gingen ihrer Beerdigung entgegen. Manche Worte konnten wir mit einem Kreuz und einer Karteikarte markieren.

Kämpf, Matto

Kaspar, Praxedis

Keller, Andrea Maria

Gedichte

MUT

wagst du es
die hässlichen kröten
in dir zu küssen
immer
und immer wieder
unbeirrt

bis sie sich
allmählich
verwandeln
oder auch nicht

 

LAUFPASS

ich schenke dir
den laufpass der liebe

geh und folge den spuren der sehnsucht
die ich dir nicht erfüllen kann

geh und dreh dich nicht um
bevor du nicht weit genug weg bist
denn ich stehe versteinert und weine

geh und lass erblühen
was in dir angesät

möge der segen des himmels wie ein zelt
über dir sein und über allen
die dir begegnen

nimm den pass und lauf
die grenzwächter winken freundlich

 

ERDKUNDE

zu den bodenschätzen
des inneren landes
gehören die wörter
mit verbindungsstollen
nach überall

und in stillgelegten gruben
findet sich manchmal
jahrzehnte nach der schürfung
auf dem grund noch
ein schweigender satz

 

TOT GESCHWIEGEN

hinter glockenbimmeln und jauchzern
weiter getragen
gereicht von schweigen zu schweigen
das schwere, dunkle
von ahnen zu ahnen zu uns

und dann und wann
geht einer unter
stösst auf ein riff
da die last zu schwer ward
auf dem seelenkahn

die sprache
zu schwach, zu leicht
zu ungehobelt, rauh und viel zu brüchig
um die unrast aus den tiefen
namenlosen gründen aufzuwiegen

die glut
so viele menschenleben
lang gehütet, gehortet, versteckt
und stumm dem kind vererbt
sie ward zu heiss

von geburt an bürde
und bemüht
nicht zur last zu fallen
der mutter nicht, dem vater nicht
der welt – niemandem

in diesem land
dieser zelle am fuss
der dreifaltigen alpsteinzüge
steht am anfang nicht das wort
es werden taten gesetzt

ein schrei
von zeit
zu zeit
in der wörtergrube
eines herzens erstickt

 

Der Kanton Appenzell Innerrhoden
hat seit vielen Jahren die höchste Suizidrate
in der Schweiz.

Keller, David

Keller, Stefan

Kessler, Paul

Kishon, Ephraim

Klauser, Hans Peter

Knellwolf, Ulrich

Klassentreffen

Vor der Post wartete Frischknecht auf den gelben Autobus. Er kannte die Strecke genau. Auf der Anhöhe hinter Heiden über die Kreuzung – rechts nach Rehetobel, links nach Oberegg –, weiter geradeaus durch das Dorf Wald mit der Kirche. Von dort aus konnte man Trogen auf der Hügelkuppe gegenüber liegen sehen. In engen Kurven ging es ins Tobel hinunter und auf der anderen Seite wieder hinauf.

Frischknecht stieg am Dorfplatz aus. Vor der Kirche und zwischen den vornehmen Häusern der alten Trogener Handelsfamilien wird jedes zweite Jahr die Landsgemeinde des Kantons Appenzell Ausserrhoden abgehalten. Rechts neben der Kirche steht das niedrigste Haus am Platz, das Gasthaus zur Krone. Mit seiner auffälligen Fassadenmalerei versucht es, sich gegen die Übermacht von Kirche und Bürgerhäusern zu behaupten.

Er setzte sich an einen der eisernen Tische vor dem Gasthaus. Zum Platz hin waren sie durch Sträucher in Kübeln geschützt. Es war kurz vor halb zwölf. Um zwölf Uhr waren sie verabredet. Der Kellner begrüsste ihn. Sie kannten sich. Frischknecht bestellte einen Kaffee. Er trank und wartete. Sein kahler Schädel glänzte in der Sonne.

Den weitesten Weg hätte Theophil Kellerhals gehabt. Schon von Bern nach Trogen zu fahren ist keine Kleinigkeit, wenn man über achtzig ist, aber Kellerhals wohnte nicht einmal in Bern, sondern in der Altersresidenz einer wohlhabenden Berner Vorortgemeinde.

Als einziger Sohn von Missionaren aus dem Emmental in Kanton in China geboren, war er in die Schweiz zur Schule geschickt worden. Wegen seiner schwachen Konstitution hatte er nicht, wie für Missionarskinder damals üblich, die Mittelschule in Basel, sondern im voralpinen Trogen besucht. Nach der Matura hatte er in Basel bei dem von den Nazis aus Deutschland vertriebenen Karl Barth Theologie studiert und dann eine kleine Gemeinde auf dem Land übernommen. Wenig später war er Heimatsekretär einer Missionsgesellschaft geworden, über dreissig Jahre lang, bis zu seiner Pensionierung.

In Trogen war Kellerhals mit Lukas Rothpletz eng befreundet gewesen, und, hatte man geflüstert, nicht nur platonisch. Von Rothpletz zumindest hatte es als sicher gegolten, dass er Männern mehr zugetan war als Frauen, und es hatte auch niemanden erstaunt, dass Kellerhals lange unverheiratet geblieben war. Erst in vorgerücktem Alter hatte er die Witwe eines Berner Privatbankiers geheiratet. Sie war vor zehn Jahren gestorben, und Kellerhals hatte ausser einem Haus in der Berner Altstadt ein Landschlösschen und ein respektables Barvermögen geerbt.

Schon vor vierzehn Tagen hatte Kellerhals, zittrig, so dass es kaum zu lesen war, an Frischknecht geschrieben, dass er wegen seiner Gebrechlichkeit auf die Teilnahme am diesjährigen Klassentreffen in Trogen leider verzichten müsse, aber die Kameraden und Freunde herzlich grüssen lasse.

Frischknecht sass noch keine Viertelstunde an dem Tisch vor dem Gasthaus, als Lukas Rothpletz in beiger Kolonialbaumwolle und Strohhut aus der Kirche trat und zu ihm herüberschlenderte.

«Ich bin jedesmal entzückt von diesem Platz und dieser Kirche», sagte er. «Und jedesmal, wenn ich hier bin, muss ich dem alten Grubenmann die Reverenz erweisen. Was wäre aus diesem Provinzbaumeister geworden, wenn er in Italien gewesen wäre!»

Lukas Rothpletz kam aus Basel, wo er, seitdem er aus Florenz zurückgekehrt war, wieder in seinem Elternhaus in der Nähe des alten Kollegiengebäudes am Rheinsprung wohnte. Er hatte sich mit fünfundsechzig entschlossen, nach Italien überzusiedeln, und in der Altstadt von Florenz eine Wohnung gekauft. Zehn Jahre später habe er jedoch einsehen müssen, erzählte er gern, dass er halt ein transalpiner Typ sei, und habe deshalb seine florentinischen Zelte wieder abgebrochen. Er war seinerzeit nach Trogen gekommen, weil seine Leistungen am Basler Humanistischen Gymnasium zu wünschen übrig gelassen hatten. Seit Generationen wäre Rothpletz der erste in der Familie gewesen, der ohne Matura hätte durchs Leben gehen müssen. So war er der erste, der sie ohne Griechisch, nur mit Latein schaffte. Dennoch war er Kunsthistoriker geworden und war zuletzt Leiter einer privaten Stiftung von europäischem Format und ausserordentlicher Professor an der Universität in Basel. In Fachzeitschriften publizierte er auch jetzt noch hie und da Aufsätze über entlegene kunsthistorische Themen. «Kommt Kellerhals?» fragte Rothpletz.

«Nein. Er fühlt sich zu schwach», sagte Frischknecht. «Und auch Arnold kann nicht kommen. Seine Tochter hat mich gestern angerufen.»
Arnold Anderegg, begabter Bauernsohn aus dem appenzellischen Hinterland, frühreifer Lyriker, hatte sein Leben als Adjunkt im Staatsarchiv des Kantons St. Gallen verbracht.

«Sein Magen will nicht mehr.»

«Krebs?»

«Man spricht nicht davon, aber ich vermute es.»

«Der arme Kerl», sagte Rothpletz und setzte sich. «Man weiss nicht, was man hat, wenn man in unserem Alter gesund ist. Ich glaube, Arnold hat nie verdaut, dass er nur Adjunkt geblieben und nicht Staatsarchivar geworden ist.»

«Meinst du? Ich hielt ihn nie für besonders ehrgeizig. Und an der Welt hat er eigentlich schon immer gelitten. Erinnerst du dich noch an seine Aufsätze? ‹Gut›, sagte der alte Knall oft, ‹sehr gut, Anderegg, aber viel zu pessimistisch. Wie wollen Sie mit dieser Haltung durchs Leben kommen?›»

«Wer leidet nicht an der Welt? Nur muss man einmal damit aufhören», sagte Rothpletz.

«Die einen hören früh auf, die anderen spät.»

«Zu spät. Wenn der Krebs nicht mehr zu heilen ist.»

Rothpletz hatte einen Campari mit Soda bestellt. «Dann kommt also nur noch Meyer. Sicher wie immer mit dem Auto.»

«Ich habe nichts anderes gehört», sagte Frischknecht.

«Wir werden immer weniger», sagte Rothpletz, «jetzt, wo auch Ernst Winter nicht mehr kommt. Ich habe es bedauert, dass ich ausgerechnet in der Zeit in London war, als er starb. In der National Gallery waren die Holbein-Zeichnungen aus Windsor Castle ausgestellt. Wie war denn die Beerdigung?»

«Nicht aufregend», sagte Frischknecht. «Meyer nahm mich mit dem Wagen mit. Es war, wie es ist, wenn ein alter Jurist in einer Kleinstadt wie Weinfelden stirbt, der früher einmal Gemeinderat, dann, ich weiss nicht wie lange, Kantonsrat und schliesslich Oberrichter gewesen ist. Kränze, Fahnen, Reden. Die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt.»

«Er schien letztes Jahr noch recht beieinanderzusein», sagte Rothpletz. «Ich erinnere mich, wie er dort um die Ecke kam. Wir sassen schon hier und sagten noch, er sei erstaunlich gut zu Fuss.»

«Es fehlte ihm auch nichts bis ans Ende», sagte Frischknecht. «Er hatte alte Kollegen in Frauenfeld getroffen und mit ihnen Karten gespielt, wie jeden Monat einmal, war fröhlich nach Hause gekommen und gesund zu Bett gegangen. Am nächsten Morgen fand ihn seine Frau. Tot. Herzschlag im Schlaf.»

«Ein Tod, wie man ihn sich wünscht», sagte Rothpletz. «Hast du einen Kranz bestellt?»

«Ja», sagte Frischknecht.

«Und wer führt nun die Kasse?»

Bisher hatte Winter die Kasse geführt, in die jeder jedes Jahr etwas einlegte, damit die Kränze bei den Bestattungen bezahlt werden konnten. «Interimistisch habe ich sie zu mir genommen», sagte Frischknecht.

Die Kirchturmuhr schlug zwölf.

Koller, Walter

Koster, Dora

Nichts geht mehr

Die Geburt meines Kindes
Wann kommt Ihre Strassenmischung endlich? Die Hebamme im Kantonsspital blätterte in einer Illustrierten. Mein Bauch war hart, alles in mir verkrampfte sich. Die lieblosen Worte verstärkten meine Wehen, doch gebären konnte ich nicht. Volle sechs Wochen hatte ich schon übertragen, aber die Ärzte waren nicht bereit, die Geburt einzuleiten.

Sie bekommen ein uneheliches Kind, da müssen wir vorsichtig sein, entschuldigten sich die Herren.

Es war der 28. Juli 1965, morgens um acht Uhr. Der Blasensprung war schon längst vorbei, als die Schwester mich eine Sau nannte. Wie sollte ich nur mein Kind zur Welt bringen, wenn ich Hemmungen hatte. Die Nacht durch hatte mich die Hebamme so geplagt, ich spürte ihre ganze Abneigung, weil ich ein lediges Kind zur Welt bringen wollte. Keine Handreichung, nichts ausser spitzen Bemerkungen hatte ich noch während der Presswehen zu hören. Mein Kind kam nicht. Kurz nach acht Uhr betraten ein Arzt und eine andere Hebamme das Zimmer. Man wunderte sich, dass ich nicht gebären konnte.

Geben Sie sich Mühe, mahnte der Arzt, sonst stirbt Ihr Kind, entspannen Sie sich.

Wie soll ich nur, ich kann nicht mehr, nach all den Schikanen der Nacht hatte sich mein ganzer Körper verkrampft. Die Ablösung trat an mein Bett, lächelte mich an und sagte: Vergessen Sie Ihren Kummer, denken Sie an Ihr Kind, liebe Frau, wir schaffen es schon.

Johanna hiess die freundliche Hebamme, sie gab mir die Hand, wir schauten uns in die Augen und siehe da, meine Tochter kam zur Welt, ohne dass ich noch Schmerzen verspürte. Meine erste Frage war: Hat sie alle Beine? Wie bei allen Müttern war meine erste Sorge: Ist es auch ganz gesund? Nach dem ersten grossen Glück kam schon die Angst. Man wird mir das Kind wegnehmen. Es fehlt der Vater. Obwohl es mir sehr peinlich war, dass mich kein Mann besuchte, der sich als Vater der Kleinen vorstellte, scheute ich mich nicht, an meine Bekannten Karten zu senden: Ich freue mich über die Geburt meines Kindes.

Nach sieben Tagen fuhr ich nach Basel in ein Heim, das von Katharinenschwestern geleitet wurde. Mein Ziel war, dort zu arbeiten, um mein Kind bei mir behalten zu können. Auf die Strasse wollte ich nie mehr zurück. Das Glück, endlich jemanden zu haben, der mir allein gehörte, dauerte nicht lange. Der Weg zurück in ein ordentliches Leben hatte sich nicht gelohnt.

Abfuhr
Der Verenahof war ein Heim für Babies und Mütter. Ich konnte schon am ersten Tag bei den neugeborenen Kindern mithelfen. Ich hatte dadurch auch Gelegenheit, ständig in der Nähe meiner Tochter zu sein. Man hatte für mich einen Lohn von hundertfünfzig Franken angesetzt. Später sollte ich zweihundert Franken erhalten. Mir war das recht so, obwohl ich auf der Strasse dazumal das Fünffache in einem Tage verdienen konnte. Mit meinem Kinde unter einem Dache zu leben, schien mir wichtiger. Zürich, das Niederdorf hatte ich gerne vergessen. So dauerte mein Glück zwei Monate lang.

An einem Morgen betrat die Oberschwester mein Zimmer mit der Bemerkung: Machen Sie die gestohlenen Sachen heraus!

Mich traf fast der Schlag. Wie bitte? sagte ich. Was wollen Sie von mir?

Die gestohlenen Sachen! wiederholte die Schwester. Mir blieb die Sprache weg. Wir wissen, dass Sie ein paar Monate in Zürich auf dem Strich waren, also können nur Sie die Ware gestohlen haben, die im Hause fehlt.

Ich schämte mich, schrie verzweifelt immer wieder: Ich habe nicht!

Doch die Schwester beharrte darauf: Heraus mit dem Zeug! Bei mir brannte die Sicherung durch. Ich startete einen Amoklauf zum Lohnhof.

Wenn Sie zur Polizei gehen, dürfen Sie das Haus nicht mehr betreten, sagte die Leiterin.

Ist mir egal! rief ich zurück. Ich will die ganze Angelegenheit abklären.

Auf dem Polizeiposten war ich recht aufgelöst. Die Beamten versprachen mir, der Sache nachzugehen. Als ich wieder in den Verenahof zurückkam, stand die Leiterin vor der Türe: Sie brauchen nicht mehr zu uns zu kommen.

Mein Kind ist in diesem Hause! gab ich zur Antwort.

Nehmen Sie ein Glas Wasser, beschwichtigte mich die Schwester und hielt mir eine Pille hin. Als ich die Augen öffnete, befand ich mich in einem Auto. Ein Blick aus dem Fenster verriet mir, dass wir uns hinter dem Hauptbahnhof in Zürich befanden.

Was haben Sie mit mir gemacht? sagte ich zur Schwester. Ich hatte Mühe, meine Zunge zu bewegen, mein Gaumen war trocken, ich lallte wie eine Halbgelähmte. Ach so, dachte ich, die haben mir eine starke Droge gegeben und mich dann ins Auto verfrachtet.

Wo fahren wir hin? fragte ich die Schwester.

Zum Stadtarzt.

So eine Schweinerei, dachte ich, aber ich war so müde, ja, ich konnte nur mit grosser Mühe die Augen offen halten. Beim Stadtarzt gab ich mir alle Mühe, die Situation zu erklären. Er merkte, dass etwas faul war. Was wollen Sie jetzt tun, nachdem man Sie abgeschoben hat? fragte er mich.

In dieser Situation bleibt mir auch nicht viel anderes übrig als ins Niederdorf zurück, erklärte ich. Mein Kind hatten die Schwestern in Basel zurückbehalten. Ich stand da ohne Geld, hatte kein Zimmer und niemanden, der mich erwartete. Dass ich verbittert war, muss ich wohl nicht betonen. So landete ich wieder in einer Stammkneipe im Niederdorf. Die Dirnen nahmen mich freundlich auf. Man half mir, ein Zimmer zu finden, und ein Mädchen sorgte fürs erste, dass ich mit ihr zusammen anschaffen konnte.

Erst viele Wochen später habe ich erfahren, wer im Verenahof geklaut hatte. Die Schwestern fanden es aber nicht nötig, sich bei mir zu entschuldigen, obwohl sie mich wieder ins Milieu brachten. In der darauffolgenden Zeit versuchte ich etwas Geld zu beschaffen, dann inserierte ich in Zeitungen. Es war mein Wunsch, mein Kind bei mir zu haben, ich suchte eine passende Stelle. Als Dirne wollte ich auf keinen Fall weitermachen, obwohl ich mich langsam aber sicher bei den Frauen am wohlsten fühlte. Eines Tages hatte ich die Zusage von einem Arzt. Wir holten mein Kind in Basel, und ich arbeitete bei diesem Arzt für zweihundert Franken im Monat. Das Geld reichte knapp für die Wäsche und das Nötigste. Gefallen hat es mir überhaupt nicht, doch das Zusammensein mit meiner Tochter liess mich den Rest vergessen. Eines Tages zog die Familie Doktor in die Ferien, ohne mir auch nur einen Franken dazulassen. Ich hatte keinen Zugang zu den Lebensmitteln. Geld hatte ich keines. So kam es dann, dass ich fieberte und einen Arzt brauchte. Der wies mich in das Spital ein mit der Bemerkung: Sie haben eine Anämie. Ich war unterernährt, wie auch meine Tochter, und das in der Hochkonjunktur.

Nach diesem Erlebnis hatte ich genug. Mein nächster Schritt war zu den Behörden. So kann ich nicht weitervegetieren. Ich fand einen Platz für meine Tochter in einem Säuglingsheim. Ich selbst landete wieder auf der Strasse.

Kuhn, Heinrich

Kuhn, Matthias

Wortwerk

Anmerkungen zur Geschichte

Schon 1998 hatte der damalige Direktor des Wortwerks, Franz Wenzel, eben zum Generalvertreter der tongue tongue Hongkong für die Schweiz ernannt, in einem Schreiben an die zuständige Stelle in Berlin betont, dass die Vorfälle um den nie aufgeklärten Mord im Hôtel du Sauvage in Meiringen, der später durch die ermittelnden Beamten in einem engen Zusammenhang mit den Zürcher Ereignissen vom Herbst desselben Jahres gesehen wurde, nach den eigenen Einschätzungen keine weiteren Kreise würden ziehen können und damit einem breit abgestützten, professionellen Textrecycling auch in der Schweiz nichts mehr im Wege stünde. Diese Einschätzung, müssen wir heute eingestehen, war kurzsichtig. Die in der Folge in Bern gegründete, und nachher vor allem auch in Basel und Zürich aktive Bewegung ARSCHLICH (Aktion gegen das Recycling schöner Literatur in der Schweiz) verfolgt bis heute verbissen ihr Ziel, dem Recycling Schöner Schweizer Literatur Einhalt zu gebieten. Eine falsche Ehrfurcht vor dem einheimischen literarischen Schaffen treibt die Aktivisten in den Untergrund, von wo wir sporadisch ihre Kampfrufe vernehmen.

Das Wortwerk nahm damals – 1998 – wie folgt Stellung: «Die Generalvertretung der tongue tongue Hongkong in der Schweiz ist der Meinung, dass hinter der Aktion ARSCHLICH Personen stehen, die vor allem als Folge und im Vakuum des Auftritts der Schweiz an der Buchmesse in Frankfurt mit allen Mittel zu kaschieren versuchen, dass es eine Schweizer Literatur eigentlich nicht gibt und also einem Recycling derselben nichts im Wege stehen kann. Der Versuch, die Literatur, die in unserem Lande geschrieben wird, dazu zu missbrauchen, eine (neue) nationale Identität aufzubauen, muss unserer Meinung nach fehlschlagen, da sich Schweizer Literatur in nichts von deutschsprachiger Literatur unterscheidet.»

Die Ziele der Aktion ARSCHLICH sind fast verwirklicht. Einem letzten Aufruf der tongue tongue Hongkong im Spätherbst 1998, die Schweizer Literatur endlich konsequent dem Recycling zuzuführen, stiess weitestgehend auf taube Ohren. Es wurde nicht ein einziges Werk zur Verarbeitung eingereicht. In der Schweiz existiert bis heute, ganz im Gegensatz zu unseren deutschsprachigen Nachbarländern, nur eine spärliche und meist im Verborgenen produzierte Recyclingliteratur. Daran haben leider auch die wiederholten deutlichen Stellungnahmen des Obernarrators sowie die Besuche der engagierten und seit 10 Jahren festangestellten Autorin Petra Coronato in der Schweiz nichts geändert.

Anstatt sich ihren Kernaufgaben widmen zu können, sehen sich die Hongkonger Textrecycler heute grotesken Vorwürfen ausgesetzt, die ihre Arbeit torpedieren. Ich zitiere aus einer Mitteilung aus dem Jahre 2002 aus Berlin: «Der jüngste Verdacht, dass die Firma doppelt abkassiere, indem sie nicht nur Recycling, sondern zugleich dessen Strafverfolgung betreibe, ist gänzlich aus der Luft gegriffen, auch wenn die öffentlichen Bemerkungen der Liquidatoren, Intercheating sei eine Anomalie, die zwar ausgefeilteren Betrug am Text, aber in gleicher Weise auch seine Ahndung ermögliche (Altmann), und Recycling lasse sich mittels geeigneter Suchbegriffe schon am Klappentext erkennen und bis zum Entnahmeort verfolgen (Sündbart), einen neuen Skandal befürchten lassen, der die Glaubwürdigkeit der Schönen Literatur auf eine harte Probe stellen wird.»

Die Worte, das erkennen wir nur zwei Jahre später überdeutlich, waren geradezu prophetisch. Die Vorwürfe werden sowohl von den Urheberrechtsbehörden als auch von der Literaturkritik bei jeder sich bietenden Gelegenheit erhoben und die Autorinnen und Autoren damit gebrandmarkt. Diese Praxis läuft den offen Konzepten (Open Concepts im Sinne der Open Source-Konzepte) konsequenten Recyclings Schöner Literatur diametral entgegen. Es geht bei den hier propagierten Recyclingverfahren nicht um eine Zerstörung von Texten, sondern um eine Neukonstruktion veralteter oder unbrauchbar gewordener Texte, es geht nicht um eine Verminderung des Textwertes, sondern im Gegenteil um eine Wertmehrung. Dies zu begreifen war die Zeit 1998 noch nicht gekommen, und sie ist es auch heute nicht.

«Trotzdem, oder gerade deswegen», schreibt Matthias Kuhn, «möchte ich im Namen des Wortwerks als Generalagent der tongue tongue Hongkong in der Schweiz betonen: Literatur, die in der Schweiz geschrieben wird, ist in hohem Grade – Tests im Erzeugerland beweisen es – recyclierfähig! Wir müssen uns für ein Recycling der Schweizer Literatur einsetzen! Wir sind der Meinung, dass ein konsequentes Recycling manchen älteren und sogar neueren Texte zum Gewinn gereichen würde. Also machen wir uns an die Arbeit!

Hongkong Sonne! riefen Wenzel und Coronato 1998 in Zürich. Hongkong Sonne! rufe ich heute wieder.»

Kurer, Fred

Hierzulande hat jedermann nur den Säntis im Auge

Säntis 1

Unterm Säntis ganz allein
Wohnt das Appenzellerlein
Häuslein sein ist furchtbar klein
Stübchen Küch- und Kämmerlein

Bauer sein ist Müh und Plag
Und kein schöner Allestag
Auch des Blässen tief Wauwau
Schaffet her noch keine Frau

Bauer werket dass es kracht
Und der Rücken krumm sich macht
Reich zu werden nicht gelingt
Selbst wenn Zäuerlein er singt

Kopf und Taschen sind oft leer
Und es fehlt Geschlechtsverkehr
So muss Bauer abends sinnen
Und sein Dasein geht von hinnen

Steht verloren auf dem Mist
Fragt sich was das Dasein ist
Schaut dann auf die Wiese wohl
Düngt sie aufs Geratewohl

Bauer sein ist gar nicht leicht
Weil dabei die Zeit entfleucht
Alle Menschen fliegen aus
Bäuerlein nur bleibt zuhaus

 

Säntis 8

Ich
Appenzell
Habe dich

Fässler Adalbert
Kunstgewerbe und Sennenartikel
Hauptgasse 44 und dich
Fässler Albert Landwirt
Lehmerers und dich
Fässler Armin samt Marlis geborene Dörig
Diätkoch und dich
Fässler Franz Chauffeur
Bäbelers 12 und dich
Fässlers Franz Zistli 18 Steinegg und dich
Franz Hirschberg Unter Imm und dich
Hans Fässler Briefträger und dich
Hans Fässler Baggerführer und dich
Hans-Ueli Fässler Meistersrüte
Der du noch immer die wunderbaren Fünfpfünder machst
In deiner Bäckerei und dich
Kunstschreiner Fässler Hermann Söhne und dich
Oh Josef
Meistersrüte Milchzentrale und dich du
Fässler Yvonne

Beim Namen gerufen
Ihr seid

Genau

Und du bist auch
Koller Albert (-Dörig)
Koller Albert (-Rusch)
Koller Anni Unterrain
Koller Arnold Bundesrat
Koller Albert Bahnarbeiter
Koller Bisch Maria (-Neff)
Koller Bruno Landwirt
Koller Sepp Schopfhalde
Koller Thomas Bänkler Schlund
Koller Walter Zimmermann

Ihr seid
Auch ihr

Genau

Genau wie alle Manser

Manser Albert Scheibenlehn
Manser Albert Bahnhofstrasse
Manser Albert Mesmer
Manser Albert (-Heinzer)
Manser Albert Lehnkapelle
Manser Albert Wasserhalten
Manser Albert Landwirt Steig
Manser Albert in Steinegg
Manser Albert Bauernmaler
Wenn keine Antwort hilft dir nix
Manser Albert Rellen
Manser Albert Landwirt Webern
Manser Albert Rütistrasse
Manser Albert Mühleli

Alle seid ihr
Alle

Beim Namen gerufen

Kinder
Hoffentlich
Gottes
Wenn nicht direkt unter so doch
Ganz in der Nähe des Säntis unter dem Himmel
Darüber

Küttel, Richi

Aalti Säck

Juaa, hätt är sich gfreut! So gfreut hätt är sich kum uf öppis, vilicht höchschtens uf d Wienacht, wonär sibni gsii isch und korz vor Hailig Oobed im Schloofzimmer vo dä Elterä underem Bett zuefälligerwiis diä Autorennbaan, wonär sich so seer gwünscht hätt, entdeckt hätt, do hättär diä Wienacht kum chönä erwartä und au jetz hättärs kum chöne erwartä, ganz uufgregt isch är gsii, so uufgregt, wimmer nu cha sii, wänn öppis uf ain zuechunnt, wommer nu vom Hööräsägä kännt und wämmä dem cha Glaubä schänkä, wammä so hört, schtoot ä richtigs Oobentüür aa und är hätt a nüüt me anders chönä tänkä. S eerscht Mool is Schiilaager, s eerscht Mool allai ooni Elterä wägg vo dehai, grossartig! Und dänn isch ändlech au s Infoschriibä vom Lehrer koo, mit dä gnauä Daatä vo dä Hiireis und dä Packlischtä und wammä nöd dörf mitnee und so, und dänn isch dött äbä au dinn gschtandä, dass diä Schiihütte ä bitz abglägä seg und mä mös zeerscht uf dä Schiilift und dänn über d Pischtä zum Huus faarä und drumm segs äbä nötig, dass mä d Sachä im Rucksack mitnämi, und dänn isch diä Freud scho nümm so gross gsii, will är hätt doch kain Rucksack kaa und hätt au sini Elterä kännt, wäg ai Mool Schiilaager gönd diä doch nöd gon än Rucksack kauffä, sicher nöö, do wört dänn aifach i dä Vewandtschaft umägfroogät, so isch da scho mit äm Schiiaazug gsii und drumm faart är jo au nöd Snowboard, sondern Schii, will är doch än Noozügler isch und sini Cousinene und Cousins vill elter sind und drumm isch sin Schiiaazug jo au än neongäälä Overall und sini Schii driisg Santi länger wien är und da hättär bis etz alls vedrängt kaa, aber da isch äm etz alls wider in Sinn koo und är hätt s Schlimmscht beförchtet und da isch dänn au iiträtte. Will sin Vatter hätt dänn tatsächlech diä vewandtschaftlech Telefonketti gschtartet uf dä Suechi nochäme Rucksack, wo dä Bueb möss för da Schiilaager haa, will mä jo nümm normal is Schiilaager chön und zeerscht hätts jo uusgsee, als öb diä Suechi erfolgloos seg, aber dänn hätt sich irgend sonen aaghürootnä Onkel vomänä Cousin erinnerät, dass är no än Coucousin im Züghuus hätt und äbä dää hätt dänn no en Rucksack Baujoor '42 uuftribä, gratis, winner no betont hätt, da seg ä Gschänk, s eerscht Schiilaager seg doch öppis Bsunders und nai, nai, är hätt sich nöd rächt chönä freuä, aber dä Vatter hättän zämägschtuucht, är söll etz nöd wäälerisch sii, dä Rucksack seg guet gnueg gsii för än Soldat, wo a dä Gränzä sis Vatterland vetaidiget heg, do segär au guet gnueg för sonän Schnodergoof, wo s eerscht Mool is Schiilaager gäng und so hättär sich halt i sis Schicksal gfüegt und ghofft, dasän sini Schuelgschpäänli vilicht e chlii cool finded, so i sim Retro-Style, aber chasch tänkä, i dem Aalter hätt no kainä Sinn för ä chli Hipster-Coolness, sicher nöö, do zellt nu, wa ultramodern und neu isch und alli händän uusglachet, won är so vor dä Schuel gschtandä isch, i sim neongäälä Overall und dä aisachzger Lattä und mit dem aaltä Militär-Rucksack ufäm Ruggä und uf dä Car gwartet hätt. Är hätt sich gschämmät und überhaupt nümm gfreut uf da Schiilaager, will är doch gwüsst hätt, wa chunnt, nämli än endloosi Wuchä voller Deemüetigungä und tummä Schprüch wägä sim Rucksack und sim Schiiaazug, und da isch dänn natürli auch koo, all diä Jack-Wolfskin- und Mammut-Models händän uufzogä und än ploogät, Rekrut händsäm gsait, wägäm Rucksack und Lüüchtbanaanä wägäm Schiiaazug, «log emol, do chunnt Rekrut Lüüchtbanaanä» händs grueffä, und im hinderschte Bett im Zimmer hättär mösä schlooffä, dött wo alli am Oobed iri veschwitztä Schiisöck anägschmissä händ und di eerschtä zwai Tääg hättärs jo no ertrait, aber dänn hätts immer mee gäärät inäm, s eerscht Mool ooni Elterä wägg, wie hättär sich gfreut und etz brüüchtär sini Elterä, und da hättän ga no zuesätzlech gärgäret und är hätt jo Wörter wi Mobbing und Diskriminierig no nöd kännt und äs hettäm jo au nüüt brocht, wo hettär sich au solä beklagä, will au d Lehrer händ sich luschtig überän gmacht. Aber s Wort Raache hättär kännt. Und ab em Mittwoch ischär aktiv worä und är isch i dä Nacht uufgschtandä und i d Kuchi gschlichä, zu dä Teechrüeg, wo zum Uusküelä paraat gschtandä sind, und hätt inä bislät. Jedi Nacht hättär in Tee inä bislät, und wennär bi dä letschtä Chrüeg nüt me zbislä kaa hätt, hättär aifach e chli s Pfiifäli inä ghebät unds e chli gschwänkt. Und am nögschtä Morgä hättär mit aim Gnuss zuegluegät, wi alli so torschtig dä Tee trunkä händ und äs hättäm ä ganz ä neus Gfüül ggee, son än Art Macht, ä Macht durch Wissensvorschprung, und da hättär grossartig gfundä und är hätts kum chönä erwartä, i dä Nacht wider uufzschtoo und in Tee zbislä, und diä Deemüetigungä vo sinä Schuelgschpäänli hättär so mit links ertrait und är isch fasch e chli truurig gsii, wo da Schiilaager vebii gsii isch und mit demm äbä au da Machtgfüül, aber scho bald isch s Pfingschtlaager vo dä Jungwacht koo und dött hättär sich wider chönä uusläbä und hätt jedi Nacht wider in Tee bislät und au im Summerlaager vo dä Minischtrante und i dä Berghüttene bi dä Bergtoure mitäm Vatter, immer hättär sich i dä Nacht i d Kuchi gschlichä und hätt i d Teechrüeg bislät. Scho bald ischär als dä schtill, aigä Typ bekannt gsii, won am Morgä immer nu lächlät, aber för iin isch äs s Grööschti gsii, diä Aanigslosigkait vo denä Idiotä, diä haimlech Macht, wonär cha uusüebe, und är hätt sich för jedes Lager gmoldä. Schpööter, wonär gröösser gsii isch, als Helfer, joorelang, und nie händsän vewütscht, winär in Tee bislät hätt, all diä Joor nöö, bis äbä dänn i dem Schiilaager, wonär als Koch mit isch, luschtigerwiis wider ä Schiilaager, dä Krais hätt sich noch joorelangem Teebislä gschlossä, mä hättän vewütscht und äs hätt än Riisäskandaal ggee und nö nu a därä Schuel, irgend än Schüeler hätt no än Hunderter vedient, wilär am Blick än Tipp ggee hätt, und är isch uf dä Titelsittä mit Foti koo, Bisel-Grüsel händsäm gsait, und är hätt dä Job veloorä und d Kolleegä und dänn bald au d Wonig und etz läbtär vo dä Sozialhilf und uf dä Schtrooss und alls, wan är hätt, traitär imänä aaltä Militärrucksack ummä.

Langenegger, Lorenz

Bei 30 Grad im Schatten

Für all das ist es jetzt zu spät, denkt Walter. Oder vielleicht genau der richtige Zeitpunkt, korrigiert er sich, ja, höchste Zeit. Er nimmt sein Telefon aus dem Rucksack. Drei Anrufe in Abwesenheit, dreimal hat man aus dem Büro versucht, ihn zu erreichen. Er drückt die Anrufe weg und ist froh, dass ihm keine Sprachnachrichten hinterlassen werden können. Er schreibt Edith eine Kurzmitteilung. «Ich miete mir in Neuchâtel oder Yverdon eine kleine Wohnung. Was meinst du?» Die Frage löscht er wieder, er möchte, dass sie seiner Mitteilung ansieht, dass er entschlossen ist, etwas zu verändern. Er drückt auf Senden, der kleine Brief flattert davon. Seine Idee macht ihn so froh, dass er für den Moment die Hitze und das Gewicht des Rucksacks vergisst. Er überquert den Helvetiaplatz und glaubt, dass er einen grossen Schritt zur Überwindung des Streits, zur Lösung ihrer Probleme gemacht hat. Während er ungeduldig auf eine Antwort wartet, stellt er erste praktische Überlegungen an. Dass er sich künftig nicht mehr an den Kosten für ihre Wohnung beteiligt, stellt kein Hindernis dar. Bevor Edith ihn kennenlernte, hatte sie die Miete auch alleine bezahlt, und damals verdiente sie noch deutlich weniger. Endlich kann sie sich wieder ausbreiten, er verschafft ihr Raum und Luft zum Atmen. Hat sie nicht schon vor einem Jahr laut darüber nachgedacht, dass sie sich bei der Verwaltung erkundigen könnte, ob nicht eine grössere Wohnung frei würde? Sie hängt an dem Haus und an der Nachbarschaft, aber ein Zimmer mehr, das wäre nicht nur angenehm, sondern auch angemessen, so ihre Überzeugung. In ihrem letzten Lehrjahr hat sie die Wohnung bezogen, inzwischen ist sie in leitender Funktion tätig. Das Mehr an Einkommen führte unweigerlich zu einem Mehr an Einrichtung, ein grösseres Sofa, zu jedem Getränk das passende Glas, ein Teeservice aus Porzellan, dazu die Möbel, in denen all diese Dinge verstaut wurden. Was sie einander und sich selbst in den letzten Jahren geschenkt haben, hat ihnen immer mehr Raum genommen. Nicht ein zusätzliches Zimmer ist die Lösung, denkt Walter, sondern eine zweite Wohnung. Er ärgert sich, dass er das Offensichtliche nicht früher erkannt hat. Es hätte nicht zu diesem hässlichen Streit kommen müssen. In den letzten Jahren ist es mit jeder vollen Einkaufstasche, mit jedem Paket, das der Postbote an die Tür brachte, enger geworden. Was sie in Müllsäcken und im Kompostkübel aus der Wohnung hinaustrugen oder in der Toilette wegspülten, wog bei Weitem nicht auf, was sie alles anschafften. Tag für Tag wurde der Raum in der Wohnung knapper, bis sie sich gegenseitig auf den Füssen herumstanden.

Walters Telefon vibriert. Edith hat verstanden, dass seine Nachricht nach einer unmittelbaren Antwort verlangt. Auf seinen halb entschuldigenden, halb vorwurfsvollen Versuch vom Vortag hat sie zu Recht nicht geantwortet. Im entscheidenden Moment aber kommt ihre Reaktion innerhalb von Minuten. «Viel Glück.» Walter starrt die zwei Worte ungläubig an. Er drückt die Nachricht -hinauf und hinunter, aber mehr hat Edith nicht geschrieben. «Viel Glück.» Das ist alles. Das ist eine Frechheit, empört sich Walter. Was erlaubt sie sich? Der Tag nach einem Streit ist nicht der richtige Zeitpunkt für Ironie, also muss er davon ausgehen, dass sie es genau so meint. «Viel Glück.» Aus den zwei Worten schlägt ihm jenes müde Lächeln entgegen, das er so schlecht erträgt. Er sieht Edith vor sich, wie sie ihre linke Augenbraue hebt und leise verächtlich durch die Nase schnaubt. Es trifft ihn mitten ins Gesicht. Wäre er nicht stehengeblieben, um die Nachricht zu lesen, er wäre zurückgeprallt wie von einer unsichtbaren Wand. Warum nimmt sie ihn nicht ernst? Er ist kein unreifer Bengel, der seinen Kopf durchstiert, er versucht, ihre Ehe zu retten. Aus Ediths Nachricht schlägt ihm die ungebrochene Überzeugung entgegen, dass es nichts zu retten gibt. Sie wünscht ihm viel Glück, weil sie glaubt, dass er nicht versteht, worum es eigentlich geht. Sie, ihre Beziehung, das Leben, die Welt, nichts hat er verstanden, das ist es, was sie mit diesen zwei Worten ausdrückt. Walter möchte sein Telefon am liebsten auf den Asphalt schmettern. Er tut es nicht, wie er noch nie mutwillig etwas zerstört hat, wenn ihm danach war. Auch das, und dieser Gedanke bringt ihn zum Lachen, unterscheidet ihn von einem Halbwüchsigen, der nicht weiss, wohin mit seiner überschüssigen Kraft. Es ist ein aufgebrachtes und trauriges Lachen, das aus ihm hervorbricht, und er ist froh, dass niemand in der Nähe ist, der ihn beobachtet. Der Strassenlärm schluckt seinen zischenden Fluch. Er steckt das Telefon in die Hosentasche und ballt die Faust. War es vermessen oder naiv zu erwarten, dass Edith seine Nachricht versteht, bloss weil sie seit zehn Jahren verheiratet sind? Am Morgen ist er noch der Ansicht gewesen, dass eine Kurzmitteilung in ihrer Beschränkung ein geeignetes Mittel ist, in schwierigen Situationen die Kommunikation wieder aufzunehmen. Er revidiert seine Meinung. Zehn Wörter von ihm und zwei von Edith haben gereicht, um sie in eine Sackgasse zu manövrieren. Wenn er anständig bleiben will, gibt es nichts, was er ihr antworten kann. Edith ist egal, was er macht, solange er sie in Ruhe lässt.

Larese, Dino

Das lebendige Heu. Eine Sage

Einmal kam ein fahrender Schüler gerade zur Zeit der Heuernte ins Appenzellerländchen und schaute neugierig und vergnügt dem emsigen Treiben der Mägde, Knechte und Bauern zu und liess sich auch zu lustigen Scherzen den Mädchen gegenüber hinreissen, die freilich dem fremden Vogel eher misstrauisch und zurückhaltend gegenübertraten. Der Bauer, schon einige Male böse und ungehalten herüberschauend, besonders da sich hinter dem Alpstein ein Wetter zusammenbraute, rief mit einemmale unmutig herüber: «He, Herr Schüler, es wäre gescheiter, statt meine Leute von der Arbeit wegzuhalten, ihr würdet mithelfen, bevor das Unwetter hereinbricht.»

«Was gebt ihr mir, wenn ich die ganze Heuernte allein in die Scheune bringe?», fragte der Schüler und blickte lauernd herüber.

Der Bauer, an einen losen Scherz glaubend, rief: «Ha, das wäre mir ein Brabantertaler wert.»

«Topp, es gilt!» schmunzelte der Schüler.

Und nun blickten alle mit neugierigen Augen herüber und sahen, wie der Schüler seine Arme bewegte und einige unverständliche, beschwörende Worte murmelte. Da lief manchem ein kalter Graus den Rücken hinunter, als sich plötzlich die Heumahden wie von innen her leise rührten und zitterten, wie wenn ein Wind darüberstriche, und dann langsam sich krümmten wie Raupen, die sich fortbewegen, und nun schneller und schneller zu kriechen begannen und der Scheune zustrebten wie lebende, unheimliche Wesen. Und keiner wagte sich zu rühren. Er spürte nur mit kaltem Entsetzen das zwischen den Beinen hindurcheilende Heu; Mahde um Mahde wie folgsame Hündchen. Sie krochen die Tennleiter hinauf und legten sich behutsam auf den Heuboden nieder, eine neben die andere, bis ein kunstgerechter Heustock gebaut war, duftend von Würze, wie nur Bergheu duften kann. Draussen auf dem Felde war kein Hälmchen zurückgeblieben.

Niemand wagte zu reden oder sich zu bewegen, bis der Bauer dem Schüler den Taler gegeben und der zufrieden das Tal hinausgewandert war.

Mit grimmigen Blicken schaute ihm der Bauer nach, dachte er doch, dass ihm der Schüler das Heu verhext und dadurch wertlos gemacht habe. Er wagte es nicht, davon seinen Tieren vorzusetzen, weil er Unheil befürchtete; bis einmal eine alte Kuh krank und elend wurde und nichts mehr vertrug und auf den Tod wartete.

«Da ist nicht viel zu verlieren», sagte sich der Bauer und setzte der Kuh das verwunschene Heu vor, die es wunderlicherweise mit Behagen und heiterm Genusse frass. Ja, es war mit den Augen zu sehen, wie sie sich innert kürzester Zeit prächtig erholte, und ihr Fell einen neuen Glanz erhielt.

Da getraute sich der Bauer, auch den andern Kühen von diesem Heu zu geben, und dabei machte er die freudige Erfahrung, dass die Kühe nicht nur prächtig gediehen, sondern reichlichere und fettere Milch gaben.

Ach, wie wartete da unser Bauer bei jeder Heuernte sehnlichst auf einen fahrenden Schüler, der ihm wieder das Heu lebendig werden liess. Aber er blickte umsonst angestrengt das Tal hinaus, keiner kam seit jener Zeit mehr, so dass auch diese Geschichte, weil sie sich nicht wiederholte, zur schönen Sage geworden ist.

