Willkommen im

Literaturland

Appenzell

Ein Ort für bestehende und entstehende Appenzeller Literatur, für literarische Überraschungen, den Austausch, das Lesen und Schreiben. Die Appenzeller Anthologie versammelt Texte von bekannten und unbekannten Autorinnen und Autoren, der Schreibwettbewerb sorgt für Nachwuchs – auf dass das Literaturland im Schweizer Osten weiter wachse und gedeihe. 

Der Preisträger des ersten Schreibwettbewerbs 2016 ist…

30. Mai2016

Appenzeller Anthologie im Entstehen

25. Nov2015

In einer solchen Nische sitze ich, hinter winzigkleinen Fenstern und Vorfenstern, zu Gast in einem Appenzellerhaus im hintersten Talwinkel, wo die Nebelfeuchte ins Kraut schiesst, wo Regenfälle ausdauernder als anderswo sind und manches Haus nachts unverschlossen bleibt, ja wo viele Türen noch nicht einmal Schlösser besitzen, weil die Wände dünn und die Hunde hellhörig sind.

— Aus: Michel Mettler: Die Wortsüsse des Augenblicks. Nachwort zu Robert Walser: Der Räuber. Suhrkamp, 2006.

BLOG

22. Jun2016

Staubig, von Fliegen umschwirrt, aber untödlich düdelt das Stallradio vor sich hin. Seit Jahren hängt es in der Ecke, weit oben, damit es keine Kuhfladenspritzer abbekommt, und spielt Streichmusik und Hudigääggeler ab. „Die Kühe lassen die Milch besser runter mit Musik“, verrät der Bauer, „am besten mit Zäuerli.“ Dieses Verhalten spricht für die Kühe und ist gut nachvollziehbar. Ob Milch oder Text: Den Weg zur Literatur beginnen auch wir Menschen – wenn wir Glück haben – mit Musik, mit Liedern, die uns vorgesungen werden. Die Kühe bleiben in diesem Stadium zufrieden stehen, wir Menschen aber sind auch von allem inspiriert, was noch dazukommt: Verse und Reime als Sprachmusik, Bilderbücher, in denen sich der Erzählton mit dem Bild verbindet und schliesslich die neuen Welten, die wir irgendwann selbst erlesen und beschreiben können, in Sprachbildern und Sprachtönen.

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Das Stallradio und andere Transportmittel

Staubig, von Fliegen umschwirrt, aber untödlich düdelt das Stallradio vor sich hin. Seit Jahren hängt es in der Ecke, weit oben, damit es keine Kuhfladenspritzer abbekommt, und spielt Streichmusik und Hudigääggeler ab. „Die Kühe lassen die Milch besser runter mit Musik“, verrät der Bauer, „am besten mit Zäuerli.“

Dieses Verhalten spricht für die Kühe und ist gut nachvollziehbar. Ob Milch oder Text: Den Weg zur Literatur beginnen auch wir Menschen – wenn wir Glück haben – mit Musik, mit Liedern, die uns vorgesungen werden. Die Kühe bleiben in diesem Stadium zufrieden stehen, wir Menschen aber sind auch von allem inspiriert, was noch dazukommt: Verse und Reime als Sprachmusik, Bilderbücher, in denen sich der Erzählton mit dem Bild verbindet und schliesslich die neuen Welten, die wir irgendwann selbst erlesen und beschreiben können, in Sprachbildern und Sprachtönen.

So wie die Kühe haben auch wir Schreibenden unsere ganz persönlichen Prozessoren: Ich kenne eine Autorin, die ein GA besitzt und im Zug richtige Schreibräusche erlebt. Wenn alles in Bewegung sei rundherum, sagt sie, dann fliesse es auch bei ihr. Andere wählen das Café – mag sein, dass das funktioniert, mein Ding wäre es nicht; ich lasse mir nicht gern über die Schulter blicken beim Schreiben, Streichen und Dümpeln. Auch Musik während des Schreibens hat wohl  eine Wirkung – aber ich bevorzuge Ruhe, Rückzug und warme Füsse.

Trotzdem kann es interessant sein, hier zu experimentieren und sich erschwerten Bedingungen auszusetzen: Ich habe eine Passage aus meinem Roman auf dem Sofa geschrieben, rundherum lümmelten Mann und Kinder, dazwischen machte eine Chipstüte die Runde, und vorne lief ein Fussballmatch am TV. Es hat funktioniert – zumindest merkt man es dem Textstück nicht mehr an. Wozu das gut sein soll? Erstens liegt die Realität nicht immer beim Ideal. Zweitens weiss ich von einem Autoren, der vor dem Schreiben in einen klar umrissenen „Bohème-Modus“ kommen muss: Schreibstube mit Ausblick, Hermes Baby, Filtermaschine, ewig Zeit und das Gefühl, dass auch Goethe für seine genialsten Texte nicht mehr und nicht weniger gebraucht hat. Das ist zwar beneidenswert – wer hätte das nicht gern, dieses Schweben über den Dächern der Wirklichkeit? – aber die meisten müssen es auch ein Stockwerk weiter unten können. Wer das schafft, kommt immerhin zu einem Satz dann und wann.

Und weil ich finde, dass nicht alles so ernst zu nehmen ist, nur weil es geschrieben steht, gebe ich hier noch einen bruitistischen Eindruck von meinem Balkon (man kann ihn auch überscrollen und sich mit der weit wichtigeren Frage im unten stehenden Blog befassen, worüber man schreiben soll und darf oder muss, und wie):

kchchchch kroooOOOOOM

KROOOOOOOOOOM

sächzeTAGESprognose TOGG

TOGG düdldüdl TOGG düdl glugluglu KLÄGGlägläg

SUNE düdludl üdlüdlüdlügügl ü  KLÄGG

braaaaaaaAM BRAM BARAAAAAAM HÄKSCH SCHÄGG SCHÄGGschägghahahaheha

sune bedekt bedekt NUNO SUNE BRAaaaam

IMR SUNE glüglüglü duu düglügügldu düdudududldu

– Eva Roth

Appenzeller Anthologie

Autorinnen / Autoren

Allemann, Fritz René

Allmen, Ursula von

Altherr, Heinrich

Ammann, Julius

Amstein, Max

Ascher, Otto

Wo die Lichter sind, ist die Schweiz!

Am 12. November packt Mutter das Notwendigste in eine «Aktentasche», und Vater fährt mit dem Zug Richtung Westen, Richtung Schweiz. Irgendwie will er versuchen, über die Grenze zu kommen. Es gibt unzählige Gerüchte und ebenso viele Tips. Die Gefahr für alle jüdischen Männer wird immer grösser. Die Nacht zum 10. November hat gezeigt, wohin es geht …

Nur eine Aktentasche und möglichst unauffällig und möglichst schnell weg von den noch rauchenden Trümmern der Synagogen. Mehr als eine Woche später kommt der erste Brief von Vater. Es ist ihm auf der von Freunden beschriebenen Route gelungen, illegal in die Schweiz zu kommen. Vorläufig ist er in Sicherheit in einem Schweizer Auffanglager.

