Literaturland


Autorenkollektiv

Sendschrift – Im Land der Fremden

2010

Wir, die kleine Kulturlandsgemeinde von Appenzell Ausserrhoden, an unsere getreuen lieben Kulturlandleute im Kanton und ausserhalb.

Es geht eine Seuche um in der Schweiz und in der Welt, die Seuche der Angst vor dem Fremden, dem Anderen, dem Unbekannten. Wir, die kleine Kulturlandsgemeinde von Appenzell Ausserrhoden, haben uns ‹im Land der Fremden› versammelt, um ein Zeichen zu setzen – gegen die Ausgrenzung und für den Dialog, gegen die Angst und für die Auseinandersetzung mit dem Anderen. Wir wollen nicht schönfärben und kleinreden – aber wir stehen ein für eine Welt, in der keine Grenzzäune, weder draussen im Land noch drinnen im Kopf, dem freien Denken und der vorurteilslosen Begegnung im Weg stehen. Weitherum werden allerdings Zäune und Mauern befestigt oder neu errichtet. Daher geben wir zu bedenken:

1. Das Fremde klärt das Eigene
Der Mensch erkennt sich im Mitmenschen, das Ich im Du – erst im Andern, in der Abgrenzung oder Angleichung, wird das Eigene greif- und begreifbar. Deshalb ist die Auseinandersetzung mit dem Fremden in unserem ureigenen Interesse. Sie ist keine Nettigkeit, sondern die notwendige Voraussetzung, die eigene Identität zu formen, zu festigen und in Frage zu stellen. Das gilt für Individuen wie für Gesellschaften.

2. Migrant ist nicht gleich Migrant
Millionen von Menschen sind unterwegs – freiwillig, komfortabel und flexibel die einen, gezwungen und in Not um ihre Existenz die andern. Dazwischen liegen Welten. Es ist ungerecht, dass man von Arbeiter-Migranten Anstrengungen fordert, sich anzupassen, die für Business-Nomaden nicht gelten. Integration ist auch eine Schicht- und Machtfrage.

3. Öffentliche Teilhabe für alle
Integration droht vom Zauberwort zur Drohgebärde zu werden. Dabei geht vergessen, dass dieser Prozess Migrantinnen und Migranten gleichermassen angeht wie die Einheimischen. Die res publica ‹für alle› muss die Voraussetzungen und Angebote dafür schaffen, dass Ausländer wie Einheimische an der öffentlichen Sache teilhaben und für sie Verantwortung übernehmen können. Das Ausländerstimmrecht im Lokalen (beispielhaft auch in Appenzell Ausserrhoden) zeigt, dass das möglich ist. Citoyens sind alle.

4. Die Schweiz ist nicht swiss made
Rund ein Drittel der Schweizer Bevölkerung hat in einem weiten Sinn einen ‹Migrationshintergrund›. Das Eigen- und Fremdbild, welches die Schweiz sich und andern darbietet, hinkt hinter dieser Realität nach. Es gilt Abschied zu nehmen vom Bild einer homogenen helvetischen Bevölkerung und von einer Schweiz-Norm, der sich die Fremden anpassen sollen – auch in den Schulen.

5. Die offenen Wohnzimmer
Begegnung ist das A und O im ‹Land der Fremden›. Macht die Wohnzimmertüren auf, öffnet die Terrassen, nutzt die öffentlichen Räume, legt Spuren und zieht Netze zwischen dem Eigenen und dem Fremden! Der Mensch ist ein wohnendes, aber nicht unbedingt ein beheimatetes Wesen. Er braucht Orte, keine Wurzeln; höchstens Efeuwurzeln, die mit den Verschiebungen von Ort zu Ort nachwachsen.

6. Kunst, die fruchtbare Befremdung
Kunst hat seit jeher die Rolle des Spiegels. Sie ist das Andere, der neue Blick, die unerwartete Wendung. Sie öffnet uns die Augen für das bisher Unerkannte oder bislang für selbstverständlich Gehaltene, kurz: für das Fremde in uns. Die Kunst ist das Ausland des Geistes und der Sinne. Und wer es bereist, kehrt anders zurück.

7. Die Kultur unseres Landes
In einer Welt, die zugleich immer kleiner und immer grösser wird, braucht es eine Verständigung über Grundwerte, die für alle gelten, und darüber, wen wir meinen, wenn wir ‹wir› sagen. Dabei entstehen Konflikte. Die Kultur eines Landes misst sich daran, wie sie mit diesen Konflikten umgeht. Es gibt keinen anderen Weg, als sie auszutragen. Sie lassen sich weder schönreden noch durch Verbote aus der Welt schaffen.

Gegeben an unserer Zusammenkunft vom 1./2. Mai 2010 in Trogen.