Lauber, Cécile

Land deiner Mutter

Das Spielzeug der Riesenkinder

«In grauer Vorzeit, als die Welt noch nicht zur Ruhe gekommen war und die Völker ihre Heimstätten noch nicht gefunden hatten, kam ein Trupp von Riesen von Norden her gegen unser Land gewandert. Und obwohl sie Siebenmeilenstiefel an den Füssen trugen und mit jedem Schritt ein ganzes Land hinter sich brachten, war es doch ein fauler und bequemer Schlag. Als sie nun hier eintrafen und unserer Berge gewahr wurden, in denen noch keine Menschen hausten, sagten sie zueinander: ‹Was wollen wir noch lange Häuser bauen? Hier haben wir ja alles, was wir brauchen, schon fix und fertig vor uns.› Und die Frauen der Riesen, indem sie auf den See und das flache Land deuteten, riefen vergnügt: ‹Und da steht auch schon die Badewanne für unsere Kinder, und der Platz, auf dem sie springen können!›

So richteten sich denn die Riesen ein und machten es sich gemütlich. Als sie aber am andern Morgen aufwachten und die verschlafenen Augen ausrieben, glaubten sie etwas ganz Wunderliches zu entdecken. Auf dem Land unter ihren Felsenfenstern kribbelte und krabbelte es. Da standen winzige Häuschen aus Schindeln und aus Balken. Zierliche Persönchen eilten hin und her, und noch viel vergnüglichere Tierchen bewegten sich zwischen ihnen. Denn das jetzige Land Appenzell wurde zu jener Zeit von einem fleissigen und harmlosen Volk von Zwergen bewohnt, das viel älter war als das der Riesen, und diese hatten es nur am Abend vorher nicht bemerkt. Denn die Augen der Riesen sind etwas blöde, besonders in der Dämmerung. Sie sehen besser in die Ferne als in die Nähe.

‹Da haben wir auch noch das Spielzeug für unsere Kleinen›, riefen die Riesenfrauen hocherfreut, und sie begannen das ganze Volk samt ihren Tieren und Wohnstätten, den Wäldern und den Zäunen mit einem einzigen Armwisch abzuräumen. Dann hiessen sie ihre Kinder an den steinernen Tisch sitzen und das Spielzeug darauf aufstellen. Natürlich gefiel das den Riesenkindern ausgezeichnet und um so besser, als die Zwerge in ihrem Schreck und in ihrer Angst zu schreien anfingen und wie ein aufgestöbertes Ameisenvolk durcheinanderliefen. Ja, die Kinder waren viel zufriedener als die armen Zwerge, die alle Anstrengungen machten, um auszukneifen und von dem Tisch herunterzukommen; jeden Abend, so wie die Kinder sich entfernt hatten, suchten sie ein neues Versteck auf, so dass die Riesenfrauen am Morgen keine geringe Mühe hatten, die Zwerge wieder ausfindig zu machen und neu zusammenzulesen. Um dem abzuhelfen, spalteten ihre Männer mit Steinäxten einen Berg entzwei, kratzten ihn mit den Waidmessern aus und sperrten jeden Abend das Volk der Zwerge mit all ihren Habseligkeiten darin ein. Den Berg nannten sie den ‹Hohen Kasten›, und wenn du dich umdrehst, kannst du ihn dort drüben, im Süden, immer noch stehn sehen.» […]

«Als nun die Riesenmänner den Berg spalteten, drang das Dröhnen ihrer Äxte bis hinunter in das verschwiegene Reich der Feen und Gnomen, die die Schätze der Erde hüten, und störte sie auf. Und das Schreien und Jammern des Zwergenvolkes in der Nacht sorgte dafür, dass sie keine Ruhe mehr fanden. Da sie von jeher mit den Zwergen gut ausgekommen waren, beschlossen sie, ihnen nun auch zu helfen. Sie sandten Boten zu den Schmieden, die das Feuer im Kern der Erde aufrecht erhalten und baten sie, Glut in die unterirdischen Erzadern der Gebirge einströmen zu lassen, so dass die Riesen nachts auf ihren Felsbetten wie auf erhitzten Rosten lagen, aufsprangen und in die Ebene hinunter liefen, weil sie sonst unfehlbar gebraten worden wären. Vergeblich suchten sie ihre Betten abzukühlen, indem sie mit Eimern den ganzen Bodensee ausschöpften und das Wasser über die Felsen gossen, so dass das ganze Volk der Zwerge ersoffen wäre, hätte es nicht im ‹Hohen Kasten› gesteckt. Das Wasser zischte zwar den Riesen um die Nasen, und sein Dampf hüllte die Berge ein; aber es lief eilig durch die Flussbetten zurück zum See, und die Felsen glühten noch ärger als zuvor, so dass den Riesen nichts anderes übrig blieb, als Reissaus zu nehmen. Und ihre Furcht, ihr Schrecken waren so gewaltig, dass sie auf ihrer Flucht nicht eher einhielten, als bis sie das weite Meer erreicht hatten, in das sie nun hineinstanden, um ihre versengten Füsse zu kühlen. Den ‹Hohen Kasten› hatten sie zu schliessen vergessen. Da kletterten denn die Zwerge fröhlich heraus und begannen in grosser Freude und Dankbarkeit ihre Habseligkeiten, Häuschen, Wälder und Zäune, wieder aufzustellen.

Und als das letzte Lebewesen den Berg verlassen hatte, schmetterten die Geister ihn wieder zu. Dabei aber übersahen sie das Schnappschloss, das einer der Riesen angehängt hatte. Es blieb offen zurück, und du kannst es heute noch, einem Schnabel ähnlich, von der Höhe herunterbaumeln sehen.»

 

Jokebs Märchen

Man kann es gut verstehn, wenn die Alpen als eine Art Vorgarten des Himmels oder gar als ein Stück zurückgelassenen Paradieses angesehen werden; aber man muss es ebenfalls begreifen, wenn gewisse Leute von ihnen behaupten, sie seien der Eingang zur Unterwelt und der Aufenthaltsort unheimlicher und düsterer Geister; denn in keinem Teil der Welt sind die Gegensätze gewaltiger als in jenem, der zwischen Himmel und Erde aufgetürmt steht, Wolken und Winde bald über sich, bald unter sich vorüberziehen sieht und die volle Wucht des himmlischen Lichtes und die ungehemmte Kraft der Elemente an sich erfährt. Und gerade im Frühling sind jähe Wechsel am häufigsten.

Als Nicco hörte, er dürfe mit Jokeb auf die Alpe ziehen, war er überglücklich. […] Jokeb verstand von schauerlichen Dingen zu erzählen, die nicht nur das Herz eines Kindes erzittern machten: Vom Schrecken, der plötzlich in die Kühe fährt, so dass sie sinnlos durcheinander rennen und ihre Glocken verstört und schauerlich durch die Nacht gellen; von Schafherden, die eben noch friedlich weideten und auf einmal, als hätte ein Sturmwind sie angefasst, dem Leithammel nach, über eine Wand hinausjagen; von den lustigen und fröhlichen Ziegen, die von einem Augenblick auf den andern erstarren und bewegungslos stehn bleiben, als wären sie aus Holz geschnitzt, und sich, bis die Abendglocke läutet, nicht mehr von der Stelle rühren können. […] Ja, der Senn sah am hellen Tag und überall Gespenster; und wenn um den Siegel ein Nebel strich, war es der Stiefelhannes, der ehemals als Ammann im Rheintal sich des Betrugs schuldig gemacht hatte und nach seinem Hinschied auf den Siegel gebannt worden war. Dort trieb er sich jetzt um als Ungeheuer, schlich nächtens in die StäIle, schreckte das Vieh und frass aus dem Säutrog. Wenn aber eine Ziege sich verstiegen hatte und auf den ersten Ruf nicht gleich zu finden war, hatte der dreibeinige Hase sie in ein Erdloch gelockt, damit sie ein Bein breche; denn da er selber nur drei Beine besass, zur Strafe dafür, dass er davongehoppelt war, als der heilige Gallus, auf einem Feldstein ausruhend, von einer Krähe angefallen wurde und ihn um Hilfe anrief, hasste er alles, was auf Vieren daherging und suchte ihm zu schaden.

Wo aber auch Jokeb beginnen mochte, am Schluss endete er bei seinem meistgefürchteten Lieblingsgespenst, dem schrecklichen Wüetihö.

Es war ja noch so früh im Jahr, zu einer Zeit, da man sonst das Vieh nicht in die höhern Lagen treibt. Die Alpauffahrt macht sich auch im Appenzellerland gewohnterweise nicht vor dem Junianfang. Aber in diesem Jahr hatte man sich genötigt gesehen, das eben genesene und das von der Seuche verschonte Vieh vom andern abzusondern, und die früh einsetzende Wärme war den Bauern zu Hilfe gekommen. Aber Jokeb wusste, dass die Geister nicht mit sich spassen lassen und eine verfrühte Störung ihrer Ruhe rächen, und er hatte sich nur mit grösstem Widerstreben seiner Pflicht gefügt.

Darum fiel es Jokeb auch nicht leicht, am Landsgemeindetag von der fröhlichen Wirtshaustafel aufzubrechen. […] Es war kein heller Tag. Aber die Dämmerungen zogen sich jetzt schon weit hinaus, und das halbe Licht schien hinter einer sehr hoch oben ausgebreiteten Nebeldecke stillzustehn, als sie nun das Städtchen hinter sich liessen.

Jokeb, dem ein Handbub noch gefehlt hatte, war froh, nun zu zweit ausziehen zu können, und die vielen Schnäpse und das fröhliche Abschiednehmen hatten ihn in die beste Laune versetzt.

Als er nun sah, wie der Kleine an seiner Seite verwundert die wildgezackte Kette der Berge betrachtete, ging in ihm gleich die Erzählerlust los.

«Die sehen seltsam aus, nicht wahr?», ging er ihn an. «Wenn du aber erst wüsstest, dass das gar keine richtigen Berge sind, sondern drei hintereinander erstarrte Sturzwellen eines gewaltigen Meeres, würdest du dich nicht mehr wundern.»

«Eines Meeres?», fragte Nicco ungläubig. «Ja woher ist denn das viele Wasser gekommen?»

«Vom Himmel natürlich», entgegnete Jokeb. «Als der liebe Gott mit seiner Sintflut die ganze Erde ersäufen wollte, lag auch unser Appenzellerländchen tief auf dem Grunde eines Meeres, so tief, dass der Engel, der mit der Taube ausgesandt worden war, um den Wassern zu gebieten, es ganz vergass. Erst, als schon über allen Ländern die Meere dem Befehl gehorcht hatten und abgezogen waren, vernahm er das Brausen und Rauschen, das hier weitertobte in mächtiger Brandung. Da wurde ihm angst, der Herrgott könnte ihn für seine Vergesslichkeit bestrafen; er streckte schnell seine Hände aus und gebot den Fluten zu erstarren, als sie gerade im höchsten Schwung neu anliefen. Daraus ist das Säntisgebirge entstanden. Schau den Kamm dort drüben hinter der Ebenalp und dem Schäfler, das ist der Muschelberg. Er ist nicht aus Stein geformt, sondern aus lauter festgepressten Muscheln. Aber», – fügte er mit Nachdruck hinzu, «das ist lange noch nicht das Seltsamste, was es in diesen Bergen zu sehen und zu hören gibt.» […]

Vor dem letzten Haus im Weissbad stand die Bäckersfrau und fragte bekümmert: «Jokeb, was hat der Landammann gesagt? Macht der Schwob Krieg?»

«Freilich wird’s Krieg geben; das hat mir ein anderer als der Landammann gesagt, der es besser weiss.» «Ach Jokeb», seufzte die Frau, «allweg siehst du Gespenster!»

Sie überschritten jetzt eine Brücke, rückten den Bergen an den Leib und liessen die letzten Häuser hinter sich zurück.

«Wer ist der, der es besser weiss als der Landammann?», fragte Nicco neugierig, als Jokeb stehnblieb, um etwas zu verschnaufen. Von der Stelle aus, auf der sie sich befanden, konnte man gut die drei Gebirgsketten unterscheiden, die durch gleichlaufende Täler getrennt, dem Säntismassiv zustreben. Jokeb zeigte in die Höhe, nach einer senkrecht abfallenden, drohenden Felswand im ersten Gebirgszug, den sie nun seitlich hinter sich liessen.

«Kannst du das Adlernest dort oben sehen?», fragte er.

Nicco strengte sich sehr an. «Ich sehe kein Adlernest», sagte er nach einer Weile, «aber eine ganze Reihe seltsamer Löcher in der Felswand. Ich sehe ein Haus in der einen Höhle und in der andern etwas, das einem winzigen Kirchturm ähnlich sieht.»

«Das ist das Adlernest des Einsiedlermönches Ekkehard an der Wildwand; und das Türmchen ist das Wildkirchlein», antwortete Jokeb.

«Von dort aus muss es herrlich sein hinunterzuschauen», sagte der Kleine ganz versonnen. «Wohnt der Mönch das ganze Jahr dort?»

«Er starb vor einigen hundert Jahren; aber er bewohnt immer noch den finstern Gang, der von jener Höhle durch den Berg in die Ebenalp hinüberführt. Und wenn dem Land eine Gefahr droht, kommt er heraus, setzt sich vor seine Höhle und hält Wache.»

«Hast du ihn gesehen?»

«Ja, freilich! Heute, in der Frühe, als ich an die Landsgemeinde ging, sass er dort oben und schaute gen Norden über die deutschen Lande hinaus zum Hohentwil hinüber, von wo er einst hergeflohen kam. Die Geschichte soll dir ein anderer erzählen.»

«Das ist gewiss eine merkwürdige Geschichte!»

«Ja, aber es ist noch lange nicht das Seltsamste, was man in diesen Bergen zu sehen und zu hören bekommt.»

Sie gingen weiter, und Nicco war sehr damit beschäftigt, an das zu denken, was ihm Jokeb erzählt hatte.

«Die Höhle und den finstern Gang möchte ich einmal sehen», sagte er vor sich hin.

«Es wäre dir nicht gemütlich gewesen, zur Zeit des Mönchs darin zu hausen, so wie er gehaust hat», sagte Jokeb schmunzelnd. «Sie haben Knochen im Gang gefunden von Tieren, die fünfmal grösser waren als ein Elefant und mitten in der Stirne ein Horn trugen, so hoch wie der Kirchturm in Appenzell. Auch kamen des Winters von der Alp her oft Bären zu Besuch. Was würdest du für Augen machen, wenn plötzlich ein Bär vor dir stünde?»

Nicco musste lachen. «Ich fürchte mich nicht vor Bären!», sagte er, nicht wenig stolz.

Sie waren mittlerweile in eine enge und steile Schlucht eingedrungen, und der Kleine, gewohnt, mit wachen Augen um sich zu schauen, fragte Jokeb, wo sie sich jetzt befänden.

«Das ist das Brültobel», erklärte Jokeb, froh, erzählen zu dürfen; denn so wie der Schnapsdunst sich in seinem Kopfe zu verflüchtigen begann, wurde er trübsinnig und düster.

«Hat es seinen Namen davon, dass der Bach brüllt?», fragte der Kleine.

«Ja, wenn es nur der Bach wäre», seufzte Jokeb, aber es ist der böse Hirte mit seiner Kuh, die du hörst.

Denn es war einmal ein ungetreuer Hirte in dieser Gegend, der die ihm anvertraute Kuh einer armen Witwe nicht leiden konnte, weil sie sich immer an den Rand des Abhangs hinaus begab. Eines Tages legte er Tannreiser auf ihren Gang; darüber glitt sie denn auch richtig aus und stürzte in die Tiefe. Nun ist der Hirte für ewige Zeit dazu verdammt, die Kuh an einem Strick aus der Tiefe heraufzuziehen. Wenn er sie schon nahe dem Rande hat, glitscht er aus und stürzt zusamt dem Strick und dem Vieh brüllend wieder hinunter in den Abgrund.»

«Das ist eine merkwürdige Geschichte», sagte der Kleine nachdenklich.

«Ja, aber es ist noch lange nicht das Merkwürdigste und Seltsamste, was man in diesen Bergen zu hören und zu sehen bekommt.»

Sie stiegen weiter, und Nicco fiel es je länger je schwerer, zu tun, als fühle er keine Müdigkeit. […] Nach einer Weile wurde der Wald sehr sonderbar. Das Laubholz war verschwunden, die Tannen standen zwar noch ebenso dicht beisammen, liessen lange Bärte wallen und sahen alt und ehrwürdig aus, aber sie wurden niedriger und niedriger. Schliesslich erhoben sie sich nur noch so wenig hoch, dass der Kleine, wäre er neben einem der Bäume gestanden, sicher mit dem Kopf über dessen Spitze hinausgeragt hätte.

«Was ist das für ein seltsamer Wald? Der steht wohl noch nicht lange hier?», wandte sich der Kleine an Jokeb, der nur auf diese Frage gewartet zu haben schien.

«Oh bloss einige hundert Jährchen», antwortete er, hielt an und verschnaufte. «Wir sind jetzt im ‹kalten Boden› angelangt. Die Erde hier ist das ganze Jahr wie verfroren. Kein Sonnenstrahl vermag sie zu erwärmen. Und wenn du deine Hand vor einen Spalt hältst, so weht es dir eisig daraus entgegen.»

«Woher mag das kommen?», fragte Nicco.

«Wahrscheinlich liegen in der Tiefe Eisfelder verborgen. Man weiss das nicht so genau. Weiss man doch ebensowenig, wohin die Wasser der Seen fliessen.»

«Das ist ein merkwürdiges Land!»

«Ja, aber es ist noch lange nicht das Merkwürdigste, was es in diesen Bergen zu sehen und zu hören gibt.»

Als Jokeb diese Worte sprach, blickte ihn der Kleine erschrocken an. Anfänglich hatte er gar nicht auf diese Redensart geachtet; später vermochte sie ihn bloss neugierig zu machen, jetzt aber erfüllte sie ihn mit wachsender Bangigkeit. Er konnte sich nicht mehr richtig freuen, als jetzt die Steigung ein Ende nahm und sie eine Stelle erreichten, von wo aus in ziemlicher Tiefe unter ihnen der silbergraue Spiegel eines Sees durch die Bäume schimmerte. Es war inzwischen auch Abend geworden, und der Himmel hatte sich mit finstern Wolken überzogen. Ferne Kuhglocken klangen halblaut und schwermütig herauf.

«Da unten sind wir zu Hause!», sagte Jokeb und blieb wieder stehn.

Nicco sprang erleichtert vom Karren. «Ich bin froh!», sagte er fröhlich. «Bei den Kühen und in deiner Hütte ist es sicher warm und schön. Und nun kannst du mir auch getrost sagen, was eigentlich das Merkwürdigste und Seltsamste ist, was man in diesen Bergen zu hören und zu sehen bekommt.»

Plötzlich drehte Jokeb sich dem Kleinen zu, und dieser fuhr erschrocken zurück. Denn in dem Gesicht des Sennen standen die Augen dunkel vor Furcht.

«Ich will es dir sagen, Kleiner, obwohl ich hoffe, du sehest und hörest es nie; denn es kann einer graue Haare davon bekommen.» Er beugte sich dicht zu Nicco hinab und flüsterte: «Es ist das ‹Wüetihö›!»

«Ist das ein Tier?», fragte Nicco ebenso leise zurück. Sein Herz begann heftig zu klopfen.

«Es ist ein Geist», antwortete Jokeb. «Er kann jede beliebige Gestalt annehmen und jede beliebige Stimme nachahmen. Wenn du an einen Kuhfladen stössest, und er schreit auf und läuft davon – so ist es das Wüetihö. Und wenn du einen Laubsack am Wege stehn siehst und willst ihn anfassen, er aber kichert und rollt davon – so ist es das Wüetihö. Es ist es, das im kalten Boden haust und die Tannen umklammert, dass sie nicht wachsen können, und dem Hirt die Kuh wieder hinunterreisst, und das Vieh erschreckt, und die Säutränke verunreinigt – es, das Wüetihö!»

Er kehrte sich um und zog den rumpelnden Karren abwärts den steilen, schlüpfrigen Waldweg hinunter, und der Kleine folgte ihm dicht auf mit zitternden Beinen.

Ledergerber, Ivo

Hierzulande hat jedermann nur den Säntis im Auge

Fausts Hund oder der verkleidete Bläss

Fausts Pudel bin ich
habe euch bereits
mit Zauberkreisen
gefesselt
an meinen Berg

nehme euch euren
kastrierten Kultursäntis

ich bin Fausts Hund
ich
zieh euch
das Fell über die Ohren
leg eure Lügen bloss
Schönheit
Sittlichkeit
Untertanen früher
Aktien-Raffer heute

mich
hat der grosse Notker
verprügelt
ich
prügle
euch
ihr unbelehrbaren
Klosterbräusäufer
Klosterkäsefresser

war ein anderer Käse
ein heidnischer
den die Sennen der Schwägalp
dem Probst ins Kloster sandten
sündigen Frass
gegen Mönchshunger
nicht gegen Mönchsgeilheit
wenn man
Abt Ulrichs
Wiler Töchter bedenkt

ich bin Fausts Hund

habe euch gebannt
treibe euch
von meinem Hundstein
über die Freiheit
in die Höll
und
bis in den hintersten
Schlund der Furgglenhöhle

 

Bescheidene Anfrage

Bescheidene Anfrage an Notker III, den gütigen Lehrer
und genialen Übersetzer

Wo ist dein Säntisgedicht?

Notker
geh nach Rotmonten
genier dich nicht
sieh dir den Säntis an
den
Säntis
unsern
heiligen Berg

wo
Notker
hast du
dein Säntisgedicht
versteckt

Ih sah ûf
an diê berga

steckt es hier

mach mir nicht weis Notker
du habest ihn nie bedichtet

Ih sah ûf an diê berga
dannan chumet mir helfa

was soll
schon
von
dort
kommen

Dörigs Seppedoni Fuchsens Jok
Inauens Bisch Metzlers Ruth

sind das des Himmels Boten
die predigend
uns…gezêigot
uuanan diû helfa
chomen sol

demokratischen Nachhilfeunterricht
freilich
haben sie
nach deiner Zeit
den Äbten
gegeben
sie das Fürchten gelehrt

Notker
wunderschön
übersetzender
wunderlicher
Stubenhocker
Mönch
Wunderkind der deutschen Sprachgeschichte

im
Berliner Sand
im besten Fall
Wildschweine
im
Steinachloch
St. Gallen
schreibst
du
das schönste Deutsch
prächtiger
Worterfinder
Notker

Wo
ist dein
Säntisgedicht
geblieben

Notker
lieber
Von Töblern

Ach hätten wir die Töbler nicht
die schrundigen und tiefen
– wäre alles flach alles flach
der Säntis nur ein altes Monument

man ginge leicht von hier nach dort
ein jeder besuchte jeden
denn alles wäre flach alles flach
da gäb es keinen Unterschied

wir hätten allen Überblick
und wüssten leicht woran wir sind
es wäre alles flach alles flach
da gäb es nichts Verstecktes

wir wären eine flache Republik
und alle gleicher Meinung
und alles wäre flach ganz flach
der Säntis nur der würde weinen …

Drum lassen wir die Töbler wo sie sind
und nehmen froh zur Kenntnis
sie machen jeden Fleck zu einem Berg
und jeden Kopf zu einem Säntis

Die Töbler sind es die die Dörfer
auf Hügeln thronen lassen
und jeden Kopf und jeden Kopf
zu einem kleinen Säntis machen

 

Von den Dohlen

Von den Dohlen sagt man
sie hätten gesehn
wie es war bevor wir kamen
und sie sähen
was wir nicht kennten
sie wüssten wohin
Wege führen
die wir noch lange nicht kennten
an Orte die wir nicht nennten

Ihre Flügel sagt man
trügen sie in Höhen
wo unsereinem nur schwindelt
ihr Mut aber
der sei grenzenlos gross
sie lassen von Stürmen
sich treiben
wie Nebelfetzen ein verirrtes Blatt
lassen sich wirbeln werden nicht matt

Von den Dohlen sagt man
sie seien so frei
wie wir es uns träumen
und selten gestehn
während sie getragen
vom wilden Wind
die Freiheit
erleben die wir nicht mehr wagen
obwohl der Geist auch uns würde tragen

Liechti, Peter

Lauftext – ab 1985

Berggasthaus Säntis. Heute bin ich an meine Grenzen gekommen, beim Aufstieg auf diesen Säntis hinauf bin ich an meine äussersten körperlichen und seelischen Grenzen gestossen. Ich bin nicht einmal froh, endlich oben angekommen zu sein, sondern nur noch wütend, wütend auf diesen Berg, auf mich selbst, auf alle, die je behauptet haben, dass es toll sei, auf einen Berg zu steigen. Und wenn sich dann der Wirt an meinen Tisch setzt und fragt: «Wie geht’s uns denn so? …»‚ so geht uns das schon viel zu weit. Ich bin hier für niemanden vorhanden, will nur noch in meine Kajüte, unter die dicke Wolldecke verschwinden und an die Decke starren. Von unten dringen Alphornklänge zu mir herauf, sie können’s nicht lassen. Meine Stimmung nähert sich dem Gefrierpunkt, genauso wie das Wetter draussen.

Der Aufstieg war die Hölle, vor allem mit diesem Höllen-Rucksack. Unterwegs eine einzige Begegnung, ein Senn, der mir nicht unfreundlich zu verstehen gibt, dass er eigentlich keine Besucher braucht. Eine halbe Stunde später bin ich mitten im blanken Gestein in ein Berggewitter gekommen. Erst hat es gehagelt, dann hat es geblitzt. Nirgendwo blitzt es fürchterlicher als im Säntisgebiet. Das Stativ auf dem Rücken – als wandelnder Blitzableiter gewissermassen – erschien mir die Vergänglichkeit des Lebens so greifbar, dass ich gerannt bin vor Angst.

Warum denken immer alle, dass es ihnen besser geht, wenn sie den Säntis sehen?
Warum wollen immer alle so hoch hinauf? Am liebsten, meint Sepp, würden sie alle ganz oben auf der Antenne hocken. Jeder wolle halt einmal ganz oben sein … Merkwürdigerweise hatte ich selbst erwartet, dass der Säntisgipfel zugleich der Höhepunkt meines langen Matsches sein würde. Doch seit gestern umgibt mich hier nur dünne Luft. Eine der brutalsten Redensarten heisst: Die Zeit totschlagen. Genau das tue ich hier oben; ich schlage sie tot, die Zeit, damit sie aufhört, mich dauernd an meine Gegenwart zu erinnern.

Nirgendwo finde ich Halt in dieser Raumstation. Mit sturer Hartnäckigkeit verfolgt mich die Frage nach dem Sinn meines Unterfangens. Seit Stunden lauf ich nur irgendwelche Treppen hoch und runter, ohne das geringste Interesse für irgendwas und voller Scham über meine überflüssige Gegenwart. Das sieht man mir von weitem an, ich beginne aufzufallen. «Was filmen Sie denn da?» – reine Bosheit, die ganze Fragerei. «Sind Sie vom Fernsehen?», fragt mich ein pummeliger Knirps. Unverschämt! – das würde er niemals wagen unten im Dorf! Vielleicht haben sie’s tatsächlich lustig hier, im Gegensatz zu mir. Ich bin so richtig schlecht drauf, doch heute gefällt es mir, schlecht drauf zu sein. Meine Sucht ist mein Krieg, und den führ ich gegen alle hier!

Ich ertrage es absolut nicht länger, die Art, wie der Berg die Leute befreit – von ihren Hemmungen, von ihrem Taktgefühl und ihrem guten Geschmack. Wenn mich etwas in Panik versetzt, so ist es diese entsetzliche Berg-Fröhlichkeit. Wie gelähmt sitz ich in den engen Reihen entfesselter Bergfreunde am Tisch und warte auf den richtigen Moment zur Flucht. Wie ich mich dann «heimlich» verdrücke, blickt mir doch jeder nach; sofort fällt alles auf, was sich dieser Schunkelei entzieht.

Kaum geschlafen heute Nacht. Eis und Regen fetzen um das Fenster, Blitz und Donner, real und geträumt. Zahllose Traumfragmente, immer dieselbe Konstellation, halb Afrika, halb hier. Rollschuh-Laufen mit meiner Liebsten inmitten schwarzer Rollschuh-Mädchen. Oder sollte ich sagen: Inline-Skaterinnen und Ex-Geliebte? Wie lange liegt die Welt zurück, in der ich lebe?

Natürlich hat es auf der Schwägalp geregnet. Und irgendwann hat es dann aufgehört, und irgendwann wieder angefangen, aufgehört und wieder angefangen … gleichsam im Gegentakt zum Aus- und Wiedereinpacken meines Kamera-Equipments. Den ganzen Tag bin ich nicht mehr herausgekommen aus diesem fatalen Rhythmus, und trotzdem geht es mir gut, zum ersten Mal richtig gut auf diesem Marsch. Und mit jedem Meter, den ich mich vom Säntis entferne, geht es mir noch besser. Ich bin – so scheint es – endlich über den Berg. Und ich stelle fest, dass ich wach bin, zum ersten Mal richtig wach, und dass diese grosse alte Schwägalp von zauberhafter Schönheit ist. Ab und zu bricht die Sonne durch, ein schriller Glanz schiesst über die Weiden, dann herrscht wieder Dunkelgrün, das schwerste Grün der Welt.

Auf dem Weg treffe ich eine Älplerin. Wir unterhalten uns über Blitze und andere Naturgewalten, fünf Rinder hat’s kürzlich erwischt, hier unter diesen Tannen …
Ich hatte mich kaum verabschiedet, da bin ich ins nächste Gewitter gekommen; mitten in einem Tannenwald ist es über mich hereingebrochen. Ein furchtbares Gewitter, und ich habe mich gezwungen, weder an Rinder noch an Tannen zu denken. Die Rache des Säntis! schiesst’s mir durch den Kopf – und schon wieder beginne ich zu rennen …
Die Unversöhnlichkeit, die in dunklen Schwaden über den dunklen Tannenwäldern hing, ist das Letzte, was mir von diesem Tag geblieben ist.

Von Appenzell aus habe ich Sepp angerufen, ob er Lust hätte, morgen mit mir zum Fälensee hinauf zu laufen, zur Alpstobete auf der Bollenwees. Ja gerne, sagt Sepp, er sei schon lange nicht mehr weggekommen, und dort oben sei es besonders schön. Er schaue grad zum Fenster hinaus, drei Rehe zankten sich am Waldrand, und jetzt komme noch ein Habicht hinzu, das sei gar kein gutes Zeichen … Er kenne übrigens einen, der habe drei Schachteln Zigaretten geraucht am Tag, und eines Tages hätte der sich gesagt: wenn so viele nichts nützen, so könne er ebenso gut ganz aufhören damit, und von dem Moment an hätte der keinen Zug mehr geraucht. – Meint er’s nun ernst, oder macht er nur Witze?

Emil Haas ist pensionierter Briefträger und Jäger. Per Zufall hab ich von seinen Super-8-Filmen gehört; diese Bilder sind mir Beweis, dass es noch immer einen sehenswerten Hintergrund gibt zum ganzen Kitsch, der diese Täler verstopft bis ins letzte Museum hinein. Es kommt mir vor, als sei dieses winzige Appenzell das mentale Epizentrum der ganzen Ostschweiz – alles viel deutlicher, rezenter, wie der Käse. Ich mag die Leute hier; wie schaffen sie’s nur, so zu tun, als wär es immer noch früher, und alle spielen mit? Wie Kinder, die längst wissen, dass es keinen Osterhasen gibt, aber noch immer nach Eiern suchen wollen und deshalb so tun, als hätte der Hase sie versteckt.

Am Abend ein Spaziergang zum Hexenwäldchen mit dem Peterer und seiner Sau. Ist der Peterer der Hans im Glück oder eher ein listiger Kobold? Dort hinten in der kleinen Lichtung macht der Peterer einen Ritt auf seiner Sau. Das Hexenwäldchen ist plötzlich sehr dunkel, und alles erscheint mir wie durch einen seltsamen grünen Filter hindurch. Nie war ich weiter entfernt von allen Rauchergelüsten. Zigaretten hätten den feinen Zauber sofort zerstört und Peterers Verrücktheit auf obszöne Spielchen reduziert. Nikotin ist eine kalte, vulgäre Droge, die einem bald einmal den Zugang verwehrt zu delikateren Realitäten.

Der Kopf ist völlig woanders als die Füsse. Ich habe mich gehen lassen – wörtlich; ich laufe mir voraus oder hinterher und verliere mich zwischendurch auch ganz aus den Augen. Mal spiele ich den Wanderer, mal den Einheimischen und mal den Touristen – eine verdammte verlogene Scheisswanderung wird das bleiben, wenn ich mich nicht bald einmal entschliesse. Beim Filmen setze ich auf Zufall statt auf Konzentration, beim Denken ist es genauso.

Ich habe die Abzweigung verpasst; mitten in dieser mir bestens bekannten Umgebung habe ich vollkommen die Orientierung verloren.

Es stimmt nicht, dass die Bilder lügen, im Gegenteil. Die Kamera hat mir oft geholfen, mich auf den Boden zurückzufilmen, den Blick gewissermassen im Moment zu verankern.

Volksmuseum Appenzell. Anhaltendes Wohlbefinden, während ich die alten Holzfiguren betrachte; ich suche den Fokus auf die schönen Gesichter der Schlafenden Jünger. Die Ängste und Beschwörungsformeln des katholischen Menschen, die naive Abgründigkeit dieser Bauernkultur – alles, was die dunkle Seite des Landes betrifft, scheint mir hier in einem Raum versammelt. Selten sah ich eine gelungenere Mischung aus verspielter Volkskunst und tief empfundener, sehr menschlich interpretierter Religiosität.
Am aufregendsten fand ich die alte Pendule, ich nenne sie die «Todes-Uhr». Unter dem Zifferblatt, auf einer kleinen mechanischen Bühne, spielt sich in endloser Wiederholung ein makabres Drama ab: Mit unverhüllter Gier ringen die biblischen Mächte um die Seele des armen Sünders, der von seinem Sterbelager aus mit letzter Kraft versucht, sich die ganzen Plage-Geister mit dem Kreuz vom Leib zu halten. Auffallend vor allem die himmlische Botin; wie das Nummerngirl eines billigen Revuetheaters kokettiert sie mit dem Publikum, während Pfaffe, Tod und Teufel um das Todeslager schleichen. Der Sterbende selbst bleibt bleiche Staffage. Das Stück ist eine besonders böse Inszenierung des Katholizismus, schlicht und prägnant auf den Punkt gebracht.

Der fünfte Tag im Osten. Einst hatte ich alle Kraft darauf verwendet, von dieser Gegend loszukommen, und seither tue ich nichts anderes, als dauernd hierher zurückzukehren. Noch immer gelingt es mir, in diesen Hügeln herumzuspazieren und mich zu fühlen wie einer, der das alles zum ersten Mal sieht.
Andererseits beanspruche ich doch insgeheim, ein Stück weit dazu zu gehören. Wenn mir aber einer sagt, du bist doch einer von uns, krieg ich sofort die Panik.
Die Raucherlust hat nachgelassen, doch weiter bin ich nicht gekommen. Der schrille Tonfall in meiner Stimme ist noch immer derselbe, wenn ich die Leute um etwas bitte.

Der Aufstieg zum Fälensee, vor allem der erste Teil, ist von unvergesslicher Steilheit. Unvergesslich bleibt mir auch Sepps Erstaunen – ja Empörung, als er am steilsten Wegstück immer wieder überholt wird von allerlei bunten Wandervögeln aus der Stadt. Er, der Bauer und Arbeiter, der täglich an der frischen Bergluft barfuss und mit blossen Händen seine Muskeln stählt, hat das Nachsehen bei diesen durchgestylten Karikaturen … Auf dem Weg zurück ins Tal freut er sich wie ein Kind, dass nun wir es sind, die alle überholen.

Es gibt Leute, die sind mit ihrem guten Geschmack verheiratet. Sie bilden ein derart hermetisches System mit ihrer stimmigen Umgebung, dass sie mir mehr zuwider sind als alle Geschmacksverirrten … Daran denke ich merkwürdigerweise, während ich die Physiognomie der Karpfen studiere, die im Teich hinter dem Bahnhof Appenzell im Wasser treiben.

Mit Ex-Weltmeister Walter Steiner über das Skifliegen zu reden, ist vor allem ein Gespräch über Technik, doch er wäre kein Weltmeister, wenn er nicht im Moment, da er abhebt vom Schanzentisch, in eine Welt hineinsehen könnte, in der augenblicklich alles aufgehoben ist, was kurz zuvor noch Gültigkeit hatte. Daher, so denke ich, fliegt er so weit, und daher wirkt er so benommen nach der Landung – plötzlich wieder auf diesem Boden.
Ich fliege nicht gerne hoch, soviel ist mir klar geworden bei meinem ersten Flug mit einem Hängegleiter. Ich starte gerne, und ich lande gerne. Am liebsten aber schwebe ich, und die schönste Form des Schwebens bietet der Sessellift. Es gibt nach wie vor nichts Besseres, als im Sessel die Hänge hinauf und wieder hinab zu gleiten, als «Hänge-Gleiter» – im wörtlichen Sinn.

Zu lange beim Frühstück gesessen heute. Das lange Sitzen hat mir nicht gut getan, der ganze Organismus ist mittlerweile auf Laufen eingestellt. Laufen ist mir lieber als Schreiben oder Filmen. Das Denken bewegt sich weich und fliessend im Laufen, und wenn ich mich dann setze um einen Gedanken aufzuschreiben, so kommt der ganze Apparat ins Stocken, und alles wird krampfig und schwer … Vielleicht ist es Zeit geworden, Schluss zu machen mit der ganzen Lauferei und wieder das Sitzen zu üben.

Es war schwer, sich von Appenzell zu trennen. So kam es, dass ich den Abmarsch bis in den späten Nachmittag hinausgetrödelt habe. Ausgerechnet am Abend des Nationalfeiertags lauf ich von Appenzell nach St. Gallen hinunter. Langsam geht das Ländliche über ins Provinzielle, das Liebliche ins Niedliche. Schliesslich kommt man zur sogenannten Ganggeli-Brücke, die das Land direkt mit der Stadt verbindet. Eine äusserst filigrane Brücke, unheimlich hoch und unheimlich lang. Überall am Geländer sind Schilder angebracht; die Lebensmüden werden aufgerufen, doch unbedingt die rote Telefon-Nummer zu wählen, bevor sie springen. Tatsächlich liegt eine schwer zu fassende Schwermut über dieser Schlucht. Unwillkürlich möchte man allein sein, sobald man diese Brücke betritt. Ein Ort der Einkehr – oder auch der Abkehr vom Leben.

Lutz-Gantenbein, Maria

Lutz, Werner

Aufgewachsen

Aufgewachsen
nah an einer Stallwand, zusammen mit Brennnesseln und Holunder,
zwischen Hahnenfuss und Hühnerbeinen,
von Wespen gestochen und von Bremsen,
stehe ich noch immer dort. Auch auf der Sandsteintreppe bin ich anzutreffen,
ein randvoll gefüllter Wassereimer,
der für immer ein randvoll gefüllter Wassereimer bleibt.
Ich bin zu hören als Webstuhl, der unten im feuchten Keller Seide webt,
bin noch immer unterwegs, als ein Bellen, Maunzen, Grunzen, klirre als Kuhkette in der fellwarmen Dunkelheit.
Ich liege als Brotlaib im Küchenkasten,
dampfe als Melissentee auf dem Stubentisch. Dort schreibt mein Vater,
mit widerspenstiger Feder, mahnende Briefe an seine Söhne, liest in der Bibel
jene Abschnitte, die ebenfalls von Vätern und Söhnen handeln,
von bitteren Enttäuschungen und bitterem Verzeihen.

Aufgewachsen
mit den Brunnenworten einer Brunnenröhre, heftigen Worten bei Gewittern,
spärlichen Worten in trockenen Zeiten,
verstehe ich als einer der Letzten diese glitzernde Sprache.
Ich habe mit allen Sinnen zugehört, den Hügeln, dem Winseln des Föhns,
dem Falterflug nah am Ohr.

Und nun habe ich den Faden verloren, bin ein alter Mann geworden,
der sich zurücksehnt und zugleich verflucht
die unsere Erde plündern und verwüsten.
Nacht wächst über meinen Arbeitstisch, dichtdunkles Nachtgras,
das morgen in aller Frühe gemäht werden wird.

Maag, Elsbeth

Stauberentexte

* Stauberengrat: östlichster Grat des Alpsteins.

 

I
hockt
vom Buchser Küchenfenster
gerade Blicklinie nach Norden
ein steinerner Däumling
die Stauberenkanzel
Berg auf dem Berg

an Däumlings Fuss die
Kuh (Küchenfensterblick)
ist keine Kuh ist Haus ist
Gasthaus Berggasthaus

II
seit Stunden
Regenwolken überm Grat
als werweissten sie
wann und wo und
in welchem Mass

III
Frümsen das Dorf
drei Fussstunden oder
zehn Gondelbahnminuten
zum Grat

IV
Fuss- und Gedankengang:
was wohI wichtiger
das Oben das Unten
der Grat die Ebene
oder was dazwischen
die schroffen Wände
Schrunden Schränze Risse
die Hügel und deren Anmut
oder hoch oben das Wolkenspiel
die Ferne die Weite

V
der Grat ist Horizont
schneidet den Himmel ab
scharf
schickt den Berg ins Tal
ins Rheintal
ins Appenzellische
jäh

VI
eine Kanzel aus Fels
ein Kreuz
anstelle des Pfarrers
spricht der Wind
sprechen Winde
hoch und tief

VII
wie viele Töne
hat ein Berg?
warum so viele?
warum solche?

VIII
im Süden das
Rheintal das Föhntal
tief unten die Ebene
Werdenberg Heimat mein
(das Buchserküchenfenster nicht entdeckt)
der Rhein mit Silberblick
ab Flussmitte gilt Liechtenstein
Ausland mit Schweizerwährung

IX
Goldrollen als Wegbegleiter
Grat Gras Gold

plötzlich dieses leise
dieses Glücksgefühl

X
so viele Sterne
und hell erleuchtet
auch das Haus
und irgendwo
1751 m tiefer
das Meer

XI
wie sacht
der Himmel die Berge berührt
als wären’s Geliebte
als streichelte er Haut

XII
abschüssig der Weg
stutzig geht die Welt weiter
der Himmel flieht

XIII
ausgeschieden
die kleine Soldanella
Schuhtritt
tot

XIV
düster und schön
das Gewitterbild
das Grün fast schwarz
bizarr die Türme die
Felstürme Wolkentürme

im Regendunkel
verschwindet der Grat

XV
das Unwetter vorbei
jetzt das Versöhnliche
ein Abendrot ein
heller Himmel und
wie leichte Hände
Vögel

XVI
mitunter ein Ton
eine Schelle
ein Tier
ein abgelöster Stein
ein Ruf

Manik, Sabina

Der verbrannte Brief

Yasmin! Du herzallerliebstes Kind!

Zuallererst will ich dich einfach halten. Du reichst mir schon an die Schultern! Ich lege meine Arme um dich, ich liebkose dein seidiges Haar, ich küsse deine unglaublich grünen Mandelaugen, welche aus einer Tiefe blicken, die eigentlich einem achtjährigen Mädchen noch nicht gebührt.

Ich drücke dich an mein Herz und wiege dich ganz sacht, so wie ich es getan habe, als du klein warst. Was ich dir sagen muss, ist so ungeheuerlich, dass ich gar nicht weiss, wie und wo ich beginnen soll. Ich schreibe dir diesen Brief in der Hoffnung, dass ihn dein Vater für dich aufbewahrt und ihn dir gibt, wenn du gross genug bist. Ich schreibe ihn dir in meiner Muttersprache, die ich dir entgegen allen Unkenrufen beigebracht habe. Du sprichst sie fliessend und fast akzentfrei. Aber statt dass mich diese Tatsache mit Stolz erfüllt, frage ich mich jetzt, ob ich je das Recht gehabt habe, dich mit einer dritten Sprache zu belasten, einer Sprache aus einem kleinen Land, auf der anderen Seite der Welt am Fusse der Berge, wo im Winter der Sturm heult und späte Heimkehrer erfrieren können.