Bereits im nächsten Brief schreibt er, dass er bleiben kann und beschreibt uns mit vielen Einzelheiten, wie wir an die Schweizer Grenze fahren und so wie er über die Grenze gehen sollen.

Mutter, die immer rasch entschlossen war, packt das Wenige, das man tragen kann, in zwei Rucksäcke für uns Buben und in eine Tasche für sich. Wenig Gepäck, nicht auffallen …

Wir lassen alles liegen und stehen, die Wohnung mit dem Gangklo, die Einrichtung, die Möbel, Kleidung, Wäsche, Schuhe und was man in vielen Jahren so erworben hat. Dann noch das Modistengeschäft in der Favoritenstrasse mit allem, was drinnen ist. Mutters Stolz, in dem die Ersparnisse von vielen Jahren Arbeit stecken. Mit allem Geld, das sie hat, und mit allem Schmuck, den sie hat, ziehen wir los.

Von der Schule haben wir uns abgemeldet und sogar so etwas wie eine Abgangsbestätigung bekommen, einen besseren «Kaszettel mit dem Stempel drauf». Die Schulleitungen sind seit langem darauf vorbereitet, solche Bestätigungen auszustellen.

So wie es uns Vater beschrieben hat, fahren wir in Richtung Schweiz. Nicht über Innsbruck, sondern über München, weil dort die Überwachung des Bahnhofs durch eine um ein Jota weniger fanatische und idiotische SS-Truppe geschieht als in Innsbruck.

Gegen Abend, es ist schon dunkel, kommen wir in Hohenems an. Es ist der 23. Dezember. Wir gehen gleich in Richtung des Gasthofs, den Vater beschrieben hat. Vielleicht 20 Männer, Frauen und Kinder peilen den Gasthof an. Der Wirt ist dafür bekannt, dass er, ohne viel zu fragen, seine Zimmer vergibt. Der Gasthof ist nicht sehr gross. Der Wirt teilt seine wenigen Zimmer auf, wir teilen uns mit fünf oder sechs Leuten ein Zweibett-Zimmer. Die Betten werden den Kindern überlassen, die Erwachsenen schlafen auf Sesseln, auf dem Boden, irgendwie halt …

[…]

Der Wirt vermittelt uns auf Mutters Wunsch zwei Burschen, die uns helfen würden.

Wenig später kommen die beiden Burschen. Da Feiertag ist, dürften sie frei haben. Sie setzen sich an unseren Tisch. Sie sprechen gefärbt Vorarlbergerisch, aber auf unseren Wunsch nach der Schreibe und verständlich. Eine allein reisende Frau Grünwald möchte sich uns anschliessen. Das ist eine heikle Sache, weil die gute Frau nicht die Jüngste ist und auch nicht sehr flott aussieht.

Die Burschen erklären uns den Weg und machen auch eine Skizze. Sie bekommen die Hälfte der ausgemachten «Entschädigung» und versprechen, auf halbem Weg auf uns zu warten. Dann würden sie uns den letzten Teil des Weges zeigen und auch den «Rest» bekommen. Während der Erklärung der beiden passe ich auf wie der bekannte Haftelmacher.

Es ist der 25. Dezember, zum Glück bedeckt und ziemlich düster. Als es dunkel wird, brechen wir auf und nehmen Frau Grünwald mit.

Nach vielleicht einer dreiviertel Stunde durch den Wald, genau nach der Skizze unserer Lotsen, tauchen die beiden Burschen unvermittelt hinter einem Strauch auf und zeigen uns, wie wir weitergehen müssen. Sie bekommen, wie ausgemacht, den Rest ihrer Belohnung und tauchen so unvermittelt unter, wie sie aufgetaucht waren.

Dort, wo die Lichter sind, haben sie gesagt, ist die Schweiz, und gerade auf die Lichter müssen wir zugehen, um nach Diepoldsau zu kommen. Diepoldsau liegt zwischen dem Rhein und dem «Alten Rhein» als schweizerische Enklave.

Die erleuchteten Gebäude kann man gut sehen und auch das grösste, auf das wir zusteuern müssen.

Dass zwischen uns und unserem Ziel der alte Rhein liegt, haben unsere Lotsen nebenbei erwähnt, aber so richtig haben wir das gar nicht erfasst. Das Gelände ist sehr hügelig und verschneit. Unsere Frau Grünwald rutscht in fast jede Mulde hinein und wir helfen ihr gemeinsam wieder herauf. Für Augenblicke überlegen wir, ob wir nicht allein weitergehen sollten. Es könnte doch jemand auf uns aufmerksam werden, ein Grenzer vielleicht, der nicht so gutmütig agiert wie der vom letzten Abend …

Frau Grünwald hat unsere Gedanken erraten und verspricht, besser aufzupassen. So ziehen und krabbeln wir weiter und kommen zum Ufer des alten Rheins. Es ist ein fast toter Arm mit ganz wenig Strömung. Am anderen Ufer liegt Diepoldsau, aber das Wasser ist ziemlich kalt.

Während wir alle noch überlegen, ob wir da durch sollen, klaube ich einen längeren Ast auf, um die Tiefe des Wassers festzustellen. Es dürfte nicht sehr tief sein, vielleicht einen Meter, und den Stecken voran gehe ich ins Wasser, Richtung anderes Ufer. Mutter traut sich nicht, mich zurückzurufen und kommt nach. Joschi hat sie auf dem Arm, und wir tragen und ziehen unseren Kleinen durchs Wasser. Frau Grünwald marschiert brav hinterher. In der Mitte des alten Rheins geht mir das Wasser bis zur Brust.

Nach endlosen Minuten kommen wir ans andere Ufer und auf allen Vieren die Böschung hinauf. Wir helfen einander, bis alle oben sind. Die Kälte und Nässe merkt man gar nicht, die Aufregung wärmt in dieser Lage. Wir sind alle waschelnass, logischerweise. Zum Glück ist es nicht mehr weit zu dem hellerleuchteten Gebäude. Wir sind nach 10 Minuten vor der Türe.

Wir sind kaum im Gebäude drinnen, und schon werden wir von den Lagerinsassen in Empfang genommen. Sie sind nicht erstaunt und nehmen uns eigentlich mit Routine in Empfang. Man zieht uns die nassen Sachen aus, und jetzt erst beginnen wir zu frieren. Die Leute hüllen uns in Decken, reiben uns ab, und wir bekommen Schlafplätze auf Strohsäcken. Jemand drückt mir ein Stück Brot in die Hand und einen ungewohnt schmeckenden Käse. Noch während ich kaue, bin ich schon eingeschlafen.

