Literaturland


David Signer

Unbekannte Frau

2010

Das Ölgemälde einer Unbekannten inspirierte David Signer im Rahmen einer Veranstaltungsreihe in der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden zu einer Geschichte um den Appenzeller Kaufmann Johann Georg Honnerlag-Schiess (1743–1820), der in Genua zunächst die Textilhandelsfirma Schläpfer, später die Firma Zellweger & Honnerlag leitete.

«Als unseres Lebens Mitte ich erklommen,
Befand ich mich in einem dunklen Wald,
Da ich vom rechten Wege abgekommen.»

 

So beginnt die Göttliche Komödie, und so ergeht es auch mir. Ich habe mein Leben verpfuscht. Ich werde euch von meinem unglückseligen Schicksal erzählen, auf dass es euch eine Warnung sei.

Mein Name ist Johann Georg Honnerlag. Ich wurde 1743 im ostschweizerischen Trogen geboren, ging jedoch, kaum erwachsen, erst nach Lyon und dann nach Genua, wo man mir eine Anstellung in der italienischen Filiale der Textilhandelsfirma Gebrüder Schläpfer anbot. Mein Vater, mein Grossvater und mein Urgrossvater waren bekannte Ärzte. Mich jedoch zog es weg, sowohl weg aus meiner Heimat, wie auch weg aus der Zunft meiner Vorfahren. Vielleicht begann schon damals mein Abirren, das mich immer weiter von mir selbst wegführte. 1782 heiratete ich die bezaubernde, liebenswürdigste Anna Ursula. Ich war damals 39 Jahre alt, sie 16. Zwei Jahre später kam unsere erste Tochter zur Welt, zwei Jahre darauf die zweite. Dann gings bergab.

Wir befinden uns im Jahre 1799. Vor zwei Tagen habe ich meinen 56. Geburtstag gefeiert. Ah, wenn ich an frühere Feiern zurückdenke. Keiner der Genueser Adligen fehlte. Aber nun werde ich gemieden wie ein Aussätziger. Ich habe einen Bänkelsänger engagiert, der für gutes Geld Loblieder auf mich sang. «In der Mitte des Lebens», tremolierte er. Ha! «In der Mitte der Jauchegrube» wäre treffender gewesen. Ich neige mich dem Ende zu, so rasch wie dieses vermaledeite Jahrhundert. Und um beide ist es nicht schade.

Seit dem Ausbruch der Französischen Revolution laufen die Geschäfte schlecht. Die Firma, für die ich so lange arbeitete, wurde aufgelöst. Ich hätte nach Hause zurückkehren sollen, jeder wusste, dass die Sterne schlecht standen. Aber was sollte ich im miefigen Trogen, im imposanten Palast meines älteren Bruders? Gegen jede Vernunft entschied ich mich, in Italien zu bleiben, und die hiesige Filiale unter eigenem Namen weiterzuführen. Vor sechs Jahren kam Georg zur Welt, im zarten Alter von zwei Lenzen ging er von dannen. Im folgenden Sommer schenkte uns Gott in seinem Erbarmen noch einen Sohn, den wir – voller Verzweiflung, voller Hoffnung – abermals auf den Namen Georg tauften. Er ist jetzt drei. Ein Astrologe prophezeite uns, er werde früh sterben, aber er sagte uns nicht wann.

Und dann ist da noch Johannes. Ach, wäre er doch nie geboren! Ihm habe ich es zu verdanken, dass ich das Kainsmal auf der Stirn trage. Manchmal frage ich mich, ob ich etwas vom Blut meines Grossonkels Bartholome in mir trage. Über dieses schwarze Schaf der Familie hat man immer geschwiegen, aber jeder weiss, was für eine Art Weibsperson seine zweite Frau war. Und auch über die Existenz von Victoria ist nun ganz Genua unterrichtet, seit die Existenz von Johannes davon kündet.

Was habe ich zu meiner Entschuldigung vorzubringen? Ich war jung und einsam, als ich in den Sechzigern hierher kam. Tagsüber tat ich meine Arbeit, aber abends hatte ich keine Lust, mich weiter mit den Leuten der Schweizer Kolonie zu treffen. Da hätte ich genauso gut in Trogen bleiben können. Und so faszinierend es war, am Wochenende in den Villen und Gärten der Genueser Aristokratie ein- und auszugehen, so sehr zog ich während der Woche die dunklen Viertel am Hafen unten vor. Besonders eine Schenke hatte es mir angetan, die erst gegen Zehn öffnete, so dass man sie im Schutze der Dunkelheit besuchen konnte. Sie besass keinen Namen und auch kein Schild, das einen aussenstehenden Neugierigen hätte anlocken können. An der Theke und den Tischen flossen Chianti und Grappa in Strömen, der Boden war mit Stroh ausgelegt. In einem schummrigen Hinterzimmer spielten sich Matrosen, Söldner und lokale Hasardeure um Kopf und Kragen, in einem staubigen Kellerraum voller Spinnweben zwischen den Eichenfässern wechselten Messer, Pistolen, Spanische Fliege, Opium, andere Gifte und Geld die Besitzer. Von der Trinkhalle führte eine knarrende Holztreppe in den oberen Stock. Man konnte oben auf der Galerie am Balkon stehen und ins wilde Treiben hinunterschauen, man konnte auch rundherum gehen, all den Türen entlang, die jede in ein anderes Paradies führte. Diese Zimmer waren das Reich der «Schönen der Nacht». Aber Victoria lernte ich nicht dort oben kennen. Streng genommen lernte ich sie nicht einmal im ‹Libertà› kennen, wie das Lokal von Eingeweihten genannt wurde, sondern davor. Sie sprach mich eines Abends an, sagte, sie könne putzen, waschen, bügeln, kochen – kurz, ob ich sie als Haushälterin engagieren wolle.