Vielleicht kann ich meine Geschichte daran anknüpfen: Man kann nämlich nicht nur in Schnee und Eis erfrieren, geliebtes Kind, man kann auch an der Sonne erfrieren, inmitten freundlicher, brauner, kleiner Menschen, deren Wesen man so wenig zu verstehen vermag wie das der Gottesanbeterin – weisst du noch, die Heuschrecke, die ihr Männchen nach der Paarung auffrisst. Ich habe dir das alles erzählt in jenen einsamsten aller neun Jahre auf der kleinen Insel, die dir Heimat ist und mir immer ein Kerker blieb. Auch haben nicht alle Gefängnisse dicke, modrige Mauern. Mein Gefängnis hatte einen türkisblauen Strand, der etwas weiter, über dem Korallenriff, ins Azurblau überging. Mein Gefängnis war von weissem Sand umgeben, der in der Mittagshitze flimmerte und gegen Abend von unzähligen kleinen Schalentierchen, Krabben und Einsiedlerkrebsen belebt wurde. Heute weiss ich, dass ich dir viel zu viel erzählt habe, und ich tadle mich deswegen, so wie ich mich wegen allem tadle, was ich dir und deinem Vater angetan habe. Ich bin keine gute Mutter. Was ich am allermeisten hätte sein wollen, ist mir nie gelungen zu sein. […]

Ich muss dich verlassen. Ich bin krank. Weisst du noch, wie ich dir erklärt habe, dass man die verrückte Zohra, die jedesmal die Zähne bleckte, wenn wir das Wasser holten bei der Verteilstelle neben dem Gebetshaus, nicht auslachen und verhöhnen sollte, weil sie ebenso krank sei wie der kleine Mann vor der Garage, dessen Körper über und über mit Warzen besät war? Ich leide auch an so einer Krankheit, die man nicht sieht, weil sie im Gemüt lebt und an der Seele nagt. In der Sprache deines Vaters existiert kein Wort für sie. Die Insulaner scheinen diese schleichendste aller Krankheiten nicht zu kennen. Wenn bei ihnen jemand den Verstand verliert, so tut er dies gründlich, wie eben die verrückte Zohra oder der Spinner Hassan. Sie entledigen sich aller gesellschaftlichen Fesseln und erfreuen sich ihrer Narrenfreiheit. Sie scheinen nicht im Entferntesten traurig zu sein über ihren Zustand, und manchmal beneide ich sie richtiggehend. (Es steht noch ein Buch zu diesem Thema auf meinem Büchergestell. Natürlich gehören die Bücher jetzt alle dir, du darfst damit machen, was du willst. Aber wenn du Papier brauchst zum Anfeuern oder um es in deine Uniformschuhe zu stecken, frag lieber den Papa nach alten Zeitungen, weisst du noch? Amici libri sunt! Ich gehe zwar aus deinem Leben, aber ich lasse dir alle meine Freunde zurück.) Ich nenne diese Krankheit Schwermut, oder einfacher: Traurigkeit. Auch du weisst schon, was Traurigkeit bedeutet. Als deine Grossmutter starb, weintest du ihr nach, und auch als wir die kranke Katze weggeben mussten, warst du ihretwegen traurig. Manchmal bist du auch traurig, weil du spürst, dass deine Eltern verschlossen und unglücklich sind oder weil du mit dem wunderbaren Instinkt der Insulaner fühlst, wie verloren und einsam dein Vater in Halvatien war, auch wenn er nie länger als ein paar Wochen dort war. Traurigkeit hat auch etwas Schönes. Traurigkeit kann voll Poesie und matter Farben sein. Sie kann sich wie ein Wolkenfetzen in einen grellblauen Himmel über dein leeres Gemüt legen und dich inspirieren. Sie kann dir gewissermassen zu einem treuen Gefährten werden, auf den du nicht mehr verzichten willst, weil er, wie eine Kerze, welche die Trivialität einer späten Stunde dämpft, der Banalität des Lebens einen Tüllschleier umhängt. Aber merke dir eines, Kind: Sie ist ein tückischer Begleiter und kann dich, ohne dass du es merkst, in Tiefen hinunterstürzen, aus denen du allein nicht mehr entkommen kannst.

Ich wollte dir noch so viel sagen, doch wird die Zeit knapp. Man sollte sich in jeder aussichtslosen Lage besinnen; man sollte versuchen, die Übel zu erkennen und ihnen Prioritäten zu geben. Dann sollte man eines nach dem anderen ausreissen, fein säuberlich, mitsamt den Wurzeln. Ich habe all die Jahre davon geträumt, mit dir in einer schöneren, reicheren, entwickelteren, demokratischeren und freieren Welt zu leben. Aber ich wusste in meinem Innern immer, dass dein Vater dich mit der gleichen Macht liebt und du ihn. Er war gewissermassen die bessere Mutter als ich. Nie verlor er die Nerven, nie schalt er dich, immer war er für dich da, bedingungslos, und wie er dich lachen und jauchzen machen konnte schon als ganz kleines Kind, hat in mir den Verdacht erhärtet, dass ich der Störfaktor Nummer eins in eurem Leben bin. Die Komplexität meiner Wünsche und Gedanken haben die Einfachheit eurer Welt, in der auch eine gewisse stille Harmonie liegt, blossgestellt. Ich muss mich selber mit den Wurzeln ausreissen, um euer Leben zu befreien, und das werde ich tun. […]

Manchmal gelingt es mir, dich aus Distanz zu betrachten. Dann sehe ich ein starkes schönes Kind, dessen einzige Ahnung von Schmerz eine ihm fremde Mutter ist, der alles schwer fällt, jede noch so selbstverständliche, alltägliche Verrichtung, und die irgendwie immer abseits steht, weil sie nicht wirklich da lebt, wo sie ist. Ich sehe, wie du mit deinen Verwandten den für mich noch immer ekligen fischteigigen Reis isst und er dir schmeckt. Wenn du von der Gebetsstunde nach Hause kommst, verhüllt bis auf dein goldenes Gesicht, dann bist du mir fremd und deine Augen strahlen voller Freude. Wenn du schwimmst und die klatschnassen Kleider an dir kleben, dann lachst du und wringst das Leibchen am Körper aus, so gut es geht. Wenn du in der Schule, in die enge Uniform gezwängt, ganz vorne in der Besammlungsreihe stehst, weil du die grösste bist, dann leuchtest du. Und wenn du gehst, winken die anderen Kinder dir zu, denn du hast ein offenes, freundliches Gemüt. Wenn dich dein Vater mit seinen starken Armen in die Luft stemmt, so wie er es schon tat, als du ein winziger Säugling warst, dann jauchzst du voller Lebensfreude, und wenn er für dich singt und dir die Füsse massiert, dann bietet sich mir ein Bild von schmerzhafter Schönheit.

Ich darf das alles nicht zerstören – man darf jeweils nur den tatsächlichen Störfaktor ausmerzen, also mich selbst. Es steht mir nicht zu, dir zu sagen, dass ich dich aus Liebe verlasse. Ich tue, was sich mir aufdrängt. Wenn ich dich um etwas bitten darf, dann ist es um die Einsicht, dass ich nicht mehr kaputt gemacht habe, als was im Inneren schon kaputt war. Als ich deinen Vater geheiratet habe, war ich jung und voller Illusionen. Es ging alles nur um dich. Ich wollte, konnte nicht weiterdenken. Ich erwartete wohl eine Lösung all meiner Probleme, an deren Wurzel eben jene Traurigkeit lag. Ich wollte ein anderer Mensch werden, wollte ein devotes Weib werden, mich nur noch um dich und deinen Vater kümmern. Ich konnte mich nicht vor mir selber retten. Ja, jung und närrisch war ich.

Nun gehe ich. Nur eines noch wollte ich dir sagen. Pflege deinen Glauben und nimm ihn ernst, auch wenn sich die Zeiten ändern und auch die Insulaner beginnen, Kaufhäuser anstelle von Gebetshäusern zu bauen und sich ein Auto anstelle einer Pilgerreise zu leisten. Der Glaube trägt einen durchs Leben. Ich wäre dir auch in dieser Hinsicht eine schlechte Mutter gewesen. Mein Glaube hinkt wie ein verletztes Tier hinter mir her. Du bist auf dem richtigeren Weg, als ich es war, und dieses Wissen gibt mir die Kraft, mich jetzt auf meinen Weg zu machen.

Manser, Joe

Martin, Adrian Wolfgang

Meienberg, Niklaus

Broger

Brogers waren schon gerüstet, als ich gegen Mittag in ihrer einfachen Appenzeller Residenz eintraf, er ein gewaltiger Brocken in Bundhosen hinter dem Schreibtisch in seiner Studierstube, sie mit den beiden Hündchen beschäftigt. Die Hündchen heissen Belli und Gräueli, während die Frau von ihrem Mann mit dem Kosenamen Lumpi gerufen wird. In einem NSU Ro 80 ging es in Richtung Gonten, ab Kassette strömte das Violinkonzert von Beethoven durch den Autoinnenraum. Dabei musste ich sofort an den rauhbeinigen Alex aus dem Film Clockwork Orange denken, welcher von Beethovens Musik zu Gewalttaten verleitet wird. Dank dem Fahrkomfort des Fahrwerks glitten wir sanft am Kloster ‹Leiden Christi› vorbei, wo Broger Klostervogt ist. Auch in Wonnenstein, Grimmenstein und Mariae Engel ist er Klostervogt. Alle Räder sind einzeln aufgehängt und abgefedert, Radfederung und Radführung sind sauber getrennt, Stabilisatoren stemmen sich gegen die Kurvenneigung. Ein richtiges Senatorenauto. Je schneller, desto geräuschloser, sagte Frau Broger, am leisesten bei 180 km/h. Irgendwo hinter dem Jakobsbad war die Fahrt zu Ende, der regierende Landammann zog den Zündschlüssel heraus, Beethoven brach mitten in der Kadenz zusammen.

Der Aufstieg begann. Die beiden Hündchen wurden ganz närrisch bei den vielen Wildspuren. Im Sommer kann der Landammann auf einem geteerten Strässchen bis zu seiner Berghütte hinauffahren. Das Strässchen wurde von umliegenden Bauern in Fronarbeit geteert (nicht dem Landammann zuliebe, sondern damit die Strasse wetterfest wurde für ihre landwirtschaftlichen Gefährte). Wir stapften durch den Schnee in die Höhe, angeführt vom Landammann, Ständerat, Klostervogt, Ombudsmann der Versicherungen, Präsidenten der schweizerischen Gruppe für Friedensforschung, Buttyra-Präsidenten, Präsidenten der Landeslotterie, Delegierten im Vorstand der Ostschweizerischen Radiogesellschaft, Vorsitzenden des Grossen Rates, Vorsitzenden der Landesschulkommission, Präsident des Eidg. Verbandes für Berufsberatung, Vorsitzenden der Bankkommission, Vorsitzenden der Anwaltsprüfungskommission, Mitglied der Jurakommission, Delegierten im Verwaltungsrat der Appenzeller Bahn, Vorsitzenden der Landsgemeinde, Mitglied der aussenpolitischen Kommission des Ständerates, Mitglied der Drogenkommission. Dieser ging voran mit dem Rucksack. Er ist noch rüstig, macht einen kolossal massigen Eindruck.

 

Epitaph

Wenn ich nicht
an die Unsterblichkeit der Seele glaubte
wär ich auch Revolutionär
dann würde ich die Erde in ein Paradies
zu verwandeln suchen
weil es aber
ein Jenseits gibt
kann ich mich gelassen geben
wir haben ja nachher
noch etwas (1)
nämlich diese Soirée de Gala, veranstaltet
in der Ewigkeit hinten im Vormärz 1980
zu Ehren von Dr.
Raymond Broger dem sattsam bekannten NSU Ro-80-Besitzer
und Landammann

nachdem er seine leibliche Hülle
abgestreift
& ihn seine beiden Hündchen Gräueli & Belli
& seine Frau die er Lumpi rief
in der anderen Welt
beweinten

(1) Broger zu Meienberg. 1973. Tages-Anzeiger-Magazin.

Meier, Helen

Gratulation

Die Radiosprecherin gab bekannt, dass im Altersheim Sonnenblick Fräulein Marie Hungerbühler ihren 95. Geburtstag feiere, dass sie fortfahre, noch alle Tage abzustauben oder Blumen zu giessen, dass man ihr dazu herzlich gratuliere und weitere schöne Lebensjahre wünsche. Fräulein Marie Hungerbühler hatte die Gratulation nicht selber gehört, sie war taub, und den Hörapparat hatte sie vergessen. Die andern Alten lachten, die Schwester kam und schrie es ihr ins Ohr, Marie vergass das Brot in den Kaffee zu tunken. Gratuliert war ihr worden, von fremden Herren am Radio, sie verschüttete den Kaffee. Sie war nicht die Einzige, die verschüttete, überall auf den Plastiktischen waren Kaffeelachen. Die Alten sassen davor und schauten vor sich hin, die Schwester hatte versucht, Strickstunden einzuführen, viereckige Stücke, zehnmalzehn Zentimeter, die zusammengenäht Wolldecken für die armen Neger ergäben. Die meisten strickten nicht, sie vergassen es und liessen die Nadeln fallen, die Wolle rollte am Boden, zwei zählten die Maschen laut und schauten sich böse an. Die meisten sassen einfach da, manche bewegten die Lippen, murmelten, niemand achtete darauf, eine Dicke, deren Hintern über den Stuhl quoll, mit rosa Haut, fuhr sich von Zeit zu Zeit mit einem Taschentuch unter die Stahlbrille, die Brillengläser waren trübe, eines hatte einen Sprung, der Rand der Brille hatte auf der Wange eine rote Rille gezeichnet. Einer Kleinen, mit zwei Eckzähnen, rann der Speichel auf die feuchte Schürze, eine schlief, die Arme neben den Kaffeelachen, der dünne graue Zopf, mit einem Schuhbändel um den Schädel gebunden, war heruntergerutscht. Nicht schlafen, Babette, sagte die Ordensschwester, freundlich lächelnd durch den Raum schreitend, sonst schlafen Sie nachts nicht mehr. Eine lachte, schlurfte zu Babette und schüttelte sie, im Zimmer war der Geruch von ungelüfteten Kleidern, Urin und Anstaltskaffee. Das Altersheim war kürzlich in ländlicher Gegend erbaut worden, Chromstahlküche, helle Möbel, rotüberzogene Stühle, geblumte Tapeten, Badezimmer, Duschen, Spiegel, Wasserhahnen, sehr schön. Die Alten liebten das Baden nicht, das macht kalt, sagten sie, sie bedauerten, die Wäsche wechseln zu müssen, man muss doch sparen, sagten sie. Manche liessen von Zeit zu Zeit das Wasser in die Hosen laufen. Das war einfacher, als immerzu über die blanken Böden auf die Toiletten zu springen. Solange man sitzen blieb, gab es warm, der Geruch war vertraut, es trocknet von selber wieder, sagten die, die es merkten. Viele merkten es nicht. Eine blätterte in einem Gebetbuch mit grossgedruckten Buchstaben, lesen mochte sie nicht, aber Bilder anschauen, Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist, Taube, Apfel, Löwe. Da war Marie Hungerbühler noch besser dran, sie staubte ab. Sehen konnte sie gut, kein Stäubchen entging ihr, sie staubte die Kommoden ab, die Stühle, die Bänke, auf der die Alten sassen, von ihren Plätzen mussten sie rücken, damit sie abstauben konnte. Sie taten es unwillig und hockten sich schnell und langsam wieder hin. Die rosa Dicke ging plötzlich von stillem Augenwischen in lautes Weinen über, die Schwester kam und führte sie weg, einige kicherten, andere gähnten, andere hatten nichts bemerkt. Marie Hungerbühler schüttelte den Kopf. Wie konnte man auch weinen, es war doch so schön hier, und man hatte ihr gratuliert. Sie tat das Staubtuch sorgfältig in ihre Schürzentasche. Wenn es endlich aufhörte zu regnen, musste sie die Blumen giessen gehen. Und noch weitere schöne Lebensjahre hatte man ihr gewünscht. Das war wirklich nett.

Heimat braucht Gefühle

Wenn ich nach Aufenthalten in der Fremde, sei es auch nur nach einer Ferienreise, zurückkehrte, schlug mir die Heimat wie eine Welle ins Gesicht, sanft, erschreckend. Dieses sauber Geordnete, diese selbstverständliche Pünktlichkeit! Dieses Gefühl der Sicherheit! Die Sprache ist eine vertraute Melodie, der man nicht mehr zuzuhören braucht. Diese Stützvermauerung der Landschaft, diese Zudeckung des Erdigen! Unterführungen, Überführungen, Orte, die sich zu gleichen beginnen, zum Verwechseln ähnlich werden mit Begradigungen, Tankstellen, Verlust der Mitte. Dann die Ankunft zu Hause, wo ich lebe, arbeite, liebe, hasse, dort, wo ich bin, wenn ich nicht fortreise. Schön, diese Ankunft! Alles hat auf mich gewartet. Der Lieblingsstuhl, die Lieblingsmusik. Die Tanne im Garten hat eine Nadelreihe mehr bekommen, das Gras ist gewachsen, die Geranien brauchen dringend Wasser, das Essen schmeckt wie lange nicht mehr, auch wenn es vorerst nur Brot und Käse ist. Der Staub im Wohnzimmer ist mein Staub, die Bettlaken haben meinen Geruch, die Luft ist die Luft, die ich vermisst habe. Ich bin daheim. Ich bin dort, wo ich sterben möchte. Ich bin da, wo ich die Erde angreifen kann, der Baum gehört zu mir, der Dachziegel trägt das Moos meiner Erinnerung, ich sehe meine Trittspuren im Gras. Wenn ich eine Blume abreisse, kommt mir in den Sinn, dass andere Völker sich dafür zu entschuldigen pflegten. Ich bin zugleich beruhigt und aufgeregt. Weil ich mein Eigenes wiederum spüre, kann ich an anderes denken. Weil ich gut schlafe, ich bin schliesslich daheim, die Geräusche sind die der Freunde, kann ich wach sein. Ich kann arbeiten, an Kommendes denken, an das, was nicht kommen darf, und wenn es trotzdem kommt, wie ich ihm begegne. Heimat ist für mich der Urgrund, die ungestörte Möglichkeit des Tuns, der Schauplatz meines Lebens, der Ort, wo alle Reisen münden, wo meine Füsse vorerst zu stehen haben, bevor sie zu gehen beginnen.

Schlimme Zeiten

Nun ja, jedermann hat schon schlimme Zeiten erlebt, Zeiten, die man gemeinhin als Hölle bezeichnet; so wie jedermann seinen Himmel kennt, so erfährt wohl jeder seine ihm eigene Hölle, die meine war eine Woche Abgeschiedenheit, eine Woche Alleinsein in einer Villa, es war ein sehr schönes Haus mit Garten, Hallen und vielen Zimmern, möbliert im Stile von 1970, unten in der Gartenhalle war ein Schwimmbad, jeder Komfort scheint in der Hölle vorhanden zu sein, Kühlschränke voll guten Essens, Teppiche, Badezimmer, Bücher, Fernseh- und Stereoanlagen, Luxus, Wohlstand, damit auch ja die Hölle zu Wirkung sich voll entfalte; unbelastet von dem, was man mit materiellen Kümmernissen zu bezeichnen pflegt, wird man ungeschützt, vollumfänglich und preiswert der Hölle preisgegeben, unabgelenkt von Wünschen nach mehr Materie und Bequemlichkeit, wie sie in einer ärmlichen Umgebung aufsteigen könnten, unbeeinflusst von der Droge des In-der-Zukunft-noch-zu-Erwerbenden, also sozusagen auf der Höhe der erfüllten Wünsche, hat die Hölle es leicht, sich auszubreiten, schöne Dinge und Freizeit sind der geeignete Nährboden für sie, auf dem sie spriesst und blüht, jeder Bekämpfung trotzt, ein unlokalisierbarer Virus. Ich stand jeweils sehr spät auf, nahm ein Glas Alkohol, nahm auf der kühlen Terrasse das Frühstück ein, Toast, Butter, Kaffee, Fruchtsaft, Eier, rotes Fleisch, dann wanderte ich im Garten umher, es war sozusagen ein Park mit alten Bäumen, wie es im Buche steht, mit Rasenplätzen und Rosenbeeten, nichts fehlte, sogar der Springbrunnen war da, die leichten Nymphen am launigen Teich, benetzend das moosige Herzensreich, blaue Blume, wissen Sie, also ich wanderte, nachher las ich, dann ging ich schwimmen, vier mal zehn Meter, weiches, sauberes, ventiliertes Wasser, kein Gekreisch von spritzenden, seichenden Kindern, kein Fussschweiss und kein Fusspilz im blaugrünen Wasser, Stille, Sonne, Geplätscher, Pflanzen, Blumen, Wassergeruch, das Paradies selbst ist in der Hölle, nur wenn man nackt schwimmt, ist das Vergnügen voll, dann legte ich mich auf den Rasen unter die Sonne, nackt, haben Sie sich schon nackt unter die Sonne gelegt, man wird aufgeladen wie eine Batterie, man würde zehn Männer wollen, zehn gute, abwechslungsreiche, dann ging ich wieder spazieren, unter den Bäumen aus dem Märchenkalender, dann das Mittagessen, leicht, fettlos, Salate, grilliertes Fleisch, dann Lektüre, ich las, las, was, war einerlei, am liebsten etwas mit Sex, Lady Chatterley und Konsorten, es war heiss, man konnte nur im abgedunkelten Zimmer lesen, hinter roten, jawohl, roten schweren Vorhängen, das Haus war wie das Haus aus einem Film, keine Requisite fehlte, Treppengeländer, Bilder, Cheminée, dann ging ich wieder schwimmen, dann legte ich mich wieder unter die Sonne zum Aufladen, dann sprang ich wieder unter den Bäumen herum, haben Sie sich schon nackt unter Bäumen bewegt, man bekommt neue Sinnesorgane, auf jedem Hautquadratzentimeter einen Fühler, wie ihn wahrscheinlich Polypen, Pieuvres haben, polypenhaft wand ich mich im Grase und sprang ins chlordosierte hygienische Wasser, man hätte sich freuen müssen, die junge gute Figur und die Mühelosigkeit des Schwimmens, wenn die Hölle nicht gewesen wäre, die Hölle, die nicht aus den Gedanken schwand, die einem folgte auf Schritt und Sprung, hereinströmend mit jedem Atemzug, blühend auf jedem Hautquadratzentimeter, die Hölle im gekachelten Wasser, die Hölle in den gekühlten Himbeeren, in der abendlichen Mozartsymphonie und dem ebenso abendlichen Wein, die Hölle im gebratenen Huhn, in der Leber und den Pilzen, die Hölle in dem roten Himmel hinter den Bäumen, auf den flatternden Nachtschwärmern, die zum Wasserlicht kommen, die Hölle der Langeweile, der tödlichen Langeweile, des Daseins ohne Liebe, die Hölle … Was wollen Sie, Frauen sind nur ausserhalb der Hölle, wenn sie lieben, wer wüsste das nicht, also nichts Neues, nichts Erwähnenswertes, kein Grund, es zu erzählen.

Merz, Hans-Rudolf

Mettler, Louis

Die Kämpferin

Der grosse Innerrhoder Staatsmann Raymond Broger soll ihre Mutter einmal eine Familientyrannin genannt haben, worauf Sibylle geantwortet habe: «Ja, es gibt Mütter, die tyrannisieren ihre Familie. Es gibt aber auch Politiker, die tyrannisieren ein ganzes Volk.» Intelligent, überbesorgt, verbittert – das sind Attribute der Tochter für die Mutter, die zusammen mit ihr lange Zeit den Lebensunterhalt aus dem Stickrahmen – mit dem Erlös der Handstickerei – bestritten hatte. Die Mutter starb im Februar 1987 in ihren Armen. Und Sibylle will mit ihrem Ersparten eine Stiftung für Töchter und Söhne gründen, die ihre Eltern bis zum Tod bei sich behalten. Das hat sie fest im Sinn.

1960–1981. Die Zeit mit der noch gesunden Mutter an der Seite. Die Zeit, in der eine wahre Bilderflut aus Sibylle herausströmte. Fast hätte man das Gefühl, eine Bauernmalerin kennenzulernen. Ihre Winterlandschaften, ihre Alpfahrten, ihre Landszenen befreien sich aber schon bald von den Fesseln der ungeschriebenen Bauernmalergesetze. Sibylle Neff laviert, fügt Gegenwärtiges in die idealisierten Landschaften. 1974 malt sie, wie sich die Bagger zum Bau der Umfahrungsstrasse bei Steinegg in die Landschaft fressen.

Lange sitze ich vor einer Blässstudie. Der Appenzeller Bläss – Symbol für das Vorsichtige, nicht selten auch das hinterhältig Missverstandene – im Sitzen, Warten, Ausschauen. Dann ein Bild vom Café Voltaire in Paris: ein Blick in die Fremde, in die Welt der ‹offiziellen› Kunst. Schliesslich eine Zeichnung des heiligen Martin, in Händen das in zwei Hälften geteilte Haus; sie stellt das Lebensthema, das Streitobjekt von Jahrzehnten, dar. Unter der Zeichnung der Satz: Herr, wir danken Dir für unser halbes Haus.

[…]

E halbs Huus isch e halbi Höll, heisst ein Sprichwort. Diese halbe Hölle verteidigt sie. Vor allem das Plätzchen, auf dem ihr Vater noch im Freien gearbeitet hatte, gegen das Wegrecht zwischen Landsgemeindeplatz und dem Betonbunker der Feuerschaugemeinde in der Nachbarliegenschaft, das ihre Nutzung und Ruhe einschränken würde. «Schwindel-Betrug + Co. AG – Hier gibt’s nie eine Strasse», steht auf dem Transparent an ihrem Haus. Sie kämpft für ihren Hausteil am «Gerechtigkeitsplatz», wie sie den Landsgemeindeplatz ab und an spöttisch nennt.

Sommer 1988. Sie sind unübersehbar, die Inserate im Appenzeller Volksfreund. Irgendwann ist es den Redaktoren wohl zu viel geworden, was Sibylle da immer wieder einsandte. Die Zeitung ist ja für alle da. «Wenn die nicht mehr alles drucken, dann zahle ich halt, was ich schreibe», sagte sie und bombardierte fortan Bevölkerung, Beamte, Behörden, Politiker mit regelmässigen Inseraten, die belächelt, bewundert oder verärgert zur Kenntnis genommen, aber stets gelesen wurden:

«Beim Verlassen des Hauptgottesdienstes ist ihr Heiligenschein neu aufpoliert, doch in die Augen schauen liessen sie niemanden.»

«Es gibt zwei Sorten von Menschen, die Gerechten und die Ungerechten. Das Sortieren wird von den Gerechten besorgt.»

«Sagt man, ‹eine› hat’s gesagt, ist’s soviel wie nichts. Hängt man Gewicht daran, sagt man, ein Mann hat’s gesagt. Will man nicht lügen, sagt man, ‹man› hat’s gesagt.»

Das Schlimmste sei, wenn man eine Böse sein muss, aber gar keine Böse sein will, hat sie einem Zeitungsreporter gesagt. Und Reporter und Fotografen gaben sich eine Zeitlang bei Sibylle die Türfalle in die Hand.

Landsgemeinde 1985. Vor Sibylles Haus hängt ein Kartonbild, zwei Fenster gross. Es zeigt den Landsgemeindemann beim Schwur, das Lindauerli im Mundwinkel, den Stiefel auf der Schulter der Frau, die mit Eimer und Fegbürste den Boden aufwischt. Klarer könnte das Sinnbild für das Patriarchalische vor der Haustür, wo noch immer Männer in einsamer Selbstgerechtigkeit regieren, nicht gemalt werden.

«Des Landes Stiefkind» nennt sie sich im Text daneben, meint aber alle Innerrhoder Frauen mit. Vor allem jene, die ihre Rechte wahrnehmen wollen, und das sind immer mehr. Dass sie damit klar für das Frauenstimmrecht eintrat, will sie heute, fast zehn Jahre später, so deutlich nicht gewollt haben. Aber bleiben wir in den Achtzigern.

«Gerade, lautere Menschen, wär’n ein schönes Ziel. Menschen ohne Rückgrat gibt es schon zu viel.» Das Zitat der DDR-Liedermacherin Bettina Wegner ziert ebenfalls die Fassade ihres Hauses, die für Einheimische und Touristen nicht nur anstössig, sondern auch besuchenswert geworden ist. Man will ja auf dem Laufenden sein. Sie musste dann manchmal am Sonntag in die Küche zügeln, weil hier vorne zu viel los sei.

[…]

An meinem Schreibtisch beim Sortieren der Unterlagen und vielen oft wirren Notizen schlage ich nochmals Bruno Knobels Porträt einer Malerin auf, der Appenzeller Malerin Sibylle Neff. Das Vorwort hat der Landammann und Ständerat geschrieben, der angesichts der Geschirrberge, die Sibylle als Echo zum Schwur in die Landsgemeindestille geschmissen hat, allen Grund zur Wut gehabt hätte. Ein freundliches Vorwort hat Carlo Schmid geschrieben, sie als eine der grössten zeichnerischen und malerischen Begabungen im Kanton bezeichnet: «Sibylle Neff braucht einen Freiraum, den es in der Kleinräumigkeit unseres kleinen Kantons nicht geben kann», schreibt er. «Grenzübertretungen sind in jenen engen Verhältnissen, die Sibylle Neff als Künstlerin mit liebender Hand abbildet, als Person aber als beklemmend empfindet, unabwendbar. Ich würde ihr wünschen, dass sie sich ins Unabwendbare füge, stünde nicht zu befürchten, gefügig verlöre sie ihre Kraft.» Etwas hinzuzufügen? Allenfalls die Widmung, die mir Sibylle auf den Heimweg gab, eher gemalt als geschrieben: «Mole hani chöne, wärche hani wele, kämpfe hani möse.»

Mettler, Michel

Die Wortsüsse des Augenblicks

Die achtziger Jahre haben ihre Mitte überschritten, auf den Plattentellern kreist noch Vinyl, doch die ersten Schübe der Digitalisierung stehen bevor. In Deutschland hat sich die RAF tief verschanzt, in der Schweiz ist ein ironisch verspielter Jugendprotest folgenlos geblieben, fast vergessen auch die Ölkrise, in klarer Minderheit das ökologische Denken – für längere Zeit wird die neue Grossreligion namens Konsum von dem unangefochten sein, was sich in den Nischen tut.

In einer solchen Nische sitze ich, für einmal nicht am Klavier, sondern mit einem Buch, hinter winzigkleinen Fenstern und Vorfenstern, zu Gast in einem Appenzellerhaus im hintersten Talwinkel, wo die Nebelfeuchte ins Kraut schiesst, wo Regenfälle ausdauernder als anderswo sind und manches Haus nachts unverschlossen bleibt, ja wo viele Türen noch nicht einmal Schlösser besitzen, weil die Wände dünn und die Hunde hellhörig sind. Ein Räuber hätte leichtes Spiel hier, denke ich am Dämmerungsfenster, Einbrecher aber täten sich schwer, da ihr Werkzeug nutzlos wäre, und umsonst die Mühsal, mit denen sie andernorts Fassaden erklimmen.

Abends zur immergleichen Zeit streicht ein Fuchs am Haus vorbei. Ich glaube, hier an der Waldbucht beginnt er seine nächtliche Tour, sein Bau kann nicht weit sein. Neugierig schaut er herüber. Er hört mich hinterm Fenster, aber ich scheine ihn nicht zu stören. Solange ich nur ins Blattreich hinausblicke und zwischendurch eine Seite wende, bin ich weder Feind noch Beute. Das Buch in meiner Hand ist Robert Walsers Räuber-Roman.

Das Holzhaus ist dunkel gelegen, aberwinklig, von Schattengrün umwachsen, dämmerungstrunken schon am Nachmittag. Ich bin seit Stunden nicht von meinem Platz im Hangzimmer gewichen. Farne blicken zum Fenster herein, längs des Grats, steil über dem Haus, kriecht langsam eine wagengrosse Echse südwärts – das Urtier Vergangenheit.

«Hievon nachher mehr.» Dieser Ur- und Vorsatz aus dem Räuber nimmt mich bis heute gefangen. Er ist der zweite im Buch und ganz von der Art jener lautlosen Walserschen Paukenschläge, deren es so viele gibt: Je leiser sie zunächst scheinen, desto länger hallen sie nach. Einige verklingen ein ganzes Leben nicht mehr. Sie geraten aus sich in Bewegung, werden zu Geleitworten, gleitenden Sätzen –

«Hievon nachher mehr.» Ich habe den Satz schon zu Hause, in Sichtweite zum Jura gelesen und gleich gewusst, dass dies ein Buch zum Immerwiederlesen sein wird, ohne Anfang und Ende, ein Moebius’sches Band des Erzählens, auf dem die Schwerkraft meinen Kopf wankelmütig mal nach unten, mal nach oben zeigen lässt, als hätte ein M. C. Escher mich in verschiedenen Stadien der räumlichen Verrückung gemalt, unterwegs durch zersplitterte Dimensionen als eine kriechende Echse der Vorzeit.

Im Grunde, so phantasiert der Schreibnovize hinterm Fenster, soll jede Prosa eine Reiseprosa sein: Sie möchte uns herumführen, Ungesehenes zeigen, einen Zauber des Erfahrens entfalten. Und der Jüngling hegt einen Wunsch: einmal so freischwebend erzählen zu können, wie es hier in diesem Buch fast naturereignishaft geschieht. Er möchte nicht lesend, sondern schreibend das Land bereisen.

Robert Walser ist immer unterwegs, auch wenn er zu verharren scheint. Er hätte, so wie ich an jenem düsteren Nachmittag, zeitlebens im selben Zimmer sitzen können und wäre doch ein Reiseschriftsteller geworden. Beide Bewegungen, die körperlich unsichtbare im Zimmer wie auch das Schweifen durch die äussere Welt, sind mit der Erkenntnis verknüpft, dass jede Erfahrung Selbsterfahrung sei. Diese wiederum macht den Text, den sie speist, zur Konfession.

Vielleicht deshalb rührt Walser den Halbwüchsigen so an, jenen Heranwachsenden, der ich damals am Dämmerungsfenster war und auch in diesem Augenblick der Niederschrift bin: «… wir brauchen, um die Richtung ins Vollkommene beizubehalten, fortwährender Empfindung, dass wir nicht fertig mit uns sind und es wohl auch nie werden», wie es im Räuber heisst. Oder, in einem prägenden Satz aus Mozarts Vaterbriefen: «Ich fang erst an zu leben.»

Im Lauf meiner Wochen im Holzhaus, habe ich mir vorgenommen, will ich einmal über die Hügel nach Herisau gehen, zur Pflegeanstalt, wo ein alter Mann, der Vater meines Vaters, in tiefer Betrübnis lebt. Es ist dieselbe Anstalt, in der auch Robert Walser seine späten Jahre zugebracht hat. Auf der Südseite des Tals, hat man mir gesagt, gebe es einen Übergang: Ein grosser Baum stehe am höchsten Punkt des Hügels, kreisrund um seinen Stamm eine Aussichtsbank – ein sonntägliches Ausflugsziel für die Einheimischen. Daran vorbei führe der Weg hinab ins Ebene, unweigerlich nach Herisau.

Der Baum ist von fern zu erkennen. Durch eine weitgespannte, sanft ansteigende, von vielerlei Zäunen zerteilte Wiese gehe ich auf ihn zu. Doch kaum bin ich aus dem Schatten des Talgrunds getreten, rennt ein Ziegenbock auf mich los. Obgleich sein Kopf nicht zum Kampf gesenkt ist, erschrecke ich. Er rempelt nur, streicht mit seinem muskelprallen Körper an mir vorbei, scheuert den Kopf an meiner Hüfte, drängt mich vom Weg und schubst mich mit kräftigen, nickenden Kopfbewegungen vor sich her.

Mit dem Abklingen des Schreckens wächst mein Ärger, denn das Tier will nicht von mir ablassen, es begleitet mich, steht mir in den Weg und rempelt heftiger, sowie ich an ihm vorbeiwill. Je näher ich dem Baum komme, desto erregter wird es. Seine Ausdünstung ist durchdringend. Genauso wird meine Kleidung jetzt riechen: Eine ockerfarbene Talgschicht macht sich auf meiner Hose breit. An einen Besuch beim Grossvater ist nicht mehr zu denken. Auf halbem Weg kehre ich um.

Tage später, nach mehreren Waschgängen, hängt die Hose noch immer stinkend vor dem Haus: Kein bisschen Mief ist aus dem Gewebe entwichen. Ich werfe alles weg, was ich bei meinem ersten Gang getragen habe, und mache mich erneut auf den Weg. Diesmal erreiche ich die Anhöhe ungestört. Ich setze mich unter den Gipfelbaum – tags zuvor habe ich erfahren, dass er ‹Zentenar-linde› heisst.

Der Abstieg ist kurz: Kaum eine halbe Stunde später trete ich in meiner zweiten und letzten Hose vor den Grossvater. Seine Begrüssung ist knapp, seine Miene steinern. Während ich ein Gespräch zu führen versuche, nimmt er lustlos das Mittagessen ein. Sein Blick ist auf Punkte in der Unendlichkeit gerichtet. Mein Körper scheint ihm keinen Widerstand zu bieten.

Für keines meiner arglos dargelegten Vorhaben zeigt der Greis auch nur das geringste Verständnis. Meine Ansichten hält er für dumm und unüberlegt, meine Lebensweise für abwegig. Er bemüht sich nicht, seine Missbilligung zu verbergen. Für meinen Besuch, den ich vorzeitig beende, findet er kein Wort des Danks. Noch als ich mich in der Tür umdrehe, um ihn zu grüssen, sackt sein massiger Körper widerwillig zurück, und sein Gesicht drückt aus, wie sehr ich eine Enttäuschung für ihn bin.

Im Holzhaus indessen lässt Robert Walser seinen Räuber weiter «im Jetztzeitstil» erleben, wie alle Bäume lautlos still stehen und wie die Vöglein «auf ihren lieben Freund, den Abend» warten, «um in seiner Kühle zu jubeln».

Bin ich bei dem alten Mann in jeder Hinsicht aufgelaufen, so fühle ich mich hier willkommen mit allem, was mir am Herzen liegt – ganz zu Hause in dem Buch eines Autors, der runde zwanzig Jahre vor meinem Grossvater geboren ist: «Man nützt mit Unnützsein vielleicht sehr, liebste Gnädigste, weil ja doch schon so vielfältiger Nutzen geschadet hat, oder nicht?»

Millius, Stefan

Rättigen

Der Melchior Schmidli hat das Zeitliche gesegnet, aber etwas Neues ist erwacht im Dorf Rättigen. Zuerst merkt es keiner, Tage, Wochen, Monate. Der erste, der sich Gedanken macht, was zum Tüüfel hier eigentlich nicht stimmt, ist der Jost Baumberger. Ein halbes Jahr, nachdem der Melchior gestorben ist und der Bauer Egger zu seiner Elsa gesagt hat, dass der Herrgott eben gebe und nehme, das Chälbli sei immerhin gesund, und so schlecht sei dieser Tausch weiss Gott nicht, ein halbes Jahr später also sitzt der Jost Baumberger in seinem weissen Kittel in der Küche des Altersheims und gnaget lustlos an einem Öpfel herum und fragt sich, was eigentlich mit ihm los ist. Bis jetzt hat er doch ein Gespür für seinen Beruf gehabt wie kein anderer. Und er meint es nicht einmal böse, wenn er stolz darauf ist, dass er praktisch auf den Tag genau voraussagen kann, wann wieder ein Bett frei wird im Altersheim. Er hat halt den Blick dafür. Die Laien da draussen glauben, die Alten stürben, wenn es heiss wird. Klar, das tun sie gelegentlich, und es stimmt schon, sie tun es auch öfter als im Winter. Aber das ist Anfängerzeugs. Der Jost Baumberger kann mit seinem dicken, kurzen Zeigefinger auf eine Tür deuten und der Putzfrau sagen, schau, zwei Tage noch, dänn goht diä und dann kannst du das Zimmer putzen, kannst ja schon einmal den Lumpen bereitmachen. Und zwei Tage später geht dann eine der Pflegerinnen ins Zimmer und kommt wieder heraus und ist etwas bleich um die Nase, weil das die Pflegerinnen auch nach zwanzig Jahren im Altersheim noch sind, und auch wenn es ihnen eigentlich ganz egal oder sogar ganz recht ist, wenn es einen dieser Quälgeister litzt, aber erschrecken tun sie eben doch, nur der Jost, der einzige männliche Pfleger hier im Alois-Heim, der bleibt ganz ruhig, am Anfang ist er noch ein bisschen zusammengefahren, aber nicht, weil jemand gestorben ist, sondern weil er es eben schon vorher gewusst hat, und das ist ihm zuerst selbst ein wenig unheimlich gewesen.

Aber jetzt hat er sich daran gewöhnt, und deshalb begreift er nicht, dass er heute im Nachtdienst diesen trockenen Apfel kauen muss. Heute Abend, das hat er schon vor einer Woche gemerkt, wäre die Bertschinger an der Reihe gewesen, die hat zwar ganz gesund ausgesehen in den letzten Tagen und hat auch mehr gegessen als sonst, aber der Jost hat gewusst, dass das nur ein letztes Aufbäumen ist, und er hat auch gewusst, dass es am Mittwoch so weit sein wird. Am Anfang hat er sich jeweils einen Spass daraus gemacht, in der Küche auszurichten, dass sie im Fall ein Abendessen weniger machen könnten, weil däsäb oder disäb heute nichts mehr essen werde oder dann höchstens Hostien auf einer Wolke oben, und nachdem sich dem Baumberger sein Ruf herumgesprochen hat, sind die in der Küche darauf eingestiegen, und es ist nur ein einziges Mal passiert, dass sie dann in aller Eile noch ein Essen hinpfuschen mussten, weil die Frau Peter immer noch putzmunter am grossen Esstisch im Saal unten gesessen ist und ungeduldig mit dem Messer in der Luft herumgezittert hat, obwohl der Jost doch ganz sicher gewesen ist, dass es die Frau Peter an dem Tag butze würde. Nach drei Bissen ist sie dann aber wirklich Kopf voran in die Suppe gesunken, die Frau Peter, und der Hausmeister hat dann noch gewitzelt, dass die Küche da wohl nachgeholfen habe, damit der Jost seine Wette nicht verliere. Aber der Jost hat nie gewettet, schon gar nicht um Geld, das wäre ihm unmoralisch vorgekommen, er hat einfach Recht behalten wollen, und das hat er auch in diesem Fall.

Jedenfalls hat er seitdem nie mehr in der Küche ausgerichtet, wer heute an der Reihe ist, nicht, weil er sich hätte irren können, sondern weil gerade in der Nachtschicht so ein Menü zuviel nicht das Schlechteste ist, denn irgendeiner muss es ja dann essen, wenn der Pensionär oder die Pensionärin einfach vor der Essenszeit stirbt. So schaut oft genug ein Znacht für den Jost heraus, wenn wieder ein Bett frei wird. Für heute hat er fest damit gerechnet, und jetzt sitzt die Frau Bertschinger immer noch im Saal unten und jasst, sie jasst grauenhaft schlecht, legt einfach irgend etwas ab und kennt nicht einmal mehr die Regeln, aber ihre Jasspartnerin, die Frieda Grau, ist 98 und taub und blind und hält die Karten nur in der Hand, weil sie ihr die Bertschinger in die Hand drückt, und sie legt auch nie eine Karte ab, die Frieda, die gute Seele, die Bertschinger spielt ganz alleine vor sich hin und am Schluss nimmt sie der Frieda die Karten zur Hand heraus und wirft alles auf einen Stapel und ruft «Gwunne!» und mischt und legt der blinden, tauben Frau wieder ein Bündel Karten in die Hand. Die Frieda lächelt manchmal, weil sie meint, es gebe zum Dessert Guetzli, und dann knabbert sie mit ihrem zahnlosen Maul ein wenig an den Karten herum, während die Bertschinger einen Stich um den anderen macht, weil sonst gar niemand Karten legt und dann plötzlich wieder ruft: «Gwunne!»

Jetzt ruft sie gerade und rupft der Frieda die Karten zum Maul heraus, um die nächste Partie zu mischen, und der Jost Baumberger hört’s in der Küche und schüttelt den Kopf und grunzt unzufrieden und beisst in seinen Apfel. Er weiss, dass auch er sich einmal irren kann, aber das ist schon lange nicht mehr passiert, und wenn es damit endet, dass so ein furztrockener Apfel sein Abendessen ist, dann, findet der Baumberger, wird es wirklich ungemütlich.

Mittelholzer, Edgar

A Swarthy Boy

Neu-Amsterdam ist eine kleine Stadt an der Mündung des Flusses Berbice. Acht Meilen flussaufwärts liegt die Zuckerrohrplantage, auf der zu Anfang des 19. Jahrhunderts mein Urgrossvater Jan Vincent Mittelholzer Verwalter von einigen wenigen hundert Morgen Land und den dazugehörigen Negersklaven war. Viel weiter, etwa 50 Meilen flussaufwärts, lag die Plantage der Familie De Vreede, die in der Mitte des 18. Jahrhunderts ihre Blüte hatte. Sie war schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts wieder vom Dschungel überwuchert. Um 1760 war die Plantage De Vreede zusammen mit ihren Nachbarn Peereboom, Hollandia, Lilienburg usw. voller Leben, und Schiffe fuhren den Fluss herauf, um Güter aus Europa zu bringen und die Produkte des Landes wegzuführen. Der Verwalter der Plantage De Vreede war ein Deutschschweizer, Herr C. Mittelholzer, der erste Mittelholzer, soweit sich jemand erinnert, der in diesen Teil der Welt kam. Er kam aus dem Kanton Genf, war aber wahrscheinlich in Appenzell geboren, von wo die Familie stammt. Sie hatte seit dem frühen 16. Jahrhundert zwei Stammsitze, Rämsen und Mittelholz. Wie mir der jetzige Chef der Familie in Appenzell, Dr. Johann Mittelholzer, ein Veterinär-Chirurg, erzählte, hatten die Mittelholzer immer ein bisschen Zigeunerblut; viele von ihnen wanderten aus.