Am nächsten Tag bekommen wir Frühstück und trockene Sachen zum Anziehen. Unsere eigenen Sachen sind noch nicht ganz trocken. Die Lagerinsassen sind daran gewöhnt, dass durchnässte Leute ankommen. Möglicherweise ist das Lager mit Bedacht an dieser Stelle errichtet worden. Hauptmann Grüninger, der die Anweisung zur Errichtung an dieser Stelle gegeben hat, mag sich schon etwas dabei gedacht haben.

Irgendwer hat inzwischen Vater verständigt und ihm gesagt, dass wir gut gelandet sind. Man sagt uns, am übernächsten Tag werde der «Hauptmann» kommen, und er werde entscheiden, ob wir bleiben können … Es sind gleichzeitig mit uns auch noch andere Flüchtlinge im Lager angekommen, die auch auf Hauptmann Grüninger warten müssen.

Der «Hauptmann» ist der Chef der Kantonspolizei St. Gallen und ein bescheidener und nüchterner Mann. Er hat das Elend der Flüchtlinge gesehen und sich entschlossen zu helfen mit allen Konsequenzen, die er dann später auch erleiden hat müssen.

Einem verängstigten kleinen Flüchtlingsmädchen hat er einmal gesagt: «Du musst jetzt nicht mehr weinen, jetzt bist du in der freien Schweiz.» Daran hat er geglaubt, und der freien Schweiz hat er sich verbunden gefühlt, trotz aller Bedenken …

Wir sprechen uns ab, wer was sagen soll, sobald der Hauptmann die Leute befragen wird. Mutter meint, es wäre besser, wenn ich als «Kind» für uns spreche, und wir legen uns unsere Sprüche zurecht.

Dem Hauptmann erkläre ich dann, dass wir nur auf der Durchreise sind, weil wir in Kürze eine Einreisebewilligung in die USA erwarten. Sobald diese eingelangt wäre, würden wir nach Amerika abfahren.

Hauptmann Grüninger hört sich meine Sprüche geduldig an, ohne zu unterbrechen. Er hat diese und ähnliche Sprüche bestimmt schon einige Dutzend Mal gehört und weiss genau, dass die Aussagen und Behauptungen Versuche sind, ihn günstig zu stimmen. Er weiss bestimmt, wie es wirklich um unsere Affidavit steht, beziehungsweise nicht steht …

Wie alle anderen, die etwa gleichzeitig mit uns nach Diepoldsau gekommen sind, erfahren wir noch am selben Tag, dass wir bleiben können.

Einige Tage später fahren wir nach Wald-Schönengrund, wo Vater schon seit November lebt.

Soviel ich weiss, waren wir die vorletzte Gruppe, die von Hauptmann Grüninger gewissermassen aufgenommen worden ist. Mitte Jänner sind seine Befugnisse eingeschränkt worden, und alle Leute, die später illegal über die Grenze gekommen sind, sind zurückgeschickt worden. Wenig später ist dann Hauptmann Grüninger abgesetzt und aus dem Polizeidienst entlassen worden.

Vom Lager Diepoldsau werden wir nach Wald-Schönengrund gebracht und sind wieder mit Vater vereint. In einem ehemaligen Klöppelsaal bekommen wir Quartier. In dem grossen Raum stehen vier Betten, im Vorraum ist eine Waschgelegenheit.

Das Haus gehört Herrn Schwyzer. Er bewohnt es mit seiner Haushälterin, einer Verwandten, und mit seinen zwei Töchtern.

Die Leutchen sind nicht übermässig herzlich, eher verschlossen, am Anfang …

Der Hausherr ist ein geschäftstüchtiger älterer Herr. Wie alt, ist schwer zu schätzen. Er ist ein kleiner, drahtiger Typ, eher dünn und offenbar sehr zäh. Im Fränklimachen dürfte er Meister sein. Er ist Versicherungsagent, Vermieter, Helfer bei den umliegenden Bauern in der Erntezeit und auch als Schneeschaufler bei der Gemeinde tätig. Er ist ständig in Bewegung und unterwegs.

Seine Sparsamkeit ist beeindruckend und geht über das übliche Mass schon hinaus.

Etwas oberhalb ist ein Bauernhaus, in dem auch einige Emigranten einquartiert sind. In diesem Haus geht es nicht ganz so sparsam zu, auch wenn der Bauer seine Pfeife aus der Jauche holt und fein säuberlich abwäscht, wenn sie einmal hineingefallen ist.

Unsere «Klöppelwerkstatt» hat mit ihren kahlen Wänden nicht viel Charme, ist aber bei den Mäusen einigermassen beliebt. Sie krabbeln die halbe Nacht herum, auf der Suche nach Fressbarem. Das gibt es im Hause Schwyzer nicht im Übermass.

Der Hausherr ist eher knausrig, schneidet seine «Landjäger» hauchdünn und das Brot dick.

Wir werden im Gasthof ‹Adler› verpflegt, der unten im Ort an der Strasse liegt. Weit mehr Emigranten gibt es im Gasthof ‹Krone›, eigentlich die meisten. Der ‹Adler› ist gewissermassen die Dependance.

Der Ort Wald-Schönengrund liegt praktisch in zwei Kantonen. Der Ortsteil Wald gehört verwaltungsmässig zur Gemeinde «St. Peterzell», eine schwache Gehstunde weit weg, und liegt im Kanton St. Gallen. Der Kanton St. Gallen nimmt Flüchtlinge auf. Der Ortsteil Schönengrund liegt auf der anderen Seite eines Baches, über den eine Brücke führt. Auf der anderen Seite ist schon der Kanton Appenzell. Der Kanton Appenzell nimmt keine Flüchtlinge auf …

Der kleine Kanton hat seine Eigenheiten, und die Appenzeller auch. Der Kanton liegt inmitten des Kantons St. Gallen, er ist praktisch eingeschlossen. Trotz der geringen Ausdehnung, 420 Quadratkilometer, besteht er seit 1597 aus zwei Halbkantonen. Appenzell Innerrhoden hat eine überwiegend katholische Bevölkerung, Ausserrhoden eine überwiegend protestantische. So hart sind die Sitten, und so kann man eben nur «fast Appenzeller» werden.

Die Milchwirtschaft ist der wichtigste Wirtschaftszweig und die Kühe und jede Menge «Geissen» das wertvollste Gut der vielen Kleinbauern.

An die Appenzeller muss man sich gewöhnen, wie an den Appenzeller-Käs … dann schmeckt er.