Mir war bereits von meiner Firma ein Mädchen zur Verfügung gestellt worden, das mir zur Hand ging. Aber diese dunklen grossen Augen, die mich in jener nächtlichen Strasse so lange und geheimnisvoll anblickten, die langen fast schwarzen Locken, die auf ihre Schultern fielen, das leicht spöttische Lächeln ihrer vollen Lippen – ich lud sie ein, am nächsten Vormittag, einem Samstag, bei mir vorbeizukommen.

Als sie dann an meine Türe klopfte, ich glaube, mein Herz klopfte fast ebenso laut, bevor ich öffnete.

«Ich habe mich gar nicht vorgestellt gestern», sagte sie entschuldigend. «Ich heisse Victoria.»

Ja, der Sieg war ihr gewiss. Am Abend zuvor hatte ich sie im Mondschein für eine Süditalienerin gehalten. Nun, im morgendlichen Glanz der Sonne auf ihren Wangen, bemerkte ich ihren Caramel-Teint. Ob sie wohl aus Nordafrika stammte?

Bei einem Tee im Salon erzählte sie mir ihre Geschichte. Sie kam aus Saint Domingue und entstammte einer Mesalliance zwischen einer Haitianerin und einem Sklavenhändler. Als Métissée war es ihr möglich, sich in den verschiedensten Welten der Hauptstadt Port-au-Prince zu bewegen. So lernte sie in einem spanischen Club eines Tages einen Tabakhändler kennen, der ihr versprach, sie nach Cordoba mitzunehmen.

Er hielt Wort, verliess sie allerdings, in seiner Heimat angekommen, schon nach wenigen Wochen. Sie schlug sich nach Genua durch, und hier war sie nun.

Ich war ein wenig verunsichert in ihrer Gegenwart, denn ich wusste nicht recht, ob ich sie wie ein Freudenmädchen oder eine Dame behandeln sollte. Sie hatte gepflegte Umgangsformen. Es wäre ohne weiteres möglich gewesen, dass sie mich geohrfeigt hätte, falls ich sie plötzlich heftig umarmt hätte. Denn dies ging mir unaufhörlich durch den Kopf, während wir über das Wetter und die Geschäfte parlierten. Aber vielleicht wartete sie auf nichts anderes und hiess mich insgeheim einen Feigling, da ich so zurückhaltend und scheu blieb?

Erst beim Abschied fasste ich Mut und drückte ihr einen Kuss auf ihre verführerische Wange. Und sie, sie sagte ohne Umschweife: «Ich kann deine Geliebte sein, wenn du willst. Aber du musst mir eine Wohnung zur Verfügung stellen.»

Hätte ich in jenem Moment, in jenem einzigen Moment geschwiegen – wie anders wäre mein Leben verlaufen. Jedoch ich sagte ein einziges Wort, das schlechtest mögliche. Ich sagte: «Gut» – und besiegelte damit mein Schicksal.

Anfangs besuchte ich sie jeweils am Samstagvormittag, wie beim ersten Mal. In der zarten Vormittagssonne des Mittelmeers, die durch die ausgebleichten Vorhänge fiel, liebten wir uns in den weissen Laken und dachten nicht an die Zukunft. Das Zimmer im ersten Stockwerk ging auf eine belebte Gasse hinaus, das Geschrei der Marktfrauen und der Strassenjungen drang zu uns hinauf, manchmal schaukelte uns die Geige eines Wandermusikanten in einen leichten Schlaf, bevor die Liebkoserei von Neuem begann.

Dieses Glück dauerte ein paar Jahre, bis ich von meinem Vater nach Trogen gerufen wurde. Trogen, Vater! Fast hatte ich vergessen, dass es so etwas überhaupt noch gab. Meine Familie hatte entschieden, ich sollte verheiratet werden, und sie hatten auch schon eine passende Kandidatin. Anna Ursula von Herisau war ein unschuldiges, herzensgutes Mädchen, keine Frage. Aber was hatte sie mit Genua, mit Victoria, der ‹Libertà› und meinen Fernhandelsgeschäften zu tun? Annas Vater mit dem passenden Namen Schiess war Quartierhauptmann – und was er sich nicht alles darauf einbildete! Ich hatte mich weit entfernt von meiner ‹Heimat› – meine wilde, karibische Schönheit in unserm Versteck in der Altstadt war mir näher, so viel näher als all diese braven, tüchtigen Eidgenossen.


Publiziert in: «Ich wäre überall und nirgends». Appenzeller Anthologie. Literarische Texte seit 1900. Herausgegeben von der Ausserrhodischen Kulturstiftung. Schwellbrunn: Appenzeller Verlag, 2016. S. 554–557

Erstpublikation: David Signer: Unbekannte Frau. In: Karin Bucher und Matthias Kuhn (Hrsg.): Die Mona Lisa von Trogen. Fakten und Fiktionen zu Porträts in Öl auf Leinwand. Herisau: Appenzeller Verlag, 2010. S. 60–66.