Bei einem Besuch in Appenzell zeigte man mir ein grosses altes Buch, dessen vergilbte Seiten gefüllt waren mit sauberen, winzigen Buchstaben in deutscher Sprache. Was zwischen den altersgrauen, dicken Deckeln stand, hätte gut den Text von drei ausgewachsenen Romanen abgegeben. Mein Verwandter erklärte mir, bis jetzt hätte er dies alles nicht entziffern können. Er versicherte mir aber, es scheine sich um eine Beschreibung des Lebens auf einer holländischen Plantage in Südamerika zu handeln. Um 1866 sei dieses Buch von einem unbekannten Absender aus Übersee an seinen Vater geschickt worden, im Zusammenhang mit dem Tod eines überseeischen Mittelholzer. Ein Begleitbrief sei nicht dabei gewesen, nur ein schwerer silberner Löffel, den er mir ebenfalls zeigte. Ich fragte mich immer, was das ‹C› im Namen dieses ersten Südamerika-Mittelholzer bedeute, und als Folge meines Besuches in Appenzell bin ich, so hoffe ich, der Sache auf die Spur gekommen.

Dr. Johann Mittelholzer ist mit seinen 78 Jahren so aktiv und sprühend lebhaft wie ein 30 oder 40 Jahre jüngerer Mann, und er hat, wie auch seine Kinder, ein lebhaftes Interesse an der Familiengeschichte. Kurz nach meinem Besuch schrieb er mir, seine älteste Tochter hätte wegen meines Interesses an dem Buch aus Südamerika die ganzen Pfingsten damit zugebracht, die Schrift zu entziffern. Ich zitiere: «Den ganzen Tag blättert sie herum und findet eine ganze Reihe von Notizen von mehreren Mittelholzern aus dem 18. Jahrhundert, und in dieser Zeit war bei den männlichen der Vorname Constanz sehr beliebt, und nun erinnere ich mich auch, in meiner kleinen Münzsammlung einen sogenannten Tauftaler zu haben, auf dem eingeprägt ist: Patin Constantia Mittelholzer.»

Das ‹C› meines Vorfahr[en], der die De Vreede Plantage verwaltete, dürfte ziemlich sicher auf den Namen Constanz zurückzuführen sein, und seine Patin war vielleicht eine gute alte Tante.

Ausser diesem Buch und dem silbernen Löffel ist als einziger Überrest aus dem 18. Jahrhundert noch ein Säbel vorhanden. (Mein Vater nannte ihn scimitar, so oft er von ihm sprach.) Vor ungefähr 30 Jahren sah ich ihn noch im Hause meines Onkels John in Georgetown; er hing dort in einer dunklen Ecke an einer Mauer. Seither ging er über an seinen ältesten Sohn Frank, meinen ersten Cousin.

Man erzählt, dass unser Vorfahre diesen Säbel brauchte, als er während des blutigen und wilden Negeraufstandes 1763 in den Dschungel fliehen musste. Er habe mindestens einem seiner Angreifer die Hand abgehackt und eine Anzahl umgebracht, bevor er sich endlich befreien konnte. Er war einer der dreissig Weissen, die in der Kapelle der Plantage Peereboom belagert worden waren; beim Ausbruch wurde er angeschossen, konnte sich aber durch einen Sprung in den Fluss retten und davonschwimmen.

Morger, Peter

Lüürik

Lidel Hälls Einschel

Är hät än Hond ond ä Honda
won en drüü Riise choschtet all Sääsoo
Hau pjuuthiful id iis
thu bii loonsom änd frii
Maint är sig dä King
will er i dä Wältgschicht umegondlet
und Kuurve schniit wiè gschtöört
Kätsch dä Wind
Fletsch dä Grind
Sibe Läppe choschtet en
sini Bruut im Monet
won en vo hene hept
wenn d Kolbe toobet im Sibeföfzger
Kai Läsbe us dä Ässphee
Foräwer Zwänzgi isch si
Schpööter gitt s gaili Brodwörscht
am Jomäss im Sääterdinaitfiiwer
Schwartemage im Siitewage
und än Harass Pier däzue

 

Remämber

Öppe mit Sächzeni
han i i de Schwizzer Iluschtrièrte
so än Art Psüüchotäscht gmacht
und bi dä Froog
öb i lièber glücklech
oder berüèmt wärde wöll
schpööter im Läbe
s zwait Kwadräätli aakrüüzlet
I säbere Zitt han i
vom Migg Tschäger träumt
und ha wöle Poppschtaar wärde
Vor em Schpiègel han i
ä Gsicht usprobièrt wiè dä
oberläässig Tüpp
wo bi allne Fraue iifaart
Lät z spend sä nait togässer
Nu d Brischit Bardoh hett er nöd öbercho
T Schtoons hemmer Chraft ggee
i dere schöne Epoche noch Achtesächzg
wo s im Schwimmbad z Tüüfe
nu zwai Gruppe ggee hät
Biitels- oder Schtoonsfääns
Do isch d Popwält no in Ornig gsii
Eventwell hät s no ä paar Dändiis ggee
wo uf d Kings gschtande sind
Mit vill Begaischterig
han i gitärrelet
zwöschet dä Töfflifaarte a d Kanti
und dä Pfadiüebige im Wald
Lang und woorschindli zimlech jämmerlech
han i di töllschte Songs
mee oder weniger probièrt noozschpile
Pluusharp han i plooget
und däbii an Jonn Meiäll tenkt
I ha au gnäslet wiè de Bob Diilän
Und bi scho mindeschtens so haiser gsii
wiè dä Tschoo Kocker z Wuudschtock
Uu lang isch da häär
Aber i gschpüür dä Gruuf
hütt wider als wärs gescht gsii
Dä Phauer vom zwaite Früèlig
obwool än Häxeschuss dors Chrüüz jagt
Und etz chorz nochem Joor Zwaituusig
bin i nöd wörkli berüèmt
und vom Glück chan i nu träume
Höchschtens e chli berüèmt-berüchtigt
bin i woorde und irgendwiè Psüücho
Aim so taired So loonli Ai kuud dai
Und da falsch Chrüüzli
im Kafi Frai z Troge
isch langsam aber sicher
zom Chrüüz worde

 

Sammeltigg

Schmätterling
uufgschpièsst
i Witriine
sind nu no
tragisch
S Läbe chamme
nöd schtoppe
und wiè ä Foti
fixière
Nu dä Mensch
hüüft Sachen aa
und maint
är sig riich
Chatze hend nu
eren Pelzmantel
und ä ghaims Wösse
us Ägipte
D Hönd sind nu Härr
öber dä Frässnapf
und läbet vo
Gimnastik
Mer hend sogäär
gnueg Gäld zom üs
Deprässioone laischte

 

Moser, Edi

Mühlemann-Messmer, Emmi

Muscionico, Daniele

Emma Kunz. Seherin unter Blinden

Sie meidet den Weg durchs Dorf. Den geraden Weg. Lieber nimmt sie den Umweg, besser geht sie entlang der Bahnlinie als durch Brittnau nach Hause. Richtung Zofingen muss sie, eine kleine Strecke nur, der Bahndamm soll ihr recht sein. Hier ist sie allein, Emmas Freunde sind die Blumen, und am Damm blühen sie besonders schön. Sie stehen beinah so üppig wie in ihrem Garten, wo die Ringelblumen es ihr lohnen, dass sie mit ihnen spricht. Als ihre Sonnenblumen acht Meter hoch wuchsen, flüsterten die Nachbarn: «Hexe!» und «Kurpfuscherin!», und der Dorfpfarrer schlich nächtlich ums Haus, um für Emma zu beten.

Sie ist das sechste Kind von zehn, Tochter eines armen Handwebers, der Vater trank sich in den Tod, ging ins Wasser, zwei der Geschwister starben ihm aus Kummer nach. Und sie, die Schülerin, ist sie nicht ein sonderbares Kind? Sie sagt voraus, wer im Dorf sterben wird, unheimlich ist das. Ihr Verhalten ist auffällig, dabei ist sie blitzgescheit. Mit achtzehn Jahren beginnt Emma zu pendeln und die Linien aufzuzeichnen, ganze Rechnungshefte werden mit den absonderlichen Strichzeichnungen gefüllt. Sie nutzt pendelnd ihre seherische Fähigkeit, um Kranken zu helfen, die kein Arzt mehr behandeln will. Doch der nächste Strich ist zu stark für ihre Umgebung: Sie ist neunzehn, legt ihr Erspartes zusammen und fährt nach Amerika. Ihrer Liebe will sie nachreisen, einem Pfarrerssohn.

Nur ein Jahr später ist Emma wieder zurück im Dorf. Eine Seherin, die ihr Glück nicht finden kann? Den Nachbarn kommt das zupass: Man verspottet sie als «Philadelphia», nach dem Ort ihrer Suche; und man spricht von schwarzer Magie, wenn Menschen von ihr geheilt werden. Emma kuriert mit dem Pendel oder mit Pflanzentinkturen, die sie selber herstellt. Das Geld für ihren Unterhalt verdient sie in der Strickerei Künzli in Strengelbach. Heilen ist christliche Nächstenliebe, Lohn dafür will sie nicht. Brittnau ist eng, Brittnau ist hämisch. Doch wohin soll sie sonst?

Es ist der Maler und Kunstkritiker Jakob Friedrich Welti, der auf sie aufmerksam wird. Er ein anerkannter Künstler, sie eine namenlose, dabei hellwache, hübsche junge Frau. Sie hat noch nie ein Buch gelesen, sagt sie, sie liest es, indem sie die Hand darauf legt. Was will er von ihr? Was will sie von ihm? Man trinkt Tee, und Emma erklärt Welti die Welt: Sie spricht von geistigen und energetischen Zusammenhängen und übergeordneten Prinzipien. «Alles geschieht nach einer bestimmten Gesetzmässigkeit, die ich in mir fühle und die mich nicht zur Ruhe kommen lässt.»

Deshalb zeichnet sie, deshalb forscht sie, jedes Bild eine Antwort auf eine Frage. Das kann eine Erkrankung sein, das Treffen Winston Churchills mit Franklin D. Roosevelt oder ein erkenntnistheoretisches Problem. Emma stellt sich vor das Papier, konzentriert sich und lotet mit dem Pendel die Zeichenfläche aus. Seine Bewegungen zeigen ihr, wo sie die Punkte zu setzen hat, wo diese mit Linien zu verbinden sind. Sie weiss, welche Linie dick, mittel oder fein sein soll, mit Bleistift, Buntstift oder Ölkreide zu ziehen ist, wo eine Fläche schraffiert, wo sie auszumalen sei. Jede Form hat für sie eine exakte Bedeutung.

Welti ist fasziniert von ihr. Er lädt sie als Gesellschafterin nach Engelberg ein, in den Sommermonaten. Dort soll sie zeichnen und ihm nichts schuldig sein. Brittnau verlassen? Emma nimmt die Stelle an, weiss sie, was sie erwartet?

Mit wachsendem Selbstbewusstsein beginnt sie mit grossformatigen Zeichnungen auf Millimeterpapier, das ihr ein Geheilter zur Verfügung stellt. Sie hat ihm das Leben gerettet, nun soll die Wundertätige von ihm zeitlebens so viel Papier erhalten, wie sie dessen bedarf: Doch vehement widerspricht sie dem Schwärmer: «Wunder gibt es nicht, alles ist Gesetz.» Was anderen als Wunder erscheint, ist die Folge natürlicher Regeln: Ihr Pendel verstärkt die Reaktion ihres Körpers auf elektromagnetische Felder, es überträgt elektrische Energie in mechanische Bewegung. Emma zeichnet ihre Bilder pendelnd, oft ohne Pause zwei Tage und zwei Nächte lang. Nur das Pendel weiss, wann sie vollendet sind.

Sechzehn Jahre lang lebt sie sommers in Engelberg, dann gibt sie die Stelle bei Welti auf, sie will in Brittnau ohne seinen Schutz weiterarbeiten. Ihre Heilerfolge sorgen für Aufregung: Dem Sekretär von Pater Pio verhilft sie zu neuem Augenlicht, da sie sein Nierenleiden erkennt und kuriert. Sie weiss: «Man muss nicht eine Krankheit behandeln, sondern den Menschen, der krank ist.» Die aufsehenerregendste Heilung geschieht 1942 einem sechsjährigen Jungen, der an Kinderlähmung leidet. Kein Arzt glaubt mehr an Besserung, doch Emma sieht pendelnd, dass ihm ein Heilgestein in seiner Umgebung helfen kann. Sie findet es zwei Tage später, in einem Römersteinbruch in Würenlos: zerriebener Muschelkalk, heute anerkannt als Heilerde ‹Aion A›.

Jetzt werden die Behörden auf sie aufmerksam. Im Kanton Aargau sind Naturheilpraktiken verboten! Der Kantonsarzt tritt auf den Plan, er drängt das Fräulein Kunz aus seinem Hoheitsgebiet. Wohin jetzt? Emma lässt sich in Lungern nieder, in der geistigen Nähe des geschätzten Bruder Klaus. Doch auch im Kanton Obwalden wird sich das Nämliche wiederholen: Die Naturheilerin ist aktenkundig erfolgreich, doch aktenkundig auch bei der Justiz, sie arbeitet in einem gesetzlichen Graubereich. Homöopathie, Magnetfeldtherapie, ganzheitliche Medizin, der Boden ist für Emmas Wissen noch nicht bereit. 1951 der Versuch, im Kanton Appenzell unbehindert arbeiten zu können, sie übersiedelt nach Waldstatt. Hier will sie nicht mehr als Heilerin, sondern vor allem als Forscherin tätig sein. Der Kantonschemiker Franz Decurtins ist ein begeisterter Anhänger ihrer Heilverfahren, in seinem Labor lässt er Medikamente nach ihren Anweisungen herstellen.

Auch Emma steht täglich in ihrem Laboratorium, im weissen Ärztekittel, ihr Pendel als treuster Begleiter. Sie weiss, dass ihr zugedacht ist, «meine Erkenntnisse auf anderem als dem naturwissenschaftlichen Weg zu sammeln». Im Dorf ist sie wohlgelitten, doch man konstatiert skeptisch die Besucher in Emmas bescheidenem Haus: Es sind nicht nur einfache Menschen, sondern auch hohe Militärs, Politiker, Vertreter der Industrie. Schriftlich deuten will sie ihre Zeichnungen nicht, und als ein Basler Chemiker mit einem Tonband erscheint, weist sie ihm die Tür.

Sie ist 71 Jahre alt, als sie erkennt, dass sie an Krebs erkrankt ist. Vier Monate bleiben ihr noch. Sie zeichnet ihr letztes Bild, eine einfache Pyramide, dann ist ihre Forschung abgeschlossen, sie bereitet sich auf den Übergang vor. Noch einmal spitzt sie die Buntstifte, noch einmal geht sie durch ihren Garten.

Später geschieht, was Emma voraussah: Zehn Jahre nach ihrem Tod eröffnet das Aargauer Kunsthaus eine Ausstellung mit ihren Zeichnungen. Kunstexperten sind verblüfft, Psychologen reiben sich die Augen, Astronomen wundern sich. Diese Künstlerin scheint vom Himmel gefallen, so eigenständig und visionär ist ihr Werk!

Harald Szeemann zeigt Emmas Bilder zusammen mit Arbeiten von Joseph Beuys und Rudolf Steiner. Er nennt sie «Richtkräfte für das 21. Jahrhundert».

Nänny, Walter

Nef, August

Nef, Ernst

Gedichte

Andenken an meinen leiblichen Vater
Mein Vater
der Du bist gestorben
ganz ungeheiligt
Du wirst sicher nicht wiederkommen
wenn es nach Deinem Willen geht
weder hier noch später
Dein täglich Brot hast Du
wie Deine Zuneigung mir nie vorenthalten
aber ich bin Dir einiges schuldig
geblieben die Versuchungen und die ÜbeI
in die Du mich nicht geführt
sind mit Dir trotz Dir und ohne Dich
gekommen und dauern
hoffentlich nicht
in Ewigkeit (Amen!)

 

Erinnerung
Die Grille im Steinspalt
die Mauer
mit uralten Flechten
ich gehe zurück
drei
Schläge auf Sand
dann
schliess ich den Garten
ich höre sie von Weitem
noch ich

 

Nimmst, Kätzin
Nimmst deinen Winterpelz
und haust einfach ab, Kätzin
Schleckmaul du
machst mein ganzes Elend
zunichte

 

Gehst im Rauch
Gehst im Rauch auf
gurgelst im Abfluss
machst Kapriolen
bist mir ein schöner
Luftibus
demnächst weisst du
nähe ich dir
bucklig
meinen Namen ins Hemd

 

Sampfel und Strupfbuch
Sampfel und Strupfbuch
Rapsel und Rülpser
Nuchser und Klickstiel und
alls asgopfundig wär’ das nicht
eine herrliche Pleisse
zu einem neuen Anfang?!

Nef, Jakob

Niebelschütz, Wolf von

Niedermann, Andreas

Log

Freitag, 5. Dezember 2008
Sonne, Raps und Selbstkontrolle

Als am früheren Morgen die Sonne noch die ganze Gegend flutete, ging ich los um die ‹Gumbo›-Sachen für morgen zu besorgen. So eine Wintersonne macht Typen wie mich einfach glücklich, weil es Sonne gibt und es trotzdem nicht heiss ist. Früh ging ich los. Und anstatt nur bis zur Haltestelle ‹Hopsbermoos›, ging ich gleich bis ‹Wald Post›, und dann dachte ich daran, dass ich ja noch ein bisschen Raps vom Acker brechen musste.

Eigentlich wollte ich das in der City Gallen tun, aber Wald AR, das war mir bekannt, verfügte auch über einen Acker, dessen Name Raiffeisenbank ist. Unterwegs begegneten mir mehr Menschen mit Hunden als in Wien vorm Hundefriseur. Ich halte diese Verhundung für kein gutes Zeichen. Früher hatten Punks, Junkies und Hirten Hunde, heute treten sie rudelweise an jeder Ecke auf. Auch in City Gallen, fiel mir auf, tollen sie herum, und Mütter mit Kleinkindern finden es lustig, wenn der riesige, niedergeschorene Bobtail ihr kleines Mädchen niederrennt. Die Mütter mahnen es mit angerührten Worten zu mehr Männlichkeit, wenn es deswegen weint. Mir gefällt das nicht. Der postmoderne Mensch ist nicht mehr in der Lage seinen verfettenden Arsch einfach so auszulüften und einen Spaziergang zu machen, nein, er braucht dazu ‹Kreatur in der Natur›. Ich halte es für ein Zeichen von Entfremdung, falls noch jemand diesen Ausdruck erinnert.

Aber in der Hauptstrasse von Wald AR gab es keine Hunde, nur zwei Handwerker grüssten freundlich den Mann auf der Suche nach der Bank. Ich wusste, dass es eine gab, aber nicht wo. Aber wo soll man eine Raiffeisenkasse denn suchen? Na? Neben der Kirche natürlich. Immer neben der Kirche. Es ist wie in meinem Wienergrätzl, da residiert sie auch gleich neben dem Glockenturm. Und natürlich, da war sie auch. Wie zu Hause. Nur sah diese Bank nicht aus wie eine Bank, sondern wie ein hübsches Einfamilienhaus im einheimischen Stil, schmucker Vorgarten in dem eine Raiffeisen-Standarte im Morgenwind flatterte. Ich blieb stehen. Ich zögerte. Unschlüssig. Sollte ich hier hinein, oder doch in City Gallen? Ich ging einen Schritt Richtung Bushaltestelle, sah auf die Uhr. Noch zwanzig Minuten. Zögern. Kein Mensch war zu sehen. In der Ferne, irgendwo hinter den Häusern, vernahm ich Kinderlärm. Und mit einem Mal sah ich die Szene von aussen. Da stand dieser massige Typ, schwarze Lederjacke mit hochgestelltem Kragen, schwere Sonnenbrille, schwarze Jeans, schwarze Boots und in den Händen hielt er einen offensichtlich leeren Rucksack. Das ist im Normalfall die zweite Szene in Aktenzeichen XY ungelöst gleich nach derjenigen, in der sich Mutti von Vati und den beiden hübschen, wohlerzogenen Kindern verabschiedet und sich aufs Rad schwingt, der Familie ein letztes Mal zuwinkt, um ihren Job bei der Bank anzutreten. Grundgütiger!

Aber dann dachte ich an Korsika, an das Gelächter meiner Freunde, als sie vernahmen, dass irgendwelche Schlaumeier eine Bank gemacht hatten. Wie sollten die von der Insel kommen? Das funktionierte nie. Aus irgendeinem Grund hielt ich dies hier auch für eine Art Insel, und ich betrat die Bank um zu sehen, wie man mich empfing. Es gab eine riesige Glasscheibe, die die nette Bankangestellte von mir trennte, und sie war so stark wie in jeder anderen Bank auch.

Nachdem ich meinen Raps bekommen hatte, verabschiedete mich die freundliche Angestellte mit meinem Namen, und wir hatten ganz nett geplaudert.

Zu meiner ungeteilten Freude war das Postauto leer, und ich durfte die Fahrt geniessen und den Bodensee in der Ferne begucken. Grau und klein lag er da, ein mittlerer Badesee, bekränzt von dramatischem Wolkengedöns. Ich wollte ein Foto machen, aber da zog die S-Bahn in eine langgezogene Kurve, und als wir wieder geradeaus fuhren, war der See verschwunden. Dafür fiel mein Blick auf ein Schild mit der Aufschrift ‹Selbstkontrolle›, und ich war mir nun ganz sicher, in der Schweiz zu sein. Gut. Ich kontrollierte mich selbst, aber dann kamen auch noch Fremdkontrolleure und kontrollierten, ob ich die Selbstkontrolle auch richtig durchgeführt hatte.

Diese Burschen rochen wie überall auf der Welt 50 Meter gegen den Wind nach Kontrolleur, und wie alle anderen ihres Berufsstandes irgendwo auf der Welt mochten sie es gar nicht, dass ich zuerst die Marke sehen wollte, bevor sie das Resultat meiner Selbstkontrolle kontrollieren durften. Aber sie konnten nix dagegen machen, ausser beleidigt zu sein und ein bisschen zu murren. So sind wir Schweizer eben auch. Stehen nicht so auf Autoritäten. Wir kontrollieren uns lieber selber. Aber weil der Mensch fehlbar ist, lassen wir dann doch noch einen ran. Man kann nie wissen, wie wir wissen.

Niggli, Ide

Em Grosvatter sin Fortschrett ond de Tüüfner Gmändroot

Set de Schwaane Choret s eerscht Automobiil ond de Fortschrett ase grüemt hed, ischt scho en Blätsch Wasser de Rhii aab glaufe.
Hüt wimslets gad eso vo Auto, Velo ond Töff.
Ond de Fortschrett?
Deseb hocket bi öös im Tüüfner Gmändroot ond wäässt kum meh wo here mit öserem Schtüürgeld.
Mer hend zwoor dör öseri Gmänd döre n e Hoptschtrooss, wo de ganz Vechehr ond eerscht no s Gääserbähnli scho langiszit nomme mag paschge ond weleweg hed dromm au de Fortschrett im Gmändroot scho set Johre n all näbes gschwätzt vonnere Bahnveleggig ond ere n Ommfahrigschtrooss. Aber of die Lei bräächt mer ebe s Schtüürgeld au wider näbes nüd recht fort, wil de Bund ond de Kantoo eerber wacker a n e dertegi Ommfahrigschtrooss here wöörid zale.
Dromm ischt zletscht em End de Fortschrett vom Tüüfner Gmändroot ammene Trottwaar phange plebe, wommer zbletzewiis, noch langem Hee ond Her, aagfange hed baue, wil d Schuelergoofe n efänge s Lebes nomme sicher gsee sönd of ösere himmeltruurege Hoptschtrooss.
Em ehschte hed mer de Fortschrett vo öserem Gmändroot möge n erschwicke n am sebe Trottwäärli, wommer schints öber de Dorfplatz ie pruucht hed.
De Pfläschterer, wo dei draa meh oder mönder gwerchet hed, Walter hed er ghäässe, ischt denn all öpe bim Breu im Bahof inne ghocket. Dross ond dree hed er dei inne n en Gschpaane gfonde, wo au Toorscht gchaa hed. Änn devo hed denn ebe n emool zom Walter gmäänt:
«Jojo, Handwerker söt mer halt see ond Ufträäg haa vo de Gmänd, denn wöör s Ommehocke n au eh rendiere! Da geed weleweg en tüüre Chroom do verosse, wenn s halb Trottwaar im Bahof inne paue werd.»
«Pitti vehäb s, da ischt jo gad de baar Niid, wo deer zom Muul uus lampet», lächlet de Walter. «I wäär goppel tomm, wen i ase rääss vörschi mache wöör mit mim Tamme. I vediene hoorgenau gliichvil, öb i do inne hocki oder dosse werchi. So lang eueri Gmändrööt no asewege n im Geld inne schwimmid, das s meer nüd emool mönd en Choschtevoraaschlag velange för mini Äärbet, so isches meer no lang wohl i minnere Huut inne. Di Laggierte sönd jo ehr allsamme, ehr zalid schliessli Schtüüre z Tüüfe!»
Wenn de Walter vezellt hett, er sei di letscht Woche n of em Moo obe n i de Feeri gsee ond dei obe heiid ali Gmändrööt Hörner, so hettid die zwee, drei, wo o no am Tisch zoe ghocket sönd, sicher o nomme vil äfäälteger chöne dree luege.
Der eerscht, wo s Tröömli wider fonde hed, ischt de Paul gsee:
«I ha s jo scho lang gsääd, mit ösere Gmändrööt seiid mer denn emool no pozt ond gschträälet!
Ond das disebe, wo i de Baukomessioo inne hockid, vom Baue graad so vil veschtönd wie e Chue vom Sägmehl pöschele, seb gsied mer a dere Komedi aa, wo s uffüerid mit ehrne chrüüztomme Höheschtrooss. Sibe Meter bräät, noochzoe zwämool as bräät as öseri ganz Hoptschtrooss, söll der Ooflood werde, mit uunege Schtözmuure n ond Viadukt – zom Bauland erschlüüsse, hed s ghäässe! Zmittst dör ösere schönscht Sonnehang döre, vo Nedertüüfe n öber de Schlipf bis faäscht is Dorf ue.»
«Du schpinnscht goppel!», määnt doo der Anton. «Wemmer öseri Gmändrööt gchöört schwätze, so tönd s doch nütz anders, as Taag ond Nacht deföör chrampfe, das di schö Landschaft vo öserem Ländli erhaalte bliibt. Wie wöör denn daa zämmepasse mit ere dertig uunege Schtrooss im schönschte Sonnehang inne, gad zom Bauland erschlüsse?!»
«Da passt graad ase zämme, as duu alemaa die salbigsvolle Feschtredner-Schpröch vo ösere Gmändrööt all no för baari Mönz neescht. Weromm hend ächt die Here sogäär scho e zweits Projekt för ehrni Höheschtrooss möse mache loo, wo doch s eerscht scho, ohni z öbertriibe, öpe drissgtuusig Franke koscht hed? Globscht enaard, mer gäb eso sechzgtuusig Franke Schtüürgeld uus, gad zom s Chalb mache n oder?!», brääselet de Paul.
«Weromm enaard nüüd?», frooget de Karl ase trochnezügs. «As lang
as de Walter ohni Choschtevoraaschlag chaa a sim Trottwäärli ommetöckle, as lang chönid doch öseri Gmändrööt of Chöschte vo de Schtüürzaller no ring d Schplendierhose n aa haa, ond wenn s gad wäär, zom s Chalb mache.»
Aber der Anton hed s all no nüd ganz rechte gchaa:
«Ehr zwee wönd mii gad am Sääl abe loo. Da mörkt doch s letscht hönderscht Beierwiibli, das s am sebe Hang, wo n ehr määnid, gäär e kä Bauland meh geed zom erschlüüsse.
Seb, wo s emool no gchaa hed, ischt jo scho lang vebaue mit luuter neue Hüsli ond Gäärtli. Ond di gröössere Bletz Bode, wo s am sebe Hang no hed, sönd jo gäär nüd z vechaufe, seb wääss i selber. Dei söll vorderhand no s Vech e paar Johr lang tööre wääde. Also isches nütz mit euerem Bauland, oder?!
Ond seb geed meer de schteerchscht Maa nüd aa, das en Gmändroot dezoe do ischt, zom di letschte paar grüene Flecke n a öserem schönschte Sonnehang mit ere Schtrooss z velädwerche, wommer gäär nüd bruucht!»
Of daas abe hed si zmool de Walter wider grodt:
«Mii gohd jo alls mitenand nütz aa, aber i ha gchöört säge, de Schwaane Choret hei sinnerzit im Gmändroot e deregi Höheschtrooss scho wele döretroke, aber s sei em halt doozmool nüd groote n ond dromm probier mer s jetz ebe wider.»
«Vom Gchööresäge lernt mer lüüge», wehrt si de Karl. «I ha deseb früenerig Vorschlag för e Schtrooss vom Schwaane Choret emool gseä, wo n i selber no im Gmändroot gsee bi.
Em Schwaane Choret sini Schtrooss wäär en Brocke wiiter onne n am sebe Hang döre choo, wo si au e n Uuschtok mönder gschtöört hett. Si wäär aber o nüd ase bräät worde n ond dezoe ane hed de Schwaane Choret diseb Schtrooss i de Kriisezit vorgschlage. Er hed gsinnet, die vile n Arbeitslose, wo s doo gchaa hed, wöörid gschiider annere Schtrooss helfe baue, schtatt das s gängid go schtemple.
Ond doozmool wäärid d Puure no meh as zfrede gsee, wenn s e paar Fränkli för en Bletz Bode n öberchoo hettid. Diseb Schtrooss wäär denn wacker billiger use choo ond si wäär o nüd ase höch obe n ie dör di schönschte Wese döre pflanzt worde. Dezoe ane wäär si eerscht no scho lang paraad gsee, wo die eerschte Hüsli am sebe Hang paue worde sönd.
Jää, nenei du, e bezeli meh Gröz as duu määnscht, hed de Schwaane Choret denn scho gchaa. Aber di ääne Gmändrööt hend em s doo halt nüd gglobt, das mer emool no froh wäärid omm e n astegi Schtrooss.»

Menge Woche schpööter, öber d Cheerchhööri abe, hend die paar Manne n im Bahof inne wider tischggeriert mitenand.
De Schoz ischt doo dosse gsee.
De Baukomessioo ehrni Höheschtrooss ischt graad no oogfohr gliich vil wert gsee wie s Papiir, wommer si drof iizeichnet gchaa hed. Ond d Rootshere hend ehrni ganz Projektiererei för öpe sechzgtuusig Franke chöne n is Chemi ue henke. D Schtüürzaller defriili au.
Nebscht de Beierwiibli hend s halt no en Oohuffe n ander Tüüfner gmörkt, das mer mit allere Gwaalt e kä Bauland chaa erschlüsse n ammene n Ort, wo s gäär e kä meh hed.
Ond no näbes hend s gmörkt:
Privaate Wesbode sei ebe schints nüd dezoe do, das en e paar Rootshere zo nütz anderem as gad zo ehrem äägne Vegnüege, of Chöschte vo de Schtüürzaller, chönid mit dertig fuulverrokte, grüüsege Schtroosse vesaue.

Denebscht ischt denn a dere Cheerchhööri no näbes ganz Choschtligs uus choo ond de Paul hed dezoe gad gmäänt:
«l wöör globe, öseri Gmändrööt töörftid enaard wohl zfrede see, das s ösers Schtüürgeld ase de ringeweg ond ohni e groosses Gschrei fort proocht hend. Zwänzgtuusig Franke hed das bezli Trottwäärli vom Walter do of em Dorfplatz osse koscht!»

Obendrauf, Anita

Oertle, Arnold

Waldvogels Entwurf

Der Mensch ist mit Verschiedenem verglichen worden: Der Mensch – ein animal rationale – also der Vergleich mit dem Tier. – Oder auch der Vergleich des Menschen mit einer Pflanze – beides Lebewesen: «Die Ros’ ist ohn warumb / sie blühet weil sie blühet / Sie achtt nicht jhrer selbst / fragt nicht ob man sie sihet.» (Angelus Silesius)

Der Mystiker will wohl sagen: Die Rose, die Blume überhaupt, ist ego-los, und darum fragt sie nicht danach, ob man sie sehe – anders als die meisten Menschen: Hier gilt oft genug Sehen und Gesehen-Werden – die Tendenz zur Selbstdarstellung des Menschen.

Und das Phänomen der Wolke? Wolken sind Himmelserscheinungen, die dem Menschen ebenfalls ähnlich sein können: Sie entstehen aufgrund gewisser Bedingungen. Sie sind eine Zeitlang da; und sie verändern sich in dieser Zeit ständig mehr oder weniger stark. Und dann vergehen sie wieder, dann lösen sie sich wieder auf. Bei Wolken zu sagen, sie hätten eine Seele, drängt sich nicht auf, anders bei Blumen und vor allem bei höheren Tieren.

Wolken sind ego- und geist- und seelen-los. Insofern gleichen sie jenem Binggeli in Robert Walsers ‹Märchen› Einer, der nichts merkte.

[…]

Ganz gedanken-los und leer war er.

Nicht dass Binggeli meditiert hätte, ausser man würde seine Art zu leben als meditativ ansehen. (Eine spezielle Meditation brauchte Binggeli nicht mehr.) Er war «einer, der nichts merkte», nichts mehr be-merkte. Die inneren Tätigkeiten des Ichs waren bei ihm auf ein Minimum reduziert. Ja, bei Walser heisst es sogar: «Wie er eines schönen Tages so seines Weges ging, fiel ihm der Kopf ab. Der musste wohl nicht fest genug auf seinem Halse gesessen sein, dass er so mir nichts, dir nichts herunterfallen konnte. Binggeli merkte nicht, dass er keinen Kopf mehr hatte; kopf-los ging er weiter, bis ihm jemand sagte: ‹Ihnen fehlt ja der Kopf, Herr Binggeli.› Aber Herr Binggeli konnte nicht hören, was ihm der andere sagte, denn da der Kopf abgefallen war, hatte er auch keine Ohren mehr. Da fühlte nun Herr Binggeli rein gar nichts mehr, roch, schmeckte, hörte, sah nichts und merkte nichts …»

Ja, dieser Binggeli war ein gedanken-loser, ein geist-loser und acht-loser Mensch geworden und gerade so ein leid-loser Mensch.

Ich denke: Er war auch ziemlich gefühl-los und vor allem willen-los und auch gewissen-los. Er wollte nichts sein und nichts haben, und wenn er etwas verlor oder vergass, so merkte er es nicht; ja es war ihm sozusagen schnuppe: «Einmal verlor er sein ganzes Vermögen, aber er spürte es nicht, merkte es nicht. Es tat ihm auch gar nicht weh, denn wer nichts merkt, dem tut auch nichts weh.»

Schlussbemerkung: Für mich ist Binggelis Lebensart eine surreale Metapher, ein surreales Gleichnis für ein Leben im NICHTDUALEN.

Offermann, Bill

P.M.

Pfister-Etter, Klärli

Warum Weber?

Wie kam Vater zu diesem Beruf? Seine Eltern betrieben eine kleine Landwirtschaft im schönen Appenzellerland. Von ihrem Heimet in der ‹Blatte› konnten sie das Dorf Speicher überschauen. Sein Vater und Mutter Etter werkten daneben noch fleissig an ihren Webstühlen im Keller unten, um ihre Familie mit sechs Kindern durchzubringen. Die Kinder mussten schon früh mithelfen. Ihre Arbeit war, Sand zu verkaufen. Zuerst mussten sie im Goldachtobel unten die Sandsteine suchen und heimbringen, dann ganz fein zerkleinern und in Säcklein abfüllen. […]

Am Samstag wurde jeweils der tannene Stubenboden damit bestreut, am nächsten Samstag dann alles zusammengewischt und wieder frisch gesandet. Das war die damalige Bodenpflege! Die kleinen Kinder, die noch nicht ­gehen konnten, sind dann eben im Sand herumgerutscht. Ein Stücklein Leinenstoff, in dem eine Brotrinde eingewickelt war, das war dann ihr Nuggi (1), den sie oft auf dem Boden verloren und voller Sand wieder in den Mund steckten. Diejenigen, die dies überstanden haben, sind achtzig oder gar neunzig Jahre alt geworden.

Mein Vater, der damals noch nicht in die Schule ging, und ein älterer Bruder mussten mit diesen Sandsäcklein auf dem Handwägeli (2) hausieren gehen. Bis nach Trogen, Wald und St. Georgen. Vater sagte später immer, beim Hausieren habe er die Menschen kennengelernt. Wenn er gefragt wurde, wo er auch all seine Kenntnisse erworben habe, antwortete er, er sei beim Sand-Hausieren jede Woche einmal bei der Kantonsschule in Trogen vorbeigekommen und das habe bei ihm mächtig angeschlagen.

Natürlich wurde er auch vom Spulen nicht verschont. Etwa mit zwölf Jahren kam dann das Webenlernen dran. Dann erst waren die Beine lang genug, um das Trittbrett zu erreichen. Waren sie noch zu kurz, wurde einfach ein Stück Holz auf den Schemel genagelt.

Einen halben Tag in die Schule. Die andere Zeit in den Webkeller. Lehrmeister war sein Vater. War die Schulzeit vorbei, ja dann halt den ganzen Tag in den Keller. Als dann die Burschen so gegen Zwanzig rückten, rebellierten sie, denn sie wollten auch einmal etwas anderes sehen als nur die vier Kellerwände.

Schwierig war es nur, vom Fabrikanten loszukommen. In vielen Fällen hatte er noch die berühmten Appenzeller Zedel (3) auf dem Weberhöckli und rechnete damit, die ganze Weber-Nachkommenschaft als seine Arbeiter zu bekommen. Da brauchte es schon ein wenig List, um wegzukommen. Ein Bruder hatte die Sache so gelöst: Er hat einfach lauter Fehler und Nester gewoben. Da hat der Fabrikant gesagt: «Dich kann ich nicht brauchen, aus dir gibt es im ganzen Leben keinen guten Weber.» Das wollte Hans ja eben. Der Keller kam ihm wie ein Gefängnis vor. Er wollte Landwirt werden. Auch mein Vater wollte ein Stück Welt sehen. Aber deshalb einen Pfusch weben, das konnte er nicht. Er dachte sich darum etwas anderes aus. Sein Webmaterial war rohes Garn und musste deshalb nachher noch gebleicht werden. Darum gaben Bleistiftstriche keinen Schaden für den Fabrikanten.

Nebst rechnen konnte Vater auch gut zeichnen und griff darum zu diesem Mittel. Immer wenn er ein Stück gewoben hatte, zeichnete er eine Figur auf den Stoff, so waren in diesem Ballen Stoff ganz verstreut lauter Tiere eingezeichnet. […]

Wie freute sich Vater auf den Gang zum Fabrikanten. Das war ein kleines, mageres, aufgeregtes Mandli. Und wie tat der, als er die Arbeit kontrollierte: «Hier ist ja eine Kuh, … und hier eine Geiss … und da ein Pferd … und … und … und da ein Huhn.» Dann sagte es: «Geh nur, dich will ich nie mehr wiedersehen. In meinem ganzen Leben hat noch nie ein Weber solche Sachen auf den Stoff gezeichnet. Bei einem, der solche Sachen macht, weiss man nie, was noch kommt.» Dann warf er Vater seinen Lohn zu und sagte: «Geh … geh.»

Vater sagte zu Hause, er werde eine Stelle als Knecht suchen. Seine Eltern sorgten sich, was wohl der Fabrikant dazu sagen werde. «Der ist einverstanden», antwortete Vater. «Erzähl …», wollten sie wissen, «wie hast du das angestellt?» Das musste man ihm nicht zweimal sagen. Gerühmt wurde er nicht, aber so auf den Stockzähnen hat sein Vater doch gelacht.

So ging Vater ein wenig später als Knecht in den Kanton Zürich. Doch dann kam das bittere Heimweh. Wie hat er doch darunter gelitten, es war ja alles so anders als in seinem Appenzellerdorf. Als dann sein Vater starb und seine Mutter ihn anhielt, er solle doch heimkommen und an Vaters Stelle für seinen erst zehnjährigen Bruder sorgen, da war er geradezu froh, einen Grund zu haben, um heimzukommen. So sehr hat er seine Heimat geliebt.

Eigentlich wäre er gerne Spengler geworden. Doch ging das nicht, weil er nicht schwindelfrei war. Darum wurde er Weber und blieb es. Nur hat er dann den Fabrikanten gewechselt.

(1) Nuggi Lutscher
(2) Handwägeli Leiterwagen
(3) Appenzeller Zedel Schuldverschreibung auf Häuser ohne Kündigungsrecht von Seiten des Gläubigers

Pletscher, Elisabeth

Quaderer, Benjamin

Alp Arktis

Unruh folgte den Eisbären aus Plastik, die abseits der Strasse im Gras, auf Astgabeln oder Stromkasten standen und ihm in schmutzigem Weiss leuchtend den Weg wiesen. Die gartenzwerggrossen Tiere schickten ihn eine Strasse entlang, die sich: futuristisch, dachte er, den Hügel hochwand wie ein hingeworfenes Stück Schnur. Sah er sich erst von Wiesen umgeben, war er bald ins Dunkelgrün gedrängt stehender Tannen gehüllt. Wie im Versuch, sich zu berühren, waberten die Äste über dem Wagen und bildeten einen Tunnel, den Unruh mit gut achtzig durchfuhr. Er benötigte sein ganzes Geschick, die Geschwindigkeit des Wagens zu drosseln und in den Kiesweg einzubiegen, dem zu folgen ihn ein weiterer kleiner Eisbär, hinter einem Baumstamm versteckt, anwies. Es ging steil bergauf durch ein Waldstück. Die Scheinwerfer stanzten Löcher in die Schwärze, Kies knirschte unter dem Gewicht des Wagens. Unruh vermutete Tannen um sich, das Autoradio rauschte; waren es Eulen, die riefen?

Es war bereits nach zehn Uhr, als Unruh den Audi auf einem wunderschön asphaltierten Parkplatz zum Stehen brachte. Die Luft war gut. Die Aussicht schön. Das Rheintal glühte. Die Räder des Trolley Case quietschten, als er in Richtung des Gebäudes schritt, von dem er hoffte, dass es dasjenige sei, in dem er ein Zimmer gebucht hatte für zwei Nächte. Es war ihm nicht möglich, zu verifizieren, ob die Bilder, die er auf der Internetseite der Herberge Alp Arktis gesehen hatte, das Objekt zeigten, vor dem er sich befand. Auf den Fotos war das Gebäude nie in der Totalen zu sehen, sondern nur in Ausschnitten und Details. Die Struktur einer Holzwand; ein Fenster, das die Aussicht auf das Rheintal freigab; gemangelte Bettwäsche; Schallplatten, die in einer Weinkiste standen; ein Duschkopf mit feinen Düsen; ein Riss in der Form eines Blitzes, der sich über mehrere Bodenplatten erstreckte.

Alp Arktis oder das, was Unruh dafür hielt, lag auf einem Hügelkamm, der dicht mit Nadelbäumen bewachsen war. Obwohl die Farbe präzise gewählt worden war – das Dunkelgrün der Fassade wirkte, als hätten sich die dahinter befindenden Tannen gekrümmt und die Holzverkleidung des Gebäudes mit ihren immergrünen Nadeln getüncht –, wollte sich das kubistische Gebäude nicht in die geschwungene Appenzellerlandschaft einfügen. Wie ein Spion am Anfang seiner Laufbahn, der die totale Unscheinbarkeit, das vollständige Verschwinden noch zu lernen hatte, stand es über dem Rheintal thronend zwischen Bäumen.

Unruh schritt die steil ansteigende Treppe nach oben, bis er vor einer Tür stand. Es gab kein Klingelschild und keine Leuchtreklame, kein Logo und keinen Schriftzug, es gab nichts, das darauf verwies, dass es sich bei dem Gebäude, vor dem Unruh stand, um eine Herberge handelte, um eine Institution, die Menschen eine Auszeit bot, ein paar Tage Abstand und Erholung. Er sah ein Gebäude auf einem Hügelkamm. Mehr war es nicht, dachte er und berührte den Türknauf.