 

Auer, Eugen

Bänziger, Paul

Baumberger, Georg

Ben Hamida, Amor

Beyer, Marcel

Binder, Elisabeth

Birnstiel, Johann Georg

Böckli, Carl

Böni-Häberlin, Elsy

Bruggmann, Ralf

Bucher, Werner

Burk, Walter

Cajochen, Melina

Corti, Walter Robert

Danieli, Enrico

Dörig, Albert

Eberle, Erich

Eggenberger, Peter

Eisenring, Simone

Elmiger-Bänziger, Heidi

Elmiger, Dorothee

Enzler, Karin

Enzler, Simon

Erat, Ruth

Etter, Hans-Jürg

Etter, Paul

Faessler, Peter

Falkner, Gerhard

Fastenrath, Rudolf

Federer, Heinrich

Fisch, Chrigel

Fischli, Alfred

Forster, Carol

Frei, Bozena

Fricker, H.R.

Froehling, Simon

Fröhlich, Kurt

Fuchs, Mäddel

Gahse, Zsuzsanna

Ganz, Heinrich Rudolf

Giger, Andreas

Gisi, Paul

Glauser, Friedrich

Grubenmann, Albert

Grubenmann, Ottilia

Grunder, Paul

Gurtner, Othmar

Hartmann, Jakob

Heer, Gottlieb Jakob

Hefti, Jakob

Heim, Albert

Hesse, Hermann

Hohl, Ludwig

Hohler, Franz

Hörler, Rolf

Hörler, Rosie

Ilg, Paul

Imhof, Eduard

Inauen, Johann

Inauen, Roland

Jaeggy, Fleur

Kämpf, Matto

Kaspar, Praxedis

Keller, Andrea Maria

Keller, David

Keller, Stefan

Klauser, Hans Peter

Knellwolf, Ulrich

Koller, Walter

Koster, Dora

Kuhn, Heinrich

Kuhn, Matthias

Kurer, Fred

Küttel, Richi

Langenegger, Lorenz

Larese, Dino

Lauber, Cécile

Ledergerber, Ivo

Liechti, Peter

Lutz-Gantenbein, Maria

Lutz, Werner

Maag, Elsbeth

Manik, Sabina

Martin, Adrian Wolfgang

Meienberg, Niklaus

Meier, Helen

Mettler, Louis

Mettler, Michel

Millius, Stefan

Mittelholzer, Edgar

Morger, Peter

Gedichte

LIDEL HÄLLS EINSCHEL

Är hätt än Hond ond ä Honda
won en drüü Riise choschtet all Sääsoo
Hau pjuuthiful id iis
thu bii loonsom änd frii
Maint är sig dä King
will er i dä Wältgschicht umegondlet
und Kuurve schniit wiè gschtöört
Kätsch dä Wind
Fletsch dä Grind
Sibe Läppe choschtet en
sini Bruut im Monet
won en vo hene hept
wenn d Kolbe toobet im Sibeföfzger
Kai Läsbe us dä Ässphee
Foräwer Zwänzgi isch si
Schpööter gitt s gaili Brodwörscht
am Jomäss im Sääterdinaitfiiwer
Schwartemage im Siitewage
und än Harass Pier däzue

 

REMÄMBER

Öppe mit Sächzeni
han i i de Schwizzer Iluschtrièrte
so än Art Psüüchotäscht gmacht
und bi dä Froog
öb i lièber glücklech
oder berüèmt wärde wöll
schpööter im Läbe
s zwait KwadräätIi aakrüüzlet
I säbere Zitt han i

vom Migg Tschäger träumt
und ha wöle Poppschtaar wärde
Vor em Schpiègel han i
ä Gsicht usprobièrt wiè dä

oberläässig Tüpp
wo bi allne Fraue iifaart
Lät z spend  sä nait togässer
Nu d Brischit Bardoh hett er nöd öbercho
T Schtoons hemmer Chraft gghee
i dere schöne Epoche noch Achtesächzg
wo s im Schwimmbad z Tüüfe
nu zwai Gruppe gghee hätt
Biitels- oder Schtoonsfääns
Do isch d Popwält no in Ornig gsii
Eventwell hätt s no ä paar Dändiis gghee
wo uf  d Kings gschtande sind
Mit viil Begaischterig
han i gitärrelet
zwöschet dä Töfflifaarte a d Kanti
und dä Pfadiüebige im Wald
Lang und woorschindli zimlech jämmerlech
han i di töllschte Songs
mee oder weniger probièrt noozschpile
Pluusharp han i plooget
und däbii an Jonn Meiäll tenkt
I ha au gnäslet wiè de Bob Diilän
Und bi scho mindeschtens so haiser gsii
wiè dä Tschoo Kocker z Wuudschtock
Uu lang isch da häär
Aber i gschpüür dä Gruuf
hütt wider als wärs gescht gsii
Dä Phauer vom zwaite Früèlig
obwool än Häxeschuss dors Chrüüz jagt
Und etz chorz nochem Joor Zwaituusig
bin i nöd wörkli berüemt
und vom Glück chan i nu träume
Höchschtens e chli berüemt berüchtigt
bin i woorde und irgendwiè Psüücho
Aim so taired  So loonli  Ai kuud dai
Und da falsch Chrüüzli
im Kafi Frai z Troge
isch langsam aber sicher
zom Chrüüz worde

 

SAMMELTIGG

Schmätterling
uufgschpièsst
i Witriine
sind nu no
tragisch
S Läbe chamme
nöd schtoppe
und wiä ä Foti
fixière
Nu dä Mensch
hüüft Sache naa
und maint
är sig riich
Chatze hend nu
eren Pelzmantel
und ä ghaims Wösse
us Ägipte
D Hönd sind nu Härr
öber dä Frässnapf
und läbet vo
Gimnastik
Mer hend sogäär
gnueg Gäld zom üs
Deprässioone laischte

 

-

Peter Morger: Also schprach Schnori. Lüürik. Zelg-Wolfhalden, Zürich: orte-Verlag , 2000. S. 28, 26-27, 7.

Moser, Edi

Mühlemann-Messmer, Emmi

Muscionico, Daniele

Nef, August

Nef, Ernst

Niebelschütz, Wolf von

Niedermann, Andreas

Niggli, Ida

Obendrauf, Anita

Oertle, Arnold

Offermann, Bill

P.M.

Pfister-Etter, Klärli

Pletscher, Elisabeth

Quaderer, Benjamin

Rechsteiner, Peter

Richle, Urs

Rohner, Fanny

Rohner, Viola

Rotach, Ingeborg

Rotach, Walter

Ist's bei uns wirklich so schön?

Ein Sehnen nach der weiten Ferne, eine ungezügelte Reiselust lockt mich und raunt mir zu: In Paris bist du noch nie gewesen; Neapel wartet schon lange auf dich; ach, dass du einmal Ägyptens Wunder und Indiens Pracht schauen könntest! Und nun – wer hätte das gedacht! – kommt einer, der die ganze Welt gesehen hat, und spricht: Sachte, du Appenzellermannli, sieh, ich will dir den Star stechen. Merkst du wirklich nicht, dass du ja Tag für Tag mitten drin stehst im Schönsten, was die Erde bietet?

Es ist Norbert Jacques, der sich als feinsinniger Reiseschriftsteller einen Namen gemacht hat. Er plaudert in einem hübschen Wanderbüchlein, betitelt: «Am Bodensee», von besonders schönen Aussichtspunkten, die in den Reisehandbüchern mit einem Sternchen ausgezeichnet sind, und behauptet dann, drei Aussichten in der Schweiz zu kennen, die diese Ehre nicht geniessen, ja im Bädecker nicht einmal erwähnt sind und die er nun einmal öffentlich preisen wolle. Und nun erzählt er:

«Ich bin über die schwarzen Berge geritten. Ich habe auf einem Hausboot die Schluchten des oberen Jangtsekiangtals besiegt und den Tibet gesehen. Ich kenne Rio de Janeiro, Hongkong und Sidney, die drei schönsten Städte der Erde. Ich war in der Serra do Mar in Brasilien, bin in Peru die Oroyabahn hinaufgefahren und habe die Anden unter dem Aconcagua durchquert. Im Innern von Sumatra habe ich das Tobameer gesehen. Meine drei schweizerischen Aussichten haben Teil an dieser Weltengrösse.»

Und dann schildert er als erste Aussicht die Stelle, wo der Zug von Bern nach Genf den Blick auf den Genfersee eröffnet. Als dritte und schönste Aussicht nennt er einen Punkt der Mittelthurgaubahn. Aber wo soll denn die zweite Stelle sein? Pass auf, Appenzeller, mit deiner in die Ferne schweifenden Begierde!

«Die zweite Stelle», so steht‘s zu lesen, «liegt an der Bodensee-Toggenburgbahn. Hinter Herisau. Aus dem auf der Höhe fahrenden Zug übersieht man eine hochgebaute Weite. Berglinie um Berglinie schmilzt dahin, eine hinter die andere gestaffelt, in einer süssen, wohligen Regelmässigkeit, wie von einer göttlichen Pflugschar aus dem Mittelgebirge aufgefurcht. Wälder versinken dazwischen wie dunkle Sagen. Dörfer leuchten. Eine grosse Stadt bettet sich reich und hell hinein. Seidig gespannte Weite hält die Welt westwärts offen ins Unendliche hinein. Es ist ein Ozean des Erdbodens, der unter einem Sonnensturm mild auf einmal seine Bewegung anhält und Woge um Woge erblauend starr stehen lässt.»

Ich musste mir an den Kopf greifen. Solche Wunder sollten vor unsern Augen, daheim, ausgebreitet liegen? Dann bin ich hingegangen, um mir dieses Stück Erdenschönheit anzusehen. Und ich habe mich geschämt, dass ein Ausländer mir zuerst die Nase hat daraufstossen müssen, bis ich dessen besonderen Reiz erkannte.

 

-

Walter Rotach: Ist's bei uns wirklich so schön? In: Heimatbuch für junge Appenzeller, zusammengestellt von Walter Rotach, hrsg. von der Landesschulkommission von Appenzell A. Rh. Herisau: Schläpfer, 1927. S. 79–80.

Roth, Eugen

Roth, Eva

Rusch, Johann Baptist

Schläpfer, Hans

Schnyder, Rebecca C.

Schoch, Verena

Seelig, Carl

Sepp

Signer, David

Signer, Steff

Slamanig, Monika

Sonderegger, Hans Konrad

Sonderegger, Stefan

Späth, Gerold

Stark, Verena

Steiner, Arthur

Sterchi, Beat

Steuble, Karl

Stöckli, Rainer

Sutter, Julia

Thürer, Georg

Tobler-Schmid, Frieda

Tobler, Ernst

Tobler, Konrad Alfred

Tralci, Lisa

Vetsch, Jakob

Villain, Jean

Vogt, Laura

Vrettàkos, Nikifóros

Walser, Martin

Walser, Robert

Walser, Robert

Wang, Sabine Wen-Ching

Äfach

Ruth rieche nach Kuh, flüsterte Kathrin. Sie beugte sich zu mir, ich neigte mich ihr zu, und sie flüsterte mir das ins Ohr. Sie lächelte dabei, als schäme sie sich dafür, als rieche sie selbst nach Kuh. Aber es war Ruth. Ich roch es nun auch. Ruth roch nach Kuh. Ich roch es, wenn Ruth sich zu mir beugte, um mir etwas zuzuflüstern.

Wir waren vierzehn, zweite Sekundarklasse. Ich sass zwischen Ruth und Kathrin. Kathrin wohnte in einem Einfamilienhaus nahe der Käserei. Ich war in einem Wohnblock zu Hause, unterhalb des Bahnhofs und der Landmaschinenfabrik. Meine Eltern pendelten jeden Tag in die Stadt. Wir waren Zugezogene, hatten Spanier, Italiener, Bähnler als Nachbarn. Ruth kam von einem Hof, der nicht abgelegen lag, aber auch nicht mittendrin. Er stand an einer Strasse, die von unserem Dorf ins nächste führte. Etwa in der Mitte zwischen Dorfrand und Wald. Man konnte ihn von der Postauto-Haltestelle aus sehen. In der letzten Kurve vor dem Wald.

Ruth rief mich eines Nachmittags an. Es war Mittwoch oder Donnerstag, im Winter. Ich war überrascht, ihre Stimme zu hören. Sie hätten ein kleines Kalb, sagte sie, oben im Stall. Ob ich mitkommen, es anschauen wolle? Weil ich Tiere doch möge, fügte sie wie zur Entschuldigung an.

Der Wagen stand auf der anderen Strassenseite. Es war schon dunkel. Im Licht, das schwach auf die Armatur fiel, konnte ich niemanden erkennen. Aber ich wusste, es war der Wagen, der auf mich wartete. Es war ein Kombi, braun. Ruth öffnete die Türe. Sie sass hinten, ihr Vater am Steuer. Als ich einstieg und grüsste, wandte er sich nur halb um. «Grüezi», sagte er. Das war alles, was er sagte. Dann startete er den Motor. Wir fuhren an der Käserei vorbei. Sie lag am Fuss der Hügel. Strohballen waren am Zaun montiert, damit die Schlittler sich die Köpfe nicht einschlugen beim Abbremsen. Jetzt war niemand mehr unterwegs. Wir fuhren in der Wagenspur hinauf. Der Schnee lag hoch, in der Mitte des Strässchens und auf den Seiten. Dort hatte der Pflug Kanten herausgeschnitten, die der Wind wieder überwehte. Die Räder spulten. Der Vater murmelte. Ruth murmelte. Ich murmelte. Er liess den Wagen ein Stück zurückgleiten. Wir holten Anlauf. Wir fuhren. Wir spulten. Wir schwiegen. Es schneite.