Unruh betrat einen weitläufigen Raum mit Panoramafenstern, es lief Lady Stardust von David Bowie, in der Ecke brannte eine Stehlampe, neben der ein Ohrensessel, ein Tischchen und eine halb volle Flasche Mineralwasser standen. Wo war die Rezeption?

«Hallo?»

Ausser David Bowie und den Geräuschen, die Unruhs Trolley Case machte, war nichts und niemand zu hören. Er zog den Rollkoffer durch den Flur und trug ihn ein Stockwerk höher.

«Hallo?»

An der Wand im Treppenhaus hingen mehrere Bilder. Auf einem Foto erkannte er einen gross gewachsenen Mann hinter einer Schneewehe knien, die ihn halb verdeckte. Die Wehe befand sich im Inneren eines Zimmers, dessen Wände aus zersägten Baumstämmen bestanden, wie Unruh es von nordamerikanischen Blockhütten kannte. Der abgebildete Mann trug einen roten Anorak, der ihn dick erscheinen liess, dicker, als er war, die schmalen Handgelenke verwiesen darauf; die Finger der linken Hand, die den Lauf eines Jagdgewehrs umfassten, wirkten dünn, fast zerbrechlich. Er kniete über der Schneewehe wie ein Jäger über einem Tier nach dessen Abschuss, den Ausdruck von herrischem Stolz in den Augen. Unruh griff nach seinem Telefon und fotografierte den Mann im Anorak ab.

«Hallo? Ist hier irgendjemand?»

Im Flur spürte Unruh einen schwachen Luftzug. Die von aussen hereindringenden Rufe der Vögel vermengten sich mit der Singstimme Bowies, die gedämpft zu hören war. Vom Flur zweigte ein weiterer Flur ab, von dem aus mehrere Zimmer zu erreichen waren. An dessen Ende sah Unruh ein Podest stehen, auf dem sich in einer Vitrine, auf einer Drehscheibe positioniert, ein Kristall, gross wie der Kopf eines Kindes, gemächlich um die eigene Achse drehte. War es ein Rauchquarz? Silvretta Nova, 1931 las Unruh auf dem gravierten Messingschild, das am Podest angebracht war. Er richtete sein Telefon auf den Kristall und filmte ihn. Im Glas der Vitrine erkannte er die Spiegelung seines Oberkörpers. Unruh winkte. Eine ganze Umdrehung dauerte exakt dreissig Sekunden, stellte er fest, als er die Stopptaste drückte. Dann schickte er das Video an Emma. Schon im Gehen begriffen, hielt er noch einmal inne. Weisst du noch?, sendete er eine Nachricht hinterher, um dem Film den nötigen Kontext zu liefern.

Als er über den Flur zurückging, bemerkte Unruh einen Zettel, den er zuvor übersehen haben musste. An der Zimmertür mit der Nummer drei hing ein weisses Blatt Papier, auf dem sein Name stand. Zweifellos. Die saubere Handschrift, die auf jeden Schnörkel verzichtete, meinte ihn. Unruh. Wieso blieb er so lange vor der Tür stehen, bevor er anklopfte? Wieso klopfte er überhaupt gegen die Tür, bevor er sie öffnete? Er war ein unbescholtener Bürger. Er hatte nichts Falsches getan und beabsichtigte nicht, etwas Falsches zu tun. Es war sein Zimmer, er hatte es für zwei Nächte gebucht und das Geld im Voraus überwiesen. 48 Stunden lang gehörte es ihm, ausser dem Reinigungsdienst hatte dort niemand etwas verloren, und dass der Reinigungsdienst die Arbeit am Zimmer um diese Uhrzeit längst abgeschlossen haben müsste, war eine Selbstverständlichkeit. Es war kein billiges Zimmer. Er zahlte hundertzwanzig Franken die Nacht. Er musste nicht klopfen. Ihm gehörte, was er bezahlte. Energisch öffnete Unruh die Tür.

Der Duft von Lavendel schlug ihm entgegen. Es war angenehm kühl, die Fenstertür zum Balkon stand auf Kipp. Von aussen drang leises monotones Gesumme. Unruh machte das Licht an und schloss die Tür hinter sich. Das Zimmer war winzig, eine einzige Verniedlichung, dachte Unruh. Es bestand aus Einzelbett, Tisch, Stuhl, Nachtkästchen und Nachttischlampe. Gleich würde ein Zwerg den Raum betreten und ihn fragen, warum er in seinem Bettchen liege, warum er das Trolley Case auf seinem Tischchen abgestellt habe, ob er nicht sehe, dass das Tischchen das Gewicht des Trolley Case nicht trage, warum er überhaupt so viel mit sich herumschleppe, Besitz sei eine Bürde, wie lange er denn bitte schön vorhabe zu bleiben.

Es gab keinen Schrank. Verärgert, dass es keine Möglichkeit gab, die Hemden, die Unruh aus dem Rollkoffer nahm, an Kleiderbügel zu hängen und die Kleiderbügel in einen Schrank – Hemden müssen gehängt werden, das weiss man, sie dürfen nicht knittern, ein Hemd muss glatt sein und faltenlos, das ist wichtig –, hängte er sie über die Lehne des Stuhls. Was es wohl für ein Typus Mensch war, der in der Herberge übernachtete? Ein Hemdenträger war er mit Sicherheit nicht.

Unruh nahm die restliche Kleidung aus dem Trolley Case und drapierte sie auf dem Tischchen. Er klappte den Laptop auf und hörte etwas gegen die Balkontüre schlagen. Als er aufsah, erkannte er vereinzelte schwarze Punkte in der Grösse von Kirschen, die sich dem Fenster näherten. Unbemannte Flugobjekte, dachte sich Unruh, fliegende Tollkirschen. Ihr Näherkommen war von einem Summen begleitet, in das mehr und mehr Stimmen einsetzten, erneut schlug etwas gegen das Glas, ein Orchester, in seiner Ausdehnung offen, und Unruh erkannte, dass es Fliegen waren, fette schwarze Stubenfliegen, die als Schwarm auf ihn zukamen.

Er löschte das Licht und schloss die Balkontür. Es gab kein Internet. Als wäre das nicht schlimm genug, hatten es zwei der Fliegen geschafft, einen Eingang ins Zimmerinnere zu finden, und umschwirrten Unruhs Kopf. Er wünschte sich Spinnen herbei, denen die Stubenfliegen ins Netz gingen und die sie danach, eine nach der anderen, in hymnischer Langsamkeit auffrassen. Als er sich in Anbetracht der Grösse der Fliegen vorstellte, wie gross die Spinnen sein müssten, um die Fliegen in hymnischer Langsamkeit auffressen zu können, wünschte er sich, die Stubenfliegen würden einfach so verschwinden, grundlos und ohne Ausseneinfluss, und als er sich in Anbetracht des grundlosen Verschwindens der Fliegen vorstellte, das Gleiche könnte auch ihm widerfahren, dass er sich auflösen und einfach verschwinden würde, grundlos und ohne Ausseneinfluss, wünschte Unruh sich nichts mehr und akzeptierte die Situation. Er klappte den Laptop wieder zu. Wünsche waren gefährlich. Nach wie vor. Wünsche würden niemals aufhören, gefährlich zu sein. Spätestens nach der Hochzeit mit Emma hätte er das begriffen haben müssen. Darum war er doch hier. Wenn auch indirekt. Aber trotzdem. Unruh schrieb zwei Sätze in sein Notizbuch, legte sich hin, ohne die Zähne zu putzen, und fotografierte die Decke des Zimmers, gegen die er starrte. Das Foto war schwarz. Wie viel wäre von der Welt noch übrig, wenn alles, was je fotografiert worden wäre, nach Auslösen der Kamera nicht mehr existierte? Wenn jedes Foto ein kratergrosses Loch in die Landschaft risse? Vielleicht würde die Erde dann zu einem zweiten Mond, dachte Unruh, darauf wartend, dass der Schlaf in seinen Kopf fuhr und ihn mitnahm an einen Ort, an dem er ungestört unsichtbar werden konnte.

Rechsteiner, Peter

Die Midlife-Crisis

Der Untere Gäbris war offen. Die beiden Tische vor dem Haus waren gut besetzt und es hatte sich eine fröhliche Runde versammelt. Sie bestand aus einem halben Dutzend Rentnerinnen und Rentnern, deren Pensionierungstag schon einige Jahre zurücklag. Vor ihnen standen ein paar leere Weinflaschen. Mittlerweile nippten sie an Kaffee, dessen Durchsichtigkeit leicht auf den Inhalt schliessen liess. Und wie es sich für angetrunkene Wanderer gehörte, sangen sie, mehr laut als schön, fröhliche Lieder. Die Leute hatten es ausgesprochen lustig. Ich setzte mich zu ihnen und versuchte, mit einem Bergkaffee (Inhalt unbekannt, aber sehr wohlschmeckend und meinem Arzt vermutlich ein Dorn im Auge) auf ihr Fröhlichkeitsniveau oder zumindest ihren Alkoholpegel zu gelangen. Auf das Singen verzichtete ich, denn ich wollte es nicht von Anfang an mit ihnen verderben.

Nach zwei weiteren Liedern verabschiedete sich ein dürres Männchen. Er trug ein dünnes Leibchen und allzu kurze Hosen und joggte fröhlich lachend Richtung Suruggen davon. Meiner Bewunderung war er sicher, denn ich kannte die Strapazen des Joggings. Ich fragte mich, wo der Kerl hinrennen würde. Keines der umliegenden Dörfer lag an dieser Strecke. Aber nicht nur die Distanz gab mir zu denken, ich fragte mich auch, ob er überhaupt den Weg finden würde nach all dem Weingenuss. Aber weshalb machte ich mir Gedanken? Ein jeder musste ja selber wissen, wie er seine Gesundheit forderte (oder ruinierte).

Kurz nach dem Jogger stand auch der Rest der Gruppe scherzend und lachend auf und war plötzlich verschwunden. Dies ging derart schnell, dass ich mich fragte, ob der Bergkaffee meine Sinne getrübt hatte. Auf jeden Fall hatte ich nicht bemerkt, in welche Richtung sie losmarschiert waren. Obwohl ich mich gut amüsiert hatte, genoss ich die Ruhe, die jetzt auf dem Unteren Gäbris eingekehrt war.

Ich liess ein paar Minuten verstreichen, denn ich wollte nicht zufällig diesen beduselten Senioren noch einmal begegnen und mit ihnen mitwandern müssen.

Schliesslich machte auch ich mich auf den Weg und marschierte zügig Richtung Wissegg, um über die Hohe Buche ins Bendlehn zu gelangen. Von dort wollte ich mit der Trogenerbahn nach St. Gallen fahren. Ein leichter Weg, wenn man den fast unsichtbaren Kuhdrähten und den nur zu gut sicht- und hörbaren Appenzeller Blässen auszuweichen versteht. Da ich im Bendlehn nur wenige Minuten auf die Bahn warten musste und mich nach kurzer Fahrt in die heimische Badewanne setzen konnte, hätte ich meinen kleinen Ausflug alles in allem als ziemlich gelungen abbuchen können. Aber eben nur ‹hätte›.

Als ich nämlich zufrieden, aber müde auf dem Bänklein der Haltestelle sass, joggte plötzlich ein dünnes Etwas der Strasse von Trogen Richtung Speicher entlang. Ein genaues Hinschauen bestätigte meine Vermutung: Es war das dürre Männchen in den knappen Turnhosen, das ich im Unteren Gäbris gesehen hatte. Der Kerl hüpfte leichtfüssig und immer noch mit einem Lachen auf den Lippen an mir vorbei. Ja, er besass sogar noch die Frechheit, mir zu winken. Das durfte doch wohl nicht wahr sein! Dieser Mann joggte, in seinem Alter, mit Wein und vermutlich auch viel Bergkaffee im Körper in dieser kurzen Zeit via Suruggen nach Trogen bis ins Bendlehn und weiter. Dabei war er noch fähig, mir fröhlich zuzuwinken, während ich müde und schlaff auf der Bank der Haltestelle hing.

Meine permanente Müdigkeit war mir schon seit einiger Zeit ein Dorn im Auge. Es gelang mir aber immer wieder, der Arbeit oder ähnlichen Widerwärtigkeiten die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben. Dass es am Alter liegen könnte, hatte ich mir bis dahin nicht eingestehen wollen. Und nun dies, joggte dieser Typ frisch-fröhlich an mir vorbei, ja, ich konnte in seinem Gesicht die Schadenfreude über meine Erschöpfung ablesen. Er schien weder müde zu sein noch sonst von Strapazen gezeichnet, während mich nur die Aussicht auf ein warmes Bad auf den Beinen hielt.

Im Zug nach St. Gallen rätselte ich, welchen Weg und welche Abkürzung der Jogger wohl genommen haben mochte. Ich kannte aber keine Möglichkeit, die Strecke merklich zu verkürzen, als den Weg, den ich gegangen war. Der Weg über die Landmarch war auf jeden Fall um einiges weiter. Klar, er war gejoggt, aber ich war ja auch nicht gekrochen. Liess ich jetzt auch schon beim Marschieren nach? Diese Einsicht verstärkte meine Niedergeschlagenheit ob seiner Fitness und meiner Schlappheit noch beträchtlich.

Als ich in der Notkersegg, einer Haltestelle oberhalb von St. Gallen, zusehen musste, wie der Rest der Seniorengruppe in die Trogenerbahn einstieg, schluckte ich leer. Ich verstand die Welt nicht mehr. Wo zum Teufel kamen denn sie nun her? Soeben hatten sie doch auf dem Unteren Gäbris noch gesungen, gescherzt und Unmengen von Wein in sich hineingeschüttet. Mit Sicherheit beduselt, waren sie höchstens eine halbe Stunde vor mir losmarschiert. Und nun stiegen sie hier in der Notkersegg in die Bahn – immer noch lachend. Fehlte nur noch, dass sie weitere Lieder anstimmten.

Ich bin wirklich nicht mehr der Jüngste, war aber sicher immer noch um einiges jünger als sie. Ich war zügig marschiert und deshalb auch hundemüde. Jetzt lief ich ihnen hier wieder in die Arme, und zu allem Elend hatten sie mich auch noch in der Bahn entdeckt. Ganz sicher galt ihr Lachen mir, aus Schadenfreude über mein müdes Aussehen.

Es wird mir wohl niemand übel nehmen, dass ich mit der Welt zu hadern begann. Ist sie das, fragte ich mich, die Midlife-Crisis? Zu alt und zu müde, um anständige Bergtouren zu unternehmen, aber auch zu jung, um mit den Senioren noch mitzuhalten?

Rekade, Hansjörg

Richle, Urs

Das Loch in der Decke der Stube

Als ich in den ersten Tagen über den Dorfplatz schlenderte und beim Rondell des kalksteinweissen Dorfbrunnens stehenblieb, betrachtete ich in interessierter Touristenmanier ahnungslos das ganze Panorama alter landherrschaftlicher Häuser. Vom Hotel ‹Sternen› über das kleine Café ‹Abderhalden› zum Res­taurant ‹Toggenburg›, daneben die gerade neu ausgebaute kleine ‹Mi­gros› mit Selbstbedienungsrestaurant und Hifi-Abteilung, dann die evange­lische Kirche mit Kiesplatz, gefolgt von der Confiserie und Café ‹Amstutz›, der ‹Kantonalbank› und der ‹Schweizerischen Bank Gesellschaft›, ebenfalls gerade frisch renoviert mit museumsreif restaurierter Aussenfassade und postmodernem Giebeldach- und Simsen-Miniportal.

Wäre da nicht die breite Strasse, die mit ihren weissen Mittellinienstrichen das Dorf durchschneidet wie ein Messer einen Apfel, hätte ich mich wie in einen Kessel von sich aneinanderreihenden Fensterfeldern gesperrt gefühlt. Nicht immer auf derselben Höhe, aber sich dennoch aneinander anschliessend, ziehen sich die Fensterreihen von Haus zu Haus. Alle im gleichen Format, in gleicher Aufteilung, in den beinah gleichen Vorhangstoffen. Ich stand da und folgte einem dieser Fensterbänder im zweiten oder dritten Stock, folgte ihm so lange, bis ich mich auf dem Brunnenrondell einmal um mich selbst gedreht hatte, begann noch einmal in einem anderen Stockwerk und stellte fest, dass auch dieses ein geschlossenes Band war.

Früher oder später wird jeden Besucher und jede Besucherin der Gedanke überfallen, dass diese Häuserfassade nicht bloss eine Fassade ist, diese Vorhänge nicht bloss Vorhänge, dass dahinter Zimmer existieren, Menschen leben, sich Augen verbergen könnten. Etwas erschreckt musste ich feststellen, zumal ich kein Tourist war, dass ich nicht wissen konnte, aus welchem Fenster diese Augen mich gerade erspähen würden. Es konnte jedes sein, es konnte auch keines sein. Je länger ich schliesslich an diesem Brunnen ausharrte und mich immer wieder um ihn herumbewegte, um nicht ständig dem möglichen Blick aus einem der Fenster ausgesetzt zu sein, um so mehr stellte ich fest, dass mir dieser Brunnen, so schön und friedlich er auch gestaltet sein mochte, keinen Schutz vor Beobachtern, keine Deckung vor den Einheimischen bot.

Plötzlich war ich froh um die platte, breite Teerstrasse, die sich wie ein Walross durch das spielzeughafte Bild dieses Platzes wälzt, auf der man sich verflüchtigen kann, um nicht eines der Gässchen zwischen den einzelnen Häusern zu nehmen, von denen man nicht weiss, wohin sie führen!

Und wenn ich mich nicht in diese Angelegenheiten eingemischt hätte?
Wäre etwas zu verhindern gewesen?
Kaffee ist in Deutschland teurer, denke ich, während ich ihn koche, um mir nicht antworten zu müssen.

Eine Autobahn gibt es weder im Toggenburg, noch im Appenzellischen.
Aber eine Sterberate wie überall.
Davon mehr als 10% Selbstmorde.

Es war im April, als ich bei Emil einzog, und noch keine Zeit, um Vorfenster wegzunehmen. Trotzdem war die Rede davon. In der Gärtnerei zum Beispiel.
Wir waren fünf.
Zwei Jugoslawen, Hilfsarbeiter wie ich, eine ausgebildete Gärtnerin, ein Lehrling und ich.
Der sechste war der Chef.
Beinah zwei Wochen lang wusste ich nicht, wer dieser Chef eigentlich war. Aber wenn über ihn geredet wurde, spürte ich am veränderten Tonfall und einigen Bemerkungen, dass ihn alle fürchteten.
Am zweiten Tag erfuhr ich von Irene, der Gärtnerin, dass unser Chef meinem Arzt, der sich bei ihm nach einer Arbeit erkundigt hatte, auch das Zimmer bei Emil verschafft hatte.
Er sei dessen Bruder.
Mehr gab es vorerst nicht über ihn zu erfahren. Wir hatten unsere Arbeit, das sollte reichen, meinten Josip und Draža, die beiden Jugoslawen.
Vorfenster gebe es an jedem Haus in dieser Gegend. Und wenn die einmal weg seien, dann würde der Laden hier erst richtig losgehen! Das machte mir Marco, der gerade vor drei Wochen seine Lehre begonnen hatte, in den ersten Tagen klar.
Dann heisst es Rennen!
Und sonntags auch arbeiten, abwechselnd.
Blumen brauchen nicht nur von Montag bis Freitag Wasser.

Dass Berlin auch grün ist im Sommer, hätte damals selbst ich nicht geglaubt.
Überhaupt Grün.
Es sei das einzigartigste und einzigste Grün, welches man hier oben auf der Hochebene, an deren Seitenhang auch Emils Haus steht, sehen könne. Vor allem im Mai, behauptet man im April, vor allem im September, im Mai.
Und speziell, natürlich.
Als gäbe es nur hier Gras, Haselstauden, milchige Birken, Froschtümpel, Regengüsse, als falle das Laub im Herbst nur von den gemeindeeigenen Bäumen.
Schon nach meinem ersten Arbeitstag in der Gärtnerei war ich nicht allein auf der Heimfahrt in der Bahn, die uns auf den Stutz, die Hochebene, welche zugleich auch Passhöhe des Tales war, nach Hause brachte.
Eine grosse Frau sass fest in der Holzbank und begrüsste mich prompt mit: Guten Tag, Herr Zoll!, und lud mich ein, bei ihr Platz zu nehmen, bevor ich eine Bewegung in irgendeine andere Richtung hätte machen können.
Auch von anderer Seite wissendes Nicken und Begrüssen von Leuten, die ich noch immer nicht kannte.
Ob mir die Arbeit gefalle in der Gärtnerei. Sie komme auch von der Arbeit. Sie sei Pflegerin im Spital. Ein alter Beruf, sagt sie. Natürlich kenne sie Emil Blauer.
Sie habe mich beobachtet, als ich angekommen sei. Sie wohne nicht weit von Emil entfernt. Unten an der Strasse gleich bei der Haltestelle. Da sehe man halt, was sich tue. Nicht dass es sie interessiere, aber man sehe es halt.
Und mit Emil?
Na ja, man wisse ja.
Aber ungefährlich, meinte sie.
Man frage sich nur, wo die Flaschen alle bleiben. Aber es gehe sie ja nichts an.
Nur wenn sie Emil jeweils sehe, wie er bei der Haltestelle am Stutz aussteige und sich das kleine Stück den Hang hoch zu seinem Haus kämpfe, könnte er ihr leid tun.
Ich würde ihm sicher eine Hilfe sein, das könne sie sich vorstellen, ein so junger, frischer Bursche!
Dann beugte sie sich vor und winkte mit dem Zeigefinger. Die Bewegung wurde heftiger, und ich wusste nicht recht, was sie damit meinte, bis sie die Hand an ihren Mund hielt und zu flüstern begann. Ich kann mich nicht erinnern, was sie mir zuflüsterte, vielleicht hatte ich es auch nicht verstanden. Jedenfalls bewegte sich ihr grosser fleischiger Mund und gab kaum hörbare Töne von sich. Darauf nahm sie die Hand wieder weg und schaute sich um. Zu Recht, wie ich bemerkte. Man beobachtete uns.
Und nicht nur: Man beobachtete, wie man uns beobachtete.

Rohner, Fanny

O du mein Heimatland!

Auf der Grenzwacht (im Jura)
(Weihnachten 1914)

Des Winters kalter Hauch auf Berg und Tal;
Doch wunderbar die fernen Firnen glänzen.
Ich grüsse dich, du hehrer Alpenkranz,
Dieweil ich wache an des Landes Grenzen.

Zu Füssen mir dehnt sich der Tannenwald,
So ruhevoll, so schön in Winterstille;
Doch ach! Von drüben beben durch die Luft
Des Krieges Schreckenstöne, schaurig, schrille.

Dort, wo Kanonendonner grimmig dröhnt,
Dort liegen Mensch und Mensch in wildem Streite,
Dort sinnt ein jedes Volk auf blut’gen Plan,
Wie es dem andern Untergang bereite.

Und nicht nur Menschenrache, Menschenzwist,
Sogar der Hölle Mächte eifrig schüren
Den grausen, jammervollen Länderbrand;
Die Lüge selbst will dreist den Feldzug führen.

Horch! Jetzt beginnt’s zu klingen ringsumher,
Dieweil das Sonnengold erstirbt im Westen.
Christabendglocken laden feierlich
Die Menschen zu den Weihnachtsfesten.

Sie läuten ihn, den alten frohen Gruss:
«Ehre sei Gott und Friede sei auf Erden!»
Ein tiefer Schmerz und heisses Hoffen zuckt
Zugleich durchs Herz mir: Wann wird Friede werden?

[…]

Rohner, Ruedi

Rohner, Viola

Alles Gute und auf Wiedersehen

Ich begegnete Lora zum ersten Mal im Sommer 1987. Sie wollte in Berlin studieren und kam vor Semesterbeginn direkt aus der Schweiz angereist. Ich war damals die Einzige in unserer Wohngemeinschaft, die an diesem Spätnachmittag zu Hause war, als Lora klingelte.

Widerwillig klappte ich mein Buch zu und stieg unsere vier Treppen nach unten und schloss die Haustür auf. Vor mir stand eine junge Frau mit kurzen, blonden Haaren, neben sich einen riesigen dunkelroten Koffer. Ich wunderte mich, wie sie diesen Koffer allein bis hierher geschleppt hatte, denn sie war, obwohl kräftig gebaut, recht klein. Sie gab mir artig ihre Hand und sagte, dass sie Lora sei, Lora aus der Schweiz. Leo habe ihr unsere Adresse gegeben. Sie habe vor ein paar Wochen angerufen wegen des Zimmers.

Ich nickte nur, trat einen Schritt beiseite und bat die Frau herein.

Der Koffer war so schwer, dass wir ihn zu zweit in die Wohnung hochtragen mussten. Ich hinten, sie vorne. Und auf jeder Etage entschuldigte sie sich, dass der Koffer so schwer sei und dass sie mich genötigt habe, ihr zu helfen. Es war für mich seltsam, dieses Entschuldigen. Es klang wie aus einer weit entfernten Welt. Die Welt meiner Kindheit, die Welt der Kleinstadt, die ich hinter mir gelassen hatte, als ich hierher nach Berlin gezogen war. Und ich erinnere mich, dass ich mich beinahe dafür schämte, wie sehr ich diese höfliche Art mochte und den angenehmen Klang dieser leisen, etwas singenden Stimme. Hier in Berlin hatte ich gelernt, dass man sich nehmen musste, was man brauchte, und sich bei niemandem dafür bedankte. Höflichkeit war etwas, das aus der Provinz kam. Und für Leute wie mich, die nach Berlin gekommen waren, um hier ganz und gar neu anzufangen und die Welt ihrer Kindheit wie eine alte, zu eng gewordene Haut abzustreifen, gab es nichts Schlimmeres als die Provinz.

Als wir oben im vierten Stock angekommen waren und vor unserer Wohnung standen, entschuldigte Lora sich noch einmal, und ich sagte zu ihr: Wüsste gerne, was für eine Schuld wir hier hochgeschleppt haben, so oft, wie du dich entschuldigst.

Das war nicht wirklich ernst gemeint gewesen, nur eine kleine Bemerkung, und ich wollte mich gerade abwenden und die Wohnungstür aufsperren, als ich eine Veränderung in ihrem Ausdruck bemerkte: ein kurzes Erschrecken, eine Zerbrechlichkeit und dahinter Trauer, die für einen Moment auf ihrem Gesicht erschien und mich berührte.

Dann packte Lora den Koffer wieder und ich sperrte auf, und sie stolperte durch unsere Tür. Willkommen zu Hause, rief ich und machte das Licht an, und wir trugen den Koffer zusammen durch den Flur in ihr Zimmer.

Da stand er nun wie ein grosses, rotes Schiff, das auf Rudis schwarzem Teppich gestrandet war und sich keinen Millimeter mehr vorwärtsbewegte.

Rotach, Ingeborg

Säntis – Zweites Leben

Andere beliebte Gäste waren natürlich Familien mit Kindern. Das Haus mit seinen Kammern und Kämmerchen und den vielen Schlupfwinkeln war ein herrliches Spielfeld. Oft verkleideten sich die Kinder und führten Scharaden auf oder sie suchten die alten etwas ramponierten Marionetten hervor und improvisierten kleine selbst erdachte Stücke. Gesellschaftsspiele waren beliebt mit langem, fantasievollem Pfandauslösen. Es wurde gewürfelt, gejasst, Puzzles wurden zusammengesetzt und trickreiche Geduldspiele versucht.

Und schliesslich gab es noch Gäste, die keine eigentlichen Gäste waren, sondern Ordner- und Mappenträger aus dem Alltag, aus der Berufswelt. Sie kamen zu Arbeitssitzungen, schwer beladen mit Papieren, Plänen und Büchern, und sahen wenig geländegängig aus. Sie hatten sich wahrscheinlich zuvor den Kopf zerbrochen, wie und in welchem Rahmen man sich solche Sitzungen überhaupt vorzustellen hatte, und waren dann überrascht über deren Formlosigkeit, aber auch über die Länge und Endlosigkeit der Diskussionen.

Es war die erste längere Zeit des Wohlstands und der Vollbeschäftigung. Ein beispielloses Baufieber hatte das Land erfasst. Einheimische und Ausländer rissen sich um die schönsten Plätze an Seen und Flüssen, in Städten und auf dem Lande. Zersiedelung bedrohte die schönen, alten, bedächtig gewachsenen Städte und Dörfer. Die Bodenpreise stiegen in astronomische Höhen.

Neue, gesichtslose Quartiere wucherten ins offne Land hinaus. Sie waren in einem Allerweltsstil gebaut, ohne ersichtlichen Bezug zur Landschaft, ohne System, ohne Planung hochgezogen, aus dem Boden gestampft.

Nach der langen Stagnation der Kriegs- und Nachkriegszeit schien der Hunger nach Erneuerung, nach modernen Wohn-, Erholungs- und Arbeitsräumen unersättlich.

Ganze Landstriche, Wiesen und Felder, die durch Hecken und Baumgruppen fein gegliederte Landschaft, verschwanden, um neuen Wohnsiedlungen, Gewerbebauten, Einkaufszentren, Parkplätzen, Sportanlagen Platz zu machen.

Nebenbei wurde die Landschaft ausgeräumt, aufgeräumt. Hochstämmige Obstbäume, die die Bewirtschaftung der Wiesen behinderten, wurden gefällt, Bäche begradigt oder in den Untergrund verlegt, Feldwege asphaltiert. Das Land verlor seine Eigenart und erhielt ein beliebiges Allerweltsgesicht.

Irgendwie musste versucht werden, diese Überhitzung, diese Entwicklung in geordnete Bahnen zu lenken. Zu viel kostbares Land war schon unwiederbringlich verloren.

Unter dem äusseren Druck entstanden vorerst einmal Pläne und Visionen, wie besonders wertvolle Landschaften geschützt werden könnten, so dass sie auch in Zukunft unantastbar waren. Daneben sollte es verdichtete Zentren geben, gut ausgestattet mit Schulen, Spitälern und Einkaufsmöglichkeiten, erschlossen mit öffentlichem und privatem Verkehr, mit jeder nötigen Infrastruktur.

Das waren die Geburtsstunden der hoch gelobten und viel geschmähten Leitbilder der Schweiz.

Für besorgte Zeitgenossen waren sie eine grosse Hoffnung, Garanten, die Schönheit und Vielfalt des Landes weitgehend erhalten zu können. Für andere hingegen stellten sie Leidbilder dar und bedeuteten Rückschritt, Rückfall in eine überlebte, verabscheuenswerte Planwirtschaft. Angstträume, Schreckensvisionen wurden an die Wand gemalt, die Furcht, den Technokraten ausgeliefert zu sein.

Noch schlimmer als Technokratie und Planwirtschaft war jedoch der befürchtete Verlust eines uralten, verbrieften, teuren Rechts, der Verlust der freien Verfügbarkeit über das Eigentum.

Der Anfang, die sich langsam entwickelnde Idee der Leitbilder, wurde seinerzeit auf dem Sitz ausgebrütet. Die Leitbilder wurden hier oben gedacht, fantasiert, skizziert, erwogen, besprochen, erstritten, diskutiert, erkämpft, verteidigt, erweitert, geändert …, immer wieder geändert.

Die Leute, die hier beisammensassen und sich darüber die Köpfe heissredeten, kamen aus allen Ecken des Landes. Sie waren meist jung, gut ausgebildet, stammten aus den verschiedensten gesellschaftlichen Kreisen und gehörten allen politischen Richtungen an. Freisinnige waren dabei aus der deutschen Schweiz, Liberale aus der Romandie. Natürlich gab es Sozialdemokraten, die radikalere Ideen vertraten als die Leute aus der Zentralschweiz, die dem christlichsozialen Gedankengute nahestanden. Tessiner und Rätoromanen breiteten die Probleme der Zweitwohnungen aus. Idealisten, Freigeister, Naturschützer sassen um den Tisch und wollten ihre Vorstellungen durchbringen. Frauen waren seltsamerweise in dieser ersten Leitbilder-Zeit nicht dabei.

Allen lag gemeinsam eine grosse Idee am Herzen, die Zukunft des schönen Landes.

Politik war in diesem Zeitpunkt noch kein Thema. Ehrgeiz und persönlicher Erfolg auch nicht.

Neid, Streit und Missgunst, die Vorteile und Hemmnisse einer landesweiten Planung, alles, was später die Atmosphäre so erschwerte, Animositäten und Feindschaften weckte, alle diese divergierenden Strömungen gab es noch nicht.

Es ging ja vorerst um eine Vision, und Visionen lassen sich nicht begrenzen, nicht einschränken, haben keine Bodenhaftung, kümmern sich nicht um Machbarkeit. Visionen müssen erst einmal gedacht werden. Sie tragen den Duft der Weite, der Grösse, die Leichtigkeit der Uneingeschränktheit.

Die Planer, die Ingenieure, die Juristen, die Architekten sassen, wenn das Wetter es erlaubte, auf der unebenen, holperigen Wiese unter der duftenden, summenden Linde. Steine beschwerten die Papierberge gegen den Wind. An die Schindelwand des Hauses waren Pläne gepinnt, Landkarten, Skizzen, Ideen und Denksätze, das grosse, noch gänzlich ungeordnete, wahrscheinlich auch unausgegorene Patchwork-Bild einer sich langsam anbahnenden, sich herauskristallisierenden, festsetzenden Idee.

Mit dem weiten grünen Land zu Füssen und der lieblichen, uralten Appenzeller Streusiedlung, begrenzt von Hügeln und dem Säntismassiv, war die Vision von geschützter Landschaft, von haushälterisch genutztem Boden ganz naheliegend. Grosse, zukünftig sich entwickelnde Ideen und Vorhaben konnten an diesen Leitbildern geprüft und erwogen werden.

Schönheit und Eigenart des Landes mussten erhalten und bewahrt bleiben, damit auch den nachfolgenden Generationen ein erfülltes Leben und Arbeiten möglich sein werden.

Es war eine gute Zeit damals.
Deine gute Zeit.
Es war eine Zeit des Aufbruchs, des Höhenflugs, der Ideen, vielleicht auch der Freundschaften.
Man glaubte damals in jugendlichem Gefühl, etwas Sinnvolles zu leisten für die Natur, das Land und seine Bewohner. Man glaubte an Visionen und an deren Machbarkeit. […]

Ich war mit den Kindern allein auf dem Sitz. Ein eisiger Wind tobte ums Häuschen, stiess Schneewolken vor sich her und liess sie plötzlich irgendwo liegen, vor der Haustüre, an den Fenstern oder blies sie zwischen den beiden Häusern zu einem Wall zusammen. Es war kalt und zugig und ungemütlich im Haus, darum beschloss ich, noch einmal einzuheizen. Ich trug Holz und Tannzapfen in die Küche und zündete ein Feuer an. In diesem Augenblick stürzte sich der Wind aufs Dach und drückte beissenden Rauch durch den Kamin in die Küche. Schnell schloss ich die Ofentüre wieder und öffnete das Fenster. Der Wind fuhr herein, wirbelte Rauch und angesengtes Papier und Holzstücke durcheinander und als ich es wagte, die Ofentüre wieder aufzumachen, quoll dicker schwarzer Rauch heraus. Es schien mir ganz unmöglich, bei diesem Wetter, ein Feuer in Gang zu bringen. Als ich jemanden in der Scheune nebenan hämmern hörte, ging ich hinüber, um Hilfe zu holen.

Vetter Jakob liess sofort seine Arbeit liegen und folgte mir. Die schwarze Zipfelmütze hatte er tief ins Gesicht gezogen, seine Augen tränten und Eiskristalle hingen in den Bartstoppeln. Er befreite mit ein paar Schaufelwürfen den zugeschneiten Eingang, klopfte den Schnee von den Kleidern und schlüpfte aus seinen Stiefeln. In der Küche knüllte er ein paar Blätter Zeitungspapier zusammen, zündete sie an und steckte sie in den Ofen, wo das Feuer mit lautem Blaffen den Rauch in den Kamin hinaufsog. Dann baute er vorsichtig mit wenig Papier, feinen, dünnen Ästen und ein paar Tannzapfen ein kleines Feuer, schloss die Luftklappe zur Hälfte, legte immer wieder dünnes, trockenes Holz nach, und bald knisterte und brannte ein gutes, zuverlässiges Feuer, auf das er schliesslich die Hartholzscheite schichten konnte.

«So wird das gemacht», sagte er zufrieden und sah mich mit seinen klugen, hellen Augen wie mir schien spöttisch an, «dabei hilft auch kein Frauenstimmrecht.»

«Nein, zum Heizen ist kein Stimmrecht nötig», sagte ich völlig überrumpelt und überrascht, «auch zum Mähen und Heuen nicht.»

Er kniff die Augen zusammen und ich konnte sehen, wie ihm das Blut in den Kopf stieg. Es gebe ausser Mähen und Heuen noch anderes, sagte er nach längerer Pause.

«Ausser Heizen auch.»

«Es geht nicht, wenn beide regieren, Mann und Frau.»

«Warum eigentlich regieren? Zusammenspannen, am gleichen Strick ziehen. Das geht.»

«Die Frau gehört ins Haus. Da ist ihr Platz.»

«Man kann die Zeit nicht zurückdrehen, Jakob.»

«Zurückdrehen will ich die Zeit nicht. Ich will sie so lassen, wie sie ist.»

Rotach, Walter

Ist's bei uns wirklich so schön?

Ein Sehnen nach der weiten Ferne, eine ungezügelte Reiselust lockt mich und raunt mir zu: In Paris bist du noch nie gewesen; Neapel wartet schon lange auf dich; ach, dass du einmal Ägyptens Wunder und Indiens Pracht schauen könntest! Und nun – wer hätte das gedacht! – kommt einer, der die ganze Welt gesehen hat, und spricht: Sachte, du Appenzellermannli, sieh, ich will dir den Star stechen. Merkst du wirklich nicht, dass du ja Tag für Tag mitten drin stehst im Schönsten, was die Erde bietet?

Es ist Norbert Jacques, der sich als feinsinniger Reiseschriftsteller einen Namen gemacht hat. Er plaudert in einem hübschen Wanderbüchlein, betitelt: Am Bodensee, von besonders schönen Aussichtspunkten, die in den Reisehandbüchern mit einem Sternchen ausgezeichnet sind, und behauptet dann, drei Aussichten in der Schweiz zu kennen, die diese Ehre nicht geniessen, ja im Baedecker nicht einmal erwähnt sind und die er nun einmal öffentlich preisen wolle. Und nun erzählt er:

«Ich bin über die schwarzen Berge geritten. Ich habe auf einem Hausboot die Schluchten des oberen Jangtsekiangtals besiegt und den Tibet gesehen. Ich kenne Rio de Janeiro, Hongkong und Sidney, die drei schönsten Städte der Erde. Ich war in der Serra do Mar in Brasilien, bin in Peru die Oroyabahn hinaufgefahren und habe die Anden unter dem Aconcagua durchquert. Im Innern von Sumatra habe ich das Tobameer gesehen. Meine drei schweizerischen Aussichten haben Teil an dieser Weltengrösse.»

Und dann schildert er als erste Aussicht die Stelle, wo der Zug von Bern nach Genf den Blick auf den Genfersee eröffnet. Als dritte und schönste Aussicht nennt er einen Punkt der Mittelthurgaubahn. Aber wo soll denn die zweite Stelle sein? Pass auf, Appenzeller, mit deiner in die Ferne schweifenden Begierde!

«Die zweite Stelle», so steht’s zu lesen, «liegt an der Bodensee-Toggenburgbahn. Hinter Herisau. Aus dem auf der Höhe fahrenden Zug übersieht man eine hochgebaute Weite. Berglinie um Berglinie schmilzt dahin, eine hinter die andere gestaffelt, in einer süssen, wohligen Regelmässigkeit, wie von einer göttlichen Pflugschar aus dem Mittelgebirge aufgefurcht. Wälder versinken dazwischen wie dunkle Sagen. Dörfer leuchten. Eine grosse Stadt bettet sich reich und hell hinein. Seidig gespannte Weite hält die Welt westwärts offen ins Unendliche hinein. Es ist ein Ozean des Erdbodens, der unter einem Sonnensturm mild auf einmal seine Bewegung anhält und Woge um Woge erblauend starr stehen lässt.»

Ich musste mir an den Kopf greifen. Solche Wunder sollten vor unsern Augen, daheim, ausgebreitet liegen? Dann bin ich hingegangen, um mir dieses Stück Erdenschönheit anzusehen. Und ich habe mich geschämt, dass ein Ausländer mir zuerst die Nase hat daraufstossen müssen, bis ich dessen besonderen Reiz erkannte.

Roth, Eugen

Roth, Eva

Rusch, Johann Baptist

Schläpfer, Hans

Schnyder, Rebecca C.

Schoch, Verena

Laubbläser erobern die Heuwiesen

Alle Vögel sind schon da … Sie künden zwitschernd den nahen Sommer an. Die Bauern sind kribbelig, weil das Heuen bald wieder ihren Alltag bestimmt und die Alpfahrten bevorstehen. […] Vier Schnitte pro Sommer sind auch im Appenzellerland zur Norm geworden. Traktoren, Weidemäher, Heuzettler, Ladewagen, Rundballenpressen, aber immer weniger Bauern kümmern sich ums Futter für das liebe Vieh. So kann es passieren, dass bei einer Frühlingswanderung im grünen Hügelgebiet plötzlich artfremde und ortsuntypische Wesen auftauchen. An steilen Abhängen bewegen sich saurierähnliche Gestalten mit überlangen Rüsseln. Mit Benzinmotoren wie Rucksäcke getragen, Pamir-Gehörschützern und langen Blasrohren befördern sie die Heumaden talwärts.

Ich traute meinen Augen und Ohren nicht, als ich vor kurzem in eine solche Szenerie geriet. Kein Roboter aus einem Science-Fiction-Film der siebziger Jahre – nein – eine Appenzellerbäuerin, mit einem Laubbläser bestückt. Sie arbeitete im steilen Hang ihres Heimetlis und erledigte allein und in Sturmes-eile (Laubbläser blasen mit bis zu 300 Stundenkilometern) das Bergheuen. Mein Gruss ging im Lärm des Benzinmotors unter und blieb verständlicherweise unerwidert. Ohne Laubbläser hätte das Heuen an diesem Hang viermal länger gedauert. Und die Geräusche der Rechen im dürren Heu, der leise Wind und die Stimmen der arbeitenden Menschen hätten einen Wohlklang ergeben … So träumte ich auf dieser Wegstrecke vor mich hin. Weit und breit war keine Gewitterwolke in Sicht, die Kühe weideten friedlich, und der Säntis strahlte in der Sonne. An seiner Nordwand prallte der Lärm des Laubbläsers ab und kam als ohrenbetäubendes Echo wieder zurück zum Heublätz. Eine ganz neue Art von Idylle!

Wieder zu Hause schaute ich mir die Homepage von Appenzellerland Tourismus an. Dort lässt man mich die echten Klänge Ausserrhodens hören. Vögel zwitschern, Schmetterlinge flattern animiert. Donner grollt und Regen prasselt, der Bläss bellt, Bienen summen laut, der Güggel kräht und im Bild öffnen und schliessen sich Blumen still und zeitgerafft. Dies alles umrahmt von einem «Cherli» lüpfiger Appenzellermusik. Bilder von Sennen, Schellen, glücklichen Tieren und einer intakten Natur. Das Appenzellerland als ideale Destination für Gäste aus aller Welt.

Ob Vögel, Schmetterlinge und Bienen bei solcher Hektik und solchem Lärm in der Landwirtschaft wohl in ein paar Jahren nur noch auf Homepages erscheinen? Ob die Touristen in den appenzellischen Hügeln dann vielleicht Chüelis und Heuerlis spielen können mit bunten Kühen aus Plastik und hölzernen, alten Heurechen und -gabeln, weil es dann keine Bauern mehr gibt, nur noch Landwirtschaft?

Vielleicht sollte ich mir einen Laubbläser kaufen und einfach alles, was mir nicht gefällt, mit 300 Stundenkilometern fortblasen …

Schweikert, Ruth

Schaukeln

Dass das Appenzellerland wahre Wunder wirkt, wusste ich schon als Kind, wenn die Mutter jeweils um fünfkommanullsechs Kilo leichter, beschwingt und verjüngt von ihrer dreiwöchigen Fastenkur nach Hause kam. Sie strahlte, lachte und herzte uns, als hätte sie schon in den Siebzigerjahren weise vorausschauend all das getan, was 2008 unter www.appenzell.ch den potentiellen TouristInnen nahe gelegt wird: «Beim Schneeschuhlaufen die unberührte Stille eingeatmet, in der reinen Luft, an tosenden Wasserfällen, in den bekannten Moorbädern oder den modernen Erholungslandschaften Gesundheit und Wohlbefinden gepflegt».