Der Stall, in dem sie das Vieh winterten, war in den Hang gebaut. Oben standen die Kühe, unten die Kälberboxen. Drei Kälber. Ich kraulte sie an der Stirn, sie stiessen den Kopf hoch, leckten an meinem Ärmel. Sie sahen mich dabei von schräg unten an, mit diesem Viehblick, der immer leicht verdreht wirkte. Ruth rührte Milch mit einem Pulver an. Drei Eimer voll. Zwei stellte sie zu den grossen Kälbern, den dritten gab sie mir. Er war für das kleine. Sie nannte mir keinen Namen. Es war einfach das Kalb, das Es, das Kleine. Ruth steckte einen Schlauch in den Eimer. Am anderen Ende war eine Zitze aus Gummi. Sie schob sie dem Kalb ins Maul. Ich hielt den Eimer. Es zog die Milch hoch. Wenn ihm die Zitze herausfiel, schob ich sie wieder rein.

Ruth steckte ihre Hand in sein Maul. «Mach mal, das kitzelt», sagte sie. Dann ging sie nach oben.

Das Kalb leckte an meinen Fingern. Es zog meine Hand in sein Maul, in dem es warm war, sehr warm. Sein Gaumen war rau, an meiner Handfläche kitzelte die Zunge. Seine Zähne waren noch nicht durchgebrochen, aber ich spürte, wie sie stiessen im Fleisch. Seine Muskeln schlossen sich fest um meine Hand. Es saugte. Die Muskeln gaben nach, sie schlossen sich, sie gaben nach, sie schlossen sich – immer tiefer zog es meine Hand hinein. Ich fürchtete, es könnte mich verschlucken, erst die Hand, den Arm, dann mich.

Es war still oben im Stall. Die Kühe standen in zwei Reihen. Sie frassen mit gesenkten Köpfen in den Krippen. Ihre mächtigen Rücken, die kotigen Flanken standen reglos da. Nur die Muskeln an Schultern und Hals spielten unter dem Fell. Die Schwänze hingen aufgebunden an einer Schnur. Sie bewegten sich kaum, nicht wie im Sommer, wenn sie hin- und herpeitschten, um die Fliegen zu vertreiben. Ich hörte ihre mahlenden Molare. Fladen pflatschten in die Rinne. Das Radio lief. Dampf stieg auf. Ich suchte nach Ruth. Ich fand nur den Vater. Er stand gebückt zwischen den Kühen. Ich weiss nicht mehr, was er tat, ob er molk, ob er mistete. Ich sah nicht hin. Er sah nicht auf. Ich hatte eine Scheu vor ihm. Eine Scheu vor seinem Gesicht. Ein eigentlich schönes Gesicht, aber immer in sich gekehrt, immer düster. Als berge es einen Zorn in sich, dessen Grund ausser ihm niemand kannte.

Ruth kam mit einer Schubkarre um die Ecke. Ich fragte, ob ich helfen könne. «Neinnein», sagte sie, «ich mach das schon.»

«Wer ist dafür?», fragte der Lehrer. Alle streckten auf. Alle waren dafür.  Alle ausser – «Wer ist dagegen?» – Ruth. Ruth war dagegen. Ruth streckte auf. «Warum?», fragte der Lehrer. «Äfach», antwortete sie. «Jo äfach, aber warum?» Ruth zuckte mit den Schultern und schwieg. Sie war einfach dagegen. Sie konnte nicht sagen warum.

Alle, die dagegen waren, konnten nicht sagen warum. Sie sagten alle «äfach», «Seich», «da bruucht's nöd», wischten mit der Hand durch die Luft und schwiegen. Sie schwiegen, als lohne es sich nicht, weiterzusprechen. Als würden wir sie ohnehin nicht verstehen. Als ginge es um etwas, das vielleicht etwas ganz anderes war, nicht in Worte zu fassen.

Ruth also war gegen das Frauenstimmrecht, ausserdem wollte sie Lastwagenfahrer werden.

Ich ging auf die Kantonsschule. Ich war ein Ärztekind, das zusammen mit den Lehrerkindern und Buchhalterkindern auf die Kantonsschule ging. Die andern blieben da, in der dritten Sekundarklasse. Jeden Tag radelte ich ins Nachbarsdorf. Das Velo ging immer kaputt. Meistens auf dem Schulweg. Der Reifen war platt. Die Kette fiel raus. Das Kabel riss. Das Schutzblech schepperte. Das Licht splitterte. Die Gänge spielten verrückt. Ich stürzte. Ich kam zu spät. Ich hatte schwarze Hände.

Es war still in der Werkstatt, die an meinem Schulweg lag. Die Velos standen in zwei Reihen. Ruth trug einen dunkelblauen Overall. Das mit der Lastwagenfahrer-Lehre hatte nicht geklappt, also hatte sie inzwischen hier mit Velos begonnen. Vorläufig, flüsterte sie mir zu, und Mofas seien ihr natürlich lieber. Ruth sah sich mein Velo an. Es war ein schwerer Fall. Sie wollte den Chef um Rat fragen. Der Chef stand gebückt hinter einem aufgebockten Mofa. Er hielt eine Zange in der Hand. Ruth hatte sich einen Jungston angewöhnt. Sie benutzte knappe, etwas ruppige Sätze. Er sah nicht auf, als er ihr antwortete. Auch dieses Mofa war ein schwerer Fall. Ruth sah ratlos aus. Er verrenkte sich nach einer schwer zugänglichen Stelle. Sie fragte noch einmal nach. Er reagierte nicht, so sehr bückte er sich über diesen Motor. Das Radio lief. Er seufzte. Ruth lachte. «Komm am Freitag wieder», sagte sie zu mir, «ich mach das schon.»

Wenn ich an Ruth denke, frage ich mich, ob sie es gemacht hat. Ob sie Lastwagenfahrer geworden ist. Manchmal fürchte ich, dass es diesem Traum wie dem Kalb ergangen sein könnte. Dem kleinen Kalb von damals, nach dem ich sie später einmal fragte. «Säb isch scho laang gmetzget», sagte sie, und sie sagte es eine Spur zu laut. Dann wieder stelle ich mir vor, wie sie am Steuer eines Lastwagens sitzt, hoch oben, über allen anderen Wagen. Wie sich die Strasse vor ihr ausbreitet. Wie sie fährt und fährt und fährt. Wie sie Paletten lädt, im Jungston. Im Stau steht, am Zoll. Auf Parkplätzen nächtigt. In Raststätten Kaffee holt. Was über ihrer Armatur hängt. Ob da ein Schild ist, auf dem ihr Name steht. Wie sie sich nennt. Wie sie jetzt riecht.

Ich frage mich, was sie mit dem grauen Couvert tut, wenn sie nach Hause kommt. Ob sie es mit jener Handbewegung von damals – Seich – ins Altpapier gibt. Ob sie es öffnet, die Zeilen füllt mit ihrer etwas kindlichen Schrift, mit einem Frauen-, einem Männernamen, mit irgendeiner Partei.

Ja.

Nein.

Ja.

Nein.

Ich weiss es nicht.

Ich bin mir nicht sicher.

 

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Sabine Wen-Ching Wang: Äfach. In: 60 Jahre Menschenrechte. 30 literarische Texte. Zürich: Salis Verlag, 2008. S. 188-196.

Weigum, Walter

Werner, Willy

Wessels, Angelika

Wüthrich, Christa

Wyss-Meier, Tonisep

Züst, Andreas

Züst, Walter

Das Buch

Impressum

Redaktion: Eva Bachmann, Heidi Eisenhut, Rainer Stöckli, Peter Surber, Doris Überschlag, Peter Weber

Trägerschaft: Ausserrhodische Kulturstiftung, Postfach, 9053 Teufen, Schweiz

Kontakt: anthologie@literaturland.ch

kulturstiftung      

Informationen

Die Appenzeller Anthologie ist ein Buch- und ein Netz-Projekt. Die Printversion versammelt Texte aus den letzten gut hundert Jahren mit Bezug zu den beiden Appenzell – eine Art «Best of» des literarischen Schaffens in einer inspirierten thematischen Ordnung. Die Netzversion bietet eine möglichst lückenlose Übersicht über das appenzellische literarische Schaffen seit 1900, zudem ergänzt und erweitert sie die gedruckte Anthologie durch digitale Text- und Audio-Files.

Die Anthologie füllt erstens eine Lücke – eine vergleichbare Publikation gibt es für Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden bisher nicht, im Unterschied zu diversen anderen Kantonen und Regionen. Sie leistet zweitens Erinnerungsarbeit und sichert das literarische und sozialgeschichtliche Gedächtnis. Und sie konfrontiert drittens das Alte mit dem Neuen und bietet dadurch Fragen und Antworten zur Identität unserer Region.

Die Appenzeller Anthologie ist ein Projekt der Ausserrhodischen Kulturstiftung. Die Publikation in Buchform ist geplant auf Herbst 2016. Die Auswahl besorgt eine sechsköpfige Redaktionskommission.

Weitere Informationen folgen.

Termine

Eröffnung Literaturland 25. November 2015 19 Uhr, Buchensaal Speicher

Texte

Mord in Stein am Rhein

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Zitate

In einer solchen Nische sitze ich, hinter winzigkleinen Fenstern und Vorfenstern, zu Gast in einem Appenzellerhaus im hintersten Talwinkel, wo die Nebelfeuchte ins Kraut schiesst, wo Regenfälle ausdauernder als anderswo sind und manches Haus nachts unverschlossen bleibt, ja wo viele Türen noch nicht einmal Schlösser besitzen, weil die Wände dünn und die Hunde hellhörig sind.

— Aus: Michel Mettler: Die Wortsüsse des Augenblicks. Nachwort zu Robert Walser: Der Räuber. Suhrkamp, 2006.

Ich habe das Gefühl, schon seit Jahren, schon immer am Wesentlichen vorbeizutreiben, ohne es erfassen zu können. Ich würde gerne Räder vorwärts drehen, Böden aufbrechen, die Erde erschüttern. Es brodelt. Vielleicht passt Stein zu mir. Vielleicht unterbricht das Bohren das Warten auf Erlösung. Ich sage zu.

— Aus: Eva Roth, Blanko. edition 8, 2015.

Blog

10. Dezember 2015

Waschen Sie sich, bevor Sie mit ihrer Arbeit beginnen oder zur Arbeit fahren?

Eine Frage, mit der wir uns vor einem Jahr in einem Kurs am Schweizerischen Literaturinstitut beschäftigten. Und da soll mal einer sagen, Schriftsteller_innen sässen in ihrem Elfenbeinturm... Auch bei uns geht es zuweilen höchst praktisch zu und her!

Das Thema kam auf, weil Roland Barthes in seinem Buch “Die Vorbereitung des Romans” den französischen Schriftsteller Balzac zitiert, der die Meinung vertrat, man solle sich nicht waschen vor der Arbeit. So nahm Balzac selbst sein Bad immer erst am Abend, nach getaner Arbeit – also nach dem Schreiben. Warum dem täglichen Duschen so viel Wichtigkeit zugesprochen wird, mag nicht für jede_n auf den ersten Blick ersichtlich sein. Ich finde es sehr plausibel, und meine Devise (als Morgenschreiberin) lautet:

Will ich aus der Intuition schöpfen, den Zustand zwischen Schlaf und Wachsein nutzen, mich in diesen unsagbaren Raum des Schreibens begeben, in dem es wie von alleine denkt, dann wasche ich mich am Morgen nicht. Im Idealfall komme ich erst zurück ins Wachsein, wenn ich gegen Mittag einen unguten, scharfen Geruch wahrnehme. Meinen eigenen.
Will ich aus dem Bewussten schöpfen, einen Text durchdenken, am Handwerk schleifen, dann wasche ich mich vor der Arbeit jedoch gründlich. Denn sauber denkt's sich gut.

Probieren Sie es aus. Beeinflusst der Waschgang Ihre Kreativität? Ich bin gespannt auf Ihre Erläuterungen!

            – Laura Vogt

Literaturland

Appenzell

Ein Ort für bestehende und entstehende Appenzeller Literatur, für literarische Überraschungen, den Austausch, das Lesen und Schreiben. Die Appenzeller Anthologie versammelt Texte von bekannten und unbekannten Autorinnen und Autoren, der Schreibwettbewerb sorgt für Nachwuchs – auf dass das Literaturland im Schweizer Osten weiter wachse und gedeihe. 

Schreibwettbewerb

Ablauf und Preise

Die Fachjury wählt einen Text für den Jurypreis und schlägt die besten Texte für den Publikumspreis vor. Die beiden Preise sind mit je 5000 Franken dotiert.

Jurypreis: Die Jury trifft eine Auswahl von fünf bis acht Texten und bestimmt eine Preisträgerin bzw. einen Preisträger.

Publikumspreis: Die Texte aus der Endausscheidung werden auf einer Lesetour durch einige Ausserrhoder Regionalbibliotheken von einer Schauspielerin bzw. einem Schauspieler gelesen. Die Zuhörerinnen und Zuhörer wählen ihren bevorzugten Text.

Die Beurteilung der Texte erfolgt anonym. Weder die Jury noch das Publikum kennen die Namen der Autorinnen und Autoren.