Dazu passt meine eigene Erinnerung an frühe Sommerferien in Heiden, die ich auf einer Schaukel verbrachte, immerzu von neuem in die Landschaft hinein fliegend; weder Süssigkeiten noch das Versprechen auf andere Vergnügungen vermochten mich davon abzubringen. Ich muss meine Mutter und meine beiden kleinen Brüder zur Verzweiflung getrieben haben. Erst als wir alle erwachsen und von zu Hause ausgeflogen waren, verstand ich, dass die Mutter nicht ins Appenzell fuhr, um schlanker und jünger zu werden, sondern dass sie sich im Gegenteil systematisch Kummerspeck auf die Hüfte lud, damit sie wenigstens einmal im Jahr für drei Wochen weg durfte. Womöglich hätte sie Paris oder Ibiza vorgezogen, aber wie hätte sie eine solche Destination vor uns rechtfertigen sollen, die weder damals noch heute als gesundheitsfördernd galt und gilt, sondern eher als Synonym gebraucht wird für Liebesabenteuer und durchtanzte Nächte? So gesehen tut es diesem Text kaum Abbruch, wenn ich jetzt gestehe, dass sich der Kummerspeck meiner Mutter nicht in der reinen Appenzeller, sondern in gewöhnlicher Thurgauer Luft auflöste, die das sagenhafte Schloss Steinegg umwehte, das ich mir, wie gesagt, nur im Appenzellerland denken konnte.

Seelig, Carl

Signer, David

Unbekannte Frau

«Als unseres Lebens Mitte ich erklommen,
Befand ich mich in einem dunklen Wald,
Da ich vom rechten Wege abgekommen.»

 

So beginnt die Göttliche Komödie, und so ergeht es auch mir. Ich habe mein Leben verpfuscht. Ich werde euch von meinem unglückseligen Schicksal erzählen, auf dass es euch eine Warnung sei.

Mein Name ist Johann Georg Honnerlag. Ich wurde 1743 im ostschweizerischen Trogen geboren, ging jedoch, kaum erwachsen, erst nach Lyon und dann nach Genua, wo man mir eine Anstellung in der italienischen Filiale der Textilhandelsfirma Gebrüder Schläpfer anbot. Mein Vater, mein Grossvater und mein Urgrossvater waren bekannte Ärzte. Mich jedoch zog es weg, sowohl weg aus meiner Heimat, wie auch weg aus der Zunft meiner Vorfahren. Vielleicht begann schon damals mein Abirren, das mich immer weiter von mir selbst wegführte. 1782 heiratete ich die bezaubernde, liebenswürdigste Anna Ursula. Ich war damals 39 Jahre alt, sie 16. Zwei Jahre später kam unsere erste Tochter zur Welt, zwei Jahre darauf die zweite. Dann gings bergab.

Wir befinden uns im Jahre 1799. Vor zwei Tagen habe ich meinen 56. Geburtstag gefeiert. Ah, wenn ich an frühere Feiern zurückdenke. Keiner der Genueser Adligen fehlte. Aber nun werde ich gemieden wie ein Aussätziger. Ich habe einen Bänkelsänger engagiert, der für gutes Geld Loblieder auf mich sang. «In der Mitte des Lebens», tremolierte er. Ha! «In der Mitte der Jauchegrube» wäre treffender gewesen. Ich neige mich dem Ende zu, so rasch wie dieses vermaledeite Jahrhundert. Und um beide ist es nicht schade.

Seit dem Ausbruch der Französischen Revolution laufen die Geschäfte schlecht. Die Firma, für die ich so lange arbeitete, wurde aufgelöst. Ich hätte nach Hause zurückkehren sollen, jeder wusste, dass die Sterne schlecht standen. Aber was sollte ich im miefigen Trogen, im imposanten Palast meines älteren Bruders? Gegen jede Vernunft entschied ich mich, in Italien zu bleiben, und die hiesige Filiale unter eigenem Namen weiterzuführen. Vor sechs Jahren kam Georg zur Welt, im zarten Alter von zwei Lenzen ging er von dannen. Im folgenden Sommer schenkte uns Gott in seinem Erbarmen noch einen Sohn, den wir – voller Verzweiflung, voller Hoffnung – abermals auf den Namen Georg tauften. Er ist jetzt drei. Ein Astrologe prophezeite uns, er werde früh sterben, aber er sagte uns nicht wann.

Und dann ist da noch Johannes. Ach, wäre er doch nie geboren! Ihm habe ich es zu verdanken, dass ich das Kainsmal auf der Stirn trage. Manchmal frage ich mich, ob ich etwas vom Blut meines Grossonkels Bartholome in mir trage. Über dieses schwarze Schaf der Familie hat man immer geschwiegen, aber jeder weiss, was für eine Art Weibsperson seine zweite Frau war. Und auch über die Existenz von Victoria ist nun ganz Genua unterrichtet, seit die Existenz von Johannes davon kündet.

Was habe ich zu meiner Entschuldigung vorzubringen? Ich war jung und einsam, als ich in den Sechzigern hierher kam. Tagsüber tat ich meine Arbeit, aber abends hatte ich keine Lust, mich weiter mit den Leuten der Schweizer Kolonie zu treffen. Da hätte ich genauso gut in Trogen bleiben können. Und so faszinierend es war, am Wochenende in den Villen und Gärten der Genueser Aristokratie ein- und auszugehen, so sehr zog ich während der Woche die dunklen Viertel am Hafen unten vor. Besonders eine Schenke hatte es mir angetan, die erst gegen Zehn öffnete, so dass man sie im Schutze der Dunkelheit besuchen konnte. Sie besass keinen Namen und auch kein Schild, das einen aussenstehenden Neugierigen hätte anlocken können. An der Theke und den Tischen flossen Chianti und Grappa in Strömen, der Boden war mit Stroh ausgelegt. In einem schummrigen Hinterzimmer spielten sich Matrosen, Söldner und lokale Hasardeure um Kopf und Kragen, in einem staubigen Kellerraum voller Spinnweben zwischen den Eichenfässern wechselten Messer, Pistolen, Spanische Fliege, Opium, andere Gifte und Geld die Besitzer. Von der Trinkhalle führte eine knarrende Holztreppe in den oberen Stock. Man konnte oben auf der Galerie am Balkon stehen und ins wilde Treiben hinunterschauen, man konnte auch rundherum gehen, all den Türen entlang, die jede in ein anderes Paradies führte. Diese Zimmer waren das Reich der «Schönen der Nacht». Aber Victoria lernte ich nicht dort oben kennen. Streng genommen lernte ich sie nicht einmal im ‹Libertà› kennen, wie das Lokal von Eingeweihten genannt wurde, sondern davor. Sie sprach mich eines Abends an, sagte, sie könne putzen, waschen, bügeln, kochen – kurz, ob ich sie als Haushälterin engagieren wolle.

Mir war bereits von meiner Firma ein Mädchen zur Verfügung gestellt worden, das mir zur Hand ging. Aber diese dunklen grossen Augen, die mich in jener nächtlichen Strasse so lange und geheimnisvoll anblickten, die langen fast schwarzen Locken, die auf ihre Schultern fielen, das leicht spöttische Lächeln ihrer vollen Lippen – ich lud sie ein, am nächsten Vormittag, einem Samstag, bei mir vorbeizukommen.

Als sie dann an meine Türe klopfte, ich glaube, mein Herz klopfte fast ebenso laut, bevor ich öffnete.

«Ich habe mich gar nicht vorgestellt gestern», sagte sie entschuldigend. «Ich heisse Victoria.»

Ja, der Sieg war ihr gewiss. Am Abend zuvor hatte ich sie im Mondschein für eine Süditalienerin gehalten. Nun, im morgendlichen Glanz der Sonne auf ihren Wangen, bemerkte ich ihren Caramel-Teint. Ob sie wohl aus Nordafrika stammte?

Bei einem Tee im Salon erzählte sie mir ihre Geschichte. Sie kam aus Saint Domingue und entstammte einer Mesalliance zwischen einer Haitianerin und einem Sklavenhändler. Als Métissée war es ihr möglich, sich in den verschiedensten Welten der Hauptstadt Port-au-Prince zu bewegen. So lernte sie in einem spanischen Club eines Tages einen Tabakhändler kennen, der ihr versprach, sie nach Cordoba mitzunehmen.

Er hielt Wort, verliess sie allerdings, in seiner Heimat angekommen, schon nach wenigen Wochen. Sie schlug sich nach Genua durch, und hier war sie nun.

Ich war ein wenig verunsichert in ihrer Gegenwart, denn ich wusste nicht recht, ob ich sie wie ein Freudenmädchen oder eine Dame behandeln sollte. Sie hatte gepflegte Umgangsformen. Es wäre ohne weiteres möglich gewesen, dass sie mich geohrfeigt hätte, falls ich sie plötzlich heftig umarmt hätte. Denn dies ging mir unaufhörlich durch den Kopf, während wir über das Wetter und die Geschäfte parlierten. Aber vielleicht wartete sie auf nichts anderes und hiess mich insgeheim einen Feigling, da ich so zurückhaltend und scheu blieb?

Erst beim Abschied fasste ich Mut und drückte ihr einen Kuss auf ihre verführerische Wange. Und sie, sie sagte ohne Umschweife: «Ich kann deine Geliebte sein, wenn du willst. Aber du musst mir eine Wohnung zur Verfügung stellen.»

Hätte ich in jenem Moment, in jenem einzigen Moment geschwiegen – wie anders wäre mein Leben verlaufen. Jedoch ich sagte ein einziges Wort, das schlechtest mögliche. Ich sagte: «Gut» – und besiegelte damit mein Schicksal.

Anfangs besuchte ich sie jeweils am Samstagvormittag, wie beim ersten Mal. In der zarten Vormittagssonne des Mittelmeers, die durch die ausgebleichten Vorhänge fiel, liebten wir uns in den weissen Laken und dachten nicht an die Zukunft. Das Zimmer im ersten Stockwerk ging auf eine belebte Gasse hinaus, das Geschrei der Marktfrauen und der Strassenjungen drang zu uns hinauf, manchmal schaukelte uns die Geige eines Wandermusikanten in einen leichten Schlaf, bevor die Liebkoserei von Neuem begann.

Dieses Glück dauerte ein paar Jahre, bis ich von meinem Vater nach Trogen gerufen wurde. Trogen, Vater! Fast hatte ich vergessen, dass es so etwas überhaupt noch gab. Meine Familie hatte entschieden, ich sollte verheiratet werden, und sie hatten auch schon eine passende Kandidatin. Anna Ursula von Herisau war ein unschuldiges, herzensgutes Mädchen, keine Frage. Aber was hatte sie mit Genua, mit Victoria, der ‹Libertà› und meinen Fernhandelsgeschäften zu tun? Annas Vater mit dem passenden Namen Schiess war Quartierhauptmann – und was er sich nicht alles darauf einbildete! Ich hatte mich weit entfernt von meiner ‹Heimat› – meine wilde, karibische Schönheit in unserm Versteck in der Altstadt war mir näher, so viel näher als all diese braven, tüchtigen Eidgenossen.

Signer, Steff

Radio Bergwand

Dort, wo ich herkomme, aus dem tiefsten Hinterland, aus der Highmatt ganz oben hinten links, dort haben wir unser eigenes Radio! Radio Bergwand heissts, und das Motto lautet:

Für alle einen Berg
und für jeden Berg eine Wand

Und auf die Frage, wo denn dieses Radio sei, lautet die gängigste Antwort: Dai, wo de Wedegeente (Muskelkater) aafangt! Weit, weit oben. Oberhalb der Baumgrenze. Oberhalb der Schneegrenze. Oberhalb der Moralgrenze. Gesendet wird meist zu den Melkzeiten. Ein völlig freies und unabhängiges Radio. Das heisst, abhängig sind sie eigentlich schon, der Joe Manser und seine Helfer: aber nur vom Wetter! Denn gesendet wird aus einem Rucksack von zwei Freaks, die sich in den Steilwänden zwischen Äschenbogen und Wildkerchli verschanzt haben. Wurden aber auch schon an Kirchturmwänden gesichtet.

Die Leute bei Radio Bergwand – im Dialekt des Hinterlandes wirds eher wie Begwand als Bergwand ausgesprochen – sind sehr erfinderisch, und die Fantasie kennt kaum Grenzen, wenns um die Gestaltung neuer Sendungen oder Beiträge geht, ganz nach dem Credo des alten Volkliedes «Die Gedanken sind frei». Vielleicht eine Art «wertkonservatives Hippie-Dogma».

Für das eine oder das andere Ohr klingt es wohl manchmal etwas ungewohnt, wenn Radio Bergwand frisch und ungestüm loslegt und auf Sendung geht. Aber es ist immer eine erfrischende Attacke auf Hörgewohnheiten, die seit Jahren von einer kaum mehr zu überbietenden Seichtheit und Oberflächlichkeit quotennymphomaner, regionaler Privatsender oder eines DDRS 3 geprägt worden sind.

In einer Zeit, in der es cool ist, Pakistan mit dem Velo zu durchqueren oder in der Verkäuferinnen weisse Massai werden wollen, bleibt Radio Bergwand daheim und entdeckt die Geheimnisse der nächsten Umgebung. Da werden Beiträge über allerlei kurlige Leute verfasst, wird über Aussenseiter, deren Verhalten und Lebensweisheiten oder über seltene, meist längst vergessene Bräuche berichtet. Halt über die kleinen Dinge im Leben, den Charme des Alltages, der sich beim näheren Hinsehen meist grossartig manifestiert. Geschichten aus der Seelenfutterdeponie.

Fürs gute Bauchgefühl gibts die Ess- und Kochsendung Alle Dreck macht fäässt, übersetzt in die geschriebene Sprache bedeutet das «Aller Dreck macht feist» (dick). Die wöchentliche Oldiesendung trägt den Titel «Versteinerte Melodien» und erfreut sich laufend wachsender Popularität.

Im Zusammenhang mit «Versteinerte Melodien» taucht immer mal wieder das sonderliche Duo Sägerei-Buebe (Sägerei-Buben) auf, deren Oldies, die meist einer sehr fantasievollen oder eigenwilligen Renovation unterzogen werden, immer wieder gerne in den Äther der Highmatt ausgestrahlt werden.

Songs wie der alte AC/DC-Hit Highway to hell, der dann in die Kantonsschtross i d Höll verwandelt wird oder Norwegian Wood von den Beatles, das als Högge-Wald über die Jugendliebe in einem Wald nahe Highwil erzählt.

Die Sägerei-Buebe, der Ezechiel Steff Singer und der «Sändeler», umschwirren mit exotischem Instrumentarium, mit Saz, Moniphonium, Kunstbass und Heugeige, highmattliche Inhalte wie Mücken die Glühbirne. Immer nahe daran, sich vor Inbrunst zu versengen. Ihr Repertoire umfasst alte Lieder in neuem Gewand, neue Lieder aus einer alten Welt, Gesänge übers Leben und Leiden, über die Freude und Trauer auf den Spuren von Tradition und Herkunft.

Frisch von der Leber weg und frech wie ein Dachs entwirft Sägerei-Bueb Ezechiel Steff Singer so seine eigene, highmattliche Welt, fernab beschaulicher Kalenderidylle, voll von skurrilen und verdrehten Gestalten, angereichert mit starken Gefühlen und wonnigen Ausführungen in Liedern, Texten, Theäterli und Musik, und immer wieder taucht mal ein solches Traktakt oder eine trömmlige Begebenheit in Radio Bergwand auf.

Ein ganz anderes Sendegefäss, das schon fast kultig-gespaced, avantgardemässig, um es mal salopp in einer urbanen Ausdrucksweise zu beschreiben, daherkommt, nennt sich: «Tönende Hightgenossen».

Da ertönen schlicht und einfach, ohne erklärenden Kommentar, Geräusche von Leuten und aus dem Alltag. Beispielsweise das Ächzen und Stöhnen von Bäumen im Herbstwind, das langsame Handsägen von vierjährigen Buchenscheitern, das Aufbrechen von vor sich hin röstenden Marroni, das Rupfen von Hühnerfedern oder das Summen der Drahtseile von Schwebebahnen.

Richtig skurril wurde es bei der zwölfstündigen Übertragung des «Atmens eines Museumraumes mit Bildern des Künstlers Erwin Wurm».

Bodenständiger dann die Geräusche aus der Küche des Textverfassers und Denkers Peterhans Spörrler, der zehn Kilo Weisskabis hobelt, das er dann zu Sauerkraut knetet, und zwar so lange, bis der entstehende Saft das Kraut bedeckt. Das war am 20. Oktober. Zu diesem Zeitpunkt produzieren alle ihr eigenes Sauerkraut für die Chabissete, einen der wichtigen henderländischen Feiertage, der traditionell am vierten Sonntag nach Allerheiligen stattfindet.

Überhaupt sind die henderländischen Feiertage immer wieder Thema bei Radio Bergwand: der Glüewörmler (Glühwürmchentag), der Schlitteler (Schlittentag) oder der Ku’schmüsler (Kuss- und Schmustag), um einige davon zu nennen.

Es wird gemunkelt, dass die Zeitschrift Du in einer baldigen Ausgabe Radio Bergwand zum Thema haben soll. Nicht zuletzt aufgrund des nonkonformistischen Konzeptes von «Tönende Hightgenossen».

Unterhaltsam und spannend gestaltet sich die Sendung ‹Psychobeamer› oder ‹Freie Bäche›, die sich schwerpunktmässig mit etwas anders gearteten Menschen befasst. Menschen mit eigenen Ideen, solchen, die mit Visionen und kreativer Schöpfungskraft besetzt sind. Künstler, Eigenbrötler und Denker. Solchen, die sich an den moralischen Vorstellungen der Gesellschaft reiben und sich ihre eigenen Wege schaufeln, ganz unter dem Motto: Ein Bach braucht keine Verbauungen, um zu wissen, wohin er fliessen soll.

Prinzipiell wird zwischen zwei Kategorien von Leuten unterschieden:
1. die äägewillig Äägete (dt. die eigenwillig Eigenen) – solche findet man immer wieder gerne in der Highmatt – und
2. die verlädelig Verbääbelete (dt. die zum Verleiden Verhätschelten) – solche, die gerne im Dunstkreis beispielsweise der Unterhaltungsdiktatur DDRS 3 anzutreffen sind.

Davon mehr ein andermal!

Slamanig, Monika

Sonderegger, Hans Konrad

Die Landsgemeinde

Man hat es letzten Sonntag erleben können, wie stark die Tradition der Landsgemeinde bei uns verwurzelt ist. War schon von den Geschäften keines besonders zügig, um einen starken Aufmarsch zu bewirken, so tat das Wetter geradezu das Möglichste, um die Mannen vor dem Ausgehen abzuhalten. Es regnete ausgerechnet während der Verhandlungen mit einer infamen Leidenschaftlichkeit; es war kein ehrlicher grober Regen, der in währschaften Tropfen zur Erde fällt und gelegentlich innehält oder nachlässt; es war ein ganz gemeiner halbschräger Fadenregen von jener Feinheit und unermüdlichen Intensität, die schliesslich nichts mehr trocken lässt und zudem bald den ganzen Körper durchkältet. Trotzdem war der Platz besser gefüllt, als man unter solchen Umständen erwarten konnte. Es war keine grosse, wohl aber eine bewunderungswürdige Landsgemeinde, eine Landsgemeinde der Selbstzucht und des entschlossenen Widerstandes gegen den nassen Vereitlungsversuch, und wenn man sie als verbissenen Kampf zwischen dem Wettermacher Petrus und den Appenzeller Bürgern betrachtet, so hat der bärtige Himmelspförtner schmählich verspielt. Er erreichte das pure Gegenteil von einer Auflösung im Wasser; entschlossen übernahm ein jeder seinen Anteil an dieser meteorologischen Gleichheit. Der alte Landammann tropfte so gut wie der neue, die Regierungsräte tropften, der eine mehr nach hinten, der andere mehr seitlich, Ratschreiber und Weibel tropften, die Blätter der Landsgemeindebüchlein klebten zusammen, das ehrwürdige Landbuch mit der Eidesformel quoll auf und verzog sich unter dem nassen Segen, im Volke schüttete der Grosse den Inhalt seines Hutrandes in den Kragen des Kleinen: Man gab nicht nach, man stimmte, bis alles erledigt und in Ordnung war, man führte die Landsgemeinde durch, so wie es immer war und wie es Brauch und Recht ist. Das ist Disziplin; da steckt ein Wille drin, der die Bürgerpflicht unter allen Umständen erfüllen will. […]

Sonderegger, Stefan

Das Vaterunser auf appenzellisch

Es gibt keine appenzellische Bibeltradition. Sie wäre erst noch zu begründen. Warum nicht eine Bibel auf Appenzellerdeutsch schaffen? Die Mundart steht der Kirche im eigenen Land leider fern, allzu fern, glauben wir sagen zu müssen. Vielleicht war es die ehrfurchtsvolle Distanziertheit, die den Appenzeller durch Jahrhunderte davon hat Abstand nehmen lassen, seine eigene volkssprachliche Bibel zu verfassen. Aber das schönste, heiligste und in seiner Verdeutschung aus St. Gallen um 790 auch älteste deutsche Gebet, es soll auch einmal appenzellisch nachvollzogen sein. Wir wagen es um des Gebetes willen:

Vatter vo üüs ale im Himmel,
heilig seg üüs Din Name.
Dis Riich söll zo-n-üüs here choo.
Din Wile söll gelte im Himmel ond of de Welt.
Geb üüs hüt för dè Taag s Broot.
Vergeb üüs, wo mer gfäält hend,
so wie meer dene vergend, wo gegen üüs gfäält hend.
Loo üüs nüd versuecht see,
nää, lös üüs vom Bööse.
Denn Deer ghöört d Gwalt ond d Herrschaft ond
d Herrlechkeit
öber ali Zite.

Späth, Gerold

Specker, Louis

Stark, Verena

Steiner, Arthur

Sterchi, Beat

Dr Dunant

U ne angere het Dunant gheisse, Henry Dunant oder eigentlech Jean-­Henri Dunant, u dä isch ds Gänf uf d Wäut cho u mi cha äuä scho anäh, dass dä Jean-Henri Dunant es zimlech ufgschteuts Bürschteli isch gsi. Scho früech het er viu gläse u glernt, het sech interessiert für aus, wo rund um ihn ume isch passiert u wüu er sodsäge mit emene siubrige Löffu im Mu isch ufgwachse, auso Eutere het gha, wo guet hei chönne zuenim luege, het er scho mit 20 uf ere Bank gschaffet. Gly druuf isch er i d Wäut use gschickt worde, nach Afrika, nach Algerie, we mes genau nimmt. O dert hei er schnäu glernt, wie dr Haas louft u wo me öppe es Füfi chönnt drzwüsche uselüpfe. Es si aber nid nume Gschäft gsi, wo ne hei interessiert, d Lüt, d Mönsche sin ihm o am Härz gläge u er het gly mau es Buech gschribe gäge d Sklaverei, soviu i weiss. O süsch het er no meh Büecher gschribe, het Ideene gha, aber zwüschine o Päch, mängisch o Problem mit syne Fründe u Partner. Es Zytli het er sogar zimlech schmau düre müesse, wüu er o no e haube Franzos isch gsi, heig er sech ds Paris vrschteckt u me seit, er heig dert lang ke siubrige Löffu meh gseh u er heig sogar meh aus einisch unger ere Brügg gschlafe.

Won er scho chly euter isch gsi, isch er i ds Appezäuerland ga wohne, was die dert zersch hei gseit, zu däm Wäutsche, weiss me nid so rächt, Franz het dert aber sicher nid mänge chönne.

Irgendwie het er aber äuä öppis gha mit ere Catharina Schturzenegger. Er heig o öppis gha gäge d Glogge, wo ds viu u ds lut glüütet heig u me vrzeut süsch no mängs über dä Heer.

Hüt gits dert sogar es Museum, wo so heisst wien är. U we me i däm ­Museum hüt cha chrüzförmegi Guetzli-Usschtächer choufe, de het das mit dr Tatsach ds tüe, dass dä Henry Dunant o no het ghuefe ds Rote Chrüz gründe u für das het er sogar e Fridensnobuprys übercho, öppis, wo nid mänge vo sich cha bhoupte.

Steuble, Karl

Stöckli, Rainer

Stoll, Lara

Surber, Valentin

Sepp – Ossesiiter im Chrache

Hoho. Vo dene Ossesiiter, wie s ii ääne bi, ged s äbä nomme ase vil. Aber wa di andere tenkid, säb ischd mer gliich. Ond en Professor het mer ämool gsääd, dass es därig Ort, wie s Appezellerland ääne ischd, nomme vil omme hed. Joho, er hed s gsääd, dä Professor.

Da Huus doo hed en huere schöne Ofe. En aalte, aber dä tot no tiptop. Ond wenn amel e Chue chalberid, denn schloof i do obe ond mach ä Füür. Me mos guet luege, dene Tierli.

Hend er en o gsee, vorig, de Fochs dai one? Am Omeschtriele. Ond hüt Morge ischd s huere schöö gsee: sönd dai uf säb Bödeli fööf Reh choo. Äfocht schtoo plebe ond hend gfrässe. Ond d Hönd sönd doo gläge ond i han mini Ärbet gmacht. Wenn nor ii ond d Hönd doo sönd, denn chömid ali vöre. Die schmeckid s äbe, de Gschtank vo de Puure, wenn die bi de Saue ond de Chüe gsee sönd. Joho, die Reh sönd gaanz gfitzti. I tenk s all wider.

Di Gschiide hönd anders voor. Mit em Kunschtdünger ond all demm. Wenn s därig Ossesiiter, wie s ii ääne bi, nomme ged, denn vewilderet doo alls. Waldet alls zue. Im Sommer mönd er emol choo, denn ischd s no vil schönner. Denn schprüüssid all Blueme. Ond denn hed s amel öppe Lüüt, wo chömid go luege. Wel s därig Ort, wie dää ääne ischd, nomme ase vil ged.

Sutter, Julia

Kool ganz nah

Als Kind hatte er Baggerführer werden wollen, jetzt beklagten sich seine Kunden über Baustellensignalisierungen, wo offensichtlich nicht gearbeitet werde. Wie lange das Amt vorhabe, an der A1 herumzudoktern, warum man nicht endlich den Pannenstreifen freigebe. Zu Beginn hatte Kool besänftigt und erklärt, solange ein frischer Belag auskühle, könne man nicht weiterbaggern, der Pannenstreifen eigne sich nicht für die Belastung von 40-Tönnern, es werde hinter den Sichtschutzwänden sehr wohl gearbeitet, nicht alles laufe zwingend mit Getöse ab. Inzwischen war er schlauer. Gab seinen eigenen Leuten die Anweisung, das Materialdepot oder alte Belagsreste zu Bergen aufzutürmen, Abfall gut sichtbar auf dem Pannenstreifen zu platzieren, damit die Autofahrer kapierten, dass hier gekrampft wurde und keine Minute vertrödelt. Verkäufer Kool sass in seinem geräumigen Büro und verwendete den Grossteil seiner Zeit darauf, die Baustelle für alle zum unvergesslichen Erlebnis zu machen – der Einzige, der sie nicht erlebte, war Kool selber. Und Villmar, aber der vermisste den Dieselgeruch ganz sicher nicht. Wenn Villmar aufgefordert wurde, etwas zu erklären, stierte er auf seine Pläne und machte unverständliche Halbsätze, von wegen das hier sei obsolet und jenes dort werde nächstens volatil. Dem ging es nicht um die Brücke, sondern um seine sauberen Pläne. In seinem Büro brannte noch Licht. Die Pläne hingen an der Wand, Tabellen mit Spalten für Termine und mit solchen für Gelder. Villmar hatte als Bub Bürolist werden wollen. Kool sprach durch den offenen Türspalt zum Rollkragenrücken: «Bis morgen», und ging, ohne eine Antwort abzuwarten.

Drei, vier Mal im Jahr schaffte es Kool auf die Baustelle, fünf Mal, wenn es hochkam. Warnjacke und Helm lagen auf dem Beifahrersitz. Kool fuhr auf der bereits sanierten Spur Richtung Zürich. Der neue, dunkle Flüsterbelag war der reinste Genuss. Auch Luise hörte mittlerweile den Unterschied. Alles eine Frage der Übung. Kool umschloss mit einer Hand seinen goldenen Anhänger, sagte leise vor sich hin: «Keiner da, niemand verspätet, die Baracken verschlossen, heilige Barbara, Helferin in der Not, keiner ist da.» […]

Kool setzte den Blinker, bog ein zum Rastplatz Oberengstringen. Die grünen Baubaracken lagen im Dunkeln. Keiner da. Er stellte den Motor ab, blieb einen Moment sitzen. Wie erleichtert man in der Gemeinde war, dass der Schwulentreff hatte verreisen müssen, als der Rastplatz geschlossen und von den Baracken in Beschlag genommen wurde, hatte niemand offen zugegeben. Aber Kool hatte Telefonate geführt. Ob die Schwulen zurückkommen würden, lasse sich von seiner Seite her unmöglich voraussagen. Da wage er keine Prognose. Wegen der Gemeinde hätten sie den Rastplatz wohl nach Ende der Bauarbeiten nicht mehr zu öffnen brauchen. Aber Kool hatte an seine eigenen Kunden zu denken, er hatte Broschüren drucken lassen: Wir können die Fertigstellung selber kaum erwarten, wir bitten um Verständnis. Er zog die Warnjacke über, ertastete in der rechten Brusttasche einen vergessenen Bonbon, steckte ihn in den Mund und nahm die Treppe in Angriff. Oben auf der Passerelle war ein Aufrichtungsbaum ans Geländer gebunden. Villmar hatte im Büro gemeldet, wegen der Tanne mache der provisorische Übergang einen schlampigen Eindruck. Kool beugte sich über das Geländer. Näher zum Material. Die A1 lag zweigeteilt unter ihm. Reflexartig hielt er den Helm fest, als er sich tiefer hinunter neigte, den Autofahrern zu.

Unten im ungenutzten Niemandsland trennten ihn schwere Betonelemente von der Gegenfahrbahn. Von grünen Mittelstreifen war man wieder abgekommen. Mobile Leitplanken machten mehr Sinn. Kool hätte in dieser einen Nacht eine neue Spur verlegen können. Oder mindestens ein, zwei Elemente verschieben. Ihn hätte man zuletzt verdächtigt. Im Büro wusste niemand, dass er seinerzeit den Baggerführer gemacht hatte, bis heute manchmal betroffen aufwachte, weil er eben noch im Schlaf gehebelt hatte, in grosser Höhe umgeschwenkt war. Kool ging mitten auf der breiten, leeren Fahrbahn. […]

Sein Vater, der Ingenieur, hatte ihm den Baggerführer nicht etwa ausgeredet, später allerdings auch nicht den Stolz und die Genugtuung zu verbergen versucht, als Kool den Ingenieur anhängte. Ein Familienvater, der die Wahl hatte, entschied sich nicht dafür, sein Leben mit Baggern zu verbringen, auch nicht unbedingt beim Plänezeichnen.

Kool, du kannst es gut mit den Leuten. Ungewöhnlich gut für einen Ingenieur, hatte man zu ihm gesagt. Er hatte es geglaubt und war erst Bereichs- und dann Filialleiter geworden. Vor vierzig Jahren war die Brücke eröffnet worden; damals war einer der Grösste gewesen, wenn er im Brückenbau tätig war. Heute streckte Villmar die Brust raus, wenn ihm ein neues 500-Millionen-Projekt zugesprochen worden war, und der verstimmte Kollege, der nur 80 Millionen verbauen durfte, liess sich in der Mensa eine Extrakelle Sauce schöpfen.

Kool ging mit zögernden Schritten. Gemäss Vorschrift wurden zwar bei Betriebsschluss alle Baugruben abgesperrt, mit Baggern verbarrikadiert, damit kein verirrter Autofahrer aus Versehen in eine Grube raste und sich das Genick brach. Den Fuss konnte man sich auch an einer simplen Unebenheit verstauchen. Von der Gegenfahrbahn drang das Verkehrsrauschen herüber, spärlich auch das indirekte Licht der Scheinwerfer. So, wie heutzutage auf den Baustellen gestohlen wurde, nicht nur Maschinen, sondern auch Baumaterial, ja Schutt sogar, hätte man eigentlich alles anketten müssen. Kool hob ein Belagsbruchstück vom Boden, wog es in der Hand, warf es zurück auf den Haufen. Dann stiess er auf einen Stapel Wärmeteppiche, aufgeschichtet wie Brennholz. Er setzte sich auf die zusammengerollten Gummimatten, die unter seinem Gewicht leicht nachgaben, und schaltete das Telefon aus. Vielleicht konnten sie doch nach Frankreich auswandern, in den Süden. Dort wurde es auch im Winter nicht so kalt, dass man den Belag, der doch auskühlen sollte, mit einem Teppich zudecken musste. In Frankreich war es mit dem Strassenbau überhaupt eine ganz andere Sache. Da hätte man die alte Strasse alt sein lassen, ihr die Ehre nicht genommen, ihre Risse nicht ausgebessert. Man hätte neben die alte einfach eine neue Autobahn gebaut, ohne jahrelanges Bittibätti, ohne jahrelange Planerei. Villmar sagte gern: Wenn sie zu bauen beginnen, ist die Arbeit beendet. Dass er irgendwie sogar Recht hatte, ärgerte Kool am meisten. Hier gaben die Bauern keinen Quadratzentimeter freiwillig her, die wehrten sich bis aufs Blut. In Frankreich auch, aber dort konnten sie nichts ausrichten. Barbara hatte sich ebenfalls nicht zur Wehr setzen können, war aber auf der Flucht vor ihrem grausamen Vater, als die Not am grössten war, von einem Felsen verschluckt worden, war ihm wenigstens einmal entkommen, wenigstens vorläufig. Im Tunnel brachte einen der Rauch um, nicht das Feuer. Kool fingerte seine goldene Barbara unter dem Hemd hervor. Ihm war kalt. In grösster Not vom Fels verschluckt. Er nahm einen Teppich vom Stapel, rollte ihn auf, richtete ihn gerade aus. Den zweiten legte er daneben. Als dreiundfünfzig Teppiche beieinanderlagen, prüfte Kool die Unterlage, fand die Schicht zu dünn, ordnete die Teppiche neu an, nun immer zwei aufeinander, und mit dem letzten, der übrig blieb, deckte er sich selber zu.

Tanner, Ficht

Thürer, Georg

Der brave Bläss

Wer ist der bekannteste Appenzeller? Wenn man von der Landsgemeinde heimkommt, denkt man der Herr Landammann sei es. Zehntausend Mann sehen ihn und hören auf ihn. Gewiss, aber es gibt doch einen Appenzeller, den man noch weiter herum kennt. Das ist der Bläss, der Appenzeller Sennenhund. Er ist stolz darauf, ein Appenzeller zu sein. Darum trägt er sein Leben lang die Appenzeller Standesfarben Weiss und Schwarz, und wenn noch ein Streiflein Braun dazu kommt, so ist das wie ein Schimmerlein der holzbraunen Schindelhüttchen, wo er am liebsten wacht. Aber auch ennet der Grenzen, ja sogar auf Inseln im Meer ist er ein gar treuer Diener.

Davon kann ein holländischer Bürgermeister erzählen. Jonkheer A. van Citters hat in seinem Leben zwei grosse Überschwemmungen seiner Heimat erlebt. Einmal brausten Heere machtgieriger Menschen über die Niederlande hinweg, das andere Mal die Wogen des Meeres.

Als die Truppen Hitlers im Mai 1940 das friedliche Holland überrannten und dann besetzt hielten, leistete er Widerstand. Dafür bestrafte ihn der Eindringling. Der wackere Holländer wurde in ein Gefangenenlager gesteckt. War das am Ende eine Wartestätte für die Hinrichtung? Er wusste es nicht, aber er sann Tag und Nacht auf Flucht. Endlich glückte sie ihm. Wie atmete er auf, als er auf freiem Schweizerboden stand! Dort oben in Wildhaus hatte er mit seiner Familie wenige Jahre zuvor schöne Ferienwochen verbracht, und dort fand er wiederum gute Aufnahme. O du schönes Toggenburg mit den grünen Weiden, den braunen Bauernhäusern und den munter bellenden Blässlein!

Jahre gingen, Jahre kamen. Die Deutschen wichen, die Befreier nahten. Weder Hitlers Wall längs der atlantischen Küste, noch seine Truppen konnten den Einmarsch der Engländer und Amerikaner hindern. Die Niederlande waren wiederum frei, und unser Holländer konnte heimkehren. Allein, schon im nächsten Jahr war er wiederum unter den Säntisfelsen, wo einst auch seine Königin (1) gerne geweilt hatte, und als die Stunde des Scheidens kam, wollte er ein bleibendes, lebendiges Andenken an die Schweiz mitnehmen. Seine Wahl fiel auf einen Bläss aus Brülisau, und in Oberegg kaufte er noch einen dazu. Es war ein hübsches Paar, das nun im Dorfe Burgh auf der Insel Schouwen Einzug hielt. Die Leute rühmten denn auch das Hundepaar des Bürgermeisters, und als es eines Tages hiess, es sei ein ganzer Wurf junger Blässli zur Welt gekommen, fehlte es nicht an Abnehmern, denn es sprach sich bald herum, dass die Hunde aus der Schweiz nicht nur schön, sondern sehr zuverlässig seien. Mit jedem Wurf weitete sich der Kreis. Auch Bauern von andern Inseln und vom Festlande hätten fürs Leben gern einen Bläss gehabt. So spiegelte sich denn mit der Zeit da und dort ein Blässli an einem der Mündungsarme des Rheins im Wasser, das von den Bündner und Berner Firnen, aber auch vom Weissen und Blauen Schnee niederrinnt in die Sitter, mit der Thur in den Rhein kommt und am Strande des Meeres allmählich salzig wird.

Die Niederlande sagen es in ihrem Namen, dass sie tief unten liegen. Ihr höchster Berg liegt nicht einmal so hoch über dem Meere als der Gäbris über dem Trogener Landsgemeindeplatz. Ja, es gibt viele Landesteile, welche gar unter dem Meeresspiegel liegen. Dämme, die man dort Deiche nennt, halten das Meerwasser fern. So sehen manche Inseln mit ihren erhöhten Rändern aus wie riesige Teller. Auch Schouwen gehört zu diesen Inseln, wo die Bauern hinter Dämmen leben. Wehe aber, wenn diese Deiche eines Tages brechen!

Dieses Unheil widerfuhr dem holländischen Volke anfangs Februar 1953 wie noch nie seit Menschengedenken. Wild wütete der Sturm und peitschte die Wogen des Meeres. Mit unheimlicher Wucht prallte eine Springflut an die Deiche, welche solchem Angriff nicht gewachsen waren. Das Menschenwerk zerbarst und das Verhängnis nahm seinen Lauf. Das Meer flutete ins Land hinein. Bis an die Knöchel, bis zu den Knien und bald bis zum Gurt standen die Männer, die wehren wollten, im Wasser. Dann wichen sie dem brausenden Element. Der eine rannte heim, um die Kinder im obern Stock zu bergen oder gar aufs Dach zu flüchten, denn unheimlich stieg das Wasser. Ein anderer belud sein Schiff mit der notwendigsten Habe, und ein dritter watete in den Stall, um die Türen aufzusperren und das Vieh loszubinden, damit es nicht an den Ketten elendiglich umkomme. Man hörte Zurufe und Angstschreie durch die Nacht und auch bellende Hunde. So etwas hatte noch kein Appenzeller Bläss erlebt.

Das Dorf Burgh, wo unser Holländer Bürgermeister war, liegt etwas höher als die Umgebung. Darum kamen aus weiter Runde Bauern herbei, so dass das Dorf ein Zufluchtsort wurde. Auch ein Bauer aus Scharendijke war dorthin gekommen und sein Blässli hatte ihn begleitet. Wir wissen nicht, ob es im Getümmel der Nacht seine Mutter wiederum sah. Es war alles in Dunkel gehüllt und von schwerster Sorge beschattet.

Endlich graute der Morgen des 2. Februar und gab den Blick auf die wallende Wasserwüste frei. Der Bauer mit seinem Blässli machte sich auf, um zu schauen, ob noch etwas von seinem Hof und seinen Kühen übrig geblieben sei. Mühsam ritt er auf dem Damm dahin. Sein Blässli folgte ihm, bald schwimmend, bald wieder abstehend. Nichts war zu sehen. Sollte die Flut Hab und Gut samt und sonders weggeschwemmt haben? Der Bauer wagte gar nicht, den Schaden zu ermessen. Er stand still und streichelte seinen treuen Bläss, der sich das kalte Wasser aus dem Pelz schüttelte, dass es nur so stob. Lang standen die beiden auf einem Stein. Es wurde lichter und lichter. Mit einem Male bellte der Hund kurz. Unverwandt blickte er in der Richtung des Heimgutes. «Ja, dort!», sagte der Bauer. Richtig dort standen seine schweren Kühe und auch die Kühe zweier Nachbarn im tiefen Wasser. Der Bauer rief, die Kühe muhten, der Bläss aber bellte und schwamm dann flink, als wäre er ein Seehund, zu den Kühen hin. Die Freude, zu treiben, stak ihm im Blut. Daran sollte ihn auch das Wasser nicht hindern. Aber die Kühe wichen nicht vom Fleck. Wütend umkreiste sie unser Bläss, hob die Schnauze, um zu bellen, und als alles nichts helfen wollte, begann er zu beissen. Das wirkte. Nun trotteten die Kühe durch die eiskalte Flut auf den Dammweg zu. Als die erste oben stand und die nächsten sahen, dass dort das Wasser merklich niedriger war, folgten sie allmählich. Noch aber waren die Kälblein zu retten, welche wie verloren kaum noch den Kopf aus dem Wasser zu heben vermochten. Die Angst starrte ihnen aus den grossen Augen. Unser Blässli hatte sie besonders lieb. Man durfte sie nicht preisgeben. Er schwamm wie besessen hinter ihnen her. Die armen Tiere verfingen sich immer wieder in den Zaunwinkeln. Der Bläss wusste aber, wo die Lücken der überschwemmten Zäune waren. So pustete und stiess und bellte er, bis die ganze grosse Herde auf dem rettenden Damme stand. Es waren 45 Haupt Vieh, so viel als daheim im Appenzellerland in einem halben Dutzend Hämetli weiden. Aber nicht genug! Tags darauf baten andere Bauern Blässens Herrn um den Hund. Und wiederum gab dieser sein Bestes her, um noch manche Kühe zu retten.

Seither steht der Appenzeller Bläss weit und breit in hohen Ehren, und wir glauben, dass die glücklichen Besitzer von der ersten Wurst, die sie beim Zurückgehen des Wassers assen, unserm Bläss ein zünftiges Zipfeli abschnitten.

Der wackere Bürgermeister schrieb uns, er habe seinem Bläss beim nächsten Besuch in Wildhaus ein schönes Halsband gekauft. Als eines Tages gar die Königin Juliana in seine Gemeinde kam, unterliess er es nicht, ihr auch den braven Bläss aus dem Appenzellerland vorzustellen.

1 Königin Wilhelmina und Prinzessin Juliana von Holland machten 1934 und 1935 Winterferien in Unterwasser. (Red.)

Die Rosenkanzel

Es war in der alten Zeit, die man gerne die gute nennt, als die Höfe auf den erwähnten Anhöhen zwei sehr ungleich gearteten Bauern gehörten. Auf der Lindenegg, welche die Milch in die nahe Stadt lieferte, lebte ein fünfundzwanzigjähriger Bursche, der drei Kühlein und zwei Geissen hatte; die Eltern waren gestorben, ehe er zum ersten Male an die Landsgemeinde ging, und die beiden ältern Schwestern hatten bei der Heirat einen Teil der Viehhabe als Aussteuer mitgenommen und dem Bruder gesagt, er möge sich eben umtun, dass seine Braut dereinst auch ein paar Haupt Vieh in die Ehe bringe. Es war nun nicht gerade ein armes Mädchen, dem Johannes Tanner in Liebe nachsann und nach deren Anwesen, dem Sonnensteig, er immer wieder hinüberblickte; aber gerade die Hablichkeit ihres Vaters Bartholomäus Zeller liess Johannes die hübsche Lisette unerreichbar erscheinen. Er hatte sie an einem froh durchsungenen Tage kennen gelernt. Eine Schar junger Leute war zu Pfingsten von einem Ausflug heimgekehrt und dabei in einem Tobel von einem Gewitter überrascht worden. Man suchte unter einer gedeckten Holzbrücke Schutz vor dem Regen und sang dabei Lied um Lied. Da stellte sich heraus, dass die Stimmen von Johannes und Lisette gar gut zusammenpassten, und niemand wunderte sich, dass der gute Jodler das Mädchen auf den Sonnensteig heimbegleitete – das schien jedermann vielmehr der natürliche Ausklang des Tages zu sein, und die beiden hätten ihn recht gern in den Auftakt eines weitern Zusammenstimmens verwandelt. Jedenfalls holte Johannes Lisette am nächsten Jahrmarkt zum Tanze ab. Statt eines guten Vaterwortes rief ihnen aber der alte Bartholomäus nach: «Für einmal mags hingehen. In Zukunft aber holt mir meine Lisette nur einer ab, der so viel Kühe im Stalle besitzt, als die Woche Tage hat.» Da fiel unserm Johannes die Armut zum ersten Male schwer aufs Herz. Auf dem Heimweg aber kam ihm in den Sinn, dass seine Mutter ihm oft gesagt hatte: «Das Beste, was du hast, ist, dass der Baumeister Grubenmann dein Götti ist. Das ist mehr wert als Geld und Gut.» Dieses Wortes eingedenk, schlug er den Weg zu seinem Paten ein. Baumeister Johannes Ulrich Grubenmann bewohnte damals im Dorfe Teufen ein neues Haus, das er sich oberhalb der ebenfalls von ihm erbauten Kirche aufgerichtet hatte. Er stand am Brunnen, der in eine Mauernische eingelassen war, um die er schöne Rosen zog, die er nun liebevoll aufband. Der Spätsommerwind umspielte das dünngewordene Silberhaar, das wie ein Kränzlein das bedeutende Haupt umgab. Als Johannes das Gartentor öffnete, wusch er sich die Hände. «Was gibt’s Neues?» fragte er. – «Nicht eben viel.» – «Hast du Bericht von deinen Schwestern?» – «Ja, beide sind glücklich dran.» – Der Baumeister trocknete die Hände an seiner Gartenschürze. «Und haben deine Schwestern auch guten Bericht von ihrem Bruder?» – «Ich mag mich ihnen nicht anvertrauen.» – «Aha, da denkst du, der Baumeister Grubenmann, der schon so manches Tobel überbrückt hat, könnte auch dir ein Brücklein zum Schatz schlagen. Kommst du deswegen zu deinem Götti?» – Johannes nickte. «Unter einem deiner Firste hat’s begonnen. Im letzten Sommer mussten wir einmal bei einem Ausflug in der Hüslibrugg dort hinten im Tobelgrund unterstehen. Es waren mehr als zwei Dutzend Leute, aber ich sah nur jemand, die Lisette vom Sonnensteig.» – «Oha, die hat einen bärbeissigen Vater! Und seit der Barthli Witwer geworden ist, wird’s noch schlimmer von Jahr zu Jahr.» – «Kennst du ihn seit langem?» – «Wir gingen miteinander in den Unterricht.» – «Wie war er denn in jungen Jahren?» – «Eigentlich nie recht jung. Er gebärdete sich immer wie ein Mann, und sein zweites Wort war denn auch ‹Ein Mann ein Wort!›» – «Das ist geblieben bis auf den heutigen Tag, sagte mir Lisette.» – «Und wenn man ihn herumbringen möchte, so müsste es über dieses Wort geschehen», bemerkte der Baumeister sinnend. Der reife, weise Mann legte dem Jüngling die Hand auf die Schultern: «Die befestigten Stellen sind mitunter die sichersten Zugänge, und die Schwächen eines Menschen sind zumeist dort, wo er seine Stärke wähnt.» – «Das versteh ich nun wiederum nur halb», sagte Johannes, der offenbar im Gefühl hergekommen war, dass seine Liebe seine Stärke sei. Aber der Pate mass ihn mit einem untrüglichen Blick, wie er wohl Baumstämme im Walde vor dem Holzschlag für einen Brückenbau zu prüfen pflegte. «Ein Baumeister, zumal ein Brückenbauer, unternimmt kein Werk, ohne sich vorher von der Tragfähigkeit der Sache überzeugt zu haben. Auch wenn es eine Herzenssache ist. Bist du denn sicher, dass ich dir nun nicht Hand zu einem Werke biete, dessetwegen du mich einmal verfluchst und eine unglückliche Lisette Tanner mit dir?» Johannes sah seinen Paten gross an und wollte etwas erwidern. Aber der Baumeister kam ihm zuvor: «Sag nicht ‹die oder keine!›. Das Leben ist länger als zwei Sonntagabende, und auch im Weiberwald erkennt man die Edelhölzer nicht immer auf den ersten Blick.» – «Und wenn man gar zu lange mustert, dann verpasst man vor lauter Zuwarten die Rechte.» Das hatte der Pate bei seinem letzten Besuche zu Johannes gesagt, und dieser spürte, wie wohl die Erfahrung dahinter steckte, dass der berühmte Mann in seinem bewegten Leben nicht eine ebenbürtige Begleiterin heimgeführt hatte. Der weise Meister nahm es indessen nicht übel, dass sein Patenkind das Wort so deutlich zurückgab, und abgeklärte Güte leuchtete aus seinen kleinen, aber sehr hell gebliebenen Augen, als er sagte: «Was meinen Stand angeht, so erzähl ich dir ein späteres Mal davon, vielleicht wenn ich auf der Lindenegg oben mehr als einen Zuhörer habe. Aber kehren wir zum Jungholz zurück. Ich bin der letzte, welcher dir die Lisette ausreden möchte. Sie ist die bare Mutter in Wuchs und Gang, gleich blond und doch auch dunkeläugig, grad wie sie!» – «Ich könnte für sie durchs Feuer.» – «Das ist Mitte zwanzig leichter als durch den Frost.» – «O Götti, alles tät ich für sie, wenn ich sie nur bekäme.» – «So, alles tätest du? Auch warten?» – «Und wenn ich darüber ergrauen sollte.» – «Das verlangt wiederum niemand auf Erden und wohl auch der Herrgott nicht.» – «Was verlangt man denn?» – «Das müsste man eben den Vater fragen.» – «Der will seine Tochter nicht einem armen Schlucker geben; keinem, der nicht wenigstens seine sieben Kühe hat.» – «Das ist doch schon eine Handhabe. Wie viele Kühe hast du denn? Immer noch drei?» Johannes nickte. «Was verlangt denn der alte Zeller sonst noch von einem Tochtermann?» – «Das mag der Teufel wissen.» – «Nein, wir müssen das wissen. Und wenn wir den Alten zeugenfest auf seinen Leibspruch: ‹Ein Mann ein Wort!› – festnageln können, so mag’s glücken. Jedenfalls lernen wir die Lisette bei dieser Gelegenheit noch ein wenig besser kennen, und darauf kommt ja schliesslich alles an. Man muss an sein Glück glauben und es erringen mit aller Kraft, die uns gegeben ist. Aber überstürzen dürfen wir nichts. Nächsten Monat habe ich an der Schattenhalde, dem Nachbarhofe hinter dem Hügel, zu tun. Da müssen wir Bauholz über den Sonnensteig tragen. Willst du dabei mein Handlanger sein? Der Zahltag gibt etwas an die vierte Kuh.»

Tobler-Schmid, Frieda

Tobler, Alfred

Näbes oss mine Buebejohre

Am liebschte ha-n-i Chemmifegerlis ond Pfärerlis gmachet ond e so hee ond doo im Früelig Rosschöpf büüchlege oss de Roos usigfischet. Die seb Fischete hett mi aber chöne-n-emol tüür z stoh choo, wo-n-i s Öbergwicht öberchoo ha ond z mitte-n-i de schwarz Rosschopfpfläder ineplätschet bi. I hamm mi aber graad no am ene Tüüchl häbe chöne. Gliich ha-n-i scho schlocke-n-ond godere müese, wie sebmool im Bommstammbronnetroog inne, ond dere gschlifrege, hääle Rosschöpf ha-n-i au scho menge donne gkaa. Bbröölet ha-n-i scho, as eb me mi rasiere wött. D Noochberslüüt ond d Muetter hemm mi usizoge. Im tunkle Schuelhuus-Chäär onne ha-n-i doo chöne noiteenke, wie ’s mr onder dene Rosschöpf no hett chöne goh. Sederther ha-n-i d Rosschöpf nomme meh möge-n-aaluege ond hett au omm kä Geld meh gad en äänzege meh möge-n-abischlocke.

Zom Chemmifegerlismache ha-n-i e chliises Lääterli gkaa, wo-n-i ha chöne-n-a d Bömm aalehne ond denn ufichresle, as eb i wött gi Chemmifege. Ond so ha-n-i ebe-n-au emool wöle en rechte Chemmifeger see mit eme schwarze Gsicht ond eme schwarze Hääss. So ha-n-i denn ebe s Gsicht an ere Pfanne-n-omme grebe ond d Hend au, ond i Vattesch ond Muettesch Chammer ha-n-i Vattesch Soontihääss gholet ond aagläät. D Hosestööss ond d Rockeermel ha-n-i müese wiit ufi ond hendere wägele ond omm e Buuch aabönde, ond Vattesch Cherche-n-ond Landsgmäändhuet ischt mr öber de Chopf abigstropft. Do ha-n-e ge halt mit Lompe-n-uusgstopft, bis ’r mr e so truurege Zügs off m Chopf obe gsesse-n-ischt; aber i ha de Chopf fascht nüd bewege tööre, sös ischt de Cherchehuet äämol öbers ander am Bode-n-onne glege! Jää – uusgseä hed de Cherchehuet efange, as eb de Vatter eerscht mööndris mit m vo de Landsgmäänd hää choo wäär. Wo-n-i zoberscht off m Bomm obe gsee bi ond aafange well s Chemmi im Tolder obe botze, keit mr de Cherchehuet dör all Äscht döre wider off de Bode-n-abi. ’s hed ase loschtig ghöhlelet vo ämm Ascht zom andere, bis er donne gsee ischt. Off äämol fangt ’s mr aa z fööche ond hebe mi am Bomm, wie e Chatz, wo en Hond off n Bomm ufitrebe hed, ond fange-n-ebe-n-au richti wider aa z brööle. Alls ischt derthergsprunge. «Luegid, luegid, dei obe! ’s Schuelmääschters Büebli i Vattesch Soontihääss! Er gsied graad uus wie e lebtegi Vogelschüüchi off ere Storetrocke!» De Vatter holt mi ase zornige Zügs vom Bomm obe-n-abe. Sini Soontihose ond de Rock sönd volle Mose gsee ond veschreenzt, ond de Cherchehuet hed Böck öberchoo ond hed au nomme e Gattig gmachet, as eb de Vatter no hett chöne mit m as Nachtmohl oder gi Hondwil ond Troge. Womm mr mitenand abichöönd ond so hend is all Lüüt ond Schüeler uusglachet ond is noegrüeft: «Chemmifeger!» De Vatter ischt halt ebe-n-au gaanz schwarz woorde-n-an Hände ond im Gsicht, ond i ha selb au recht schuuli müese lache, so gnoot iige-n-aagluegt ha. De Vatter hed mi doo mit de schwarze Hände-n-ase-n-oogwäschne verchlopfet, ond sed doo ha-n-i s Chemmifegerlääterli niene meh gseä.

Am e-n-andere Mool ha-n-i Pfärerlis gmachet. Mer hend e toots Vögeli fonde ond hend ’s i-n-e läärs Zigaarechischtli ine tue ond ’m e-n-oordelis Liichgängli gmachet. I ha-n-’m d Abdanki gkaa ond zletscht hemm mr ’s i-n-e grosses, ronds Loch inetue. Do ha-n-i as Pfarer de Buebe-n-aaggee, im sebe grosse Loch sei e oomaanzig groossi Schlang. Sü hend ’s stiif ond fescht gglobt ond sönd devogsprunge wie de Blitz. Doo hed ’s mr selber au aafange föörche ond springe-n-au devoo ond ha ’s selber au gglobt ond ha-n-au nie meh tööre-n-am sebe Vogelcherchhöfli vorbei.

Wie ischt daas amml e Freud gsee, wenn s Chrischtchindli a de Wienacht choo ischt! Scho langisziit eb ’s choo ischt, hed mr aade d Muetter grossi Fuesstrett im Schnee inne zääget und gsääd, das sejid em Chrischtchindli sini Trett, wenn ’s amml zue-n-ere chömm gi frooge, was i machi ond eb i au braav sei ond folgi. Denn ha-n-i amml Vattesch Stifel aagläät oder besser, i bi dree inegstande ond ha s’ a dene Zogbendeli obe ghäbet, das i nüd usistropfi. Si sömm mr fascht bis in Buuch ui ggange. Ond denn bi-n-i au i dene Chrischtchindlifuesstrette inne glaufe ond hamm mi schuuli gmäänt ond de Muetter gsääd, i globi all, de Vatter ond s Chrischtchindli hejid de gliich Schuemacher. Denn hed s’ aade gkiibet mit mr. No – so hed denn ebe s Chrischtchindli e so 8 bis 14 Tag vor Wienachte all Oobet näbes im ene Schächteli bbrocht, Bummbumm, Leckerli ond Biberli, Noss ond tüer Bere ond e Briefli dezue gläät, ond will i no nüd ha chöne lese so hed mr ’s denn d Muetter amml vorglese ond denn au wider em Chrischtchindli gantwortet. Wenn amml ’s Chrischtchindli d Sach z Nacht bbrocht hed, ha-n-i mi recht schuuli gfööcht. I hett omm känn Briis me tööre zor Stobe-n-uus, ond sogäär d Bääner ha-n-i vor Forcht off de Bank ufizoge ond bi droff gsesse, als eb me Gspönschtergschichte verzelle wöör. I hamm mr au gfööcht i mimm Bettli inne u schloofe, ond denn hemm mi de Vatter oder d Muetter is Bett gnoh. ’s Chrischtchindli aber ond die Chnotterete isch mr denn im Schloof ase im Chopf ommegfahre, das ’s mr all devo trommt hed, ond denn bi-n-i mit de-n-Aarme-n-ond Bääne ommenandgfahre wie tuusi bsesse. I wäässe gad no, das Vatter ond Muetter währed dere Zit äämol öbers ää öber Buuchweh gklagt hend. Vo der Zit aa ischt denn de friili s Chrischtchindli nomme choo gi boldere-n-ond gspööschte. Zor Wienacht ha-n-i aade Schössle volle Noss ond tüer Bere-n-öberchoo ond schöni, groossi rooti Öpfel ond tüeri Chriesi ond Zwetschge. Au Leckerli ond Biberli mit goldige Viereggli droff, ond emool ha-n-i au en Biberzeeltehuet öberchoo, grad en asslege, wie de Napoleoo der Eerscht amml treit hed, wenn ’r de Bööse gkaa hed. Gad ischt minn e betzeli chlinner gsee ond schönner ond a beide Spitze ond off em Gopf i de Mitti vergoldet. Vor mr s Chrischtchindli amml d Sache broocht hed, sönd d Muetter ond ii vor d Stobetör kneuet ond hend mitenand gsunge: «Stille Nacht, heilige Nacht», wo mi scho as e fööfjöhrigs Büebli glehrt hed singe. Denn ha-n-i müese-n in-e-n-anderi Chammer, ond wenn i mi Sach gkaa ha, ha-n-i em Chrischtchindli zom Abschid no müese singe: «Mit dem Pfeil, dem Bogen, durch Gebirg und Tal, kommt der Schütz gezogen früh im Morgenstrahl.»

Tobler, Ernst

Tralci, Lisa

Das braune Zimmer

Am ersten Tag des neuen Jahres den Götti besuchen. An der Vaterhand durch den dunklen Gang. Durch Schweinestall und Sonntagsbraten in die Stube mit den abgewetzten Polsterstühlen. Beromünster im Ohr. An der Wand Jesus mit offenem Herzen. Bloss nicht auf den Stuhl sitzen, denkt das Kind. Und die Kissen auf dem Polsterstuhl nicht berühren! Es klettert auf die Holzbank vor dem grünen Kachelofen.

Der Götti ist gross. Brillantinehaar klebt am Kopf. Über seinem Bauch spannt die braune Weste. Hosenträger halten die filzbraunen Hosen. Die Haushälterin weissgeschürzt. Haus- und Herhälterin hört das Kind die Eltern manchmal sagen. Ihre Brillengläser sind dick. Gesicht und Hals voller roter Flecken. Ihre Schürze hat gestärkte Volants. Ihr Haar ist strähnig. Grau und dünn. Im Nacken zu einem Knoten zusammengesteckt. Mit braunen Haarnadeln. Über dem Knoten ein Netz.

Auf der breitbeinigen Kommode liegt das Geschenk. Ein brauner Appenzeller Biber. Und ein Fünfliber. Unter Klebeband auf dem Bär.

– Iss, Kind! Auf einem Teller liegen Biskuits. Mürbe Häufchen. Ranzig. Das Kind schiebt die Masse im Mund von rechts nach links. Von links nach vorn. Die Männer reden. Von Milchleistung und Schwingfesten. Von den Gemeinderatswahlen.

– Nimm, Kind! Brei im Mund. Schlucken. Nicht atmen! Noch einmal schlucken. Im Mund bleiben Krümel.

– So nimm doch! Kinder mögen Süsses! Nein, danke. Und das Zeugnis? Das Kind zuckt zusammen. Der Götti will keine Antwort. Hauptsache, du hilfst schön! Das Kind verzieht den Mund.

Unbewohnt

Die Frau legt ihren Körper beiseite.
Der Mann riecht nach faulem Wasser.
Morgen wird sie ihre Mutter besuchen. Stumm an
ihrem Bett sitzen. Zwei lange Stunden.
Der Mann liegt auf ihrem Körper. Atmet schwer.
Seine Hände an ihren Brüsten. An den Schenkeln.
Die Mutter wird künstlich ernährt. Sie hat sich gegen
die Sonde gewehrt. Die Hände liegen jetzt in Gurten.
Die Frau sieht das gerötete Gesicht des Mannes.
Ihre Mutter hat ein starkes Herz, hat der Arzt gesagt.
Und ihr dabei nicht in die Augen gesehen.
An der Lampe verbrennt ein Nachtfalter die Flügel.
Die Frau sieht ihm zu. In ihrem Körper der Mann.
Später duscht sie lange. Die kleinen Brandwunden
am linken Innenarm bestreicht sie mit Abdeckcrème.

Vetsch, Jakob

Leiden und Freuden eines wandernden Mundartforschers

Dem bescheidenen Studenten, der in nichts weniger als bescheidener Weise sich aus einem appenzellischen ‹Schuellehrersbueb› entwickelt hatte, wurde vor etwa fünfzehn Jahren nahegelegt, dass es ihm ganz wesentlich zum Ruhme und der Wissenschaft zum Wohle gereiche, wenn er die Mundarten seines Ländchens für alle Zeiten verewige. Man darf schon die Mehrzahl brauchen, denn das lnnerrhodische und das Kurzenbergische unterscheiden sich stark vom übrigen Ausserrhodischen, und deutliche Unterschiede finden sich im ganzen Appenzellerland von Gemeinde zu Gemeinde. So bedurfte es monatelanger Wanderungen, um all die feinen Abweichungen in der Aussprache der Wörter und jedes einzelnen Lautes zu erforschen und den genauen Verlauf der Grenzlinien für all die vielen Unterschiede festzustellen.

Bei meinen ersten Aufnahmen in Ausserrhoden wurde mir vielbedeutend gesagt, ich solle nur warten, bis ich ins Innerrhodische komme, dort werde ich immer zuerst der Frage begegnen: «Wemm bischt?! Hescht Göld im Sack?!» Galt es doch, sich immer an die urchigsten Leute zu wenden, die seit Generationen am Orte ansässig waren und nicht durch Schulung und Reisen die Eigenart und Reinheit ihrer Mundart verloren hatten. Ich muss aber sagen, dass nachher die ‹Innerröödler› viel grössere Freude an mir hatten, als die ‹Osserröödler›, und ich daher auch an ihnen. Die richtigen Personen aufzufinden, war gar nicht überall so leicht; in Ausserrhoden wohnen nur etwa der vierte Teil sämtlicher Einwohner am Orte, wo sie geboren wurden, und sind auch Bürger dieser Gemeinde. Und noch schwieriger war es oft, mit den Leuten in die richtige Fühlung zu kommen. Da ich stets ein Köfferchen bei mir trug und eine Mappe unter dem Arm, meinten sie immer zuerst, es komme ein Geschäftsreisender. Einmal rief mir eine Frau hinter der verschlossenen Haustüre, die ein vergittertes Glasfenster hatte, die längste Zeit zu: «I bruuche nütz! I bruuche nütz!» Ein Bauer gestand mir nachher, er sei letzthin von einem Weinreisenden betrogen worden, und darum sei er jetzt so misstrauisch. In Innerrhoden hat gewiss mancher Bauer bei meinem Kommen gedacht, das sei natürlich auch wieder einer von den unappetitlichen «Herren», «wo de Schnoder in ’n Sack neend» (d. h. ein Taschentuch benutzen). Dafür war dann aber nachher auch die Freundlichkeit um so grösser, wenn sich der Irrtum herausstellte, und ich musste um so mehr Most trinken.

Ich konnte den Bauern natürlich nicht zur Einführung in langen Sätzen von Sprachwissenschaft und dem Wert der Mundartforschung reden. Am besten ging es immer, wenn ich mich beim Pfarrer des Ortes nach den passendsten Leuten erkundigt hatte und mich dann mit den Worten einführte: «De Herr Pfarrer lood i grüetze; i bi graad binem gsee ond doo hed er gsääd, i söll gad zo eu choo!» Darauf reichte man mir jeweilen vertrauensvoll die Hand und lud mich zum Sitzen ein. Nach einigen Worten über das Wetter und einem warmen Lobspruche über irgend etwas, was in der Stube war, eröffnete ich dann mein Anliegen, dass ich wegen der ‹Puuresprooch› gekommen sei. «Ahaa, de Thialekt!» riefen dann die Leute oft, stolz, ihre Bildung zu zeigen. […]

Oft dauerte es ziemlich lange, bis die Leute begriffen, was ich wollte. Ich musste mich darauf, gefasst machen, auf meine Frage nach der Aussprache eines Wortes, ob man so oder so sage, zuerst die ausweichende Antwort zu erhalten: «Joo, wie me ’s aagwanet ischt, seit me ’s de ringscht!» oder, wie ein Kurzenberger meinte: «wie ’s amm enaard z’seged is Muul kchoond.» Manche möchten denken, dass es für das Glück der Menschheit ziemlich einerlei sei, ob man so oder anders sage, z. B. den Laut ‹e› in einem Worte geschlossener oder offener ausspreche, und rechtfertigten sich dann mit der Behauptung: «s giid vill Wörter, wo uf der Woog stoond!» oder: «Joo, das ischt jetzt wider gaanz of em Stüeli!» d.h. wird bald so und bald anders ausgesprochen. Ich durfte daher in unsichern Fällen nicht nur darauf abstellen, wie ein Wort auf meine Frage für sich allein ausgesprochen wurde, sondern musste die Leute veranlassen, das Wort in einem Satze zu brauchen, was nicht immer leicht zu erreichen war. Ein Beleg dafür, dass dem Sprechenden seine Sprechweise oft gar nicht bewusst wird, ist die entrüstete Abfuhr, welche mir eine Kurzenbergerin auf meinen Vorhalt, sie habe vorhin ‹nei› ausgesprochen und nicht ‹naa›, zuteil werden liess mit den Worten: «Nei, ’s ist nöd ase, i sägen all naa!»

Mit grammatischen Bezeichnungen wie Geschlecht, Komparativ, Mehrzahl usw. konnte ich den Leuten natürlich nicht kommen, sonst passierten einmal über das andere Sachen wie z. B., als ich zu dem eben ausgesprochenen Worte ‹Sack› fragte, wie man in der Mehrzahl sage, und zur Antwort erhielt: «Joo, me bei zwee!» In guten Treuen und im Bewusstsein, sein Bestes zu leisten, gab mir einmal einer auf meine Frage nach der ‹Mehrzahl› von ‹Sau› zur Antwort: «Sauhond». Wenn ich die Leute dadurch zur Bildung eines Komparativs bringen wollte, dass ich sagte: Wenn man z. B. von spoot sagt spööter, wie sagt man dann von dem und dem Worte, so ging ihnen gewöhnlich schnell ein Licht auf, das sie denn auch sofort leuchten liessen, indem sie selbstbewusst ausriefen: «Ahaa, d Mehrzaal!!»

Interessant war oft, wie die Leute sprachliche Eigenheiten in Worten ausdrückten. So sagte einer von dem dicken ‹l› der Hinterländer, und zwar speziell von dessen sich unangenehm bemerkbar machenden Rollen beim Konzert eines Töchterchors: «’s hett fascht en Chnopf ggee i d Zunge!»

Da sich die Zunge dabei viel stärker empor- und zurückwölbt als bei der gewöhnlichen Aussprache des ‹l›, hatte er gar nicht so unrecht. Ein anderer erzählte von drei fremden Damen, die in einer Pension zur Kur waren, sie könnten die Appenzellermundart ganz ordentlich reden, «sie könnten alles andere sprechen, aber sie können nicht d Silbe böcke», sie sagten z.B. ‹e Chuuu› statt ‹e Chue› usw. Von einem, der beim Reden auffallend stark singt und in grossen Intervallen, sagt man, «er chönn i sibe Sprooche rede», und nennt ihn ‹de Sibesprööchler›.

Viel Spass machte es den Leuten, mir sämtliche alten Ausdrücke aufzutischen, deren sie sich noch von ihren Eltern oder Grosseltern her erinnerten und die der heutigen Jugend ganz fremd sind. Manches alte ‹Herkomme› wurde von mir als Redaktor des Schweizerischen Idiotikons notiert. Andere hatten eine besondere Freude, mich auf die ‹Kraftausdrücke› der Mundart aufmerksam zu machen und sie mit Witzen und Anekdoten zu belegen. In Hundwil erzählte man mir zu dem Worte ‹Gfräässt› (das mich wegen seines angehängten ‹t› interessierte), der Sohn vom Landammann Eugster habe, als er bei seinem Onkel (damals noch Pfarrer in Hundwil) auf Besuch gewesen und ein Braten ohne Sauce auf den Tisch gekommen sei, gesagt, «da sei jetz doch au e Gfräässt!» (Ob der Braten mit oder ohne Sauce mit der verschiedenen Parteizugehörigkeit unserer beiden hochverdienten Magistraten zusammenhängt, weiss ich nicht; auf jeden Fall wusste der Knabe eine solche Parteidisziplin nicht zu würdigen.) Mit Vorliebe wurden die zahlreichen Sprüche zum besten gegeben, mit denen in den Nachbargemeinden eine auffallende Verschiedenheit in der Aussprache von Lauten verspottet wird. So rufen z. B. die übrigen Vorderländer den Kurzenbergern zu: «I der aane Khuchi khochid s Khuttle!» (während sie selbst aussprechen: «I der ääne Chochi chochid s Chottle!») Und die Bewohner des Dorfes Appenzell lachten früher die Oberdorfer (die Bewohner von Brülisau usw.) mit dem Neckvers aus: «D Obedofe sönd mid ere Daase voll Mülch in e Doobel abi dööfled!» (d.h. die Oberdorfer sind mit einer Tanse voll Milch in ein Tobel hinuntergefallen). Weil die Oberdorfer in einzelnen Fällen wirklich ein d sprachen; wo man in Appenzell ein t sagte, sind hier zum Spotte sämtliche t durch d ersetzt.

Ein gutes Mittel, um mit den Leuten vertraut zu werden, war auch, dass ich in Dorfwirtshäusern, wo viele Bauern verkehrten, übernachtete und dann am Abend beim Jassen oder ‹Pröppere› einige Male verspielte – was mich gar keine besondere Anstrengung kostete, da mich der Vater das Jassen nicht gelehrt hatte; am folgenden Tage liessen sich die Bauern dann gern von mir ausbeuten. Im Wirtshaus selbst jemand abzufragen, war mir zu gefährlich, da unter ein paar Appenzellern sich immer ein Witzbold befindet, der mit etwas zu guter Beobachtungsgabe und zu grosser Schlagfertigkeit ausgerüstet ist. So passierte es mir einmal, dass in einem Wirtshaus einem der Anwesenden die Ähnlichkeit meines Kopfes mit einer ‹Rääbe› einfiel und dies natürlich zum besten gab, als ich nach der Aussprache dieses Wortes fragte. Glücklicherweise arbeitete ich damals gerade an dem Artikel ‹Rääbe› für das Schweizerische Idiotikon; ich notierte mir daher ganz ruhig den interessanten Beleg. Ein andermal beantwortete einer am andern Tische meine Frage, ob man ausspreche: «Er hed gsäät» (oder ‹gseit›) prompt mit dem Verse: «Er het gsäät, d Nase sei z bräät!»

Dafür machte ich dann auch meine Beobachtungen an den andern und notierte mir manches Kulturbildchen. In einem Wirtshaus, wo ich bei ‹Ritzlischlinneseepehanessehambischemeedl› und bei ‹Bogglisbeepesebedoniskalönisseefe› Aufnahmen machte, sass ein ‹Politiker› am Tisch und um ihn herum eine Anzahl Bauern. (Es hätte ein schönes Gemälde gegeben.) Der «Politiker» benützte seine Kenntnis der Tatsache, dass man am Meeresufer von einem herannahenden Schiff zuerst nur die Spitze des Mastes sieht, dafür, um den Bauern zu beweisen, dass das Wasser auch aufwärts gehen könne und dass man also ganz gut den Bodensee und den Seealpsee miteinander in Verbindung setzen könnte!!

Am günstigsten traf ich es auf meiner ersten Wanderung mitten im strengsten Winter – als ich auf dem ‹Leemestääg› fast im Schnee versank. Da hatten die Bauern Zeit und waren froh über jede Abwechslung, und auch die Frauen und Mädchen hielten aus Neugierde über den seltsamen Besuch gerne im Sticken etwas inne. Während dem Abfragen aber ruhte ihre Nadel nicht, denn mit Recht heisst es: «D Fraue ond d Saue erhaltid ganz Inneroode!» (Einer sagte mir zwar: «D Saue ond s Wiibervolch!»).Von einem, der durch Schweinezucht reich geworden ist, sagt man: «Er ischt a de Saue uufgschtande.»

Häufig hatte ich Gelegenheit, in der selben Stube Grossvater oder Grossmutter, Kind und Grosskind um mich geschart zu sehen und alle drei Altersstufen nebeneinander sprechen zu hören. Oft waren es der Kinder ein halbes Dutzend und darüber, alle nur etwa ein Jahr voneinander; der Innerrhoder sagt von einem so innigen Familienleben: «Doo goot’s wie am Wasser!» Im Kau traf ich in einer Familie ein, prächtiges Bild von acht solchen Kindern, alle mit roten Backen und schönen blauen oder schwarzen Augen, die Mädchen mit den blauen Augen des Vaters, die Knaben mit den schwarzen Augen der Mutter. Mit Stolz wies mir in der ‹Sandgrueb› ein alter, intelligenter Bauer seinen Stammbaum vor, der bis zur Reformation zurückreichte; immer folgte Sohn auf Vater im Besitze des Heimwesens, und die Frauen stammten aus der nächsten Umgebung. An einigen meiner Gewährsleute in Innerrhoden ging auch noch der Wunsch des alten Sennen in Scheffels Ekkehard buchstäblich in Erfüllung, «dass der hohe Säntis, so Gott wolle, noch auf Enkel und Urenkel herabschaue, ohne dass sie wissen, wie man Griffel und Feder handhabe». Allen bin ich zu grossem Dank verpflichtet, besonders aber dem Herrn Kantonsrat ‹Bogershansuechlisfranzeseeplisjoggelisbuebli›.

Villain, Jean

Damals in Allenwinden

Nie hätte Jan sich träumen lassen, dass er einmal auf den Standort von Mülltonnen achten würde. Vorhin, zu Beginn des Dauerlaufes, hat er es getan. Sie stehen am Rand des Wendeplatzes bei der Haarnadelkurve, unweit des Tannendickichts, vor dem jeden Morgen an- und abgetreten wird und hinter dessen dichter grüner Wand nach den Mahlzeiten der Raucherklub der Mittleren tagt. Eine der Tonnen ist derart vollgestopft mit lappigen, zeichenblockgrossen Kabisblättern, dass ihr Deckel nicht mehr richtig schliesst. Jan registriert es mit Interesse. An die Tonnen heran käme man vom Steilhang her. Das fast bis zum Boden reichende Geäst der Tannen böte gute Deckung.

Ein Stück weiter, dort, wo der Zöglings-Zwanzigfüssler von Jans Frühturngruppe jeden Morgen vom geschotterten Fahrweg nach links abbiegt und in weitem Bogen an Muheims Kirschgarten vorbei zum Wäldchen federt, macht Jan die zweite wichtige Entdeckung des Tages. Am Wegrand wuchern ganze Plantagen saftiger kniehoher Kräuter mit weissen Dolden, die so aussehen, als würden Kaninchen sie mögen.

Jans Beine traben automatisch, und automatisch suchen sich seine Füsse die Stellen aus, die beim Abstoss zum nächsten Trabschritt sicheren Halt verheissen. Nichts bringt einen schneller aus dem Rhythmus als ein zu spät erkanntes Schlammloch oder ein federnder Ast.

Auch Luft hat Jan genug. Bis vier einatmen, ab fünf auspusten … sechs, sieben, acht … Ob Kaninchen Brot und Kartoffeln mögen? Zwei, drei, vier … mit Brot wäre es schwierig … sechs, sieben … was die einem neben den Frühstücksteller legen … zwei, drei, vier tüchtige Bisse, und nichts bleibt davon übrig. Dabei ist es die Tagesration. Beschiss auch bei der Butter und beim Fleisch, das ist bekannt … sechs, sieben, acht … Äpfelchen, die alte Hexe, mästet damit ihre Sippe, ist doch klar! … Zwei, drei, vier … Selbst vom Öl und von den Eiern zweigt sie in die eigene Tasche ab. Am meisten profitiert davon das Gürteltier … drei, vier … das jetzt den Zöglings-Zwanzigfüssler führt. Der ist ihr Liebling und ein ungeheurer Fresser vor dem Herrn … sieben, acht … Zum Zvieri schafft der einen Pfünder Weissbrot ganz allein und ohne was darauf. Mehr als eine ganze Ration. Aber soviel Brot … drei, vier …, dass man die Zöglinge jeden Tag bescheissen muss und für Tiere nichts mehr übrigbleibt, frisst doch selbst der nicht.

Sieben – acht oder erst sechs – sieben? Jan ist ausser Takt und ausser Puste, fällt aus dem Tritt. Seine Beine gehorchen nicht länger dem Rhythmus des Zwanzigfüsslers, suchen ihren eigenen Trott, der aber sofort zusätzlich Luft kostet und Jan zwingt, sich schleunigst auf den kürzeren Eins-zwei-drei- … vier-fünf-sechs-Rhythmus umzustellen. Anders wird er nicht durchhalten. Glücklicherweise ist man schon fast da. Nur noch der letzte kleine Anstieg bis hinauf zur Kurve. Dort sind die Atemübungen dran, danach kommt das Kommando «Abtreten!», das den Weg zu den Zimmern frei gibt.

Der Weg zu den Zimmern führt an der Baubaracke entlang. Achtlos stiebt der Trupp an ihr vorbei zur Kellertreppe und verschwindet im schwarzen Türloch. Jan streift die verwitterte Hütte mit besorgtem Blick. Um den längst fälligen neuen Karbolineum-Schutzanstrich betrogen, sind ihre Planken grau und rissig geworden und unten auch schon etwas angefault. In Ordnung ist eigentlich nur das mit schwarzer Teerpappe bezogene Dach und der mit groben Stiften von aussen zugenagelte Fensterladen aus Buchenbrettern. Wenigstens etwas! Aber noch immer weiss Jan nicht, ob Kaninchen Brot fressen, und wenn ja, wie solches zu beschaffen wäre.

Während der Freistunden am Nachmittag stellt sich heraus, dass sie Brot mögen. Das weisse Knäuel frisst fast die ganze Zuteilung. Es frisst Jan aus der Hand, was ihm die Sache leichter macht. Falls es zum Abendbrot Käse gibt, ist er angeschmiert. Dennoch lässt er das Tier so lange knabbern, bis nur noch ein bisschen Rinde übrigbleibt. An die lässt er es nicht heran. Die futtert er selber. Dabei streichelt er das Tier, spricht zu ihm, nimmt es in den Arm, drückt sein Gesicht in den weichen Pelz und ist gerührt und glücklich, weil es nichts dagegen hat. Später pirscht er zum Wäldchen hinüber. Die Stelle, wo die saftigen Kräuter wachsen, liegt günstig. Sie kann weder vom Weg noch von der Baggenstosserei eingesehen werden.

Ob zehn Stengel reichen? Nur Blätter oder auch Dolden? Die Dolden sind fast so weiss wie das Tier. Vielleicht benötigt es Weisses, um selber weiss zu bleiben?

Es macht sich nichts aus Weissem. Unlustig beschnuppert es die Gewächse und hoppelt enttäuscht davon. Vielleicht ist es noch satt vom Brot. Da Jan es jedoch nur vermuten kann, macht er sich noch einmal auf den Weg. Diesmal zu den Tonnen. Kabisblätter!

Das Kaninchen lohnt ihm die gute Absicht schlecht. Als er, die Blätter unterm Arm, zurückkommt, versucht es abzuhauen. Doch Jans Hand ist flinker, schiebt sich gerade noch im allerletzten Augenblick vor die Nase des Kaninchens und befördert es – zugegeben, ziemlich unsanft – wieder ins Hütteninnere zurück. Danach erst das grosse Erschrecken. Die Knie weich wie Pudding. Dann: Meuterei auch im Gedärm. Er muss raus und ins Gebüsch. Das darf nicht wieder vorkommen. Die Vorstellung, das Tierchen zu verlieren, ist Jan entsetzlich.

In einer Ecke liegen ausgediente Blumenkästen. Aus ihnen konstruiert er in fliegender Hast – gleich wird die verdammte Doppelglocke schellen – eine Art Gatter. Dafür, dass es binnen fünf Minuten steht, sieht es ziemlich überzeugend aus. Denkt er.

Das Kaninchen denkt anders. Kaum ist es in seine Grenzen verwiesen, setzt es sich vor Jans Augen über sie hinweg und verzieht sich hinter die Strohballen. Und natürlich schettert, genau in diesem Augenblick, die Schelle. Ihr rechthaberisches Schrillen zersägt ihn auf der Stelle in zwei Hälften. Die eine, bravere, aufs Parieren eingefuchste, liesse jetzt am liebsten alles stehen und liegen, um loszurennen, wenn auch mit Gewimmer. Doch die andere lässt sie nicht. Besteht darauf, dass jetzt das Tier den Vorrang habe. Jetzt oder nie … Erst das Kaninchengatter, dann die Disziplin. Kaninchenordnung geht vor Anstaltsordnung, wenigstens dies eine Mal. Schon morgen könnte es zu spät sein. Und dieweil die weniger brave Hälfte ohne Pause weiterräsoniert, harrt Jan aus und wuchtet wütend Bretter durch den finsteren Raum, so lange, bis die Blumenkistenbarrikade sicher scheint.

Oberster Gerichtsherr der miefdurchdrängten Unterwelt des Klassenzimmers ist Bömbeliböhm. Als Jan hereinstürzt, schaut der gelassen zur elektrischen Wanduhr, multipliziert die Fehlminuten mit fünf, verdammt den Pönitenten zur Verhundertfachung des Satzes: «Ich darf nicht zu spät zum Studium kommen» und wendet sich dann wieder seiner Zeitung zu.

Am nächsten Tag erweist es sich, dass alles für die Katz gewesen ist. Wieder begrüsst das Tier Jan dicht beim Türspalt. Aber diesmal ist Jan, der seinen Sperren selber nicht ganz traut, gewitzt und hält die Hand gleich auf Karnickelnasenhöhe. Höchste Zeit, an einen richtigen Stall zu denken!

Jan denkt tagelang an ihn. In einer Mathematikstunde strichelt er die ersten Skizzen. Die karierten Blätter seines Sudelheftes eignen sich sehr gut dazu. Barba steht vorn an der Tafel und erzählt mit vorgerecktem Bart von einem alten Griechen. Am Anfang ist es noch ganz interessant. Der Typ wühlt irgendwo an einem Inselstrand im Sand herum, wahrscheinlich hat er vorher gebadet und will sich nicht gleich wieder anziehen, wühlt also herum mit einem Stöcklein, zeichnet damit allerhand Kreise, und dabei fällt ihm plötzlich etwas ein, angeblich etwas ungeheuer Wichtiges, aber da kommen ein paar lateinische Soldaten daher und latschen ihm mitten in sein Abrakadabra hinein, der Typ wird ärgerlich und schreit die Militärköpfe an, sie sollen raus aus seinen Kreisen, die würden demnächst in das Lehrprogramm der schweizerischen Mittelschulen aufgenommen, doch die Soldaten halten offenbar nicht viel von Mittelschulen und wohl auch von diesem Typ nicht, den murksen sie kurzerhand ab, worüber sich Barba ziemlich aufregt, obwohl es doch schon lange her ist, und während er noch schimpft, kehrt Jan in der letzten Reihe wieder zu seiner Trägerkonstruktion zurück. Schön wird sie. Der ganze Stall wird schön, ein Ding mit Pfiff, und obendrauf ein kühnes Schrägdach, so!

Nur, wo wird er ihn hinbauen können? Jan hört auf zu zeichnen. Der massakrierte Typ ist abgemeldet. Das Sudelheft bleibt offen liegen. Falls Barba jetzt nach hinten käme, erginge es den Stallentwürfen kaum besser als den Kreisen jenes alten Griechen, aber Barba steht noch immer vor der Tafel und malt nun seinerseits.

Die verfluchte Bauplatzfrage! So weitläufig das baggenstossische Gelände ist, verborgene Stellen, gebüschverhangene Ecken, vor neugierigen Blicken abgeschirmte Winkel hat es nicht zu bieten. Sportgelände, Wiesen, Rosenbeete, Hinten-durch-Passage, alles grossflächig, geradlinig, überschaubar auf den ersten Blick. Das Innere der Baubaracke ausgenommen.

Und wenn er dort?

Quatsch! Die Baracke steht genau unter Äpfelchens Fenster, und Äpfelchen ist lärmempfindlich. Wenn einer nur ein bisschen hinterm Neubau johlt oder die Gummisohlen seiner Turnschuhe gegen die Kellerwand klatscht, weil das so herrlich knallt, tauchen oben schon die Schrumpelbäcklein mit der stahlgerahmten Brille auf und fangen an zu zetern. Nicht auszudenken, was geschähe, wenn erst gehämmert würde und gesägt, so richtig zünftig, wie es sich gehört bei einem Stallbau!

Vogt, Laura

So einfach war es also zu gehen

Am Elbufer ragten Kräne in den Himmel, im Schiffsrestaurant sassen Leute einzeln an befestigten Tischen, waren mit ihren Handys beschäftigt oder am Lesen. Die Hafenfähre fuhr gemächlich an. Er hatte sich in der vordersten Reihe niedergelassen, sass direkt an der Fensterfront. Schulkinder drängten sich auf die Plätze neben ihm, langsam drehte er seinen Kopf und traf auf meinen Blick. Für einen Moment stand alles still, er sog mich ein mit seinen dunklen Augen, dann wandte er sich ab. Eine Hitze durchfuhr mich. Ich atmete tief ein und aus, bevor ich wieder zu ihm schaute. Er war schon nicht mehr ganz jung, sein Profil markant, die Nase kräftig. Ruhig blickte er nun durch das wasserbesprenkelte Fenster und trommelte mit einer Hand auf den Tisch vor sich, die Finger der anderen Hand hatte er an seine Lippen gelegt, sie verdeckten halb seinen Dreitagebart. Aufrecht sass er, die schlanken Beine überkreuzt, ein durchsichtiger Vorhang zwischen ihm und der Welt. Er kratzte sich am Kinn. Noch mehr Kinder eilten zum Fenster, hintendrein schritt die Lehrerin, ein Stimmengewirr entstand, erst jetzt bemerkte ich die leichte Rötung um seine Augen. Er drehte eine Zigarette, die er sich hinters Ohr steckte, alles in einem Zug, schien mir, eine einzige Bewegung er selbst. Als die Schulklasse ausgestiegen war, setzte ich mich neben ihn.

Ich bin Helen, sagte ich.
Er lachte. Rauchst du?
Er nahm die Zigarette und hielt sie mir hin.
Bester Tabak aus den USA.

Wir begannen noch in Hamburg mit den Arabischlektionen, obwohl wir nur acht Tage Zeit hatten. Khaled bestand darauf, mich jeden Tag eine Stunde in seiner sogenannten Vatersprache zu unterrichten, als er erfuhr, dass ich Grundkenntnisse in Ägyptisch-Arabisch besass.

Yä aassal, sagte er und blätterte die vielen Papiere durch, seine Hände glänzten, als wären sie eingeölt. Ich dachte an meinen Aufenthalt in Luxor ein Jahr zuvor, an das frischgebackene Brot, das dampfend in Mahmouds Kinderhänden lag. Sobald ich anfing, mehr Khaleds Bewegungen zu folgen als seinen Worten, hielt er seine Hände zwischen uns, wie einen Spiegel.