Die besten Texte werden auf der Webseite literaturland.ch und in der Appenzeller Anthologie veröffentlicht.

Die Preisträgerinnen bzw. Preisträger werden nach der Lesetour persönlich benachrichtigt und an der Preisverleihung am 28. Mai 2016 öffentlich bekanntgegeben.

Über den Wettbewerbsverlauf und die Juryentscheide wird keine Korrespondenz geführt; der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Die besten Texte 2016

… Ralf Bruggmann. 
Für seinen Text wurde er mit dem Preis der Jury und dem Publikumspreis 2016
ausgezeichnet.

EIN SATZ ÜBER EINEN,
DER AUF EINER TELEFONZELLE STEHT

Ralf_Bruggmann

Ralf Bruggmann (1977) ist in Herisau aufgewachsen und lebt mit seiner Familie in Speicher. Er arbeitet als Texter in einer Werbeagentur in Rheineck.
• Der Siegertext
• Bericht der Jury
• Medienmitteilung

 

Die weiteren Tagessiegerinnen der Publikumstour:

Claudia Joller 1971), Urnäsch
• Von Stöckelschuhen und anderen Hebammen

Anna Katharina Schindler (1966), Herisau
• Innenaussichten

Impressum

Fachgruppe Schreibwettbewerb: Margrit Bürer & Monika Slamanig Trägerschaft: Appenzell Ausserrhoden, Amt für Kultur, Landsgemeindeplatz 5, 9043 Trogen, Schweiz Kontakt: schreibwettbewerb@literaturland.ch kar_w     

Jury

 

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Bild: Judith Kinitz

NORA GOMRINGER (Jahrgang 1980) ist Schweizerin und Deutsche, schreibt Lyrik und für Radio und Feuilleton. Seit 2000 hat sie acht Lyrikbände und zwei Essay-Sammlungen bei Voland & Quist veröffentlicht. Sie rezitiert, schreibt und liest preisgekrönt vor und wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. 2015 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis für ihren Text «Recherche». Sie lebt in Bamberg, wo sie das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia leitet. www.nora-gomringer.de

 

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Bild: Biblio Teufen

KARIN SUTTER-ZURFLUH, 1968, Bibliothekarin SAB und Leiterin der Bibliothek Teufen. Sie lebt mit ihrem Ehemann und drei Kindern in Niederteufen. Regelmässig organisiert sie zusammen mit ihrem Team Lesungen und andere Veranstaltungen. Mit der Übernahme der Leitungsfunktion wurde sie in den Vorstand der Lesegesellschaft Teufen gewählt und absolviert nebenberuflich das Weiterbildungsstudium «Master of Advanced Studies FHO in Information Science» an der HTW Chur. www.biblioteufen.ch

 

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Bild: Ernst Schär

ERICA ENGELER, Schriftstellerin. 1949 im Nordosten von Argentinien geboren, lebt, schreibt und liest sie seit 1974 in St.Gallen. Mitglied Autorinnen und Autoren der Schweiz AdS. Zuletzt erschienen: «Vom Verschwinden», Roman, Bilgerverlag, Zürich, 2014.

 

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Bild: WOZ

ADRIAN RIKLIN, 1967 in St.Gallen geboren, Journalist, Lektor und Schriftsteller. Letzte Buchveröffentlichung: «Warum es in Rom keine Hochhäuser gibt», Erzählung, Oktober 2014. Er lebt und arbeitet als Redaktor bei der Wochenzeitung Woz in Zürich. Ausgebildet an der Schauspielakademie Zürich, war er zuvor als Schauspieler, Regieassistent, Texter und Deutschlehrer tätig. 1996 bis 2002 war er Redaktor beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten.

Lesetour

Im Mai finden die Lesungen für die Ermittlung des Publikumspreises statt. Diese finden statt am:

Dienstag, 17. Mai, 14.30 Uhr, Kantonsschule Trogen
Mittwoch, 18. Mai, 19.00 Uhr, Bibliothek Teufen
Donnerstag, 19. Mai, 19.30 Uhr Bibliothek Herisau
Freitag, 20. Mai, 19.30 Bibliothek Speicher / Trogen
Samstag, 21. Mai, 14.00 Uhr, Bibliothek Heiden

• Flyer «Lesetour» zum herunterladen (PDF)
• Pressemitteilung zur «Lesetour» (PDF)

Literaturförderung

Der Schreibwettbewerb 2016 ist ein Projekt des Amtes für Kultur von Appenzell Ausserrhoden. Er ist der erste Schritt zur Umsetzung des Schwerpunkts Literaturförderung: «Der Kanton unterstützt Bestrebungen, die das literarische Schaffen in seiner Vielfalt und die kreative Auseinandersetzung mit Schreiben und Lesen fördern.» (Kulturkonzept 2012). Weitere Projekte werden folgen.

Schreibwettbewerb 2016

Mehr als vierzig Personen haben für den ersten Schreibwettbewerb des Amts für Kultur von Appenzell Ausserrhoden Texte eingereicht. Das Thema lautete: AUSSICHT

Die Jury hat einen Siegertext bestimmt und die besten Texte für den Publikumspreis ausgewählt. Auf der Lesetour vom 18. bis 21. Mai durch vier Regionalbibliotheken wählt das Publikum seinen Favoriten. Die Preisträgerinnen bzw. Preisträger werden nach der Lesetour persönlich benachrichtigt und an der Preisverleihung am 28. Mai 2016 öffentlich bekanntgegeben.

Teilnahmebedingungen

Der Wettbewerb richtet sich an Schreibende ab 18 Jahren ohne eigenständige Buchveröffentlichung und mit einem persönlichen Bezug zum Kanton Appenzell Ausserrhoden (Wohnort, Arbeitsort, Ort der Kindheit oder Schulzeit. Die Liebe zur Landschaft und der Bürgerort allein reichen nicht.)

Willkommen sind unveröffentlichte Texte aller Gattungen: Short Storys, Erzählungen, Romanauszüge, Lyrik, Slam-Gedichte usw.

Umfang: max. 10’000 Zeichen inkl. Leerzeichen

EINSENDESCHLUSS: 12. FEBRUAR 2016

Einreichen: als einfache Textdatei per Mail an schreibwettbewerb@literaturland.ch

Die Texte müssen anonymisiert und mit einem Kennwort versehen werden. Angaben zur Person (Name, Vorname, Adresse, Alter, Beruf, Telefon, E-Mail) auf einem separaten Blatt

Texte und Termine

Preisverleihung 28. Mai 2016 in der Stuhlfabrik, Herisau

Lese-Tour Mai 2016

Jurierung März und April 2016

Schreibwettbewerb Einsendeschluss 12. Februar 2016

Eröffnung Literaturland und Lancierung des Schreibwettwerbs 25. November 2015 19 Uhr, Buchensaal Speicher