Konzentration, sagte er mit tiefer Stimme, lachte und erklärte weiter.

Ich erlebte Hamburg völlig neu, liess mich durch Strassen und über Brücken führen; die Universität interessierte mich nicht mehr. Dort möglicherweise ein Semester zu studieren, war mein Vorwand für die Reise gewesen, und da ging ich nun, an Khaleds Seite, in der Vorahnung, still einen Punkt anpeilend, mich zu öffnen. Wir spazierten oft schweigend, erst wenn wir uns in ein Café setzten, intensivierten sich unsere Gespräche, und nur in der Oberhafenkantine hielt es uns länger. Schon früh fiel mir auf, dass Khaled wenig von sich erzählte. Oft redete er über das, was er sah, über den Ort, an dem wir uns gerade befanden.

Schauen wir uns den Oberhafen an, sagte Khaled nach dem Mittagessen.

Ein Zug donnerte vorbei, wir spazierten an den Lagerhallen vorüber. Die Fläche vor uns war seltsam leer im Gegensatz zur schon bestehenden Hafen City, und auch dieser Teil würde neu bebaut werden, ein Kreativzentrum, hatte ich gelesen.

Plötzlich drückte sich Khaled von hinten an mich, legte die Arme über meine Schultern, wir taumelten zwei, drei Schritte vorwärts. Khaleds Körper war überraschend weich, ich roch seinen herben warmen Duft.

Ich wollt, ich könnt dich hier nehmen, sagte Khaled mit kehliger Stimme.

Ich drehte mich zu ihm und schob ihm meine Zunge in den Mund. Er wandte das Gesicht ab, rollte meinen Pullover hoch und griff nach meinen Brüsten, knetete sie, ein kurzer Schmerz durchfuhr mich. Khaleds Bewegungen wurden sanfter, durch das Kleid fühlte ich seine Erregung. Mir wurde heiss, und es fiel mir schwer, das Gleichgewicht zu halten, ich umklammerte mit meinen Händen seinen Nacken, Khaled stiess seine Zunge wieder und wieder in meinen Mund, liess mich dann abrupt los.

Wir schauten uns in die Augen. Seine Gesichtszüge waren grob, das Kinn angespannt. Er streckte mir seine rechte Hand entgegen, sie zitterte, sah auf einmal sehr alt aus, hervortretende Adern überzogen den Handrücken. Langsam hob ich meine eigene Hand und berührte seine mit grosser Vorsicht, als könnte ich mich daran verbrennen. Er zog mich einige Zentimeter zu sich heran, legte einen Arm um mich.

Gehen wir zu mir, sagte ich.
Nicht jetzt, sagte Khaled. Ich komme am Abend vorbei.

Vrettàkos, Nikifóros

Walser, Martin

Walser, Robert

Aus dem Bleistiftgebiet

Wie nett und freundlich so ein Dörfchen aussieht

Wie nett und freundlich so ein Dörfchen aussieht,
dem städtelig Spazierenden erscheint es
wie ein Gedichtchen oder ein Gemälde.
Ähnlich dem Kind im Bettchen liegt das Dorf
in heimeliger Landschaft eingebettet.
Die Häuser scheinen beinah etwas wie
ein liebenswürdiges Bouquet zu bilden.
Hell glänzt der Sonnenschein auf jedem Dach,
die Bauten scheinen dem empfänglichen
Wanderer des Schmuckes eher als des
Gebrauches wegen zierlich dazustehen.
Als wenn ein Dorf aus eitel Lebensfreude
bestehe, blickt er’s an, und seine Zunge
lispelt: «Entzückend!» Kaum denkt er daran,
dass hier auch was existiert wie Arbeit,
dass Menschen hier so leicht wie anderwärts
müd’ und verdriesslich werden können, seine
spazierliche Wohlaufgelegtheit will eher
voraussetzen, so ein hübsches Dörflein
sei nicht ein ständ’ger Kampf um Mein und Dein,
und wer drin wohnte, müsste glücklich sein.

 

Das Leben auf dem Lande hat das Schöne

Das Leben auf dem Lande hat das Schöne,
dass man sich kann mit sich beschäft’gen.
Wie herrlich ist zum Beispiel der Gedanke
nur schon ganz einfach einmal an den Tod,
der keine Rolle in den städt’schen Köpfen
spielt, weil in Städten Lebenslustigkeit
von morgens früh bis abends nur noch Trumpf ist,
und unter Menschen eine ernste Miene sich
nicht schickt. Dort aber auf dem Lande kann man
gestorben sein nach Noten und Belieben,
das stört die Vöglein im Gesange nicht
und auch die Bäume nicht im grünen Prangen.
Ich ging dorthin und fand im Geh’n es reizend,
mich in die Dunkelheit hineinzudenken.
Ganz wie von selber kam mir die Idee,
es sei im Grunde ganz verständlich,
dass man nicht immerwährend leben könne.
Ewig ein Mensch zu sein, das gibt es nicht.
Nicht älter werden woll’n ist nicht Natur.
Gewissermassen mit Vergnügen legte
ich mich in’s Grab. O, auf dem Lande, im Freien
darf man das schon, weil einem niemand
das bisschen (1) Denken vom Gesicht abliest,
und Bäche, Wege, Weiden kein Interesse
haben, dass man in einem fort das Leben liebe,
von dem es sich doch erst noch fragt,
ob es sich viel aus solcher Liebe mache,
ob’s schön und stark und sinnreich sei dadurch.
Sich tot zu denken, o wie froh macht das,
wenn nur die andern weiterleben müssten,
und mich behelligte kein Wünschen mehr.

(1) «tief’re»

Der Räuber

Edith liebt ihn. Hievon nachher mehr. Vielleicht hätte sie nie zu diesem Nichtsnutz, der kein Geld besitzt, Beziehungen anbahnen sollen. Es scheint, dass sie Abgeordnetinnen, wie sollen wir sagen, Kommissärinnen nach ihm aussendet. Er hat überall so seine Freundinnen, aber es ist nichts mit ihnen, und vor allen Dingen ist wieder nichts mit diesen sozusagen berühmten hundert Franken. Einst liess er aus nichts als Nachgiebigkeit, aus Menschenfreundlichkeit hunderttausend Mark in den Händen andrer liegen. Wenn man ihn auslacht, so lacht er mit. Schon das allein könnte als recht bedenklich an ihm erscheinen. Nicht einmal einen Freund hat er. Während ‹all dieser Zeit›, die er hier unter uns zubringt, ist es ihm, zu seinem Vergnügen, nicht gelungen, sich unter der Herrenwelt Wertschätzungen zu erwerben. Ist das nicht eine der gröbsten Talentlosigkeiten, die man sich denken kann? Manchen gehen seine höflichen Manieren längst auf die ‹Nerven›. Und diese arme Edith liebt ihn, und er geht inzwischen, da es jetzt sehr warm macht, nachts noch um halb zehn Uhr baden. Meinetwegen tu er das, aber er beklage sich nicht. Unglaubliche Mühe, ihn zu bilden, hat man sich gegeben. Glaubt denn dieser Peruaner, oder was er sein will, er könne das selber? Was gibt’s? Mit solchen Wörtern wird er von Mädchen aus dem Volk angesprochen, und der Schafskopf, der er in Gottesnamen zu sein scheint, findet diese Art, ihn zu fragen, was er wünsche, entzückend. Sie behandeln ihn da und dort längst wie einen richtigen Abgetanen, und dessen erfreut er sich noch. Sie blicken ihn an, als wollten sie ausrufen: «Ist dieser Unmögliche auch schon wieder einmal zur Abwechslung da. O, wie langweilig!» Barsch angeschaut zu werden, belustigt ihn. Heute hat es ein wenig geregnet, und sie liebt ihn also. Sie hat ihn gleichsam vom ersten Augenblick an herzlich lieb gehabt, er aber hat es nicht für möglich gehalten. Und nun diese um ihn gestorbene Witwe. Wir werden zweifellos auf diese verhältnismässig gediegene Frau zurückkommen, die in einer unserer Strassen ein Geschäft besass. Unsere Stadt hat Ähnlichkeit mit einem grossen Hof, so hübsch hängen die Teile zusammen. Auch hierüber wird mehr zu reden sein. Immerhin werde ich mich kurz fassen. Seien Sie überzeugt, dass ich Ihnen lediglich Schickliches mitteile. Ich halte mich nämlich für einen vornehmen Autor, was vielleicht ganz töricht von mir ist. Vielleicht werden ja auch einige Unvornehmheiten mit einfliessen. Mit diesen hundert Franken ist es demnach also nichts. Wie man nur so prosaisch sein kann wie dieser unverbesserlich Gutgelaunte, der sich von Mädchen, die hübsche Schürzen tragen, sagen lassen muss, wenn er ihnen zu Gesicht kommt: «Auch dies noch. Das hat noch gefehlt.» Natürlich machen ihn solche Redensarten ein bisschen vor sich selber zittern, aber er vergisst immer alles. Nur ein Nichtsnutz wie er kann so viel Wichtiges, Schönes, Nutzbringendes in einem fort aus dem Kopf fortlaufen lassen. Nie bei Kasse zu sein, ist eine Nichtsnutzigkeit. Einst sass er so auf einer Bank im Wald. Wann war das? Die Frauen aus den besseren Ständen beurteilen ihn milder. Sollte das deshalb sein, weil sie Übermütigkeiten in ihm vermuten? Und dass ihm Direktoren die Hand geben. Ist das nicht sehr eigentümlich? Diesem Räuber?

Wurstigkeit, Schnuppigkeit von Fussgängern auf Strassen irritiert Automobilisten. Ich will auch rasch noch dieses sagen: Es gibt da einen Vertreter, der mir nicht gehorcht. Ich will ihn seinem trotzigen Benehmen überlassen. Ich werde ihn auf das Grossartigste vergessen. Aber es hat da ein Mittelmässiger bei Edith einen Erfolg gehabt. Er trägt jedenfalls einen jener kleidsamen Hüte, die allen ihren Trägern ein Aussehen von Zeitgemässigkeit verleihen. Auch ich bin mittelmässig und freue mich, dass ich’s bin, aber der Räuber auf der Bank im Wald war’s nicht, sonst würde er unmöglich haben vor sich hinflüstern können: «Einst sprang ich in den Strassen einer hellen Stadt als Commis und phantasierender Patriot herum. Wenn’s mir licht ums Gedächtnis herum ist, holte ich im Auftrag meiner Herrin ein Lampenglas, oder was es sonst etwa war. Ich bewachte damals einen alten Mann und erzählte einem jungen Mädchen, was ich gewesen sei, eh’ ich in seine Nähe gelangte. Nun sitze ich in einer Unbeschäftigtheit, wofür ich der Billigkeit halber das Ausland verantwortlich mache. Ich bekam im Ausland jeweilen auf das Versprechen hin, Talent zu zeigen, Monatsgelder. Anstatt dann in Kultur, Geist usw. zu machen, machte ich Jagd auf Zerstreuungen. Eines Tages setzte mich mein Gönner von der Unpassendheit in Kenntnis, die ihm darin zu schlummern schien, dass er mich auch fernerhin noch finanziell hebe. Diese Mitteilung machte mich vor Erstaunen beinah stumm. Ich setzte mich an meinen zierlichen Tisch, d. h. aufs Sofa. Meine Hausfrau fand mich weinend. ‹Sorge dich nicht›, redete sie. ‹Wenn du mich jeden Abend mit einem schönen Vortrag erfreust, will ich dich in meiner Küche kostenlos die saftigsten Koteletts braten lassen. Nicht alle Menschen sind von der Natur bestimmt, sich nützlich zu machen. Du bildest eine Ausnahme.› Diese Worte bildeten für mich eine Möglichkeit der Weiterexistenz, ohne dass ich etwas leistete. Die Eisenbahn hat mich dann hieher befördert, damit mir Ediths Gesicht fruchtbar sei. Mein Schmerz um sie gleicht einem Tragbalken, woran wieder die Lustigkeiten schaukeln.» So unterhielt er sich unter der Blätterbedachung mit sich selbst, worauf er mit einigen Sprüngen auf einen armen Säufer zueilte, der soeben seine Schnapsflasche im Rock versteckte. «Halt, du dort», rief er aus, «steh mir Rede, was du da für ein Geheimnis vor der Mitwelt verbirgst.» Der Angerufene stand still wie eine Säule, nicht ohne zu lächeln. Sie schauten einander an, worauf sich der arme Mann kopfschüttelnd weiterbegab, über den Zeitgeist allerlei leise Redensarten verlierend. Der Räuber sammelte alle diese Bemerkungen sorgfältig auf. Es war Nacht geworden, und unser Kenner der Umgebung von Pontarlier ging nach Hause, wo er sehr schläfrig ankam. Was die Stadt Pontarlier betrifft, so hatte er sie aus einem bekannten Buch kennengelernt. Es gibt dort unter anderem eine Festung, worin ein Dichter sowohl wie ein Negergeneral zeitweilig angenehm logierten. Bevor unser oft und viel Französisch Lesender sich in sein Nest oder Bett legte, sprach er: «Längst schon hätte ich jenes Armband ihr wiedererstatten sollen.» An wen er hiebei wohl dachte? Seltsames Selbstgespräch, das, auf welches wir ziemlich gewiss zurückkehren.

Im Bureau

Der Mond blickt zu uns hinein,
er sieht mich als armen Kommis
schmachten unter dem strengen Blick
meines Prinzipals.
Ich kratze verlegen am Hals.
Dauernden Lebenssonnenschein
kannte ich noch nie.
Mangel ist mein Geschick;
kratzen zu müssen am Hals
unter dem Blick des Prinzipals.

Der Mond ist die Wunde der Nacht,
Blutstropfen sind alle Sterne.
Ob ich dem blühenden Glück auch ferne,
ich bin dafür bescheiden gemacht.
Der Mond ist die Wunde der Nacht.

Wang, Sabine Wen-Ching

Äfach

Ruth rieche nach Kuh, flüsterte Kathrin. Sie beugte sich zu mir, ich neigte mich ihr zu, und sie flüsterte mir das ins Ohr. Sie lächelte dabei, als schäme sie sich dafür, als rieche sie selbst nach Kuh. Aber es war Ruth. Ich roch es nun auch. Ruth roch nach Kuh. Ich roch es, wenn Ruth sich zu mir beugte, um mir etwas zuzuflüstern.

Wir waren vierzehn, zweite Sekundarklasse. Ich sass zwischen Ruth und Kathrin. Kathrin wohnte in einem Einfamilienhaus nahe der Käserei. Ich war in einem Wohnblock zu Hause, unterhalb des Bahnhofs und der Landmaschinenfabrik. Meine Eltern pendelten jeden Tag in die Stadt. Wir waren Zugezogene, hatten Spanier, Italiener, Bähnler als Nachbarn. Ruth kam von einem Hof, der nicht abgelegen lag, aber auch nicht mittendrin. Er stand an einer Strasse, die von unserem Dorf ins nächste führte. Etwa in der Mitte zwischen Dorfrand und Wald. Man konnte ihn von der Postauto-Haltestelle aus sehen. In der letzten Kurve vor dem Wald.

Ruth rief mich eines Nachmittags an. Es war Mittwoch oder Donnerstag, im Winter. Ich war überrascht, ihre Stimme zu hören. Sie hätten ein kleines Kalb, sagte sie, oben im Stall. Ob ich mitkommen, es anschauen wolle? Weil ich Tiere doch möge, fügte sie wie zur Entschuldigung an.

Der Wagen stand auf der anderen Strassenseite. Es war schon dunkel. Im Licht, das schwach auf die Armatur fiel, konnte ich niemanden erkennen. Aber ich wusste, es war der Wagen, der auf mich wartete. Es war ein Kombi, braun. Ruth öffnete die Türe. Sie sass hinten, ihr Vater am Steuer. Als ich einstieg und grüsste, wandte er sich nur halb um. «Grüezi», sagte er. Das war alles, was er sagte. Dann startete er den Motor. Wir fuhren an der Käserei vorbei. Sie lag am Fuss der Hügel. Strohballen waren am Zaun montiert, damit die Schlittler sich die Köpfe nicht einschlugen beim Abbremsen. Jetzt war niemand mehr unterwegs. Wir fuhren in der Wagenspur hinauf. Der Schnee lag hoch, in der Mitte des Strässchens und auf den Seiten. Dort hatte der Pflug Kanten herausgeschnitten, die der Wind wieder überwehte. Die Räder spulten. Der Vater murmelte. Ruth murmelte. Ich murmelte. Er liess den Wagen ein Stück zurückgleiten. Wir holten Anlauf. Wir fuhren. Wir spulten. Wir schwiegen. Es schneite.

Der Stall, in dem sie das Vieh winterten, war in den Hang gebaut. Oben standen die Kühe, unten die Kälberboxen. Drei Kälber. Ich kraulte sie an der Stirn, sie stiessen den Kopf hoch, leckten an meinem Ärmel. Sie sahen mich dabei von schräg unten an, mit diesem Viehblick, der immer leicht verdreht wirkte. Ruth rührte Milch mit einem Pulver an. Drei Eimer voll. Zwei stellte sie zu den grossen Kälbern, den dritten gab sie mir. Er war für das kleine. Sie nannte mir keinen Namen. Es war einfach das Kalb, das Es, das Kleine. Ruth steckte einen Schlauch in den Eimer. Am anderen Ende war eine Zitze aus Gummi. Sie schob sie dem Kalb ins Maul. Ich hielt den Eimer. Es zog die Milch hoch. Wenn ihm die Zitze herausfiel, schob ich sie wieder rein.

Ruth steckte ihre Hand in sein Maul. «Mach mal, das kitzelt», sagte sie. Dann ging sie nach oben.

Das Kalb leckte an meinen Fingern. Es zog meine Hand in sein Maul, in dem es warm war, sehr warm. Sein Gaumen war rau, an meiner Handfläche kitzelte die Zunge. Seine Zähne waren noch nicht durchgebrochen, aber ich spürte, wie sie stiessen im Fleisch. Seine Muskeln schlossen sich fest um meine Hand. Es saugte. Die Muskeln gaben nach, sie schlossen sich, sie gaben nach, sie schlossen sich – immer tiefer zog es meine Hand hinein. Ich fürchtete, es könnte mich verschlucken, erst die Hand, den Arm, dann mich.

Es war still oben im Stall. Die Kühe standen in zwei Reihen. Sie frassen mit gesenkten Köpfen in den Krippen. Ihre mächtigen Rücken, die kotigen Flanken standen reglos da. Nur die Muskeln an Schultern und Hals spielten unter dem Fell. Die Schwänze hingen aufgebunden an einer Schnur. Sie bewegten sich kaum, nicht wie im Sommer, wenn sie hin- und herpeitschten, um die Fliegen zu vertreiben. Ich hörte ihre mahlenden Molare. Fladen pflatschten in die Rinne. Das Radio lief. Dampf stieg auf. Ich suchte nach Ruth. Ich fand nur den Vater. Er stand gebückt zwischen den Kühen. Ich weiss nicht mehr, was er tat, ob er molk, ob er mistete. Ich sah nicht hin. Er sah nicht auf. Ich hatte eine Scheu vor ihm. Eine Scheu vor seinem Gesicht. Ein eigentlich schönes Gesicht, aber immer in sich gekehrt, immer düster. Als berge es einen Zorn in sich, dessen Grund ausser ihm niemand kannte.

Ruth kam mit einer Schubkarre um die Ecke. Ich fragte, ob ich helfen könne. «Neinnein», sagte sie, «ich mach das schon.»

«Wer ist dafür?», fragte der Lehrer. Alle streckten auf. Alle waren dafür. Alle ausser – «Wer ist dagegen?» – Ruth. Ruth war dagegen. Ruth streckte auf. «Warum?», fragte der Lehrer. «Äfach», antwortete sie. «Jo äfach, aber warum?» Ruth zuckte mit den Schultern und schwieg. Sie war einfach dagegen. Sie konnte nicht sagen warum.

Alle, die dagegen waren, konnten nicht sagen warum. Sie sagten alle «äfach», «Seich», «da bruucht’s nöd», wischten mit der Hand durch die Luft und schwiegen. Sie schwiegen, als lohne es sich nicht, weiterzusprechen. Als würden wir sie ohnehin nicht verstehen. Als ginge es um etwas, das vielleicht etwas ganz anderes war, nicht in Worte zu fassen.
Ruth also war gegen das Frauenstimmrecht, ausserdem wollte sie Lastwagenfahrer werden.

Ich ging auf die Kantonsschule. Ich war ein Ärztekind, das zusammen mit den Lehrerkindern und Buchhalterkindern auf die Kantonsschule ging. Die andern blieben da, in der dritten Sekundarklasse. Jeden Tag radelte ich ins Nachbarsdorf. Das Velo ging immer kaputt. Meistens auf dem Schulweg. Der Reifen war platt. Die Kette fiel raus. Das Kabel riss. Das Schutzblech schepperte. Das Licht splitterte. Die Gänge spielten verrückt. Ich stürzte. Ich kam zu spät. Ich hatte schwarze Hände.

Es war still in der Werkstatt, die an meinem Schulweg lag. Die Velos standen in zwei Reihen. Ruth trug einen dunkelblauen Overall. Das mit der Lastwagenfahrer-Lehre hatte nicht geklappt, also hatte sie inzwischen hier mit Velos begonnen. Vorläufig, flüsterte sie mir zu, und Mofas seien ihr natürlich lieber. Ruth sah sich mein Velo an. Es war ein schwerer Fall. Sie wollte den Chef um Rat fragen. Der Chef stand gebückt hinter einem aufgebockten Mofa. Er hielt eine Zange in der Hand. Ruth hatte sich einen Jungston angewöhnt. Sie benutzte knappe, etwas ruppige Sätze. Er sah nicht auf, als er ihr antwortete. Auch dieses Mofa war ein schwerer Fall. Ruth sah ratlos aus. Er verrenkte sich nach einer schwer zugänglichen Stelle. Sie fragte noch einmal nach. Er reagierte nicht, so sehr bückte er sich über diesen Motor. Das Radio lief. Er seufzte. Ruth lachte. «Komm am Freitag wieder», sagte sie zu mir, «ich mach das schon.»

Wenn ich an Ruth denke, frage ich mich, ob sie es gemacht hat. Ob sie Lastwagenfahrer geworden ist. Manchmal fürchte ich, dass es diesem Traum wie dem Kalb ergangen sein könnte. Dem kleinen Kalb von damals, nach dem ich sie später einmal fragte. «Säb isch scho laang gmetzget», sagte sie, und sie sagte es eine Spur zu laut. Dann wieder stelle ich mir vor, wie sie am Steuer eines Lastwagens sitzt, hoch oben, über allen anderen Wagen. Wie sich die Strasse vor ihr ausbreitet. Wie sie fährt und fährt und fährt. Wie sie Paletten lädt, im Jungston. Im Stau steht, am Zoll. Auf Parkplätzen nächtigt. In Raststätten Kaffee holt. Was über ihrer Armatur hängt. Ob da ein Schild ist, auf dem ihr Name steht. Wie sie sich nennt. Wie sie jetzt riecht.

Ich frage mich, was sie mit dem grauen Couvert tut, wenn sie nach Hause kommt. Ob sie es mit jener Handbewegung von damals – Seich – ins Altpapier gibt. Ob sie es öffnet, die Zeilen füllt mit ihrer etwas kindlichen Schrift, mit einem Frauen-, einem Männernamen, mit irgendeiner Partei.

Ja.

Nein.

Ja.

Nein.

Ich weiss es nicht.

Ich bin mir nicht sicher.

Weigum, Walter

Werner, Willy

Wessels, Angelika

Widmer, Hans

nima

bolos entstehen nicht einfach aus irgendwelchen Nachbarschaften oder weil es praktisch ist. Das wirkliche Motiv, das die ibus veranlasst, in bolos zusammenzuleben, ist ein gemeinsames nima. Bestimmte nimas kann das ibu nur dann voll ausleben, wenn es andere ibus findet, die das gleiche haben. In einem bolo verwirklichen, ergänzen und verändern die ibus ihr gemeinsames nima. Umgekehrt können ibus, deren nima keine gesellschaftlichen Formen zulässt (Einsiedler, Vagabunden, Misanthropen, Individualanarchisten, Narren, Weise usw.) allein bleiben und in den ‹Zwischenräumen› der überall vorhandenen, aber nicht obligatorischen bolos leben.

Das nima enthält eine Lebensauffassung, die Grundstimmung, Philosophie, Interessen, Kleidung, Ernährungsweise (Kochstil), Umgangsformen, Verhältnis zwischen den Geschlechtern, zu Kindern, Wohnräumen, Gegenständen, Farben, Tieren, Bäumen, Ritualen, den Tagesablauf, Musik, Tanz, Mythologie, kurz all das, was man als ‹Tradition› oder ‹Kultur› bezeichnen könnte. Das nima definiert das Leben, so wie das ibu es sich konkret wünscht.

Die Quellen des nima sind ebenso vielfältig wie es selbst. Es können ethnische Traditionen sein (noch lebendige oder wieder entdeckte), philosophische Schulen, Sekten, geschichtliche Gemeinsamkeiten, gemeinsam erlebte Kämpfe oder Katastrophen, Mischformen oder ganz neu erfundene. Ein nima kann sehr umfassend und detailliert sein (wie bei Sekten oder Volkstraditionen) oder aber nur Teilbereiche betreffen. Es kann extrem eigenartig sein oder nur die Variante eines andern nima. Es kann sehr offen und veränderungsbereit sein oder geschlossen und konservativ. nimas können auch wie Moden durch die bolos gehen, oder sich wie Seuchen verbreiten und wieder aussterben. Sie können sanftmütig sein oder rabiat, passiv-kontemplativ oder aktiv-extravertriert. Die nimas sind der eigentliche Reichtum der bolos. (Reichtum = Vielfalt der Möglichkeiten, geistig wie materiell!)

Da alle möglichen nimas auftauchen können, ist es auch möglich, dass sich brutale, repressive, patriarchalische, stumpfsinnige, fanatische Terrorcliquen etablieren. Es gibt ja für die nimas weder humanistische noch liberale noch demokratische Gesetze oder Vorschriften und schon gar keinen Rechtsstaat, der sie durchsetzen würde. Niemand kann ein bolo daran hindern, Massenselbstmord zu begehen, an Drogenexperimenten drauf zu gehen, sich selbst in den Wahnsinn zu treiben. bolos mit einem Wikinger- oder Hunnen-nima können ganze Kontinente terrorisieren, Raubzüge veranstalten, brandschatzen: Freiheit und Abenteuer, soweit das Auge reicht.

Andererseits setzt die Logik von bolo’bolo der Möglichkeit und der Ausbreitung solcher Verhaltensweisen und Traditionen auch wieder Schranken. Plünderung und Raub haben ihre eigene Ökonomie. Es ist auch zum vorneherein absurd, Denkweisen aus der heutigen Geldwirtschaft einfach in einen andern Zusammenhang zu verpflanzen. (Damit nur schon bolo’bolo entsteht, müsste da ja einiges passiert sein.) Ein Banditen-bolo müsste relativ stark und gut organisiert sein und es braucht innere Disziplin und Unterdrückung. […]

Eroberung, Ausraubung und Unterdrückung unter Nationen entspringen nicht irgendeiner dunklen Seite der menschlichen Natur, sondern es sind Katastrophen, die entstehen, wenn Grössenverhältnisse aus dem Gleichgewicht geraten. Die bolos selbst sind gross genug, um eine gewisse Unabhängigkeit und Stärke haben zu können – das Einzel-ibu kann sich dort geborgen fühlen und kommt nicht in Versuchung, sich ‹starken Männern› oder mächtigen Organisationen anzuschliessen. Umgekehrt sind sie doch zu klein, um zu Nationen oder Staaten zu werden. Unterdrückung in ihrem Innern zahlt sich nicht aus, weil Unterdrücker und Unterdrückte sich zu nahe kommen. Sie sind wiederum unselbständig genug, um Kommunikation und Austausch zu einem Bedürfnis werden zu lassen. Und gerade diese Netzwerke planetarer Kommunikation (unterstützt durch Reisen, Telephon und einige transkontinentale Transportmittel) verunmöglichen Anonymität durch Distanz und damit den Aufbau von Feindbildern. Raub-nimas bleiben immer noch möglich, doch nur als eine Art l’art pour l’art und als Ausnahme. Die bolos müssen selbst wissen, was sie tun. Denn woher sollen wir die Weltkontrolleure nehmen, die uns vor uns selbst schützen?

In einer grösseren Stadt könnten wir also z. B. folgende bolos finden: Sym-bolo, Anti-bolo, Istan-bolo, Les-bolo, Play-bolo, Sado-bolo, Vegi-bolo, Ara-bolo, Hebro-bolo, Para-bolo, Franko-bolo, Italo-bolo, Ibero-bolo, Dia-bolo, Anglo-bolo, Bocks-bolo, Bier-bolo, Alko-bolo, Hasch-bolo, Pyramido-bolo, Konstantino-bolo, Paläo-bolo, Agro-bolo, Modul-bolo, Maso-bolo, Biblio-bolo, Medito-bolo, Bi-bolo, Tri-bolo, Poly-bolo, Mix-bolo, Parano-bolo, Tao-bolo, Disco-bolo, Nekro-bolo, Marx-bolo, High-Tech-bolo, Öko-bolo, Sozi-bolo, Sowjet-bolo, Marx-bolo, Helio-bolo, Ikaro-bolo, AIDS-bolo, Anarcho-bolo, Logo-bolo, Mago-bolo, Tara-bolo Clean-bolo, Coca-bolo, Palm-bolo, Thai-bolo, Mongolo-bolo, Olo-bolo, Anonymo-bolo, Intimo-bolo, Marl-bolo, Hyper- bolo, Medio-bolo, Bar-bolo, Wotan-bolo, Blue-bolo, Ton-bolo, Basket-bolo, Mono-bolo, Metro-bolo, Krischna-bolo, Jesu-bolo, Alp-bolo, Bala-bolo, Inka-bolo, Alemano-bolo, Frieso-bolo, Bom-bolo, Ur-bolo, Neo-bolo, Baby-bolo, Entro-bolo, Digito-bolo, Ana-bolo, Liban-bolo, Pluri-bolo, Orgo-bolo, Sparta-bolo, Thermo-bolo, Frigo-bolo, Punko-bolo, Norm-bolo, Waldmeister-bolo, Geissen-bolo, Inkommensura-bolo, Rasle-bolo usw. Daneben gäbe es natürlich auch viele völlig normale und gewöhnliche bolos, die von sich selbst nichts wissen und von denen nichts bekannt ist, weil sie nicht einmal einen Namen haben (Banal-bolos).

Die Vielfalt der Lebensweisen löst unsere heutige Massenkultur, den individualistisch verbrämten Kollektivismus unseres Alltags, die zentral gesteu­erten Moden und auch die genormten Staatssprachen auf. Jeder kann das Leben wählen, das ihm passt, verreisen, wenn er will, so viel Individualität oder Gemeinschaftlichkeit erleben, wie er für gut hält. Viele bolos hätten auch ihre eigene Sprache. Das könnte eine bestehende Sprache sein, ein Dialekt, ein besonderer Slang oder auch neu erfundene Sprachen. Damit verliert die Normsprache ihre Wirksamkeit als Herrschaftsmittel und es entstehen ‹babylonische› Verhältnisse, d. h. Unregierbarkeit durch Dysinformation. Damit aber Reisende oder sonst Leute, die mit vielen bolos verkehren, nicht ganz verloren sind, gibt es eine Art Not-Code, das asa’pili. Das asa’pili ist keine richtige Sprache, denn es besteht nur aus wenigen Wörtern (ibu, bolo, nima, asa, pili usw.) und den dazugehörigen Zeichen (für solche, die nicht reden oder schreiben wollen, können oder dürfen). Mit Hilfe des asa’pili kann sich jeder in dringenden Fällen behelfen und zu Nahrung, medizinischer Hilfe, Unterkunft usw. kommen. Und dann gibt es genug Zeit, um die örtliche Sprache in aller Ruhe zu lernen und zugleich mehr über die Gastgeber zu erfahren. Das Erlernen der ­jeweiligen Sprachen ­fördert die Kontaktaufnahme und das gegenseitige Verständnis der Kulturen. ­Warum sollte es jemand eilig haben.

Widmer, Rudolf

Widmer, Thomas

Stein AR

Die frühesten Erinnerungen sind wie Nebelfetzen. Dann die erste Geschichte, bin ich dreijährig? Ich stehe vor unserem Haus und beginne mich, indem ich eine rote Kinderschaufel mit langem Griff schwinge, um mich selber zu drehen, schneller und schneller, bis mir schwindlig wird und ich umfalle, Blut am Kopf, die Mutter klebt ein Pflaster auf. – Mit Ernst spiele ich gerne im Wald, wir sind Steinzeitmenschen mit Speeren, seine Mutter ist am Holzen, wir überfallen sie, es hagelt Tannzapfen. – Mein Bruder und ich teilen ein Zimmer, er erzählt mir nachts, dass ein entflohener Mörder aussen die Wand hinaufklettert; ich habe so fest Angst, dass ich ganz unter die Bettdecke tauche und kaum zu atmen wage. – Dem Fredi, der mich plagt, schlage ich auf dem Schulhof einen Zahn aus, am Abend klingelt es, sein Vater steht in der Tür. – Im Dorf im Lädeli von Rechsteiners duftet es nach dunkler Schoggi und frisch gemahlenem Kafi; der Beck Bischof wiederum macht einen Hefekranz, von dem ich statt eines Stücks lieber vier oder fünf ässe; auf seinen Einback häufen wir Erdbeeren oder Rhabarbermus. – Beim Schützengarten hockt draussen im Garten ein Teenager-Mädchen mit mürrischer Miene und hört Suzi Quatros 48 Crash, die Musik ist zum Fürchten wild. – Im Turnverein rennen wir durch die halbe Gemeinde, der dicke Bub bleibt zurück, ich mag den Leiter Hampi, der kein Kind tadelt oder verspottet. – An Sommersonntagen nehmen wir Brot, Würste und Mineral und steigen hinab ins Sittertobel; es riecht nach nassem Farn, es hat Sand, die Steine sind feucht, man kann ausrutschen und sich ein Bein brechen; und die Gönten sind unheimlich. – Mein Grossvater offeriert mir, als ich 13 bin, ein halbes Bier zum Probieren. Im Brunnen gegenüber dem Haus der Grosseltern am Dorfplatz, heute übrigens ein ‹Bed & Breakfast› mit Homepage, baden wir. – Das sind meine Erinnerungen, keiner wird sie vollständig teilen, jeder Steiner und jede Steinerin hat ein eigenes Stein im Kopf.

Wüthrich, Christa

Gedichte

Streit I

Worte, wie Messerstiche.

Zwischen Anschuldigung und Verzeihen
die rücksichtslose Suche nach dem
Schuldigen.

Zwischen Tränen und Kälte
der langsame Verlust des Vertrauens.

Zwischen Anfang und Ende
das Vergessen der Rücksicht.

Zwischen Liebe und Hass
die Hilflosigkeit des Andern.

Man sagt,
es käme in den besten Familien vor.
Man sagt,
es sei vielleicht normal.

Es macht hilflos und taub,
gefühllos und stumm.

 

Streit II

Sie habe nichts gesagt.
«Schnauze!»
Er solle nicht schreien.
«Was?» – «Ich?»
Sie habe genug.
«Macht nur weiter.»
Immer er.
«Lügner!»
Es sei nicht so gemeint.
«Besserwisser!»
Alles gefallen lassen müsse er sich nicht.
«Spinnst du?»
Man könne nichts dafür.
«Trottel!»
Sie sei nicht schuld.

«Ich gehe.»

Wyss-Meier, Anton Josef

Züst, Andreas

Züst, Ernst

Züst, Walter

Das Buch

Band_1

 

«Ich wäre überall und nirgends»
Appenzeller Anthologie
Literarische Texte seit 1900

Buchtermine: hier

Spricht man vom Appenzellerland, so sind Klischees fast unvermeidlich: Bläss und Kuh, Sennen und Silvesterchläuse, Streusiedlung und Alpsteinpanorama oder, für Fortgeschrittene, die frühe Industrialisierung und das harte Los der Heimarbeiterinnen. Von all dem ist in diesem Buch auch zu lesen – aber es öffnet zugleich den Blick auf weniger bekannte, die tradierten Bilder unterlaufende Appenzeller Eigenheiten.

Die hier versammelten literarischen Stimmen erinnern Kindheiten und Sterbefälle, loben alpine und gesellschaftliche Weitsicht oder kritisieren die dörfliche Enge, schildern Arbeitsalltag, Beziehungen und Persönlichkeiten; sie schreiben von zuinnerst oder kommen von weit aussen, auf Durchreise, auf der Flucht, sie gehen weg, rebellieren, spintisieren. Sie sprechen Schriftdeutsch und diverse Dialekte, erproben konventionelle und riskante Formen, treten in überraschende Dialoge über ein Jahrhundert hinweg. In zehn Kapiteln zeichnen die Texte dieser Anthologie das Bild einer so selbstbewussten wie selbstkritischen Region, in der sich Traditionen halten und erneuern, in der sich aber, nicht weniger als in den Metropolen, die Verwerfungen und Modernisierungsschübe des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts nachlesen lassen. Die Texte dieses Buchs reden von einem Appenzellerland, das am Rand der Schweiz liegt und mitten in der Welt ist und das neu zu entdecken sich lohnt.

Die Anthologie, eine Initiative der Ausserrhodischen Kulturstiftung, versammelt Texte und Wort-Bilder von gegen 200 Autorinnen, Autoren und Wortbild-Künstler. Sie ist die erste ihrer Art, mit umfassendem Blick auf das literarische Schaffen beider Appenzell von 1900 bis zur Gegenwart – und, dank Webportal www.literaturland.ch, in die Zukunft hinein.

Die Printversion der Appenzeller Anthologie ist am 24. Oktober 2016 erschienen. Nach der Buchvernissage vom 28. Oktober 2016 im Zeughaus Teufen geht die Anthologie jetzt auf Tour, Termine laufend hier.

Herausgegeben von:
Rainer Stöckli, Peter Surber,
Eva Bachmann, Heidi Eisenhut,
Doris Ueberschlag, Peter Weber

170 x 240 mm, geb., ca. 700 Seiten
Fr. 48.00
ISBN: 978-3-85882-733-3

 


 

Die Herausgeberinnen und Herausgeber

Eva Bachmann, 1968, Studium der Germanistik und Musikwissenschaft in Zürich, Literaturkritikerin und -vermittlerin, Dozentin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, lebt in St. Gallen.

Heidi Eisenhut, 1976, Studium der Allgemeinen Geschichte, Germanistik und Philosophie in Zürich, seit 2006 Leiterin der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden, Autorin kulturgeschichtlicher Publikationen, lebt in Rehetobel.

Rainer Stöckli, 1943, Studium der Germanistik, der Deutschen und Französischen Literatur in Fribourg, bis 2008 Hauptlehrer für Deutsch und das Freifach Altgriechisch an der Kantonsschule Heerbrugg, Autor einer Totentanz-Monographie, Feuilletonist und Herausgeber (u.a. der Anthologien Am Rhii, Säntis und Alpstein im Gedicht, Wir kommen nackt ins Licht, wir haben keine Wahl), lebt in Schachen bei Reute.

Peter Surber, 1957, Studium der Germanistik und Slawistik in Zürich und Zagreb, Kulturjournalist, Redaktor des Ostschweizer Kulturmagazins Saiten, Mitglied des Stiftungsrats der Ausserrhodischen Kulturstiftung, lebt in Trogen.

Doris Ueberschlag, 1951, Diplombibliothekarin EBG und HWV Luzern, Leiterin der Publikumsdienste in der Vadiana St. Gallen von 1973 bis 2001, Kantonsbibliothekarin in Appenzell Innerrhoden von 2002 bis 2015, lebt in St. Gallen.

Peter Weber, 1968, Schriftsteller, aufgewachsen in Wattwil (Toggenburg), lebt in Zürich. Längere Aufenthalte in Istanbul. 1993 erschien sein erster Roman Der Wettermacher, zuletzt Die melodielosen Jahre. Mitglied der Formation «Vier dichtende Maultrommler».

 

Impressum

REDAKTION
Eva Bachmann, Heidi Eisenhut, Rainer Stöckli,
Peter Surber, Doris Überschlag, Peter Weber

TRÄGERSCHAFT
Ausserrhodische Kulturstiftung,
Postfach, 9053 Teufen, Schweiz

KONTAKT
anthologie@literaturland.ch

 

kulturstiftung

Informationen

Die Appenzeller Anthologie ist ein Buch- und ein Netz-Projekt. Die Printversion versammelt Texte aus den letzten gut hundert Jahren mit Bezug zu den beiden Appenzell – eine Art «Best of» des literarischen Schaffens in einer inspirierten thematischen Ordnung. Die Netzversion bietet eine möglichst lückenlose Übersicht über das appenzellische literarische Schaffen seit 1900, zudem ergänzt und erweitert sie im Lauf der Zeit die gedruckte Anthologie durch digitale Text- und Audio-Files.

Die Anthologie füllt erstens eine Lücke – eine vergleichbare Publikation gibt es für Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden bisher nicht, im Unterschied zu diversen anderen Kantonen und Regionen. Sie leistet zweitens Erinnerungsarbeit und sichert das literarische und sozialgeschichtliche Gedächtnis. Und sie konfrontiert drittens das Alte mit dem Neuen und bietet dadurch Fragen und Antworten zur Identität unserer Region.

Die Appenzeller Anthologie ist ein Projekt der Ausserrhodischen Kulturstiftung. Die Publikation in Buchform ist am 24. Oktober 2016 erschienen. Die Auswahl besorgte eine sechsköpfige Redaktionskommission. Die Texte werden seit August 2016 rollend auf die Website geladen.

Die Appenzeller Anthologie stellt sich vor: Termine hier. Sie sind herzlich eingeladen!

Termine


Dienstag, 21. Februar 2017, 19 Uhr
«Ich wäre überall und nirgends» – Buchpräsentation

Bibliothek Heiden

Mit Bozena Frei, Thomas Fuhrer (Sprecher) und den Mit-Herausgebern Rainer Stöckli und Doris Ueberschlag. Mehr Infos hier.


Montag, 13. März 2017, 10 Uhr
«Ich wäre überall und nirgends» – Lesung

Raum für Literatur in der Hauptpost St.Gallen

Matinée der Stadtbibliothek
Lesung mit Ursula von Allmen und Arthur Steiner
Moderation: Eva Bachmann. Mehr Infos hier.


Sonntag, 2. April 2017, 13 Uhr
«Ich wäre überall und nirgends» – Die Appenzeller Anthologie am Wortlaut Literaturfestival

Raum für Literatur in der Hauptpost St.Gallen

Mit Urs Richle, Rebecca C. Schnyder und den Herausgeberinnen und Herausgebern der Anthologie
Mehr Infos hier.


 

ARCHIV

Mittwoch, 8. Februar 2017, 19 Uhr
«Ich wäre überall und nirgends» – Buchpräsentation

Bibliothek Teufen

Lesungen und Diskussion. Mit den Autorinnen Lisa Tralci und Julia Sutter und den Mit-Herausgebern Rainer Stöckli, Peter Surber und Doris Ueberschlag. Mehr Infos hier.

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Montag, 23. Januar 2017, 19.30 Uhr
«Ich wäre überall und nirgends» – Buchpräsentation

Kassette Zürich, Wolfbachstrasse 9

Lesungen und Diskussion. Mit Rosie Hörler, Thomas Widmer und den Mit-Herausgebern Rainer Stöckli und Peter Surber
Moderation: Michael Guggenheimer. Mehr Infos hier.

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Sonntag, 4. Dezember 2016, 17 Uhr
«Ich wäre überall und nirgends» – Buchpräsentation

Bibliothek Herisau

Lesungen und Diskussion mit Autorinnen und Autoren und den Herausgebern

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Samstag, 12. November 2016, 16 Uhr
«Ich wäre überall und nirgends» – Buchpräsentation

Kleiner Ratssaal Appenzell

Texte und Musik mit Karin Enzler und Sabine Wang
Einführung: Rainer Stöckli, Doris Ueberschlag

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Freitag, 28. Oktober 2016, 19 Uhr
«Ich wäre überall und nirgends» – Buchvernissage

Zeughaus Teufen

Texte, Reden, Musik mit:
Landammann Matthias Weishaupt
Landammann Roland Inauen
Anna Blumer, Sprecherin
Philipp Langenegger, Sprecher
Peter Weber und Michel Mettler, Maultrommeln
Chor Wald

Anschliessend:
Essen und Trinken

Es laden ein:
Ausserrhodische Kulturstiftung
Die Herausgeber Rainer Stöckli, Peter Surber,
Eva Bachmann, Heidi Eisenhut, Doris Ueberschlag
und Peter Weber
Appenzeller Verlag, Schwellbrunn

Texte